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  • 03 Oktober 2010

    Licht im August I: “I believe that man will not merely endure … “

    [Krankheitsbedingt kommt der erste Eintrag in der neuen Kategorie leicht verspätet. Meine rumänischen Rassegene sind nicht mit diesen respektlosen Viren in Deutschland zurechtgekommen.]

    Ich hatte angekündigt, keine seitenlangen Buchbesprechungen mehr zu machen: zu viel Arbeit und zu wenig Plaisir. Ich versuche eine andere Form. Ich werde mich jeweils einen Monat lang mit einem Buch beschäftigen und Bemerkungen zu meiner Lektüre machen. Ich kündige im Voraus an, was ich lese. Ich mache das auch bei den Kategorien deutlich: in Lessons & Lectures gibt es ab sofort die entsprechende Splittung. In diesem Monat beschäftige ich mich mit William Faulkners wohl bekanntestem Roman „Licht im August“.

    Ich muss immer alles zweimal lesen, um es einmal zu verstehen. Beim ersten Mal nehme ich es zur Kenntnis und bei zweiten Mal nehme ich es auseinander. Der dritte Schritt, das zusammensetzen, das ist nicht mehr Teil des Verstehens. Das geht darüber hinaus. Weil man ein Buch, wenn man es einmal auseinandergenommen hat, nie wieder zusammengesetzt bekommt. Nicht so, wie es einmal war. Also belasse ich es bei den ersten beiden Schritten, für den dritten ist hier jeder selbst zuständig. Das ist ein Blog für fortgeschrittene Leser.

    Ich versuche mich also an einer neuen Form. Aber wie? Ich könnte die Handlung beschreiben, einige Personen, ich bringe das eine oder andere Zitat und schließe eigene Gedanken an. Dann hätte ich die klassische Rezension, parzelliert in eine Handvoll übersichtlicher Beiträge. Das will ich gerade nicht. Gebe ich hingegen keinerlei Anhaltspunkte zu Handlung und Personage, schließe ich Leser von der Möglichkeit zu Kommentaren aus. Das will ich natürlich auch nicht. Ich werde ein wenig experimentieren müssen, wie früher im Chemieunterricht. Obwohl offiziell Deutsch die  Unterrichtssprache in meinem Gymnasium war, wurden einige Fächer auf Rumänisch unterrichtet, Chimie, Fizică und natürlich Română. Engleză und Franceză wurden in der jeweiligen Originalsprache unterrichtet. In Sport gab’s vor allem Geschrei, in allen gängigen Sprachen. Mein Wortschatz in Chemie ist also mangelhaft. Außer dem, allerdings sehr zentralen Wort „explodieren“ habe ich kaum Chemievokabeln parat. Sollte jemand sich zu dieser neuen Präsentation äußern wollen, fordere ich ihn hiermit dazu auf. Es halte sich keiner zurück, den es zum Sprechen und Schreiben drängt.

    Ich hatte mir einmal vorgenommen, dass ich für das Blog nicht auf wissenschaftliche Literatur zurückgreife und keine Sekundärliteratur lese. Weil ich davon schon zu viel lese. Bei Faulkner bin ich geneigt, eine Ausnahme zu machen. Ich werde sie nicht machen, weil die Lektüre weiterer Wälzer derzeit nicht in meinen Arbeitsplan passt. Aber ich habe ein paar sehr interessante Sachen im Katalog bei den Grimms gefunden. Wer sich auf die Suche begeben möchte, kann das hier tun.

    Ich bin, wie viele andere auch, auf der Suche nach Autoren, bei denen ich eine Ähnlichkeit mit mir, meinen (Roman-)texten und meinem Streben erkennen möchte. Diese Ähnlichkeit sehe ich bei Faulkner. Die Verwandtschaft Faulkner und Torik ist vielleicht nur eine gewollte, eine eingebildete. Umso besser! Je größer die Vorbilder, desto näher sind sie. Etwas rückt, je größer es ist, nicht weiter weg. Im Gegenteil, die Lehre von der Perspektive zeigt, dass entfernte Dinge klein sind. Größe hingegen ist ein Zeichen von Nähe.

    Was beeindruckt mich an Faulkner? Sicher nicht sein Hauptthema: das Amerika der Südstaaten, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, die Rassenproblematik, die Sklaverei, die Nigger, ein Wort, das in geradezu penetranter Weise in seinem Werk wiederholt wird. Mich beeindruckt vielmehr, was sich davon in die heutige Welt mit hinübernehmen lässt. Als Trauma oder Schuld, die sich in den Personen und Charakteren eingeschrieben haben, ob sie nun im eigentlichen Sinne Täter sind oder den Ereignissen tatenlos zuschauen. Auch das lässt sich in seinen Romanen schön beobachten: es gibt Ereignisse, in die kann man nicht eingreifen. Das erfährt man zwar auf eine abstrakte Weise, wenn am Samstag die Lottozahlen ermittelt werden, aber nicht alles, was man erfährt wird auch zu einer Erfahrung. Vielleicht macht man im Leben sogar nur wenige echte Erfahrungen. Bei Faulkner kann man so eine Erfahrung machen. Man erfährt, wie die Ereignisse um Joe Christmas sich langsam verdichten, sie schnüren diesen Mann immer weiter ein und drücken ihn zusammen, bis sie ihn schließlich vernichten.

    Angeblich hat Christmas Joanna Burden, mit der er jahrelang ein Verhältnis hatte, getötet und ihr Haus in Brand gesteckt. Sicher ist das nicht. Es könnte auch Joe Brown getan haben. Christmas und Brown leben zusammen in einer Hütte hinter dem Haus von Joanna Burden. Sie arbeiten gemeinsam in einem Hobelwerk und verkaufen illegal Whiskey. Brown wird sturzbetrunken am Tatort gefunden wird und will einen zufällig am Tatort Mann daran hindern, das Zimmer zu betreten, in dem die Leiche Joanna Burdens liegt. Brown ist der Tatverdächtige, kann das Blatt im Verhör aber wenden, als er sagt, dass Joe Christmas möglicherweise, (ich zitiere dieses Wort, das in den Mund zu nehmen ich ablehne) „Niggerblut“ in den Adern hat. Von diesem Zeitpunkt an wird die Täterschaft Christmas kaum mehr in Frage gestellt.

    Am Ende wird Joe Christmas gelyncht. Er wird erschossen und von seinem Mörder bei lebendigem Leibe kastriert. So wenig wie ihm die Tat nachgewiesen werden konnte, so wenig ist seine tatsächliche Herkunft geklärt. Christmas weiß nicht, ob er schwarze Vorfahren hat und, soweit ich das verstanden habe, weiß es auch der Erzähler nicht. Es ist der Person nicht anzusehen und von daher ist es eher unwahrscheinlich. Dennoch ist diese Unsicherheit das Trauma seines Lebens, da er das als Mangel an Identität empfindet. Die Wahrheit daüber verschwindet dann in den Umständen, in einer sich zunehmend verdichtenden Gegenwart, wo es dann plötzlich so ist wie es aussieht: da ist Christmas dann halb „Nigger“ und er hat Mrs Burdon getötet.

    Die Dinge, die Umstände, die Personen meinetwegen, sind nicht einfach aneinander gekettet, wie auf einer Perlenreihe, wo man sich nur von vorne nach hinten durchzählen müsste, um die Zusammenhänge zu begreifen. Die eigentlichen Verkettungen liegen jenseits des Sichtbaren und Greifbaren. Jenseits auch des einfach Erzählbaren. Das mehrt sich durch die mehrfache Erzählung. Darin möchte ich die eigentliche Kunst dieses Autors erkennen: die Erschaffung eines Sinns ist nicht an eine Person gebunden. Oder eine Perspektive. Das brennende Haus hat einen anderen Sinn, je nachdem ob es einfach nur brennt, ob jemand darin verbrennt, ob ein Mordopfer darin verbrennt, ob es der mögliche Mörder ist oder ob der mögliche Mörder ein Konkurrent in der Liebe um eine Frau ist. Und so liest man sicher zwanzig oder dreißig Mal von dem brennenden Haus. Und jedes Mal enthüllt es, während es abbrennt, andere Details der Geschichte. Eine andere Wahrheit. Wahrheit ist nicht die absolute Wahrheit, sondern die Wahrheit der Verhältnisse, die sich nicht haben überwinden lassen. Das sind die Verkettungen, in denen wir auch heute noch existieren: Wahrheit, die nicht unsere Wahrheit ist, sondern nur eine unter anderen, aber die einzige, die greifbar ist.

    Die Überschrift zu diesem Artikel stammt aus Faulkners Nobelpreisrede. Vollständig lautet der Satz: “I believe that man will not merely endure: he will prevail. He is immortal, not because he alone among creatures has an inexhaustible voice, but because he has a soul, a spirit capable of compassion and sacrifice and endurance.”

    Ich habe das entdeckt als ich zufällig auf die Besprechung von Katharina Dittes bei Literaturkritik stieß, wo ich auch schon einmal etwas geschrieben habe. Sie macht da einige schöne Bemerkungen zu der neuen Übersetzung, hier.

    William Faulkner
    Licht im August
    Rowohlt Verlag, 480 Seiten
    19,90 €
    ISBN 978-3-498-02068-2

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 5. Oktober 2010 um 10:00

    Licht im August.
    Gestern habe ich begonnen zu lesen. Meine ersten Eindücke darf ich hier einstellen. Bitte entschuldigen Sie diesen Dilettantismus, der bar jeglicher wissenschaftlichen Grundlage ist.

    Deutlich ist und keines Beweises bedarf hier einzig die Knappheit substanzieller Mittel. Die schäbigen Umstände, in denen das Leben reproduziert werden muß und die Faulkner in einem kruden Manierismus beschreibt, halten die Menschen bei der Stange gleich einem naturgesetzlich hingenommenen Fatum. Dagegen nehmen sich die Urteile dieser Menschen aus wie verdorrte Farnhalme am Wegesrand. Ob einer die Vaterschaft annimmt und damit etwas in Ordnung bringt oder ob ein anderer sich verbissen hat in die Tatsache seiner minderwertigen Art; gegen die Unabänderlichkeit des Vorgefundenen erinnern die von wunden Leidenschaften und obsessiven Ressentiments getriebenen Figuren an Gespenster in einem an allen Ecken und Kanten von rostigen Nägeln zusammengehaltenen Schuppen aus Holz.

    Fortsetzung folgt

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 5. Oktober 2010 um 14:44

    „Das mehrt sich durch die mehrfache Erzählung.“

    Wenn wir beide hier dasselbe meinen, liebe Aléa Torik, dann möchte auch ich hierin die Kunst von Faulkner erkennen. Das Geschehen in dem Roman, so erinnere ich das (meine Lektüre ist schon ein bisschen her) wird in mehreren Schleifen immer wieder erzählt, aus anderen Blickwinkeln verschiedener Personen. Diese Blickwinkel sind zum Teil gegensätzlich und vor allem nicht chronologisch: Verschiedene Erzählschleifen gehen weiter zurück, als die „Haupthandlung“ bereits vorangeschritten ist, andere Erzählschleifen greifen vor. Das ist ein bisschen so wie in dem Film „Babel“. Sehr toll, sehr beeindruckend!

    So beeindruckend diese „Technik“ ist, so weniger beeindruckte mich der Roman sonst, insbesondere nicht vom Inhalt her und sicher nicht, ich bin bei Ihnen, sein Rassenthema. Tatsächlich war ich wohl eher ein bisschen enttäuscht. Soweit ich mich erinnere, stellt sich in der Mitte des Buches für Christmas die Frage, ob er diese Frau jetzt eigentlich verlassen soll und seiner Wege gehen. Denn sie will in domestizieren. Er aber ist ein Vagabund, ein Vagant, frei, vogelfrei, ein Zigeuner, eine Nachtgestalt wie von Barbara Bongartz. Aber er geht nicht. Das habe ich ebenso wenig verstanden wie den Umstand, dass Joana Burden überhaupt ihn zu domestizieren versucht. Aber das wird wohl eher an mir liegen, als an dem Nobelpreisträger – und vielleicht ändert sich das ja gerade durch diese Betrachtungen und Diskussionen hier. Große Liebe? Endlich (s)eine Identität gefunden? Endlich ein Zuhause? Überzeugte mich nicht, denn Joe wollte gerade nicht in die von Joana organisierte Lehrerstellung schlüpfen.

    Ich erinnere aber auch positiv die Darstellung von Sprache bzw. deren Unterschiedlichkeit und Gebrauch, je nach Bildungsstand der jeweiligen Figur. Das war schon großartig! Hier das geschliffene Englisch des Erzählers oder der Gebildeten, dort das pidgeon english der Farbigen und der degenerierte US-Slang der Unterschicht. Für Beispiele habe ich jetzt einmal kurz ins Buch geschaut (S. 295):

    „The Sheriff knew that Brown was associated somehow with another man, another stranger named Christmas about whom, despite the fact that he has lived in Jefferson for three years, even less was known than about Brown; it was only now that the Sheriff learned that Christmas had been living in the cabin behind Mrs. Burdon’s house for three years.”

    Und dagegen:

    “I don’t want to turn nothing”, Brown said. “I know who done it and when I’ll get my reward I’ll tell.”

    Und zum Thema Identität und Weißer Neger – wohlmöglich ein häufiges, dort sehr interessierendes Thema in der US-Literatur – fällt mir spontan Prof. Silk ein mit seinem „lilly white face“ in Phillip Roth’s „The Human Stain“, wo der weiße Schwarze (Jude!) auch noch variiert wird durch einen schwarzen Raben, der, weil gezähmt, nicht mehr krächzen kann wie die wilden, also nicht mehr dazu gehört und deswegen von ihnen angegriffen wird.

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 5. Oktober 2010 um 22:47

    Lieber NO und lieber Avenarius,

    ich bin gerade in einer Stimmung, die das Schreiben von Beiträgen nicht erlaubt. Ich möchte gerne etwas kaputtmachen. Aber ich habe nichts, von dem ich möchte, dass es kaputt ist. Ich verschiebe meine Antwort auf Ihre Beiträge auf morgen.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 6. Oktober 2010 um 20:13

    Lieber Avenarius,

    ich bin gerade nicht in einer so guten Stimmung, deswegen sind Witz und Komik heute Abend nicht meine Bettgenossen. Mein Tonfall ist also eher verhalten, was nichts mit Ihnen oder mit irgendetwas hier in diesem Blog zu tun hat, sondern allein mit jenem Teile meines Privatlebens, den ich hier nicht ausbreiten will. Der Begriff der Stimmung, des emotionalen Gestimmtseins, impliziert. Dass es hoch und runter geht.

    Ich freue mich dass Sie offenbar meine Lektüre zum Anlass genommen haben, auch zu Faulkner zu greifen. Wir haben ja jetzt einen ganzen Monat lang Zeit. Bei Bedarf natürlich auch länger, ich wollte mir der Monatsfrist andeuten, dass ich ein Buch im Monat lese. Ich freue mich über alle Leseeindrücke, Impressionen, Zitate. Und was immer Sie da sonst noch auftreiben können, in dem Buch. Wir werden uns sicher über das eine oder andere unterhalten können. Oder nicht. Vielleicht auch ein bisschen streiten. Oder nicht. Sagte ich schon einmal, dass ich den Streit schätze. Nicht den blutigen und nicht den diplomatischen. Diplomatisch, muss ich das sagen, bin ich ja gar nicht.

    Jeder kann hier seinen eigenen Tonfall finden, in der Auseinandersetzung mit dem Buch.

    Wenn Ihnen das Buch nicht gefällt Avenarius, kleine Mail an Herrn Faulkner reicht aus. Nicht vergessen, ich hab‘s nicht geschrieben.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 6. Oktober 2010 um 20:51

    Lieber No,

    ja, wir meinen dasselbe. Wir meinen in allen von Ihnen angesprochenen Umständen dasselbe. Die Kunst, die Faulkner auf eine ganz vorzügliche Weise beherrscht, sind diese Schleifen, diese sich wiederholenden, aber auch variierenden Betrachtungen der gleichen Umstände. Und jedes Mal entdeckt er etwas Neues; oder es entdeckt sich durch dieses Schreiben.

    Aber auch in den anderen Punkten sind wir einer Meinung. Es gibt auch Dinge, die ich eher mager finde. Dazu will ich aber noch etwas schreiben. Der nächste Beitrag soll sich erst einmal um die Erzählerperspektive kümmern, ein unendliches Thema und sehr komplex.

    Teilweise gefällt mir auch die Sprache Faulkners nicht, es gibt immer wieder großartige Passagen, aber er kann auch schlecht schreiben, da sind manchmal Sätze dabei, die klingen eher wie ein Versuch. Das ist bei mir manchmal auch so, das ist bei jedem so, hoffe ich doch; man müsste klären, ob das Figurensprache ist, die er wirklich sehr differenziert darstellen kann, oder die Sprache des Erzählers. Und dann müsste man klären, inwieweit der Erzähler sich dem Erzählten in der Tonlage anpasst. Und kann muss man urteilen. Ich weiß nicht, ob wir es hier soweit bringen werden.

    Sehr schön, dass Sie die Zitate in American English einstellen, ich hab‘s nur in Deutsch. Das Nobelpreiszitat habe ich ja an einem anderen Ort gefunden. Wenn ich Englisch lese, dann immer akademisches Zeug.

    Reward ist auch ein schönes Wort.

    Ich esse gerade Schafskäse. Im Vergleich mit rumänischem Schafskäse schmeckt das hier allerdings unterirdisch. Der rumänische Schafskäse ist der beste der Welt. Der beste von dem Teil der Welt, den ich kenne. Aber die anderen Teile kenne ich ja nicht. Und deswegen ist der rumänische Schaftskäse der beste der Welt. Je weniger man von der Welt kennt, desto mehr kann man über sie behaupten.

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 7. Oktober 2010 um 00:12

    Liebe Alea.
    Dass Sie die Stimmung über das Befinden setzen macht den Witz Ihres Blogs aus. Dass hier die blitzhaften Wurzeln von oben, die blauen, wichtiger sind als die von unten, die braunen, muss jedem aufgefallen sein.

    Licht im August.
    Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Unter „substanziellen Mitteln“ verstehe ich ausschließlich die Mittel der Subsistenz. Das ist wichtig, denn existenzielle Probleme kann auch einer haben, der nicht knapp bei Kasse ist. Und die meisten meinen mit ihren existenziellen Problemen nur ihre leeren Taschen.
    Dass der Niedergang des Südens mit der Verelendung der Massen zu tun hat ist Faulkner von Anfang an klar. Niemals konzipiert er seine Figuren an dieser grundlegenden Tatsache vorbei. Im diffusen Licht dieser Tatsache dreht sich das Kaleidoskop Faulkners Erzählkunst. Um diese geht es. Um diese wird es gehen.

    In meinem Fall wird das dauern. Wir fahren über die Herbstferien an den Kaukasus.

    Mit freundlichen Grüßen – Avenarius

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Oktober 2010 um 23:03

    Lieber Avenarius,
    Lassen Sie sich Zeit. Sie können hier auch noch zu Faulkner etwas schreiben, wenn der kalendarische Monat vorüber ist. Aber die können auch im Kaukasus Faulkner lesen. Man muss nicht an den Originalschauplatz, um ein Buch zu lesen.
    Ich wünsche Ihnen gute Erholung. Und kommen Sie mit einer Geschichte im Gepäck zurück.
    Ob er das noch hört? Vielleicht ist er schon weg.
    Aléa

    Kommentar von Björn
    Datum/Uhrzeit 8. Oktober 2010 um 01:25

    Die Dichte bei Faulkner hat mich auch ungemein beeindruckt. Das erste, das ich von ihm gelesen habe, war eine Version von ‘Ambuscade’ (ein Kapitel aus ‘The Unvanquished’ in den Uncollected Storys). Zwei Jungen erspähen eine Nordstaatenpatrouille, holen eine Flinte und feuern einen Schuss auf die Männer ab. Ich hatte echt Mühe mit dem Südstaatenakzent. Aber habe selten so etwas aufwühlendes gelesen. Unfassbar guter Autor.
    Und unvergessen: “Then she said, ‘Don’t never forget who you are. You ain’t rich and the rest of the world outside of Frenchman’s Bend never heard of you. But your blood is good as any blood anywhere, and don’t you never forget it.’” (Two Soldiers)

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 8. Oktober 2010 um 12:30

    Light in August: Byron Bunch

    Liebe Frau Torik, wem g e n a u wollten Sie mit Ihrem Schafskäsebeispiel sagen, dass er ein Dummkopf sei und/oder Quark geschrieben hat?

    Jedenfalls bin ich sehr gespannt auf Ihre Erzählerperspektivendarstellung. Hoffentlich kann ich folgen. Ich habe nämlich unlängst „drüben“ einen beeindruckenden Gedankenaustausch zwischen ANH und Melusine gelesen über Pfingsten, Perspektiven und Sichtweisen in dieser Kapelle, da konnte ich es nicht. Hätte aber auch vielleicht vorausgesetzt, dass ich diese Sainte Chapelle-Geschichte überhaupt gelesen hätte. Habe ich aber nicht, ebenso wenig wie dieses Buch hier noch ein zweites Mal jetzt. Das mag hier auch zu Problemen führen.

    Aber Ihre Sprachausführungen haben bei mir zu einer Erinnerung geführt an eine zauberhafte Stelle im ersten Drittel des Buches, nämlich wo sich Byron Bunch in Lena Grove verliebt. Die habe ich gesucht dann, gefunden und nachgelesen. Und finde sie immer noch grandios. Es geht über 3 oder 4 Seiten, Byron ist so ein Zurückhaltender, der arbeitet sonntags in der Sägemühle allein, um keine Schwierigkeiten im Leben zu bekommen, er ist so ein Empfindlicher. Und sie sucht ja ihren Lover, der sie schwanger hat sitzen lassen, und kommt nun ausgerechnet – ausgerechnet – in die Mühle, weil jemand gesagt hatte, Byron könnte derjenige sein. Dann sprechen sie. Und um Byron ist es nach und nach geschehen, er merkt es erst nicht, aber dann wird s ihm klar mit Wucht und er wünscht, sie würde nicht zu ihrem Lover finden. Dabei erzählt er ihr, wer der gesuchte Lover sein könnte, bis ihm in die Glieder fährt, dass er das lieber hätte lassen sollen, dann hätte sie ihren Lover nicht finden können und wäre frei für ihn. Deswegen könnte er sich ohrfeigen. Drei Sätze daraus:

    “She has not moved. Her tone is quiet, but Byron is already in love, though he does not yet know it ……. He seems to have already a foreknowledge of something now irrevocable, not to be recalled, who had believed that out here in the mill alone on a Sunday afternoon he would be where the chance to do hurt or harm could not have found him…… And he cannot look at her, and he sits there on a stack of lumber when it is too late, and could have bitten his tongue in two.

    Die Zartheit der Passage kommt wahrscheinlich nicht so rüber, leider. Dieses versehentliche Verlieben, dieses Leichte, die unbestimmte Ahnung dessen während des Sprechens. Zu ergriffen, sie anzublicken – so ergriffen war ich auch.

    Und man lasse sich den Rhythmus, die Alliterationen auf der Zunge zergehen: „and could have bitten his tongue in two“. Grandios: „bitten his tongue in two“

    Billiant, I must say!!! Das ist so gut wie der von Ulrich Blumenbach im US-Blog zitierte (und von Alban Nikolai Herbst kommentierte) Anna Livia Plurabelle-Schlußmonolog in „Finnegans Wake“:

    „Carry me along, taddy, like you done through the toy fair!“

    Oder – noch besser – David Foster Wallace in „Infinite Jest“ in dem Satz, in welchem Joelle sich unmittelbar vor dem goldenen Schuss erinnert an die Geborgenheit ihrer Kinogänge mit ihrem Daddy und das Schlangestehen bei Einlass:

    “She’d never so much again as in that line felt so taken care of“

    Aber im Vergleich finde ich dann doch Faulkner am stärksten.

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 8. Oktober 2010 um 22:15

    Lieber Björn,
    ich empfinde Faulkner auch, teilweise, als großartig, ich sehe hervorragende Sätze. Tolle Passagen, gute Dramatik, aber ich bin auch manchmal enttäuscht. Wir werden sehen, was sich hier noch zutage fördern lässt.
    Vielen Dank für die beiden stellen, ich kannte beide nicht.
    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. Oktober 2010 um 23:17

    Lieber NO,

    ich habe mir einen Millionenvertrag geangelt. Bei so einem steinreichen rumänischen Schafskäsehersteller aus der Provinz. Das haben doch alle heutzutage, diese Millionenwerbeverträge, dieser Golfspieler, Tiger Woods, hat die, andere fallen mir gerade nicht ein. Das ist natürlich wenig, wenn ich behaupte, dass alle diese Millionenwerbeverträge haben. Ich habe jetzt auch so einen. Und vielleicht besorge ich mir noch einen zweiten. Ich kann das. Ich bin nämlich SÄHR HÜPPSCH!

    Zu Faulkner kann ich nur ganz kurz sagen, dass ich gerade dieses Kapitel im Sinn habe, wenn ich in meinem nächsten Beitrag über die Erzählperspektive schreibe. Trotz mehrfacher Anläufe am vergangenen Wochenende bin ich allerdings gescheitert (Sie wissen doch sicher, dass ich gescheitert für den Superlativ von gescheit halte?): entweder wurde die Darstellung zu komplex oder ich habe den Inhalt nicht adäquat begreifen können. In solchen Fällen lässt man es am besten liegen und macht noch einen weiteren Anlauf. Und den werde ich am Mittwochabend unternehmen.

    Ich trinke jetzt Bier und gehe ins Bett. Gute Nacht

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 17. Oktober 2010 um 20:03

    Liebe Alea,
    wir sind gestern nach Hause gekommen. Die paar Notizen von unterwegs erlaube ich mir einzustellen.

    Originalschauplatz Kaukasus.

    Ich gehe den schroffen Grat leicht ansteigend in Richtung einer riesigen, im Schatten ihrer selbst stehenden Wand. In den Zacken des Gipfels hat sich der Berg ein paar weißliche Wolken gefangen, die die hochsteigende Sonne schon auflöst, bevor noch der Wind sie verbläst. Ich biege vom Grat ab und gerate im unteren Drittel der Wand auf eine vorstehende Platte. Ich bin allein.
    Durch die allgemeine Stille dringt immer wieder ein seltsames Klopfen und Schwirren. Ein Klatschen und rieselndes Triefen, als rinne vom Felsen her Blut. Was, denke ich mir, ist Ursache dieses Unerhörten? Ich sehe hinauf, und im dunklen Grau des noch schattigen Felsens kann ich den großen angeketteten Mann sehen, seinen blutroten Leib und die fortgesetzt anfliegenden und ihm zusetzenden Raubvögel, die schwarz sind wie Pech. Ich sehe in der vom Sonnenlicht zusehends bestrahlten Wand nun auch das schmerzlich verzerrte Gesicht. Lange sehe ich hinauf. Und des Halbgottes Schreie betäuben mein Ohr.

    Behutsam ist und von würdiger Art
    der Greifvögel Umgang mit
    des Titanen Wintergemächte.
    Schein ihre schwere Schwärze,
    Schein ihr Gewicht – und
    scheinbar nur
    stoßen sie
    mit harten Schnäbeln in -
    des Denkens Keim.

    Sie sind boshaft nicht
    wie des Orkus Dunkelgrund
    und ohne Hass
    sind sie Freunde des Lichts.
    Begreifen muss, wer vor ihnen steht.
    Begreifen muss, wer vor ihnen steht.

    Licht im August.
    Der Bericht eines jungen pflichtbewussten Ehemannes steht am Ende des Romans. Dieser
    Mann erzählt der neugierigen Gattin seine Erlebnisse von Unterwegs.
    Wie er den eben erst erworbenen Laster schonte. Wie er sich entschloss, die Fahrt in gedrosseltem Tempo zu machen. Mit diesem Entschluss öffnet er ein temporäres Feld, auf welchem die Protagonistin Lena Grove Platz nimmt wie sie Platz nahm auf jenem Karren im ersten, den Roman ins Rollen bringenden Satz. Aus der Distanz des im dunklen Zimmer stehenden Ehebettes heraus wirken die beschriebenen Vorkommnisse erheiternd und beklemmend zugleich: das ist die beruhigende Wirkung der Rahmenerzählung. Faulkner beendet „Licht im August“ als Rahmenerzählung.
    Er vermittelt dem Leser auf den letzten Zeilen den Eindruck, als ginge alles mit rechten Dingen zu und als hätte Lena Grove am Ende über ihr Schicksal obsiegt. Der fehlgeschlagene Vergewaltigungsversuch z. B. und ihre beherrschte, man kann sagen, souveräne Reaktion. Und natürlich der Schlusssatz, in dem die jetzt weltoffene Position der Protagonistin alle Negation überspielt!
    Aber ich würde sagen, dass es sich um einen von Außen herangetragenen und nur behaupteten Sieg handelt. Die im Roman handelnden und beschriebenen Personen hingegen treten auf der Stelle und ergeben sich mehr oder weniger kampflos ihrem Schicksal. Faulkner erzählt ausnahmslos von Menschen, für die es eine Zukunft nicht gibt. Dies tut er beeindruckend und großartig in der Artistik der angewandten Stilmittel. Aber von Kämpfern, gar Siegern erzählt er uns nicht.
    Weshalb aber wähne ich mich als Leser hineingeraten in eine Auseinandersetzung, in der es eine Freistatt nicht gibt? Woher kommt diese Antinomie? Einerseits ein Plot, in dem Vollidioten, entmenschte Verbrecher oder im Ressentiment versackte Kerle ebenso agieren wie erbarmungslos in den Lauf der Dinge gestoßene Unschuldige. Und auf der anderen Seite das dem Werk zweifellos anhaftende Moment eines die Zwänge des Schicksals überwindenden Kampfes, eines Kampfes auf Biegen und Brechen, den der Dichter bis zuletzt meinte siegreich beenden zu können.
    Faulkners Anspruch auf einen Befreiungsschlag rührt von einem außerhalb des Werkes sich vollziehenden Kampf her. Die narrativ vorgeführte Welt wird umgürtet und gleichzeitig durchsiebt von den Bewegungen eines realen, die tradierten Erzählmuster überfordernden Schlagabtausches.
    Faulkner greift zu Stilmitteln wie ein gegen einen mächtigen Gegner Kämpfender zu gerade sich bietenden Waffen greift; es scheint das ein alle Mittel erlaubender Kampf. Die oft bemerkte „Unrast“ und „Regellosigkeit“ dieses Dichters sind Merkmale eines Kampfes.
    Die handlungstragenden Protagonisten drehen sich meiner Ansicht nach bloß um die eigene Subjektivität herum ohne ein waches Bewusstsein ihrer wirklichen Lage. Die inneren Gestalten sind daher zu wenig Individuen, um überzeugend, bewusst und energisch einer ihnen gegenüber sich abschließenden Wirklichkeit Widerstand leisten zu können. Wie sollten sie sich wehren?
    Das Schicksal gerät zu einer metaphysischen Größe, zu einer fatalen Gewalt. Und dennoch kämpft Faulkner mit den Mitteln seiner Kunst verbissen dagegen an. Also handelt es sich um eine an das Werk herangetragene Dezision. Die Entscheidung, gewissermaßen hinter dem Rücken des narrativ entfalteten, aber unwidersprochen hingenommenen Verderbnisses, zuletzt doch noch davonzukommen, führt – verschieden zu anderen modernen Schriftstellern, weil anders motiviert – zu jener für Faulkner so typischen Artistik in der Anwendung sprachlicher Gesetze und literarischer Stilmittel. Die Form alleine ist hier Verbündet mit der Möglichkeit eines Sieges.
    Ob das stichhaltig ist hängt wohl wesentlich von der Exposition einer zugrundeliegenden Romantheorie ab. Das Gesagte mag als tentative Schwundstufe verstanden werden.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. Oktober 2010 um 21:07

    Lieber Avenarius,

    vielen Dank für Ihren Reisebericht. Ich lese solche Sachen ja immer gerne, damit ich mir vorstellen kann, wie die Welt da draußen aussieht. Ich bin auf diesem Auge, dem Auge der Welt, ein wenig blind. Auch Genova hat einen solchen Bericht verfasst, dann aber auf seiner eigenen Seite veröffentlicht: http://exportabel.wordpress.com/. Eigentlich war das als Dank für die Tipps, die ich ihm zum Reise nach Bukarest gegeben hatte.

    Ich freue mich, dass Sie jetzt auch Ihren Gedichtkasten aufgemacht haben, Schublade klingt so tendenziös, und hier etwas spendieren.

    Zu Faulkner:

    Sie schreiben, ich zitiere: „Die im Roman handelnden und beschriebenen Personen hingegen treten auf der Stelle und ergeben sich mehr oder weniger kampflos ihrem Schicksal. Faulkner erzählt ausnahmslos von Menschen, für die es eine Zukunft nicht gibt. Dies tut er beeindruckend und großartig in der Artistik der angewandten Stilmittel. Aber von Kämpfern, gar Siegern erzählt er uns nicht.“

    Das ist Ihre zentrale Behauptung / Beobachtung / Formulierung, auf der das Spätere dann aufbaut. Ich stimme dem nur bedingt zu. Ich meine schon, dass er, Faulkner, von Kämpfen spricht, auch wenn es tatsächlich gegen Ende so aussieht, als ergebe sich einer, die Hauptfigur sogar, kampflos seinem Schicksal, Tod mit Kastration. Aber bis dahin hat er doch gekämpft. Auch Braun/Bunch kämpft Für die tausend Dollar. Auch Lena kämpft, auf eher weibliche Weise, in ihrer beharrlichen Art.

    Aber dass die meisten Personen auf der Stelle stehen, der Großvater Christmas‘ beispielsweise, sehe ich auch. Allerdings muss ich zugeben, da wird es wohl auch zu einer unterschiedlichen Wahrnehmungsweise von weiblicher (meiner) und männlicher (Ihrer) Wahrnehmung gekommen sein: der Begriff des Kampfes war mir gar nicht präsent. Ich habe während der Lektüre niemals an dieses Wort gedacht.

    Was mir sehr gut gefällt an Ihren Worten, ausnehmend gut, ist, dass Faulkner mit seinen erzählerischen Mitteln, die wie Sie ja sagen, die traditionellen Erzählmuster und Wahrnehmungsmuster überfordern – das war sicher einer der Gründe für die Schwierigkeiten, die er lange hatte – den Kampf auf seine Weise ausficht. Der Autor und der Erzähler sind auch zwei Instanzen, und nicht die unwichtigsten, die im Text eine Rolle spielen, und die, ob gekämpft oder geliebt wird, mitkämpfen und mitlieben. Und der Autor muss ja dann auch noch an anderen Fronten kämpfen, Buchmesse und so.

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 20. Oktober 2010 um 01:06

    Liebe Alea,

    ich bleibe dabei, Lena wehrt sich nicht. Das ist der Beginn eines Dissens. Ich denke, wir vertragen auch einen Streit.
    Nun, das ist sehr schwer…
    Schon vor meiner Reise habe ich hier gesagt, dass die subsistenzielle Knappheit zentral sei. Dieser Mangel zwingt alle Betroffenen. Wozu: zum Kampf ums Überleben, zum unmittelbaren Weiterkommen, zur Einhaltung auch der Pflicht! Lena sucht ja den Vater ihres Kindes, sie setzt auf
    selbstverständliche Regeln. Diese sind allerallgemeinst und vom Dichter vorausgesetzt wie die Luft zu atmen. Indem diese allerallgmeinsten, von materieller Notwendigkeit bestimmten Regeln erkämpft werden, handelt es sich um einen Kampf ums bloße Überleben. Dieser ist unmittelbar und unkritisierbar. Keinem kann zur Last gelegt werden, was die Last der Verhältnisse aus ihm gemacht hat! Hier seinen Mann/Frau zu stehen, ist alles andere als unehrenhaft. Aber ehrt es ihn/sie deshalb auch? Können wir, ohne in den ideologischen Kitsch des in den Wohlstandnestern der sogenannten 1. Welt gebrüteten Survivalismus zu verfallen, in diesen unmittelbaren Reaktionen ein Heldentum sehen? Ich glaube das eben nicht.
    Faulkner musste, gerade weil er als bedeutender Künstler die Gefahr der Verflachung der Schilderung seiner Figuren im Alltäglichen erkannte, deshalb mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, einen Ausweg im formellen Experiment suchen. Troz der großartigen Beschreibung seelischer Reflexe, menschlicher Probleme und Verwicklungen der tragenden Gestalten, haftet diesen Gestalten etwas Durchschnittliches an. Einen Ausweg, und das ist wieder alles andere als unehrenhaft, gab es nur in der ästhetischen Distanz.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 20. Oktober 2010 um 19:31

    Lieber Avenarius,

    das ist kein Streit, das ist eine Diskussion, die vertragen wir sehr gut.

    Ihre letzte Bemerkung zuerst: ich würde Faulkners Figuren keine flachen Figuren nennen. Er hat, das sollten die ersten Worte meines nächsten Artikels werden, Figuren, die über keine ausgeprägte Selbstreflexivität verfügen. Flach sind sie nicht, weil diese Figuren ja gar nicht existieren. Sie existieren nicht außerhalb der Art und Weise, wie Faulkner sie zeichnet. Und diese Zeichnung ist alles andere als flach. Ich nutze in meinem kommenden Artikel, der sich mit Männer- und Frauenverhältnissen befasst, die Adjektive schroff und konturiert (diese beiden Worte sind leider die einzigen, die bisher vorhanden sind).

    Sie sprechen von Mangel der zur Knappheit, Knappheit, die zum Kampf zwingt. Ich sehe den Kampf nicht, ich sehe auch kein Heldentum. Bleiben wir bei Lena. Sie sucht den Vater ihres Kindes. Sie hat kein Geld und keinen Mann, der dafür sorgen könnte, das es am nächsten Tag weitergeht. Schwierige Situation! Ich sehe nicht, dass sie einen Überlebenskamp kämpft. Sie strahlt für mich große Ruhe, Sorglosigkeit bis zur Unbedarftheit aus. Zuversicht, trotz der widerstrebenden Verhältnisse, Zuversicht, die bis an die Grenzen zur Dummheit geht. Aber sie ist nicht dumm. Nicht dümmer als all die anderen, verblendeten (Großvater von Christmas) und verblödeten (Großmutter von Christmas) Figuren. Faulkner hat keine Intelektuellen als Personal. Es ergibt sich für Lena alles wie von selbst: zu Beginn wird sie mitgenommen, man bietet ihr ein Bett an, sie wird mit Essen und Geld versorgt, ihr Schicksal spricht Menschen an, die ihr weiterhelfen. Byron verliebt sich sofort und bleibt bis zum Ende (des Romans) bei ihr. Trotz der Abweisung, trotz, dass sie ihm keine Hoffnung macht. Das ist Gottvertrauen. Vertrauen auf die Rechtmäßigkeit des eigenen Tuns. Das da einer dem anderen hilft, ist doch kein Zeichen von Kampf, keines einer modernen Gesellschaft, wo sich jeder selbst der Nächste ist.

    Möglicherweise ist das ein Dissens zwischen uns, möglicherweise meinen wir aber nur verschiedene Dinge.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Thorsten Krämer
    Datum/Uhrzeit 21. Oktober 2010 um 23:27

    Liebe Aléa,
    das tut zwar nicht wirklich was zur Sache, aber angesichts deiner Formulierung “Ich möchte gerne etwas kaputtmachen” ziemlich am Anfang dieses Threads möchte ich mich gerne ein weiteres Mal als Soundtrack Provider betätigen:

    http://www.youtube.com/watch?v=dhGs078Ag0k

    Und wenn ich nächste Woche wieder etwas mehr Zeit habe, verrate ich noch, dass du ja die Pointe der Sancho-Pansa-Geschichte vorenthalten hast!

    Herzlich,
    Thorsten

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 22. Oktober 2010 um 10:26

    Guten Morgen Alea.

    Ich hätte nicht „Kampf“, sondern „Sorge“ oder „Kummer“ sagen sollen. Denn ich bestritt ja gerade in einem meiner früheren Kommentare, dass Lena sich wehrt, d. h. kämpft. Die Sorge treibt Lena hinaus. Sie kümmert sich.
    Natürlich ist sie keine Intellektuelle. Aber was ist eine Intellektuelle? Intellektuell ist jemand, der die akademisch sanktionierte Ausbildung gemacht hat (nicht zwingend, aber in der Regel) und nun Posten besetzt, seine Zeit damit verbringt Entscheidungen zu treffen, und sei es auch nur die Entscheidung über den Namen der gerade gebauten Straße. Also jemand, dessen Wirkungsfeld über die bloße Selbsterhaltung hinaus geht (über emphatische Definitionen a la Sartre schweige ich mich aus). Das kann ein ganz geistloses sich in der Administration Herumwerfen sein. Je nachdem, in welchem hegemonialen Feld die Entscheidung gefällt wird und zu welcher hegemonialen Gruppe der oder die Intellektuelle gehört, sehen dann die „Straßenschilder“ aber auch aus, das geht dann von Bert-Brecht-Gasse über Th.- Fontane-Feld usw. Und es findet kein Ende. Die Richter wissen Bescheid.
    So jemand ist Lena nicht. Das macht sie zu einem angenehmen Menschen. Sie wird von Faulkner in keinen die hegemoniale Verfassung der drei großen sozialen Verbände (Gruppen, Schichten, Klassen) sichtbar machenden Zusammenhang gebracht, aufgrund dessen ihr ein Licht hätte aufgehen können. Das Spektrum dieses Lichtes wäre dann bei den Lesern angekommen, bei einigen gut, bei anderen schlecht.
    Ich hätte auch nicht „durchschnittlich“, resp. „flach“ sagen sollen. Dass die Protagonisten im Grunde keine Rolle spielen ist nämlich auch im übergreifenden Sinne wahr und das Thema des ganzen Jahrhunderts. Die daher rührende solipsistische Selbstbezüglichkeit der Figuren ist sogar der Druckpunkt, an dem die Kohle zum Diamanten wird, d. h. die conditio sine qua non des Entsagens konventionell überkommener Darstellung durch den Dichter. Von hier aus kommt es zur Verletzung der Form. Eine Art Schock zerschlägt die ästhetische Distanz und damit des Lesers kontemplative Behaglichkeit. Faulkner ist jetzt modern.
    Kann das so gesehen werden?

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 22. Oktober 2010 um 21:14

    Lieber Avenarius,
    Ich glaube, bei Ihren Worten können wir uns eher verständigen. Aber ich spreche das vielleicht noch einmal in meinem kommenden Beitrag an, bei dem es um Männer-und Frauen gehen soll. Und die Weise wie Faulkner zwischen den beiden Geschlechtern steht: ohne zu vermitteln. Das gibt’s wohl erst am Sonntag.
    Bis dahin ein schönes Wochenende
    Aléa

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