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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Oktober, 2010

    30 Oktober 2010

    Es ist nicht gut, weil es noch schlimmer ist als gut

    Bei mir läuft‘s gerade nicht so richtig. Oder vielmehr läuft es richtig gut. Besser könnte es nicht laufen. Eigentlich läuft es zu gut. Der Plan war, dieses Semester einen großen Schritt nach vorne zu machen und in den Winterferien an meinem Roman zu schreiben. Aber dieser Text ergreift mich derzeit mit solcher Vehemenz und Unnachgiebigkeit, dass ich den ganzen Tag nichts anderes tue als daran zu schreiben. Da das fiktionale Schreiben das anstrengendste ist, was ich kenne, bin ich abends fix und fertig. Ich muss da tief in mein Gehirn, in meine Kreativität, in mein Selbst. Tiefer als bei allem anderen. Ich bin ganz weit unten, da wo Glück und Angst sehr nahe beieinander sind. Das ist wie Apnoetauchen, hier und hier.

    Ich komme abends nach Hause und meine Lungen wollen nur noch Sauerstoff. Mir tun die Arme vom Schreiben weh. Mir tut alles weh. Ich will dann nichts mehr. Ich will nicht und ich kann auch nicht. Ich kann nichts schreiben und nichts lesen. Mein Kopf ist leer. Ich will nur noch in Ruhe atmen. Ich kann mich nicht auf Faulkner konzentrieren oder auf etwas anderes. Ich wüsste nicht einmal, was das andere sein sollte.

    Wenn es so wäre, nur so, dann wäre es gut. Denn es ist ja gut. Ich bin so produktiv wie erst ein Mal zuvor in meinem Leben. Und ich bin inzwischen sehr viel besser als damals. Es ist gut wie es ist. Es ist schlimm, dass es so ist, und doch ist es gut. Aber es ist eben nicht gut, weil es noch schlimmer ist als gut. Ich kann nicht einfach nach oben und durchatmen. Ich darf nicht. Ich kann nicht mit dem Schreiben aufhören. Es hört in mir nicht auf. Ich bin ganz tief unten. Tief in mir drin arbeitet es weiter. Immer. Auch nachts. Die Tiefe. Die Dunkelheit. Der Druck. Das Nichtatmen können. Das Nichtkönnen. Nicht dürfen. Schlaflosigkeit. Angst. Nicht wehren können nicht dürfen nicht atmen es ist gut es ist schlecht es ist schlimm und schlimmer nicht atmen nicht können nicht dürfen es ertragen damit verschmelzen die Tiefe der Druck das Atmen nicht können nicht dürfen nicht wollen.

    Dann wieder oben. Musik.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Oktober 2010

    Licht im August III: Gelegentliches miteinander schlafen

    William Faulkner war kein psychologischer Erzähler wie Henry James. Er will seine Figuren nicht verstehen – das ist natürlich eine nicht verifizierte Behauptung. Er will seine Figuren formen. Er will sie nicht verstehen, er will sie darstellen. Und ich glaube, dass er sie oft auch nicht versteht. Ich glaube – die nächste, diesmal fast unhaltbare Behauptung –, dass er sie nicht versteht, weil er so sehr in die Formgebung verwickelt ist, dass ein zu großes Verständnis hinderlich wäre. Womöglich versteht ein Autor seine Figuren grundsätzlich nur bis zu einem gewissen Grad.

    Nennen wir es etwas deutlicher beim Namen, nennen wir es Unverständnis. Das ist, soweit ich es in diesem Text beobachtet habe, bei vielen der Figuren der Fall, im Verhältnis von Männern zu Frauen fällt dieses Unverständnis jedoch am deutlichsten auf. Die beiden Geschlechter stehen einander schroff gegenüber. Faulkner versucht nicht, ihre Verhaltensweisen zu erklären. Nachdem Christmas entdeckt hat, dass die Frau mit der er gelegentlich schläft, die Kellnerin, auch noch mit anderen schläft und dass das kellnern nur einen Teil ihrer bezahlten Tätigkeit ist, kommt es zu einem Gespräch zwischen den beiden.

    „An dem Abend gingen sie nicht von der Ecke fort, an der sie sich getroffen hatten. Sie gingen nicht trödelnd weiter, sie verließen nicht die Landstraße. Sie setzten sich auf eine ansteigende grasbewachsene Böschung und redeten. Diesmal sprach sie, erzählte ihm. Es gab nicht viel zu erzählen. Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte: die müßigen Männer im Restaurant, deren Zigaretten wippten, wenn sie zu der vorbeigehenden Kellnerin sprachen, und sie, die hin und her ging, ständig hin und her ging, den Blick gesenkt, unterwürfig. Während er ihr zuhörte, meinte er den säuerlichen Geruch all der anonymen Männer über dem Erdgeruch zu riechen. Ihr Kopf war leicht geneigt, während sie sprach, die großen Hände lagen still in ihrem Schoß. „Ich dachte, du hättest es gewusst“, sagte sie.
    „Nein“, sagte er, „ich glaube, ich hab‘s nicht gewusst.“
    „Ich dachte, du wüsstest es.“
    „Nein“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass ich‘s gewusst hab.““

    Dieses gelegentliche miteinander schlafen irritiert Christmas. Er weiß nicht, ob das Liebe ist oder Begehren oder was sonst. Er hat ja keine Erfahrung. Und Erfahrung ist nicht, dass man etwas weiß, kennt, sieht oder denkt. Sondern dass man auch sein Gegenteil kennt, weiß, sieht. Erfahrung ist nicht, dass etwas so ist wie es ist, sondern dass es auch anders sein könnte. Um zu wissen was gut ist, muss man auch wissen was schlecht ist. Christmas hat diese Erfahrung nicht. Vielleicht hat selbst diese Frau, für die Sexualität eine berufliche Dimension hat, keine Erfahrung. Weil auch sie nicht weiß, wie es anders sein könnte. Weil sie keine Vorstellung davon hat wie ihre Welt aussehen könnte. Eine Alternative steht für viele Figuren in diesem Buch nicht zur Diskussion. Sie sind damit beschäftigt, so zu sein wie sie sind. Vielleicht ist das allerdings auch nur eine dieser modernen Verirrungen, die Vorstellung wie es anders sein könnte.

    Christmas ist irritiert, nicht, weil die Emotionen so tiefgehende sind, sondern weil er sie nicht einordnen kann. Sein Register umfasst die Verben wissen, glauben, sehen, denken. Mit diesen Möglichkeiten des Begreifens lässt sich weder für ihn noch für die Frau fassen, was zwischen ihnen geschieht. Sie fragt zweimal und er antwortet zweimal. Sie benutzen dieselben Worte. Wir lesen das also viermal: ohne jede Entwicklung. Weil das, was dort passiert, sich nicht verstehen lässt. Die verschiedenen Modi – Wissen, Glauben, Denken, Sehen – können das nicht begreifbar machen. Es wird nicht einmal gesagt, was nicht zu begreifen ist: dass ein geliebter Mensch mit anderen Sex hat; oder dass Sex und Liebe voneinander getrennt werden können; dass der eine dem anderen eine Kränkung zufügt.

    Auch hier gibt es einen Widerspruch zwischen der Aussage des Erzählers – „Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte“ – und der Aussage der Figur – „Ich glaube nicht, dass ich‘s gewusst hab“-. Anders ausgedrückt: auch hier lassen sich die Positionen des Erzählers nicht immer klar und distinkt von denen der Figur unterscheiden. Allerdings sagt der Erzähler nicht einmal, was Christmas angeblich gewusst hat; das ist einer der vielen Sätze in diesem Buch, die ins Trudeln kommen, bevor sie geradezu versacken, man weiß nicht wo: „Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte …“ Und dann sagt er, dass er es nicht wusste.

    Die genannten Verben sind nicht nur an der zitierten Stelle von Bedeutung, sie durchziehen den gesamten Text. Zuweilen kommt es dabei zu schwer verständlichen Passagen – wer Mallarmé gelesen hat oder auch Joyce, der weiß, dass Verständlichkeit nicht das einzige Verhältnis zwischen Autor und Leser ist – wie dieser: „Das Gedächtnis glaubt, ehe das Wissen sich erinnert. Glaubt länger schon, als es sich zurückerinnert, länger noch, als das Wissen sich auch nur wundert.“

    Ich möchte annehmen, dass Faulkner nicht behaupten will, dass der Glaube ein Gedächtnisleistung ist oder dass das Wissen, nicht aber das Gedächtnis sich erinnert. Ich möchte vielmehr annehmen, dass Faulkner mit dem Verhältnis dieser Verben spielt und versucht, sie in ein fruchtbares Verhältnis zueinander zu stellen. Das gelingt ihm auch, wie ich meine, denn dies ist schön: dass das Wissen sich wundert! Und dass das sich wundernde Wissen vielleicht nicht einmal weiß, worüber es sich wundert.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Oktober 2010

    Explosionsartig schießt Panik durch die Bibliothek

    Das neue Semester hat angefangen und ich werde wieder regelmäßig in die Bibliothek gehen. Die ist aus anderem Holz geschnitzt als der Kuhstall meines Großvaters. Ich bin keine Architektin, aber ich nehme an, dass die Bibliothek aus Beton ist, zumindest die tragenden Teile. Vielmehr nahm ich es an, seit heute weiß ich es auch. Derzeit werden nachträglich an den Treppen Geländer angebracht. Auf dem Weg zur Garderobe wird sogar die Verkleidung aufgestemmt, damit die Geländer entsprechend befestigt werden. Und darunter befindet sich tatsächlich, ich habe es voller Ehrfurcht mit den Händen berührt: Beton! Guter deutscher Qualitätsbeton und nicht irgendein minderwertiger styroporartiger Betonersatz.

    Wenn ich jemals ein Gebäude erlebt habe, dass ein Eigenleben besitzt, dann dieses. Es macht viele Dinge von alleine. Keiner muss auf einen Knopf drücken, damit dort etwas passiert. Diesen Knopf gibt’s vermutlich nicht. Aber offenbar gibt es auch den Knopf nicht, mit dem man das Gebäude daran hindern könnte, einige Dinge zu tun. In der Bibliothek sind etwa 1000 Fenster und dementsprechend tausend Rollläden. Bei zu- oder abnehmender Lichteinstrahlung fahren die alle gleichzeitig vollautomatisch hoch und runter. Allerdings machen sie das manchmal auch bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen. Wenn‘s sein muss, alle fünf Minuten. Und es muss offenbar manchmal sein. Dann gehen mit einer Verzögerung von schätzungsweise drei Minuten die Lichter in den Gängen an oder aus und mit einer weiteren Verzögerung, auch jene Lichter zwischen den einzelnen Regalen. Bis dahin sind die Rollläden aber längst wieder oben. Oder unten. Jemand der das nicht kennt, der kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen den beteiligten Ereignissen – Lichteinstrahlung, Rollläden, Lichter im Flur, Lichter in den Gängen – erkennen. Dann sieht es so aus, als mache das Gebäude, was es will.

    Heute Mittag wollte es einen Alarm auslösen. Das hat es dann auch getan. Das ist eine hochmoderne Alarmanlage, die weckt Tote auf. Aber zuvor produziert sie diese. Ich tendiere zu folgender Ätiologie: Herzinfarkte fallen rechts, Schlaganfälle links hinüber. Die Lautstärke war wirklich grandios. Das war das mit Abstand beeindruckendste Schallereignis meines Lebens. Dann kam eine automatische Durchsage vom Band, dass das Gebäude geräumt werden müsse. Man schaute seinen Vordermann und seine Hinterfrau an. Niemand bewegte sich. Zehn Minuten später, nachdem wir alle schon bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren, kam die Durchsage des Wachschutzes: „An alle: Keine Panik, das war ein Fehlalarm“. Der Wachschutz sitzt am Eingang des Gebäudes. Ich denke, dass, wenn 1200 Menschen in Panik geraten, diese Panik am Eingang zu bemerken gewesen wäre. Wenn nach zehn Minuten keine Panik ausgebrochen ist, dann wird sie, nehme ich an, auch nicht mehr kommen. Möglicherweise unterschätze ich die Gefährlichkeit von Paniken aber auch und es gibt, wie es bei Bränden Brandnester gibt, auch solche der Panik. Das ballt sich irgendwo auf der Toilette oder in einer Ecke zusammen und explosionsartig schießt Panik durch die Bibliothek. Möglicherweise beruhigt sich die Panik schnell wieder und bricht dann, Monate oder Jahre später, scheinbar unmotiviert erneut aus.

    Demnächst also wieder diese und andere Geschichten aus dem wichtigsten Gebäude der Welt. Meiner Welt. Ich mag das, wenn die Bibliothek lebt. Ich habe eben ein kleines Kind kennengelernt, das oben in der siebten Etage in einem Hort spielt, während die Mami über einem Pädiatrie-Lehrbuch brütet. Das Gebäude lebt und wir ihn ihm leben auch. Noch. Ab sofort gibt’s wieder Kabale und Liebe auf den Rängen und Terrassen der Zentralbibliothek der HU, alles live und in Farbe, in Echtzeit von der weltweit ersten Bibliotheksreporterin.

    Ich hoffe, dass eines Tages Bersarin mit seiner Kamera hier aufkreuzt und Bilder macht. Bilder, die die Idee des Architekten Max Dudler wiedergeben. Aber womöglich ist er, Bersarin, sich für die schlichte Wiedergabe zu schade. Womöglich hatte er, Dudler, keine Idee und deswegen ist er, Bersarin, später nicht haftbar zu machen, wenn er sie, die angebliche Idee, nicht wiedergeben kann. Oder er kann das überhaupt nicht! Diese Philosophen meinen ja mitunter, sich mittels der Abstraktion die Wirklichkeit so zurechtbiegen und vom Hals halten zu können wie sie das eben gerade brauchen. Und dann sind für diese Philosophen eben alle schönen Frauen blond. Oder alle blonden Frauen schön. Oder es fallen alle schweren Gegenstände nach unten. Da wird wild an der Wirklichkeit herum konstruiert, bis alles so ist, wie man es braucht. Für diese Bemerkung, fürchte ich, werde ich Schelte einstecken müssen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Oktober 2010

    „Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat“

    Im Folgenden ein Zitat aus der Poetik des Aristoteles, zur Verkettung von Ursache und Wirkung in erzählerischen und dramatischen Werken. Mir gefällt das so gut, ich kommentiere das nicht weiter.

    „Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr einritt. Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht. Demzufolge dürfen Handlungen, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an beliebiger Stelle enden, sondern sie müssen sich an die genannten Grundsätze halten.“

    Aristoteles, Poetik, 1450 b.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Oktober 2010

    Taten und Zutaten, Möglichkeiten, Verbrechens- und Verfolgerforschung

    Meine Kommentare auf Iris Nebel und Schneck stelle ich heute nicht in den Kommentarbereich, sondern hierher. Den Anlass dazu gab der von Iris Nebel verlinkte Artikel über Friederike Mayröcker, die ein Buch geschrieben hat, bestehend aus Kommentaren und Fußnoten zu einem Werk, das es nicht gibt.

    Liebe Iris,

    ohne zu glauben, dass man sich für ein Lob immer bedanken muss, denn man hat das Gelobte ja nicht um des gelobt werden willens getan, sondern um der Sache willen; und ohne auch gleich zurückloben zu wollen, weil ich ebenfalls glaube, dass man sich auf andere Weise bedanken kann, als durch das Hin- und Herloben; obwohl ich dies beides glaube, muss ich Sie hier ebenfalls loben für Ihren Kommentar!

    Die Art und Weise wie Faulkner seinen Text präsentiert, hochartifiziell mit logischen Brüchen ist tatsächlich, auf diese Spur haben Sie mich jetzt geführt, eine Art und Weise Möglichkeiten vor Augen zu führen. Es sind dabei nicht nur die Möglichkeiten die der jetzige Moment in der Zukunft erkennen möchte. Vielmehr unterliegt das keiner strengen Zeitenfolge. Möglichkeiten können sich auch in der Vergangenheit offenbaren. Ich kann meinen unveröffentlichten Roman als eine Niederlage empfinden. Aber ich habe nur zwei richtige Absagen, weil ich mich dann nicht mehr bemüht habe. Nun habe ich vielleicht mit meinem zweiten Roman Erfolg, kann dann gleich für das erste Buch auf einen Verlag zurückgreifen und kann, aufgrund meiner inzwischen verbesserten Technik und meines veränderten Stils, deutlich verbessern. So wird aus der vergangenen Niederlage ein Erfolg. So etwa in der Art meine ich das mit den vergangenen Möglichkeiten. Es sind nicht die Dinge, die bestimmend sind, auch wenn man sie als erstes sieht, es sind die Möglichkeiten, die sich in ihnen verbergen oder andeuten.

    Das ist auch der Stil von Faulkner, indem er Dinge, Sachverhalte, Umstände wieder und wieder erzählt, iterativ oder assoziativ, aus anderen Zeiten, aus anderen Augen und anderen Blickwinkeln. Er entwickelt dabei tatsächlich ein Möglichkeitsbewusstsein. Letztlich ist ein Erzähler fiktionaler Texte natürlich immer an die Chronologie gebunden, wie die er Musik. Da sind die darstellenden Künste etwas freier in ihren Gestaltungsmöglichkeiten.

    Wie Sie auf Ihrer eigenen Seite schreiben, diese Zerlegung, oder die Collage, das ist ein sehr poetisches Verfahren. An Gedichten kann man das sehr viel leichter zeigen: etwas, das Betrachtete oder Untersuchte, wird in seine Einzelteile, in Momente zerlegt. Aber es wird danach nicht wieder zusammengefügt. Weil das nicht geht. Weil die Zerlegung das künstlerische Moment sehr viel deutlicher herausarbeitet, als das zusammenfügen. Nach der Zerlegung habe ich mehr als ich zuvor hatte. Würde ich es nahtlos zusammenfügen können, wäre nichts gewonnen und nichts verloren. Das „Zuviel“ oder „Zuwenig“ ist das, was interessant ist, die scheinbare Differenz zur Realität.

    Sieht man die Wohnung Mayröckers, könnte man leicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: eine Messie! Das halte ich für wenig angebracht. In den Köpfen von vielen Künstlern, von anderen wahrscheinlich auch, sieht‘s genauso aus. Tausende von Ideen, Zetteln, Wegen, die man nicht gehen kann, weil man sie gerade unter den anderen Wegen, Zetteln und Ideen nicht wiederfindet. Aber man hat sie irgendwo. Man hat sie aufgeschrieben, man hat sie notiert und abgelegt, sie sind nicht für immer verloren, Sie sind nur in dem Moment verloren, in dem man sie braucht. Aber generell sind sie gerettet. Und das ist die die Form von Verlorenheit und Rettung, die man vielleicht auch im Leben spürt: eine allgemeine Rettung, die ist irgendwo, aber konkret kann man sie derzeit unter all den möglichen Rettungswegen nicht ausfindig machen.

    ———————————————————————————————————

    Lieber Schneck,

    normalerweise weckt mich mein Wecker. Durch ein lauter und penetranter werdendes, aber nicht unbedingt unangenehmes Geräusch. Es soll mich immerhin wecken. Ich finde das von der Anlage her primitiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich wecken zu lassen: warum ausgerechnet durch ein Geräusch? Der Wecker könnte mich in den Arm nehmen, mir zuflüstern, dass er mich liebt und dann Dinge mit mir tun, die ich hier jetzt nicht ausbreiten will, nicht, weil ich sie mir nicht vorstellen kann, sondern weil ich sie mir zu gut vorstellen kann, als das ich dann noch irgendetwas anderes ausbreiten könnte. Macht der Wecker aber nicht. Er weckt mich nicht, indem er einen angenehmen Duft verbreitet. Er könnte mir etwas Schönes zeigen. Er könnte mich durch den Geschmack des Frühstücks wecken. Macht der Wecker alles nicht. Er arbeitet sich wie eine Kreissäge durch einen Balken in meine Ohren hinein und durch meinen Kopf durch, so dass der, wie der zersägte Balken, in zwei Teile auf den Boden fällt. Ich bin dann nicht wach, ich bin tot.

    Heute Morgen war es anders. Und das lag an gestern. Ich lasse mich durch mein Telefon wecken, damit ich wenigstens einmal am Tag weiß, wo das ist. Ich habe leider die Tendenz, das nicht zu wissen. Und wenn ich es nicht weiß, dann weiß ich das nicht tendenziell nicht, sondern total. Einmal am Tag weiß ich es dann. Heute weiß ich es nicht. Weil ich es gestern nicht finden konnte. Ich lag zwei Tage mit einer Mittelohrentzündung im Bett und gestern habe ich mich entschlossen, dass mich heute Morgen die Arme eine heiß geliebten Mannes wecken, der in meine Ohren flüstert. Ist dann nicht geschehen. Es geschah aber …

    … es geschah aber, dass ich von ganz alleine wach wurde. Das halte ich für die Wecktendenz der Zukunft! Ohne Einmischung von außen. Ohne randalieren und ohne den Versuch, meine Sinne zu beschädigen, mich in zwei Teile zu sägen und ohne irgendeinen äußeren Einfluss wird der Schlafende und die Schlafende geweckt indem er und sie einfach, was?, genau: wach werden! Wachwerden indem man zu schlafen aufhört.

    Ich war schon einmal sehr nah an diesem Idealzustand, gefährlich nahe, daher kommen solche Phantasien. Meine Eltern haben mich als Kind geweckt, aber ich bin einfach nicht wach geworden, ich konnte mich nur mit Mühe waschen, anziehen, frühstücken; richtig wachgeworden bin ich erst im Auto. Meine Eltern sind beide Lehrer und wir sind damals zusammen in die Stadt und zur Schule gefahren.

    Verbrechen ist ein schönes Wort. Tat und Zutat: schöne Worte. Auch Verfolger ist ein schönes Wort. Das ist eine Ehre, wenn man nach einem Verbrechen verfolgt wird. Wenn man seinen Verfolgern zeigen kann, dass man besser ist als sie, schneller und gewitzter. Ich weiß nicht, ob diese Tendenz derzeit bei den Verbrechern sehr beliebt ist. Die meisten, fürchte ich, hauen einfach nur ab. Die verstehen das nicht als eine intellektuelle oder künstlerische Herausforderung. Ich fürchte, die Verbrechens- und Verfolgerforschung ist derzeit in keinem guten Zustand.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Oktober 2010

    Licht im August II: Der Anschein natürlicher Vorgänge

    Alle Welt amüsiert sich und ich führe das dürftige und entsagungsreiche Leben einer Schriftstellerin. Entsagungsreich ist ja ein seltsames Wort. Das gibts im Rumänischen häufig, das Worte sowohl den einen als auch den entgegen gesetzten Sinn haben.  Nach allerlei Verwirrungen der letzten Tage – Verwirrungen des Zöglings Torik – geht es hier wieder um das, worum es hier geht: Literatur.

    Zum Thema Erzähltechnik und Erzählperspektive lässt sich lang und vor allem breit referieren. Es ist ein Anfängerthema, das in der Regel in den ersten Semersten eines Literaturstudiums behandelt wird. Dennoch ist es komplex. Große Theoretiker wie Roland Barthes, Roman Jakobson und Paul Ricoeur – das sind nicht zufällig alles Franzosen, das war bei uns am Institut so, da waren die französischen Einflüsse maßgeblich – wichtige Arbeiten zu diesem Thema verfasst. Für die vorliegenden Zwecke scheint es mir ausreichend, sich zu vergegenwärtigen, dass der Leser es immer mit einer Erzählinstanz zu tun hat: nie kommt etwas an das Ohr oder das Auge eines Lesers, ohne dass es dahin gebracht worden ist.

    Es gibt keinen natürlichen Erzählvorgang. Wie in der darstellenden Kunst lange Zeit die sogenannte Zentralperspektive als die natürliche Perspektive galt, galt in der Literatur die chronologisch fortschreitende Erzählung als natürlich, die nach einem quasi additivem Prinzip formuliert wurde: Und dann und dann und dann …. . Hier wie dort handelt es sich allerdings nur um den Anschein natürlicher Vorgänge. Was man erzählt, muss man darstellen. Und durch die Darstellung verändert man eine Wahrheit, die es ohne diese Darstellung nicht gäbe.

    Das lässt sich an einem Beispiel zeigen, Miguel de Cervantes „Don Quijote von der Mancha“. Im zwanzigsten Kapitel sieht Sancho Pansa zu wie ein Ziegenhirte seine Herde von dreihundert Ziegen mit einem kleinen Boot über eine Furt hinübersetzt. Er muss jede einzelne Ziege transportieren, der Vorgang wiederholte sich also viele Male. Als der Knappe Don Quijote, der ja nicht dabei war, davon berichtet, erzählt er von jeder einzelnen Fahrt, mit immer den gleichen Worten immer wieder dasselbe, und noch eine und noch eine und noch eine …. Bis der edle Ritter ihn unterbricht: „Nimm an, er habe sie alle übergesetzt“, sagte Don Quijote, „und fahre nicht ewig so hinüber und wieder herüber, sonst wirst du in einem ganzen Jahr nicht fertig, mit dem Übersetzen deiner Ziegen.“

    Es gibt, versteht man hier nahezu intuitiv, ein zeitraffendes Erzählen, man kann die Herde in einem Satz hinüber transportieren und erzählen, es gibt ein zeitdeckendes Erzählen, was Sancho Pansa da im Sinne hat, und es gibt ein zeitdehnendes Erzählen: „in einem ganzen Jahr nicht“. Und wie man mit der Zeit umgehen kann, so kann man auch mit Modus, der Mittelbarkeit des Erzählten, und der Stimme verfahren, die Auskunft gibt über den Ort der Erzählsituation gibt.

    Da wir nichts erzählen können, ohne das Erzählte in eine zeitliche Ordnung zu bringen und da die Chronologie die einfachste Ordnung ist, die sich denken lässt, finden wir in jedem poetischen Text auch eine chronologische Ordnung. Bei Faulkner finden wir allerdings keine durchgehende Perspektive. Wir haben einundzwanzig Kapitel, die einzelne Geschichten und Personen aus unterschiedlichen Richtungen erzählen – Personen, mit individuellem Tonfall und unterschiedlicher Erzählgeschwindigkeit. Wir haben immerhin so etwas wie einen Rahmen, Lena Grove ist die beherrschende Figur des ersten und letzten Kapitels. Ein Gesamtbild der Ereignisse entsteht, indem Umstände mehrfach erzählt werden, aus den Blickwinkeln verschiedener Personen, verschiedener Zeiten und unterschiedlichen Wissenshorizonten des Lesers. Das ist kein Puzzle, das Faulkner hier legt, so dass am Ende, nach 21 Kapiteln, 480 Seiten und 30 Erwähnungen des Brandes von Joanna Burdens Haus ein vollständiges Bild vor uns steht. Das Bild hat an vielen Stellen Lücken und an anderen liegen ein Duzend Teile übereinander. Aber es ist das Bild, das Faulkner zeichnen will. Es ist seine Weise den Pinsel oder den Bleistift zu führen. Es ist sein Strich.

    Diese Art der Darstellung betrifft nicht nur die Einteilung in die Kapitel, sondern lässt sich im Detail zeigen. Ich verfolge die Erzählerpositionen im vierten Kapitel. Byron Bunch ist bei dem Geistlichen Hightower zu Besuch und erzählt wie am Tag zuvor die hochschwangere Lena Grove im Hobelwerk auftauchte. Sie hatte gehört, dass ein Mann namens Lucas Burch dort tätig sei, der Vater ihres Kindes. Dies allerdings ist eine Verwechslung aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit von Burch und Bunch. Das Verhältnis von Erzählerbericht und direkter Rede ist in etwa eins zu zwei. Es ist Byron, der erzählt. Hightower unterbricht lediglich bisweilen den Erzählfluss durch Fragen. Der Erzähler sitzt sozusagen als der unsichtbare Dritte mit den beiden anderen am Tisch. Ich referiere die Struktur dieses Kapitel, nicht jeden einzelnen Wechsel (dann bin ich im nächsten Jahr noch nicht fertig mit dem Übersetzen), mit Sprüngen, da die Angelegenheit recht unübersichtlich und komplex ist.

    Der Erzähler beschreibt kurz die Situation, da die beiden Männer zusammensitzen. Dann berichtet Byron in direkter Rede davon, wie Lena Grove im Hobelwerk plötzlich hinter ihm steht und nach Lucas Burch fragt. Durch Fragen Hightowers animiert, erzählt Byron, dass das Haus der Joanna Burden während er mit Lena spricht, brannte. Später hörte Byron andere reden, dass Christmas und Brown auf dem Grundstück der Joanna Burden in einer Hütte lebten. Sie haben dort illegal Whiskey verkauft. Weiter erzählt Byron, dass Joe Brown von einem Farmer betrunken in dem brennenden Haus gefunden wurde und inzwischen als Verdächtiger im Gefängnis sitzt. Christmas ist seither spurlos verschwunden, erfahren wir durch den Erzähler. Byron erzählt, dass Christmas Brown vor einiger Zeit betrunken aus einem Friseurladen gezerrt hat. In seiner Erzählung berichtet er das Gespräch zwischen Christmas und Brown in direkter Rede, als wäre er dabei gewesen; wir wissen allerdings nicht, ob es so ist. Dann berichtet der Erzähler, dass Byron nach der Arbeit im Hobelwerk Lena in eine Pension bringt. Byron berichtet in direkter Rede das Gespräch zwischen der Wirtin und ihm. Dann wird das Gespräch zwischen der Wirtin und Lena erzählt: vom Erzähler, obwohl es eigentlich Byron erzählen könnte, er war ja dabei. Von dieser direkten Rede geht’s ohne klärenden Übergang oder die Einmischung des Erzählers  wieder zu der direkten Rede zwischen Byron und Hightower. Dann erzählt Byron in direkter Rede davon, dass zur selben Zeit, da er mit Lena in der Pension saß, Brown im Büro des Scheriffs sitzt. Byron erzählt in direkter Rede noch einmal die Szene im Friseurladen, mit den wörtlichen Kommentaren der dort Anwesenden, dann berichtet Byron in direkter Rede von dem Landarbeiter, der den Brand entdeckt hat, den betrunkenen Brown und die Leiche der Miss Burden: obwohl er hier nicht dabei war. Das wäre Sache eines Erzählers, denn ein Erzähler, allwissend oder nicht, ist ja immer dabei. Dann erzählt Byron in direkter Rede wieder von Christmas und Brown, dann, in eingebetteter direkter Rede, von einem Gespräch zwischen den beiden, was nur ein Erzähler kann. Schließlich erzählt Byron in direkter Rede das Verhör zwischen dem Scheriff und Brown. Also ein erneuter Bruch in der Erzähllogik. Es übernimmt wieder der Erzähler, dann kommt der weitere Verlauf des Gesprächs zwischen Byron und Hightower und es endet, indem Byron erzählt, dass Lena von alledem nichts wisse und in direkter Rede werden die Worte Lenas wiedergegeben als sie in Jefferson ankommt, und von dem Pferdefuhrwerk absteigt, die Byron ja nicht kennen kann, denn er sagte ja zu Beginn zu Hightower, Lena hätte plötzlich im Hobelwerk hinter ihm gestanden.

    So ungefähr. In nuce kann man das sehr viel genauer machen. Aber das ist ja keine Arbeit aus dem Seminar. Die verschiedenen Dialogebenen gehen durcheinander. Byron erzählt Dinge, als wäre er dabei gewesen und übernimmt teilweise die Funktion des Erzählers, während der Erzähler sich an Stellen aus der Erzählung zurückzieht. Der Wechsel zwischen den Positionen geht in einem solchen Tempo vor sich, dass der Leser das gar nicht bemerkt. Man könnte geradezu von einer Auflösung einer konsistenten Erzählposition sprechen. Welche Funktion hat das? Was will Faulkner damit erreichen?

    Ich möchte zwei Dinge herausstellen. Die Distanz zum Leser ist in der direkten Rede sehr gering: so entsteht die Illusion einer großen Nähe zum erzählten Stoff. Wenn dann auch noch erzähllogische Grenzen übersprungen werden und die Figuren Umstände erzählen, die nur in indirekter Rede oder durch den Erzähler wiedergegeben werden können, dann dient das einerseits der weiteren Annäherung an den Stoff, hat aber noch eine weitere Funktion: die der Annäherung an unsere tatsächliche Wahrnehmung. Wir nehmen die Welt nicht strukturiert wahr, in chronologischer Weise, sondern mit großen Sprüngen, auch erzähllogischen Brüchen: hier haben wir etwas gehört, da ahnen wir etwas, da meinen wir bloß und dann wieder argumentieren wir oder unser Gegenüber. Hier haben wir einen inneren Monolog, da direkte Rede, eingebettete direkte Rede, Erzählerbericht. Das geht wild durcheinander. Das ist ja auch die Erkenntnis von Joyce und Sterne gewesen. Das ist die Auflösung einer konsistenten Erzählperspektive wie auch der Figurenrede. So wie die Wahrnehmung nun einmal funktioniert. Und das Erstaunlichste daran ist: man bemerkt es beim Lesen kaum. Vielleicht bemerkt man es auch im Leben nicht, diese Auflösung konsistenter Perspektiven. Und womöglich kann man doch, anders als eingangs behauptet, von einer natürlichen Erzählhaltung sprechen. Jedenfalls ist das das Bild, das, meiner Wahrnehmung nach, der Autor hier zeichnet.

    Das Verhältnis von Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern entspricht in etwa dem zwischen Schwerverbrechern und der Polizei. Ein guter Schriftsteller ist seinen Verfolgern immer um eine Nasenspitze vorweg. Die Literaturwissenschaftler versuchen mit ihren Modellen zu beschreiben, was die flüchtigen Künstler machen. Diese kriminalistischen Modelle können die wahre Welt der Literatur immer nur annähernd beschreiben, sie können die Gitterlinien des Verstehens enger oder weiter ziehen, aber sie laufen immer hinterher. Deswegen will ich Schriftstellerin werden. Ich will keine Erklärungsmodelle, keine Schemata und keine Morphologien entwickeln. Ich will Verbrechen begehen!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    13 Oktober 2010

    „Die ganze Zeit“

    Ich kündige ein Projekt für die nächsten 12 Monate an. Ob ich es durchhalte, wird sich zeigen. Aber darum geht’s auch nicht. Wer ebenfalls Lust darauf hat, kann sich gerne beteiligen: Oswald Egger, „Die ganze Zeit“. 700 Seiten Lyrik und Prosa, in Spalten.

    Ich kann nicht einschätzen, wie sich das entwickeln wird. Vielleicht zitiere ich nur bisweilen, vielleicht kommentiere ich es. Womöglich schreibe ich dem Autor einen Brief und beklage mich über die Unzugänglichkeit seines Werkes. Oder über dessen Brillanz, beides gleichermaßen beklagenswert. Wahrscheinlich werde ich weder das eine noch das andere tun, da ich ein differenziertes Urteil schätze. Ein Urteil, das sich auf eine mir nicht immer durchschaubare Weise in meinem Kopf herausbildet. Das muss nicht richtig sein, es muss nur ein Fundament haben, und ein Argument. Vielleicht ist ein Urteil auch eine Verteidigungsstrategie: fences and de-fences.

    Das Buch kann ich nicht durchlesen, ich werde es immer wieder einmal zur Hand nehmen. Und weglegen. Es mag mir Anregungen geben oder sie verweigern. Es wird dabei auf eine andere Weise um Worte gehen als in Romanen. Es wird um Silben gehen, um Klänge, um Rhythmik. Um Laute. Um Trochäen und Jamben und Hexameter. Oder auch nicht, es ist experimentelle Lyrik. Und dementsprechend werde ich sie auch zur Kenntnis nehmen, nicht stetig mich von vorne nach hinten, von links nach rechts, von Zeile zu Zeile lesend und durcharbeitend. Sondern springend, hüpfend, hinkend, vielleicht aleatorisch, vielleicht stochastisch. Ganz wie ich Lust habe. Und das klingt doch gut.

    „Eine Forke / Heu beutelt / Strohrosen in / Quasten.“, (Seite 301). Ich verstehe kein Wort. Ich sage das nicht zum ersten Mal: mein Deutsch ist für die Lyrik nicht gut genug.

    „Einen wie einen / Rabenschnabel / bereiften Winter lang / habe ich geschlafen.“ (Seite 381) Hier weiß ich genau was der Autor meint. Trotz dass der Vergleich – „wie“ – von Rabenschnabel und Reifen meiner Auffassung nach nicht passt, ein bereifter Winter – also Reif oder Tau, nicht ein Reifen – nicht zum Rabenschnabel passt, der Reifen aufgrund seiner Schwärze hingegen schon. Vielleicht sollen die Bilder sich überdecken und ergänzen. Oder es spielt eine Assoziation hinein, die ich nicht verstehe. Edgar Allan Poes Gedicht, The Raven? Die erste Strophe „einen wie einen“ würde in einem Prosatext unmöglich klingen. In der Lyrik hingegen, wo auf Klang sehr viel mehr Wert gelegt wird, klingt es anders: nicht unmöglich, sondern möglich. Und vielleicht nicht einmal das. Vielleicht ist das Unmögliche eine Kategorie die die Lyrik nicht reizt.

    Ich denke, der Herr Egger wird mich mal zu einem längeren Bier einladen müssen! Und wir werden nur über ein einziges Wort reden: Genauigkeit! Oder Ungenauigkeit. Wie immer man das bezeichnen will.

    Oswald Egger
    Die ganze Zeit
    Suhrkamp Verlag 2010
    ISBN-13 9783518421338
    44,80 EUR





    12 Oktober 2010

    Ich habe mich verrechnet

    Angekündigt war, dass ich eine Änderung in der Präsentation meiner Auseinandersetzung mit Literatur vornehme. Ich versuche das derzeit mit Faulkner. Statt einer ausführlichen Besprechung, gibt es kleinere Artikel, die allerdings, zu meinem Leidwesen, die Tendenz ind längere haben. Von einer Ersparnis kann also nicht die Rede sein. Es sieht sogar aus, als müsse ich noch tiefer in die Tasche greifen. Oder in den Hut, in den Zylinder aus dem hier gezaubert wird.

    Ich komme mit Faulkner gerade in Bedrängnis, da ich ja schon das Buch für den kommenden Monat lesen müsste, was derzeit illusorisch ist. Das Semester beginnt wieder, auch mit einem illusorischen Lese- und Arbeitspensum. Ich werde es in Zukunft so halten, dass ich meine Auseinandersetzung mit einem Buch über zwei Monate verteile. Faulkner gibt es also auch noch im kommenden Monat. Andre Gidé, Wolf von Niebelschütz und Dieter Forte werden dann auch jeweils zwei Monate lang auf dem Plan stehen. Das bedeutet, dass ich lediglich sechs Bücher im Jahr ausführlich besprechen kann. Das ist nicht viel, muss dafür aber sehr gut ausgewählt werden.

    Außerdem wird es bisweilen kleinere Texte geben, zu denen ich in der klassischen Manier etwas schreibe, als nächstes liegt Raymond Federman, „Eine Liebesgeschichte oder so was“ neben dem Bett. Außerdem kommt noch eine Auseinandersetzung mit einem größeren Projekt. Das wird sich voraussichtlich über ein ganzes Jahr hinziehen, läuft aber dennoch nebenher. Ich annonciere es morgen noch gesondert.

    Ankündigungen wie diese werden in Zukunft unter der neuen Kategorie stehen, die an sofort Aleatorik heißt. Früher hieß das Aléas Ich. Dieses Ich existiert in der alten Form nicht mehr. Veränderung ist die Mutter der Porzellankiste: oder wie heißt das Sprichwort?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Oktober 2010

    „Extreme Wahrheit“ versus „Erzählerische Unschärfe“

    Es handelt sich bei dem ersten Teil des Titels um ein Zitat von Bersarin, dem Hausherrn von Aisthesis. Dort wurde in der vergangenen Zeit über Walter Benjamin geschrieben. Ich habe eine Verständnisfrage zum Wahrheitsbegriff gestellt und gleich mehrfach Antwort bekommen. Die Antwort vom Nörgler war Bersarin so wichtig, dass er sie aus dem Kommentarbereich herausnahm und als Beitrag einstellte, hier.

    In dem zur Diskussion stehendem, geht es darum, von welcher Wahrheit wir sprechen, wenn wir von Wahrheit sprechen, die einen erkenntnistheoretischen Wert hat. Und, das jedenfalls war meine Frage oder mein Anstoß in der sich anschließenden Diskussion, inwieweit andere Wahrheitskonzeptionen womöglich über die philosophische hinausgehen. Ich habe das Beispiel vorgebracht, aus einem Gedicht: „I love you forever and a day.“ Ich unterstelle, dass eine philosophische Wahrheitskonzeption an dieser Zeile unweigerlich scheitert. Sie kann mit dem ersten Teil der Strophe umgehen, aber der zweite Teil ist ihr, da es sich um eine unlogische Behauptung handelt, denn nichts kann über das „forever“ hinausgehen, unbegreiflich. Sie scheitert vielleicht nicht einmal an der Analyse des Wahrheitsgehaltes. Sie scheitert in, und womöglich sogar durch diese Analyse, an dem Verständnis der Zeilen. Denn die Konzeption von Wahrheit kann nur eins: nach Wahrheit fragen. In der Liebe, möchte ich meinen, fragt man nicht nach Wahrheit. Von daher muss ich meine Aussage noch einmal präzisieren: womöglich scheitert der Wahrheitsbegriff nicht erst am zweiten Teil dieses Gedichtes, sondern bereits am ersten.

    Daraufhin hat Bersarin nun geantwortet, hier.  Ich muss mir mit meiner Reaktion bis zum Wochenende Zeit lassen. Die Frage ist, ob wir das Gleiche im Sinn haben. Wahrheit in einem ästhetischen Bereich ist keine einfache Konstruktion. Möglicherweise hatte ich keinen Wahrheitsbegriff im Sinn, auch wenn ich von Wahrheit gesprochen habe. Und selbst wenn die Ästhetik einen Begriff von der Wahrheit hat, hat die Poetik vielleicht keinen. Sie will beruhigen oder insistieren, sie will provozieren, rekapitulieren, idiosynkrasieren, bramarbasieren oder krepieren. Aber die Wahrheit will sie nicht. Der Ball in der Diskussion liegt also wieder bei mir.

    „Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
    im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
    sein Eigenes; was in den Gegenständen
    nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

    zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
    um nicht aus allem draußen Aufgereihten
    unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
    das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

    noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
    als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
    den Wurf entführt und freilässt -, und sich neigt
    und einhält und den Spielenden von oben
    auf einmal eine neue Stelle zeigt,
    sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

    um dann, erwartet und erwünscht von allen,
    rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
    dem Becher hoher Hände zuzufallen.“

    Rainer Maria Rilke, Der Ball





    09 Oktober 2010

    Selbstverteidigung oder: Mein Leben nach dem Tod

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei einschneidende Entscheidungen getroffen. Erstens trage ich von nun an einen Organspenderausweis bei mir. Ich schlage mich mit diesem Gedanken schon seit Wochen herum. Nun habe ich vor ein paar Tagen das Formular ausgefüllt und man hat mir einen Ausweis zugeschickt, den ich ins Portemonnaie gesteckt habe. Und zweitens mache ich jetzt aus Gründen der Selbstverteidigung Kung Fu. Man weiß nie, wozu das noch mal gut ist.

    Ich musste das gut überlegen, mit der Organspende. Das ist ein mulmiges Gefühl, das man dann hat. Ich denke, dass ich das wieder vergessen werde, diesen Ausweis und seine Bedeutung. Die nämlich, dass ich eine Ansammlung von Organen bin, für die es einen Markt gibt. Einen Markt, der, hier in Europa jedenfalls, jenseits des Lebens liegt. Im Falle meines Todes, so steht es in diesem Ausweis, können, auch das musste ich mir überlegen, meinem Körper sämtliche Organe entnommen werden. Also nicht nur Leber, Herz und Nieren, was man so landläufig gut gebrauchen kann. Ich kann zur Gänze weiterverwertet werden. Da sind die Hornhäute meiner Augen, die Gehörknochen in meinen Ohren und einige andere Teile. Ich habe letztens gelesen, dass man jemanden Arm und Hand von einem Spender angenäht hat. Vor einiger Zeit ist sogar ein Gesicht verpflanzt worden. Wer weiß was man in zwanzig oder dreißig Jahren noch alles wird machen können.

    Der Fall der Organspende tritt nur dann ein, wenn ich tot bin. Ich habe keinerlei Einfluss darauf, was dann mit meinem Körper passiert. Er wird, denke ich, ausgeschlachtet. Was man gebrauchen kann, wird entnommen. Dabei kommt es wohl darauf an, wie lange die entsprechenden Körperteile zu konservieren sind. Die Wartelisten für Herz, Niere und Leber sind lang. Dementsprechend wird sich schnell ein Empfänger finden. Wie das mit den anderen Dingen ist, weiß ich nicht. Ich habe keinerlei Einfluss darauf, welche Leute meine Körperteile bekommen. Ich nehme an, dass nach Männern und Frauen unterschieden wird. Ich nehme an, dass mein Herz an eine Frau geht. Ich nehme ebenfalls an, dass auch meine Hände, die ich als sehr weiblich bezeichnen möchte, nicht an einen Männerkörper angenäht werden. Ich nehme an, dass alles an meinem Körper eine weibliche und feminine Ausprägung besitzt. Weder meine Hüftknochen noch meine Handgelenke passen zu einem Männerkörper.

    Eines Tages also wird sich vielleicht eine Frau mit meinem Herzen in einen Mann verlieben. Ich kenne die Frau nicht. Sie wird über die Straße gehen und plötzlich schlägt ihr Herz, also ursprünglich meins, heftig. Sie sieht einen Kerl, den ich nicht gerade als attraktiv bezeichnen würde. Er sieht aus wie ein eingebildeter Fatzke. Und auch im Gespräch finde ich ihn nicht charmant. Ich habe allerdings keinen Einfluss darauf. Mein Herz schlägt offenbar Kapriolen bei einem Kerl, bei dem es eigentlich mit dem schlagen lieber aufhören möchte. Diese Frau wird sich für den nächsten Abend mit ihm verabreden. Sie wird zum vorher Friseur gehen und sich meine Haare machen lassen. Sie wird, wenn sie am späteren Abend auf einer Coach bei ihm in der Wohnung sitzen, seinen Avancen nachgeben, sie wird ihn mit meinen Lippen küssen, sie wird ihn mit meinen Händen berühren, sie wird sich meinen Busen küssen lassen, er wird ihr in meine Ohrmuscheln flüstern, sie hört es mit meinen Gehörknöchelchen, sie wird meinen Kopf in den Nacken werfen und sie wird mit meinen Stimmbändern ihre Lust herausschreien. Das jedenfalls meint dieser Kerl, während ich brülle, dass er seine Dreckspfoten da wegnehmen soll. Wie ich mich auch stäube, weder sie noch er werden es bemerken.

    Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass diese Frau mit meinen Händen und meinen Fingern in so ein Nagelstudio geht, sich die Fingernägel maniküren und diese hässlichen Geleinladen einarbeiten lässt, dann ist das definitiv zu viel. Ich muss mit jeden miesen Typen ins Bett gehen, aber meine Hände, meine Finger, meine Fingerspitzen: das ist das das Herzstück meiner schriftstellerischen Tätigkeit. Ich kann mit langen Fingernägeln nicht tippen!

    Ich kenne dich nicht. Du hast dich nicht bei mir bedankt für alles was du von mir bekommen hast. Ist auch nicht nötig, ich will deine Dankbarkeit nicht. Der Organspenderausweis war eine freiwillige Leistung. Aber wenn du mir meine zentrale Fähigkeit mit solchen Fingernägeln kaputtmachen willst, dann sieh dich vor. Ich bin nicht umsonst so viele Jahre zum Kung Fu gegangen. Wenn du meine Fingernägel langwachsen oder maniküren lässt, dann mache ich Hackfleisch aus dir, du blöde Kuh!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Oktober 2010

    Liebe, Freundschaft und zu einem kleinen Teil auch arbiträre Sexualität

    Hier ein Nachtrag zu dem Ereignis im Zug, auf der Rückfahrt aus Rumänien. Es geht mir noch einmal um die Freundschaft der beiden Franzosen, die mich so sehr beeindruckt hatte. Freundschaft ist ein wichtiger Wert. Liebe auch. Sexualität nicht weniger. Die drei müssen nicht immer parallel laufen. Sexualität ist ja noch einmal etwas anderes, ein anderes Register. Die kann die beiden anderen kaputt machen. Meist läuft sie auch nicht parallel – mit gar nichts, nicht einmal mit sich selbst -, sondern wild gezackt und, wie nennen das die Linguisten, arbiträr.

    Freundschaft ist ein Wert, den ich beinahe noch höher schätze als Liebe. Obwohl ich Liebe mehr ersehne. Mir geht ein Satz im Kopf herum. Aufschreiben ist für mich ein probates Mittel, etwas aus dem Kopf zu bekommen. Ich schreibe nur, weil ich meinen Kopf entleeren muss. Der Satz lautet:

    In der Freundschaft gehen wir davon aus, dass wir uns im anderen nicht täuschen und, was wir sehen, identisch ist mit dem wie der andere sich sieht. In der Liebe gehen wir davon aus, dass wir uns im anderen täuschen. Wir lieben nicht, wie der andere ist, wir lieben vielmehr wie wir ihn sehen.

    Dieses Blog wird heute und morgen zu einer Formulierungswerkstatt umfunktioniert. Teilnehmerkosten: keine. Hammer und Meißel muss jeder selbst mitbringen. Wer eine bessere, treffendere Formulierung kennt, kann die gerne kundtun. Er kann das hier in Stein meißeln.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Oktober 2010

    Licht im August I: “I believe that man will not merely endure … “

    [Krankheitsbedingt kommt der erste Eintrag in der neuen Kategorie leicht verspätet. Meine rumänischen Rassegene sind nicht mit diesen respektlosen Viren in Deutschland zurechtgekommen.]

    Ich hatte angekündigt, keine seitenlangen Buchbesprechungen mehr zu machen: zu viel Arbeit und zu wenig Plaisir. Ich versuche eine andere Form. Ich werde mich jeweils einen Monat lang mit einem Buch beschäftigen und Bemerkungen zu meiner Lektüre machen. Ich kündige im Voraus an, was ich lese. Ich mache das auch bei den Kategorien deutlich: in Lessons & Lectures gibt es ab sofort die entsprechende Splittung. In diesem Monat beschäftige ich mich mit William Faulkners wohl bekanntestem Roman „Licht im August“.

    Ich muss immer alles zweimal lesen, um es einmal zu verstehen. Beim ersten Mal nehme ich es zur Kenntnis und bei zweiten Mal nehme ich es auseinander. Der dritte Schritt, das zusammensetzen, das ist nicht mehr Teil des Verstehens. Das geht darüber hinaus. Weil man ein Buch, wenn man es einmal auseinandergenommen hat, nie wieder zusammengesetzt bekommt. Nicht so, wie es einmal war. Also belasse ich es bei den ersten beiden Schritten, für den dritten ist hier jeder selbst zuständig. Das ist ein Blog für fortgeschrittene Leser.

    Ich versuche mich also an einer neuen Form. Aber wie? Ich könnte die Handlung beschreiben, einige Personen, ich bringe das eine oder andere Zitat und schließe eigene Gedanken an. Dann hätte ich die klassische Rezension, parzelliert in eine Handvoll übersichtlicher Beiträge. Das will ich gerade nicht. Gebe ich hingegen keinerlei Anhaltspunkte zu Handlung und Personage, schließe ich Leser von der Möglichkeit zu Kommentaren aus. Das will ich natürlich auch nicht. Ich werde ein wenig experimentieren müssen, wie früher im Chemieunterricht. Obwohl offiziell Deutsch die  Unterrichtssprache in meinem Gymnasium war, wurden einige Fächer auf Rumänisch unterrichtet, Chimie, Fizică und natürlich Română. Engleză und Franceză wurden in der jeweiligen Originalsprache unterrichtet. In Sport gab’s vor allem Geschrei, in allen gängigen Sprachen. Mein Wortschatz in Chemie ist also mangelhaft. Außer dem, allerdings sehr zentralen Wort „explodieren“ habe ich kaum Chemievokabeln parat. Sollte jemand sich zu dieser neuen Präsentation äußern wollen, fordere ich ihn hiermit dazu auf. Es halte sich keiner zurück, den es zum Sprechen und Schreiben drängt.

    Ich hatte mir einmal vorgenommen, dass ich für das Blog nicht auf wissenschaftliche Literatur zurückgreife und keine Sekundärliteratur lese. Weil ich davon schon zu viel lese. Bei Faulkner bin ich geneigt, eine Ausnahme zu machen. Ich werde sie nicht machen, weil die Lektüre weiterer Wälzer derzeit nicht in meinen Arbeitsplan passt. Aber ich habe ein paar sehr interessante Sachen im Katalog bei den Grimms gefunden. Wer sich auf die Suche begeben möchte, kann das hier tun.

    Ich bin, wie viele andere auch, auf der Suche nach Autoren, bei denen ich eine Ähnlichkeit mit mir, meinen (Roman-)texten und meinem Streben erkennen möchte. Diese Ähnlichkeit sehe ich bei Faulkner. Die Verwandtschaft Faulkner und Torik ist vielleicht nur eine gewollte, eine eingebildete. Umso besser! Je größer die Vorbilder, desto näher sind sie. Etwas rückt, je größer es ist, nicht weiter weg. Im Gegenteil, die Lehre von der Perspektive zeigt, dass entfernte Dinge klein sind. Größe hingegen ist ein Zeichen von Nähe.

    Was beeindruckt mich an Faulkner? Sicher nicht sein Hauptthema: das Amerika der Südstaaten, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, die Rassenproblematik, die Sklaverei, die Nigger, ein Wort, das in geradezu penetranter Weise in seinem Werk wiederholt wird. Mich beeindruckt vielmehr, was sich davon in die heutige Welt mit hinübernehmen lässt. Als Trauma oder Schuld, die sich in den Personen und Charakteren eingeschrieben haben, ob sie nun im eigentlichen Sinne Täter sind oder den Ereignissen tatenlos zuschauen. Auch das lässt sich in seinen Romanen schön beobachten: es gibt Ereignisse, in die kann man nicht eingreifen. Das erfährt man zwar auf eine abstrakte Weise, wenn am Samstag die Lottozahlen ermittelt werden, aber nicht alles, was man erfährt wird auch zu einer Erfahrung. Vielleicht macht man im Leben sogar nur wenige echte Erfahrungen. Bei Faulkner kann man so eine Erfahrung machen. Man erfährt, wie die Ereignisse um Joe Christmas sich langsam verdichten, sie schnüren diesen Mann immer weiter ein und drücken ihn zusammen, bis sie ihn schließlich vernichten.

    Angeblich hat Christmas Joanna Burden, mit der er jahrelang ein Verhältnis hatte, getötet und ihr Haus in Brand gesteckt. Sicher ist das nicht. Es könnte auch Joe Brown getan haben. Christmas und Brown leben zusammen in einer Hütte hinter dem Haus von Joanna Burden. Sie arbeiten gemeinsam in einem Hobelwerk und verkaufen illegal Whiskey. Brown wird sturzbetrunken am Tatort gefunden wird und will einen zufällig am Tatort Mann daran hindern, das Zimmer zu betreten, in dem die Leiche Joanna Burdens liegt. Brown ist der Tatverdächtige, kann das Blatt im Verhör aber wenden, als er sagt, dass Joe Christmas möglicherweise, (ich zitiere dieses Wort, das in den Mund zu nehmen ich ablehne) „Niggerblut“ in den Adern hat. Von diesem Zeitpunkt an wird die Täterschaft Christmas kaum mehr in Frage gestellt.

    Am Ende wird Joe Christmas gelyncht. Er wird erschossen und von seinem Mörder bei lebendigem Leibe kastriert. So wenig wie ihm die Tat nachgewiesen werden konnte, so wenig ist seine tatsächliche Herkunft geklärt. Christmas weiß nicht, ob er schwarze Vorfahren hat und, soweit ich das verstanden habe, weiß es auch der Erzähler nicht. Es ist der Person nicht anzusehen und von daher ist es eher unwahrscheinlich. Dennoch ist diese Unsicherheit das Trauma seines Lebens, da er das als Mangel an Identität empfindet. Die Wahrheit daüber verschwindet dann in den Umständen, in einer sich zunehmend verdichtenden Gegenwart, wo es dann plötzlich so ist wie es aussieht: da ist Christmas dann halb „Nigger“ und er hat Mrs Burdon getötet.

    Die Dinge, die Umstände, die Personen meinetwegen, sind nicht einfach aneinander gekettet, wie auf einer Perlenreihe, wo man sich nur von vorne nach hinten durchzählen müsste, um die Zusammenhänge zu begreifen. Die eigentlichen Verkettungen liegen jenseits des Sichtbaren und Greifbaren. Jenseits auch des einfach Erzählbaren. Das mehrt sich durch die mehrfache Erzählung. Darin möchte ich die eigentliche Kunst dieses Autors erkennen: die Erschaffung eines Sinns ist nicht an eine Person gebunden. Oder eine Perspektive. Das brennende Haus hat einen anderen Sinn, je nachdem ob es einfach nur brennt, ob jemand darin verbrennt, ob ein Mordopfer darin verbrennt, ob es der mögliche Mörder ist oder ob der mögliche Mörder ein Konkurrent in der Liebe um eine Frau ist. Und so liest man sicher zwanzig oder dreißig Mal von dem brennenden Haus. Und jedes Mal enthüllt es, während es abbrennt, andere Details der Geschichte. Eine andere Wahrheit. Wahrheit ist nicht die absolute Wahrheit, sondern die Wahrheit der Verhältnisse, die sich nicht haben überwinden lassen. Das sind die Verkettungen, in denen wir auch heute noch existieren: Wahrheit, die nicht unsere Wahrheit ist, sondern nur eine unter anderen, aber die einzige, die greifbar ist.

    Die Überschrift zu diesem Artikel stammt aus Faulkners Nobelpreisrede. Vollständig lautet der Satz: “I believe that man will not merely endure: he will prevail. He is immortal, not because he alone among creatures has an inexhaustible voice, but because he has a soul, a spirit capable of compassion and sacrifice and endurance.”

    Ich habe das entdeckt als ich zufällig auf die Besprechung von Katharina Dittes bei Literaturkritik stieß, wo ich auch schon einmal etwas geschrieben habe. Sie macht da einige schöne Bemerkungen zu der neuen Übersetzung, hier.

    William Faulkner
    Licht im August
    Rowohlt Verlag, 480 Seiten
    19,90 €
    ISBN 978-3-498-02068-2

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.