27 September 2010
Es wird Sommer, es wird Winter
Ich sitze im Zug. Ich weiß nicht, wohin er fährt. Ohne Ziel fährt er womöglich nur um der Bewegung willen. Er fährt durch Städte und durch Länder. Er fährt durch Wiesen und Wälder. Er fährt am Tag und er fährt in der Nacht. Er fährt und fährt. Es wird Sommer, es wird Winter.
Der Zug fährt und dabei verändern sich die Bilder, draußen vor dem Fenster. Es verändern sich die Bilder in einem. Es verändern sich die Dinge selbst. Es ändert sich die Sprache. Es ändert sich die Geschwindigkeit, der Zug wird langsamer. Liegt es an der Landschaft oder an der Sprache oder am Wetter? Liegt es an den Bildern, den Dingen oder einem selbst? Dann wird der Zug wieder schneller und erneut weiß man nicht, woran es liegt. Es wird Sommer, es wird Winter.
Der Zug fährt und fährt und manchmal hält er an. Er bleibt auf einem Bahnhof stehen und öffnet seine Türen. Die einen steigen aus, andere steigen ein. Vielleicht sind es dieselben. Sie steigen aus, drehen sich einmal um die eigene Achse und steigen dann wieder ein. Sie sitzen stundenlang auf der Stelle. Sie halten es nicht aus, sie wollen raus, sie verlassen den Zug an der nächsten Station. Erstaunt bemerken sie, dass sie dies noch viel weniger aushalten. Dann steigen sie kleinlaut wieder ein. Sie suchen sich einen anderen Platz. Der Zug fährt wieder an, er wird schneller und schneller. Und die Menschen bemerken, dass sie es nicht aushalten. Sie fahren ein Stück, bis zur nächsten Anfechtung, bis sie erneut aus dem Zug springen, sich umdrehen und wieder einsteigen. Es wird Sommer, es wird Winter.
Der Zug fährt durch Gelände und Gebiete, durch Landschaften und Regionen, durch Orient und Oxident, durch Himmelsrichtungen, Breiten- und Längengrade. Er fährt durch das Hochgebirge und durch die Tiefsee. Er fährt durch die Walachei und die Mongolei, durch die Wüste Gobi und durch die Sahara, durch die Kalahari und durch Kasachstan, Er fährt durch die Steppe und die Savanne und die Prärie, durch Tundra und Taiga. Er fährt durchs Holozän und durchs Pleistozän. Er fährt durch Geologie und Geografie und Geometrie. Und manchmal fährt er einfach nur durch die Gegend. Es wird Sommer, es wird Winter.
Der Zug fährt durch Farben und durch Formen, durch das Grün und Gelb der Landschaft, durch das Blau des Himmels und das Braun der Erde. Durch das Grau der beginnenden Nacht und das Orange des neuen Tages. Er fährt durch das Runde und das Eckige, er fährt durch Reliefs, Ellipsen und Parabeln. Es wird Sommer, es wird Winter.
Der Zug fährt durch Wind und Wetter und durch Wolken. Der Zug fährt durch das Heute und das Gestern. Er fährt durch das Leben und durch den Tod. Durch das Gewollte und das Vermiedene, das Erträumte und das Verwirklichte. Das Gerade und das Krumme. Das An-stelle und das Ver-rückte. Er fährt durch die anderen und durch einen selbst. Es wird Sommer, es wird Winter.
Der Zug fährt durch das Gleiche und das Unterschiedene. Er fährt durch das eine, durch das andere. Er fährt durch alles. Und das eine verändert sich und das andere verändert sich. Alles verändert sich und bleibt doch dasselbe, es bleibt wie es ist. Es wird Sommer, es wird Winter.
Der Zug hält an. Ich bin in Sibiu. In bin in Sibirien. Ich bin in Rumänien. Ich bin in Namibia. Ich bin irgendwo auf der Welt. Oder außerhalb. Ich steige aus. Weil es weder eine Unterführung noch eine Überführung gibt, gehe ich quer über die Gleise. Vor oder hinter dem Zug, der aussieht als bewege er sich nie wieder von der Stelle. Als sei er am Ende seiner Kräfte. Als habe es ihn alle Kraft der Welt gekostet, mich hierher zu bringen. Nun liegt er erschöpft da. Er hat sich zum Sterben hierher gelegt. Mein Vater holt mich vom Bahnhof ab. Er steht an den Gleisen. Er schaut mich an. Er lacht oder er weint. Es ist noch einmal Sommer geworden, sagt er. Ja, antworte ich, es wird Sommer, es wird Winter.
(Das war die poetische Variante meiner Reise. Morgen erzähle ich wie es wirklich war. Morgen erzähle ich, wie es wirklich gewesen sein könnte. Ich habe keine Ahnung wie es wirklich war. Ich war schließlich nicht dabei. Ich war ja, wie so oft, mit meinen Gedanken woanders.)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: September 27th, 2010 unter Belle-e-triste, lang













Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 22:29
das spiel mit den moeglichkeiten, das spiel mit den realitaetsebenen, die in wirklichkeit so unheimlich dicht nebeneinander liegen, gefaellt mir ungemein gut. natuerlich auch das sujet des reisens, des bahnfahrens, ihr innerer monolog, der so persoenlich geformt ist. ich habe beim lesen das gefuehl, als kaeme etwas ganz urtuemliches hoch, etwas, das man selbst erlebt hat oder sich sehr gut selber vorstellen kann. und es steckt ganz viel betrachtungszeit darin, eine langsamkeit, die man in der hektik des alltags so bitter noetig hat so sehr vermisst, die in der kindheit oder waehrend einer krankheit wieder mal vorhanden ist. oder in seltenen phasen von einsamkeit und ruhe.