25 September 2010
Ich komm nicht rein, ich komm nicht raus
Ich habe Schwierigkeiten wieder hinein zu kommen. In die Verhältnisse hier. Vor vier Wochen hatte ich Schwierigkeiten, heraus zu kommen und jetzt komme ich nicht hinein. Wie ein Terrier hatte ich mich im August in die Vorstellungen verbissen, etwas zu Ende zu bringen. Ich konnte nicht davon lassen. In Siebenbürgen bin ich nur schwer hineingekommen. Und kaum dass ich dort drin war, wollte ich auch schon wieder heraus. Ich wollte nach Berlin und weiterschreiben. Nun komme ich nicht in das Hier hinein. Obwohl ich nicht einmal aus dem Dort heraus muss, weil ich da ja auch nicht richtig drin war.
Ich komme aus der einen Sprache nicht heraus und in die andere hinein, ich lese `Basmati-Müsli´ wo `Basis-Müsli´ steht, ich lese `neuartig lecker´ wo `neu und lecker´ und `lesbisch´ wo `leise´ steht. Ich höre Leute Rumänisch sprechen und denke noch, dass sie einen ungewöhnlichen Akzent haben, bevor ich bemerke, dass es, streng genommen, eigentlich Französisch ist. Ich sehe Leute, die ich in Rumänien auch gesehen habe, gerade eben auf dem Markt: eine Frau aus meinem Dorf. Es geht alles durcheinander. Auch ich selbst, ich wollte auf den Markt und bin zuerst im Supermarkt gelandet.
Ich will Sonne und es regnet! Ich will schreiben, dass ich Regen schreiben will, aber nicht einmal das schaffe das. Ich schreibe nicht Regen, ich schreibe Ploaia. Ich will nach Hause, aber ich weiß nicht, wo das ist. Ich weiß nicht, wohin ich will.
Jetzt sieht ganz so aus, als werde ich auch noch krank. Ich schreibe das nicht, weil ich Mitleid brauche. So schlimm wird’s wohl nicht werden. Mitleid und Lamento kann ich nicht ausstehen. Ich notiere es vielmehr, weil ich einer Sekte angehöre, deren Mitglieder immer alles aufschreiben. Weil wir daran glauben, dass es davon besser wird. Oder schlimmer: wir glauben, dass es nur davon besser wird.
Das bedenkenswerte Schicksal des Mannes in der folgenden Geschichte zeigt das: Es war einmal ein Mann, der alles aufschrieb. Seine Frau beklagte sich darüber, jahrelang. Stein des Anstoßes war, dass er geradezu zwanghaft alles in Schriftform bringen musste, jede Banalität. So wie der Mann sich in seine Welt hineingesteigert hatte, das Schreiben, so steigerte sich die Frau in die ihre hinein, das Beklagen. Bis die Frau dem Mann eines Tages unmissverständlich zum Ausdruck brachte, dass sie sich, sollte er nicht endlich aufhören alles aufzuschreiben, von ihm trennen werde. Damit ist die Geschichte zu Ende. Beinahe jedenfalls. Ich kenne sie nur, weil der Mann die Drohung seiner Frau natürlich sofort aufgeschrieben hatte.
Nun, da ich es aufgeschrieben habe, gehe ich davon aus, dass die Krankheit, wie die Frau in der Geschichte, das Weite suchen wird. Morgen werde ich dieses Schiff hier wieder auf die literarische Schiene setzen. Wenn Schiffe auf Schienen gehören. Ab Morgen ist das so. Ab Morgen fahren hier Schiffe auf Schienen. Ab Morgen bin ich wieder fleißig. Ab Morgen werden hier wieder Romane geschrieben. Mindestens drei Stück am Tag.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: September 25th, 2010 unter Allzupersönliches, mittel












Kommentar von Björn
Datum/Uhrzeit 25. September 2010 um 23:48
Vielleicht nicht mehr vor die Tür gehen, bis die Umgebung wieder stimmig ist. Einmal noch zum Markt bzw. Supermarkt, dann abtauchen.