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  • 24 September 2010

    Bilder, ohne alles

    In Vorbereitung meines Urlaubs und auch nach meiner Wiederkehr wurden hier, anders als bisher, Bilder gezeigt wurden. Da der Wunsch nach weiteren Bildern geäußert wurde, habe ich mich kurzfristig entschlossen noch eine kleine Serie zu machen. Ich sehe eigentlich keine Möglichkeit, solche Bilder in meine Artikel und Interessen zu integrieren. Deswegen wird es keine Fotos mehr geben, von Ausnahmen abgesehen. Wir haben es allerdings auch im Bildbereich noch mit der deutschen Grammatik zu tun. Und die wäre ohne Ausnahmen einfach nur ein Witz.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 25. September 2010 um 00:03

    WOW! Was fuer herrliche Perspektiven, was fuer interessante Artchitektur- so vollstaendige Ensemble, interessante Atmosphaeren. Dann die herrlichen Gruentoene in der fantastischen, unbegradigten Natur mit den wetterbedingten Schichtungen, dem Verblassen nach hinten.
    Das Negelbrett hinter dem Brautpaar hat sicher eine symbolische Bedeutung?
    Werden die schoen geformten Grabsteine auch heute noch so hergestellt?

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. September 2010 um 10:32

    Liebe Iris Nebel (und auch Teresa)

    Das Nagelbrett sehe ich hier zum ersten Mal. Ich kenne seine Bedeutung nicht, auch die des Löwenkopfes darüber nicht. Oder ist das eine Chimäre? Die Grabsteine und Grabplatten gibt’s auch heute noch.

    Ich hatte mit meiner Freundin Anna, die wir über mehrere Friedhöfe gegangen sind, auch das Gespräch, was wir uns für die Zeit nach dem Tod vorstellen. Anna wollte ein Grab, sie wollte eine Stelle, wo die Lebenden hingehen können. Ich wollte das Gegenteil, ich stelle mir das so vor wie das die Katzen machen, wenn sie spüren, dass sie sterben, die gehen einfach weg, die suchen sich einen Ort und machen das mit sich alleine aus. Für beide Positionen gibt es gute Gründe. Der Tod ist ein Teil des Lebens und es muss, würde Anna sagen, den Lebenden die Möglichkeit gegeben werden, mit den Toten umzugehen und sie können sich ja immer noch entscheiden, das Grab – und den Umgang mit den Toten – nicht zu pflegen. Ich hingegen nehme den Lebenden diese Entscheidung ab und schreibe den Lebenden damit vor, dass der Umgang mit den Toten einzig in der Erinnerung stattfinden kann. So gesehen, ist Annas Position die verantwortungsvollere.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 25. September 2010 um 12:06

    Wenn ich Deine wunderbaren Bilder sehe, steigen die Erinnerungen an die Bukowina, das Buchenland, in mir auf. Da sieht es genauso aus!

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 26. September 2010 um 15:13

    ich schaetze mal, es ist ein daemon (halb loewe, halb wolf, halb drache), der ueber dem nagelbrett trohnt. er diente im mittelalter an kirchen zur vertreibung boeser geister.
    im neuen umfeld- vielleicht eines standesamtes, koennte er aehnliche funktion besitzen, alles unheil von den brautpaaren zu vertreiben oder abzuhalten und die naegel darunter dienen vielleicht aehnlichem. ein test, ob das brautpaar einen fetten nagel hineinbekommt, wie einen zimmermannsnagel am glueck des neuen hauses/des neuen gemeinsamen lebens/der beginn des familienlebens. wenn der nagel haelt, gerade hineingeht, dann wird es eine glueckliche verbindung, die lange besteht. der daemon haelt jeden fremden, der sich an dem nagel zu schaffen machen will, davon ab, die ehe zu gefaehrden. aber ich werde dazu mal recherchieren, das ist nur spekulation.

    zum tod- ich selber moechte mit meiner asche an einem platz an Schottlands kueste uber dem meer verstreut werden. mich graust es vor der dunklen erde. und ich moechte dahin zurueck, wo wir urspruenglich hergekommen sind…

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 26. September 2010 um 15:38

    Liebe Iris,

    im Tod dahin zurück, wo man herkommt. Das kann ich wohl verstehen, obwohl es einerlei ist. Oder vielmehr ist es eine Vorstellung im Leben, was mit einem nach dem Tod geschieht. Wahrscheinlich macht einem diese Vorstellung das Unvorstellbare, nicht mehr zu existieren, leichter.

    Wenn Sie ursprünglich aus Schottland stammen, dann ist Deutsch auch Ihre zweite Muttersprache, oder? Bei mir ist das so, dass Deutsch in keiner Weise eine Fremdsprache ist. Ich habe zwei Elternteile und von jedem der beiden eine Sprache.

    Ich nehme an, das Nagelbrett wird heute nicht mehr benutzt, das Bild mit dem Hochzeitspaar ist an einer historisch bedeutsamen Stelle entstanden Es wird derzeit viel geheiratet in Sibiu und an dieser Stelle, der evangelischen Kirche, im historischen Zentrum, da tauchen sie alle irgendwann auf, die Paare mit ihren Fotografen.

    Aléa

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 26. September 2010 um 21:21

    Liebe Aléa Torik,

    ich bin keine Schottin, aber ich habe dort einen fantastischen Ort erlebt, der mich zu meinem Entschluss brachte. Er haengt mit unserer juengsten Familiengeschichte zusammen.

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 26. September 2010 um 21:30

    Die “Casa Calfelor Sibiu” ist ein historisches Gesellenhaus von wandernden Zimmerleuten. Ich nehme an, dass die Gesellen ihre Fähigkeit, Nägel einzuschlagen unter Beweis stellen müssen oder mussten, die sogenannte Nagelprobe. Schneck08 kann ja mal da vorbeigehen, unten am Holz ist eine Tafel angebracht, was draufsteht kann ich aus dieser Entfernung nicht lesen. Alèa hatte nur die schöne Braut und den jungen Mann mit Handy im Sinn.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 26. September 2010 um 21:57

    Lieber Bücherblogger,
    Kennen Sie sich so gut aus oder ist das eine gute Internetrecherche? Was Sie schreiben ist jedenfalls richtig. Das Wort Nagelprobe kannte ich allerdings nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung. Jetzt kenne ich es und ich kenne die Ecke da. Sogar sehr gut, das ist fünfzig Meter von der evangelischen Stadtkirche entfernt und fünfundfünfzig von meinem Gymnasium (das zweite Bild von oben, in doppeltem Sinne, nämlich der Reihe nach von oben und in der Perspektive von oben: dem Kirchtturm der Kirche, deren Vorhof unser Schulhof war). Allerdings hat sich in den letzen zehn Jahren sehr viel geändert.
    Das Paar war so reizvoll, weil er telefonierte, der Fotograf irgendetwas anderes fotografierte und die Braut dennoch glücklich ausschaute.
    Aléa

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 06:22

    Nur “À la recherche du…[www]“. Ich verfalle manchmal der Eitelkeit (William Makepeace Thackeray: “Vanity Fair or A Novel without a Hero”) intelligenter erscheinen zu wollen, als ich in Wirklichkeit bin.
    “Die Liebe [zum Aleatorik-Blog] besteht zu drei Vierteln aus Neugier.” Giacomo Casanova

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 09:14

    Lieber Bücherblogger,
    ich antworte noch darauf, auch auf Ihrem eigenen Blog. Vorerst aber melde ich mich krank. Kein Mitleid bitte! Ich werde ja wieder gesund. Voraussichtlich jedenfalls. Ich schreibe das hier auch nicht selbst, ich diktiere bloß. Ich bin gestern zu einem Freund umgezogen, der mich pflegen muss. Und dem ich diktieren kann. Vielleicht höre ich ganz auf zu schreiben und diktiere bloß noch.
    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 10:14

    Liebe Aléa,

    diktieren wie Goethe? Das funktioniert nur im Stehen. (schon gesehen in Weimar: die “showrooms” – und dahinter die spartanische Arbeitswohnung des Alten?) Darüber wollte ich mal schreiben: über Stehend-Diktierer, Bett-Leser, Hand-Schreiber, Schreibmaschinen-Anschläger – Schreib-und Lese-Körperhaltungen und wie sie sich im Werk zeigen. Hat sich zerschlagen der Plan (wahrscheinlich ohnehin fruchtlos-spekulativ).

    Ganz ohne Mitleid: Gute Besserungswünsche!

    Melusine

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 23:12

    Liebe Melusine,
    der Plan hört sich wirklich undurchführbar an. Geben Sie wenigstens einen kleinen Hinweis: wie unterscheiden sich Stehpult- von Schreibtischschreibern, wie Bett- von Coachlesern?
    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 12:35

    Liebe Aléa,

    ich wollte nicht sagen, dass die Idee undurchführbar ist, sondern dass ich die Zeit nicht fand, ihr zu folgen. (in der Tat hatte ich vor fast 15 Jahren sogar schon eine Professorin gefunden, die die Arbeit als Habilitationsschrift betreut hätte). Die Paare, die Sie oben bilden, gehen jedoch schon in die Feinanalyse :-) .

    Grundsätzlich ginge es um solche Unterscheidungen: Diktieren vs. (Hand-)Schreiben, das hieße Stimme vs. Buchstaben (Visualisierung). Ein Text, der zuerst gesprochen (und gehört) wird, basiert nach meiner Überzeugung auf einer anderen Auffassung vom “Wesen der Sprache”, als einer der zuerst geschrieben, d.h. über Zeichen “visualisiert” wird. (Man könnte das z.B. in Begriffe wie Symbolik und Allegorie fassen, wobei sich hier neue Probleme auftäten; jedenfalls, denke ich, dass ein “Sprecher” an die “Wahrheit” der Sprache eher glaubt, als ein Schreiber, dem sie ein willkürliches und kontingentes Zeichensystem ist.)

    Die andere Unterscheidung (Stehend-Schreiber bzw. Schreibtischschreiber vs. Liegend-Schreiber bzw. Knie-, Küchentisch-, Kaffeehaus-Schreiber) hätte damit zu tun, ob ein Schreibender sein Schreiben als Arbeit oder eben gerade nicht als Arbeit begreift. Ob man also sagte: “Ich bin Schriftsteller/in.” oder “Ich schreibe.” Beide Aussagen meinen etwas völlig Unterschiedliches. Das drückt sich eben auch in der Haltung aus (die eine Arbeitshaltung sein kann oder aber gerade deren Vermeidung). Usw. usw. – ich hatte damals schon Zuordnungen (sehr grob vorgenommen und Texte auf diese Unterscheidungen hin analysiert). Philosophisch/literaturwissenschaftlich betrachtet wäre das eine Fragestellung, die sprachphilosophische und medientheoretische Themen mit Problem der Autorschaft verbindet (und wie immer wäre mir eine Geschlechterperspektive dabei wichtig :-) . Sie sehen: Das wird nix mehr. Ich bin einfach schon zu alt.

    Herzliche Grüße

    Melusine

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 15:33

    Liebe Melusine,

    vielen Dank für die weiterführenden Betrachtungen, die mich nun meinerseits, wenn’s gelingt, zu einem Beitrag animieren: nämlich Schreiben als Arbeit oder als ja, was ist die Alternative, Vergnügen? Ich empfinde es als harte Arbeit. Aber sie macht großes Vergnügen. Vielleicht komme ich da nicht weiter, ich kränkele so vor mich hin und traue meinem Denk- und Assoziationsvermögen nicht über den Weg. Aber so viel wie aus einem nassen Handtuch, müsste sich, wieder klaren Sinnes, doch aus dieser Gegenüberstellung heraus wringen lassen.

    Für manche Texte ist man nicht zu alt, sondern noch zu jung.

    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 16:23

    Liebe Aléa,
    es ginge (mir) nicht um den Gegensatz Arbeit – Vergnügen (meine bezahlte Arbeit macht mir auch Vergnügen), sondern darum, das Schreiben als Beruf, das heißt als Seins-Weise zu begreifen; in dem Sinne in dem Arbeit in der bürgerlichen Welt (auch – zumindest der Ideologie nach) identitätsstiftenden ist.
    Für mich ist sie das nicht. Keine. Sowenig wie das Schreiben oder Malen. Ich tue Dinge. Aber ich bin nicht, was ich tue. Ich wollte nicht mal als ich jung war “Schriftstellerin” oder “Psychologin” oder “Köchin” … sein. Ich wollte bestimmte Dinge machen. Und wieder lassen (können). Ich hoffe, ich kann den Unterschied wenigsten ein bisschen verdeutlichen. Mir ist er wichtig. Weil er auch Ursache dafür ist, dass ich nie irgendwo ankommen kann. (Was ich manchmal als Chance begreife, aber auch oft als sehr schwierig.) Es ist auch ein Problem der Anerkennung. Für einen “arbeitenden” Schreibenden bedeutete Ankommen, stelle ich mir vor, a l s Schriftsteller/in erkannt zu werden. Für jemanden, der anders schreibt, bedeutete es, dass der Text anerkannt werden müsste, während er oder sie selbst sich von diesem schnell wieder löst. (Die Sehnsucht, die Entfremdung in der Arbeit nicht zu überbieten, sondern zu unterlaufen, in dem man das Produkt selbst nicht mehr als “das Eigene” erkennt.)

    Herzlichst
    Melusine

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 17:55

    Das ist der Unterschied zwischen Ruhm und Ehre: während jener im Widerhall des gespendeten Applauses hell den Saal erleuchtet, entschwindet diese lautlos und unbemerkt durch die Nebentür.

    avenarius

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 20:22

    Vielleicht bin ich etwas morbide, aber ich habe mir gerade die drei Fotos des Bergfriedhofs angeschaut. Memento mori nach der Hochzeit. Er ist so anders als die Friedhöfe hier. Diese massiven, monumentartigen Grabsteine mit Fotos der Verstorbenen und oben immer einem steinernen Kreuz. Die Gräber sind auch nicht so gepflegt. Das Grün wächst nicht nur als Baum und Strauch um den Friedhof herum, sondern breitet sich auch auf den Gräbern selbst aus. Als ob es ganz natürlich wäre, wieder Teil der Natur zu werden und die Fotografien bilden einen Kontrast dazu. Der Weg hinauf mit dem eisernen Geländer, das kann ja nur der “Stairway to Heaven” sein. Das letzte Foto aus der Ferne, das kommt mir so vor, als ob da keine Grabsteine stehen, sondern die Toten selbst in gespenstischem Weiß. Sie werden es nicht glauben, aber das Captcha für mich heißt wirklich “Rimbaud”, wenn das nicht passend ist.

    Pingback von Nicht/ Für die Ewigkeit (15) – Das rote Zimmer, Felix Valloton, 1898 | Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 23:46

    [...] ich sehe das anders. er hat ihr etwas zu sagen. ein ernstes gespräch. sie verschränkt trotzig ihre hände vor der brust. ihr blick geht zu boden. ihre seele wird beschwert. seine worte wiegen zu schwer. er verleiht ihnen mit einer arroganten handgeste nachdruck. sie meint, dass sie doch endlich still sein soll. dabei ist sie nicht zu laut. nicht sie stört den vortrag des klavieres, mann täuscht sich. das missgefühl entstand durch das fehlende holz im kamin. er hat nicht nachgelegt, er hat die flamme verlöschen lassen. und sie speicherte ihre kleine flamme lange zeit in ihrem herzen, aus dem sie nicht länger eine mördergrube macht… wenn er sie aus dem kreidekreis verbannt… mehr freiheit finden. pflanzen auch ohne gitter beschützen. hegen und pflegen, nutzen, wild wuchern lassen. [...]

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 29. September 2010 um 20:48

    Lieber Avenarius,

    das ist eine wichtige Unterscheidung. Wenn Sie zwischen Ruhm und Ehre wählen könnten, was würden Sie wählen? Und warum. Aber seien Sie vorsichtig! Übrigens glaube ich, dass, in dem was Sie sagen, die am weitesten verbreitete Erscheinungsform menschlichen Daseins gar nicht erwähnt ist: nicht das Entweder – Oder, sondern das Weder – Noch. Weder Ruhm noch Ehre. Aber das wäre eine andere Bemerkung gewesen. Ich bin gespannt auf Ihre Begründung, wofür Sie auch immer plädieren.

    Von Faulkner stammt der vielzitierte Satz: „Wenn ich die Wahl habe zwischen dem Nichts und dem Schmerz, wähle ich den Schmerz“ (habe ich bei Dieter Forte gelesen). Und Faulkner kommt ja hier demnächst groß raus.

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 29. September 2010 um 20:52

    Lieber Bücherglogger,
    denselben Gedanken hatte ich auch: es sind die Toten die da stehen. Aber sie sinds nicht. Sie sehen nur noch aus.

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 29. September 2010 um 22:50

    @avenarius Ruhm und/oder Ehre? Zu beiden Begriffen habe ich – spontan – gar keinen Bezug.Vielleicht weil beide so sehr mit militärischen Traditionen konnotiert sind? Der Begriff der Anerkennung ist mir lieber. Anerkennung möchte und braucht jede und jeder. Die Frage ist nur, auf welcher Ebene man sie bekommen möchte und auf welcher man sie bekommen kann oder tatsächlich bekommt. Und außerdem natürlich: Oft widerstreiten sich zwei Bedürfnisse nach Anerkennung in einer Person. Bezogen auf die von mir ins Spiel gebrachte Unterscheidung ginge es nicht vordergründig um “Ruhm”, sondern darum, dass man wünscht als “professionell” anerkannt zu werden (eben sagen kann: “Ich bin Schriftsteller/in”.). Das finde ich absolut nachvollziehbar. Ich denke nur, dass es auch den Typ des Schreibenden gab und gibt, die/der auf anderem Gebiet “professionelle” Anerkennung sucht und als Schreibender vor allem Anerkennung für den Text, den sie/er selbst sehr weit von sich als “Privatperson” distanziert. Und Aléa hat Recht: Dazu kommen noch “Mischformen”. Ich denke aber (als These), dass diese Einstellung zum Schreiben als Tätigkeit (Beruf oder nicht) sich in den Texten niederschlägt. Um mich mal ganz weit aus dem Fenster zu lehnen: beispielsweise bei Kafka.

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 30. September 2010 um 09:48

    Liebe Alea Torik,
    ich bin froh, dass sie wieder da sind.

    Gegenwärtig, d. h. aus der Perspektive des Journalismus, wird kaum mehr unterschieden zwischen Ehre und Ruhm. Kennen einen die Leute, so wird man auch schon verehrt.
    Die Ehre ist hingegen nicht berechenbar. Sie ist der Garant für den Wert menschlichen Tuns. Wann immer Menschen existenziell miteinander zu tun haben, konstituieren sie einen für sie sittlich verbindlichen Stand. Die Ehre ist der Grundbegriff dieses sozialen Raums. Sie ist immer speziell, niemals allgemein menschlich. Die Ehre der Familie, des Mannes und Weibes, des Volkes und Vaterlandes, die Ehre des Bauern, Soldaten, selbst die Ehre des Banditen. Sie ist der eigentliche Kraftraum dieser Gruppen. Ehre haben, das bedeutet so viel wie: siegen können.
    Sie ist selbstverständlich und alles andere als verstandesmäßig. Wer sie erst noch erlernen und befolgen muss, gehört schon nicht mehr dazu.
    Das Gegenteil davon ist Tschandala.
    Ruhm ist etwas ganz anderes. Manch einer wird auch gerühmt. Berühmt wird man um so weniger als man darnach strebt.
    Es gibt die Ehre, möge es auch den Ruhm geben.
    Man hätte also gar eine Wahl…
    Gegenwärtig, wie gesagt, unter den Bedingungen einer entfesselten Industrie-u. Betriebswirtschaft, fallen beide zusammen zur Phänomenologie des FAN.
    Im FAN macht sich das eisenharte Tempo des Getriebes geltend; die reale Allmacht der Objekte bricht durch als das erschreckende Totum subjektiver Integrität, welche die Nichtigkeit des Einzelnen aufhebt, indem es gewordenen Stumpfsinn beseelt. Die erweiterte Reproduktion -um es verhalten zu sagen- ist das Schlachtfeld, dessen subjektiv-mentale Entsprechung in den vitalen Blicken eines FAN phosphoresziert. Die abstrakte Identität aller Beteiligten zwingt, weil sie auf die nackte Selbsterhaltung hinaus läuft, zur Rebellion. Schwarz muss es dem Reflektierten vor Augen werden, weil seine Rebellion eine logisch unmögliche ist. Bunt wird dagegen die Fahrt derer, die das Andere einer wirklichen Emanzipation in sich selbst schon gefunden haben. Wo untere Schichten, die ohnehin kaum mehr abrutschen können, mit Internet, Fußball und Pornographie unmittelbar sich frei machen, müssen die Freunde des neuen Kleinbürgertums beispielsweise noch einem Anspruch auf Bildung genügen. Es kann ihnen kein Gedanke dabei kommen insofern sie nicht merken, wie sie -Konsumenten und Produzenten gleichermaßen- mit ihrem Verhalten nur noch soziale Räume abstecken; in einer Melange aus Unernst und Strenge lassen sie es sich angelegen sein, die bedenklichen Reste eines längst abgetretenen Bildungsbürgertums für ihr Fortkommen zu organisieren. Das macht sie innerlich frei. Sie sind innerlich frei und am freiesten dann, wenn ihre Freiheit ein wenig verzweifelt ist. Dass sie theoretisch unter „posthistoire“ firmieren, wirft ein Licht auf die Bereitschaft zum ewigen Schlaf.

    s

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 30. September 2010 um 22:09

    Liebe Melusine, lieber Avenarius,

    zum Thema Ruhm und Ehre und Anerkennung, da muss ich noch drüber nachdenken, vielmehr muss ich aufhören zu denken; wenn der Zustand erreicht ist – und eigentlich stehe ich häufig kurz davor, ihn zu erreichen – dann melde ich mich zur Sache. Und jetzt gehe ich ins Bett und lese.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 2. Oktober 2010 um 10:55

    Lieber Avenarius,

    ich freue mich auch, dass Sie wieder da sind.

    Ich stelle allerdings fest, dass ich nicht so auf Ihren Beitrag reagieren kann, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das liegt vor allem daran, dass es mir an Zeit mangelt. Ich probiere es dennoch.

    Mir ist nicht unwichtig, was Melusine zu dem Thema sagte, dass es für einen Menschen in seinem Selbstverständnis durchaus weder um das eine noch das andere, weder um Ruhm noch um Ehre, gehen muss. Es geht ihm um Anerkennung. In der Anerkennung ist der andere, das jeweilige konkrete Gegenüber, präsent. Er ist greifbar und ich bin es auch. Oder ich werde es, indem ich für ihn greifbar werde. Ruhm und Ehre sind etwas, das sich in einer anderen Dimension abspielt. Weder in der Ehre noch im Ruhm findet Anerkennung statt. Starke These, dazu müsste ich eigentlich noch etwas sagen.

    Ehre ist ein Begriff, mit dem ich meine Probleme habe, der Ehrbegriff scheint mir in vielen Aspekten nicht der heutigen Lebenswelt zu entsprechen. Ruhm hingegen ist ausgesprochen modern. Das hat auch etwas mit dem Fernsehen zu tun, mit diesen Modelshows und Gewinnshows und Gesangswettbewerbe, wo aus jedem Idioten eine Berühmtheit werden kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto unangenehmer werden mir beide Begriffe. Das liegt an mir selbst. Ich strebe natürlich auch in gewisser Weise auch nach Ruhm. In einem Gespräch mit Alban Nikolai Herbst, mit dem ich in der letzen Woche ein Bier trinken war, sagte er, der wirkliche Antrieb der Schreibens sei die Ruhmsucht. Da hat mir auch sofort eingeleuchtet. Es geht auch ums Geld verdienen, es geht auch darum, seinen Lebensunterhalt mit seiner Arbeit zu verdienen. Aber es geht, da muss ich ANH leider Recht geben, auch um Ruhmsucht. Die Triebhaftigkeit von Künstlern hat, glaube ich, im Kern etwas damit zu tun.

    Was Sie zum „Fan“ sagen, erinnert mich an Benjamins Aufsatz, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Wenn Sie das auch im Auge hatten und wenn Sie das interessiert, findet hier gerade eine interessante Diskussion statt. http://bersarin.wordpress.com/2010/10/01/einige-bemerkungen-zu-hegel-und-benjamin/

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 3. Oktober 2010 um 02:41

    Verehrte Alea.

    Natürlich ist die Bestimmung von Ehre und Ruhm, wie sie in meinem Kommentar vorkommt, eine historische Rekonstruktion. Für die Gegenwart ist sie unbrauchbar. Daher die angehängten Gedanken zum „Fan“ auch durchaus kulturkritisch verstanden werden können. Aber worauf soll eine Kulturkritik rekurrieren? Die Wahrnehmung von Übelständen muss sich doch irgendwie ausweisen, das wertende Urteil muss einen Grund haben.
    Zugegeben, das Beispiel „Ehre“ kommt doch sehr knöchern-konservativ daher, das gebe ich zu. Auch haben zu viele Schandpersonen diesen Begriff diskreditiert. Viel ist nicht übrig geblieben. Dasselbe denke ich auch von „Nation“, bei aller Würdigung des demokratischen Parlamentarismus, der ja jeweils im Rahmen nationalstaatlich geprägter Institutionen agiert. Aber ich habe kein Interesse an einem empathischen Umgang mit diesem Superzeichen.
    Sage ich Anerkennung statt Ehre, so ist das ein beschwichtigender Rettungsversuch.
    Und was, bitte sehr, soll gerettet werden?
    Die Ehre soll gerettet werden. Aber das ist dann Literatur.

    Ihrem Hinweis auf den anderen Blog bin ich noch nicht nachgegangen, aber vielen Dank, das war sehr aufmerksam. Für einen schrecklichen Augenblick kam es mir allerdings vor, als wollten Sie mich loswerden.

    Freundlichst Avenarius

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 3. Oktober 2010 um 10:30

    Loswerden?

    Avenarius, wie können Sie mich denn am frühen Sonntagmorgen mit solchen Vokabeln erschrecken?!

    Ich will hier niemanden loswerden. Ich hoffe, ich habe da nirgends den falschen Ton angeschlagen. Wenn doch, nehmen Die diese als Erklärung: Ich bin nach wie vor noch mit dem Umschalten zwischen Transsylvanien und Berlin beschäftigt. Das ist einer der Gründe, neben dem zeitlichen Aspekt und der monetären Belastung, warum ich so selten fahren: weil ich lange brauche, um hineinzukommen, lange um wieder herauszukommen.

    Aléa

    Trackback von Talmud Lexikon – Judentum
    Datum/Uhrzeit 5. Oktober 2010 um 16:39

    Belebung der Toten…

    I found your entry interesting thus I’ve added a Trackback to it on my weblog :)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 5. Oktober 2010 um 22:43

    Ich muss zugeben, ich kenne mich da nicht so richtig aus: antwortet man auf trackbacks?