23 September 2010
Land und Leute
Ich reise nicht sehr gerne. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich zu Hause bin. Es ist nicht immer klar, wo das ist. Dann muss ich das definieren und die Definition lautet derzeit: da, wo der Laptop steht. Zuhause ist dort, wo ich mit meiner Tastatur die Welt beherrsche. Ich sitze gerne auf der Stelle, möglichst bewegungslos. Das ist das, was ich am besten kann. Rumänen sitzen gerne irgendwo herum. Darin zumindest bin ich typisch.
Auch Zigeuner sitzen gerne herum. Sie sitzen eine Stunde irgendwo, man weiß nicht warum, dann stehen sie auf, gehen anderswohin, wo sie wahrscheinlich ebenfalls eine Stunde sitzen werden, um dann aufzustehen und anderswohin zu gehen. Sie sind nicht ziellos. Sie kennen nur das Ziel nicht.
Zigeuner: das ist ein höchst komplexes Thema in Rumänien. Sie selbst nennen sich manchmal Tsigani. Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit der Erforschung ihrer Herkunft und Kultur beschäftigt, die Tsiganologie und es gibt auch einen Antiziganismus. Früher bezeichnete man sie in Rumänien als tărtari oder tătăraşi, fälschlich als von den Tataren abstammend, von vielen werden sie als Gypsys bezeichnet, eine Abbreviatur von Egyptian, was ebenfalls falsch ist. Sie stammen, soweit das heute einwandfrei geklärt ist, aus Indien und ihre Sprache ist dem Sanskrit am nächsten. Inzwischen werden sie fast einheitlich als Roma bezeichnet. Auf Rumänisch heißen sie Rromi und ihre Sprache ist das Romaňi čhib, oft auch nur Romaňi. Aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit zu Români, den Rumänen, werden die Roma oft nicht nur für Rumänen gehalten, was sie der Sache nach meist auch sind, sondern umgekehrt, die Rumänen werden für Roma gehalten, was falsch ist. Das stößt vielen Rumänen bitter auf, denn die Roma haben einen miserablen Ruf als Gauner (Gauner, die durch die Gegend ziehen, eben Zieh-Gauner) und Tagediebe und Lumpen. Ich habe ein junges Mädchen in Sibiu gesehen, auf dem T-Shirt der Schriftzug: „Ţigancă împuţită” (Dreckige Zigeunerin). Im Rumänischen kann man das nachgestellte Adjektiv împuţită mit unendlicher Verachtung aussprechen. Dabei sind die Roma oft unfassbar hübsche Menschen, die haben manchmal Augen wie Huskeys.
Eines der grundlegenden Probleme mit den Roma in Rumänien war lange, dass sie kaum integrierbar waren. Sie hatten eigene Vorstellungen von Recht und Unrecht und dementsprechend ihre eigene Rechtsprechung. Sie hatten lange weder Geburtsschein noch einen Personalausweis. Sie waren nicht sesshaft. Das hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehr oder weniger geändert. Sie bleiben allerdings ungeliebt wie eh und je. Ich weiß nicht, was davon in der deutschen Presse zu lesen war: Präsident Sarkozy hat den in Frankreich lebenden Roma Geld angeboten, wenn sie Frankreich verlassen und dahin gehen, wo sie herkommen: nach Rumänien. Das hat zu einer erheblichen Verstimmung zwischen der rumänischen und der französischen Regierung geführt. Und vor allem bei den Roma und deren „König“: dem in Sibiu lebenden Florin Cioaba, der internationalen Institutionen gerne als Ansprechpartner gilt.
Viele haben noch heute große Schwierigkeiten mit den Roma, die in etwa 10 % der rumänischen Bevölkerung ausmachen. Sie sind das Andere. Das einerseits eine gewisse Verlockung darstellt, die dann romantisiert wird, als Freiheit und Ungebundenheit, oder Angst auslöst. Dann erscheinen die Vertreter dieser Ethnie als die Faulen oder die, die einen übers Ohr hauen, die Diebe und Verbrecher. Tatsächlich hatten sie in Rumänien lange eine wichtige Funktion als Handwerker. Die sind beinahe wie Kasten von oben nach unten organisiert, es gibt Schmuckmacher und Kesselflicker, Musiker, Gaukler, Korbmacher und Metallhandwerker. Es gibt sogar eine Kaste, die Müll sucht. Ganz oben stehen die, die Schmuck herstellen. Die folgenden Bilder sind bei einem Markt entstanden.
Die Situation in Siebenbürgen ist nach der Wende und dem Ende des Kommunismus nicht einfacher geworden. Viele Siebenbürger Sachen sind weggegangen, nach Deutschland, wo sie dann als Rumäniendeutsche bezeichnet werden. Sie haben Hab und Gut verlassen und sind ausgewandert. Viele Dörfer sind in diesen Jahren geradezu ausgeblutet. Die Sachsen besaßen die reichen Äcker und das fruchtbare Land, das dann Jahre nicht bearbeitet wurde. Die Landwirtschaft kam in vielen Gebieten fast zum Erliegen. Man hat versucht, das Problem zu lösen, indem man diese Dörfer neu besiedelte, mit Rumänien oder Roma. Aber diese Leute verstanden nicht unbedingt etwas von Landwirtschaft. Zudem hatten viele Ziegenhirten, die ihre Herden traditionell im Sommer die Berge hochtreiben, das karge und entbehrungsreiche Leben in den Karpaten satt und erkannten die Vorteile eines Lebens daheim: sie blieben im Flachland und trieben ihre Herden auf die brachliegenden Ländereien, was zu erheblichen Schwierigkeiten mit den neuen Besitzern geführt hat.
Die Situation in den rumänischen Dörfern in Siebenbürgen ist partiell anders. Dort gibt es seit Jahren die klassische Landflucht. Die jungen Leute gehen die Städte. Und wenn irgend möglich, gehen sie ins Ausland. In nicht wenigen Dörfern leben fast nur noch alte Menschen. Ich war mit Anna, die für eine touristische Entwicklungsgesellschaft arbeitet, bei einer Veranstaltung in Săsăuș (Sachsenhausen), ein Dorf zwanzig Kilometer nördlich von Sibiu, mit einer aktuellen Population von 159 Einwohnern. Das Schulgebäude steht leer, die wenigen Kinder gehen im Nachbardorf zur Schule, kaum jemand von den Leuten dort hat eine Arbeit. Es gab an diesem Tag einen Fotowettbewerb und eine Mittelalter-Band aus Bukarest hat gespielt. Das war sicherlich das Highlight des Jahres.
Und in den rumänischen Bergdörfern, und dazu zählt auch das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist die Situation noch einmal etwas anderes. Auch dort leben sehr viele Alte und sie alle leben von der Landwirtschaft. Aber es gibt an den teilweise sehr steilen Hängen der Karpaten kaum Ackerland. Man hat in der Regel ein paar Stück Vieh, ein Pferd, man pflanzt Mais an, eines der Grundnahrungsmittel, man hat Obstbäume und man geht in den Wald und schlägt Holz, was man verkauft. Und manchmal besitzt man einen Teil einer Ziegenherde. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Da ist der Tourismus eine ernstzunehmende Alternative. Mein Dorf ist zu einem Wettbewerb vorgeschlagen worden: es soll das schönste Dorf Siebenbürgens gewählt werden. Als ich dort war, hat die GTZ eine Veranstaltung gemacht, eine der letzten. Sie ziehen sich nach vielen Jahren Engagement zurück aus Rumänien.
Das war eine Veranstaltung zum Zusammenhang Thermopanefenster. Es gibt eine sehr bedauerliche Tendenz, die in vielen Orten und Dörfern zu beobachten ist: die Jungen gehen weg, kommen irgendwo zu Geld und investieren das zu Hause. Und wenn sie fertig sind, haben die alten Bauernhäuser Dreifachverglasung und sehen aus als stünden sie in Bayern am Starnberger See. Touristen aber wollen sehen, wie Rumänen wirklich leben. Es geht also nicht nur darum, Häuser zu renovieren und den vielen Alten ein Leben unter etwas moderneren Bedingungen zu ermöglichen, es geht auch darum die Struktur dieser Dörfer möglichst zu erhalten. In meinem Dorf gibt es derzeit keinen einzigen Touristen. Das Dorf liegt zwischen zwei Bergflanken. Es gibt keine asphaltierte Straße und jedes Tier scheißt einfach auf die Straße. Es da kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine Duschen. Aber eines Tages wird es das geben und dann werden die Touristen kommen. Diese Dörfer werden sich verändern und für die jungen Leute ist der Tourismus eine Möglichkeit ein Leben zu leben, das auch noch aus anderen Dingen als aus permanenter körperlicher Arbeit besteht. Die Karpaten sind das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas, ein Drittel aller in Europa lebender Wildtiere sind dort. Die Menschen sind freundlich, sie essen gerne und gut und sie brauchen eine Zukunft. Dörfer wie das aus dem ich stamme, werden sich entweder auflösen, weil die Alten bald alle tot sind. Oder sie werden sich an die Belange des Tourismus anpassen. Anpassen müssen. Das ist oft ein Spagat, den viele dort nicht ganz verstehen.
Meine Freundin Lavinia. Wir sehen uns nur äußerst selten. So ist das, wenn man aus einem Land kommt, deren Bewohner in alle Welt verstreut sind. Als ich das letzte Mal in Sibiu war, Weihnachten 2008, hat viel Schnee gelegen und wir haben uns nur ein einziges Mal gesehen. Im Jahr davor, war sie gerade in Bukarest und im jahr zuvor in der Ukraine, im Urlaub. Wir skypen manchmal, aber meisthören wir lange nichts voneinander. Freundschaften müssen irgendwie halten, über die Jahre und die Entfernungen hin. Und wenn sie nicht halten, dann spüre ich die Einsamkeit in Berlin und denke Dinge, die ich an glücklicheren Tagen nicht denke.
Obwohl ich von mir selbst keine Bilder ins Netz stelle und auch keine von meiner Familie, kommen hier jetzt doch noch zwei Familienmitglieder, denen das nicht schadet, “Kleiner Onkel” und eine von drei Kühen. Die hat keinen Namen, die heißt nur Kuh. Früher, als ich noch mitregiert habe, hatten alle Lebewesen bei uns einen Namen. Selbst die Kröte unter der Terasse. Die hieß Rosalie.
Damit endet die Fotoserie auf diesem Blog und wir kehren zur klassischen Erscheinungsweise zurück.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: September 23rd, 2010 unter Allzupersönliches, monströs









































Kommentar von Der Buecherblogger
Datum/Uhrzeit 23. September 2010 um 18:12
Das ist das Beste, was ich über Rümänien und Roma bisher gelesen habe, aber zugegeben, dass war über Rumänien auch nicht viel. Eher wie ein blinder Fleck für die westlichen normalen Industrieeuropäer, von denen ich wohl auch nur einer bin. Text und Bilder gehen eine homogene Verbindung ein, bessere Fotos hätten sie gar nicht machen können. Sie sind zwar nicht “bersarinisch ästhetisch”, aber sie vermitteln vor allem von den Menschen und ihren Lebensbedingungen ein gutes Bild. Aber jetzt mal ehrlich, auf dem letzten Foto mit Ihrer Freundin Lavinia zusammen, das sind Sie doch selbst? 178cm, das kann man auch im Sitzen ganz genau sehen. Für den Satz aus einem Kommentar zum vorherigen Beitrag:
“…der Schmerz um ein geliebtes Tier, das in der Liebe das tierische Antlitz verloren und ein menschliches dafür bekommen hat;”,
Sie verstehen es s i c h e r falsch, aber trotzdem, könnte ich Ihnen die Füsse küssen.