20 September 2010
Ankünfte und Abschiede
Ich bin wieder da. In Teilen. Andere Teile kommen nach. Es war nicht möglich, alles auf einmal zu transferieren. Ich komme in kleinen Parteien und Partikeln zurück. Ein Teil von mir ist früher wieder nach Berlin gekommen, andere kommen etwas später. Das wird in den nächsten Tagen zusammengefügt. Dann bin ich wieder ganz die alte. Oder sogar noch älter. Und noch ganzer.
Die vergangenen Wochen waren ein wenig anders als geplant. Den letzten Teil der Reise, den Schlenker über Bukarest, musste ich streichen. Ich hätte also noch ein paar Tage in Transsylvanien bleiben können, aber ich hatte mich bereits verabschiedet als diese Modifikation deutlich wurde. Dann wollte ich zurück nach Berlin. Ich bin dieses Mal nur sehr schwer aus dem Leben und der Anspannung hier herausgekommen und in das Leben und seine Verhältnisse dort hinein. Ich habe den Modus der Entspannung nicht gefunden, nicht so wie ich das wollte. Ich habe kaum etwas gelesen und nur mit Mühe und Not „Licht im August“ geschafft. Das war immer ein klares Zeichen meiner Entspannung, wenn ich den ganzen Tag lesen konnte. Es gibt hinter dem Haus eine Stelle, man muss ein bisschen klettern, das Buch zwischen den Zähne, aber wenn man dann oben ist, kann einen keiner mehr stören. Da habe ich immer gelesen. Ich weiß nicht, warum ich bei früheren Aufenthalten die Zeit zur Entspannung fand, dieses Mal fand ich sie nicht.
Sibiu liegt im Hochland, auf einer Höhe von etwa 400 Metern, aber relativ flach. Ich hingegen komme aus einem rumänischen Bergdorf, zwanzig Kilometer südwestlich von Sibiu, in der Mărginimea Sibiului, dem Randgebiet von Sibiu. Gut zehn Kilometer südlich der Stadt fangen sehr unvermittelt und an manchen Stellen beinahe schroff die Karpaten an. Man fährt auf dem Weg in mein Dorf durch Christian, das letzte Dorf der Sachsen in der Ebene; und das mit der größten Population an Störchen in Rumänien. Nahezu auf jedem Schornstein sitzt ein Storchenpaar und brütet über dem Nachwuchs. Die Storchennester sind charakteristisch für das ganze Dorf. Ich kenne dieses Bild, und das Geräusch, das Klappern der Störche, ich bin tausend Mal durch Christian gefahren, das war der Weg zur Schule. In diesem Jahr bin ich zu spät gekommen, die Störche waren schon weg. Ihre Nester waren alle schon verlassen. Das ist ein klares Zeichen für den beginnenden Herbst. Störche wissen, wann das Wetter schlechter wird. Dann machen sie mit dem Nachwuchs den ersten Sprung ins Donaudelta, wo sie eine Pause einlegen und sich sammeln, bevor sie dann in großen Zügen zum langen Flug nach Afrika, in den Sudan ansetzten. Dieses Jahr hatten sie sich allerdings geirrt, auch wenn es an dem Morgen meiner Ankunft regnete: der Sommer gab sich noch ein langes Stelldichein.
Noch nicht ganz angekommen, noch am ersten Abend, gab es einen weiteren Abschied. Oder doch die Ankündigung dazu. Mein Großvater hatte, was ich nicht wusste, ein Fohlen gekauft. Und da neben den drei Kühen kein weiterer Platz im Stall ist, bedeutete dies unweigerlich, dass “Kleiner Onkel”, der zu uns kam als ich acht oder neun Jahre alt war, das Ende seines Lebens erreicht hat. Wo ich herkomme sind Pferde Arbeitstiere. Es kann sich kaum jemand leisten, ihnen ein Gnadenbrot zu geben. Das Ende der Arbeitskraft zeigt auch das Ende des Lebens an.
Ich habe darüber nachgedacht, was es mich kosten würde, das Pferd zu ernähren. Das wären keine hundert Euro im Monat. Ich habe ein Stipendium von tausend Euro. Ich bekomme vom deutschen Staat ungefähr so viel Geld, wie meine Eltern zusammen verdienen. Ein Zehntel des Geldes könnte ich erübrigen, ohne dass es mir wirklich weh tut. Kleiner Onkel war einmal eine Vertrauensperson, mein erster bester Freund. Wenn ich Liebeskummer hatte, dann habe ich das dem Pferd erzählt. Und vor allem: Ich habe ihm seinen Namen gegeben. In der Welt der Worte hat er seine Existenz von mir. Er hat riesengroße dunkle, beinahe schwarze Augen und er erkennt mich auch noch nach Jahren der Trennung wieder. Er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Wenn ich ihn dann nicht beachte, dreht er mit seinen Arsch zu. Dann ist er beleidigt.
Ich kann ihm mit hundert Euro das Leben retten, zumindest einige Zeit. Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht, und mich dann dagegen entschieden. Aber nicht, weil die finanzielle Situation bei mir in den nächsten Jahren absehbar schwierig wird. Das ist leider kein Stipendium auf Lebenszeit. Auch deswegen mache ich seit einiger Zeit so einen Druck, weil ich Angst habe, dass ich in eine Situation komme, wo ich nicht mehr weiß wie es weitergeht. Ich habe mich vielmehr dagegen entschieden, weil es geradezu obszön wäre, ein Pferd in Rumänien zu füttern, wenn man mit diesem Geld auch Menschen vor dem Verhungern retten könnte. Überall dort gibt es Leute, die nicht wissen, wie sie über den nächsten Winter kommen sollen, deren Renten und Gehälter gekürzt worden sind, bei deutlich steigender Inflation. Nach neuen Auflagen des Internationalen Währungsfonds ist die Mehrwertsteuer in diesem Jahr von 19 auf 24 Prozent angehoben worden. Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen und die wirtschaftliche Situation bei vielen, vor allem bei alten Menschen, ist äußerst angespannt. Und in meinem Dorf gibt es nahezu nur noch Alte. Ich könnte jedem zweiten dort hundert Euro in die Hand drücken.
Ich konnte mich kaum über das Fohlen freuen. Ich musste Abschied nehmen. Kleiner Onkel und ich: wir sind zusammen groß geworden. Ich werde das Tier nicht mehr wiedersehen. Also habe ich mir viel Zeit genommen, mich zu verabschieden. Ich bin mit aufs Feld gegangen, ich habe ihn jeden Abend gestriegelt und ihm Futter gegeben und ihm Geschichten erzählt, Geschichten vom Pferdehimmel. Das war es, was ich tun konnte. Deswegen hatte ich keine Zeit zu lesen. Mit dem Tier stirbt ein Teil meiner Kindheit. Das Schlimme ist: ich kann nichts dagegen tun. Und das noch Schlimmere: ich könnte etwas dagegen tun, aber ich finde keine Rechtfertigung dafür.
Rumänien ist ein Agrarland. Kinder und Jugendliche sind eine unerlässliche Hilfe auf dem Feld. Die Sommerferien gehen einher mit den Belangen der Landwirtschaft: vom 15. Juni bis zum 15 September sind Ferien und die Kinder arbeiten mit ihren Eltern auf dem Feld. Als am Montag die Schule wieder anfing, habe ich meinem ehemaligen Gymnasium einen Besuch abgestattet (sagt man abgestattet? Abstatten? Wie abhalftern? Und bestatten?). An dem Tag sind die beiden unteren Bilder entstanden. Auf dem letzten Bild ist mein ehemaliger Mathepauker: der war zum ersten Mal erfreut, mich zu sehen. Über meine mathematischen Fähigkeiten hat er früher allerdings nur den Kopf schütteln können. Mich interessieren einfach Zahlen nicht. Sie interessieren mich so wenig, dass ich nicht mit Ihnen umgehen kann. Jedenfalls war mein Lehrer erfreut, mich zu sehen und er ist heute, wie damals schon, immer in Begleitung von schönen Frauen. Der Typ auf dem Bild darüber war zwar frei & willig, aber ich nicht so richtig. Nett war er dennoch.
Ich brauche noch etwas Zeit, hier anzukommen, einige Erlebnisse in Worte zu fassen und meine handschriftlichen Notizen anzusehen. Ich möchte die kommende Woche nutzen, um anzukommen, in dieser Stadt, in dieser Sprache, in meinem Blog, im Studium, in meinen Texten und in meinem Leben hier und jetzt. In dieser Woche werde ich einige Fotoserien einstellen. Ich habe mich entschlossen, wie NO das auch in einem entschiedenen Kommentar betont hat, das Blog nicht dauerhaft mit Fotos anzureichern. Bilder lassen sich hier nicht so einfach eingliedern. Ab nächsten Montag heiß es dann: weiter im Text!
(Noch ein Wort zu den Fotos: ich habe die Bilder im Nachhinein neu skaliert, so dass sie in dieser hier vorhandenen Größe auch die beste Auflösung haben)
Geschrieben: September 20th, 2010 unter Allzupersönliches, voluminös

























Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 20. September 2010 um 11:30
es hat mich sehr beruehrt, was sie da geschrieben haben. erstaunlich, wie relativ abgeklaert Sie mit dem aufwaegen von 100 euro fuer pferd/kindheitstraum/beduerftige menschen zu ihrem entschluss gekommen sind, das pferd gehen zu lassen.
das duerfte nicht leicht gefallen sein… schwierige verhaeltnisse vor ort. gut, dass Sie davon real/ aus erster hand berichten.