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Aléas Anordnungen

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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom September, 2010

    30 September 2010

    Verübte und versäumte Taten

    Die Frage ist, was schwerer wiegt: die verübten oder die versäumten Taten. Oder vielleicht ist die Frage auch, was das leichtere ist, verüben oder versäumen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 September 2010

    Solange man nichts macht, kann man alles machen

    Ich fahre von Deutschland nach Rumänien. Zweieinhalb Wochen später fahre ich wieder zurück, dieselbe Strecke. Das sind jeweils tausendsiebenhundert Kilometer, ich fahre durch fünf Länder. Zusammengerechnet sind das fünfzig Stunden Fahrt. Zwei Mal muss ich die Uhr umstellen.

    Auf der Hinfahrt ist Decin der erste Ort jenseits der deutschen Grenze. Der erste Ort in Tschechien. Der erste Ort im Ausland. Da klingt Ausland noch fremd. Zwei Wochen später wird Zuhause fremd klingen.

    Auf der Rückfahrt ist in dem Wagon, in dem ich sitze, die Klinke an der Toilettentüre kaputt. Wenn man zur Toilette geht, ist das kein Problem, da die Türe nach innen aufgeht. Kommt man heraus und will die Türe hinter sich zumachen, zieht man dann an der Klinke, fällt sie ab. Sie fällt mit einem lauten Knall zu Boden. Osteuropäer nehmen die Klinke und hauen sie mit Schwung und einem mindestens ebenso lauten Knall auf den herausstehenden Stift. Westeuropäer sind ratlos, sie schütteln den Kopf und lassen die Klinke liegen. Amerikaner freuen sich, da haben sie zu Hause etwas zu erzählen. Und weil sie es kaum erwarten können, erzählen sie, zwei Ehepaare ohne Kinder, es sich jetzt schon einmal, sie erzählen es sich wiederholt, als wären die drei anderen nicht dabei und als könnten sie es nicht genauso sehen und hören wie man selbst.

    Auf der Hinfahrt bemerke ich, was ich jedes Mal bemerke, in Rumänien ist es nachts vor allem eins: dunkel. Eine unangenehme Dunkelheit. Auf der Rückfahrt bemerke ich, was ich jedes Mal bemerke, in Deutschland ist es tagsüber vor allem eins: hell. Eine unangenehme Helligkeit.

    Auf der Rückfahrt bekomme ich jedes Mal an derselben Stelle einen Schock. Den „clash of civilisations“. Auf der Hinfahrt spüre ich die langsame Verarmung nicht, die immer ärmlicheren Züge, die einfachere Kleidung, die Gesichter, die harte körperliche Arbeit zeigen. Auf der Rückfahrt hingegen spüre ich die langsame Bereicherung. Immer in Budapest-Keleti. Da stehen die Züge des 21. Jahrhunderts, mit den Menschen des 21. Jahrhunderts, mit ihren Laptops und ihren Handys. Dabei haben die Menschen in Rumänien auch Laptops und Handys. Auf der Hinfahrt fühle ich mich wohl in Budapest, aber auf der Rückfahrt fühle ich mich unwohl.

    Auf der Hinfahrt, mitten in der Nacht in Rumänien, fahren zwei Züge nebeneinander. Man möchte meinen, sie fahren ein Wettrennen. Ich weiß nur nicht, woran die den späteren Gewinner messen, die Geschwindigkeit jedenfalls kann nicht der entscheidende Wert sein. Vielleicht wollen sich die Zugführer unterhalten und Handykosten sparen.

    Auf der Rückfahrt bin ich erholter als auf der Hinfahrt. Aber auf der Hinfahrt war ich gesprächiger. Auf der Rückfahrt bin ich in mich gekehrt. In das verstrickt, was in den Wochen zuvor geschehen war. Und an dem strickend, was in den kommenden Wochen geschehen soll.

    Auf der Hinfahrt, der erste Halt in Rumänien, kommt ein Typ ins Abteil, es ist dunkel draußen und ich bin alleine, und spricht mich ohne erkennbare Hemmung an. Auf Englisch. Ich weiß sofort, was er will. Er will mich bescheißen. Ich antworte kurz angebunden. Auf Englisch. Er fragt, wo ich herkomme und ich sage Berlin. Er fragt, wohin ich will und ich sage Sibiu. Er fragt, was ich da will und ich sage, dass ich meine Eltern besuche. Er fragt, ob ich ihm fünf Euro leihen kann. Ich frage ihn, was er in Rumänien mit Euro will. Auf Rumänisch. Erst guckt er mich doof an und dann verlässt er wortlos das Abteil. Der ist, obwohl wir in Rumänien sind und ich zu meinen Eltern fahre, nicht auf die Idee gekommen, dass ich Rumänin bin.

    Auf der Rückfahrt sitzt eine Frau im Abteil. Sie telefoniert und dann schreibt sie in ihr Laptop. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist Ungarin und hat in Bonn Germanistik studiert. Wir wechseln lachend ins Deutsche. Ungarn und Rumänen können sich nicht ausstehen, aber wir beide mögen uns sofort.

    Auf der Hinfahrt kommt ein Mann ins Abteil, Mihai, ungefähr mein Alter, aber nur halb so groß, der sich mit mir unterhält, aber nervös ist, sehr nervös. Dieses Mal weiß ich nicht, was mein Gegenüber will. Das macht mich meinerseits nervös. Es betritt noch eine Frau das Abteil, die aber kein Rumänisch spricht. Wieder eine Ungarin. Sie allerdings spricht weder Rumänisch noch Deutsch, noch Englisch noch Französisch. Offenbar spricht sie nicht einmal Ungarisch. Hartnäckig verweigert sie sich jedem Gespräch, jedem Blick und überhaupt jeder noch so kleinen Reaktion auf uns beide. Als wenn sie nicht mit uns im Abteil säße. Dann rückt Mihai mit dem raus, was er will. Er will, dass ich ihn in Bukarest besuche, ihn und seine Freundin. Er will, dass ich über Nacht bleibe, bei ihm und seiner Freundin. Er wird ganz eindringlich. Er ist nicht unverschämt, er fasst mich nicht an, er schaut mich nicht einmal direkt an. Es ist sogar ziemlich freundlich dabei. Ich wollte, er wäre unfreundlich, dann könnte ich es auch sein. Ich sehe Mihai an und schüttele mit dem Kopf. Dann schaue ich aus dem Fenster. Ich zolle ihm Anerkennung für seinen Mut. Das kann ich nicht anders sagen.

    Auf der Rückfahrt kommen zwei ausgesprochen hübsche Franzosen ins Abteil. Sie haben vor zwei Jahren Abitur gemacht, waren beim Militär und jetzt fahren sie, bevor sie mit dem Studium beginnen, vier Wochen durch Europa. Jeder der beiden packt aus seiner Tasche ein Buch aus, der eine Claude Levi-Stauss, Tristes Tropiques, der andere Pascal Bruckner, Les Voleurs de beauté.

    Wir kommen sofort miteinander ins Gespräch. Der eine groß und schlaksig und der Bestimmtere von beiden. Der Leser Levi-Strauss‘ weiß, was er studieren will, er weiß überhaupt sehr viel, wo er herkommt und wo er hin will. Der andere ist unsicher, tastend, suchend, eitler auch, er greift sich in die allerdings auch sehr schönen Haare. Er ist kleiner als ich. Er lacht unsicherer als der andere, allerdings auch wilder und ungehemmter. Er schaut fragender als der Große, seine Hände zittern, er hat ausgesprochen schöne Hände, er hat einen schönen Mund. Die beiden schauen sich immer wieder an. Als wollten sie den anderen um Zustimmung bitten, mit mir zu reden. Ich hätte am liebsten mit den beiden rumgeknutscht, nacheinander oder gleichzeitig, egal.

    Man sieht ihnen ihre Freundschaft an. Man sieht ihnen an, dass sie die gemeinsame Zeit genießen und dass ihnen keine Frau dazwischen kommen kann. Weil sie seit Jahren Freunde sind und weil sie zusammen reisen, um sich diese Freudschaft zu bestätigen. Sie empfinden eine Zärtlichkeit füreinander und fragen, ob sie die auch für mich empfinden dürfen. In Prag, mitten in der Nacht, steigen sie aus und als sie weg sind, weiß ich, dass sie beide genau dasselbe wollten wie ich, dass sie die ganze Zeit über dasselbe dachten und dasselbe fühlten, mit denselben Worten, frei von jeder Obszönität: am liebsten hätten wir mit ihr rumgeknutscht, nacheinander oder gleichzeitig, egal.

    Wir drei erkennen es in demselben Moment, als sie draußen vor dem Fenster stehen, in Prag, auf dem Bahnhof, und wir uns anschauen und es im selben Moment wissen, auf eine besondere Art und Weise, dass sie zwei Hälften sind, die einander ergänzen und dass ich ihnen nicht dazwischen gekommen wäre, in ihrer Zuneigung zueinander. Zwischen uns die vom Wind quer über die Scheibe getriebenen Regentropfen. Sie wissen es beide, wir wissen es alle drei, dass ich ihnen nichts wegnehmen kann, ihre Freundschaft nicht zerstören, mich nicht zwischen sie drängen würde, weil ich eben diese Freundschaft der beiden so sehr bewundere und weil ich gerne daran teil hätte. An dieser Freundschaft und dieser Zärtlichkeit, die sie füreinander empfinden. Wir drei wissen es in diesem Moment, dass ich genau zwischen sie passe. Und dass ich es genauso meine wie sie auch, voller Zärtlichkeit für das was sie sind, was sie wollen vom Leben, das Unsichere und Tastende und das Sichere und Klare.

    Wir hatten dieselben Phantasien. Aber wir haben es vorübergehen lassen. Wie haben uns nicht umarmt. Wir haben nichts miteinander angefangen. Vielleicht war das gut so. Denn solange man nichts macht, kann man alles machen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 September 2010

    Es wird Sommer, es wird Winter

    Ich sitze im Zug. Ich weiß nicht, wohin er fährt. Ohne Ziel fährt er womöglich nur um der Bewegung willen. Er fährt durch Städte und durch Länder. Er fährt durch Wiesen und Wälder. Er fährt am Tag und er fährt in der Nacht. Er fährt und fährt. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt und dabei verändern sich die Bilder, draußen vor dem Fenster. Es verändern sich die Bilder in einem. Es verändern sich die Dinge selbst. Es ändert sich die Sprache. Es ändert sich die Geschwindigkeit, der Zug wird langsamer. Liegt es an der Landschaft oder an der Sprache oder am Wetter? Liegt es an den Bildern, den Dingen oder einem selbst? Dann wird der Zug wieder schneller und erneut weiß man nicht, woran es liegt. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt und fährt und manchmal hält er an. Er bleibt auf einem Bahnhof stehen und öffnet seine Türen. Die einen steigen aus, andere steigen ein. Vielleicht sind es dieselben. Sie steigen aus, drehen sich einmal um die eigene Achse und steigen dann wieder ein. Sie sitzen stundenlang auf der Stelle. Sie halten es nicht aus, sie wollen raus, sie verlassen den Zug an der nächsten Station. Erstaunt bemerken sie, dass sie dies noch viel weniger aushalten. Dann steigen sie kleinlaut wieder ein. Sie suchen sich einen anderen Platz. Der Zug fährt wieder an, er wird schneller und schneller. Und die Menschen bemerken, dass sie es nicht aushalten. Sie fahren ein Stück, bis zur nächsten Anfechtung, bis sie erneut aus dem Zug springen, sich umdrehen und wieder einsteigen. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch Gelände und Gebiete, durch Landschaften und Regionen, durch Orient und Oxident, durch Himmelsrichtungen, Breiten- und Längengrade. Er fährt durch das Hochgebirge und durch die Tiefsee. Er fährt durch die Walachei und die Mongolei, durch die Wüste Gobi und durch die Sahara, durch die Kalahari und durch Kasachstan, Er fährt durch die Steppe und die Savanne und die Prärie, durch Tundra und Taiga. Er fährt durchs Holozän und durchs Pleistozän. Er fährt durch Geologie und Geografie und Geometrie. Und manchmal fährt er einfach nur durch die Gegend. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch Farben und durch Formen, durch das Grün und Gelb der Landschaft, durch das Blau des Himmels und das Braun der Erde. Durch das Grau der beginnenden Nacht und das Orange des neuen Tages. Er fährt durch das Runde und das Eckige, er fährt durch Reliefs, Ellipsen und Parabeln. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch Wind und Wetter und durch Wolken. Der Zug fährt durch das Heute und das Gestern. Er fährt durch das Leben und durch den Tod. Durch das Gewollte und das Vermiedene, das Erträumte und das Verwirklichte. Das Gerade und das Krumme. Das An-stelle und das Ver-rückte. Er fährt durch die anderen und durch einen selbst. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug fährt durch das Gleiche und das Unterschiedene. Er fährt durch das eine, durch das andere. Er fährt durch alles. Und das eine verändert sich und das andere verändert sich. Alles verändert sich und bleibt doch dasselbe, es bleibt wie es ist. Es wird Sommer, es wird Winter.

    Der Zug hält an. Ich bin in Sibiu. In bin in Sibirien. Ich bin in Rumänien. Ich bin in Namibia. Ich bin irgendwo auf der Welt. Oder außerhalb. Ich steige aus. Weil es weder eine Unterführung noch eine Überführung gibt, gehe ich quer über die Gleise. Vor oder hinter dem Zug, der aussieht als bewege er sich nie wieder von der Stelle. Als sei er am Ende seiner Kräfte. Als habe es ihn alle Kraft der Welt gekostet, mich hierher zu bringen. Nun liegt er erschöpft da. Er hat sich zum Sterben hierher gelegt. Mein Vater holt mich vom Bahnhof ab. Er steht an den Gleisen. Er schaut mich an. Er lacht oder er weint. Es ist noch einmal Sommer geworden, sagt er. Ja, antworte ich, es wird Sommer, es wird Winter.

    (Das war die poetische Variante meiner Reise. Morgen erzähle ich wie es wirklich war. Morgen erzähle ich, wie es wirklich gewesen sein könnte. Ich habe keine Ahnung wie es wirklich war. Ich war schließlich nicht dabei. Ich war ja, wie so oft, mit meinen Gedanken woanders.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 September 2010

    Neuzugang auf der Blogroll

    Ich habe ein neues Blog auf meiner Liste: Iris Nebel. Hier finden sich ausgezeichnete Texte zu Kunst und Kunstkritik. Ich habe den Artikel über Eugène Delacroix gelesen, der mir sehr gefällt und über Kris Kuksi, ein Name, den ich zum ersten Mal höre. Ich bin sowohl von der Kunst Kuksis als auch von den Ausführungen zu ihm, die mit einem Zitat Walter Benjamins zur Allegorie begonnen werden, sehr angetan.

    Das auf den ersten Blick morbide der „Assemblagen“ Kuksis wird von der Vielfältigkeit der einzelnen Elemente, die er um das jeweilige Zentrum herum arrangiert und in die er das Tote einbettet, geradezu negiert. Oder vielmehr in Frage gestellt. Denn nur das Leben ist detailliert, der Tod ist das Ende der Details und des Formenreichtums. Das Tote ist dann nur noch tot, wie lebendig es auch immer gewesen sein mag. Das Tote ist bei Kuksi im Tod von allerlei Lebendem umstellt, wie einst das Lebende im Leben von allerlei Totem umstellt war. Die Wirkung dieses Kontrastes ist erheblich, ganz gleich, ob man sie nun schockierend nennen will, lähmend oder verstörend.

    Ich will mich nicht als Kupplerin hervortun, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der russische Stadtkommandant – Bersarin von Aisthesis – bei Frau Nebel gut aufgehoben sein wird und sich wohl fühlt (obwohl manche Männer sich gerade dort, wo sie gut aufgehoben sind, nicht wohl fühlen. Ob Bersarin zu diesen Männern gehört, entzieht sich meiner Kenntnis. Und auch meiner Verantwortung!).

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 September 2010

    Ich komm nicht rein, ich komm nicht raus

    Ich habe Schwierigkeiten wieder hinein zu kommen. In die Verhältnisse hier. Vor vier Wochen hatte ich Schwierigkeiten, heraus zu kommen und jetzt komme ich nicht hinein. Wie ein Terrier hatte ich mich im August in die Vorstellungen verbissen, etwas zu Ende zu bringen. Ich konnte nicht davon lassen. In Siebenbürgen bin ich nur schwer hineingekommen. Und kaum dass ich dort drin war, wollte ich auch schon wieder heraus. Ich wollte nach Berlin und weiterschreiben. Nun komme ich nicht in das Hier hinein. Obwohl ich nicht einmal aus dem Dort heraus muss, weil ich da ja auch nicht richtig drin war.

    Ich komme aus der einen Sprache nicht heraus und in die andere hinein, ich lese `Basmati-Müsli´ wo `Basis-Müsli´ steht, ich lese `neuartig lecker´ wo `neu und lecker´ und `lesbisch´ wo `leise´ steht. Ich höre Leute Rumänisch sprechen und denke noch, dass sie einen ungewöhnlichen Akzent haben, bevor ich bemerke, dass es, streng genommen, eigentlich Französisch ist. Ich sehe Leute, die ich in Rumänien auch gesehen habe, gerade eben auf dem Markt: eine Frau aus meinem Dorf. Es geht alles durcheinander. Auch ich selbst, ich wollte auf den Markt und bin zuerst im Supermarkt gelandet.

    Ich will Sonne und es regnet! Ich will schreiben, dass ich Regen schreiben will, aber nicht einmal das schaffe das. Ich schreibe nicht Regen, ich schreibe Ploaia. Ich will nach Hause, aber ich weiß nicht, wo das ist. Ich weiß nicht, wohin ich will.

    Jetzt sieht ganz so aus, als werde ich auch noch krank. Ich schreibe das nicht, weil ich Mitleid brauche. So schlimm wird’s wohl nicht werden. Mitleid und Lamento kann ich nicht ausstehen. Ich notiere es vielmehr, weil ich einer Sekte angehöre, deren Mitglieder immer alles aufschreiben. Weil wir daran glauben, dass es davon besser wird. Oder schlimmer: wir glauben, dass es nur davon besser wird.

    Das bedenkenswerte Schicksal des Mannes in der folgenden Geschichte zeigt das: Es war einmal ein Mann, der alles aufschrieb. Seine Frau beklagte sich darüber, jahrelang. Stein des Anstoßes war, dass er geradezu zwanghaft alles in Schriftform bringen musste, jede Banalität. So wie der Mann sich in seine Welt hineingesteigert hatte, das Schreiben, so steigerte sich die Frau in die ihre hinein, das Beklagen. Bis die Frau dem Mann eines Tages unmissverständlich zum Ausdruck brachte, dass sie sich, sollte er nicht endlich aufhören alles aufzuschreiben, von ihm trennen werde. Damit ist die Geschichte zu Ende. Beinahe jedenfalls. Ich kenne sie nur, weil der Mann die Drohung seiner Frau natürlich sofort aufgeschrieben hatte.

    Nun, da ich es aufgeschrieben habe, gehe ich davon aus, dass die Krankheit, wie die Frau in der Geschichte, das Weite suchen wird. Morgen werde ich dieses Schiff hier wieder auf die literarische Schiene setzen. Wenn Schiffe auf Schienen gehören. Ab Morgen ist das so. Ab Morgen fahren hier Schiffe auf Schienen. Ab Morgen bin ich wieder fleißig. Ab Morgen werden hier wieder Romane geschrieben. Mindestens drei Stück am Tag.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 September 2010

    Bilder, ohne alles

    In Vorbereitung meines Urlaubs und auch nach meiner Wiederkehr wurden hier, anders als bisher, Bilder gezeigt wurden. Da der Wunsch nach weiteren Bildern geäußert wurde, habe ich mich kurzfristig entschlossen noch eine kleine Serie zu machen. Ich sehe eigentlich keine Möglichkeit, solche Bilder in meine Artikel und Interessen zu integrieren. Deswegen wird es keine Fotos mehr geben, von Ausnahmen abgesehen. Wir haben es allerdings auch im Bildbereich noch mit der deutschen Grammatik zu tun. Und die wäre ohne Ausnahmen einfach nur ein Witz.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 September 2010

    Land und Leute

    Ich reise nicht sehr gerne. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich zu Hause bin. Es ist nicht immer klar, wo das ist. Dann muss ich das definieren und die Definition lautet derzeit: da, wo der Laptop steht. Zuhause ist dort, wo ich mit meiner Tastatur die Welt beherrsche. Ich sitze gerne auf der Stelle, möglichst bewegungslos. Das ist das, was ich am besten kann. Rumänen sitzen gerne irgendwo herum. Darin zumindest bin ich typisch.

    Auch Zigeuner sitzen gerne herum. Sie sitzen eine Stunde irgendwo, man weiß nicht warum, dann stehen sie auf, gehen anderswohin, wo sie wahrscheinlich ebenfalls eine Stunde sitzen werden, um dann aufzustehen und anderswohin zu gehen. Sie sind nicht ziellos. Sie kennen nur das Ziel nicht.

    Zigeuner: das ist ein höchst komplexes Thema in Rumänien. Sie selbst nennen sich manchmal Tsigani. Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit der Erforschung ihrer Herkunft und Kultur beschäftigt, die Tsiganologie und es gibt auch einen Antiziganismus. Früher bezeichnete man sie in Rumänien als tărtari oder tătăraşi, fälschlich als von den Tataren abstammend, von vielen werden sie als Gypsys bezeichnet, eine Abbreviatur von Egyptian, was ebenfalls falsch ist. Sie stammen, soweit das heute einwandfrei geklärt ist, aus Indien und ihre Sprache ist dem Sanskrit am nächsten. Inzwischen werden sie fast einheitlich als Roma bezeichnet. Auf Rumänisch heißen sie Rromi und ihre Sprache ist das Romaňi čhib, oft auch nur Romaňi. Aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit zu Români, den Rumänen, werden die Roma oft nicht nur für Rumänen gehalten, was sie der Sache nach meist auch sind, sondern umgekehrt, die Rumänen werden für Roma gehalten, was falsch ist. Das stößt vielen Rumänen bitter auf, denn die Roma haben einen miserablen Ruf als Gauner (Gauner, die durch die Gegend ziehen, eben Zieh-Gauner) und Tagediebe und Lumpen. Ich habe ein junges Mädchen in Sibiu gesehen, auf dem T-Shirt der Schriftzug: „Ţigancă împuţită” (Dreckige Zigeunerin). Im Rumänischen kann man das nachgestellte Adjektiv împuţită mit unendlicher Verachtung aussprechen. Dabei sind die Roma oft unfassbar hübsche Menschen, die haben manchmal Augen wie Huskeys.

    Eines der grundlegenden Probleme mit den Roma in Rumänien war lange, dass sie kaum integrierbar waren. Sie hatten eigene Vorstellungen von Recht und Unrecht und dementsprechend ihre eigene Rechtsprechung. Sie hatten lange weder Geburtsschein noch einen Personalausweis. Sie waren nicht sesshaft. Das hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehr oder weniger geändert. Sie bleiben allerdings ungeliebt wie eh und je. Ich weiß nicht, was davon in der deutschen Presse zu lesen war: Präsident Sarkozy hat den in Frankreich lebenden Roma Geld angeboten, wenn sie Frankreich verlassen und dahin gehen, wo sie herkommen: nach Rumänien. Das hat zu einer erheblichen Verstimmung zwischen der rumänischen und der französischen Regierung geführt. Und vor allem bei den Roma und deren „König“: dem in Sibiu lebenden Florin Cioaba, der internationalen Institutionen gerne als Ansprechpartner gilt.

    Viele haben noch heute große Schwierigkeiten mit den Roma, die in etwa 10 % der rumänischen Bevölkerung ausmachen. Sie sind das Andere. Das einerseits eine gewisse Verlockung darstellt, die dann romantisiert wird, als Freiheit und Ungebundenheit, oder Angst auslöst. Dann erscheinen die Vertreter dieser Ethnie als die Faulen oder die, die einen übers Ohr hauen, die Diebe und Verbrecher. Tatsächlich hatten sie in Rumänien lange eine wichtige Funktion als Handwerker. Die sind beinahe wie Kasten von oben nach unten organisiert, es gibt Schmuckmacher und Kesselflicker, Musiker, Gaukler, Korbmacher und Metallhandwerker. Es gibt sogar eine Kaste, die Müll sucht. Ganz oben stehen die, die Schmuck herstellen. Die folgenden Bilder sind bei einem Markt entstanden.

    Die Situation in Siebenbürgen ist nach der Wende und dem Ende des Kommunismus nicht einfacher geworden. Viele Siebenbürger Sachen sind weggegangen, nach Deutschland, wo sie dann als Rumäniendeutsche bezeichnet werden. Sie haben Hab und Gut verlassen und sind ausgewandert. Viele Dörfer sind in diesen Jahren geradezu ausgeblutet. Die Sachsen besaßen die reichen Äcker und das fruchtbare Land, das dann Jahre nicht bearbeitet wurde. Die Landwirtschaft kam in vielen Gebieten fast zum Erliegen. Man hat versucht, das Problem zu lösen, indem man diese Dörfer neu besiedelte, mit Rumänien oder Roma. Aber diese Leute verstanden nicht unbedingt etwas von Landwirtschaft. Zudem hatten viele Ziegenhirten, die ihre Herden traditionell im Sommer die Berge hochtreiben, das karge und entbehrungsreiche Leben in den Karpaten satt und erkannten die Vorteile eines Lebens daheim: sie blieben im Flachland und trieben ihre Herden auf die brachliegenden Ländereien, was zu erheblichen Schwierigkeiten mit den neuen Besitzern geführt hat.

    Die Situation in den rumänischen Dörfern in Siebenbürgen ist partiell anders. Dort gibt es seit Jahren die klassische Landflucht. Die jungen Leute gehen die Städte. Und wenn irgend möglich, gehen sie ins Ausland. In nicht wenigen Dörfern leben fast nur noch alte Menschen. Ich war mit Anna, die für eine touristische Entwicklungsgesellschaft arbeitet, bei einer Veranstaltung in Săsăuș (Sachsenhausen), ein Dorf zwanzig Kilometer nördlich von Sibiu, mit einer aktuellen Population von 159 Einwohnern. Das Schulgebäude steht leer, die wenigen Kinder gehen im Nachbardorf zur Schule, kaum jemand von den Leuten dort hat eine Arbeit. Es gab an diesem Tag einen Fotowettbewerb und eine Mittelalter-Band aus Bukarest hat gespielt. Das war sicherlich das Highlight des Jahres.

    Und in den rumänischen Bergdörfern, und dazu zählt auch das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist die Situation noch einmal etwas anderes. Auch dort leben sehr viele Alte und sie alle leben von der Landwirtschaft. Aber es gibt an den teilweise sehr steilen Hängen der Karpaten kaum Ackerland. Man hat in der Regel ein paar Stück Vieh, ein Pferd, man pflanzt Mais an, eines der Grundnahrungsmittel, man hat Obstbäume und man geht in den Wald und schlägt Holz, was man verkauft. Und manchmal besitzt man einen Teil einer Ziegenherde. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Da ist der Tourismus eine ernstzunehmende Alternative. Mein Dorf ist zu einem Wettbewerb vorgeschlagen worden: es soll das schönste Dorf Siebenbürgens gewählt werden. Als ich dort war, hat die GTZ eine Veranstaltung gemacht, eine der letzten. Sie ziehen sich nach vielen Jahren Engagement zurück aus Rumänien.

    Das war eine Veranstaltung zum Zusammenhang Thermopanefenster. Es gibt eine sehr bedauerliche Tendenz, die in vielen Orten und Dörfern zu beobachten ist: die Jungen gehen weg, kommen irgendwo zu Geld und investieren das zu Hause. Und wenn sie fertig sind, haben die alten Bauernhäuser Dreifachverglasung und sehen aus als stünden sie in Bayern am Starnberger See. Touristen aber wollen sehen, wie Rumänen wirklich leben. Es geht also nicht nur darum, Häuser zu renovieren und den vielen Alten ein Leben unter etwas moderneren Bedingungen zu ermöglichen, es geht auch darum die Struktur dieser Dörfer möglichst zu erhalten. In meinem Dorf gibt es derzeit keinen einzigen Touristen. Das Dorf liegt zwischen zwei Bergflanken. Es gibt keine asphaltierte Straße und jedes Tier scheißt einfach auf die Straße. Es da kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine Duschen. Aber eines Tages wird es das geben und dann werden die Touristen kommen. Diese Dörfer werden sich verändern und für die jungen Leute ist der Tourismus eine Möglichkeit ein Leben zu leben, das auch noch aus anderen Dingen als aus permanenter körperlicher Arbeit besteht. Die Karpaten sind das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas, ein Drittel aller in Europa lebender Wildtiere sind dort. Die Menschen sind freundlich, sie essen gerne und gut und sie brauchen eine Zukunft. Dörfer wie das aus dem ich stamme, werden sich entweder auflösen, weil die Alten bald alle tot sind. Oder sie werden sich an die Belange des Tourismus anpassen. Anpassen müssen. Das ist oft ein Spagat, den viele dort nicht ganz verstehen.

    Meine Freundin Lavinia. Wir sehen uns nur äußerst selten. So ist das, wenn man aus einem Land kommt, deren Bewohner in alle Welt verstreut sind. Als ich das letzte Mal in Sibiu war, Weihnachten 2008, hat viel Schnee gelegen und wir haben uns nur ein einziges Mal gesehen. Im Jahr davor, war sie gerade in Bukarest und im jahr zuvor in der Ukraine, im Urlaub. Wir skypen manchmal, aber meisthören wir lange nichts voneinander. Freundschaften müssen irgendwie halten, über die Jahre und die Entfernungen hin. Und wenn sie nicht halten, dann spüre ich die Einsamkeit in Berlin und denke Dinge, die ich an glücklicheren Tagen nicht denke.

    Obwohl ich von mir selbst keine Bilder ins Netz stelle und auch keine von meiner Familie, kommen hier jetzt doch noch zwei Familienmitglieder, denen das nicht schadet, “Kleiner Onkel” und eine von drei Kühen. Die hat keinen Namen, die heißt nur Kuh. Früher, als ich noch mitregiert habe, hatten alle Lebewesen bei uns einen Namen. Selbst die Kröte unter der Terasse. Die hieß Rosalie.

    Damit endet die Fotoserie auf diesem Blog und wir kehren zur klassischen Erscheinungsweise zurück.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 September 2010

    Ankünfte und Abschiede

    Ich bin wieder da. In Teilen. Andere Teile kommen nach. Es war nicht möglich, alles auf einmal zu transferieren. Ich komme in kleinen Parteien und Partikeln zurück. Ein Teil von mir ist früher wieder nach Berlin gekommen, andere kommen etwas später. Das wird in den nächsten Tagen zusammengefügt. Dann bin ich wieder ganz die alte. Oder sogar noch älter. Und noch ganzer.

    Die vergangenen Wochen waren ein wenig anders als geplant. Den letzten Teil der Reise, den Schlenker über Bukarest, musste ich streichen. Ich hätte also noch ein paar Tage in Transsylvanien bleiben können, aber ich hatte mich bereits verabschiedet als diese Modifikation deutlich wurde. Dann wollte ich zurück nach Berlin. Ich bin dieses Mal nur sehr schwer aus dem Leben und der Anspannung hier herausgekommen und in das Leben und seine Verhältnisse dort hinein. Ich habe den Modus der Entspannung nicht gefunden, nicht so wie ich das wollte. Ich habe kaum etwas gelesen und nur mit Mühe und Not „Licht im August“ geschafft. Das war immer ein klares Zeichen meiner Entspannung, wenn ich den ganzen Tag lesen konnte. Es gibt hinter dem Haus eine Stelle, man muss ein bisschen klettern, das Buch zwischen den Zähne, aber wenn man dann oben ist, kann einen keiner mehr stören. Da habe ich immer gelesen. Ich weiß nicht, warum ich bei früheren Aufenthalten die Zeit zur Entspannung fand, dieses Mal fand ich sie nicht.

    Sibiu liegt im Hochland, auf einer Höhe von etwa 400 Metern, aber relativ flach. Ich hingegen komme aus einem rumänischen Bergdorf, zwanzig Kilometer südwestlich von Sibiu, in der Mărginimea Sibiului, dem Randgebiet von Sibiu. Gut zehn Kilometer südlich der Stadt fangen sehr unvermittelt und an manchen Stellen beinahe schroff die Karpaten an. Man fährt auf dem Weg in mein Dorf durch Christian, das letzte Dorf der Sachsen in der Ebene; und das mit der größten Population an Störchen in Rumänien. Nahezu auf jedem Schornstein sitzt ein Storchenpaar und brütet über dem Nachwuchs. Die Storchennester sind charakteristisch für das ganze Dorf. Ich kenne dieses Bild, und das Geräusch, das Klappern der Störche, ich bin tausend Mal durch Christian gefahren, das war der Weg zur Schule. In diesem Jahr bin ich zu spät gekommen, die Störche waren schon weg. Ihre Nester waren alle schon verlassen. Das ist ein klares Zeichen für den beginnenden Herbst. Störche wissen, wann das Wetter schlechter wird. Dann machen sie mit dem Nachwuchs den ersten Sprung ins Donaudelta, wo sie eine Pause einlegen und sich sammeln, bevor sie dann in großen Zügen zum langen Flug nach Afrika, in den Sudan ansetzten. Dieses Jahr hatten sie sich allerdings geirrt, auch wenn es an dem Morgen meiner Ankunft regnete: der Sommer gab sich noch ein langes Stelldichein.

    Noch nicht ganz angekommen, noch am ersten Abend, gab es einen weiteren Abschied. Oder doch die Ankündigung dazu. Mein Großvater hatte, was ich nicht wusste, ein Fohlen gekauft. Und da neben den drei Kühen kein weiterer Platz im Stall ist, bedeutete dies unweigerlich, dass “Kleiner Onkel”, der zu uns kam als ich acht oder neun Jahre alt war, das Ende seines Lebens erreicht hat. Wo ich herkomme sind Pferde Arbeitstiere. Es kann sich kaum jemand leisten, ihnen ein Gnadenbrot zu geben. Das Ende der Arbeitskraft zeigt auch das Ende des Lebens an.

    Ich habe darüber nachgedacht, was es mich kosten würde, das Pferd zu ernähren. Das wären keine hundert Euro im Monat. Ich habe ein Stipendium von tausend Euro. Ich bekomme vom deutschen Staat ungefähr so viel Geld, wie meine Eltern zusammen verdienen. Ein Zehntel des Geldes könnte ich erübrigen, ohne dass es mir wirklich weh tut. Kleiner Onkel war einmal eine Vertrauensperson, mein erster bester Freund. Wenn ich Liebeskummer hatte, dann habe ich das dem Pferd erzählt. Und vor allem: Ich habe ihm seinen Namen gegeben. In der Welt der Worte hat er seine Existenz von mir. Er hat riesengroße dunkle, beinahe schwarze Augen und er erkennt mich auch noch nach Jahren der Trennung wieder. Er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Wenn ich ihn dann nicht beachte, dreht er mit seinen Arsch zu. Dann ist er beleidigt.

    Ich kann ihm mit hundert Euro das Leben retten, zumindest einige Zeit. Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht, und mich dann dagegen entschieden. Aber nicht, weil die finanzielle Situation bei mir in den nächsten Jahren absehbar schwierig wird. Das ist leider kein Stipendium auf Lebenszeit. Auch deswegen mache ich seit einiger Zeit so einen Druck, weil ich Angst habe, dass ich in eine Situation komme, wo ich nicht mehr weiß wie es weitergeht. Ich habe mich vielmehr dagegen entschieden, weil es geradezu obszön wäre, ein Pferd in Rumänien zu füttern, wenn man mit diesem Geld auch Menschen vor dem Verhungern retten könnte. Überall dort gibt es Leute, die nicht wissen, wie sie über den nächsten Winter kommen sollen, deren Renten und Gehälter gekürzt worden sind, bei deutlich steigender Inflation. Nach neuen Auflagen des Internationalen Währungsfonds ist die Mehrwertsteuer in diesem Jahr von 19 auf 24 Prozent angehoben worden. Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen und die wirtschaftliche Situation bei vielen, vor allem bei alten Menschen, ist äußerst angespannt. Und in meinem Dorf gibt es nahezu nur noch Alte. Ich könnte jedem zweiten dort hundert Euro in die Hand drücken.

    Ich konnte mich kaum über das Fohlen freuen. Ich musste Abschied nehmen. Kleiner Onkel und ich: wir sind zusammen groß geworden. Ich werde das Tier nicht mehr wiedersehen. Also habe ich mir viel Zeit genommen, mich zu verabschieden. Ich bin mit aufs Feld gegangen, ich habe ihn jeden Abend gestriegelt und ihm Futter gegeben und ihm Geschichten erzählt, Geschichten vom Pferdehimmel. Das war es, was ich tun konnte. Deswegen hatte ich keine Zeit zu lesen. Mit dem Tier stirbt ein Teil meiner Kindheit. Das Schlimme ist: ich kann nichts dagegen tun. Und das noch Schlimmere: ich könnte etwas dagegen tun, aber ich finde keine Rechtfertigung dafür.

    Rumänien ist ein Agrarland. Kinder und Jugendliche sind eine unerlässliche Hilfe auf dem Feld. Die Sommerferien gehen einher mit den Belangen der Landwirtschaft: vom 15. Juni bis zum 15 September sind Ferien und die Kinder arbeiten mit ihren Eltern auf dem Feld. Als am Montag die Schule wieder anfing, habe ich meinem ehemaligen Gymnasium einen Besuch abgestattet (sagt man abgestattet? Abstatten? Wie abhalftern? Und bestatten?). An dem Tag sind die beiden unteren Bilder entstanden. Auf dem letzten Bild ist mein ehemaliger Mathepauker: der war zum ersten Mal erfreut, mich zu sehen. Über meine mathematischen Fähigkeiten hat er früher allerdings nur den Kopf schütteln können. Mich interessieren einfach Zahlen nicht. Sie interessieren mich so wenig, dass ich nicht  mit Ihnen umgehen kann. Jedenfalls war mein Lehrer erfreut, mich zu sehen und er ist heute, wie damals schon, immer in Begleitung von schönen Frauen. Der Typ auf dem Bild darüber war zwar frei & willig, aber ich nicht so richtig. Nett war er dennoch.

    Ich brauche noch etwas Zeit, hier anzukommen, einige Erlebnisse in Worte zu fassen und meine handschriftlichen Notizen anzusehen. Ich möchte die kommende Woche nutzen, um anzukommen, in dieser Stadt, in dieser Sprache, in meinem Blog, im Studium, in meinen Texten und in meinem Leben hier und jetzt. In dieser Woche werde ich einige Fotoserien einstellen. Ich habe mich entschlossen, wie NO das auch in einem entschiedenen Kommentar betont hat, das Blog nicht dauerhaft mit Fotos anzureichern. Bilder lassen sich hier nicht so einfach eingliedern. Ab nächsten Montag heiß es dann: weiter im Text!

    (Noch ein Wort zu den Fotos: ich habe die Bilder im Nachhinein neu skaliert, so dass sie in dieser hier vorhandenen Größe auch die beste Auflösung haben)





    19 September 2010

    Just arrived …

    … from another planet: Alien Toric.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.