Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
Aléa Torik: Lieber NO, zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand? Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das...
NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...
Archiv vom August, 2010
17August2010
Älterwerden
Älterwerden ist ein Blick aus unendlicher Ferne. Unmerklich wird eine Annäherung daraus. Eine vorsichtige Berührung. Später wird es eine Umarmung. Dann ein Ringen, dann ein Kampf. Und dann hat man verloren.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Solange der Kopf des Geköpften nicht auffindbar ist, lässt sich alles Mögliche vermuten. Da lässt sich anhand des Torsos vermuten, der Geköpfte sei tot. Aber woher will man das wissen? Der Kopf, der ja nicht auffindbar ist, wird womöglich das Gegenteil behaupten, jetzt, da er vom maroden Körper befreit ist. Er wird sagen, er hätte sowieso eine athletische Statur bevorzugt und nicht die, mit der er hat leben müssen und auf die er, im wahrsten Sinne des Wortes, zeitlebens hat herunterschauen müssen. Nun aber, vom ungeliebten Rest befreit, beabsichtige er in nicht allzu ferner Zukunft, mal wieder richtig auf die Pauke zu hauen. Er, der Kopf, lebe, seit der Körper seine eigenen Wege gehe, oder gar keine mehr, so richtig auf.
Tot heißt in der modernen Hirnphysiologie hirntot. Der Kopf muss tot sein, dann erst ist jemand wirklich tot. Mausetot. Ist also der Kopf nicht auffindbar, kann der Mensch auch nicht tot sein. Wo kein Mund der letalen Diagnose widersprechen kann, wo keine Augenbraue sich kritisch oder spöttisch in die Höhe zieht, wo kein Lächeln mehr über das Gesicht huscht und kein schallendes Gelächter, da kann auch keiner tot sein.
Kopf und Körper sind seit der neusten Variante von gek ö pft offenbar wirklich tot. Anatol geht seinem blutigen Handwerk weiter nach. Da fällt mir ein, ich habe ja auch schon einmal etwas zur Dekapitation geschrieben: hier. Das scheint ein beliebtes Sujet bei literarisch Interessierten.
Der aufmerksame Leser und die aufmerksame Leserin wollen jetzt natürlich wissen, warum ich vom Maskulinum spreche. Dem Bild kann man ja nicht ansehen, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Kopf oder Körper handelt. Das ist vorschnell, zugegeben. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Anatol wahllos Frauen köpft. Er hätte dem Ö doch bestimmt einen schönen Lippenstiftmund hingemalt, wenn das eine Frau gewesen wäre.
Man will kein Wetter, man will verlässliche Informationen darüber
Wieder einmal in der Bibliothek: Ein Platz vor mir, eine Frau in meinem Alter, ein Handy, iphone, Internetzugang. Sie nimmt das Handy, ruft über die Applikationen den Wetterdienst auf und schaut sich das Wetter an. Und zwar für den heutigen Tag. Nur für den heutigen Tag! Ich saß nicht im Lesesaal. Ich saß, wie die Frau vor mir, am Fenster. Ein Blick nach draußen hätte ihr gesagt wie das Wetter gerade ist. Aber das da draußen ist nur die Wirklichkeit. Google und die Apple Apps aber können etwas anbieten, das diese Wirklichkeit überbietet: Content.
Das da draußen ist einfach nur Regen oder Sonne. Wen interessiert das? Das eine ist so langweilig wie das andere. Man will ja wissen wie das Wetter ist, Temperatur und Luftdruck und die allgemeine Konsistenz und Zusammensetzung der Luft, Informationen für Allergiger. Man will Informationen und nicht irgendein belangloses und austauschbares Wetter, das morgen schon wieder ganz anders aussieht und sich auch anders anfühlt; wenn sich auch eines immer gleich anfühlt, die Beliebigkeit, mit der es daherkommt. Man will kein Wetter, man will verlässliche Informationen darüber!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Die Geografie in ihrer derzeitigen Erscheinungsform
Ich war noch nie in New York, aber ich stelle ich mir das vor wie in dem Video. Ich war noch nie in New York, weil das so weit weg ist. Ich weiß ja nicht, wer sich die Geografie ausgedacht hat, aber ich find‘s unpraktisch. Hätte man das nicht alles ein bisschen näher aneinander liegend anordnen können? Ich muss 24 Stunden mit dem Zug fahren, um meine Eltern und Großeltern zu besuchen. Das ist doch absurd. Ich empfinde das geradezu als Zumutung. Ich halte die Geografie in ihrer derzeitigen Erscheinungsform für zumindest revisionsbedürftig.
[Mr NO and Mrs MB mahnten an, dass mein Erlebnis im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in der vergangenen Woche, wo mich ein Asiate fotografierte und dann erschreckt fortlief, ich erst ungläubig schaute und dann laut lachte, dass dies in eine Geschichte münden müsse. Ich wechsele also ins Märchenfach. Das ist nicht das, was ich mir für meine weitere Entwicklung vorstelle, aber es geschah schließlich nicht irgendo, es geschah in the Grimms!]
Eines Tages, Wu war schon hundert Jahre alt oder noch älter, da erzählte er, wie er vor langer Zeit nach Europa gefahren war. Er war noch jung damals. Er hatte keine Kinder und er wollte einmal nach Europa bevor er starb. Was willst du denn in Europa?, fragten die Leute. Aber das wusste Wu nicht genau. Als er fünfzig war, spürte er, dass es soweit war. Lange hatte es so ausgesehen, als spiele es keine Rolle, ob er jetzt führe oder später. Mit einem Mal drängte dann die Zeit. Eilig packte er seine Habseligkeiten zusammen. Dann saß er tagelang auf seiner Tasche. Er konnte ja nicht einfach losgehen, wie er das gewohnt war. Er musste auf den Bus warteten, der ihn die Stadt brachte. Von dort würde er mit einem Flugzeug fliegen.
Drei Wochen blieb Wu in Europa. Als er zurück kam und aus dem Bus ausstieg, erkannte man ihn kaum wieder. Schwarzhaarig wie er immer gewesen war, hatte er in den Wochen seiner Abwesenheit graues Haar bekommen. Auf seinem Antlitz lag etwas Rätselhaftes. Wie war es in Europa?, fragten ihn die Leute. Was hast du erlebt? Aber Wu antwortete nicht. Er sprach von da an nur noch das Nötigste. Er aß, er trank und er bestellte sein Feld. Er fütterte die Ziegen und die Hühner. In seiner freien Zeit aber saß er vor seinem Häuschen und schaute in die Ferne. Das ist der Vorbote des Todes, sagten die Leute. Zuerst sprachen sie nur hinter seinem Rücken, dass er es nicht hörte. Dann wurden sie mutiger und sagten es auch in seiner Nähe. Schließlich sagten sie es ihm direkt ins Gesicht. So vergingen die Jahre. Die Leute in seinem Alter starben. Es starben auch Jüngere. Wu aber starb nicht.
Die jungen Leute wohnten inzwischen in der Stadt, sie fuhren Auto und schauten fern und telefonierten den halben Tag. Am Wochenende kamen sie zu Besuch. Sie sahen Wu vor seiner Hütte sitzen, eine Schale Tee zwischen den Fingern. Sie erinnerten sich daran, dass Wu in Europa gewesen war und danach das Reden eingestellt hatte. Zehn oder zwanzig Jahren ist das her. Oder noch länger. Unendlich lange. Wu war uralt. Manche kannten sein Schicksal nur aus den Erzählungen der Eltern. Wu hatte schon vor seiner Hütte gesessen, als sie noch nicht geboren waren. Solange sie denken konnten, saß Wu schon dort. Erzähl uns, was du in Europa erlebt hast, hatten sie ihn als Kinder gebeten. Wu aber schaute an ihnen vorbei in die Ferne. Später forderten sie ihn jedes Wochenende auf, zu erzählen. Aber sie glaubten nicht daran, dass er, der schon immer alt und grau gewesen war, der vielleicht so auf die Welt gekommen war, den Mund aufmachen würde.
Eines Tages, als man ihn zum hundertsten oder tausendsten Mal gebeten hatte, schaute er die Leute an als sähe er sie zum ersten Mal und als hörte er auch ihre Fragen zum ersten Mal. Sie haben eine halbe Stunde, sagte er. Ein halbe Stunde?, fragten sie Wu. Man hat für alles eine halbe Stunde, nicht mehr und nicht weniger. Die Leute wussten nicht, was sie mehr verwundern sollte, dass Wu wieder sprach oder dass er in Rätseln sprach. Als sie am kommenden Wochenende wieder zu Besuch waren, da erzählte Wu, ohne dass sie ihn auffordern mussten. Man hatte eine halbe Stunde. Für Westminster Abbey und die Tate Modern in London, das Louvre und für Sacré-Cœur in Paris, für das Prado in Madrid und Guggenheim in Bilbao, das Nationale Kunstmuseum und den Regierungspalast in Bukarest, den Reichstag und Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin. Jedes Mal sagte der Reisebegleiter, Sie haben eine halbe Stunde. Wer weiß, was nach dieser Zeitspanne passiert. Vielleicht darf man diese Grenze in Europa nicht ungestraft überschreiten.
Das sind seltsame Menschen, sagten seine Mitreisenden, die schon einmal in Europa gewesen waren. Man kann sie vom Äußeren kaum unterscheiden und sie starren einen an. Wu war ein wenig besorgt. Da alle anderen eine Kamera hatten, kaufte auch er einen solchen Apparat. Wer weiß, wozu das gut ist, sagte er sich. Er hatte noch nie eine Kamera besessen. Es war ein billiges Modell, eine Einmalkamera. Sie hatte nur einen einzigen Knopf, auf den man drücken musste, wenn man ein Foto machen wollte. Das konnte man fünfzig Mal tun. Dann war sie voll und man schickte sie ein und bekam die Bilder zurück. Wu trug die Kamera immer mit sich herum, aber er benutzte sie nicht. Er wusste nicht genau, ob er ein Foto machen wollte.
Eine halbe Stunde hatten sie auch in Berlin, erst im Reichstag und dann im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Das ist eine Bibliothek, fast weiß, sehr gerade Formen, schmale Fenster, bis unter das Dach vollgestellt mit Büchern. Der Führer sagte in paar Worte zu den beiden Brüdern, die der Bibliothek den Namen gaben. Sie hatten Worte gesammelt und alte Geschichten, Mythen und Märchen. Danach wurde die obligatorische halbe Stunde angekündigt. Wu konnte sich nicht erinnern, warum die beiden andern, mit denen er bisher zusammen gewesen war, in Berlin nicht dabei waren. Jedenfalls zog er in der Bibliothek alleine los.
Vielleicht war Wu in Gedanken gewesen. Vielleicht hatte er Hunger oder Durst gehabt, er geriet jedenfalls zwischen die Regalreihen. Wenn er am Ende einer dieser Regale angekommen war, drehte er sich um und ging den nächsten Gang entlang. Er ging Treppen hoch, Stockwerk um Stockwerk stieg er immer höher und höher, aber wohin er auch kam, es sah überall gleich aus. Regale bis ans Ende des Horizontes. Wu fühlte sich einsam. Er hatte schon lange keinen Menschen mehr gesehen. Er vernahm ein Brummen, aber er konnte nicht sagen, woher es kam. Er geriet immer tiefer hinein in den Raum und immer tiefer in die Zeit. Es wurde dunkler, die Regale rückten enger aneinander, sie bogen sich über ihm zusammen. Wu fand das unheimlich. Nach jedem Regal, wendete er sich erneut und kam wieder in einen anderen Gang, der in die Tiefe führte und an dessen Ende er wenden musste. Er vergaß alles um sich herum. Er ging nur noch die Regale entlang, wendete am Ende und ging den nächsten Gang. Es wurde immer dunkler, aber Wu bemerkte das nicht. Und dann schrie er mit einem Mal in höchster Angst auf. Er hielt sich dich Kamera zum Schutz vor das Gesicht und drückte ab. Dann schrie er noch einmal und rannte um sein Leben.
Wu konnte sich nicht erinnern, wie er aus dem Gebäude herausgekommen war. Er konnte sich auch nicht an die Tage danach erinnern, an das restliche Europa. Er zog sich auf sein Zimmer zurück. Er sprach nicht mehr. Als seine Reisebegleiter sich nach ihm erkundigten, ließ er ausrichten, er fühle sich nicht wohl. Man solle sich keine Sorgen machen. Auf dem Flug war er in sich gekehrt. Er vergaß, sich von seinen Reisebegleitern zu verabschieden. Im Bus, der ihn in sein Dorf zurückbrachte, separierte er sich von den anderen. Als er ausstieg, sahen die Leute ihn besorgt an. Er reagierte nicht auf die Fragen, die sie ihm stellten. Er kümmerte sich um sein Haus und sein Feld und sein Vieh. Er würde alt werden. Er würde alt werden und immer älter, hundert oder tausend Jahre alt. Aber er würde nicht sterben.
In ein paar Jahren, sagte er sich, wollte er noch einmal fahren. Er hatte es nicht eilig. Er wollte noch einmal nach Europa fahren, noch einmal dieselbe Reise. In Berlin würde er das Grimm-Zentrum besuchen und die Führung mitmachen. Dann käme dieser unverständliche europäische Ritus, Sie haben eine halbe Stunde, und Wu würde alleine losziehen. Er würde in die Tiefen dieses Gebäudes eindringen, er würde durch die Regale irren, immer tiefer und tiefer hinein in den Raum und in die Zeit, und ganz am Ende würde sie vor ihm stehen, diese große rothaarige Erscheinung, sie würde Feuer speien und lachen. Vielleicht würde sie ihn verschlingen.
Solange dieser europäische Drache mit ihren feuerroten Haaren und ihren glühenden Augen auf ihn wartete, solange würde er nicht sterben. Wu strich mit seinen Fingern über das Foto, das er damals gemacht hatte. Das einzige Foto in dem Apparat. Er hatte nur einen Abzug anfertigen lassen, weil er der Meinung war, dass mit jedem weiteren die Erinnerung verblasse. Und das wollte Wu nicht.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Manchmal, wenn ich sehe, dass andere etwas Schönes haben, dann will ich es auch haben. Ich möchte es besitzen. Vielleicht möchte ich auch das Gefühl haben, von dem ich unterstelle, dass der andere es hat, während er mit zeigt, dass ich es nicht habe. Dann ginge es mir gar nicht um die Sache. Das Materielle wäre nur etwas Vordergründiges und es ginge mir vielmehr darum, anderen zu zeigen, dass sie etwas nicht haben.
Bei manchen Dingen bleibt einem nichts anderes übrig, als sie dem- oder derjenigen wegzunehmen. Das macht meist keinen guten Eindruck, vor allem bei Menschen, die dem Begriff des Eigentums eine ausgesprochen distinguierte Haltung gegenüber einnehmen. Außerdem sollte man, was das anschließende Weglaufen betrifft, gut trainiert sein. Man könnte die entsprechende Person allerdings auch fragen, woher sie das Schöne hat und, Geld vorausgesetzt, kauft sich das. Bei ideellen Dingen ist das schwieriger, bisweilen unlösbar, wenn ich genauso aussehen wollte wie meine Mitbewohnerin oder den Job meines Profs haben wollte, müsste ich wohl kapitulieren. Viele Dinge in der virtuellen Gesellschaft kann man gar nicht mehr besitzen. Aber man kann, was man nicht besitzt, immerhin teilen.
Das folgende Video fand ich so schön, dass ich es unbedingt hier haben wollte, vielmehr es hier teilen wollte. Ich habe es bei inadäquat gefunden. Christine Zintzen findet sehr treffende Worte, um zu beschreiben, was in dem Video zu sehen und zu hören ist. Es stammt von Renaud Hallée. Und das Schöne ist: es können alle haben.
Ich sehne mich nach einer Liebesnacht mit einem Mann: Das jedenfalls schrieb mir der Bücherblogger. Er tat es, weil ich meinen vorletzten Beitrag mit den Worten endete, dass alle Bücher meiner Sommerlektüreliste von Männern geschrieben wurden.
Da hat dieser Mann nicht ganz unrecht. Ich lese üblicherweise im Bett. Meist ohne jeden erotischen Anflug. Und wenn, wird’s hier aller Voraussicht nicht thematisiert. Es wäre in der Tat nicht schlecht, wenn sich hier und heute ein stattliches männliches, oder zumindest vorwiegend männliches Exemplar einfinden könnte, um holden Minnedienst zu leisten. Dieses Exemplar möchte bitte zuvor nicht bei meiner Mitbewohnerin vorbeigehen, um daselbst abgefangen zu werden und dann niedere Liebesarbeit verrichten zu müssen.
Ich sehne mich nach einem Mann. Allerdings ist mir auch nicht gleich jeder recht und billig. Ich sitze fünf Tage in der Woche in einer Bibliothek, die als der Laufsteg unter den Berliner Bibliotheken gilt, und nicht nur für Frauen. Da läuft durchaus das eine oder andere mit Testosteron angereicherte Exemplar dieser in Frage kommenden Spezies herum. Das dürfte nicht so schwer sein, einen von denen mittels – das nehme mir bitte niemand krumm – recht einfacher Mittel davon zu überzeugen, sich etwas näher mit einem zu beschäftigen. Die Argumente, für die Männer wirklich empfänglich sind, werden im Anatomiekursus unterrichtet, nicht im Logikkurs.
Vielleicht bekäme ich das infrage kommende Exemplar auch noch zu mehr als einer Liebesnacht herum, zu zehn oder tausend, oder, wenn er richtig fleißig sein sollte, auch zu zehntausend Liebesnächten. Allerdings werden weder aus zehn noch aus zehnttausend Liebesnächten jemals tausendundeine Nacht. Weil dies eine Zahl ist, ein Wert, der nicht auf der Zahlenskala zu finden ist. Das ist eben der Zauber, jenseits von Zahl und Wert und sonstigen Maßeinheiten, die bei Männern wie bei Frauen angelegt werden können; ein Zauber, der sich nur im Moment erweisen kann: Bei einem Rendezvous, das irgendwo zwischen Versprechen und Verführen liegt. Jenseits vom vögeln. Wobei das, wie ich bereits sagte, auch gut sein kann. Und manchmal kommt ja auch zusammen, was zusammen gehört.
Das sieht heute Abend also tatsächlich nach einer Männerfreizeit aus, auch bei Olga iss nix mit Männern. Wir machen uns gleich Mangolassi, es gab drei Mangos für einen Euro fünfzig! Und Morgen gibt es noch Salat mit Mangostreifen. Statt Männer. Das wäre der Alternativtitel dieses Beitrags gewesen: Mangolassi statt Männer. Dann habe ich mich aber doch noch für den etwas anspruchsvolleren Titel entschieden.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Misanthropie ist keine Lösung. Weil es das Problem nicht gibt, das sie zu lösen behauptet. Vielmehr ist die Lösung das Problem. Jedenfalls für den Misanthropen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.