29 August 2010
Gedichte, die keiner liest
Ich hänge, wie schon mehrfach gesagt, die letzten Tage einfach nur herum. Ich hänge in den Seilen. Leider wird das nicht besser, eher schlechter. Heute, also gestern, war ich immerhin einmal an der Luft, beim Poetry Rain. Das hört sich im Spanischen sehr viel bedeutender an: Bombardeo de poemas. Ich wollte meine neue Kamera ausprobieren, eine schicke kleine Canon IXUS 105. Ich will das Blog ja bald mit Bildern aufmöbeln.
Die Veranstaltung fand am Lustgarten statt, gegenüber von Berliner Dom und Neuem Museum. Aus einem Helikopter wurden in fünf oder sechs Anläufen 100.000 Zettel mit Gedichten herunter geworfen. Das war schön. Spanische Musik. Viele Ausländer. Viele Kinder. Allerdings auch Kranke. Ich sah einen älteren Mann, der einem Kind beinahe so einen Gedichtzettel aus der Hand gerissen hätte. Vor allem sah ich Kinder. Die meisten schienen recht erfreut. Für sie war das ein Spiel. Und zwischendurch regnet es immer wieder diese Zettel.
Ich sah ein vierzehn- oder fünfzehnjähriges Mädchen, sehr schön, still und andächtig und in sich gekehrt. Die hat mir gefallen. Sie stand in meiner Nähe und beobachtete wie ich mit der Kamera herumspielte. Wir lächelten uns an. Ich schaute auf die Kamera, weil ich ein Bild von ihr machen wollte. Als ich wieder hochsah, war sie weg. Ich wollte wissen, wer sie ist. Was sie denkt. Wie sie sich fühlt. Sie schaute verliebt aus und tapfer. Ich fühlte mich an mich selbst erinnert. Als ich so alt war wie sie. Das war meine erste Lektion mit der Kamera, und die war bitter. Wäre der Wunsch nach dem Bild nicht da gewesen, den sie womöglich antizipiert hatte, dann wäre da ein Gespräch zustande gekommen, Nähe und Zuneigung. Aber ich hab‘s vermasselt.
Einmal ist einer dieser Zettel direkt vor meinen Füßen gelandet. Das war meiner. Ich habe jedoch keinerlei Bewegung gemacht, ihn aufzuheben. Eine Frau sah mich ungläubig an, als handele sich um einen Schatz, den ich ignorierte. Sie bückte sich dann flink und nahm den Zettel auf, weil sie befürchtete, dass ich mich anders entscheiden könnte und meinen Anspruch auf den Zettel doch noch anmeldete. Ich beobachtete lediglich, wie sie sich bückte, mich dabei im Auge behielt und dann so schnell wie möglich wegging und wieder in den Himmel schaute, wo es noch immer Zettel regnete. Ich prügele mich nicht um Papierschnipsel. Nicht einmal dann, wenn ein Gedicht drauf steht.
Liest das jemand? Ist es wichtig? Könnte es nicht genauso gut Hühnerscheiße regnen? Ich verpasste das Gespräch mit dem Mädchen, weil ich auf die blöde Kamera geschaut habe. Ich verpasste die Gedichte, weil ich mich nicht bücken wollte. Als ich wegging, sah ich einen Zettel auf dem Boden liegen. Ich sah nur ein einziges Wort: „Hilfe“. Die anderen Worte konnte ich nicht erkennen. „Hilfe …“
Vielleicht steht auf allen Zetteln dasselbe. Aber niemand liest es. Sie alle sammeln die Zettel, sie sammeln die Gedichte, die Fotos, die sie an diesem Abend mit ihren Kameras machen, sie installieren die Software auf dem Rechner, überspielen die Fotos, versuchen sie zu formatieren oder schreiben einen Text darüber. Sie schreiben, dass sie ein Gespräch verpasst haben. Sie erzählen ihren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte von einem Piloten, der einen Hubschrauber fliegt, aus dem es Zettel mit Gedichten regnet. Niemand, kein einziger, liest die Zettel. „Hilfe“, steht da, „bitte helfen Sie mir!“
Hilfe, ich kann nicht anhalten. Hilfe, ich komme hier nicht heraus, Hilfe, ich will hier herunter. Ich will nach Hause, ich habe eine Frau, die auf mich wartet, ich habe Kinder, denen ich eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen muss. Hilfe, steht da, ich habe Flugangst. Ich muss meine Daten auf dem Rechner formatieren. Hilfe steht da, ich muss bis ans Ende der Zeit Gedichte schreiben und alle Gedichte, die mir einfallen, beginnen mit dem Wort „Hilfe“. Ich gäbe etwas dafür, wenn mir etwas anderes einfiele.
Der Pilot fliegt bis in alle Ewigkeit weiter in dem Hubschrauber. Er wirft weiter Zettel ab, die keiner liest, weil alle denken, es sind ja bloß Gedichte, wer liest denn schon Gedichte. Die Leute machen ein Foto und dann archivieren sie es und erzählen Ihren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte, in der ein Pilot Zettel mit Gedichten abwirft, die keiner liest.
Und der Pilot fliegt in alle Ewigkeit weiter und wirft weiter Zettel ab, die keiner liest, weil alle denken, es seien Gedichte. Die Leute machen Fotos, archivieren sie auf ihrem Rechner. Sie erzählen ihren Kindern von einem Piloten, der in alle Ewigkeit weiterfliegt und Zettel abwirft, auf denen Gedichte stehen, die alle mit dem Wort „Hilfe“ beginnen, bitte helfen sie mir, alle denken, ich schreibe Gedichte.
Gedichte, die keiner liest.
(Ich habe die Bilder, nachdem ich sie formatiert hatte, wieder herausgenommen. Das waren so Allerweltsfotos. Schnappschüsse. Das gefällt mir noch nicht. Das war nicht ästhetisch.)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 29th, 2010 unter lang, Paralipomena












Kommentar von moritz gause
Datum/Uhrzeit 29. August 2010 um 01:44
Liebe Aléa Torik,
Sie sind eine lustige Dame. Sie reden über die Photos, reden darüber in dem – wie ich finde – richtigen Zusammenhang -, und möchten dann selbst welche einstellen? Hach…
Ihren Blog habe ich immer sehr gern gelesen. Lese ich sehr gern, pardon! Auch ohne Photos – Sie schreiben ohnehin so, dass die images ohne pictures den Weg in meinen Kopf finden. Ihren Blog “aufmöbeln”. Hm. Na wenn Sie meinen!
Tortzdem in gespannter Erwartung, herzlich
moritz gause