28 August 2010
Meine Sommerlektüre
Heute stelle ich meine Leseliste für die kommenden drei Wochen ein. Ich wollte erst tausende Seiten mit nach Rumänien schleppen. Das mache ich jetzt doch nicht. Ich muss in diesem Jahr vor allem andere Dinge tun. Ich muss mit Mama und Papa reden, dem Opa zur Hand gehen, und mit der Oma Kuchen backen. Ich muss Freunde treffen, mich ins Gras legen und in den Himmel schauen, dem Esel in den Hintern treten – oder der mir, das ist zwischen uns nicht geklärt -, baden gehen, Kleiner Onkel reiten und striegeln, mit meinem Vater auf einen Berg steigen, und dann das tun, was man auf Bergen tut und worum willen man da hochgeht, nämlich herunterschauen, solche Sachen eben. Dazu muss ich nicht mehrere tausend Seiten durch halb Europa schleppen.
Weil es Menschen gibt, die glauben, einem Buch bereits auf der ersten Seiten ihr Wesen ansehen zu können – so wie man einem Menschen ins Gesicht sieht und sofort seine tiefsten und dunkelsten Seiten erkennt – , weil es solche Menschen gibt, stelle ich jeweils den ersten Absatz dieser Bücher hierher.
William Faulkner, Licht im August
„Lena sitzt am Straßenrand und beobachtet, wie das Fuhrwerk den Hügel zu ihr heraufklettert, und sie denkt: `Ich komme aus Alabama: ein schönes Stück. Den ganzen Weg von Alabama her, zu Fuß. Ein schönes Stück´. Sie denkt Ich bin noch keinen ganzen Monat unterwegs und hab’s schon bis Mississippi geschafft, weiter weg von zu Hause, als ich je vorher gewesen bin. Ich bin jetzt weiter weg von Doane’s Mill, als ich seit meinem zwölften Lebensjahr gewesen bin“
Wolf von Niebelschütz, Die Kinder der Finsternis
„Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinem Karren und seinen Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin als schmettere das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht.“
Andre Gidé, Die Falschmünzer
„In solch einem Augenblick, vermeint man immer, Schritte vom Gang her zu hören“, dachte Bernhard. Er hob den Kopf und lauschte. Alles still: Sein Vater und sein großer Bruder hatte heute länger im Justizpalast zu tun; seine Mutter machte Besuche; seine Schwester war in einem Konzert; und Caloub schließlich, sein kleiner Bruder wurde jeden Tag nach dem Unterricht in einer Schülerpension verwahrt. Bernhard Profitendieu war zu Hause geblieben, um fürs Abitur zu pauken; er hatte nur noch drei Wochen Zeit. Die Familie ließ ihm seine Ruhe; aber der Dämon nicht. Bernhard erstickte fast, obwohl er die Jacke ausgezogen hatte. Von der Straße drang durch das geöffnete Fenster nichts als Hitze herein. Seine Stirn war schweißnass. Ein Tropfen rann an der Nase herab und fiel auf einen Brief, den er in der Hand hielt: `Sieht wie eine Träne aus´, dachte er. `Doch es ist allemal besser zu schwitzen, als zu weinen.´“
Dieter Forte, Auf der anderen Seite der Welt
„Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tage erwartete, das Licht weite hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“
Es wird hier, wenn ich wiederkomme, Änderungen geben. Ich werde nicht mehr wie bisher, einmal im Monat einen Roman besprechen. Das ist zu viel Arbeit und führt zu nichts. Anhand der Vorlagen von NO und der regen Beteiligung Melusines zu Johnsons „Jahrestagen“, will ich das anders gestalten. Ich stelle hier jeden Monat ein Buch vor und es besteht dann vier Wochen lang die Möglichkeit, etwas dazu zu sagen. Ich werde am 1. 10. 2010 einen kleinen Text zu William Faulkners „Licht im August“ einstellen. Wer möchte, kann sich dazu äußern: eigene Texte oder Zitate oder was immer einem dazu einfällt, direkt dazu oder im weiteren Umkreis. Es kann diskutiert werden und zitiert oder lamentiert, ganz nach Lust und Laune. Ich werde dann nicht mehr in dem Maße moderieren wie bisher, sondern die Kommentare werden automatisch freigeschaltet.
Dazu mache ich eine neue Kategorie auf „Text des Monats“, etwas in dieser Art. Vielleicht läuft das nicht, weil sich zufällig zwei verwandte Seelen zu Johnson getroffen haben, aber niemand meine Lektüreliste lesen möchte. Das macht nichts. Dann mache ich es alleine. Oder ich lasse es mit allen anderen zusammen. Am ersten November werde ich einen Eintrag zu Wolf von Niebelschütz machen, am ersten Dezember einen zu Andre Gidé und am ersten Januar einen zu Dieter Forte. Damit sind die nächsten vier Monate meiner Lektüre bestimmt. Wenn das gut läuft, wenn das auf Interesse stößt, können hier ab Februar auch Vorschläge gemacht werden. Dann ist die Sommerlektüre schon eine Winterlektüre. Wir haben zwölf Texte im Jahr, die besprochen werden können. Davon abgesehen, läuft das Blog unverändert weiter. Ich kündige lediglich in Zukunft meine Lektüre an.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 28th, 2010 unter lang, Paralipomena












Kommentar von NO
Datum/Uhrzeit 16. September 2010 um 17:11
Das könnte das Problem werden – die fremde Bücherliste.
Diese Vorgabe zwingt von außen auf, was man jetzt und in der Reihenfolge zu lesen hat, neu oder wieder. Sonst kann man nämlich nicht so etwas dazu sagen, dass man selber etwas davon hat. Und der Zwang kommt wohlmöglich manchem ungelegen. Gut, man kann das Lesen ja lassen. Und SIE, liebe Aléa Torik, lesen diese Bücher in dieser Reihenfolge ja sowieso. Wie bisher. Sie kündigen es lediglich an und schenken sich lediglich die aufwendige literarische Analyse.
Es ist ein uneinfaches, vielschichtiges Thema, deswegen tue ich mich selbst jetzt immer noch schwer.
Die Liste ist richtig und wichtig. Man will wissen, was SIE lesen. Und ich würde übrigens sehr gerne auch unbedingt wissen wollen, w a r u m Sie diese (und folgende) Bücher für sich ausgewählt haben!?! Außerdem hätte man im neuen Format jetzt die Möglichkeit (Gegensatz von Zwang!), mitzulesen und sich vorzubereiten auf die Kommentare. Allein Liste und (fremde) Kommentare könnten helfen, zukünftige Leser anzuregen zu dem jeweiligen Buch (oder irgendeinem anderen). All das ist sehr gut!
Vielleicht hülfe es zur Überwindung der Fremdbestimmtheit, wenn Sie nicht alle Ihre gelesenen Bücher hier zur Diskussion stellten (sondern vielleicht nur jedes zweite), dafür aber die im BLOG vorgesehene Diskussionszeit verlängerten (auf vielleicht 2 Monate?), damit auch der Späteinsteiger oder länger Lesende (oder was auch immer) auch nach 7 Wochen von Ihnen (und anderen!) noch Antwort bekommt? Man hätte ja sonst das Gefühl, wie ein notorisch zu spät Kommender in ein totes BLOG-Kapitel hinein zu kommentieren (wie jetzt ja auch der „Unendliche Spaß“ wie tot daliegt).
Im Übrigen fände ich es schade, wenn es zukünftig überhaupt keine dezidierten, tiefer gehenden, quasi literaturwissenschaftlichen Besprechungen gäbe hier, wie Ihre Rezension von der „Leinwand“ zum Beispiel. Auch das ist wichtig hier, damit auch Profis eingeladen sich fühlen. Und SIE sich denen auch so präsentieren können. Und wir Sterblichen außerhalb des Literaturbetriebes lesen könnten, wie man es wirklich macht.
Außerdem gehe ich davon aus, dass Sie auch weiterhin druckfrische, neue Bücher besprechen werden? Ihre Leseliste listet (moderne) Klassiker und vergessene bzw. übersehene Größen. Das ist aber hoffentlich wohl Zufall. Denn nichts Aktuelles hier („Südharzreise“) – das würde ich vermissen. Und was ist mit den echten Klassikern (also 19. Jahrhundert und früher)?
Ansonsten noch einige Bemerkungen zu etwaigen technischen Veränderungen:
Bei etwaigen technischen Verbesserungen würde ich dringend vorschlagen, die einsehbare Liste der Kommentare („recent comments“) deutlich zu verlängern (wie bei „Dschungel“ und „Gleisbauarbeiten“), das hülfe Einsteigern sehr. Dasselbe gilt für die Listung der letzten Artikel, da könnten ruhig die letzten 20 zum Herunterscrollen stehen, ohne dass man über „Ältere Artikel“ umschalten muss (so auch Dschungel und Gleisbau).
Im Übrigen bin ich mir nicht sicher, ob Ihre Suchfunktion optimal ist. Ich finde oft manches nicht (so schnell) wieder. Sucht die Funktion nur in IHREN Artikeln (Überschriften), oder nur in den von Ihnen selbst geschriebenen Texten?
Fotos? Dem skeptischen Kommentar von Moritz Gause (zum „Gedichte“-Artikel vom 29.8.10 (ganz oben, vom 29. Aug. 01:44 Uhr: „Na, wenn Sie meinen…“) kann ich eigentlich nur zustimmen, und zwar in jeder Beziehung, bei jedem Satz. Nichts spricht natürlich gegen ein Bild mit Worten dran, ab und an, wie bei „An Palermo zweifeln“. Aber sonst?
Beste Grüße
NO