23 August 2010
Dieser Wahn des Unfertigen I
In dieser Woche gibt es drei kleine Ausschnitte aus dem Text, an dem ich derzeit arbeite. Das ist alles noch nicht fertig, das ist die Rohfasssung. Das vergisst ein Leser vielleicht: Autor und Autorin haben es mit Texten zu tun, die noch nicht fertig sind. Unfertige Texte sind aber nicht unbedingt Texte, die kurz vor ihrer Fertigstellung stehen. Das sind nicht einmal Texte, die weit weg von ihrer Fertigstellung stehen. Die stehen einfach nur irgendwo, auf einer Brücke und schauen von dort sehnsüchtig in die Tiefe. Unfertige Texte haben mit fertigen Texten nicht das Geringste gemein. Wir lesen die Bücher anderer, weil sie fertig sind, nicht weil sie uns interessieren. Weil wir weg müssen von diesem Wahn des Unfertigen.
Ich mache das dieses Mal so, dass ich den Text einmal vorschreibe, mit allen Personen und Handlungssträngen. Das wollte ich bis Ende August geschafft haben. Habe ich aber nicht. Bei mir ist gerade richtig die Luft raus. Ich fahre in der kommenden Woche nach România . Wenn ich zurückkomme, werde ich mich kopfüber ins Semester stürzen. Oder ich lese mein Romanmanuskript und stürze mich kopfüber aus dem Fenster. Das sind ernstzunehmende Alternativen.
Ich beschreibe Alma. Ich führe diese Figur damit ein. Das tue ich allerdings nur, um sie zu verabschieden. Tatsächlich wird hier die Figur des Jonas eingeführt. Der Leser wird nichts mehr von Alma hören. Vielleicht noch über Jonas, aber nicht über mich.
„Alma vor dem Spiegel, immer wieder Alma vor dem Spiegel. Alma vor dem Badezimmerspiegel, wie sie sich die Haare hochsteckt, Alma wie sie sich im Flurspiegel von links und von rechts und von allen Seiten betrachtet, Alma, die sich hin und her dreht, als gäbe es immer neue Seiten an ihr zu betrachten, etwas anderes liebenswertes, das bisher nur noch niemand entdeckt hat. Alma wie sie in einen kleinen Handtaschenspiegel schaut, ein Modell zum Aufklappen das leise Schnappgeräusche von sich gibt, und ihr Gesicht betrachtet. Einmal wird der Mund kritisch unter die Lupe genommen, der Sitz des Lippenstiftes, ein anders Mal der Kajal, die Augenbrauen, Rouge oder Puder, die Wangenpartie, die nicht richtig betont ist. Alma verzieht das Gesicht dazu, sie zieht die Stirne kraus, sie spitzt die Lippen, wölbt grotesk die Nasenflügel und dann wieder schaut sie in den Spiegel als wäre sie bereits tot, absolut reglos, als wäre das gar nicht ihr Gesicht, als hätte sie das noch nie gesehen, schaut sie befremdet und manchmal verärgert, sie schaut als könne sie es nicht glauben und wollte sich beschweren; dann wieder ist sie hingerissen, geradezu begeistert, so, scheint sie sagen zu wollten, habe ich schon immer aussehen wollen, an diesem Tag ist das Gesicht endlich das was es sein muss, wie in Marmor gehauen steht es da für die Ewigkeit. Alma sieht sich jetzt, in diesem einen besonderen Moment, sie sieht sich früher als Kind, als Jugendliche, als sie zum ersten Mal verliebt ist, und sie sieht sich in späteren Jahren, als ältere Frau, wenn Erfahrung und Klugheit, wenn Enttäuschung und Erwartung sich gleichermaßen ins Gesicht hineingeschrieben haben. Alma die sich in allen Haltungen und Lebenslagen ihrer selbst versichert, die eine Schnute zieht, einen Flunsch, die sich morgens kritisch beäugt und abends voller Befürchtungen ihre Falten anschaut, als würde ihr Gesicht aus nichts anderem mehr bestehen, Nase, Mund und Ohren, alles weg und stattdessen nur noch diese Sorgenfalten, die sie am liebsten mit einer Schieblehre nachmessen möchte, und die sich fragt, ob das ein Tag war, an dem die Falten wieder ein tausendstel Millimeter tiefer geworden sind, es sieht aus wie ein ganzer Zentimeter, wie mit dem Meißel hineingearbeitete Gräben und Furchen, Schneisen der Verwüstung, sie ist sowieso kurz davor einen Schreikrampf zu kriegen. Alma vor dem Spiegel, immer wieder Alma vor dem Spiegel.
Nach sechs Jahren war die Grenze erreicht. Wir mussten auseinander gehen, wir mussten uns trennen. Wir erkannten das beide zur gleichen Zeit, jedenfalls sagten wir uns es zur gleichen Zeit. Das ging sehr geordnet vor sich, wir führten ein zivilisiertes Gespräch eines Abends, ich schlief zum ersten Mal in den sechs gemeinsamen Jahren auf der Coach und ich bin sicher, dass Alma die halbe Nacht vor dem Badezimmerspiegel verbracht hat. Am nächsten Morgen verließ ich mit einem Koffer die gemeinsame Wohnung. Einen Tag später holte ich, während Alma bei der Arbeit war, noch einige Sachen ab.
In den folgenden Wochen trafen wir uns einige Male in der ehemals gemeinsamen Wohnung, wir mussten Dinge zwischen uns aufteilen. Wir mussten, was bisher gemeinsam gewesen war, auseinanderreißen. Wir mussten einen Haushalt auseinanderreißen, wir rissen zwei Leben auseinander. Nach sechs Jahren des gemeinsamen Lebens kann man nicht so einfach entscheiden, was das eigene ist und was das andere. Bei den Spiegeln war die Sache klar, Alma würde nicht einen freiwillig hergeben. Bei den Tischen und Stühlen war das noch recht einfach, bei Fotoalben schon schwieriger. Dann gab es jene Dinge, die keiner von beiden haben wollte, das gemeinsame Bett. Wir mussten die gemeinsamen Freunde aufteilen. Und eines Tages wird noch das geteilt, von dem man immer angenommen hatte, es sei unteilbar, dies aber erst nach jahrelangem Schachern und Zerren, die Erinnerungen aneinander.
Alles in allem ging das zivilisierter vor sich als ich es erwartet hatte. Ich wechselte die Wohnung, ich wechselte die Stadt und den Job und ich wechselte meine Auffassung von der Liebe.“
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 23rd, 2010 unter Belle-e-triste, lang












Kommentar von avenarius
Datum/Uhrzeit 23. August 2010 um 23:54
Keine Spur von Behaglichkeit. Mit jedem Schritt schlägt das Gewordene zurück. Die wunderliche Vervielfältigung des Gespiegelten, die explosionsartige Vermehrung des Blanken, das Abgerissene.
Und dann die Abkehr. Umstürzlerisch würde ich es nennen.
Die Möglichkeit zum Einreißen der Kerkermauer lässt die Frage nach dem, was hinter den Mauern sein möge, gar nicht zu. Keine Behaglichkeit. Salven von Sätzen.
Avenarius