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Aléas Anordnungen

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    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
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  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom August, 2010

    31 August 2010

    Betriebsferien – Vacanţă 01. 09. – 22. 09. 2010

    Gestern war ich in den Geschäften unterwegs. Ich wollte mir graue Strümpfe kaufen. Ich wollte ein wenig bummeln. Ich wollte schauen, was es so gibt. Und was es nicht gibt. Von dem, was es gab, gab es sehr viel. Von dem, was es nicht gab, gab’s sogar noch mehr. Ich habe mir auch Strümpfe gekauft. Ein Paar von denen, die es gab. Von denen, die es nicht gab, gab’s zwar auch welche, das waren auch Strümpfe und die waren auch grau, aber die waren mir zu teuer. Die gab‘s also wirklich nicht. Die Dinge, die es nicht gibt, die gibt es aus bestimmten Gründen nicht.

    Ursprünglich wollte ich nicht sang- und klanglos in den Urlaub verschwinden und das Blog und Berlin alleine lassen. Jetzt mache ich das aber doch so. Ich wollte erst einige Kapitel aus meinem Roman einstellen. Man hat mir davon abgeraten. Das war gut. Und gut war auch, dass ich dem Rat gefolgt bin. Ich will den Text einmal verkaufen. Es wird also, wenn ich wieder komme, auch in diesem Bereich einige Veränderungen geben. Ich muss lernen, mich und meine Fähigkeiten zu verkaufen. Das kann ich bisher gar nicht. Dazu werde ich Anstrengungen unternehmen müssen.

    Dennoch wird dies hier in den kommenden drei Wochen keine Brache. Soweit ich NO verstanden habe, wollte er noch Texte zu Uwe Johnsons „Jahrestagen“ einstellen, unter Lieber NO. Alle anderen Kommentare oder Nachrichten sind mir natürlich auch willkommen.  Sollte hier nichts geschehen, ist das durchaus kein Fehler. Erholungspausen sind wichtig für die nächste Kontraktion.

    Ich werde bisweilen ins Netz gehen und eventuelle Kommentare freischalten. Dazu muss ich aber nach Sibiu fahren. In meinem Dorf gibt’s kein Netz. Da gibt es nur das Netz sozialer Beziehungen und das ist für die moderne Kommunikation völlig ungeeignet. Da kann man nur mit den Nachbarn reden. Wenn ich in der Stadt bin, lasse ich mich auch gerne auf einen Kaffee einladen, sagen wir Donnerstagmorgens gegen 11.00 Uhr (Ortszeit) im „Internetcafé“ in der Strada Nikolae Balcescu 27.

    Die Tasche ist mehr oder weniger gepackt und morgen geht’s mit dem Zug in Richtung Karpaten, 1700 Kilometer in 25 Stunden und 30 Minuten, durch Deutschland, Tschechien, Slowenien, Ungarn bis nach Rumänien. Warum liegt Deutschland bloß in so einem abgelegenen Winkel der Welt?

    Ich habe viele gute Wünsche bekommen, Grüße und Ermahnungen. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Die denkbar seriöseste Recherche in Bezug auf meine Heimat, habe ich Bersarin zu verdanken, der nicht nur mich, sondern auch alle meine Freunde sehr genau kennt und die sagenumwobenen transsilvanischen Partys, auf die er offenbar ein begehrliches Auge geworfen hat.

    Ich wünsche allen eine gute Zeit. Bleiben Sie gesund. Oder werden Sie’s. Ruhen Sie sich aus. Oder strengen Sie sich an. Lassen Sie die Flügel hängen. Oder steigen Sie in die Lüfte. Ganz wie Sie das wollen. Oder genau umgekehrt.

    Ich möchte, dass alle noch da sind, wenn ich wiederkomme. Ich zähl‘ das durch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 August 2010

    Gedichte, die keiner liest

    Ich hänge, wie schon mehrfach gesagt, die letzten Tage einfach nur herum. Ich hänge in den Seilen. Leider wird das nicht besser, eher schlechter. Heute, also gestern, war ich immerhin einmal an der Luft, beim Poetry Rain. Das hört sich im Spanischen sehr viel bedeutender an: Bombardeo de poemas. Ich wollte meine neue Kamera ausprobieren, eine schicke kleine Canon IXUS 105. Ich will das Blog ja bald mit Bildern aufmöbeln.

    Die Veranstaltung fand am Lustgarten statt, gegenüber von Berliner Dom und Neuem Museum. Aus einem Helikopter wurden in fünf oder sechs Anläufen 100.000 Zettel mit Gedichten herunter geworfen. Das war schön. Spanische Musik. Viele Ausländer. Viele Kinder. Allerdings auch Kranke. Ich sah einen älteren Mann, der einem Kind beinahe so einen Gedichtzettel aus der Hand gerissen hätte. Vor allem sah ich Kinder. Die meisten schienen recht erfreut. Für sie war das ein Spiel. Und zwischendurch regnet es immer wieder diese Zettel.

    Ich sah ein vierzehn- oder fünfzehnjähriges Mädchen, sehr schön, still und andächtig und in sich gekehrt. Die hat mir gefallen. Sie stand in meiner Nähe und beobachtete wie ich mit der Kamera herumspielte. Wir lächelten uns an. Ich schaute auf die Kamera, weil ich ein Bild von ihr machen wollte. Als ich wieder hochsah, war sie weg. Ich wollte wissen, wer sie ist. Was sie denkt. Wie sie sich fühlt. Sie schaute verliebt aus und tapfer. Ich fühlte mich an mich selbst erinnert. Als ich so alt war wie sie. Das war meine erste Lektion mit der Kamera, und die war bitter. Wäre der Wunsch nach dem Bild nicht da gewesen, den sie womöglich antizipiert hatte, dann wäre da ein Gespräch zustande gekommen, Nähe und Zuneigung. Aber ich hab‘s vermasselt.

    Einmal ist einer dieser Zettel direkt vor meinen Füßen gelandet. Das war meiner. Ich habe jedoch keinerlei Bewegung gemacht, ihn aufzuheben. Eine Frau sah mich ungläubig an, als handele sich um einen Schatz, den ich ignorierte. Sie bückte sich dann flink und nahm den Zettel auf, weil sie befürchtete, dass ich mich anders entscheiden könnte und meinen Anspruch auf den Zettel doch noch anmeldete. Ich beobachtete lediglich, wie sie sich bückte, mich dabei im Auge behielt und dann so schnell wie möglich wegging und wieder in den Himmel schaute, wo es noch immer Zettel regnete. Ich prügele mich nicht um Papierschnipsel. Nicht einmal dann, wenn ein Gedicht drauf steht.

    Liest das jemand? Ist es wichtig? Könnte es nicht genauso gut Hühnerscheiße regnen? Ich verpasste das Gespräch mit dem Mädchen, weil ich auf die blöde Kamera geschaut habe. Ich verpasste die Gedichte, weil ich mich nicht bücken wollte. Als ich wegging, sah ich einen Zettel auf dem Boden liegen. Ich sah nur ein einziges Wort: „Hilfe“. Die anderen Worte konnte ich nicht erkennen. „Hilfe …“

    Vielleicht steht auf allen Zetteln dasselbe. Aber niemand liest es. Sie alle sammeln die Zettel, sie sammeln die Gedichte, die Fotos, die sie an diesem Abend mit ihren Kameras machen, sie installieren die Software auf dem Rechner, überspielen die Fotos, versuchen sie zu formatieren oder schreiben einen Text darüber. Sie schreiben, dass sie ein Gespräch verpasst haben. Sie erzählen ihren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte von einem Piloten, der einen Hubschrauber fliegt, aus dem es Zettel mit Gedichten regnet. Niemand, kein einziger, liest die Zettel. „Hilfe“, steht da, „bitte helfen Sie mir!“

    Hilfe, ich kann nicht anhalten. Hilfe, ich komme hier nicht heraus, Hilfe, ich will hier herunter. Ich will nach Hause, ich habe eine Frau, die auf mich wartet, ich habe Kinder, denen ich eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen muss. Hilfe, steht da, ich habe Flugangst. Ich muss meine Daten auf dem Rechner formatieren. Hilfe steht da, ich muss bis ans Ende der Zeit Gedichte schreiben und alle Gedichte, die mir einfallen, beginnen mit dem Wort „Hilfe“. Ich gäbe etwas dafür, wenn mir etwas anderes einfiele.

    Der Pilot fliegt bis in alle Ewigkeit weiter in dem Hubschrauber. Er wirft weiter Zettel ab, die keiner liest, weil alle denken, es sind ja bloß Gedichte, wer liest denn schon Gedichte. Die Leute machen ein Foto und dann archivieren sie es und erzählen Ihren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte, in der ein Pilot Zettel mit Gedichten abwirft, die keiner liest.

    Und der Pilot fliegt in alle Ewigkeit weiter und wirft weiter Zettel ab, die keiner liest, weil alle denken, es seien Gedichte. Die Leute machen Fotos, archivieren sie auf ihrem Rechner. Sie erzählen ihren Kindern von einem Piloten, der in alle Ewigkeit weiterfliegt und Zettel abwirft, auf denen Gedichte stehen, die alle mit dem Wort „Hilfe“ beginnen, bitte helfen sie mir, alle denken, ich schreibe Gedichte.

    Gedichte, die keiner liest.

    (Ich habe die Bilder, nachdem ich sie formatiert hatte, wieder herausgenommen. Das waren so Allerweltsfotos. Schnappschüsse. Das gefällt mir noch nicht. Das war nicht ästhetisch.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 August 2010

    Meine Sommerlektüre

    Heute stelle ich meine Leseliste für die kommenden drei Wochen ein. Ich wollte erst tausende Seiten mit nach Rumänien schleppen. Das mache ich jetzt doch nicht. Ich muss in diesem Jahr vor allem andere Dinge tun. Ich muss mit Mama und Papa reden, dem Opa zur Hand gehen, und mit der Oma Kuchen backen. Ich muss Freunde treffen, mich ins Gras legen und in den Himmel schauen, dem Esel in den Hintern treten – oder der mir, das ist zwischen uns nicht geklärt -, baden gehen, Kleiner Onkel reiten und striegeln, mit meinem Vater auf einen Berg steigen, und dann das tun, was man auf Bergen tut und worum willen man da hochgeht, nämlich herunterschauen, solche Sachen eben. Dazu muss ich nicht mehrere tausend Seiten durch halb Europa schleppen.

    Weil es Menschen gibt, die glauben, einem Buch bereits auf der ersten Seiten ihr Wesen ansehen zu können – so wie man einem Menschen ins Gesicht sieht und sofort seine tiefsten und dunkelsten Seiten erkennt – , weil es solche Menschen gibt, stelle ich jeweils den ersten Absatz dieser Bücher hierher.

    William Faulkner, Licht im August
    „Lena sitzt am Straßenrand und beobachtet, wie das Fuhrwerk den Hügel zu ihr heraufklettert, und sie denkt: `Ich komme aus Alabama: ein schönes Stück. Den ganzen Weg von Alabama her, zu Fuß. Ein schönes Stück´. Sie denkt Ich bin noch keinen ganzen Monat unterwegs und hab’s schon bis Mississippi geschafft, weiter weg von zu Hause, als ich je vorher gewesen bin. Ich bin jetzt weiter weg von Doane’s Mill, als ich seit meinem zwölften Lebensjahr gewesen bin

    Wolf von Niebelschütz, Die Kinder der Finsternis
    „Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinem Karren und seinen Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin als schmettere das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht.“

    Andre Gidé, Die Falschmünzer

    „In solch einem Augenblick, vermeint man immer, Schritte vom Gang her zu hören“, dachte Bernhard. Er hob den Kopf und lauschte. Alles still: Sein Vater und sein großer Bruder hatte heute länger im Justizpalast zu tun; seine Mutter machte Besuche; seine Schwester war in einem Konzert; und Caloub schließlich, sein kleiner Bruder wurde jeden Tag nach dem Unterricht in einer Schülerpension verwahrt. Bernhard Profitendieu war zu Hause geblieben, um fürs Abitur zu pauken; er hatte nur noch drei Wochen Zeit. Die Familie ließ ihm seine Ruhe; aber der Dämon nicht. Bernhard erstickte fast, obwohl er die Jacke ausgezogen hatte. Von der Straße drang durch das geöffnete Fenster nichts als Hitze herein. Seine Stirn war schweißnass. Ein Tropfen rann an der Nase herab und fiel auf einen Brief, den er in der Hand hielt: `Sieht wie eine Träne aus´, dachte er. `Doch es ist allemal besser zu schwitzen, als zu weinen.´“

    Dieter Forte, Auf der anderen Seite der Welt
    „Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tage erwartete, das Licht weite hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

    Es wird hier, wenn ich wiederkomme, Änderungen geben. Ich werde nicht mehr wie bisher, einmal im Monat einen Roman besprechen. Das ist zu viel Arbeit und führt zu nichts. Anhand der Vorlagen von NO und der regen Beteiligung Melusines zu Johnsons „Jahrestagen“, will ich das anders gestalten. Ich stelle hier jeden Monat ein Buch vor und es besteht dann vier Wochen lang die Möglichkeit, etwas dazu zu sagen. Ich werde am 1. 10. 2010 einen kleinen Text zu William Faulkners „Licht im August“ einstellen. Wer möchte, kann sich dazu äußern: eigene Texte oder Zitate oder was immer einem dazu einfällt, direkt dazu oder im weiteren Umkreis. Es kann diskutiert werden und zitiert oder lamentiert, ganz nach Lust und Laune. Ich werde dann nicht mehr in dem Maße moderieren wie bisher, sondern die Kommentare werden automatisch freigeschaltet.

    Dazu mache ich eine neue Kategorie auf „Text des Monats“, etwas in dieser Art. Vielleicht läuft das nicht, weil sich zufällig zwei verwandte Seelen zu Johnson getroffen haben, aber niemand meine Lektüreliste lesen möchte. Das macht nichts. Dann mache ich es alleine. Oder ich lasse es mit allen anderen zusammen. Am ersten November werde ich einen Eintrag zu Wolf von Niebelschütz machen, am ersten Dezember einen zu Andre Gidé und am ersten Januar einen zu Dieter Forte. Damit sind die nächsten vier Monate meiner Lektüre bestimmt. Wenn das gut läuft, wenn das auf Interesse stößt, können hier ab Februar auch Vorschläge gemacht werden. Dann ist die Sommerlektüre schon eine Winterlektüre. Wir haben zwölf Texte im Jahr, die besprochen  werden können. Davon abgesehen, läuft das Blog unverändert weiter. Ich kündige lediglich in Zukunft meine Lektüre an.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 August 2010

    Die “Transfăgărăşan”

    In den letzen Tagen habe ich sehr viel mehr Zeit als gewöhnlich. Der Druck der letzen Monate ist raus. Oder er geht so langsam raus. Ich fühle mich wie ein Luftballon, ich werde schlaffer und schlaffer. Jetzt kommt, kurz vor der Fahrt, auch noch ein schwerer Anfall von Heimweh dazu. Mein Heimweh besteht aus zwei Teilen, der eine fragt sich, wie ich hierhergekommen, und der andere, wieso ich wegegangen bin. Normalerweise kenne ich beide Antworten. Manchmal kommt’ s eben durcheinander.

    Ich komme aus einem kleinen Dorf bei Sibiu. Das liegt in den Karpaten, da ist es schon bergig. Als Kind bin ich die Hügel hoch und wieder herunter gekraxelt. Der alpine Teil der Karpaten, das Făgăraş-Gebirge, liegt genau zwischen Sibiu (Hermannstadt) und Brașov (Kronstadt). Dort liegt der Moldoveanu, der höchste Berg Rumäniens. Wenn man von der einen Seite des Gebirges auf die andere will, von Siebenbürgen in die Walachei oder umgekehrt, muss man durch dieses Gebirge. Und dann nimmt man die die Transfăgărăşan. Das ist angeblich eine der schönsten Straßen der Welt. Diese Passstraße führt zu einem See auf einem Hochplateau, das Bâlea Lac. Wer meinen Vornamen in Erinnerung hat, kann sich vorstellen, dass ich eine spezielle Bindung an dieses Gewässer habe. Als Kind habe ich mir eingebildet, dass das mein See ist. Vielleicht war‘s auch keine Einbildung.

    Das sind von zu Hause eineinhalb Stunden Fahrt mit dem Auto, das sind vielleicht sechzig oder achtzig Kilometer. Ich kenne mich da nicht so aus, Kilometerangaben interessieren Menschen, die einen Tachometer vor Augen haben und das habe ich nie. Da dauert auch deswegen so lange, weil die Straßen nicht geradeaus gehen.

    Ich war ich da mehr als einmal. Ich kenne das dort, ich kenne den Weg dahin, ich kenne den langsamen Aufstieg, das Gefühl, dass einem schwindelig wird und auch das, wenn man oben angekommen ist, dieser See und das Château dort, das alles gehört zu meiner Kindheit. In dem folgenden Video kann man sehen, was ich damals gefühlt habe, jedenfalls meine ich, dass man das sehen kann.

    Das folgende Video beschreibt auf den ersten Blick dasselbe, viel professioneller allerdings, Bilder von Spezialisten. Witzig, wenn man british humor mag, die behaupten da: the road surface is as pimply as a teenagers face. Vielleicht fahren die auch einfach nicht die richtigen Autos.

    Obwohl dieses Video die Sache, die Transfăgărăşan schöner darstellt, gibt das erste meine Kindheit treffender wieder, den Blick aus dem Autofenster. Und wahrscheinlich war das Auto, das wir damals hatten, auch eine Nummer besser.

    Im Folgenden ein paar Bilder aus Sibiu und der Umgegend. Ich kann die leider nicht einzeln beschriften, weil es mir nicht gelingen will, die Worte über die Bilder zu setzen, das verschiebt sich immer. Ich befürchte, wenn ich zu lange mit den html-codes experimentiere, dass etwas kaputtgeht. (Alle Fotos sind bei Flickr heruntergeladen, mit Angabe des Autors oder der Autorin. Ich hoffe, dass ich damit den jeweiligen urheberrechtlichen Bedingungen entspreche).





    26 August 2010

    Dieser Wahn des Unfertigen III

    Der neue Roman hat eine Rahmen- und eine Binnenerzählung. Ich werde im Laufe des Textes das eine gegen das andere austauschen und was zu Beginn wie der Rahmen aussah, wird später die Binnenerzählung sein. Wobei ich zu allem, was ich zu dem Text sage, dazusagen muss: das ist derzeit so. Morgen kann das schon ganz anderes aussehen. Ich brauche eine Formulierung, an die ich mich halte, und kann ich bei der nächstbesten Gelegenheit auch wieder aufgeben. Vielleicht bin ich als Autorin nichts Besonderes, das entscheiden andere. Aber als Aufgeberin bin ich es. Wenn ich Dinge aufgebe, dann lasse ich sie nicht unbemerkt verschwinden. Ich schmeiße sie in hohem Bogen hin. Mit solchen Bögen könnte ich bei den Olympischen Spielen im Hammerwerden antreten. Ich stelle mir vor, wie ich, nachdem der amtierende Weltmeister seinen Wurf getan hat, auf ihn zugehe, ihn mit einer Handbewegung wegschiebe, mir dieser Hammer nehme und, während ich ihn in der Hand wiege, den Ordner im Stadion bitte, die gegenüberliegende Tribüne aus Sicherheitsgründen zu räumen.

    Der Übergang von Rahmen- zur Binnenerzählung ist ein langsamer Prozess, der Leser ahnt da sicher lange Zeit einiges. Aber er weiß nicht genau, was er ahnt. Und dann kommt es zu einer Szene, wo ich die beiden Teile gegeneinander austausche, das mache ich dann mit einem Schlag, in den folgenden drei Sätzen. Das ist wie ein Handschuh, wo ich mit einem Ruck das Innere des gegen das Äußere austausche, ich stülpe ihn einfach um. Ich weiß nicht, ob der Leser das versteht. Ich weiß auch noch nicht, ob ich es gut vorbereite. Das ist alles nicht Teil meines derzeitigen Arbeitsprozesses. Im Moment schreibe ich das nur auf. Darüber nachdenken kann ich immer noch.

    „In diesen Momenten spitzte sich die Situation auf eine geradezu dramatische Weise zu und das Erstaunliche daran war, dass ich es kaum wahrnahm, weil ich vollkommen gefangen war von meinem Text. Die Wirklichkeit war für mich nur noch eine, die auf einem Nebengleis daher lief, ein Zug, der annähernd dieselbe Geschwindigkeit hatte wie mein eigener, der in dieselbe Richtung fuhr und dessen Insassen ich auf eine seltsam verzerrte Weise erkennen, zu denen ich aber keinen Kontakt aufnehmen konnte. Wir standen einander gegenüber auch sahen uns gegenseitig an. Oder wir sahen nur unsere eigenen Spiegelbilder in den dazwischen liegenden Scheiben, während sich einer der beiden Züge nahezu unmerklich langsam am anderen vorbeischob und weder die Insassen des einen noch die des anderen Zuges zu sagen vermochten, ob sie im schnelleren oder langsameren der beiden saßen, weil sie ebenfalls nicht zu sagen vermocht hätten, in welche Richtung man fuhr, und verunsichert stellten sie fest, dass sie nicht einmal zu sagen vermochten, in welchem der beiden Züge sie sich befanden, in dem einen oder in dem, der sich langsam davon entfernte.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 August 2010

    Dieser Wahn des Unfertigen II

    Im folgenden Ausschnitt, das ist nicht schwer zu erkennen, geht’s um Liebe. Kein ganz uninteressantes Thema.

    „Das bedeutet, dass wir uns im anderen täuschen, immer und notwendig. In der Liebe kultivieren wir dies sogar. Die Liebe ist nicht mehr und nicht weniger, als die Kunst sich in einem anderen zu täuschen. Und das ist eine sehr bedeutende Kunst.“
    Sie antwortete nicht und sah an mir vorbei aus dem Fenster.
    „Du versteht nichts von der Liebe“, sagte ich.
    „Das sagst du mir? Ausgerechnet du?“
    „Wieso nicht?“
    „Ich dachte, du verstündest lediglich etwas von Betrug.“
    Ich spürte ein klein wenig Verärgerung.
    „Was für ein lächerliches Wort“, sagte ich schließlich.
    „Und was verstehst du davon?“
    „Immerhin doch so viel, dass ich weiß, dass die Vorstellungen von der Liebe sehr unterschiedlich sein können. Für dich ist die Liebe nun einmal von romantischen Emotionen bestimmt, für andere ist sie aber vielleicht ganz anders. Wenn ein Mann dir sagt, dass er dich liebt, meint er damit womöglich ganz etwas anderes als du. Er denkt lediglich an Liebe und du bist gerade in der Nähe und deswegen liebt er eben dich. Genauso gut könnte er eine andere lieben. Oder vielleicht sogar noch viel besser. Und vielleicht hat er auch eine ganz andere Auffassung von der Liebe, eine andere Vorstellung, du denkst an eine Liebkosung, aber er hat viel handgreiflichere Vorstellungen, er will dir lediglich mit der flachen Hand mal richtig auf den Arsch hauen und dieses klatschende Geräusch trifft seine Vorstellung von der Liebe besser als alles andere und es ist ihr weitaus näher als alle deine kitschigen Fernsehvorstellungen es jemals sein werden.“
    „Du versuchst doch lediglich, deine Untreue zu rechtfertigen.“
    „Untreue: das ist genau derselbe Blödsinn wie Betrug. Was ist Treue? Die treuesten Seelen denken ununterbrochen an andere und die untreuesten immer nur an den einen, den sie zu vergessen suchen, indem sie ihn betrügen.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 August 2010

    Dieser Wahn des Unfertigen I

    In dieser Woche gibt es drei kleine Ausschnitte aus dem Text, an dem ich derzeit arbeite. Das ist alles noch nicht fertig, das ist die Rohfasssung. Das vergisst ein Leser vielleicht: Autor und Autorin haben es mit Texten zu tun, die noch nicht fertig sind. Unfertige Texte sind aber nicht unbedingt Texte, die kurz vor ihrer Fertigstellung stehen. Das sind nicht einmal Texte, die weit weg von ihrer Fertigstellung stehen. Die stehen einfach nur irgendwo, auf einer Brücke und schauen von dort sehnsüchtig in die Tiefe. Unfertige Texte haben mit fertigen Texten nicht das Geringste gemein.  Wir lesen die Bücher anderer, weil sie fertig sind, nicht weil sie uns interessieren. Weil wir weg müssen von diesem Wahn des Unfertigen.

    Ich mache das dieses Mal so, dass ich den Text einmal vorschreibe, mit allen Personen und Handlungssträngen. Das wollte ich bis Ende August geschafft haben. Habe ich aber nicht. Bei mir ist gerade richtig die Luft raus. Ich fahre in der kommenden Woche nach România . Wenn ich zurückkomme, werde ich mich kopfüber ins Semester stürzen. Oder ich lese mein Romanmanuskript und stürze mich kopfüber aus dem Fenster. Das sind ernstzunehmende Alternativen.

    Ich beschreibe Alma. Ich führe diese Figur damit ein. Das tue ich allerdings nur, um sie zu verabschieden. Tatsächlich wird hier die Figur des Jonas eingeführt. Der Leser wird nichts mehr von Alma hören. Vielleicht noch über Jonas, aber nicht über mich.

    „Alma vor dem Spiegel, immer wieder Alma vor dem Spiegel. Alma vor dem Badezimmerspiegel, wie sie sich die Haare hochsteckt, Alma wie sie sich im Flurspiegel von links und von rechts und von allen Seiten betrachtet, Alma, die sich hin und her dreht, als gäbe es immer neue Seiten an ihr zu betrachten, etwas anderes liebenswertes, das bisher nur noch niemand entdeckt hat. Alma wie sie in einen kleinen Handtaschenspiegel schaut, ein Modell zum Aufklappen das leise Schnappgeräusche von sich gibt, und ihr Gesicht betrachtet. Einmal wird der Mund kritisch unter die Lupe genommen, der Sitz des Lippenstiftes, ein anders Mal der Kajal, die Augenbrauen, Rouge oder Puder, die Wangenpartie, die nicht richtig betont ist. Alma verzieht das Gesicht dazu, sie zieht die Stirne kraus, sie spitzt die Lippen, wölbt grotesk die Nasenflügel und dann wieder schaut sie in den Spiegel als wäre sie bereits tot, absolut reglos, als wäre das gar nicht ihr Gesicht, als hätte sie das noch nie gesehen, schaut sie befremdet und manchmal verärgert, sie schaut als könne sie es nicht glauben und wollte sich beschweren; dann wieder ist sie hingerissen, geradezu begeistert, so, scheint sie sagen zu wollten, habe ich schon immer aussehen wollen, an diesem Tag ist das Gesicht endlich das was es sein muss, wie in Marmor gehauen steht es da für die Ewigkeit. Alma sieht sich jetzt, in diesem einen besonderen Moment, sie sieht sich früher als Kind, als Jugendliche, als sie zum ersten Mal verliebt ist, und sie sieht sich in späteren Jahren, als ältere Frau, wenn Erfahrung und Klugheit, wenn Enttäuschung und Erwartung sich gleichermaßen ins Gesicht hineingeschrieben haben. Alma die sich in allen Haltungen und Lebenslagen ihrer selbst versichert, die eine Schnute zieht, einen Flunsch, die sich morgens kritisch beäugt und abends voller Befürchtungen ihre Falten anschaut, als würde ihr Gesicht aus nichts anderem mehr bestehen, Nase, Mund und Ohren, alles weg und stattdessen nur noch diese Sorgenfalten, die sie am liebsten mit einer Schieblehre nachmessen möchte, und die sich fragt, ob das ein Tag war, an dem die Falten wieder ein tausendstel Millimeter tiefer geworden sind, es sieht aus wie ein ganzer Zentimeter, wie mit dem Meißel hineingearbeitete Gräben und Furchen, Schneisen der Verwüstung, sie ist sowieso kurz davor einen Schreikrampf zu kriegen. Alma vor dem Spiegel, immer wieder Alma vor dem Spiegel.
    Nach sechs Jahren war die Grenze erreicht. Wir mussten auseinander gehen, wir mussten uns trennen. Wir erkannten das beide zur gleichen Zeit, jedenfalls sagten wir uns es zur gleichen Zeit. Das ging sehr geordnet vor sich, wir führten ein zivilisiertes Gespräch eines Abends, ich schlief zum ersten Mal in den sechs gemeinsamen Jahren auf der Coach und ich bin sicher, dass Alma die halbe Nacht vor dem Badezimmerspiegel verbracht hat. Am nächsten Morgen verließ ich mit einem Koffer die gemeinsame Wohnung. Einen Tag später holte ich, während Alma bei der Arbeit war, noch einige Sachen ab.
    In den folgenden Wochen trafen wir uns einige Male in der ehemals gemeinsamen Wohnung, wir mussten Dinge zwischen uns aufteilen. Wir mussten, was bisher gemeinsam gewesen war, auseinanderreißen. Wir mussten einen Haushalt auseinanderreißen, wir rissen zwei Leben auseinander. Nach sechs Jahren des gemeinsamen Lebens kann man nicht so einfach entscheiden, was das eigene ist und was das andere. Bei den Spiegeln war die Sache klar, Alma würde nicht einen freiwillig hergeben. Bei den Tischen und Stühlen war das noch recht einfach, bei Fotoalben schon schwieriger. Dann gab es jene Dinge, die keiner von beiden haben wollte, das gemeinsame Bett. Wir mussten die gemeinsamen Freunde aufteilen. Und eines Tages wird noch das geteilt, von dem man immer angenommen hatte, es sei unteilbar, dies aber erst nach jahrelangem Schachern und Zerren, die Erinnerungen aneinander.
    Alles in allem ging das zivilisierter vor sich als ich es erwartet hatte. Ich wechselte die Wohnung, ich wechselte die Stadt und den Job und ich wechselte meine Auffassung von der Liebe.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2010

    Die Sado Satanas

    Ich stelle ein paar Informationen für Genova zusammen, der im nächsten Monat nach Bukarest fährt und mich um Tipps gebeten hatte. Da ich oft die Adressen nicht kenne, musste ich skypen und im Netz schauen. Dabei stieß ich auf einen Videomitschnitt der Sado Satanas im „Fire Club“ in Bucureşti und dachte, während ich das hörte: ich komme nicht aus Mitteleuropa. Das ist Balkan. Wir sind da anders. Dann bemerkte ich, dass der Sänger in Deutsch singt – wenn man das Singen nennen kann – und entdeckte, dass es sich bei den Sado Satanas um eine Dresdner Band handelt. Dresden, das ist eben nicht Mitteleuropa. Die sind da anders.

    Im Fire Club habe ich mal mit einem ziemlich hübschen Typ, Corvin, rumgeknutscht. In den war ich heftig verknallt. Irrtümlicherweise.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 August 2010

    „Will ich die Wahrheit erfahren, muss ich weiter lügen“

    „Die Leinwand“

    Ein Spiel mit der Identität von Benjamin Stein

    Identität ist eines jener Worte, die auf der derzeitigen Beliebtheitsskala sehr weit oben rangieren. Der Begriff bezeichnet zuerst einmal nichts anderes als die Übereinstimmung einer Sache, und später dann auch einer Person, mit sich selbst. Man formuliert dies gerne, seit der Terminus der Identität Einzug in die Logik gehalten hat, mit der einfachen Formel: a ist a. In den ersten Sätzen der Fichte-Studien von Novalis wird mit wenigen Worten die zentrale Problematik beschrieben: „In dem Satze a ist a liegt nichts als ein Setzten, Unterscheiden und verbinden. Es ist ein philosophischer Parallelismus. Um a deutlicher zu machen wird A geteilt. Ist wird als allgemeiner Gehalt, a als bestimmte Form aufgestellt. Das Wesen der Identität läßt sich nur in einen Scheinsatz aufstellen. Wir verlassen das Identische, um es darzustellen …“.

    Wir verlassen das Identische, um es darzustellen: das klingt nicht nach einer komplexen mathematischen Berechnung. Komplex wird es, wenn ich „A“ durch „Ich“ ersetze: Ich ist Ich. Das müssen wir verlassen, um es darzustellen. Sich selbst zu verlassen, ist nur in begrenztem Maße möglich (Selbstdarstellung hingegen eine Überlebenstechnik in einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts).  Die bekanntesten Methoden sind hier: Reflektion und Erinnerung. Im Idealfall springt dabei so etwas wie Selbsterkenntnis heraus. Will ich mich selbst erkennen, muss ich von mir abstrahieren. Das „Ich“ als Subjekt muss das “Ich” zum Objekt machen. Dieses „Ich“ wird also geteilt. Das Erkennende braucht einen Abstand vom Erkannten. In der totalen Identität mit sich selbst, wäre die Erkenntnis dieses Selbst nicht möglich. Identität besteht in der Differenz.

    Der Roman „Die Leinwand“ hat zwei Teile. Ist der eine Teil gelesen, wendet man das Buch und liest den zweiten. Beide Teile sind gleichberechtigt, etwa gleichlang, beide in Rollenprosa gehalten, beide aus der Perspektive eines Mannes und beide Männer berichten ihr Leben bis zu einem gewissen Punkt und auf diesen Punkt hin. Diese sehr ungewöhnliche Anordnung ist die ideale Form für den hier präsentierten Stoff, denn die beiden Männer treffen am Ende aufeinander. Und sie treffen einander in einer dritten Person. Eine Person, die dem Leser nur durch die Beschreibungen der beiden anderen bekannt ist. Diese dritte Person bildet das imaginäre Zentrum des Romans.

    Dass die zentralen Umstände des Lebens bisweilen nur in der Imagination bestehen, ist vermutlich nicht nur bei mir selbst der Fall, sondern ein allgemein menschliches Dilemma. Dass sie, obwohl sie nur imaginativ sind, eine größere Dichte mitbringen und mehr Druck ausüben als alle physikalischen Umstände es je könnten, ist vermutlich ebenfalls keine singuläre Erscheinung.

    Benjamin Stein hat ein schönes Akronym für die dritte Person gefunden: Minsky. Es handelt sich um einen aus Minsk stammenden Juden, der als Kind Auschwitz überlebt hat. Er wird in der Schweiz von Pflegeeltern erzogen, die jedwede Erinnerung an das Martyrium unterbinden. Eines Tages brechen diese Erinnerungen dennoch hervor. Minsky findet einen Weg, mit den quälenden Erinnerungen umzugehen, indem er ein Buch darüber schreibt: „Aschentage“. Weil das eine beeindruckende Geschichte ist, wird er berühmt. Die BBC entdeckt in Israel Yaakov Gelernter, der Frau und Kind in den Gaskammern von Auschwitz verloren hat. Minsky und Gelernter treffen einander und alle Welt ist bei der glücklichen Wiedervereinigung von Vater und Sohn über fünfzig Jahre nach dem vermuteten Tod von Minsky dabei. Ein DNA Test stellt allerdings unmissverständlich klar: die beiden sind nicht miteinander verwandt. Beide weigern sich jedoch, dies anzuerkennen. Dann erscheint ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“, in dem Minsky nachgewiesen wird, dass seine Lebensgeschichte nicht der Wahrheit entspricht. Er ist in der Schweiz geboren. Er war nie Insasse von Ausschwitz und folglich kann er auch nicht unter den traumatischen Folgen der Lagerhaft gelitten haben. Die gerade noch begeisterte Welt ist eine entgeisterte. Der Verdacht liegt nahe, dass da einer den Holocaust aus niederen Beweggründen ausschlachtet. Die Literaturpreise werden ihm wieder aberkannt, er wird sogar vor Gericht gestellt.

    Der Skandal aber ist ein ganz anderer: Minsky kann sich an Auschwitz erinnern! Er kann sich erinnern, dort gewesen zu sein. Obwohl er nie da war. Es handelt sich offenbar um fiktive Erinnerungen, von deren Authentizität Minsky absolut überzeugt ist.

    Im Zentrum dieses Romans steht das Thema Identität. Genauer gesagt, eine personale Identität, die anhand von Erinnerungen gebildet wird. Ich bin der, der ich geworden bin und ich bin so wie ich bin, weil ich so – und nicht anders – geworden bin. Ich habe eine Fülle bestimmter Merkmale, die in ihrer Summe mich als mehr oder weniger einmaliges Individuum charakterisieren. Wer aber ist Minsky, wenn er nicht der ist, der er aufgrund seiner Erinnerungen zu sein glaubt? Was bedeutet das, wenn die Erinnerungen keine verlässliche Auskunft über das Ich geben? Was ist das Ich, wenn einer nicht nur nicht er selbst ist, sondern, schlimmer noch, ein anderer? Der andere mag in erotischer Hinsicht ausgesprochen faszinierend sein, in existentieller ist er eine Bedrohung.

    Was, könnte man weiter fragen, ist wichtiger für die Bildung des Selbstbewusstseins – also des Bewusstseins, ein Selbst zu sein oder zu haben – : die objektive, kalte Wahrheit einer DNA-Struktur, die beweist, dass Minsky nicht der Sohn von Gelernter sein kann? Oder die Emotionen der beiden Männer, die davon überzeugt sind, im je andern den Vater und den Sohn gefunden zu haben? Wenn hier die Emotionen den Ausschlag geben sollten, müsste man dann nicht ebenso entscheiden, wenn es darum geht, ob Minsky in der Schweiz oder in Polen geboren ist? Wenn er nach eigener Aussage davon überzeugt ist, in Ausschwitz gewesen zu sein, dann sagt er die Wahrheit. Selbst dann, wenn es nicht die objektive Wahrheit ist. Was ist Wahrheit und welche Bedeutung hat sie?: „Was, auch diese Frage wälze ich heute, nach über zehn Jahren, noch immer, ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“

    Nun die beiden Lebensgeschichten. Ich beginne mit Jan Wechsler. Er wächst in der DDR auf, im, wie er es nennt, kleinen Land. Er interessiert sich für Bücher, weil er so die emotionale und intellektuelle Enge seiner Existenz zu überwinden vermag. Er erzählt von seiner Kindheit, von Gedichten und davon, wie er in die amerikanische Botschaft hineinspaziert ist und sich ein Buch ausleihen wollte. Wechsler interessiert sich für den jüdischen Glauben und beginnt Hebräisch zu lernen. Er kauft ein Ticket nach Israel, das er dann aber verfallen lässt. Einige Jahre nachdem die Mauer gefallen ist, geht er nach München, konvertiert und trägt die Kippa. Er wird Redakteur bei einer Computerzeitschrift und gewinnt viel Geld im Lotto, verspekuliert sich, verliert alles und muss Steuern nachzahlen. Er lernt eine Frau kennen, heiratet, bekommt Kinder und führt einen kleinen Verlag, der keinen Tinnef verlegt, sondern gute Literatur.

    Eines Tages wird ein unscheinbarer Pilotenkoffer bei ihm abgegeben, der auf einem Flug von Tel Aviv nach München verlorengegangen ist. Wechsler kennt den Koffer nicht und will ihn nicht annehmen. Allerdings steht auf dem Adressanhänger sein Name: in seiner eigenen Handschrift. Er lässt den Koffer lange unberührt stehen. Als er den Inhalt zur Kenntnis nimmt, muss er nach und nach erkennen, dass er nicht nur, wie er bis dahin freimütig eingeräumt hatte, bisweilen Schwierigkeiten mit seiner Erinnerung hat; diese Schwierigkeiten sind umfassender, als er das bis dahin in seinen kühnsten Träumen angenommen hätte. Sein gesamtes Leben, alle seine Erinnerungen sind frei erfunden. Er ist nicht in der DDR aufgewachsen, sondern in Israel geboren, Schweizer Staatsbürger, Schriftsteller und Journalist, mit einer nahezu rechten Ideologie. In dem Koffer findet sich ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“. Sein Autor heißt Jan Wechsler.

    Er ist derjenige, der den Skandal um Minsky verursacht hat. Wechsler hat sich später dann die Identität einer Figur aus seinem ersten Roman als die eigene zurechtgelegt. Im Laufe seiner Nachforschungen entdeckt er, dass er offenbar nicht aus religiösen Gründen konvertiert ist, sondern aus ideologischen. Er wollte alle Spuren beseitigen, die ihn als den Mann identifizieren, der das durchaus zweifelhafte Werk verfasst hat. Er verspürt echte religiöse Gefühle, aber sie basieren auf falschen Voraussetzungen. Was heißt unter solchen Bedingungen „echt“? Wechsler wird von Frau und Kindern verlassen. Er reist nach Israel, weil er wissen will, wer er ist. Auf dem Flughafen wird er vom israelischen Geheimdienst abgefangen und einem Verhör unterzogen. Er war, wie sich dabei herausstellt, Anfang des Jahres schon einmal in Israel, woran er sich nur sehr widerstrebend erinnert. Er hat sich über Mikwaot, rituelle jüdische Tauchbäder, informiert. Einrichtungen, wo man sich von der Vergangenheit und der eigenen Schuld reinigen kann. Wechsler verbringt den Schabbes (Sabbat) bei Amnon Zichroni, erkennt ihn aber nicht als einen Freund Minskys wieder. Die beiden fahren zu einer Mikwe. Zichroni ist seither verschollen. Damit endet die Geschichte von Jan Wechsler. Oder beinahe jedenfalls.

    Die zweite Lebensgeschichte ist die des Amnon Zichroni. In Israel geboren, wird er streng religiös erzogen. Beim Lesen weltlicher Literatur erwischt, wird er zu seinem Nennonkel Nathan Bollag in die Schweiz verschickt. Obwohl der Onkel sich als modern orthodox bezeichnet – „Weltliche Bildung und ein Beruf, Gewandtheit in mehreren Sprachen und intime Kenntnis von Philosophie und Kunst gehörten nach seinem Empfinden unabdingbar zu einem Leben, mit dem man den Ewigen heiligen wollte“ – bewegen er und sein Ziehsohn Amnon sich unter Ihresgleichen, weitab von den „Versuchungen einer modernen europäischen Stadt“. Der junge Mann beendet die chassidische Schule in Zürich und geht nach Amerika, zu weiteren Talmudstudien auf eine Jeschiwa. Hier lernt der Eli kennen, der sein Freund wird und der bereits in jungen Jahren eine Erfahrung mit dem Tod hat machen müssen.

    Mit Eli spricht er zum ersten Mal zu einem anderen Menschen über eine sehr ungewöhnliche Fähigkeit, die er an sich entdeckt: „Ich roch, schmeckte, fühlte, hörte und sah Erinnerungen anderer Menschen; und ich bin unsicher, ob ich es eine Gabe nennen soll.“ In den kommenden Jahren nimmt Amnon diese Gabe an und will an einer Stelle im Leben stehen, wo er anderen Menschen helfen kann, als Psychiater. Dazu muss er Arzt werden. Er verzweifelt aber an der westlichen Schulmedizin, die nur Symptome behandelt, keine Ursachen.

    Während seines Besuchs in Zürich stirbt sein Onkel Nathan Bollag und Zichroni erbt ein beträchtliches Vermögen, das es ihm ermöglicht, eine Lehranalyse zu machen. Er lässt sich als Psychiater in Zürich nieder. Jahre nach dem Tod des Onkels entdeckt er in dessen Hinterlassenschaften eine beschädigte Geige. Er beschließt, sie reparieren zu lassen. Der Restaurateur lädt ihn übers Wochenende zu sich ins Juragebirge ein, um ihm seine Werkstatt zu zeigen und ihm eine Geschichte zu erzählen: eine Geschichte aus den Untiefen des KZ Ausschwitz. Der Restaurateur ist Minsky. Zichroni begreift dessen ungeheuerliche Erinnerungen und kollabiert angesichts dieses unfassbaren Schreckens. Minsky schreibt ein Buch und es kommt zu den bereits beschriebenen Verwicklungen. Zichroni muss wegen des darauffolgenden Skandals seinen Beruf aufgeben und geht, da ihm damit die Lebensgrundlage in der Schweiz entzogen wurde, nach Israel zurück. Jahre später, als er über Schabbes einen Gast aus Deutschland aufnimmt, erkennt er in ihm Jan Wechsler. Sie besuchen zusammen die Mikwe und Zichroni drückt Wechsler unter Wasser und versucht ihn zu ertränken.

    Die beiden Lebensgeschichten enden, auch wenn sie dasselbe Ereignis erzählen, unterschiedlich. Und zwar so deutlich, dass man sagen muss, es könne nur eine der beiden wahr sein. Benjamin Stein mutet seinen Lesern hier eine bittere Pille zu: es gibt nicht die Wahrheit, nicht einmal in der Sphäre der Wirklichkeit. Es gibt nur die Wahrheit des Einzelnen. Es gibt Wege dahin – der Weg von Amnon (!) Zichroni ist die Anamnese und die Psychoanalyse; der Weg von Jan Wechsler ist die Verdrängung – beide Männer aber verfehlen es auf ihre Weise. Dieses doppelte Ende, das ist klug ersonnen und gut umgesetzt. Das gefällt mir sehr und zeigt Steins ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Identität.

    Es handelt sich bei beiden Lebensgeschichten also um Variationen des mit Minsky vorgegebenen Themas: Identität durch Erinnerung. Erinnerungen sind der Ort, an dem nicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterschieden werden kann. Erinnerungen sind fiktional. Ich persönlich kann mich erinnern, wie sich meine Eltern in Constanța am Schwarzen Meer kennengelernt haben. Da die beiden aber meine natürlichen Eltern sind, kann ich nicht dabei gewesen sein. Ich erinnere mich in Wirklichkeit lediglich an die Erzählung wie sie sich kennengelernt haben; aber nicht daran, dass es eine Erzählung ist. Erinnerungen sind nie die Wahrheit. Die Frage, die Benjamin Stein hier stellt, lautet: wie unwahr dürfen sie sein?

    Erstaunlich bei Wechsler ist, mit welch enormer Hartnäckigkeit er an seinen Erinnerungen und seiner Biografie festhält. Wer Freud gelesen hat, weiß, wie sehr Neurotiker an ihren fiktiven Konstruktionen festhalten können. Und wer sich selbstkritisch beobachtet, der weiß das auch! Der weiß, wie leicht die Erinnerung aus einer Niederlage einen Sieg machen kann. Und das ist auch ihre Aufgabe. Erinnerung muss kein getreues Abbild der Vergangenheit erstellen, sondern uns einen Weg in die Zukunft öffnen. Der Mensch muss mit Schmerzen und Enttäuschungen fertig werden und das wird er nur, wenn die alten Niederlagen mit der Zeit weniger schmerzhaft werden. Keiner begänne je etwas Neues, schmerzte das Alte immer gleich heftig. Unscheinbar, dennoch zentral, ist eine Szene, bei der Wechsler sich an den Markt in Jerusalem erinnert, wo er jemanden beim Handeln beobachtete. Er stellt sich die Frage, ob er tatsächlich nur Beobachter war oder ob er nicht der Handelnde gewesen sein könnte, weil die Jellabas, um die der Handel ging, sich in seinem Koffer befinden. Dies ist die Frage, ob man als Erinnernder Objekt oder Subjekt seiner Erinnerung, ob man Beobachter oder Beobachteter ist. Ob man einen tätigen Zugriff auf die Vergangenheit hat oder einen untätigen. Inwieweit ist der Erinnernde Jetzt und Hier am vergangenen Geschehen beteiligt? Noch erstaunlicher als die Hartnäckigkeit dieser Konstruktion bei Wechsler ist die Situation bei Minsky, der sich an Auschwitz erinnern kann, obwohl er nicht dort war. Er hat nicht nur seine eigene schwere Kindheit mit dem Drama des Holocaust verbunden – wie Erinnerungen sich eben nun einmal mit der Wirklichkeit verbinden und diese verdrehen – es handelt sich vielmehr um authentische Erinnerungen. Sie sind verbürgt durch die Instanz der Amnon Zichroni, der seine außergewöhnliche Gabe von keinem Geringerem bekommen hat als vom Ewigen selbst. Noch eine weitere Steigerung auf der Skala des Erstaunlichen ist eben jener Amnon Zichroni, der die Fähigkeit besitzt, anderer Leute Erinnerungen zu erinnern, der also Grenze zwischen Menschen überspringen kann, von denen man sagen müsste: das ist unmöglich.

    Während Jan Wechsler eher seiner kleinen Welt verhaftet ist, kommen bei Amnon Zichroni größere Zusammenhänge zu Sprache. Er ist die intellektuell interessantere Gestalt. Was mir da insbesondere gefällt, ist, wie die moderne Gesellschaft mit ihrem Wissen hinterfragt wird und wie unsere Welt, in deren Zentrum Kausalität und Determinismus stehen, viele Phänomene schlechterdings nicht zu greifen vermag. Dargestellt wird das anhand eines Professors für Medizin, der den Meridianen der TCM huldigt und die Patienten, die er als Mediziner nicht heilen kann, nach Feierabend mit Akkupunktur weiterversorgt. Gegen diese Welt hält Zichroni, und Benjamin Stein mit ihm, seinen Freund Eli, der eine lebensbedrohliche Krankheit abwendet, und in eine Mikwe steigt. Eli ist eben nicht der Kausalität verhaftet und dementsprechend wird auch nicht gesagt, er durch das Bad geheilt worden. Dieser strenge Determinismus ist in jener Welt nicht vonnöten: Er ist geheilt. Oder vielleicht nicht einmal das, er ist nicht geheilt, weil er nicht heil ist. Vielleicht hat er auch die Krankheit in sich aufgenommen, vielleicht hat er sie solchermaßen unschädlich gemacht. Vielleicht hat er sein Heil in etwas anderem als der Krankheit gesucht. Vielleicht ist das Suchen an die Stelle der Krankheit getreten. Es wird hier keine kausale Erklärung angeboten.

    Ich habe einen Gedanken in dem Buch gefunden, den ich zuerst überlesen habe, den ich dann schockierend fand und der mir schließlich nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Das ist ein Gedanke von solcher radikalen Destruktivität, dass ich ihn erst gar nicht Teil dieser Besprechung habe werden lassen wollen, sondern in einem persönlichen Brief an Benjamin Stein formulieren wollte. Nun habe ich mich doch anders entschieden und ich bitte nachdrücklich, das, was ich hier vorsichtig anspreche, ebenso vorsichtig zu rezipieren. Der Gedanke Benjamin Steins lautet, dass das moderne Judentum zwei Identifikationspunkte hat: Israel und Auschwitz (Benjamin Stein hat mir in einer Mail mitgeteilt, dass dies durchaus nicht seiner Auffassung entspreche, die dieser hier dargelegten sogar diametral entgegen stehe. Folglich kann ich nicht mehr behaupten, dass es ein Gedanke Steins sei, sondern dieser Absatz ist allein meine Vermutung, ich zögere allerdings, ihn einfach zu löschen). Das fand ich erstaunlich. Das Judentum ist eine Kultur der Erinnerung: „Zachor: Erinnere dich!“ ist eine seiner zentralen Botschaften. Weder der Katholizismus, weder die Griechische noch die Russische Orthodoxie sind so deutlich an der Tradition orientiert und beschäftigen sich mit der Auslegung alter Schriften und Überlieferungen wie das Judentum. Im Zentrum der jüdischen Erinnerung steht, wenn ich richtig verstehe, die Botschaft Gottes, dass die Juden das von ihm auserwählte Volk sind. Wenn Gott dem jüdischen Volk dies so gesagt hat und er das damit belegt, dass sie verfolgt werden, und zwar durch ihre ganze Geschichte hindurch, dann erweist sich diese Singularität in einem Ereignis wie in keinem anderen: in der Shoah. Das hieße in aller Konsequenz: das Judentum legitimiert seine Existenz durch die Shoah. Dass es vernichtet werden soll, ist ihm Beweis, dass es das auserwählte Volk ist. Das ist in höchstem Maße der Kausalität verpflichtet und widerspräche damit sich selbst als Alternative zur deterministischen Welt. Und es ist pervers. Das ist das, was bei Freud als pervers bezeichnet wird: Ein Genießen – ich bin der Geliebte, der Auserwählte – das von einem auf einen anderen Punkt verschoben wird, noch dazu auf einen Punkt, der existenzbedrohend ist. Aber das geht über das hinaus, was die Auseinandersetzung mit dem Text hier zu leisten vermag.

    Noch etwas sehr persönliches: Ich höre in diesem Buch immer nur von Männern. Ich lese von einer Welt, die stark an Traditionen hängt, die die Rechte von Frauen sicher nicht in den Vordergrund stellt. Ich komme aus einer sehr viel stärker reglementierten Gesellschaft und ich lebe hier unter, wie es in dem Buch heißt, Goyim Naches, eine scheinbar zügellose Welt. Ich kann allerdings, anders als Stadtmenschen, ganz gut reiten, mit und ohne Zügel. Die meisten Menschen, die von der Zügellosigkeit träumen, können sich nicht auf einem Karussellpony festhalten. Ich will in dieser Welt leben, weil ich es mit den Männern aufnehmen kann. Und das auch will! Das ist erstaunlicherweise auch gar nicht schwer. Es ist sogar ziemlich leicht. Dank der Karussellponys Männer, die es einem leicht machen. Jetzt kommt der letzte Satz und der kommt, wie’s sich gehört, an den Schluss: Frau Torik lacht.

    Ich habe noch einige Links zusammengestellt:
    Zum Judentum, hier und hier.
    Mit Minsky hat Benjamin Stein den historischen Fall Binjamin Wilkomirski gestaltet, hier und hier und hier.
    Das Blog des Autors, der Turmsegler.
    Und hier geht’s zu den Leseproben.

    Benjamin Stein
    Die Leinwand, Roman
    C.H.Beck, München 2010. 416 S.:
    ISBN 978-3-406-59841-8
    19,95 €





    19 August 2010

    Einsamkeit

    Ich habe gerade eben in einem Kommentar an NO etwas zur Einsamkeit gesagt, zu der besonderen Einsamkeit von Schreibenden. Das stelle ich noch einmal hierher, weil es wichtig ist. Für mich ist es das.

    Einsamkeit. Einsamkeit ist, möchte ich sagen, Freund und Feind aller Schreibenden. Schreiben ist Auseinandersetzung mit sich selbst. Man nimmt sich andere, nennt das dann seine Figuren, gibt ihnen Namen, Aussehen, gibt ihnen Vergangenheit und Zukunft, oder man nimmt sie ihnen, man schickt sie nach New York oder Wolkenkuckucksheim, nach Yoknapatawpha County oder Mărginime oder sonst wohin, legt sie anders an als man selbst ist, oder gleich, man dichtet ihnen allerlei an oder ab; und man macht das alles bloß, damit niemand, oder jeder, bemerkt, dass man es selbst ist. Man hat gar keine andere Möglichkeit als immer wieder auf sich selbst zurückzugreifen. Und das ist Einsamkeit. Nicht die Einsamkeit, dass kein anderer da ist. Heute oder morgen oder überhaupt. Nicht die Einsamkeit der Melancholie oder der Depression. Sondern dass man selbst da ist. Überall. Das ist die Einsamkeit. Dass man selbst es ist, der all das erlebt und erleben muss, was angelblich die Figuren erleben. Dass es immer wieder man selbst ist, die eigene Oberfläche und Tiefe, aus der das kommt und zu der das immer wieder zurückkehrt, soweit man es auch aus sich herausstößt, soweit man das von sich wegstößt: man wird’s nicht los. Niemals. Das ist Einsamkeit. Ich kann jeden verstehen, der das nicht aushält. Davon ist man eingeschlossen wie von einer Klammer. Einsamkeit

    Ich habe allerdings den entscheidenden Satz vergessen. Das eigentlich dramatische an der Sache. Dieser Satz lautet: Einsamkeit ist unteilbar.





    17 August 2010

    Älterwerden

    Älterwerden ist ein Blick aus unendlicher Ferne. Unmerklich wird eine Annäherung daraus. Eine vorsichtige Berührung. Später wird es eine Umarmung. Dann ein Ringen, dann ein Kampf. Und dann hat man verloren.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 August 2010

    Der Kopf des Geköpften

    Solange der Kopf des Geköpften nicht auffindbar ist, lässt sich alles Mögliche vermuten. Da lässt sich anhand des Torsos vermuten, der Geköpfte sei tot. Aber woher will man das wissen? Der Kopf, der ja nicht auffindbar ist, wird womöglich das Gegenteil behaupten, jetzt, da er vom maroden Körper befreit ist. Er wird sagen, er hätte sowieso eine athletische Statur bevorzugt und nicht die, mit der er hat leben müssen und auf die er, im wahrsten Sinne des Wortes, zeitlebens hat herunterschauen müssen. Nun aber, vom ungeliebten Rest befreit, beabsichtige er in nicht allzu ferner Zukunft, mal wieder richtig auf die Pauke zu hauen. Er, der Kopf, lebe, seit der Körper seine eigenen Wege gehe, oder gar keine mehr, so richtig auf.

    Tot heißt in der modernen Hirnphysiologie hirntot. Der Kopf muss tot sein, dann erst ist jemand wirklich tot. Mausetot. Ist also der Kopf nicht auffindbar, kann der Mensch auch nicht tot sein. Wo kein Mund der letalen Diagnose widersprechen kann, wo keine Augenbraue sich kritisch oder spöttisch in die Höhe zieht, wo kein Lächeln mehr über das Gesicht huscht und kein schallendes Gelächter, da kann auch keiner tot sein.

    Kopf und Körper sind seit der neusten Variante von gek ö pft offenbar wirklich tot. Anatol geht seinem blutigen Handwerk weiter nach. Da fällt mir ein, ich habe ja auch schon einmal etwas zur Dekapitation geschrieben: hier.  Das scheint ein beliebtes Sujet bei literarisch Interessierten.

    Der aufmerksame Leser und die aufmerksame Leserin wollen jetzt natürlich wissen, warum ich vom Maskulinum spreche. Dem Bild kann man ja nicht ansehen, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Kopf oder Körper handelt. Das ist vorschnell, zugegeben. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Anatol wahllos Frauen köpft. Er hätte dem Ö doch bestimmt einen schönen Lippenstiftmund hingemalt, wenn das eine Frau gewesen wäre.





    13 August 2010

    Man will kein Wetter, man will verlässliche Informationen darüber

    Wieder einmal in der Bibliothek: Ein Platz vor mir, eine Frau in meinem Alter, ein Handy, iphone, Internetzugang. Sie nimmt das Handy, ruft über die Applikationen den Wetterdienst auf und schaut sich das Wetter an. Und zwar für den heutigen Tag. Nur für den heutigen Tag! Ich saß nicht im Lesesaal. Ich saß, wie die Frau vor mir, am Fenster. Ein Blick nach draußen hätte ihr gesagt wie das Wetter gerade ist. Aber das da draußen ist nur die Wirklichkeit. Google und die Apple Apps aber können etwas anbieten, das diese Wirklichkeit überbietet: Content.

    Das da draußen ist einfach nur Regen oder Sonne. Wen interessiert das? Das eine ist so langweilig wie das andere. Man will ja wissen wie das Wetter ist, Temperatur und Luftdruck und die allgemeine Konsistenz und Zusammensetzung der Luft, Informationen für Allergiger. Man will Informationen und nicht irgendein belangloses und austauschbares Wetter, das morgen schon wieder ganz anders aussieht und sich auch anders anfühlt; wenn sich auch eines immer gleich anfühlt, die Beliebigkeit, mit der es daherkommt. Man will kein Wetter, man will verlässliche Informationen darüber!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 August 2010

    Die Geografie in ihrer derzeitigen Erscheinungsform

    Ich war noch nie in New York, aber ich stelle ich mir das vor wie in dem Video.  Ich war noch nie in New York, weil das so weit weg ist. Ich weiß ja nicht, wer sich die Geografie ausgedacht hat, aber ich find‘s unpraktisch. Hätte man das nicht alles ein bisschen näher aneinander liegend anordnen können? Ich muss 24 Stunden mit dem Zug fahren, um meine Eltern und Großeltern zu besuchen. Das ist doch absurd. Ich empfinde das geradezu als Zumutung. Ich halte die Geografie in ihrer derzeitigen Erscheinungsform für zumindest revisionsbedürftig.


    Lessons Learned

    MATT AND KIM | MySpace Musikvideos





    08 August 2010

    Sie haben eine halbe Stunde

    [Mr NO and Mrs MB mahnten an, dass mein Erlebnis im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in der vergangenen Woche, wo mich ein Asiate fotografierte und dann erschreckt fortlief, ich erst ungläubig schaute und dann laut lachte, dass dies in eine Geschichte münden müsse. Ich wechsele also ins Märchenfach. Das ist nicht das, was ich mir für meine weitere Entwicklung vorstelle, aber es geschah schließlich nicht irgendo, es geschah in the Grimms!]

    Eines Tages, Wu war schon hundert Jahre alt oder noch älter, da erzählte er, wie er vor langer Zeit nach Europa gefahren war. Er war noch jung damals. Er hatte keine Kinder und er wollte einmal nach Europa bevor er starb. Was willst du denn in Europa?, fragten die Leute. Aber das wusste Wu nicht genau. Als er fünfzig war, spürte er, dass es soweit war. Lange hatte es so ausgesehen, als spiele es keine Rolle, ob er jetzt führe oder später. Mit einem Mal drängte dann die Zeit. Eilig packte er seine Habseligkeiten zusammen. Dann saß er tagelang auf seiner Tasche. Er konnte ja nicht einfach losgehen, wie er das gewohnt war. Er musste auf den Bus warteten, der ihn die Stadt brachte. Von dort würde er mit einem Flugzeug fliegen.

    Drei Wochen blieb Wu in Europa. Als er zurück kam und aus dem Bus ausstieg, erkannte man ihn kaum wieder. Schwarzhaarig wie er immer gewesen war, hatte er in den Wochen seiner Abwesenheit graues Haar bekommen. Auf seinem Antlitz lag etwas Rätselhaftes. Wie war es in Europa?, fragten ihn die Leute. Was hast du erlebt? Aber Wu antwortete nicht. Er sprach von da an nur noch das Nötigste. Er aß, er trank und er bestellte sein Feld. Er fütterte die Ziegen und die Hühner. In seiner freien Zeit aber saß er vor seinem Häuschen und schaute in die Ferne. Das ist der Vorbote des Todes, sagten die Leute. Zuerst sprachen sie nur hinter seinem Rücken, dass er es nicht hörte. Dann wurden sie mutiger und sagten es auch in seiner Nähe. Schließlich sagten sie es ihm direkt ins Gesicht. So vergingen die Jahre. Die Leute in seinem Alter starben. Es starben auch Jüngere. Wu aber starb nicht.

    Die jungen Leute wohnten inzwischen in der Stadt, sie fuhren Auto und schauten fern und telefonierten den halben Tag. Am Wochenende kamen sie zu Besuch. Sie sahen Wu vor seiner Hütte sitzen, eine Schale Tee zwischen den Fingern. Sie erinnerten sich daran, dass Wu in Europa gewesen war und danach das Reden eingestellt hatte. Zehn oder zwanzig Jahren ist das her. Oder noch länger. Unendlich lange. Wu war uralt. Manche kannten sein Schicksal nur aus den Erzählungen der Eltern. Wu hatte schon vor seiner Hütte gesessen, als sie noch nicht geboren waren. Solange sie denken konnten, saß Wu schon dort. Erzähl uns, was du in Europa erlebt hast, hatten sie ihn als Kinder gebeten. Wu aber schaute an ihnen vorbei in die Ferne. Später forderten sie ihn jedes Wochenende auf, zu erzählen. Aber sie glaubten nicht daran, dass er, der schon immer alt und grau gewesen war, der vielleicht so auf die Welt gekommen war, den Mund aufmachen würde.

    Eines Tages, als man ihn zum hundertsten oder tausendsten Mal gebeten hatte, schaute er die Leute an als sähe er sie zum ersten Mal und als hörte er auch ihre Fragen zum ersten Mal. Sie haben eine halbe Stunde, sagte er. Ein halbe Stunde?, fragten sie Wu. Man hat für alles eine halbe Stunde, nicht mehr und nicht weniger. Die Leute wussten nicht, was sie mehr verwundern sollte, dass Wu wieder sprach oder dass er in Rätseln sprach. Als sie am kommenden Wochenende wieder zu Besuch waren, da erzählte Wu, ohne dass sie ihn auffordern mussten. Man hatte eine halbe Stunde. Für Westminster Abbey und die Tate Modern in London, das Louvre und für Sacré-Cœur in Paris, für das Prado in Madrid und Guggenheim in Bilbao, das Nationale Kunstmuseum und den Regierungspalast in Bukarest, den Reichstag und Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin. Jedes Mal sagte der Reisebegleiter, Sie haben eine halbe Stunde. Wer weiß, was nach dieser Zeitspanne passiert. Vielleicht darf man diese Grenze in Europa nicht ungestraft überschreiten.

    Das sind seltsame Menschen, sagten seine Mitreisenden, die schon einmal in Europa gewesen waren. Man kann sie vom Äußeren kaum unterscheiden und sie starren einen an. Wu war ein wenig besorgt. Da alle anderen eine Kamera hatten, kaufte auch er einen solchen Apparat. Wer weiß, wozu das gut ist, sagte er sich. Er hatte noch nie eine Kamera besessen. Es war ein billiges Modell, eine Einmalkamera. Sie hatte nur einen einzigen Knopf, auf den man drücken musste, wenn man ein Foto machen wollte. Das konnte man fünfzig Mal tun. Dann war sie voll und man schickte sie ein und bekam die Bilder zurück. Wu trug die Kamera immer mit sich herum, aber er benutzte sie nicht. Er wusste nicht genau, ob er ein Foto machen wollte.

    Eine halbe Stunde hatten sie auch in Berlin, erst im Reichstag und dann im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Das ist eine Bibliothek, fast weiß, sehr gerade Formen, schmale Fenster, bis unter das Dach vollgestellt mit Büchern. Der Führer sagte in paar Worte zu den beiden Brüdern, die der Bibliothek den Namen gaben. Sie hatten Worte gesammelt und alte Geschichten, Mythen und Märchen. Danach wurde die obligatorische halbe Stunde angekündigt. Wu konnte sich nicht erinnern, warum die beiden andern, mit denen er bisher zusammen gewesen war, in Berlin nicht dabei waren. Jedenfalls zog er in der Bibliothek alleine los.

    Vielleicht war Wu in Gedanken gewesen. Vielleicht hatte er Hunger oder Durst gehabt, er geriet jedenfalls zwischen die Regalreihen. Wenn er am Ende einer dieser Regale angekommen war, drehte er sich um und ging den nächsten Gang entlang. Er ging Treppen hoch, Stockwerk um Stockwerk stieg er immer höher und höher, aber wohin er auch kam, es sah überall gleich aus. Regale bis ans Ende des Horizontes. Wu fühlte sich einsam. Er hatte schon lange keinen Menschen mehr gesehen. Er vernahm ein Brummen, aber er konnte nicht sagen, woher es kam. Er geriet immer tiefer hinein in den Raum und immer tiefer in die Zeit. Es wurde dunkler, die Regale rückten enger aneinander, sie bogen sich über ihm zusammen. Wu fand das unheimlich. Nach jedem Regal, wendete er sich erneut und kam wieder in einen anderen Gang, der in die Tiefe führte und an dessen Ende er wenden musste. Er vergaß alles um sich herum. Er ging nur noch die Regale entlang, wendete am Ende und ging den nächsten Gang. Es wurde immer dunkler, aber Wu bemerkte das nicht. Und dann schrie er mit einem Mal in höchster Angst auf. Er hielt sich dich Kamera zum Schutz vor das Gesicht und drückte ab. Dann schrie er noch einmal und rannte um sein Leben.

    Wu konnte sich nicht erinnern, wie er aus dem Gebäude herausgekommen war. Er konnte sich auch nicht an die Tage danach erinnern, an das restliche Europa. Er zog sich auf sein Zimmer zurück. Er sprach nicht mehr. Als seine Reisebegleiter sich nach ihm erkundigten, ließ er ausrichten, er fühle sich nicht wohl. Man solle sich keine Sorgen machen. Auf dem Flug war er in sich gekehrt. Er vergaß, sich von seinen Reisebegleitern zu verabschieden. Im Bus, der ihn in sein Dorf zurückbrachte, separierte er sich von den anderen. Als er ausstieg, sahen die Leute ihn besorgt an. Er reagierte nicht auf die Fragen, die sie ihm stellten. Er kümmerte sich um sein Haus und sein Feld und sein Vieh. Er würde alt werden. Er würde alt werden und immer älter, hundert oder tausend Jahre alt. Aber er würde nicht sterben.

    In ein paar Jahren, sagte er sich, wollte er noch einmal fahren. Er hatte es nicht eilig. Er wollte noch einmal nach Europa fahren, noch einmal dieselbe Reise. In Berlin würde er das Grimm-Zentrum besuchen und die Führung mitmachen. Dann käme dieser unverständliche europäische Ritus, Sie haben eine halbe Stunde, und Wu würde alleine losziehen. Er würde in die Tiefen dieses Gebäudes eindringen, er würde durch die Regale irren, immer tiefer und tiefer hinein in den Raum und in die Zeit, und ganz am Ende würde sie vor ihm stehen, diese große rothaarige Erscheinung, sie würde Feuer speien und lachen. Vielleicht würde sie ihn verschlingen.

    Solange dieser europäische Drache mit ihren feuerroten Haaren und ihren glühenden Augen auf ihn wartete, solange würde er nicht sterben. Wu strich mit seinen Fingern über das Foto, das er damals gemacht hatte. Das einzige Foto in dem Apparat. Er hatte nur einen Abzug anfertigen lassen, weil er der Meinung war, dass mit jedem weiteren die Erinnerung verblasse. Und das wollte Wu nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 August 2010

    Das Schöne

    Manchmal, wenn ich sehe, dass andere etwas Schönes haben, dann will ich es auch haben. Ich möchte es besitzen. Vielleicht möchte ich auch das Gefühl haben, von dem ich unterstelle, dass der andere es hat, während er mit zeigt, dass ich es nicht habe. Dann ginge es mir gar nicht um die Sache. Das Materielle wäre nur etwas Vordergründiges und es ginge mir vielmehr darum, anderen zu zeigen, dass sie etwas nicht haben.

    Bei manchen Dingen bleibt einem nichts anderes übrig, als sie dem- oder derjenigen wegzunehmen. Das macht meist keinen guten Eindruck, vor allem bei Menschen, die dem Begriff des Eigentums eine ausgesprochen distinguierte Haltung gegenüber einnehmen. Außerdem sollte man, was das anschließende Weglaufen betrifft, gut trainiert sein. Man könnte die entsprechende Person allerdings auch fragen, woher sie das Schöne hat und, Geld vorausgesetzt, kauft sich das. Bei ideellen Dingen ist das schwieriger, bisweilen unlösbar, wenn ich genauso aussehen wollte wie meine Mitbewohnerin oder den Job meines Profs haben wollte, müsste ich wohl kapitulieren. Viele Dinge in der virtuellen Gesellschaft kann man gar nicht mehr besitzen. Aber man kann, was man nicht besitzt, immerhin teilen.

    Das folgende Video fand ich so schön, dass ich es unbedingt hier haben wollte, vielmehr es hier teilen wollte. Ich habe es bei inadäquat gefunden. Christine Zintzen findet sehr treffende Worte, um zu beschreiben, was in dem Video zu sehen und zu hören ist. Es stammt von Renaud Hallée. Und das Schöne ist: es können alle haben.

    Sonar from Renaud Hallée.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 August 2010

    Ich habe mich entschlossen …

    … kürzere Beiträge zu schreiben.

    P.S. Es macht einfach weniger Arbeit.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 August 2010

    Männerfreizeit

    Ich sehne mich nach einer Liebesnacht mit einem Mann: Das jedenfalls schrieb mir der Bücherblogger. Er tat es, weil ich meinen vorletzten Beitrag mit den Worten endete, dass alle Bücher meiner Sommerlektüreliste von Männern geschrieben wurden.

    Da hat dieser Mann nicht ganz unrecht. Ich lese üblicherweise im Bett. Meist ohne jeden erotischen Anflug. Und wenn, wird’s hier aller Voraussicht nicht thematisiert. Es wäre in der Tat nicht schlecht, wenn sich hier und heute ein stattliches männliches, oder zumindest vorwiegend männliches Exemplar einfinden könnte, um holden Minnedienst zu leisten. Dieses Exemplar möchte bitte zuvor nicht bei meiner Mitbewohnerin vorbeigehen, um daselbst abgefangen zu werden und dann niedere Liebesarbeit verrichten zu müssen.

    Ich sehne mich nach einem Mann. Allerdings ist mir auch nicht gleich jeder recht und billig. Ich sitze fünf Tage in der Woche in einer Bibliothek, die als der Laufsteg unter den Berliner Bibliotheken gilt, und nicht nur für Frauen. Da läuft durchaus das eine oder andere mit Testosteron angereicherte Exemplar dieser in Frage kommenden Spezies herum. Das dürfte nicht so schwer sein, einen von denen mittels – das nehme mir bitte niemand krumm – recht einfacher Mittel davon zu überzeugen, sich etwas näher mit einem zu beschäftigen. Die Argumente, für die Männer wirklich empfänglich sind, werden im Anatomiekursus unterrichtet, nicht im Logikkurs.

    Vielleicht bekäme ich das infrage kommende Exemplar auch noch zu mehr als einer Liebesnacht herum, zu zehn oder tausend, oder, wenn er richtig fleißig sein sollte, auch zu zehntausend Liebesnächten. Allerdings werden weder aus zehn noch aus zehnttausend Liebesnächten jemals tausendundeine Nacht. Weil dies eine Zahl ist, ein Wert, der nicht auf der Zahlenskala zu finden ist. Das ist eben der Zauber, jenseits von Zahl und Wert und sonstigen Maßeinheiten, die bei Männern wie bei Frauen angelegt werden können; ein Zauber, der sich nur im Moment erweisen kann: Bei einem Rendezvous, das irgendwo zwischen Versprechen und Verführen liegt. Jenseits vom vögeln. Wobei das, wie ich bereits sagte, auch gut sein kann. Und manchmal kommt ja auch zusammen, was zusammen gehört.

    Das sieht heute Abend also tatsächlich nach einer Männerfreizeit aus, auch bei Olga iss nix mit Männern. Wir machen uns gleich Mangolassi, es gab drei Mangos für einen Euro fünfzig! Und Morgen gibt es noch Salat mit Mangostreifen. Statt Männer. Das wäre der Alternativtitel dieses Beitrags gewesen: Mangolassi statt Männer. Dann habe ich mich aber doch noch für den etwas anspruchsvolleren Titel entschieden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 August 2010

    Misanthropie ist keine Lösung

    Misanthropie ist keine Lösung. Weil es das Problem nicht gibt, das sie zu lösen behauptet. Vielmehr ist die Lösung das Problem. Jedenfalls für den Misanthropen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.