Archiv vom 31.07.2010
31 Juli 2010
Last exit Bolaño
Ich muss mich für die Verspätung meiner Antwort entschuldigen: ich hatte eigene Probleme. Ich nutze die letzen Wochen vor dem Rumänienaufenthalt im September, um sehr intensiv an meinem Roman zu schreiben. Eben dort hat sich in der vergangenen Woche ein Problem ergeben, dass meine Aufmerksamkeit in erheblichem Umfang in Anspruch genommen hat: mein Personal macht nicht, was ich von ihm erwarte. Gutes Personal ist eben schwer zu finden! Wenn ich nicht unablässig ein Auge drauf habe, dann sitzen alle bloß rum und drehen Däumchen. Ich muss dauernd durch die Räume gehen, die ich mit Leben zu erfüllen gedenke und die Leute zum Handeln anhalten. Argumentativ ist denen leider nicht beizukommen. Nun habe ich ein Machtwort gesprochen und alle miteinander nach Strich und Faden zusammengeschissen. Nun ist Ruhe. Bis zur nächsten Meuterei.
Obwohl es sich bei dem folgenden Text um Antworten auf die beiden Kommentare von NO und dem Bücherblogger handelt – hier und hier – stelle ich sie nicht in den Kommentarteil, da es von der Sache her eine Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Roberto Bolaño ist und folglich in den Textteil gehört. Ich habe mich über die Kommentare gefreut, weil sie beide auf unterschiedliche Weise eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller und seinen Texten zeigen. Ich gehe nicht im Einzelnen darauf ein, ich habe sie mehrfach gelesen und schreibe jetzt einen Text, den die beiden Kommentatoren in Teilen als Antwort auf ihre Kommentare verstehen werden.
Ich bin davon überzeugt, dass der moderne Roman auch eine moderne Form braucht. Zumindest ist der Roman – anders als die Novelle oder die Erzählung – der prädestinierte Ort für formale, ich nenne es einmal Experimente: die Suche nach einer angemessenen Form und der Ort, wo Form und Inhalt auf sehr vielfältige Weise aufeinander treffen können. Wer eine moderne Wirklichkeit darstellen will, tut, meiner Auffassung nach, gut daran Sorge zu tragen, dass die Darstellung eine entsprechende Form hat. Wie der Dadaismus nicht, was er darstellen wollte, in den althergebrachten Bildern und Weisen hätte darstellen können. Das Neue ist der Bruch mit dem Alten. Wo Alt und Neu sich voneinander scheiden, ist allerdings nicht ganz einfach zu bestimmen. Die sogenannte „Moderne“ ist längst ein Sammelsurium von Modernitäten. Die Idealinterpretation des Wortes Moderne will, dass jeder moderne Text auch seine eigene Interpretation mitbringt, nach sich zieht, meinetwegen: erfordert. Texte werden dann als modern verstanden, dass die bisher bekannte Theorie nicht ausreicht, um sie adäquat zu begreifen. Meines Erachtens ist das äußerst selten der Fall.
Um Beispiele zu nennen (obwohl ich dieses namedropping nicht mag, weil es nicht weiterführt; man kann für jede noch so obskure These einen Namen finden und wie viele Namen ich auch nenne, die Liste ließe sich beliebig verlängern, verändern): James Joyce, Laurence Sterne, Franz Kafka. Da haben sich erzählerische Novitäten gezeigt, und die Werke dieser Autoren waren mit den damaligen Theoriemodellen nicht oder nur sehr unzureichend erfassbar. In diesen erlauchten Kreis der Literatur- und Theorieerneuerer zu kommen, wird tausendmal im Jahr versucht, aber nur alle tausend Jahre ist es tatsächlich der Fall. Und, etwas abseits von dem hier zu Verhandelnden: die Theorie über all diese Texte würde sich ohne sie tausend Mal schneller verändern.
Ich mag Literatur, die in der Moderne angesiedelt ist, obwohl es auch gute konservativ erzählte Literatur gibt. Ich selbst würde mich auch zu der Seite derer zählen, die ein bisschen experimenteller mit Grenzen umgehen. Ich schreibe an einer literaturwissenschaftlichen Dissertation zum Thema „Identität, Authentizität und Illusion“ und man darf mit Fug und Recht von mir erwarten, dass ich etwas mit dem Begriff der Fiktionalität anzufangen weiß. Ich bin außerdem literarisch tätig und schreibe an einem Roman, der ebenfalls in der Moderne angesiedelt ist und mit Grenzen spielt. Das haben viele getan, Max Frischs mit „Stiller“ oder Wolfgang Hildesheimer mit „Marbot“. Bolaño ist da nicht der erste und ich sehe noch nicht, was daran so überzeugend oder originell (das ist nicht pejorativ gemeint) sein soll, wenn Bolaño eine Figur namens „Belano“ erfindet.
Wenn dem Leser sich ein Text nicht erschließt, dann mag das an dem Text oder an dem Leser liegen. Manchmal liegt es auch an der Theorie von Text, die der Leser hat oder nicht hat. Wann die Literatur und wann die Literaturwissenschaft veraltet ist, das ist eine ganz schwierige Frage. Das Neueste ist nicht immer automatisch wahr und richtig und nicht alle Modelle und Ansätze sind interessant, vielversprechend oder gleich die Theorie erneuernd. Außerdem: Das macht einen Autor nicht groß, dass seine Anhänger diese Größe für ihn einfordern. Das tun alle Anhänger. Allerdings macht ihn das auch nicht klein.
Größe hat sicher auch etwas mit Perspektive zu tun. Und mit dem eigenen Standpunkt. Roberto Bolaño schreibe Literatur von einem anderen Stern hat es geheißen: ich kann mich an dieses Schlagwort erinnern. Man muss also ein Stück weggehen, um das Ganze zu erkennen. Aber wie weit? Selbstverständlich muss man sich ein Stückchen entfernen, wenn man etwas Größeres als Ganzes einschätzen möchte. Man muss ein bisschen weggehen, wenn man die Wirkung erleben will. Aber es wird dann auch ein bisschen unschärfer. Wenn man zu weit weg geht, dann verschwimmt es. Es wird kleiner. Wenn man wissen will, wie es gemacht ist, dann muss man ganz nahe herangehen. Und gerade in dieser Nähe finde ich sehr viele Dinge nicht überzeugend. Der Begriff des Holzschnittes erfasst es ganz gut. Die Texte scheinen mir in vielem nicht ausgearbeitet. Wenn ich nach nahezu 700 Seiten nicht das Gefühl habe, dass ich die beiden Hauptpersonen – Ulissis und Belano – kennengelernt habe, sondern dass ich so im Leeren herumlese, dann kann ich das nicht als gelungen empfinden.
Ich kann mich an ein Seminar in Bukarest erinnern, zu Kierkegaards Frage ob das Subjektive die Wahrheit über das Objektive ist oder umgekehrt das Objektive die Wahrheit über das Subjektive. Ich bin da leider frühzeitig weggeblieben, nach der ersten oder zweiten Sitzung. Die Frage aber ist interessant, ob man letztlich, trotz der Objektivität der Wissenschaft oder zumindest den Möglichkeiten, die sie zur Verfügung stellen, nicht doch nur ein Geschmacksurteil fällt. Wobei eine literaturwissenschaftliche Analyse hier noch sehr viel zutage fördern kann. Aber das ist hier keine strenge Literaturwissenschaft. Ich mache sie jedenfalls hier nicht. Das ist ein Blog. Ich habe nichts andres gesagt, als dass Roberto Bolaño nicht mein Autor ist. Gabriel García Márquez ist es auch nicht. Sehr viel mehr als ein (hoffentlich gut) begründetes Geschmacksurteil wird sich in so einem Blog nicht machen lassen. Ich versuche Bücher in meinem eigenen Stil zu erfassen mit meinen eigenen Worten zu beschreiben und etwas dabei zu lernen!
Ich werde vielleicht in ein paar Monaten oder Jahren oder in einem schwachen Moment, in einer wilden Nacht, noch einen Versuch mit „2666“ machen. Dann werde ich auch darüber berichten. Aber erst einmal stehen andere Autoren auf meiner Liste. Alles Männer, nicht zu verstehen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Lessons & Lectures | Eintrag von Aléa Torik | um 12:17 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren











