Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird coqettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird massiert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2012 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Die Dissertation
    Seite 5 – "Aléas Ich"
    Seite 6 – Links

    Jensseits

    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Literaturkritik
    Roberto Bolano
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    Osburg Verlag


    Kommentare:

  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
  • Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
  • Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
  • Christian: Hallo Alea, ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die...
  • avenarius: Krummes ist gerade geworden, halbes voll.- Meine Hinweise von soeben haben sich scheinbar erledigt. Einen schönen eisigen Tag avenarius
  • avenarius: … andere kommen zweimal – alles geht schief.
  • avenarius: Der jeweils erste Kommentar geht unter. Freundlichst – avenarius
  • Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
  • Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
  • Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
  • Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
  • avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
  • Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
  • phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
  • Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
  • Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...

  • 25 Juli 2010

    Nächster Versuch: Bolaño

    Wer hier schon einmal mitgelesen hat, der weiß auch, dass ich nicht so leicht aufgebe. Oder vielleicht weiß er es nicht. Dann ist das eine noch zu verifizierende Behauptung: ich gebe nicht so leicht auf. Aber Roberto Bolaño habe ich aufgegeben. Weil es mir keinen Spaß macht, mache ich es jetzt ohne Spaß. Ich versuche im Folgenden, meine Kritik an „Die wilden Detektive“ zu formulieren.

    Das Buch ist wie ein Triptychon aufgebaut. Der erste Teil ist das Tagebuch von Juan García Madero von Anfang November bis zum 31. Dezember 1975; der dritte Teil setzt dieses Tagebuch übergangslos vom 01. Januar bis Mitte Februar 1976 fort. Zwischen diesen beiden schmaleren Flügeln, die in Mexico DF angesiedelt sind, findet sich der mittlere Teil, der zwei Drittel des gesamten Textumfangs ausmacht, sich etwa über 20 Jahre erstreckt und teilweise in Mexico und teilweise in Europa angesiedelt ist.

    Im ersten Teil lernt García Madero, wie ihn alle nennen, die Realviszeralisten kennen, eine Gruppe Poeten, oder eine Bande, deren Anführer Ulises Lima und Aturo Belano sind. Die beiden haben eine Zeitschrift herausgegeben mit dem umstrittenen Namen „Lee Harvey Oswald“, die mit dem Verkauf von Drogen finanziert wurde. Die Gruppe besteht aus vielleicht zwanzig oder dreißig vorwiegend jungen Männern um die zwanzig, die alle mehr oder weniger mit Sex, Gedichteschreiben und Überleben beschäftigt sind. Ein Dreischritt, der in keinem Fall als langweilig bezeichnet werden kann. Möglicherweise handelt es sich bei dem realen Viszeralismus um eine avantgardistische Strömung, möglicherweise aber verbindet diese Leute vor allem der Widerstand gegen die klassische Literatur, vertreten durch Oktavio Paz. Und möglicherweise verbindet sie auch rein gar nichts, nicht einmal das Gedichteschreiben, denn die meisten schreiben keine Gedichte, sie geben es schnell dran oder sie distanzieren sich bei der erstbesten Gelegenheit von dieser Strömung oder gleich von der gesamten Lyrik. Das wird von Bolaño geschickt in der Schwebe gehalten.

    Juan García Madero verliebt sich in Maria Font, möglicherweise aber auch in deren Schwester Angélica, mit María jedenfalls hat er Sex. Sex hat er auch mit der Kellnerin Rosario, mit der er zusammen lebt. Er lernt Lupe kennen, eine junge Prostituierte, eine Bekannte Marias, die in dieselbe Tanzschule geht wie diese; sie allerdings, nach eigener Aussage, nur zum Ficken mit dem Direktor. Lupe hat einen Zuhälter, der ihr, nachdem sie von Quim, dem Vater Marías, aus einer unangenehmen Situation befreit wird, auf den Leib rückt und das Haus der Familie Font belagert. Am Silvestertag brechen García Madero, Lupe und Ulisis und Belano aus der Belagerung aus und fahren mit dem Auto von Quim weg. Damit endet der erste Teil.

    Der mittlere Teil ist ein wilder oder surrealistischer Mix. Hier wird das Schicksal von Lima und Belano verfolgt, die sich aus den Augen verlieren und wiedertreffen und erneut verlieren, die unabhängig voneinander durch die Welt reisen, nach Mexiko zurückkehren und dann wieder verschwinden. Das wird aus verschiedenen Perspektiven berichtet. Es berichten diejenigen, die bis dahin als die Realviszeralisten beschrieben wurden, aber auch neu eingeführte Personen. Diese bis auf weniger Ausnahmen sehr kurzen Textstücke bauen chronologisch fortschreitend aufeinander auf. Sie berichten entweder direkt über einen der beiden, über beide oder in mehr oder minder großer Entfernung zu Ihnen, die mitunter so groß sein kann, das man den Zusammenhang selbst herstellen muss.

    Im dritten Teil wird die Geschichte der vier Autofahrer weitererzählt: García Madero, Lupe, Ulisis Lima und Arturo Belano.

    Die Konstruktion der drei Teile ist reizvoll, weil das Schicksal von Belano und Lima in den kommenden 20 Jahren dem Leser bereits bekannt ist, wenn García Madero den zweiten Teil seines Tagebuchs führt. Allerdings empfinde ich sie auch als künstlich. Den Mittelteil empfinde ich als sehr lang und nicht unbedingt als aufklärend. Mir sind die beiden Personen danach nicht näher als sie es zuvor waren. Aber das kann man sicher auch anders empfinden. Unter künstlerischen und kreativen Aspekten betrachtet, ist dies der interessanteste Teil.

    Zwei Frauen finden sich am Horizont des Realviszeralismus: da ist Laura Damían, einer Poetin, einer Dichterin, die mit 20 Jahren gestorben ist und deren Eltern nach dem Tod ihrer Tochter einen Preis für junge Poeten stiften. Und da ist Cesárea Tinajero, die von Lima und Belano als der mythische Ursprung ihrer eigenen Dichtung eingeschätzt wird. Zwei in gewisser Weise unerreichbare Frauen. Im dritten Teil begeben sich die vier Personen auf die Suche nach Cesárea Tinajero.

    Ich werde im Weiteren lediglich einen Punkt betrachten: jenen, der zum Abbruch meiner Lektüre geführt hat: die Beschreibungen von Sexualität durch den Autor. Die meisten Personen gehen sehr freizügig mit ihrer Sexualität um. Sex ist nie ein Problem. Problem ist höchstens, die ins Bett zu kriegen, die man will. Wenn das nicht klappt, nimmt man jemand anderen. Problem ist die Verfügbarkeit des Objekts, nicht die Sache selbst. Sex ist dadurch entindividualisiert. Das ist einer These Jaques Lacans nicht fern, der von der Gleichgültigkeit, also der gleichen Gültigkeit der Sexualobjekte sprach.

    Sex wird zum größten Teil mit dem Wort vögeln bezeichnet. Es gibt zwei Szenen die davon abweichen. Liebesszenen, die nicht nur mit einem Wort skizziert und in gewisser Weise auch abgewertet, sondern ausformuliert und dargestellt werden. Beide betreffen María, und in beiden lässt sie ihre Neigung zur Brutalität erkennen: einmal mit García Madero und das andere Mal mit Piel Divina: sie will geschlagen und gewürgt werden. In allen anderen Fällen – man mag es mir nach sehen, wenn ich eine Szene vergessen haben sollte – wird das Liebesleben zwischen zwei Menschen nur als vögeln bezeichnete. Er wird also nicht erzählt. Es wird nicht erzählt und dadurch fällt etwas aus.

    Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, ich bin bis zu diesem Satz gekommen, aus der Perspektive García Maderos „ … dann stand ich auf und sagte zu Lupe, sie solle mitkommen, und wir gingen hinauf auf ihr Zimmer, wo wir wie verrückt vögelten, als müssten wir morgen sterben …“, Seite 635 (von 677); also doch immerhin recht weit. Den Satz hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt, so oder zum Verwechseln ähnlich, über den Daumen gepeilt schon dreißig Mal gelesen. Das ist eigentlich nicht viel, es sind eine Menge Personen beteiligt, Sexualität ist ein ganz wesentlicher Punkt im Leben der Menschen, und der Zeitraum des mittleren Teils beträgt etwa 20 Jahre. Wenn also in zwanzig Jahren fünfzig Personen insgesamt dreißig Mal „vögeln“ sagen, dann ist das wirklich nicht viel. Es macht aber den Eindruck viel zu sein, wenn die Personen, alle Personen, sich niemals, oder beinahe doch, anders über Sex äußern, als in der oben genannten Manier.

    Und es macht den Eindruck mehr als genug zu sein, wenn es danach aussieht, dass dieser Umgang mit dem Thema nicht das Produkt eines Buches ist, nicht eines fiktionalen Umgangs, sondern das Produkt des Autors. Wenn ich annehmen muss, dass Bolaño nur vögeln sagen kann, dann wird es schwierig. Aber nicht etwa, weil ich ihm dann einen eingeschränkten Sprachgebrauch nachweisen könnte – es gibt Autoren, die mit sehr wenigen Worten sehr viel weiter kommen als manche andere mit vielen Worten -, sondern weil ich dann befürchten muss, es nicht mehr mit einem Produkt der Phantasie zu tun haben, also mit einem Buch, sondern mit einer realen Person: Roberto Bolaño selbst. Denn der hat in dieser Geschichte absolut nichts zu suchen.

    Zurück zu der Teststelle, an der ich meine Lektüre abgebrochen habe. Lupe ist eine Prostituierte und Prostituierten kann man vielleicht sagen, dass sie mitkommen sollen und dann vögelt man sie. Aber es werden hier alle Frauen über diesen Kamm geschoren: man vögelt sie. Wie man Prostituierte vögelt. Frauen werden hier wie Gegenstände mit einem Loch in der Mitte behandelt. Ich spreche hier nicht einmal aus einer feministischen Position heraus. Ich spreche allein von der offensichtlichen Unfähigkeit oder Unwilligkeit, es zu gestalten, es auszuarbeiten: sich in die Personen hineinzuversetzen. Sie zu vögeln ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit in eine Person einzudringen. Was denkt oder empfindet Lupe, als Garcia Madero das zu ihr sagt? Der Leser kennt sie. Das ist eine Person, keine Vagina mit personalen oder personenähnlichen Elementen drum herum. Wie wissen, dass sie achtzehn Jahre alt ist, wir wissen, dass sie vor einem Zuhälter geflohen ist und wir wissen auch, dass sie ein Kind hatte, das gestorben ist. Diese Person hat also für den Leser sogenannte „Identifikationsmerkmale“, sie gewinnt Kontur. Was passiert mit dieser Person, wenn ein Mann zu ihr sagt: mitkommen. Will sie das auch? Will sie nicht? Hat sie keinen Willen und macht eben das, was andere von ihr wollen.

    Wir können nun sagen, dass genau dies die Lebenswelt ist, die Bolaño hier gestalten wollte: dass die Beziehungen zwischen Personen denen zwischen Gegenständen ähneln. Es gibt in dieser Welt keine Emotionen mehr. Es gibt emotionsfreien Sex, sonst nichts. Keine uninteressante These, ganz und gar nicht. Dann muss der Autor dem Leser etwas zur Verfügung stellen, woran der erkennen kann, dass es sich dabei um eine literarische Fiktion handelt. Der Leser muss den Autor von seiner These, also von der Gestaltung dieser These in seinen Figuren unterscheiden können. Der Leser muss in dem Text einen Punkt finden, der von der These abweicht, eine Person, die die gegenteilige Auffassung vertritt vielleicht. Es muss dem Leser deutlich werden, dass es sich bei der Fiktion um eine „relationale Wahrheit“ handelt. Und nicht um die ganze Wahrheit, denn das Ganze lässt keinen Punkt außerhalb seiner selbst zu. Wenn ausnahmslos alles „Glück“ ist, dann gibt es den Punkt nicht mehr, von dem aus man das Glück noch wahrnehmen und beschreiben könnte; und dann kann man nicht mehr glücklich sein. Oder man weiß von seinem Glück nichts mehr. Es muss ein Außerhalb geben.

    Diesen Punkt sehe ich bei Bolaño nicht. Gegen meine Auffassung ließe sich jetzt hier anführen, dass die beiden beschriebenen Sexszenen die María Font betreffen, dieser Punkt sind, dieses Außerhalb, also meinetwegen die eigentliche Position Bolaños, wie immer man das formulieren will. Ich sehe im Gegenteil, dass Sexualität auch in anderen Texten des Autors so gehandhabt wird. Auch im „Chilenischen Nachtstück“ gibt es eine ganz seltsame Gestaltung der Sexualität, die ich als emotionsfrei oder den Emotionen ausweichend verstehe.

    Ich habe nichts gegen die Tätigkeit des Vögelns einzuwenden, weder als Freizeitbeschäftigung, noch als Theorie und schon gar nicht als Sexualität. Aber ich hätte es gerne ein wenig beschrieben und außerdem etwas variiert. Ich möchte es erzählt bekommen. Bolaño war Schriftsteller, kein Drehbuchschreiber für Pornofilme.

    Ich bin nicht so dumm, den Autor mit dem Erzähler dieser Geschichte zu verwechseln. Aber ich bin intelligent genug, um, wenn ich Buch um Buch in dieser Manier präsentiert bekomme, zu erkennen, dass kein lyrisches Ich und auch keine abstrakte Erzählinstanz dahinterstecken, sondern niemand anderes als der Autor. Die Schranke der Fiktionalität wird eingerissen, wenn dem Leser nicht die Möglichkeit gegeben wird, zwischen dem Erzähler und dem Autor selbst zu unterscheiden. Die Theorie der Fiktionalität erfordert, dass ich das Ganze, das Werk, als fiktionales erkennen und einschätzen kann. Wenn das nicht der Fall ist, kommt der Autor sehr nahe an den Erzähler heran. Und das war in dem vorliegenden Fall für mich so, dass ich nicht mehr erkennen konnte, ob die vorliegende Gestaltung der Sexualität die These Bolaños ist oder Bolaño selbst. Das war der Punkt, an dem ich meine Lektüre abgebrochen habe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

    ——————————————————————-



    Kommentare

    Pingback von Tweets that mention Aleatorik » Nächster Versuch: Bolaño — Topsy.com
    Datum/Uhrzeit 26. Juli 2010 um 07:54

    [...] This post was mentioned on Twitter by litblogs.net, Juergen Luebeck. Juergen Luebeck said: Aléa Torik, Nächster Versuch: Bolaño – http://www.aleatorik.eu/2010/07/25/nachster-versuch-bolano/ [...]

    Kommentar von Thorsten Krämer
    Datum/Uhrzeit 27. Juli 2010 um 13:45

    Liebe Aléa,
    ich war zwei Wochen weg und hechle noch dem Argentinien-Monat bei den Wilden Lesern hinterher, und jetzt habe ich gerade auch noch deine zwei Beiträge zu Bolano hier entdeckt! Ich finde es zwar schade, dass du ihn nun aufgegeben hast, aber nach der Zeit, die du schon in ihn investiert hast, würde ich sagen: fair enough.
    Danke deshalb noch mal an dieser Stelle für den schönen Text zum Chilenischen Nachtstück!
    Herzliche Grüße,
    Thorsten

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 27. Juli 2010 um 18:13

    Liebe Aléa Torik,

    so leicht gibt ein Buecherblogger auch nicht auf und vertreiben können sie mich ja damit, dass Sie diesen Kommentar nicht veröffentlichen, ist ja Ihr Blog. Aber nur einen Club der Befürworter und Schmeichler möchten sie doch wahrscheinlich nicht, davon gehe ich einmal aus. Da Sie soviel Mühe “verschwendet” haben, will ich mir auch Mühe geben, meinen Standpunkt deutlich zu machen. Von Sex und Sexualität einmal abgesehen, wiegt mir Ihr zweiter Vorwurf an den Autor Bolaño ungleich schwerer:

    “Dann muss der Autor dem Leser etwas zur Verfügung stellen, woran der erkennen kann, dass es sich dabei um eine literarische Fiktion handelt. Der Leser muss den Autor von seiner These, also von der Gestaltung dieser These in seinen Figuren unterscheiden können. Der Leser muss in dem Text einen Punkt finden, der von der These abweicht, eine Person, die die gegenteilige Auffassung vertritt vielleicht.”

    Wie ich weiss, schreiben sie an einer Dissertation mit dem Thema “Authentizität, Identität und Illusion”. Diese wird bei aller Interdisziplinarität wohl auch mit der Literatur befassen. Dem oben genannten Zitat kann ich nur entnehmen, dass sie einen Anspruch erheben, ein Text müsse seine Fiktionalität deutlich machen, und die Grenzen von Erzähler-Ich und Autoren-Ich bitte doch schön getrennt halten. Nach meiner Auffassung ist dies eine sehr konservative, um nicht zu sagen veraltete Form von Roman- oder Prosaauffassung. Im Falle von Bolaño muss man begreifen, dass er immer aus einer Multiperspektivität heraus schreibt, die im Prozess des Schreibens aber auch das Autoren-Ich spielerisch mit in den Erzählstrom einfließen läßt. Daraus resultiert dass zuweilen Sprunghafte, aber auch eine für die Erzählhaltung gerade Authentizität gewinnende Position des Autors.Bisher scheint es mir bei
    Texten darum zu gehen, den Autor möglichst im Fiktionalen unkenntlich zu machen. Damit kann man Fantasyromane, Kriminalromane, Liebesromane etc. schreiben, nicht jedoch einen Roman des 21. Jahrhunderts. Der Autor eines modernen Romans muss, wenn er authentisch bleiben will, weder Realität eins zu eins versuchen abzubilden, noch vollendete Fiktion zu schaffen. Er muss sich auf der spielerischen Grenze zwischen Autoren-Ich und seinen Figuren bewegen. Dies scheint mir das eigentlich Neue bei Bolaño zu sein. Gerade der mittlere Teil von “Die wilden Detektive” versucht doch nun durch das Erzählen aus immer anderer Zeugenperspektive einen Standpunkt erkennen zu lassen, der Authentizität durch den Wechsel des Blickes erzielt. Ich habe den Eindruck, sie lesen sehr einseitig eine These in den Roman hinein, was Ihr gutes Recht ist. Vielleicht stellt männliche Sexualität sich auch selbst in Frage, wenn ständig vom Vögeln die Rede ist oder der Autor lässt die Beschreibung derselben weg, weil er sie als kitschig oder romantisierend begreifen würde. Autoren müssen Perücken abnehmen. Die vollendete Kunst, sich immer wieder neue Pseudonyme oder Phantasiefiguren zu schaffen hat man jahrhundertelang betrieben. Moderne Literatur bewegt sich auf der Grenze zwischen Realität und Fiktion und bringt die eigene Identität in die Verschmelzung dieser beiden Pole ein, nicht um die perfekte Illusion zu schaffen, sondern um sich auf das gefährliche Gebiet zu begeben, quasi träumerisch die eigene und die Realität aller anderen für den Leser neu zu schaffen. Nicht damit jener ein besonders angenehmes Lesevergnügen hätte, sondern als Entblößung der eigenen Sicht auf die Welt ohne den Bezug zum Realen zu verlieren, als Aufforderung an andere, sich vielleicht in diesem Gespiegelten wiederzuerkennen, es sich nicht gemütlich zu machen, sondern aufzustehen und etwas zu ändern.

    “Die Schranke der Fiktionalität wird eingerissen,…”

    Völlig richtig erkannt, nur gerade das wird beabsichtigt. Glauben sie wirklich, jemand erfindet eine Figur “Arturo Belano”, wenn man Roberto Bolaño heißt, um sich mit ihr fiktional zu verstecken. Genausowenig macht das Borges. In der Erzählung “25. August 1983″ nennt er den Ich-Erzähler ausdrücklich “Jorge Luis Borges”. Die phantastische und surrealistische Literatur musste die realistischen Elemente spielerisch hereinbrechen lassen, wenn sie gut war und nicht nur Fantasy. Bei Brétons “Nadja” ist das übrigens genauso.
    Meine Bestellung Ihres irgendwann erscheinenden Romans halte ich aufrecht. Jetzt aber bleibe ich erst mal weg, um Sie nicht immer zu verärgern und um den zuweilen ja ganz netten Diskurs Ihres Blogs nicht zu stören.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. Juli 2010 um 22:19

    Lieber Thorsten,
    vielen Dank für deine Worte. Ich habe mir tatsächlich mehrfach Mühe gegeben und dann letztlich am Sonntag ja auch versucht, meine Einwände in Worte zu fassen. Das sieht man dann natürlich nicht so, dass ein Verriss / eine Aufgabe sehr viel anstrengender ist, als eine Zustimmung. Selbst dann, wenn er nur aus ein paar Worten besteht. Der lange Weg dahin, kommt dann gar nicht mehr zu Sprache. Ich habe dann aber noch Gründe genannt, warum ich die Besprechung nicht schreiben konnte. Dass dies nicht die deinen sind, weiß ich und gerade deswegen danke ich dir für deine Worte.

    Für die anderen: Hier geht es zum Plädoyer Thorsten Krämers´ für Roberto Bolaño: http://www.wilde-leser.de/?p=729
    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Raimond Queneau
    Datum/Uhrzeit 31. Juli 2010 um 18:06

    Ich stimme Ihrer Einschätzung in der Akte Bolano vollkommen zu. Ich sage Ihnen noch schnell, warum dieser Schriftsteller so einen großen Anklang findet. Das sollten Sie in Ihrer Dissertation vielleicht auch bedenken. Es gibt im deutschsprachigen Raum eine große Sehnsucht nach Brutalität, nicht nur in Büchern. Der Deutsche hat die Angewohnheit – immernoch Vitalität und Brutalität und eine gewisse Stumpfheit in eins zu setzen.

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 31. Juli 2010 um 22:51

    @Queneau
    Es tut mir leid, aber jetzt erreicht die “Kritik” an den Werken Bolaños mit diesem Kommentar einen bemerkenswerten Tiefpunkt. Etwas Dümmeres habe ich über die “Akte Bolaño” überhaupt noch nicht gelesen, wobei das ja schon fast wie ein juristischer Fall klingt. In aller Bescheidenheit, wie versprochen schweigen sollte ich, aber erstens findet Roberto Bolaño nicht nur in Deutschland mit seinen “brutalen und stumpfen” Büchern Anklang und sogar Bewunderung, sondern global. Aber davon einmal abgesehen ist Ihre Beschreibung des “Deutschen”, bzw. des deutschen Lesers eine Zumutung. Wenn sie schon das Pseudonym eines französischen Schriftstellers benutzen, schreiben sie ihn richtig: Was Sie betrifft heißt meine Antwort: Letzte Ausfahrt Ra”[i]“ymond Queneau.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 1. August 2010 um 10:20

    Raymond Queneau,

    in Ihrer Begeisterung über meine Ablehnung haben Sie tatsächlich nicht nur einen Haufen orthografischer Fehler gemacht – die ich auch bisweilen mache, deswegen habe ich die Ihren stillschweigend behoben – : Sie können ja nicht einmal Ihren eigenen Namen richtig schreiben. Das ist im Reich der Orthografie dann allerdings von ausgesuchter Brutalität. Ich stimme dem Bücherblogger zu, wenn er das als einen Tiefpunkt bezeichnet. Bolaño ist ein international anerkannter und ausgezeichneter Schriftsteller; brutal empfinde ich seinen Stil nicht, und dass die Deutschen ein ausgesprochen brutales Volk sind, das kann ich auch nicht erkennen.

    Sie können gerne noch ein zweites Mal ansetzen. Ich bin der Meinung, dass viele Dinge, die mit Sprache und Existenz zu tun haben, beim ersten Mal nicht funktionieren: warum hätte uns Gott die Sprache gegeben, wenn es alles beim ersten Mal klappt? Und warum die Erinnerung? Also: probieren Sie das ruhig noch ein zweites Mal, Ihre Kritik an Bolaño zu formulieren. Aber dieses Mal so, wie ich das auch mache: mit Argumenten.

    Aléa Torik

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 1. August 2010 um 10:20

    Lieber Bücherblogger,
    Sie haben ganz recht getan, den Mann zur Raison zu rufen. Mal sehen, ob ihm noch etwas einfällt.
    Aléa

    Kommentar von Raymond Queneau
    Datum/Uhrzeit 2. August 2010 um 13:36

    Liebe Frau Torik, was ich dazu noch sagen wollte: Der deutsche Leser ist ein angeschossener Jäger. Das heißt, er ist durch die Jahre in seinem literarischen Konsum etwas einseitig durch so genannte Befindlichkeitsliteratur und Sensibilitätsliteratur ein wenig zu vegetarisch versorgt worden. Deshalb müssen Sie sich vorstellen, dass er voll Wonne aufquietscht wie ein Verhungerter, dem man nach Jahren einmal ein Stück Wurst reicht – in diesem Falle – wenn man ihm etwas reicht, in dem mal es mal wieder “etwas deftiger zugeht” und sich ficken wieder nach ficken anhört und nicht nach “miteinander schlafen” Im Prinzip wäre das verständlich – aber sein Ausgehungertsein nach “klaren Ansagen”, sein Appetit auf Deftiges, hat ihm natürlich den Geschmack verdorben und die Urteilskraft vernebelt. Deshalb hält er jeden deftig schreibenden Säufer aus einem Schwellen-Land gleich für einen großen Literaten. Er wittert hier das “Fleisch” – dass er sich in einheimischen Gefilden – also zu Hause – nicht so offen gönnen würde. Man könnte sagen: Abstinenz verdirbt den Geschmack ebenso wie das Allzuviele.
    @Bücherblogger, immer wenn jemand Tippfehler und Rechtschreibfehler zum Thema eines Kommentar macht, gehe ich davon aus, dass er sich darauf stürzt. Tatsächlich haben Sie Recht. Man liest und findet Bolano vor allem in der zivilisierten Nicht-Schwellen-Welt interessant, weil er so schön nach “Einfachheit” duftet. Seinem Schreiben haftet ein Versprechen an, es hängt ihm ein Schild um, auf dem steht: Hier darf wieder einfach gefickt und gevögelt werden. Das findet der mental blässliche Zivilisationsleser besonders deftig und literarisch, nachdem man ihn jahrelang zur Subtilität und zur Komplexion – gerade in den Geschlechterverhältnissen – verdonnert hat. Aber wie ich schon sagt: Aleatorik hat einen richtigen Riecher. Bolano hat wahrscheinlich nichts weiter zu bieten – als eben das. Und “das” ist literarisch zu wenig. Dass jemand sich auch seine literarischen Anlagen schlicht und ergreifend wegsaufen kann und in die Stumpfheit abdriftet, – das hat Frau Torik gut erkannt.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 2. August 2010 um 22:54

    Monsieur Queneau,

    ich freue mich eigentlich immer, wenn jemand wiederkommt, den ich bereits aufgegeben habe. Und in meinem Blog gebe ich Menschen, anders als in meinem Privatleben, relativ leicht verloren. Vielmehr glaube ich nicht, dass man sie halten kann, wenn sie nicht gehalten werden wollen. Ich war also durchaus erfreut, noch einmal etwas von Ihnen zu lesen.

    Inhaltlich wird die Angelegenheit allerdings jetzt reichlich abstrus. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wen von den schätzungsweise 40 Millionen Lesern in Deutschland Sie mir „der deutsche Leser“ meinen. Aber wenn Sie das wissen, dann wenden sie sich an die Verlage und Marktforschungsinstitute: Sie werden innerhalb der kürzesten Zeit unendlich reich werden. Die wissen das nämlich alle miteinander nicht; die haben nicht die geringste Ahnung, wer das ist, und was er lesen will: der deutsche Leser.

    Mehr als abstrus ist allerdings Ihre Rede von einem „Schwellenland“ Sie wollen ja wohl nicht ernsthaft einer der interessantesten Gegenden der literarischen Welt als Schwellenland bezeichnen. Sie wollen ja wohl nicht Borges, Carpentier, Lima, Onetti, Cortazár, García Márquez, Vargas Llosa, etc als Vertreter von Schwellenlandliteratur bezeichnen, oder? Wenn Sie sich mal die Anzahl der Übersetzungen der deutschen Literatur in andere Sprachen anschauen, dann werden Sie feststellen, dass Deutschland, die deutsche Sprache und Literatur ziemlich weit abgeschlagen ist. Das ist nicht einmal mehr Schwellenstatus. Ich halte eher ein Land, das in der Literatur nur noch auf Marktgängigkeit achtet, für hart an der Grenze zum literarischen Entwicklungsland.

    Ich komme übrigens auch aus einem Schwellenland.

    Aléa Torik

    Kommentar von Raymond Queneau
    Datum/Uhrzeit 3. August 2010 um 08:58

    Aleatorik, um gerecht zu sein, meine Einschätzung bezieht sich hier auf die “Detektive”, die ich auch – in der Hand hatte – und aus den selben Gründen weglegte. Ich habe ebenso seinen großen Schinken weggelegt, weil mir für 1000 Seiten zuviel wiederholt und auch hingepinselt statt wirklich geschrieben wird. Deshalb wäre sicher nicht der ganze Autor Bolano zu disqualifizieren. Was die Schwellenländer betrifft: Ich glaube, es kommen spannende Texte und Autoren aus diesen Ländern, womöglich so gar viel viel mehr als aus den leicht deprimierten Wohlstandsregionen. Wirklich raffinierte oder neuartige Autoren aber kommen nicht aus Schwellenländern. Ein Grund mag sicher der sein, dass in Schwellenländern ein anderer Erfahrungsdruck herrscht, mehr Bewegung, mehr Stoffdichte und auch mehr Existenzialität. Das tut dem Erzählen immer gut. Nicht unbedingt der Gesundheit. Schriftsteller aus Nichtschwellenländern sind naturgemäß in ihren Themen ausgeblichener und pastelliger, feinkörniger, simulatorischer und deshalb uneinfacher, künstlicher, opernhafter, komödiantischer, erfahrungsloser. Neben regulierteren Lebensbedingungen ist ein weiterer Grund einfach der, dass wir in unseren Regionen die Starkfarben-Phase – ebenso wie die simulatorische Phase und auch die Montage-Phase bereits lange lange durchgemacht haben zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Queneau zum Beispiel hat ja mit seinem wunderbaren Beispiel schon in den 30iger Jahren angedeutet, dass die Sprache und die Literatur zunehmend ein Gegenstand der Konstruktion und der Simulation sein kann und weniger der Authentizität. Deshalb wundert es etwas, dass die “wilden Leser” plötzlich ganz aus dem Häuschen geraten und manche Schwellenland-Nachzügler nun wie ganz neue Kometen am Himmel anbeten. Das ist liebenswürdig in der Begeisterung, aber eben auch etwas spätinformiert. Die Erfindung der Fiktion, der Montage, der aufgelösten Linearität etc…kommt nicht von dort. Sie kommt von hier, aus Europa, aus der klassischen Moderne.
    Problematisch aber scheint mir, wenn die Begeisterung über den einen oder anderen Ton in pathetische oder kritiklose Verehrung umschlägt. Auch das scheint mir eine etwas deutsche Angewohnheit zu sein: Da man den Deutschen seit ungefähr 50 Jahren das natürliche Pathos verboten hat, ersetzen sie das Pathos heute oft mit Hysterie.
    Deshalb nochmal ausdrücklich: Bolanos Detektive sind in der Konstruktion, also in der Technik epigonal und nachzüglerhaft und in der Sprache – als Beschreibungsqualität – wie sie richtig gesehen haben – dumpf, wenn nicht sogar gegebenenfalls einfach nur zirros.

    Kommentar von Thorsten Krämer
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 11:56

    @Queneau

    “Queneau zum Beispiel hat ja mit seinem wunderbaren Beispiel schon in den 30iger Jahren angedeutet, dass die Sprache und die Literatur zunehmend ein Gegenstand der Konstruktion und der Simulation sein kann und weniger der Authentizität.”

    Wohl wahr. Die Frage ist freilich, was man aus dieser Erkenntnis folgert, wie man sie entwickelt, wie man neue Texte daraus entstehen lassen kann. Das Spannende an Bolano ist ja nicht, dass er überhaupt der literarischen Moderne folgt, das wäre in der Tat epigonal. Ich fürchte, Ihnen fehlt da ein wenig die Feinabstimmung. Niemand behauptet ernsthaft, Bolano habe die Montage, die aufgelöste Linearität etc. erfunden, das alles ist in der Tat längst Allgemeingut. Um Ihnen ein Beispiel zu geben:
    Die Vielstimmigkeit des zweiten Teils der Detektive ist nicht das, was mich begeistert, sondern die Tatsache, dass dieser Teil wie eine TV-Dokumentation der BBC angelegt ist. Jeder der Sprechenden wird mit einem kleinen Vortext eingeführt, der ihn und seine Aussage situiert, zeitlich wie örtlich. Insbesondere die manchmal detailierten Ortsangaben tun eigentlich gar nichts zur Sache, bewirken beim Leser aber, dass er sich die Aussage visuell vorstellt – Stichwort “Talking Heads” – eigentlich erstaunlich bei einem Stimmenstück. Auf diese Weise entsteht ein flirrendes Hin und Her zwischen den beiden Medien, und die zum Klischee geronnene Weisheit, dass die moderne Literatur eine große Affinität zum Kino habe, erscheint hier noch einmal in einem neuen Licht.
    Das sind so die Dinge, die mich an Bolano faszinieren – die man aber vielleicht übersieht, wenn man nicht genau hinschaut…

    Kommentar von Raymond Queneau
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 19:11

    @Herr Krämer, ich wollte ihnen ja nicht den Bolano verderben . gott – ja – kino oder filmästhetik naja sich er ja gut, aber das kriecht nun wahrlich auch schon seit 60 Jahren durch die Texte…lesen sie mal mittelmäßige amerikanische Krimis….nein nein, ich schoss nicht gegen Bolano, eher gegen die etwas eingestumpfte Art der Beziehungsführung und die stereotypen….da sage ich dann wieder, was ich von Philipp Dujan kenne, dass muss ich nicht zwingend nochmal lesen, auch wenn er Bolano heißt.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 21:46

    Lieber Thorsten,
    danke für deinen Einsatz für Bolaño. So stelle ich mir das auch vor, wenn jemand eine Leidenschaft für einen Schriftsteller hat, dass er für ihn einsteht. Vielleicht kommt hier ja auch mal wieder ein Vertreter, auf den wir uns beide verständigen können.
    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 21:57

    @Queneau
    Ihr Pseudonym können sie ja endlich schreiben und den deutschen Namen Krämer bekommen sie auch noch gerade hin, aber dass sie am Ende schon wieder zweimal daneben liegen beweist mir nur, dass auch Ihr Vergleich zwischen Bolaño und Djian völlig verfehlt ist. Entweder haben sie zuviel mittelmäßige französische Krimis gelesen oder Sie sind vom Lichtstrahl der Kinoprojektoren verblendet.

    Kommentar von Thorsten Krämer
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 23:05

    @Queneau:

    “gott – ja – kino oder filmästhetik naja sich er ja gut, aber das kriecht nun wahrlich auch schon seit 60 Jahren durch die Texte”

    JA, GENAU – das meinte ich mit der zum Klischee geronnenen Weisheit. Sie haben offenkundig nicht verstanden, was ich geschrieben habe. Aber ich bin nett, ich versuche es noch einmal, diesmal wechseln wir das Gebiet – reden wir von Computern.

    Nach Ihrer Logik ist das iPad eine billige Kopie des C64. Das stimmt zweifellos: der C64 war damals der erst massentaugliche Computer, er brachte ganz neue Kreise von Menschen mit Computern in Berührung. Genauso ist es heute mit dem iPad. Wenn man sich die Mühe machte und den damaligen Einführungspreis des C64 inflationsbereinigt mit dem des iPads vergliche, käme vielleicht heraus, dass der C64 damals teurer war. Insofern haben Sie absolut Recht: das iPad ist eine billige Kopie des C64.

    Nun gibt es Leute, die meinen, es gäbe dennoch einen gewaltigen Unterschied zwischen beiden Geräten. Zu denen gehöre ich. Ich gehöre allerdings nicht zu den Leuten, die den C64 für einen Haufen Schrott und das iPad für das Maß aller Dinge halten. Der C64 war für seine Zeit eine Revolution, das iPad könnte für seine Zeit ebenso eine werden, das muss sich noch zeigen. Es schmälert den Stellenwert des C64 keineswegs, dass er heute nicht mehr gebaut werden, im Gegenteil. Es gibt genug Liebhaber dieses Modells, und manche von ihnen haben für das iPad nicht viel übrig ab. Zu denen gehören Sie. Andere wiederum wissen, dass Tradition etwas Lebendiges ist, und kämen gar nicht erst auf die Idee, das Neue gegen das Alte auszuspielen, oder umgekehrt. Zu denen gehört – na, wer wohl?

    Ich hoffe, das hilft Ihnen weiter, und falls nicht: Machen Sie sich nichts draus.

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 23:32

    @ R.Q. Ihr Kommentar vom 3.

    Ich antworte Ihnen, weil ich den Eindruck habe, dass es Ihnen um etwas geht.
    Aber um was geht es Ihnen?
    Sie arbeiten mit dem Begriff der Ungleichzeitigkeit oder zumindest scheint es mir so. Von Bloch bereits in den dreißiger Jahren zur Erklärung historisch-politischer Vorgänge eingeführt, gehört dieser Begriff längst zum Instrumentarium der heutigen Kulturwissenschaften (es ging Bloch noch um die Erklärung des mit den Mitteln herkömmlicher Geschichtsschreibung nicht zu verstehenden Hereinbrechens mittelalterlicher Brutalität ins 20. Jahrhundert [Hitler]). Ungleichzeitigkeit in seiner avanciertesten Bestimmung (und warum sollte man sich mit einer weniger anspruchsvollen zufrieden geben?) meint in Anlehnung an das monadologische Weltmodell des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz die Stellung einer individuellen Substanz zur ganzen Welt. Die singuläre Position im System der Welt, ihr „Gesichtspunkt“ (point de vue) gegenüber allen übrigen Weltpunkten ist aber gleichwohl immer auch Darstellung der Welt (repraesentatio mundi) – weil die Substanz als einmalige individuelle durch die besondere Weise der Kombination aller Beschränkungen ihre Beziehung zu anderen Substanzen ausdrückt. Leibniz hat diese Beziehung so formuliert: Jede Substanz ist ein Spiegel der ganzen Welt, aber jeweils aus der singulären Perspektive ihres Weltpunktes.

    Die jeweiligen Produktionsbedingungen von Literatur, ihre Gesichtspunkte, sind von daher eine vorausgesetzte und sehr neutrale Gegebenheit, mit der die Schriftsteller fertig werden müssen. Die Art und Weise, wie sie dies tun, ist das Kriterion für eine mögliche Kritik. Niemals kann und darf es darum gehen, diese Voraussetzungen selbst gegen die Produzierenden zu kehren.
    Neu würde ich die stark zunehmende Verzahnung der gegebenen Felder nennen. Die daraus sich ergebende Ambivalenz ist phänomenal und kaum erst erkannt.

    Gruß Avenarius

    Kommentar von Raymond Queneau
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 08:46

    @avenarius, bissel hypokritisch ihr einwand, bloch war nie eine große leuchte, leibnitz’ monadologie ein netter versuch, damals, nett, aber hier irrelevant in meinen Augen…Dass kein Ding einem anderen Ding exakt gleicht, übrigens auch nicht in der zeit, kann heute besser und eleganter erklärt werden..aber das war hier nicht thema, sondern thema war, dass bolano offenbar mehr pinselt als schreibt und mehr redet als er wirklich zu sagen hat.

    @krämer, leider, kann mich ihr vergleich nicht ganz überzeugen, oder so, wie sie ihn bringen. Sie unterstellen damit, dass – wenn ich einmal ihren vergleich trotzdem aufnehme – ein bolano eine höhere prozessorleistung oder integrationsdichte seiner Schaltkreise erreicht, gemessen an – ich sage jetzt mal: Queneau oder Joyce oder wer auch immer. Das bezweifle ich. Selbst wenn es so wäre, dann muss festgestellt werden, dass Bolanos Beobachtungsgabe, seine Differenzierungsfähigkeit und seine sprachlichen mittel weit weit zurückbleiben hinter dem ambitiösen “Bau” seiner texte. Dann wäre bolano ein ipad auf dem ich mir Bonanza anschaue, oder sagen wir eine griechische tragödie, die jemand mit einer videokamera in einem theater aufgenommen hat, das im Jahre 2010 eine Tragödie aufführt, wo ein moderner Regisseur mit Videoprojektionen arbeitet und seiner Sicht auf die Welt von vor 2000 Jahren darstellt, das kann seinen reiz haben für zwei Minuten, reicht mir aber nicht für 1000 Seiten. und funktioniert eben im wirklichen Kino oder im wirklichen Fernsehen oder im wirklichen Theater wieder viel besser.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 15:42

    Monsieur Queneau,
    ich erwarte, dass wir hier diesseits der Beleidigung bleiben. Als Administratorin dieses Blogs, musste ich Ihren Beitrag leider zensieren.
    AT

    Kommentar von Thorsten Krämer
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 17:36

    @Queneau:

    Ich gebe auf. Ich vertraue darauf, dass dieser Blog genug Lesende hat, die erkennen, dass Sie zweimal nicht verstanden habe, was ich geschrieben habe. Ein drittes Mal muss ich denen und mir das nicht antun.

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 19:22

    @ Q.

    Es ging um die Herkunft des Begiffes „Ungleichzeitigkeit“ und dessen weitere Verwendung. Es ging dann um die logische Funktion dieses Begiffes im System einer prima philosopia, namentlich der Monadologie. Diese wurde als Erklärungsmodell einer aufgeworfenen Problematik angeboten.

    Sie sagen nun, der große Leibniz sei aus Ihrer Sicht „ganz nett“, heute ginge das „besser“; Sie sagen sogar „eleganter“. Nun, Sie müssen ja heiße Eisen im Feuer haben.

    Dann kommt oberlehrerhaft „Thema verfehlt“! Woraus schließen Sie das?

    Welche implikativen Schlußfolgerungen ich hier mache müssen Sie schon mir überlassen.
    Sie können doch nicht im Ernst meinen, dass eine Handvoll vergessener Tauben für mich ein Thema ist.

    Wer hat Ihnen eigentlich den Floh vom unterbelichteten Bloch ins Ohr gesetzt?

    Gruß Avenarius

    Kommentar von Raymond Queneau
    Datum/Uhrzeit 6. August 2010 um 08:26

    @ avenarius, In Anwesenheit von Frauen, placiert es sich unvorteilhaft, ernsthaft in die Breite zu philosophieren, das sehen Sie sicher genau so, vielleicht später einmal, deshalb verabschiede ich mich zunächst mit der Bemerkung, dass es eher Wallace als Bolano war, den das Schicksal mit dem Schorf bedeckte, der im Aufkratzen Literatur produziert …und gebe ein abschließendes Kompliment an die Frau des Hauses, in dem sie auch hierin Blick bewiesen hat…
    Ladys…

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 6. August 2010 um 09:08

    @ Queneau
    In Anwesenheit von klugen Frauen geziemt sich so ziemlich alles.
    Aléa

    Kommentar von Melusine B
    Datum/Uhrzeit 6. August 2010 um 10:24

    @ Queneau
    Auch bei Abwesenheit von klugen Frauen kann nicht jeder – aus unterschiedlichen Gründen – philosophieren.

    Wie man philosophisch “in die Breite” geht, weiß ich nicht. Aber ansonsten sollte Mann es nicht – in Anwesenheit von Frauen (höchstens im Schulterbereich).

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 6. August 2010 um 13:58

    Liebe Melusine,
    die philosophische Schulterbreite: wenn sich mit Begriffen und Formulierungen Geld verdienen ließe, dann hätten Sie es verdient. Vielleicht können Sie sich das patentieren lassen. Irgendwo anmelden, dass es Ihnen keine und keiner mehr nehmen kann. Ein Copyright drauf legen, etwas in dieser Art. Geht natürlich alles nicht, weil das System Sprache das nicht hergibt. Aber die philosophische Schulterbreite ist dennoch sehr gelungen.
    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 8. August 2010 um 16:43

    @ Q

    …hic rhodus, hic salta!

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 12. August 2010 um 21:36

    Auch wenn die Kommentare von “Monsieur Queneau” mir nur auf die Nerven gegangen sind, erlaube ich mir einen Hinweis auf ein schön illustriertes Buch. Der verstorbene Autor kann ja schließlich nichts für den Gebrauch seines Namens als Pseudonym:

    http://www.buechergilde.de/archiv/projekte/gestalterpreis/2010/gestalterpreis2010.shtml

    Kommentar von bersarin
    Datum/Uhrzeit 12. August 2010 um 22:58

    @ Buecherblogger

    Das Buchdesign gefällt mir, die Gestalterin jedoch noch viel besser. Allerdings erinnert mich die Art zu zeichnen ein wenig an die Vian-Bände von Spiegelman (ein kleines bißchen zumindest). Trotzdem: es paßt diese Illustration ganz gut zu diesem witzigen und phantastischen Buch, auf das ich auch in meinem Blog einmal zu sprechen kam und welches ich jedem ans Herz lege.

    Ein Kommentar schreiben