Archiv vom 21.07.2010
21 Juli 2010
Die Liebe. Oder: An Palermo zweifeln
„Die Liebe besteht zu drei Vierteln aus Appetit“ Bei Giacomo Casanova heißt es: „Die Liebe besteht zu drei Vierteln aus Neugier.“
Hier findet sich das erste selbstgemachte Foto, mit meiner zarten Hände Arbeit. Ich habe es an den unteren Rand verbannt. Das Bild ist Kacke. Das ist nicht zu leugnen. Oder doch nur mit einem erheblichen theoretischen Aufwand, den ich derzeit nicht leisten kann. Es gab einmal Ansätze wie: Kunst ist Scheiße. Der Versuch also, Kunst aus den elitären Zirkeln der Ästhetik und Theorie und aus den gewohnten Wahrnehmungsmustern herauszulösen. Kunst ist Scheiße: dem kommt mein Bild ziemlich nahe. Fast neige ich zu der Annahme, dass es dem weit näher als nur nahe kommt. Mein erstes Bild: ein echter Volltreffer! Ich bin eine Naturbegabung im fotografieren. Das sieht man ja wohl auch sofort.
Es ist zum Heulen und je länger ich dieses Bild ansehe, desto schlimmer wird es. Es ist in Friedrichshain entstanden, ich kann da jetzt nicht noch einmal hinfahren. Und wer sagt mir, dass das zweite Bild nicht noch schlechter wird?
Zu Rettung meiner Ehre sei gesagt: Ich war in dem Moment, als das entstand, in einer ausgesprochen anspruchsvollen fotografischen Situation: die Kamera steckt in meinem Handy und da weiß ich schon nicht wie das richtig funktioniert; es war außerdem das erste Bild, das ich mit dem Ding gemacht habe, es war sogar das erste Bild meines Lebens, ich musste durch eine Scheibe hindurch fotografieren, und neben mir stand so ein Typ, der mich die ganze Zeit taxierte und mich angaffte; statt mir zur Hand zu gehen. Außerdem war die Luft verschmutzt!
Und schließlich und endlich, um der Angelegenheit die Krone aufzusetzen: als ich das Bild in die Kamera hinein gemacht habe – als ich es geschossen habe – war das auch noch besser. Der Versuch es dort wieder herauszubekommen – schon unter Zuhilfenahme eines USB Kabels und nicht etwa eines Schraubenziehers – hat es sich leider verschlechtert. Ich kann bedauerlicherweise nichts dafür, das ist Technik. Ohne diese Technik wäre das viel besser geworden, viel natürlicher.
Diese Bilder mögen bei den anderen vielleicht besser aussehen. also bei Frl. Zucker oder bei Aisthesis, bei Syra Stein oder im Hermetischen Cafe´. Das sieht dort vielleicht besser aus. Aber man muss sich doch fragen: ist es das auch? Nur weil diese Fotos besser aussehen, sind sie deswegen schon besser? Worin besteht denn die Qualität, die Güte, das Gutsein, von etwas? In diesem Fall von einem Foto.
Die Situation war genauso wie sie da auf meinem Bild zu erkennen ist. Das ist ein realistisches Foto, kein kunstvolles. Da wird nichts geschönt: kein Weichzeichner, wo die Situation hart war, keine Abenddämmerung wo es Mittag war. Das Bild gibt exakt das wieder, was in dem Moment die Wirklichkeit war. Ich schmücke mich ja nicht einmal jetzt mit Fähigkeiten, die ich nicht besitze.
Während ich so nachdenke – deswegen bin ich als Künstlerin besser denn als Wissenschaftlerin: ich schreibe erst und denke dann, Wissenschaftler machen es umgekehrt – fällt mir noch etwas anderes auf. Die Fotografie hat einen schwerwiegenden Nachteil: man muss sich am Ort des fotografierten Objektes befinden. Oder zumindest in der Nähe. Ich müsste, wenn ich ein Bild von Palermo machen wollte, durch halb Europa fahren. Was ist denn das bitteschön für eine primitive Kunst? Gibt es da nichts Moderneres? Diese physische und physikalische Nähe, die das Fotografieren notwendigerweise erfordert, das macht mich skeptisch. Ich bleibe lieber bei der Sprache. Da muss ich nicht nach Palermo, um „Palermo“ zu sagen. Wenn ich jetzt ein Bild von dieser Stadt einstellte, würden sich sicher viele fragen: ist das überhaupt Palermo? Die meisten waren wahrscheinlich noch nie dort. Die müssten dann erst einmal dahin, um das zu überprüfen und sich davon zu überzeugen, dass das auch wirklich Palermo ist. Also muss erst ich dahin und dann müssen die Zweifler und Skeptiker hinterher.
Ich bleibe bei der Sprache. Ich sage einfach „Palermo“ und ich nehme an, dass hier weit und breit keiner ist, der daran zweifelt.
Thema Der Sache nach | Eintrag von Aléa Torik | um 17:42 eingtragen | Kommentare: 9 | Kommentieren












