Archiv vom 18.07.2010
18 Juli 2010
Ich bin die Maga
Meinen letzten Beitrag noch einmal aufnehmend, und diese Idee, dass es eine Auszeichnung ist, wenn man Vorbild für eine fiktive Figur war oder wenn man mit den Worten eines Schriftstellers gemeint ist; diese Idee noch einmal aufnehmend, als Guido Rohm mir schrieb, dass er sich in der Figur des Tonsetzers Adrian Leverkühn zu erkennen meint. Nein, nicht zu erkennen meint, dass er vielmehr sicher sei, dass Thomas Mann ihn mit der Figur des Leverkühn gemeint hatte. Dass er, also Mann, ihn, Rohm, im Auge hatte, als er, Mann, diese Figur, Leverkühn, konzipierte und er, Rohm, also die Verkörperung dieser Figur sei.
Julio Cortázar meinte mich, als er in seinem Roman „Rayuela“ von der Maga sprach. So wie die Maga geht, manchmal auch so wie sie sich verhält: Cortázar meinte mich. Ich würde hier allen Krempel stehen und liegen lassen und heute noch nach Paris fahren und heute Abend stünde ich vor seiner Türe und würde sagen: Ich bin‘s, die Maga. Wahrscheinlich müsste ich ihm das gar nicht sagen und er würde es sofort erkennen. Ich bin diejenige, die von Horatio Oliveira geliebt und gesucht wurde, deren Sohn Rocamadour in der Seine ertrunken ist und die daraufhin irgendwo in Paris verschwand, die genauso unterging wie ihr geliebtes Kind.
„O Maga! Ohrenbetäubendes Schweigen entstand blitzartig um jede Frau, die dir ähnlich sah, eine geäderte und kristallinische Pause, die schließlich traurig zusammenfiel wie ein nasser Regenschirm, der geschlossen wird. Ausgerechnet ein Regenschirm. Du würdest vielleicht, Maga, an den alten Regenschirm denken, den wir in einer Schlucht im Park Montsouris opferten, an einem eisigen Märznachmittag. Wir warfen ihn hinab, weil du ihm auf der Place de la Concorde begegnet warst, er war schon ein wenig kaputt, du hattest ihn viel benutzt, vor allem um ihn den Leute in der Metro und in den Autobussen in den Rücken zu stoßen, ungeschickt stets und zerstreut und in Wolkenkuckucksheime vertieft oder in den Anblick zweier Fliegen an der Decke des Wagens, die ein Muster bildeten. An jenem Nachmittag fiel ein Platzregen, und als wir den Park betraten, wolltest du stolz deinen Regen schirm aufspannen, und in deiner Hand entstand eine Katastrophe aus kalten Blitzen und schwarzen Wolken, Stofffetzen, die zu Boden fielen unterm Geknall ausgerenkter Stäbe, und wir lachten wie verrückt, während wir bis auf die Haut nass wurden. Wir meinten, ein Regenschirm, den man auf einem Platz gefunden hatte, solle würdig in einem Park sterben, er dürfe nicht eingehen in den unedlen Kreislauf der Mülltonne oder des Rinnsteins; also rollte ich ihn so gut wie möglich zusammen und wir trugen ihn auf die höchste Anhöhe des Parks nahe der kleinen Brücke über der Eisenbahnlinie, und mit aller Kraft warf ich ihn von da in die Tiefe, auf das nasse Gras der Schlucht, während du einen Schrei ausstießest, in welchem ich undeutlich die Verwünschung einer Walküre zu erkennen glaubte.“
Ich erinnere mich daran. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen. Und nicht in irgendeiner mythischen Zeit, lange vor meiner Geburt. Ich erinnere mich an diesen Regenschirm, ja, Horatio, ich war in Gedanken, ich war viel in Gedanken damals, wie man das so nennt. Ich ging verschiedene Wege zur selben Zeit. Meine Erinnerung ging den einen, meine Hoffnungen einen anderen Weg. Wie das so ist, wenn man sich nicht wenigstens dann und wann wieder zusammenfindet, man verliert einander aus den Augen. Eine burgunderfarbene Pinasse, Horatio, und warum sind wir nicht mit ihr auf und davon, als noch Zeit war!? Ich habe mich wohl ein wenig verirrt, in den Straßen von Paris oder zwischen all den Postkarten in unser beider Wohnungen, man verirrt sich so leicht und ich weiß, wir haben uns irgendwann verloren, in dem Gewirr der Straßen, der Bilder und der Geräusche, der vielen Ideen, die man im Laufe des Tages so hat und wieder vergisst. Am nächsten Tag hat man sie erneut und weiß nicht, ob es noch dieselben sind. Horatio, du verstehst mich. Eines Tages werde ich vor deiner Türe stehen, ich werde klingen, du öffnest, und dann entsteht blitzartig ohrenbetäubendes Schweigen, eine geäderte und kristallinische Pause, in der wir uns ansehen, in der die vergangene Zeit für einen Moment wieder auflebt, als wäre Rocamadour damals nicht ertrunken und wir, du und ich, hätten einander nicht aus den Augen verloren. Eines Tages werde ich an deiner Türe stehen.
Eines Tages werde ich an der Türe von Julio Cortázar stehen, eine Etage über oder unter der Maga, in einem Haus in der Rue du Cherche-Midi oder am Boul Mich‘, am selben Tag, wir klingeln im selben Moment, wir hören die Schritte zur gleichen Zeit in den beiden übereinander liegenden Wohnungen, die beiden Türen gehen zur gleichen Zeit auf und die beiden Männer …
Wir sind es, die gemeint sind. Wir sind Teil dieser Literatur.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 23:30 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren











