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  • 14 Juli 2010

    Lieber NO

    08:00 Uhr: Ich habe mein Studium hingeschmissen. Das wollte ich Ihnen sagen. Allerdings nur für heute. Morgen werde ich das Hingeworfene wieder aufheben. Heute früh fühlte ich mich platt und ausgelaugt, sodass ich lieber im Bett geblieben bin. Der gestrige Tag war zähflüssig, anstrengend, wenig produktiv und die Nacht unruhig. Heute mache ich mal etwas anderes und morgen mache ich wieder dasselbe wie immer. Ich nehme mir einen freien Tag. Ich mach einfach eine Pause. Ich frühstücke, ich kaufe eine Zeitung und dann werde ich sehen, was ich mache. So ganz frei, also frei von allem, das geht ja auch nicht. Jetzt fragen Sie sich natürlich: warum erzählst die mir das? Antwort: Nur so.

    10:00 Uhr: Ich gehe ins Internet, keine Mails, keine neuen Kommentare auf der Webseite. Ich muss allerdings noch NOs letzten Kommentar beantworten.

    Lieber NO,
    ich muss vorsichtig mit Ihnen umgehen. Sie springen auf meine schönen Witze nicht richtig an, vielmehr gar nicht. Ich habe dabei im Auge, dass ich Ihnen anbot, während meines Urlaubs in Siebenbürgen das Blog hier zu befüllen. Ich fand die Idee nicht schlecht, Sie könnten eine kleine Serie über Gesine Cressphal beginnen. Da Sie darauf nicht reagieren, muss ich mir etwas anderes überlegen. Wahrscheinlich werde ich in der Zeit meiner Abwesenheit von Berlin einige Beiträge aus der Konserve anbieten. Alle paar Tage werde ich dann in Hermannstadt ins Internetcafe gehen und mir anschauen, ob sich etwas tut. Dazu mache ich noch eine klare Aussage. Ich werde dann auch, kurz vor dem Urlaub, meine Leseliste bekanntgeben. Die ist leider absurd, absurd lang, das kann ich nicht alles lesen. Ich kann‘s nicht einmal tragen, ich muss ja mit dem Zug nach Rumänien fahren, aufgrund meiner ausgeprägten Flugangst. Auf dieser Liste steht übrigens auch Dieter Forte, Ihre Empfehlung.

    10.30 Uhr: Ich muss das Blog mit einem neuen Text füttern. Heute. Dieses ewighungrige Monster braucht etwas zu fressen. Aber ich habe nichts. Alle Taschen leer, kein Zucker, keine Möhre. Mir fällt auch nicht ein, wo ich etwas her bekommen könnte. Ich habe ein Worddokument auf dem Rechner, in dem sich alle meine Artikel befinden, alle vergangenen und die Entwürfe und Ideen zu kommenden. Nichts davon, von den Ideen, lässt sich jetzt auf die Schnelle zu einem Beitrag umgestalten. Da stehen lauter wunderbare Ideen, aber leider vollkommen unbrauchbar was ihre praktische Verwertung, was ihr monetäres und fiskalisches Gewicht betrifft.

    11.30 Uhr: Ich habe mit einer Freundin in Bukarest geskypt. Es ging in dem Gespräch um Klatsch und um Micaleas Eltern, die sich nicht so verhalten wie deren Tochter das erwartet. Auf eine Idee zu einem Eintrag hat mich das Gespräch nicht gebracht. Vielleicht hat sie bemerkt, dass ich vor allem auf eine Idee gelauert habe und sie hat mir das vorenthalten, aus Gehässigkeit. Micalea will mir Böses. Ich hab‘s immer geahnt, die kann mich nicht ausstehen. Ich könnte jetzt alle anrufen, die ich kenne und hoffen, dass ich während der Gespräche eine Idee bekomme. Möglicherweise können mich alle anderen auch nicht ausstehen. Das wäre eine Idee, aber teuer bezahlt, unabsehbar, was die Folgen angeht.

    12:00 Uhr: Duschen, Spülen, Putzen. Bücher zusammenlegen, die ich zurückgeben muss. Eine private Mail beantworten. Vor die Türe gegangen und ein Eis gekauft, Eis gegessen, keine Idee gehabt. Im Internet gewesen, hier, und da und hier und da noch etwas kommentiert. Also mehr als ich normalerweise mache. Ich habe einen Kommentar von NO freigeschaltet, der aber Mowgli, also ANH galt.

    Lieber NO,
    jetzt kommt der ANH nicht nur mit seinen Frauengeschichten durcheinander, sondern auch noch mit ausgesuchten männlichen Einzelpersonen. Bei Frauen ist das ja kein Wunder, wenn man da schon mal durcheinander kommt. Die sehen ja alle mehr oder weniger gleich aus, oben ein Kopf, in der Mitte die Geschlechtsteile und unten die Füße. Das ist eine gewisse Variabilität und Gleichgültigkeit, also gleiche Gültigkeit, ja noch verzeihlich; aber mit Männern durcheinander zu kommen, das ist schon stark. Männer sind ja alle bis zur Unkenntlichkeit individuell. Die können gleich heißen, gleich aussehen, gleich sein: und dennoch sind sie in Wirklichkeit vollkommen unterschiedlich. Da ist nicht einer wie der andere!

    Sie beklagen sich, dass ich für Sie nur virtuell bin. Sie sind offenbar, wie die übrigens meisten Deutschen, nicht sonderlich bewandert in der Kunst der indirekten Verabredung. Ich hatte Ihnen das großzügige Angebot gemacht, meinem Roman zu schicken, das erste Kapitel oder das zehnte oder auch das Ganze. Sie sind der erste Mensch außerhalb des Verlagswesens, dem ich das anbiete, aber Sie haben nicht reagiert. Und da dachte ich natürlich, dass Sie nicht reagieren, weil Sie danach nicht mit mir zusammen bei einem Glas Wein sitzen wollen, um mir ihre Meinung zu dem Text auf die Nase zu binden. Oder Ihre Meinung zu irgendetwas anderem. Also habe ich das Thema nicht mehr angesprochen.

    15:00 Uhr: Gelesen, Bolaño, eine gute Idee zu dem Text notiert, das hat mehr als eine Stunde gedauert. Eine Stunde für einen kleinen Absatz von fünf Zeilen! Mein Leben zerrinnt mir zwischen den Fingern. Der Artikel zu Bolaños wilden Detektiven steht hier frühestens Ende des Monats. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich todmüde und schlafe nach zwei Seiten ein. Ich muss das Buch aber noch ein zweites Mal lesen, weil ich beim ersten Lesen meist nicht mitschneide, worum es  geht. Danach muss ich es ja auch noch schreiben. Der Artikel steht hier womöglich erst Ende des Jahres.

    16.30 Uhr: Noch immer keine Idee zu einem Blogbeitrag. Vielleicht stimmt etwas mit meinem Kopf nicht. Ich habe Kopfschmerzen vom Nachdenken. Ich habe vielleicht einen Tumor, deswegen fällt mir nichts ein. Der hat mein kreatives Zentrum befallen. Ich könnte zum Arzt gehen und dort im Wartezimmer die anderen Patientinnen belauschen, vielleicht bringt mich das auf eine Idee. Aber womöglich sitzen die auch alle bloß da, weil sie ein Blog haben, Ihnen nichts einfällt, außer dieser Tumoridee und sich dann ins Wartezimmer setzen, um die anderen zu belauschen. Ich hätte jetzt eine Idee um die sogenannte „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen einzudämmen. Mit dem Blog bin ich immer noch nicht weiter. Ich könnte etwas zu dem Wort „Kostenexplosion“ formulieren. Aber das Wort gefällt mir nicht.

    Das kann doch alles nicht wahr sein! Normalerweise ziehen Myriaden von Worten durch meinen Kopf, ich komme manchmal nicht dazu, sie aufzuschreiben, und wenn ich in der Bibliothek in die Pause gehe, dann nehme ich inzwischen schon einen Block und einen Kugelschreiber mit, weil ich sonst sowieso wieder nach oben renne, hundert Stufen hoch und wieder runter. Ich kann mich manchmal vor Worten nicht retten: und heute ist nicht eines dabei- nicht eins – aus dem sich etwas machen ließe. Deutsch: Scheißsprache.

    18:00 Uhr: Eine Stunde geschlafen. Seit ich einen festen Termin für meinen Urlaub habe, stelle ich fest wie müde ich bin. Seit dem Tag fällt mir alles viel schwerer. Im vergangenen Jahr war ich nur einmal für drei Tage an der Ostsee. Ich freue mich auf den Aufenthalt in Rumänien und worauf ich mich vor allem freue, mehr als auf die Eltern und die Großeltern, mehr als auf die Freunde und aufs Auspannen, auf das Liegen und Sitzen und wilde und ungezügelte Herumhocken, auf das Kaffeetrinken am Nachmittgag, mehr als auf das Essen und auf rumänische Worte, nur rumänische Worte können rumänische Verhältnisse wiedergeben; mehr als auf das Lesen, mehr als auf alles andere, freue ich mich auf die Farbe Grün, auf das in tausend Variationen vorkommende Grün, die Hecken und Bäume und Blumen und Wälder, auf das nahe Grün und das weit entfernte, auf das blättrige, das strukturierte und das glatte Grün. Ich freue mich darauf, das Grün zu riechen.

    Draußen spielt jemand Klavier. Also er spielt wahrscheinlich drinnen. Aber die Töne sind draußen. Auch das ist nicht richtig, ich bin ja ebenfalls drinnen, also kommen sie zu mir herein. Auch das wird sich nicht ausweiten lassen.

    Ich muss einen Beitrag hier einstellen, aber mir fällt nichts ein. Absolut nichts. An dem Punkt war ich heute schon mal. Es steht so schlimm um mich, dass ich mir ernsthaft überlege, als Überschrift gerade diesen einen Satz zu nehmen „Mir fällt nichts ein“ und als Text dann: „Absolut nichts“.

    Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich könnte ins Schwimmbad gehen. Vielleicht lerne ich da einen hübschen Kerl kennen. So ein Mannsbild in enger Badehose mit einem knackigen Hintern, der sich neben mir aufbaut, mich verhalten gierig anschaut, die Sonnenbrille abnimmt und dann, wobei er sich die Lippen leckt, und mit schöner, männlicher Stimme sagt: „Du bist nicht zufällig auf der Suche nach einem Blogeintrag für heute? Ich hätte nämlich eine Idee, was wir da machen könnten.“ Und dann rückt dieser Kerl doch mit einer astreinen Vorlage heraus!

    Gott, wie tief werde ich im Laufe des Abends noch sinken, um einen Beitrag zusammen zu kratzen?

    19:00 Uhr: Ich treffe mich mit einer Freundin. Ich muss auf andere Gedanken kommen. Sonst drehe ich durch. Ich drehe sowieso durch, aber ich brauche dabei eine Betreuung. Pflegestufe vier.

    19:30 Uhr: Ich bin nicht hingegangen.

    Lieber NO,
    mir geht Ihre Frage im Kopf herum – nicht aktiv, sondern passiv abwartend: nicht ich schiebe sie hin und her, sondern sie bewegt sich von alleine – , inwieweit man die schriftstellerischen Qualitäten eines Textes beschreiben kann, ohne das Instrumentarium der Literaturwissenschaft bemühen zu müssen. Ich weiß nicht einmal, wonach ich da suchen sollte, nach einem Bild oder einem Vergleich. Diese Qualitäten liegen für jeden woanders. Der eine will sich gut unterhalten wissen und der andere empfindet Unterhaltung gerade als den Gegensatz von Qualität.

    21.00 Uhr: Ich habe noch drei Stunden. Das kann nicht sein, dass ich so lange brauche, um einen Eintrag hier zusammenzubringen. Das kann doch alles nicht sein.

    Und was nicht sein kann, das ist auch nicht: Ich hab‘s!

    23.55 Uhr: Ziel erreicht. Der Eintrag steht in einer Minute drin. Himmel, war das knapp. Ich freue mich aufs Bett und vor allem auf einen normalen Tagesablauf morgen in der Bibliothek. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt als einen freien Tag. Das mache ich nie wieder!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 00:54

    Liebe Aléa!

    Das nenne ich einen Eintrag! Der Herr NO, der muss sich ja wie Tarzan auf die Brust schlagen, so geehrt darf der sich fühlen (hat er sich aber auch verdient, da er ein so großartiger Leser ist). Und ich unterstütze hiermit ausdrücklich den Wunsch, er möge eine “kleine Serie” (nur nicht zu bescheiden sein) über Gesine Cresspahl schreiben.

    Der Reiz Ihres heutigen Eintrages liegt besonders darin, dass er die geneigte Leserin geradezu zum Nachfragen herausfordert. Die Sache mit der “Kostenexplosion” – liebe Aléa, Sie schulden es der Sozialgemeinschaft Ihre Idee hier nicht hinterm Berg bzw. “hinter den Bergen in Siebenbürgen” zu lassen oder dahin zu entführen, ohne uns aufzuklären.

    Weniger offensichtlich ist ein anderer Anknüpfungspunkt, der wahrscheinlich nur mir ein- bzw. auffällt. Ich gehe auch gerne schwimmen, nicht nur aber auch, um (junge, ah, das ist relativ) Männer in (nicht zu) engen Badehosen mit knackigem Hintern anzugucken. Jetzt kommt aber das Problem: Ich bin aufgewachsen als Tom Selleck optisch das Ideal war (also unterhalb des Kinns), d.h.: Brustbehaarung. Das sieht man jetzt gar nicht mehr. Können Sie mir das erklären? Gefällt das Euch jungen Frauen nicht mehr? (Ich nehme Sie nicht auf die Schippe, die Frage beschäftigt mich wirklich).

    Außerdem: Über Texte schreiben ohne literaturwissenschaftliches Instrumentarium (?), darüber müsste ich auch mal gründlicher nachdenken.

    Jedenfalls – ein sehr anregender Beitrag.
    (Der Herr NO steht jetzt ganz schön unter Druck.)

    Herzliche Grüße von einer schlaflosen Melusine

    Kommentar von Marus
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 12:43

    Während des Studiums habe ich, ausser den obligatorischen Semesterarbeiten, auf Papier kaum etwas zustande gebracht. Der tägliche Umgang mit den Meistern (Heine, vor allem Heine!) hatte mich eingeschüchtert.
    Als es mich dann in die Versicherungsbranche verschlug, musste ich dann aber einen Weg finden, meine Seele zu retten.
    Worauf ich eigentlich hinauswill: Am besten schreibt man über Texte, indem man sie in einer eigenen Erzählung aufgreift, variiert, weitererzählt. Früher oder später, vorausgesetzt sie haben in Ihnen einen Eindruck hinterlassen, werden sie ohnehin in Ihr Schreiben einfliessen. Und wenn Sie’s geschickt anstellen, können Sie dabei auch auf literaturwissenschaftliches Instrumentarium zurückgreifen.

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 13:12

    Liebe Aléa,

    was für ein Eintrag, gestern, am historischen Tag des Sturms auf die Bastille!

    Wer weiß, was passiert wäre, wenn Du wirklich ins Schwimmbad gegangen… und Du eines jener seltenen männlichen Wesen entdeckt und gestürmt…

    Allerdings, wahrscheinlicher ist: Du wärst zuerst ge- und dann enttäuscht worden, wenn Du wirklich in eines der vielen überfüllten Freibäder gegangen: Lärmende, Kopf über ins Nass springende Schrazen im Schwimmerbecken, die das Bahnen ziehen mit weit ausholenden Kraulbewegungen einschränken; Knoblauch ausdünstende Best Agers; Les Belles, die mit hoch erhobenen und weit gestrecktem Kopf Brust formende Schwimmbewegungen vollführen (oder was sie dafür halten), sehr darauf bedacht, die geschminkte Maske nicht zu bespritzen; am Beckenrand sitzende sogenannte Beau(s) mit Sonnenbank gebräunten Körpern, die abwechselnd den einen oder anderen Zeh zum Kühlen ins Wasser tauchen; SchülerInnen-Grüppchen, die an der Längsseite des Beckens miteinander schäkern und sich über Hitzefrei oder Schulferien so sehr freuen, dass sie sich gegenseitig ins Wasser stoßen – zur Freude aller Wassernixen, die gerade vorbei schwimmen; Bademeister, die vergeblich versuchen, am Beckenrand Verunreinigungen absaugen zu wollen, weil der Schlauch immer weg und den Wasserraten ins Gesicht hüpft; Bauhof-Gärtner, die zu mittäglicher Stunde allen Badegästen auf die Nerven gehen, weil sie nun gerade heute, an Deinem freien Tag, an dem Du Dich endlich mal im Schwimmbad aalen und auf Männerschau gehen wolltest, die Hecken rund um die Becken mit ihren Stihl-Sägen bearbeiten und immer gerade da auftauchen, wo Du gerade hingehst….

    Dann lieber doch zuhause mit Hypnoseblick den Bildschirm anstarren und zwanzig Mal vergeblich die leere Mailbox auf- und zu klicken…
    Apropos: eigentlich sollte eine laaange E-Mail von mir (gesandt schon Montagnacht) in Deiner mailbox liegen! Ist sie nicht angekommen („grrmmmbll“ – dann müßte ich mal ein ernstes Wort mit meinem Provider sprechen…..)!?

    Jedenfalls bin ich überzeugt, dass Dein Blog, dieses immer nach Wörtern hungrige und nach Geschichten gierige Wesen, nun sicher den einen oder anderen interessanten Kommentarbeitrag als Extra-Leckerli bekommt.

    Mit Sommer leichten Grüßen aus einem heute – endlich – kühleren Süden (es gab in den Morgenstunden erfrischenden Regen, ohne Sturm und Gewitter, das lässt den Tag heute gut aushalten)
    herzlichst Teresa

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 13:16

    P.S.:
    Aléa, ich habe eben meine Mailbox gecheckt, meine E-mail an Dich wurde versandt. Habe sie Dir eben nochmals zugeleitet.
    Kann es sein, dass vielleicht Deine mailbox zu voll mit (alten, bereits gelesenen) E-mails ist und die Webspace, die Du hast, ausgereizt ist? (Das Problem hatte ich neulich, dann musste ich alte E-mails löschen und kurz darauf bevölkerten Dutzende neuer E-mails meine Box.
    Neugierig fragt Teresa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 22:56

    Liebe Melusine,

    Tom Selleck? Da musste ich googlen. Der war modern? Dieser Mann ist nicht mein Fall, ich käme gar nicht in die Verlegenheit, ihm irgendwo andershin zu schauen, weil mir sein Gesicht nicht gefällt. Wäre ich dem im Schwimmbad begegnet, hätte ich ihn sicher nicht angeschaut. Was Haare betrifft: die brauche ich nicht unbedingt, aber wenn einer welche hat, dann hat er sie eben. Ich glaube, modern ist es nicht. Modern ist es vielmehr im Intimbereich keine zu haben. Ich finde einen Bart über der Lippe nicht so schön, aber manche junge Männer mit Vollbart sind ganz attraktiv. Das trägt man hier offenbar. In Bukarest habe ich das nie gesehen, oder nur bei älteren Männern, also jenseits der sechzig. Und dann hatte das auch immer etwas ultra-orthodoxes. Vielleicht habe ich auch nicht darauf geachtet.

    Ob Haare oder nicht, es kommt auf den Menschen an. Ich verliebe mich nicht in Typen (als Gattung), sondern in Typen (als Individuum). Ich habe einen Freund in Bukarest, der kann blonde Frauen nicht leiden, der kann Amerikaner nicht leiden und der kann es ebenfalls nicht leiden, wenn jemand in seiner Nähe raucht, wenn jemand im Umkreis von zehn Kilometern raucht: und ist er mit einer blonden, kettenrauchenden Amerikanerin zusammen, seit zwei Jahren (da ist mir die rumänische Grammatik dazwischengekommen). Er ist so glücklich wie noch nie im Leben (hier wieder die deutsche Grammatik).

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 22:56

    Lieber Markus,

    erst einmal: Willkommen!

    Ja, Texte, die gefallen, üben einen Einfluss auf den Leser aus. Das merkt man manchmal gar nicht. Allerdings empfinde ich die klassische literaturwissenschaftliche Textanalyse selbst für ein literarisches Weblog ungeeignet. Die Leser eines Blogs wollen ja unterhalten werden: das kann man natürlich auch einigermaßen intelligent machen, was ich, auch wenn es nicht per se gelingt, auch versuche. Wenn ich etwas zu einem Buch formuliere, ist da natürlich, auch wenn ich es nicht unbedingt benenne, etwas vom literaturwissenschaftlichen Apparat dabei.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 22:57

    Liebe Teresa,

    vielen Dank für deine interessante Betrachtung zum Schwimmbad, ich kenne hier ein paar Freibäder, die sind ungefähr so, wie du das beschreibst. Aber ich mag es eigentlich sehr gerne, schwimmen zu gehen, vor allem im Freibad. Es gibt hier ausgesprochen wenig Natur – finde ich – und wenn ich unter freiem Himmel schwimme, dann habe ich ein bisschen das Gefühl das sei Natur. Obwohl das Unsinn ist, wenn ich über Asphalt laufe, habe ich ja auch einen freien Himmel über mir, empfinde das aber nicht als Naturerlebnis.

    Ich habe deine Mail am Montag bekommen, sie aber noch nicht beantwortet, weil ich mir dein Blog noch nicht anschauen konnte. Und das wollte ich erst tun, bevor ich zurückschreibe. Wenn du die Adresse deines Blogs im Feld „URL“ eingibst, dann erscheint sie auch hier sichtbar, also als Link. Aber das weißt du sicher?! Ich schaue mir dein Projekt an, am Wochenende, und dann melde ich mich bei dir.

    Aléa

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 15. Juli 2010 um 23:20

    Liebe Aléa!

    Nur ganz kurz wegen Tom Selleck – er diente mir nur als Beispiel dafür, dass vor 20 Jahren (als ich jung war) eine behaarte Männerbrust als erotisch galt (ansonsten ist er auch nicht “mein Fall”). Jetzt gehe ich zum See (nicht ins Schwimmbad!) und sehe lauter erwachsene Männer mit unbehaarter Brust, wie kleine Jungs. Das verstört mich. Ganz ohne Jux. Deshalb habe ich nachgefragt.

    Man könnte eine kleine Kulturgeschichte der Körperbehaarung daraus machen – oder auch nicht. Ach, ich weiß nicht – was für verrückte Sachen einen (d.h. mich) manchmal beschäftigen…

    Viele Grüße
    Melusine

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 16. Juli 2010 um 07:15

    Liebe Melusine,
    solche Wahrnehmungen ändern sich sicher, mal ist barocke Fleischfülle in, mal Haut und Knochen. Aber hat das einen Einfluss auf die Biologie? Ob Haare auf der Brust oder große Brüste und dicke Hintern: das ist doch zu einem großen Teil genetische Veranlagung. Wo bleiben denn in den dürren Zeiten die Dicken und in den haarlosen die behaarten? Ich glaube, das ist stark abhängig von unseren Wahrnehmungen.
    Man sieht natürlich heute dauernd Models, weil die Wahrnehmung darauf ausgerichtet wird. Diese ganzen blödsinnigen Model-Carstings, Sie müssten mal Olga zu dem Thema hören! Ich bekomme da ja einiges mit, weil ich mit einer Vertreterin dieser Gattung zusammenlebe und auch dauernd Fotos sehe und mit auswählen muss, welche in die nächste Bewerbungsmappe kommen. Aber die Anzahl der Frauen, die dem nicht entsprechen, ist wahrscheinlich so hoch wie eh und je.
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 16. Juli 2010 um 09:42

    Meine liebe AT,

    es gibt in „The Tunnel“ ein Kapitel, das heißt „Do Rivers“.

    Es heißt so, weil der Protagonist die großen Flüsse dieser Erde m a c h t. Er malt sie nämlich. Mit dem rechten Zeigefinger. Den Rücken einer Halbschlafenden hinunter in geschwungenen langen Schlangenlinien.

    Dort wohl steht:

    „Apples, like worn hearts, litter the ground.“

    Vielleicht noch einige aufheben können, das ist die Frage.

    Herzliche Grüße

    Ihr NO

    Kommentar von Markus
    Datum/Uhrzeit 16. Juli 2010 um 10:07

    @Aléa:
    Ich bin der Überzeugung, dass das Weblog in erster Linie den Betreiber selbst unterhalten und ihm Spass machen muss (es gibt auf dieser brasilianischen Tastatur leider kein szett, deshalb schreibe ich stur wie ein Schweizer). Mir selber gefallen Blogs, auf denen auch mal so geschrieben wird, dass ich beim Lesen ein bisschen nachdenken muss. Ich find’s toll, wenn ich nebenbei auch etwas über wissenschaftliche Methoden und/oder Modelle lernen kann. Sollten Sie also mal mit ein paar Brocken Literaturwissenschaft um sich werfen, ist’s gut möglich, dass der eine oder andere Leser in die Diskussion einsteigt und eine kleine akademische Session entsteht. Weshalb denn nicht?

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 16. Juli 2010 um 13:46

    Rumänien Mon Amour

    Liebe Aléa Torik!

    Nun reisen Sie also bald oder sind schon unterwegs. Mit dem Zug. Sie fahren auf 3 Wochen. Zauberhaft! Auch der letzte Hans, der mir (literarisch) begegnete, Deters nämlich, fuhr ja mit dem Zug ins „Blau“. So ähnlich bin auch ich zum ersten Mal auf Rumänien getroffen, 1989 wohl: Ich reiste mit dem Zug zu einem Wiener Freund. Debütantinnenball. Reiste ich über Nacht? Ich erinnere nur noch, es war durchweg leer und still geworden und halb dunkel im Zug. Ein Mädchen war da auf dem Gang. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte, sie reise nach Hause. Nach Bukarest. Sie hatte Angst vor der Securitate, aber sie wollte nach dem Rechten sehen, bei Freunden, um die sie sich Sorgen machte, weil im Zuge des Umsturzes sie länger nichts gehört hatte von denen.

    Rumänien war mir damals so fern und dunkel wie jener Zuggang. Das Mädchen war verrückt! Rumänien war bestenfalls Transsylvanien, Dracula-Land, und so ähnlich hörten sich die Nachrichten damals auch an. Positives? Na ja, München 1972 war natürlich nicht vergessen, das hübsche Gesicht Rumäniens war mir damals Nadia Comaneci (aber in der Erinnerung verblasst selbst sie vor Olga Korbut). Ion Tiriac war nicht so mein Fall, allerdings heute, höre ich, finanziert er ein Krankenhaus in Bukarest. Aber die Schlachten von Ilie Nastase, die hatte ich natürlich begeistert mitverfolgt – und ich habe ihn auch einmal „in echt“ gesehen, in Hamburg, bei einem Turnier am Rothenbaum. Was für ein Typ!

    Insgesamt aber, und das mag nicht typisch sein für Rumänien oder auch für Rumäniendeutsche nicht, ist mein Eindruck, vor allem der Sprache wegen, aber auch das mag nicht typisch sein für Rumänen oder Rumäniendeutsche, von Rumänien, jdf. von rumänischem Background, geprägt von jemandem, der hart gearbeitet hat, bis er da stand, wo er jetzt steht, seiner Musik wegen, und ich weiß, es wird ein bisschen peinlich jetzt, aber Walter Kempowski, der große Ästhet der Peinlichkeit, hat gelehrt, damit zu leben, und das ist Peter Maffay. Nicht unbedingt nun der Musik wegen. Eher für wie er singt, seine Sprache, ich könnte ihm stundenlang zuhören (wie ich auch Aléa-Torik-Texte lesen könnte), auch und gerade in Interviews. Aber er hat aber nicht vergessen und zahlt zurück. Ich kenne ihn nicht persönlich, also jdf. nicht von Nahmen, aber einer meiner engsten Freunde ist mit ihm befreundet. Dieser Freund von mir hat einen behinderten Sohn; der ist auch mein Freund, natürlich. Und Peter hat meinen kleinen Freund nach Mallorca geholt, wie viele andere Kinder auch. Es ist Tabaluga, dass ihn so groß macht.

    Später dann, das hatte ich Ihnen, liebe AT, ja schon an anderer Stelle erzählt, führten mich berufliche Gründe nach Rumänien. Jetzt reiste ich selber nach Bukarest mit einem deutschen und zwei rumänischen Kollegen; allerdings im Flugzeug. Das ist jetzt über 10 Jahre her, aber den Geschmack dieser feucht- heißen, dunklen, romgleichen Nächte und schwülen, übersonnenhellen Tage habe ich noch heute auf der Zunge und in den Augen wie Strandsand, und manche der schmalen, oft dunkel wirkenden, wendigen Gegenüber sehe ich immer noch schemenhaft vor mir, viele okay, manche zwielichtig, Hütchenspieler im Anzug, deren Stadt zu jener Zeit noch immer zu verwahrlost und zu wild, nicht wie Warschau, jene damals schon losgestürmte, vibrierende Metropole, auch roh und unfertig an vielen Stellen, aber konzentrierter, ernsthafter. In Bukarest dagegen quirlte südländisches Leben. Auf einer Autofahrt von Constantza zurück wurden am Wegesrand riesige, regenbogengroße Fische an Angelhaken hochgehalten zum Verkauf aus dem Kofferraum heraus, wo die – neben den Kaviarbüchsen – einfach so auf Eisblöcken lagen.

    Die Universität habe ich nicht gesehen. Dafür aber die 16-jährige, dunkelhaarige Studentin der Germanistik und Philosophie aus Hermannstadt, wie sie mit 2 kühlen Gläsern Chardonnay auf mich zukam, lächelte und sagte: „ Fremder …“ – oder nein, kann nicht sein. Taschenspielertricks? Die muss ja damals noch in Siebenbürgen gewesen sein. Dort war ich nicht, aber ich habe davon gehört später. Später, das war, glaube ich, in Prag, die Osteuropa-Gruppe tagte dort, und in einem Restaurant über dem Fluss setzte sich einer jener beiden rumänischen Kollegen zu mir und erzählte mir von seiner Heimat. Ein kleiner, knurriger Mann, der nicht zu Hause war und wohl auch nicht viel hielt von der Frankfurter Glitzerwelt, oder dem Show Off in London. Er träumte von „the green green gras of home“, wie Sie das, liebe Aléa, so unwiderstehlich in Buchstaben karamellisiert haben. Er ging viel in die Natur, machte endlos lange Wanderungen und campierte draußen. Er erzählte mir von Touren mit Zelt und Skiern in die Berge, von dunklen Wäldern und den Karparten, wo es noch Bären geben soll, und von dem Heulen der Wölfen, das er gehört hatte.

    Muss schön sein da.

    Kommen Sie trotzdem bald wieder!

    Herzlichst

    NO

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 16. Juli 2010 um 16:39

    Liebe Aléa,
    bei diesem Thema geht es m i r weniger um Moden oder Kritik an einer Mainstream-Wahrnehmung, die sich die Körper zurichtet, sondern um eine Verschiebung, eine Irritation im Begehren zwischen den Generationen.

    Schauen Sie: Haare auf einer Männerbrust sind für mich (und viele Frauen meines Alters) nicht bloß eine beliebig austauschbare Eigenschaft (wie z.B. eine bestimmte Haarfarbe), sondern auf sie (oder auch nur ihre Imagination) richtet sich das Begehren selbst: der Wunsch z.B., sie mit der Hand zu berühren. Dann stelle ich mir eine Romanfigur vor, eine Frau in meinem Alter, wie sie einem jüngeren Mann das Hemd öffnet und – erschrickt. Es wäre als habe sie ihr Begehren auf ein Kind gerichtet.

    Eine Verschiebung und Ent-Täuschung, die es sicher auch umgekehrt gibt (zwischen älteren Männern und jüngeren Frauen), aber davon weiß ich halt nichts. Ich überlege, wie sich das auswirkt, auf Liebe und Begehren, wenn der einen begehrenswert ist, was den anderen an sich selbst so stört, das er es entfernt.

    Sie merken vielleicht: Es interessiert mich, weil es einer Figur, die ich schreibe, zugestoßen ist. Und weil ich ihre Reaktion, die eindeutig war, verstehen will. (Auch fiktive Figuren haben ja ein Eigenleben.)

    Melusine

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 16. Juli 2010 um 22:37

    Liebe Aléa,
    wie ich´s dachte, Dein stürmender Blogeintrag nährt eine interessante Diskussion, auch wenn es derzeit weniger eine 1-2-many-, sondern eher eine 1-2-1-Diskussion ist….doch was nicht ist….

    Daher will ich ein paar Kommentar-Steine in dieses schöne Wörter-Bad, das Du uns bereitetest, werfen:
    @Naturerlebnis Schwimmbad:
    Gleiches empfinde ich, wenn ich im Freibad meine Bahnen ziehe, allerdings am liebsten gleich morgens, kaum, dass sie geöffnet haben, dann erspart es einem all die geschilderten Erlebnisse. Für mich ist es fast wie Urlaub vom Alltag, wenn ich am Ufer, wo einst Schiller in den Neckar stieg, in das dort idyllisch gelegene 25-Meter-Schwimmerbecken steige, das auf der einen Stirnseite von sicher 30-40 Jahre alten Laubbäumen gerahmt wird.
    Komme ich zu späterer vormittäglicher Stunde, dann sehe ich genau

    @jene rasierten Männerbodys, um die es in Deinem Gedankenaustausch mit MelusineB geht. Weil MelusineB Motive sucht: Vielleicht ist es weniger ein Phänomen, auch kein Mode-Trend, sondern mehr dem (all überall um sich greifenden) Jugend-Wahn geschuldet, dass sich zunehmend auch ältere Männer nicht nur die Brust, sondern auch die Beine (!) und sogar Arme (!!) kahl rasieren? Denn eines stimmt schon (aus eigener Vorher-Nachher-Betrachtung gewisser Test-Exemplare): Ein rasierter, aalglatter und braun gebrannter Männer-Körper wirkt ab einem gewissen Männer-Alter tatsächlich „jugendlicher“ als einer, der mit Urwaldhaaren übersät ist. Vor allem, wenn den Männerkörper eine kohlschwarze dichte Gorilla-Matte an Brust und Bauch, an den Schultern und auf dem Rücken zieren. Wobei ich nicht pauschalieren und alle über einen Kamm scheren will, weil es gewiss auch Frauen gibt, die das an einem älteren Mann sexy oder erotisch finden.

    Bei einem Aufenthalt am Schwarzen Meer in Constantia (damit kriege ich den Bogen zu NO und Deiner anstehenden Heimatreise) blieb mein Blick an einem rumänischen Männerbody hängen, vom Typ Telly Savalas („Kojak“ lässt grüßen). Er war wenigstens 70 Jahre alt war, sah jedoch wie „gefühlte“ 50 aus, dank seines gestählten Bodys (vermutlich Triathlet). Er genoss sichtlich die taxierenden Blicke der Frauen, die neidvollen der Männer während seiner 10-Minuten-Stretch-Übungen am Strand. Danach stieg er ins Wasser und schwamm ins weite Meer hinaus und davon.
    Und war nicht mehr gesehen… oder es fiel mir nicht mehr auf, wann er zurückkam, da wir eilig den Zug zu besteigen hatten, der uns in den nördlichsten Zipfel Rumäniens bringen sollte… am Donaudelta vorbei, Richtung Bacau, es ging über Dutzende von Eisenbrücken, in Sackbahnhöfe hinein und wieder heraus, entlang an sozialistisch anmutenden Wohnsilos, die sich mit endlosem Weideland abwechselten. Kleine Dörfer flitzten am Fenster vorbei, als wir im Morgengrauen den äußersten Nordosten durchfuhren. Wir staunten über die vielen Menschen, die morgens um 5 Uhr, mutterseelen allein unterwegs auf ihrem Kilometer langen Weg wohl ins nächste Dorf oder zur Arbeit waren. Mir kamen die Strecken bis zum nächsten Dorf manchmal wie 20, 30 Kilometer vor. Zwischen Iasi (über das i gehört ein Accent) und Suceava stiegen Kinder an der einen Station in den Zug, an der anderen wieder aus und boten dazwischen ihre Waren an: Kaffee, Äpfel, Buntstifte, Sandwiches. Wir kauften ein paar Äpfel, Kaffee trauten wir nicht. Der Zug war ein Abenteuer für sich: Auf dem Weg zur Toilette bestand höchste Verletzungsgefahr, sich an irgendwelchen abstehenden scharfen Blechkanten zu verletzten; die Toilettentür ließ sich nicht abschließen. Unter Lebensgefahr turnten wir in die Toilette hinein und heraus. Es bestand Lebensgefahr, da die Waggontür neben der Toilettentür kaputt war und sich nicht mehr schließen ließ, daher sperrangel weit aufstand.. Man musste also aufpassen, dass man nicht beim Verlassen der Toilette versehentlich aus dem Zug fiel….
    Nicht das einzige Abenteuer, das wir zu bestehen hatten, und dennoch möchte ich keinen einzigen Tag dieser Zugreise missen. Insofern bin ich schon gespannt, was Du auf Deiner 30-Stunden-Reise nach Siebenbürgen erleben wirst. Wirst Du quer durch Deutschland via Österreich, Ungarn nach Rumanien fahren? Oder durch halb Mitteleuropa via Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn?

    Vielleicht dürfen wir die Zugfahrt ja – selbst wenn rückwirkend eingestellt – nachlesen?

    Teresa
    P.S.: Danke für diesen Tipp mit der “Url”; kannte ich noch nicht, werde ich morgen mal ausprobieren.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. Juli 2010 um 16:27

    Lieber NO,

    Ich danke Ihnen sehr für Ihre kleine Erzählung von und über jenes Land, weit weg von hier, ob EU oder nicht, irgendwo in meiner Kindheit, manchmal dunkel verworren, wie ein Gang im Flur eines Zugs, man weiß nicht, in welche Richtung dieser Zug fährt, man lebt in diesem Zug, man weiß, er fährt vom Anfang zum Ende, man weiß auch, dass man losgefahren ist, irgendwann, und dass man eines Tages ankommt, den Tag kennt man nicht und ebenso wenig die Umstände, man kommt eben an, aber das allein ist ja noch keine Richtung, dieser Zug, der mal schneller und mal langsamer fährt und aus dem man nicht herauskommt, dem muss man eine Richtung geben, jeden Tag und immer wieder aufs Neue, man lernt Leute kennen, in dem Zug, die wieder aussteigen, weil sie in eine andere Richtung wollen als man selbst. Man sieht Leute von Weitem oder Nahem und weiß, dass man sie niemals kennen lernen wird, man sieht das Leben draußen auf dem Gang, draußen vor den Fenstern, und manchmal betritt jemand das eigene Abteil, manchmal setzt sich jemand neben einen, manchmal kommt man mit einem anderen ins Gespräch. Und manchmal fährt man einfach nur weiter. Man fährt vorüber. Man träumt von einer Notbremsung oder davon, dass es immer weiter geht und man niemals anhalten müsste. All das und noch viel mehr, werde ich erleben, wenn ich mit dem Zug fahre. Mit dem Flugzeug würde ich bloß abstürzen und ich habe, wie Sie ja sicher wissen, eine sehr lebhafte Phantasie. Ob ich in Wirklichkeit abstürze oder nicht: tot bin ich auf jeden Fall.

    Sie kennen ja mehr Rumänen als ich. Ich musste ja fast alles googlen: Rothenbaum?, Peter Maffay?, Tabaluga? Aber Ţiriac kannte ich, den kennt jeder in Rumänien. Das ist der reichste lebende Rumäne, der hat sogar eine eigene Bank, die UniCredit Ţiriac Bank. Vielleicht mache ich auch eine Bank auf, wenn alle anderen Pläne sich nicht verwirklichen lassen: Aleatorik, die Bank des Zufalls. Oder: Wir kultivieren den Zufall. Das ist doch ein guter Slogan. Und absolut ehrlich. Ich habe keine Ahnung von Geld, will heißen, ich weiß nicht, was man machen muss, damit es mehr wird. Aber ich brüste mich auch nicht damit, zu wissen, wie es weniger wird. Der Ţiriac ist wirklich ein komischer Typ, aber auch authentisch. Und ein echter Rumäne. Der Becker, den der damals gemanagt hat, das ist auch ein komischer Typ. Ich habe den mal gesehen. Im Fernsehen, der redet ja nur Blödsinn. Das macht der Ţiriac allerdings auch. Das scheint in gewissen Kreisen nicht hinderlich.

    Ich glaube, das ist mir wichtig, ich habe das hier nicht verstanden: „Vielleicht noch einige aufheben können, das ist die Frage.“ Ist das ein vollständiger Satz oder fehlt da ein Wort? Oder ist der Gedanke nicht zu Ende? Ich habe da den Zusammenhang nicht verstanden. Ich hatte das Gefühl, das sie da etwas andeuten wollten, und das macht mich nervös, wenn ich da etwas nicht verstehe.

    Es gibt in Bukarest Orte, da können Sie die Stadt nicht von Berlin oder Paris unterscheiden, große breite und saubere Straßen, schöne alte imposante und renovierte Gebäude, aber dann gibt es auch wieder diese Orte – meine Freundin Marie sagt dazu “abgeranzt” – da glauben Sie dann nicht, das Sie im 21. Jahrhundert sind. Ich mags ganz gern. Verstehen Sie mich da nicht falsch, ich mag es auch ganz gerne, die schicke junge und bildungsgierige Dame zu sein, die sich in der Gesellschaft zu benehmen weiß; aber ich mag es auch gerne ein bisschen derber und dreckiger; ich kann sehr gut mit dreckigen Orten umgehen. Ich komme von einem Bauernhof. Ich bin da weggegangen, weil ich da nicht für den Rest meines Lebens leben wollte, und weil ich Schriftstellerin werden wollte, was da nicht zu verwirklichen gewesen wäre, und dennoch kann ich mit Kuhstall umgehen und ich kann mit diesen Ecken umgehen, wo Armut und Angst herrschen; mit diesen Ecken des Lebens. Und Bukarest ist Balkan, nicht dem klassischen Verständnis nach, aber meinem eigenen. Das ist ganz anders als hier, eine ganz andere Musik, ein viel wilderes und ungezügelteres Leben und Sterben.

    Ich bin 1983 geboren, kurz nach dem 18. Geburtstag nach Bukarest gezogen, im Juni 2001 und im Juni 2006 nach Berlin. Ich komme aus einer privilegierten Familie, beide Eltern Lehrer, mein Vater Deutscher, der den Konsum als Lebensziel ablehnte und den Wunsch nach reichwerden auch. Der ist in ein armes Land gegangen. Und fühlt sich da wohl. Als ein paar Jahre später überraschend die Eltern gestorben sind, ist er nach Deutschland zurückgegangen, hat sich von der Erbschaft unter anderem einen VW-Bus gekauft und Bücher. Deutsche Bücher. Als er wiederkam, ist er mit dem neuen VW Bus, ich habe so einen zwanzig Jahre alten VW Bus hier letztens einmal gesehen, auf den Hof gefahren: der war, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die die Familie gebrauchen konnte, bis an die Decke voller Bücher. Ich nehme an, meine Eltern haben an diesem Abend gestritten. Aber für mich ist das eine bestimmende Lebenserfahrung gewesen. Bücher sind wichtiger als viele andere Sachen, von denen man annimmt, dass man sie dringend zum Leben bräuchte. Diese Erfahrung ist etwas, das mit dieser Wildheit, von der ich gesprochen habe, zu tun hat.

    So, damit lasse ich es gut sein.

    Ich fahre Anfang September und bleibe wahrscheinlich drei Wochen. Ich hoffe, Sie fahren auch an einen Ort, an dem es Ihnen gutgeht.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 17. Juli 2010 um 18:29

    Liebe Aléa,

    jetzt teste ich mal Deinen “Url”-Tipp, bin gespannt, was dann passiert!?

    Eigentlich wollte ich DEIN Blog auf meiner Blogseite abonnieren, also meinem Blog hinzufügen… ich hab schon alles mögliche ausprobiert, irgendwie will das nicht klappen… vielleicht geht das bei twoday.net ja nur mit den Blogs, die wie meines beim gleichen Bloganbieter sind!?

    Schönes Wochenende
    (hier ist es ENDLICH mal angenehm kühl, weil eine Schlechtwetterfront durchzieht… 17 Grad, da fröstelt einen fast, nachdem der gestrige Tag mit 35 Grad sehr schweißtreibend war)
    Teresa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. Juli 2010 um 21:07

    Lieber Markus,

    zu dem literaturwissenschaftlichen Modellen und Methoden: ich bin derzeit ganz froh, wenn ich ein bisschen davon weg komme, weil das akademische doch auch etwas trocken ist. Aber ich beabsichtige, im Herbst vielleicht, etwas zu Poetiken zu machen. Ich habe da ein ganz interessantes Buch auf dem Flohmarkt gekauft, „Ars Poetica“, herausgegeben von Beda Allemann. Vielleicht lässt sich da etwas machen, was nicht gleich die Leser vertreibt.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. Juli 2010 um 21:40

    Liebe Teresa,

    vielen Dank für deinen langen Beitrag. Der Reihe nach. Zu den Männern: ich habe keinen Trigger, ich schaue nicht nach etwas bestimmten, das er mitbringen muss, nichts, auf das ich besonders abfahre. Und das eine, was er mitbringen muss, wird er schon haben. Generell gilt: ich mag kluge Männer.

    Zu deiner Rumänienreise: ich bin erstaunt, wer hier alles schon in Rumänien gewesen ist, wirklich. Dass einer nach Constanţa fährt kann ich ja noch verstehen oder nach Bukarest, Brașov oder Sibiu, das sind alles auch klingende Namen, einige Orte in Rumänien drängen gerade ins UNESCU Weltkulturerbe, aber was machst du in Iaşi oder in Suceava?
    Von meiner Reise werde ich sicherlich etwas erzählen. Ich habe dem NO schon beschreiben, wie ich mir diese Reise vorstelle. Ich würde gerne Bilder machen, von den Tieren auf dem Hof meiner Eltern und Großeltern und von der Landschaft. Aber berichten werde ich natürlich vor allem in Worten.

    Mit der Angabe der URL hat funktioniert, warum allerdings die Verlinkung auf deiner Webseite nicht klappt, weiß ich nicht. Aber dein Anbieter hat sicherlich so ein Frageforum, wo du die Frage einstellen kannst. Da bekommt man meist sehr schnell eine Antwort. Ich schaue mir deine Seite morgen an.

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von Cellini
    Datum/Uhrzeit 18. Juli 2010 um 00:27

    @Teresa
    Ich las das grad… schauen Sie mal oben am Bildschirmrand, klicken Sie auf “Admin”, dann auf “Module.” Bei Twoday gibt es zwei Möglichkeiten, einmal das Anzeigen der Weblogs, die man abonniert hat, dies geht aber nur mit Twoday-Weblogs… und ein anderes, das heißt “Linkliste.” Mit diesem Modul können Sie Webseiten verlinken, die nicht bei Twoday sind, Sie müssten diese auch in die Sidebar sichtbar verfrachten, Aléa dann verlinken. Als ich mein Weblog noch bei Twoday hatte, verzichtete ich auf die Abo-Liste… die Linkliste reicht auch.

    Noch einen lieben Dank Ihrer Nachfrage nach meinem Verbleib. Ich bin auf Reisen…

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 18. Juli 2010 um 15:18

    Vielen lieben Dank, Cellini, für den Tipp!
    Es “funzt” nun!

    Aléa, jetzt hab ich Dich auch auf meinem Weblog “abonniert”! Zu dem anderen – mit Rumänien… antworte ich nochmal extra.

    Schönen Sonntag noch… Euch Beiden… allen LeserInnen.

    Teresa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 19. Juli 2010 um 10:49

    German: Rahat Limbă

    Liebe Aléa Torik!

    Niemand kann für Sie hier einspringen. Und mich überschätzen Sie (danke gleichwohl). Zwar trägt „die Katze Erinnerung“ mich gerade nach Jerichow. Versprochen. Aber kommen Sie lieber bald wieder. Sicher erinnern Sie JesusJerkoff? The Queen’s Jester hatte Ihnen David Foster Wallace gewidmet:

    “Schon komisch, wenn man das Gefühl hat, jemand fehlt einem, den man vielleicht gar nicht kannte.”

    Mir auch. Und unabhängig davon fehlte der Klang Ihres „Deutsch: Scheißsprache“. Ich zeige es Ihnen:

    „Sie sind offenbar, wie die übrigens meisten Deutschen, nicht sonderlich bewandert in der Kunst der indirekten Verabredung.“

    Ergriffen. Und inhaltlich sowieso, denn in der Tat kennt noch niemand hier solche Kunst, Sie erzählen von Fremdem, Neuem. Aber sprachlich gefällt es mir auch sehr. Das „übrigens“. Kennen Sie Grass‘ Statement „Nur das Schiefe ist schön“? Es müsste (nach meinem Sprachgefühl) hier wohl heißen: „ … , wie übrigens die meisten Deutschen, …“, oder : „ … , wie die meisten Deutschen übrigens, …“. Setzt man es so wie Sie, hätte es atypische Betonung sein können (in der Weise scheiben, finde ich, Herbst und Johnson, jeder auf seine Art). Aber Betonung von was? Der Beiläufigkeit, mit der diese Ihre Feststellung getroffen wird? Das macht mir nicht so recht Sinn. Und außerdem habe ich irgendwie das Gefühl, Sie haben das „übrigens“ nicht absichtlich dorthin platziert. Also wird es ein Klang Ihrer Sprache. Aléa-Torik-Sprache. Schön. Kunst.

    Nichts fehlt. Sind Rosen. Mehr ist nicht klug.
    Ach, und: Kann ich noch das Ganze borgen?

    Liebe Grüße

    NO

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 19. Juli 2010 um 18:09

    Melusine Magnum, P.I.

    GesineGesine,

    schläft ein Lied in allen Dingen, also auch in behaarten Männerbrustkörben. Und wenn Sie aufhören könnten zu träumen fort und fort einen Moment davon, könnte ich Ihnen in die New York Times eingeschlagene Löwenmäulchen überreichen, denn ich habe mich gefreut über Sie.

    Um auf die Truppe von Hawaii zurückzukommen: Wenn da etwas Spaß gemacht hatte, dann waren es „Die Jungs“. Und Sie wissen, erinnern, wie die beiden (rotes der eine und blaues der andere) auf der Brust ausgesehen haben?

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 19. Juli 2010 um 22:20

    Lieber No,

    so sehr ich mich sonst über Ihre Beiträge freue, dieses Mal irren Sie. Wenn Sie auch mit großen Aufwand noch die Scharte wettmachen wollen, die ich geschlagen habe; ich bin eine halbe Legasthenikern. Und als solche habe ich einfach, das haben Sie richtig gesehen, ein „übrigens“ eingefügt habe. Allerdings an die falsche Stelle. Ich habe nicht hingeschaut. Ich schreibe gedankenlos, das ist ein ganz entrückter Zustand und wenn ich fertig bin, muss ich mein Gehirn anschalten und Korrektur lesen. Ich darf‘s aber nicht ganz anschalten, weil ich sonst das Geschriebene nicht verstehe. In dem Zustand korrigiere ich: und verändere den Text. Dann schalte ich das Gehirn noch eine Stufe hoch, und korrigiere wieder; und verändere. Wie ein Taucher: ich darf nicht zu schnell hochkommen, dann ist alles vorbei und ich kapiere gar nichts mehr. Ich habe den Fehler beim zweiten Korrekturlesen überlesen, dass ich es, das „übrigens“, beim ersten Verbessern an die falsche Stelle gestellt habe. Aber ich fand es sehr großzügig, dass sie meinen Patzer so elegant gerade gebogen haben.

    Übrigens: Ihr Rumänisch wird ja immer besser, inzwischen können Sie schon richtig fluchen, sogar mit dem richtigen Akzent (haben Sie noch Kontakt zu den Rumänen von damals?).

    Ja, ich erinnere mich auch an das schöne Kompliment von Jesus Jerkoff, er ist dann aber leider in der Versenkung verschwunden.

    Das Aperçu von Grass kannte ich nicht. Ich kenne nur die „Blechtrommel“ und „Katz und Maus“. Was anderes war in dem VW-Bus nicht drin! Das mache ich ab sofort zu meiner Generalentschuldigung, wenn ich mal etwas fürs Kolloquium nicht gelesen habe, dann werde ich meinen Prof anlächeln, mit den Schultern zucken und sagen: was anderes war leider in dem VW-Bus meines Vaters nicht drin. Und das mit dem Grimm-Zentrum, der Staatsbibliothek und den Möglichkeiten zur Fernleihe: ich zucke da ganz locker mit den Schultern!

    Sie können das Ganze haben, Sie können allerdings auch noch abwarten (ich wollte und will es Ihnen wirklich nicht aufdrängen). Ich werde hier während meiner Abwesenheit im September alle fünf Kapitel meiner zweiten Hauptfigur einstellen. Wenn Ihnen der Ton da nicht behagt – und das kann durchaus sein, es ist ganz etwas anderes, einen kleinen Text im Blog einzustellen und eine Figur in einem Roman zu konzipieren, und weil es etwas anderes ist, könnte da auch ein anderer Ton vorherrschen; einer, der Ihnen womöglich nicht gefällt – wenn Ihnen das nicht gefällt: ich beherrschte die Kunst der indirekten Absage, jedenfalls teilweise: ich werde es verstehen.

    So, ich bade gerade meine Füße in einer Flüssigkeit mit Kräutern, diese Flüssigkeit ist Wasser, trinke Rhabarbersaftschorle – das ist sehr lecker und erfrischend, kennen Sie das ?, ich beende jetzt diesen Kommentar in der oben beschriebenen Weise, auftauchen in drei Schritten, schreibe noch einen zweiten Kommentar und dann muss ich etwas für die Uni lesen. Es ist alles gut so wie es ist.

    Herzlich
    AT

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 20. Juli 2010 um 20:42

    Eine Rose für AT

    Liebe Ulla H. Torik,

    niemand schreibt so über Züge wie Sie. So viele Züge gehen. Aber nicht so. Ihre Verdichtung erinnert, und Sie werden es kennen, weshalb es aber trotzdem erwähnt werden darf, an

    Das Eisenbahngleichnis

    Wir sitzen alle im gleichen Zug
    und reisen quer durch die Zeit.
    Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
    Wir fahren alle im gleichen Zug.
    Und keiner weiß, wie weit.

    Ein Nachbar schläft, ein anderer klagt,
    ein dritter redet viel.
    Stationen werden angesagt.
    Der Zug, der durch die Jahre jagt,
    kommt niemals an sein Ziel.

    Wir packen aus. Wir packen ein.
    Wir finden keinen Sinn.
    Wo werden wir wohl morgen sein?
    Der Schaffner schaut zur Tür herein
    und lächelt vor sich hin.

    Auch er weiß nicht, wohin er will.
    Er schweigt und geht hinaus.
    Da heult die Zugsirene schrill!
    Der Zug fährt langsam und hält still.
    Die Toten steigen aus.

    Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
    Die Toten stehen stumm
    am Bahnsteig der Vergangenheit.
    Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
    und niemand weiß, warum.

    Die I. Klasse ist fast leer.
    Ein feister Herr sitzt stolz
    im roten Plüsch und atmet schwer.
    Er ist allein und spürt das sehr.
    Die Mehrheit sitzt auf Holz.

    Wir reisen alle im gleichen Zug
    zu Gegenwart in spe.
    Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
    Wir sitzen alle im gleichen Zug
    und viele im falschen Coupé.

    Gut.

    Herzlich

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 20. Juli 2010 um 23:03

    Lieber NO,

    das Gedicht erinnert genau an das, was ich auch im Sinn hatte. Allerdings ist es sehr viel schöner als meine Worte. Mir gefällt das, ich kannte es nicht, mir gefällt vor allem, was Kästner zur Zeit sagt. In der ersten und letzten Strophe wiederholen sich die Worte „Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.“ Das ist ein bisschen rätselhaft, dass die Reisenden so wenig hinausschauen, dann aber mit dem Zusatz, dass es eigentlich reicht und das sie genug gesehen haben.
    Hier habe ich das gefunden: http://www.gedichte.xbib.de/
    Vielen Dank dafür.
    Ach ja: Ulla H. Torik?
    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 20. Juli 2010 um 23:15

    Lieber No,

    ja, sofort, sofort hör ich auf zu träumen und jetzt Sie mit den Löwenmäulchen…in der NYT, gute alte Tante.

    “Die Jungs” – ja und die Brustkörbe und so (Higgins war selten oben ohne, aber auch nicht ganz ohne…) – war schön. War ich nie auf Hawai, obwohl´s da kein Bier gibt. Täte ich aber mit dem Heli fliegen und vielleicht surfen…Dann an der Bar juxten wir rum und wären nach ein paar Drinks auf einmal ganz traurig. Wüssten wir schon warum…Und schluckten´s weg. Wie das sein muss. Gimme five. Eine Stimme aus dem Off. Ein neuer Auftrag.
    Wie ging das eigentlich aus?

    Grüße Sie. Jakob ging über die Gleise, ich aber lag darunter…
    Melu-/Ge-sine

    PS. Ich verfolge, was Sie über den Wolpertinger schreiben. Gibt mir viele Ein-, aber noch viel mehr Ausblicke. Danke!

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 21. Juli 2010 um 22:14

    Liebe Aléa,

    auch wenn die drückende Schwüle meine Finger lähmt, die Grillen meine Ohren betäuben und zwischendurch mein Hirn, von der Sonne angedörrt, aussetzt, will ich dennoch die ausstehende(n) Antwort(en) zu formulieren versuchen (vielleicht bringen die aufziehenden Gewitterwolken endlich die ersehnte Abkühlung)…
    Rumänien: Die Fahrt endete damals nicht in Suceava, sondern ging weiter nach Gura Humorului, Poiana Mikului, zum Klosterarchipel, hinüber nach Kaliczanka, Czernowitz (einige Orte habe ich vergessen), wo ich auf “Expedition”, auf “Traumpfaden” wandelte, und z.B. östlich und westlich von Gurahumora auf Friedhöfen wie in Falticeni oder Campulung nach alten Gräbern, Hinweise auf Grabsteinen, suchte. Dann aber mit Auto und Fahrer unterwegs…

    Trigger: OH, ich dachte nichts dergleichen, mich inspirierte nur die Diskussion um die “ent-haarten Männer” ;-)
    vor allem, weil zeitgleich zur Diskussion hier in Deinem Blog auch die Frauenzeitschrift “Brigitte” das Thema in einem doppel- oder war es gar ein drei oder vier Seiten-Artikel ebenfalls aufgriff.
    Was ich erstaunlich fand, denn das Aufkommen des Themas hier stand garantiert in keinem Zusammenhang zum Brigitte-Artikel. Ich hatte beim Friseur die Zeitschrift lose durchgeblättert und voilá, wo blieb mein Blick plötzlich hängen… an jenem Artikel… Allerdings war unsere Diskussion hier reizvoller, den Zeitschriftenartikel fand ich zu langatmig.

    Nun denn, so weit so gut für heute, ich muss nun doch einige empfindliche Pflanzen an die geschützte Hauswand stellen, mir scheint, das könnte heute Nacht noch heftig blitzen, donnern, hageln

    Teresa
    P.S.: Zu den reizvollen Unterschieden zwischen der Weltstadt Berlin und der Schillerstadt Marbach demnächst in meinem Blog

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 22. Juli 2010 um 10:55

    14. Juli 1968 Sonntag

    „Tante Times bringt einen Leitartikel für jene, denen ein Ausflug aufs Land unerschwinglich ist. Der blumenreiche Juli! … Das kleine wilde Löwenmaul zeigt dunkles Orange und klares Gelb ….

    Der Juli … der Sommer, in der Erinnerung sind das die letzten Ferien …“, da liegt man unter den Gleißen der Sonnen, liebe MB, unter den Ihren, das geht ja gar nicht.

    BG
    NO

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 22. Juli 2010 um 19:43

    Lieber No,

    da schnippt sie mit den Fingern, wie eine übereifrige Schülerin, reckt das Ärmchen und ruft: Ich auch, ich auch, ich hab´das auch grade gelesen, den Artikel für die, denen ein Landausflug unerschwinglich ist….

    Das “Sinchen” ist so…- ein bisschen streberhaft, wissen Sie, wie alle “Aufsteiger”…

    Aber das mit den Gleisen geht doch, nämlich unter der Eisenbahnbrücke, auf dem Vorsprung liegend.

    Herzlichst
    Melusine

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 22. Juli 2010 um 22:36

    Liebe Teresa,

    ich bin gespannt auf deinen, was wird es?, ein Vergleich. Ich bin gespannt, was du zu Berlin sagen wirst und wie du Marbach darstellt. Die Stadt kenne ich gar nicht, aber ich stelle es mir klein und hübsch vor. Ich war im letzen Jahr mit meinem Busenfreund Julian in Weimar. Das war sehr schön. So ähnlich stelle ich mir auch Marbach vor.

    Aléa

    Kommentar von Teresa
    Datum/Uhrzeit 22. Juli 2010 um 23:17

    Liebe Aléa,

    ja, Marbach ist so ein richtig “schnuckeliges” schwäbisches Dichter-Städtle, mit altem Stadtkern und Fachwerkhäuschen… die Schillerhöhe mit LiMo, DLA und Schillermuseum ein ganz, ganz besonderer Ort (einer von mehreren Orten), der Altes und Modernes verbindet. Ich bin ganz glücklich, dass wir diese Hochburg der deutschen Literatur hier haben.

    Dies gepostet, um Deine Wartezeit zu verkürzen (bevor es mehr gibt… achja… das gefrässige Blogwesen…aber erst will es geschrieben sein… außerdem möchte ich ein paar schöne Orts-Blicke für Dich einfangen)
    Teresa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 23. Juli 2010 um 13:43

    Um Ihre Frage zu beantworten, Bathseba, es heißt eigentlich: „Eine Rose für UH“. Und das ist sie:

    MIT HAUT UND HAAR

    Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre
    und tauchte dich in meinen Sommer ein
    ich leckte dir die Hand und Haut und Haare
    und schwor dir ewig mein und dein zu sein.

    Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen
    mit sanftem Feuer in das dünne Fell.
    Da ließ ich von mir ab. Und schnell
    begann ich vor mir selbst zurückzuweichen

    und meinem Schwur. Anfangs blieb noch Erinnern
    ein schöner Überrest der nach mir rief.
    Da aber war ich schon in deinem Innern
    vor mir verborgen. Du verbargst mich tief.

    Bis ich ganz in dir aufgegangen war:
    da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.

    Liebe Grüße

    Ihr NO

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 23. Juli 2010 um 13:46

    Ach, und Ihr Busenfreund, dass war doch der bei den Mckies, oder?

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 24. Juli 2010 um 08:58

    Lieber NO,

    Ihre Phantasie scheint keine Grenzen zu kennen, was die Umbenennung meiner Person betrifft. Mit Bathseba greifen Sie jetzt schon ins Alte Testament.

    Solche Anspielungen wie die auf Ulla Hahn, die kann ich nicht verstehen. Damit überfordern Sie mich. Das sind kulturelle Referenzen, die ich nicht begreifen kann. Aber auch dieses Gedicht gefällt mir sehr gut. Und hier gefallen mir nicht nur ein paar Zeilen, allerdings gefallen mir dmahezu alle Zeilen, was mir besonders gefällt ist der Wendepunkt. Die Wende in dieser Beziehung zu jemanden, wie das beschrieben wird. Als Zentrum dieser Wende würde ich den Satz „Das ließ ich von mir ab“ erkennen wollen. In der Liebe ist man so sehr auf den anderen bezogen, dass man, wenn der oder die von einem ablässt, man von sich selbst ablassen muss. Auch die Formulierung „Anfangs blieb noch Erinnern“ ist schön.

    Sie haben ein gutes Gedächtnis, Julian ist bei MacKinsey und verkauft dort Hamburger und Pommes. Der schwule Busenfreund. Wir schätzen dieses Substantiv beide.

    Ich habe auch ein gutes Gedächtnis, aber das ist nicht rezipierend, sondern phantasierend: Sie haben mir von Ihrem Bruder erzählt, der in der Sylvesternacht auf dem Empire State Building mit irgendwelchen amerikanischen Multimillionären das neue Jahr feierte und einer der Leute zu ihm sagte: „You little peolple from little Germany with less money: we will not forget you.“ Dann drückte er Ihrem Bruder ein Million Dollar in bar in die Hand, woraufhin Ihr Bruder mit dem Geld in die Karibik flog, sich eine javanische Schönheit angelte, mit der nach Neuseeland weiterflog, hundert Million Dollar im Lotto gewann, sich von dem Geld das Empire State Building kaufte und beim nächsten Sylvesterfest den amerikanischen Millionär einlud und Punkt Mitternacht zu ihm sagte: You little American Millionärs …“

    War‘s nicht so? So oder so ähnlich. Sie müssen vorsichtig sein mit den Damen vom schreibenden Gewerbe, die machen schnell mal aus einer Mücke einen Elefanten.

    Es ist Samstag, ich werde aufräumen und dann lesen und telefonieren und einkaufen und wieder lesen und wieder aufräumen; und mir einen Beitrag für das Blog ausdenken. Das ist ja das Schlimme an dem Blog, ich muss mir dauernd etwas ausdenken.

    Schönes Wochenende
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 26. Juli 2010 um 14:05

    Jahrestage Johnson

    24. Juli 1968

    „Vor unserem Umzug nach New York war ein Urlaub, zu dem lud Anita uns nach Westberlin“.

    Gesine Cresspahl erzählt „für wenn ich tot bin“ von der alten Heimat Jerichow, DDR. Ein Vermächtnis an ihre Tochter Marie, Erinnerungen an Mecklenburg. Die beiden sind weit weg nämlich, ausgereist in die USA. Allein, denn Maries Vater, Jakob, ist tot. „Jakob war immer quer über die Gleise gegangen“, aber er kam dabei um. Über das Wie und Warum, über Jakob, gibt es „Mutmaßungen“, aber keine Klarheit. Auch deswegen: Nach New York. Vor der Reise in die neue Welt aber ein Blick ins Nachkriegs-Berlin, erzählt Gesine: Anita (zugereist, von russischen Soldaten vergewaltigt, Sohn Alex), die alte Freundin aus dem Jerichower Land, heiratet dort.

    „Da saß Anita mit Marie im Garten des Alten Krugs von Dahlem“.

    Den kenne ich. Biergarten. Nicht weit. Nicht weit rechts daneben die U-Bahnstation Dahlem Dorf. Links daneben kommt die Luise, gegenüber ist der Buchladen. Zurück auf der Straßenseite passiert man die Domäne, dann sieht man die Kirche.

    Uwe Johnson kannte den Biergarten auch. Der alte Mecklenburger, Brieffreund des Rostockers Walter Kempowski, lebte eine Zeitlang in Berlin. Stierstraße, Friedenau, wenn ich recht erinnere, früher eine Art Künstlergegend. Von dort aus ging er nach New York, später nach Sheerness on Sea. Dort ist er auch gestorben.

    An den Biergarten grenzen die Ausläufer der Freien Universität. Ausländische Institute. Viele Studentinnen im Garten, auch viele von anderswoher. Fremde Mädchen. Einige Südländerinnen am Nebentisch, beim Frauenfrühstück, Brötchen bei. Eigentlich trinkt man hier Weißbier und Brezeln, aber manche essen Rhabarbestreuselkuchen. Ich sehe eine Kopenhagenerin, die hat zwei kühle Gläser Wein vor sich stehen. Gesprächsfetzen von anderen Tischen, historisches Seminar, „…Römer den Cherusker, Herrmann, statt …“. Hell strahlender Juli.

    „Marie dachte an Berlin noch lange als eine vom windigen Sonnenlicht durchflutete Stadt, dahin fährt man zum Heiraten“.

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 26. Juli 2010 um 18:20

    Ach, No, wie gerne hätte ich das Buch (die Bücher) jetzt hier (ich bin in Cornwall gerade), um nachzuschlagen. Ich kenne Dahlem auch. Den Biergarten nicht. Aber wenn ich an Dahlem denke, wird´s dunkelgrün, schattig und ruhig um mich. —Das ist lange her. So lange war ich nicht mehr in Berlin, fast ein Jahr jetzt. Und New York – der Hudson River. Bei Johnson war es immer der Blick auf die See; bei mir sind´s immer die rundgrünen Hügel: Mittelerde, wenn Sie so wollen. Da komme ich an, auch wenn man nicht heimkommen kann.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. Juli 2010 um 22:57

    Lieber NO,
    ich freue mich über Ihre Johnson Assoziationen. Melusine offenbar auch. Vielleicht bin ich nicht der richtige Jahrgang und auch im falschen Land aufgewachsen, um all diese Anspielungen dort zu verstehen. Aber die Anspielungen auf Dahlem Dorf verstehe ich, auch wenn ich ja eine „Mitte-Schnitte“ bin, HU nämlich. Ich war schon mal an der FU (Lesesaal mit der Kuppel von Norman Foster) und ich kenne auch die Luise. Südländerinnen beim Frauenfrühstück? Kopenhagenerinnen, das musste ich ein bisschen überlegen, woher Sie das wissen (das Impressum!), Rhabarbestreuselkuchen: Ich mag Rhabarber, als Kuchen, als Saft, als Nachspeise: Kompott mit Erdbeeren. Hermannstadt: ja auch, meistens sage ich Sibiu und dann fragen die Leute: Sibirien? Ich nicke dann. Nach Berlin fährt man zum Heiraten? Nach Paris, um zu leben, schreibt jedenfalls Rilke.
    In Friedenau wohnt auch die Landsfrauin H. Müller. Das war mal eine Künstlergegend?
    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 30. Juli 2010 um 13:21

    Jahrestage Johnson

    27. Juli 1968

    „Aufgewacht von der Stille, die war geräumig, sie enthielt Vogelsang.“

    Geht es schöner?

    Die Ruhe als Raum, ein großes Zimmer, darin Gezwitscher und ich, aufwachend: SO ist Morgen.

    So ist Kunst, denn die Vogelstimmen sind Lärm, gilt gar nicht uns („Also Sie hören ein paar Vögel. An sich nur Laute, Geräusche, Träger von Informationen zwar, aber nicht für Sie. Nur für die Vögel. Aber Sie beziehen es sofort auf sich. Dabei hat es mit Ihnen gar nichts zu tun. Sie sind den Vögeln wurscht.“ Alban Nikolai Herbst im „Wolpertinger).

    „Der Schlaf hat die Nacht hindurch gewusst, dem Wecker ist das Maul gestopft, und bestimmte die Zeit als jene, da ist der Aufmarsch der Autos am Riverside Drive passiert …“

    Geht es schöner?

    Der Schlummer hat auch so gewusst, wie er durch die Nacht zum Samstag kommt und weckt die Schläferin Gesine – Marie hatte den Wecker ausgestellt – erst am Vormittag – mit Abwesenheit von Stille, mit Vogellauten und Verkehrslärm!

    Riverside Drive, das ist die Adresse von Gesine und Marie Cresspahl in New York City. Die Brown Stone-Häuser oben am Park. Nahe am Hudson, noch näher am Parkway, mit Blick auf Jersey. Viele jüdische Emigranten, Intellektuelle. Okay-Gegend, auch heute noch. Nicht das Village mit den Studenten der NYU, West 3rd Street, Broome, MacDougal, Christopher. Nicht die 120ste Straße in Harlem, und natürlich nicht Tribeca, Meat Packing District, nicht Upper East Side, nicht wie die Berater im Citybank-Gebäude, nicht wie Jacky Kennedy in Empire State. Riverside Drive ist gut zum Wohnen. Aber Verkehr ist da natürlich auch, der ist überall in der Stadt:

    Balkan in Arizona – gellend laut, gelb, grandios, geordnet in Vierecken, Dschungel. Stampede der ausbrechenden Autoherde, Sirenen, Fire Brigade und NYPD! Wild, ungezügelt, auf der Höhe von Rom, die Stadt ist Lärm. Und hat derbe, dreckige Ecken, das würde einer gefallen, die taucht übrigens zuweilen. Die Stadt ist fürchterlich. Unendlich schön. Intimidating size and beautiful noise.

    Uwe Johnson lebte dort. Verschiedene Aufenthalte, zusammengezählt war er da für einige Jahre. Er kam schon in den 1960ern, auf Besuch, zusammen mit Günther Grass, neben dem er später wohnte in Berlin-Friedenau, wohin auch Hans Magnus Enzensberger zog mit beider Hilfe. Johnson kam wieder zurück nach Manhattan und legte dort den Grundstein für die „Jahrestage“. Er arbeitete für die Verlegerin Helen Wolff. Und schrieb. Auch seine Adresse damals lautete Riverside Drive.

    Die erste Lieferung der Jahrestage erschien 1970, die weiteren 1971, 1973 und – nach langer Schreibblockade – 1983. Johnson kam für Recherchen zurück nach New York, aber auch für anderes, so oft er konnte. Hat ihn wohl nicht mehr losgelassen, die Stadt. Aber wen lässt d i e schon los?

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 1. August 2010 um 14:42

    Lieber NO,

    „Sie sind den Vögeln wurscht.“: Woher weiß der Alban das? Aber die These, auch wenn sie nicht verifizierbar ist, ist gut.

    Vielen Dank auch noch für diese Worte. Balkan ist wirklich lauter und energischer als Berlin, das kennen Sie ja. Vor allem etwas ungezügelter als Friedenau, wo auch die Kollegin Frau Müller wohnt.

    Ich habe die Jahrestage angefangen, aber nie zu Ende gelesen, deswegen beteilige ich mich nur verhalten an dem Gespräch. Vielleicht sollte ich das Versäumte noch nachholen. Was sie zitieren, ist alles schön und gelungen.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 11:08

    Jahrestage Johnson

    29. Juni 1968

    „Marie mag es nicht glauben. Eben weil wir auf der Fähre einfahren nach Manhattan und gleich die Subway benutzen werden für den Weg an den Riverside Drive. Marie misstraut Geschichten, die in allem zusammenpassen, soweit hab‘ ich sie jetzt“.

    Sonntag. Ausflug. Atlantik. Dorthin wo Hudson River und East River zusammenfließen: „Tag der South Ferry“. Jeder weiß, es gibt keinen besseren Wasserblick auf Downtown New York als von da. Das ist wie in Berlin in den 100er-Bus steigen. Das machen Gesine und Marie am Sonntag.

    Andere lesen am Sonntag Bolano. Oder baden ihre Füße. Wieder andere essen Falafel. Wenn Marie zu denen käme, spielte man Memory und versuchte, den König aufzudecken (oder war es der Prinz auf dem weißen Pferd?). Oder Marie ginge mit ihrer Freundin Kuchen essen. Man könnte in der Sonne liegen. Kann ja jeder machen wie er will. Aber die Cresspahl-Mädchen fahren Schiff.

    Auf dem Fährschiff misstraut Marie zu Recht. Geschichten passen nämlich ganz selten ganz und gar zusammen, sonst wären sie ja keine Geschichte wert. Mutter Gesine erzog zur gesunden Skepsis. Das ist eine Haltung. Fürs Leben und für Manhattan.

    Wer in New York in die falsche U-Bahn steigt, stellt mitunter plötzlich fest, die hält nicht mehr an den ganzen Weg bis Mitte Harlem. Wer in New York versehentlich einem von „denen“ einen Tick zu lange in die Augen schaut, wird mitunter plötzlich angegangen. Wer in New York sich allein auf eine Bank setzt am Washington Square Park, sieht sich in ungewollten Geschäftsanbahnungen mit den Rastas. Wer auf Cherry Island in die falsche Tür geht, tanzt mit nackten Männern.

    Solche Maleschen sind von Johnsons Zeit in Manhattan nicht überliefert. Nach allem, was ich weiß, war Uwe Johnson allerdings nicht nur skeptisch. Er war ein misstrauischer Mensch. Schwierig. Unberechenbar. Zerstörerisch. Er hatte also eher eine Un-Haltung angenommen. Vielleicht hat er das bedauert, vielleicht wäre er gerne erzogen worden wie Marie. Er mistraute wohl nicht nur heilen Geschichten, sondern allem, jedem. Ingeborg Bachmann war allerdings sicher eine Ausnahme, Hannah Arendt auch. Und Siegfried Unseld vielleicht.

    Ob es ihm geholfen hat in New York? Ich glaube ja. Oder er hatte Glück. Jedenfalls die South Ferry hatte er oft als Ausflugsdampfer benutzt und fuhr nach Staten Island. Letztlich ging wohl alles gut. Wie beim Messerüberfall auf Hannah Arendt im Hochhaus. Wie beim Einbruch bei den Cresspahls im Buch:

    Am 29. Juli 1968 – heute vor 42 Jahren – wird die Wohnung am Riverside Drive von Dieben heimgesucht. Mutter und Kind verständigen das NYPD. Auftritt „von den prächtigsten Jungen New Yorks in Blau“. Wenig fehlt, wenig verschmutzt, wenig zerstört. Die Diebe werden gefasst im Gedränge der Subway. Die Cresspahls trinken Eistee und gehen abends noch spazieren.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. August 2010 um 22:25

    Lieber NO,

    für Sie gilt dasselbe wie für Thorsten: ich schätze das sehr, wenn hier solche Texte erscheinen, wie die Ihren (die Ihren Beitrag inzwischen zu dem, mit den meisten Kommentaren nobilitieren). Und ihre Weiterdichtungen von Johnson. Schade dass der nicht mehr lebt, vielleicht würden Ihn solche Sachen freuen. Mich freut‘s jedenfalls. So etwas habe ich mir vorgestellt, als ich die ersten Überlegungen zu dieser Seite hatte: dass hier auch noch andere was zur Literatur sagen.

    Ich bin vor einiger Zeit auf ein Buch in der Bibliothek gestoßen – ich mache alle zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, die brauche ich auch, dann sitze ich draußen oder in der Cafeteria, ich gehe spazieren oder ich lungere zwischen all den Bücherregalen herum und suche nach interessanten Sachen, letzte Woche habe ich tagelang in der Pause Pirandello gelesen – da waren sämtliche Reden aufgezeichnet, die anlässlich der Verleihung des Büchner Preises gehalten wurden. Dort hat Johnson, ich glaube, er war derjenige, statt einer Rede den Anwesenden minutiös vorgerechnet, was er mit dem Geld macht, was ihn das Leben so kostet etc. Das fand ich ziemlich lässig. Sollte ich je den Nobelpreis bekommen – was wirklich gerade nicht auf meiner Agenda steht – rechne ich dem Komitee vor, was für ein mieser Kurs die schwedische Krone gerade im Verhältnis zum Euro hat.

    Da war heute ein guter Tag in der Bibliothek, ich habe nicht viel geschrieben, aber ich bin sehr zufrieden, ein paar strukturell wichtige Sachen waren dabei. Das eröffnet einen guten Spielraum für morgen. Mich hat in der Bibliothek jemand fotografiert, ein Asiate, der ungefähr halb so groß war wie ich, der hat mich gesehen und mit erschrecktem Gesichtsausdruck fotografiert und dann ist er weggelaufen. Ich musste lachen. In zwei oder drei Wochen, wenn er wieder zuhause ist und eine Diashow macht, wird er zu dem Bild von mir wahrscheinlich sagen …. das male ich mir lieber nicht aus.

    Aléa

    Kommentar von Melusine B
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 01:17

    Liebe Aléa,

    das ist schade, dass Sie sich nicht ausmalen mögen, was er sagen wird, wenn er das Bild zeigt. Das könnte eine Erzählung werden…(im Konjunktiv z.B., so wie Kinder spielen: Und dann würde der sagen und dann würde die sagen…)

    Waren das die reclam-Bände mit den Büchner-Reden, auf die Sie gestoßen sind?

    Auch ich freue mich immer sehr, lieber NO, Ihre “Weiterdichtung” von Johnsons “Jahrestagen” zu lesen. Die Staten Island Ferry – das war mein Traum, mit der zu fahren, nur wegen Marie und Gesine (das ist nicht ganz wahr, denn ich fahre sowieso für mein Leben gern Schiff) als ich 1991 zum ersten Mal in New York war. Wir fuhren ins Hotel, stellten die Koffer ab und dann gleich weiter zum Ferry Terminal. Es war, wie ich es mir erhofft hatte. Von weitem sahen wir die Statue of Liberty. In Staten Island gingen wir gar nicht von Bord, sondern fuhren gleich wieder zurück. Ich hätte den ganzen Tag hin und her fahren können (Mein Begleiter fand es nicht ganz so herrlich.)

    Zuletzt war ich 2008 da. Ich fürchtete ein wenig, dass die Modernisierung des Terminals und die neuen Fähren der Fahrt etwas wegnehmen würden, sagen wir mal, den “Gesine-/Marie-Touch”. Aber auch die neuen Fähren sind in diesem Signalorange angemalt – und wir erwischten sowieso eine alte. Der Terminal dagegen ist nicht wieder zu erkennen. Doch die Fahrt hinüber war genauso erfrischend und klärend wie ich es erhofft hatte.

    Zwei Fotos von der Fahrt: http://picasaweb.google.com/115278108945397062386/StatenIslandFerry#

    Herzliche Grüße
    Melusine

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 12:29

    Liebe Alea Torik!

    Die Büchnerpreisredenrechnung kenne ich. Nervt, ja, aber tut das nicht auch „Eine Reise nach Klagenfurt“? Oder anders gefragt: Ist das nicht ein experimenteller Text (vor Bolano), der seinerzeit auch im „Kursbuch“ hätte erscheinen können?

    Beste Grüße

    Ihr NO

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 14:11

    Liebe Melusine Barby,

    leider, leider wurde nicht weiter gemalt, ich hatte mich auch schon gefreut als ich die Einleitung von „Der Chinese und das Mädchen“ las, aber wird schon …, und ein Vergnügen zu erwarten ist ja auch ein Vergnügen. Das gilt übrigens auch für die „Sizilianische Reise“, hatten Sie da uns nicht etwas versprochen?

    Käme ich je nach Mittelerde, würde ich Dank abtragen, denn es ist ja auch Ihnen geschuldet, dass ich quer durch die „Jahrestage“ blättere, mit größtem Gewinn für mich selbst, denn deren Zauber, Poesie – irgend wie versteckt in 1700 Seiten – entdecke ich eigentlich erst jetzt so ganz richtig.

    Und danke auch für die Fotos. Es berührt mich. Wie Sie eine Stadt, jene Stadt, literarisch erfahren, erfähren. Dass sie heute noch darüber Bilder hier einstellen.

    Und die Fotos selbst natürlich mit Blick von der Fähre. Ich erlebe das nicht literarisch nach, so wie Sie, es sind mehr Erinnerungen, Bilder, Gedanken, ein Teil von mir selbst, ein Teil meines Lebens, ein abendlicher Gang mit Carlo Pappalettera über die Brooklyn Bridge, deren Anblick einen langen Nachmittag lang von der Bar des Riverside Cafe bei Gin Tonic und Nüssen, eine Bootsfahrt drunter durch umringt von einer Nachhochzeitsgesellschaft oder von Freunden, asiatischen auch aus den Philippinen, Japan, Korea, so was ist es mehr …. Es ist ein Stück zu Hause, es ist, dass – wie wenn sich auf BBC Radio die Nachrichten aus aller Welt durch Nennung von internationalen Städtenamen ankündigen und eine Sprecherin sagt dies vernuschelte „Nuu Joak“ mit diesem Klang, – etwas schmilzt ein bisschen.

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 22:20

    Liebe Melusine,
    das Buch mit den Büchnerpreisreden war, wenn ich das noch richtig in Erinnerung habe, von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herausgegeben. Es war sicher nicht eines dieser kleinen gelben oder grünen Heftchen.
    Es wird dann wohl doch, da Sie und NO es hier einfordern, eine Geschichte dazu geben: Der Chinese und das Mädchen.
    Aléa

    Kommentar von Melusine B
    Datum/Uhrzeit 5. August 2010 um 23:38

    Liebe Aléa,

    ha – das ist die Macht der Leser:innen! (Ich habe hier die kleinen reclam-Ausgaben mit den Büchner-Preis-Reden und natürlich gleich Johnsons nachgeschlagen. Aber die HU hat natürlich was Feineres und – Stabileres! NO und Sie denken bei “Asiate” sogleich an einen Chinesen, ich hatte einen Japaner im Kopf. Und das wäre eine gaaaanz andere Geschichte. (Am Rhein habe ich im Frühjahr ein asiatisches Pärchen getroffen, wir kamen ins Gespräch und ich fragte ganz unschuldig: Are you from Japan? Da waren sie ganz empört, weil sie aus Hongkong kamen und völlig anders aussehen als Japaner.-Meine Wahrnehmungsfähigkeit ist da eben völlig ungeübt.)

    Lieber NO,
    Sie haben mich dazu gebracht, wieder regelmäßig in “Jahrestage” zu schauen und wie Sie “entdecke” ich sie noch einmal neu. –Darum beneide ich Sie, das Nuu Yoak Ihnen so vertraut ist. Ich versuchte nur – als Touristin – mir so ein Gefühl zu geben als sei es vertraut: Also nicht Sehenswürdigkeiten abklappern, sondern Bagels kaufen und die Qualität kritisch beäugen und so :) oder: Im Central Park sitzen und mit den alten Männern auf der Bank über die mittelalten Baseballspieler lästern.

    Danke, Herr NO für die vielen Anregungen, die Ihre Lektürebegleittexte mir (und sicher auch anderen) geben.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 9. August 2010 um 14:00

    Jahrestage Johnson

    3. August 1968

    „Erst nach einer Weile begann er von Neuem mit den Seitenblicken … Mrs. Blumenroth hatte alle Mühe, die Darbietungen Ihres Mannes zu übersehen. Und damit es ihm zu sagen verwehrt sei, sprach sie es selber aus: Auf Ihren Busen können sie sich etwas einbilden, Mrs. Cresspahl.“

    Hallo, was ist das denn?

    Uwe …? Was ist das denn – und zuvor schon „die schönsten Beine auf dem gesamten A-Train“ oder so ähnlich? Das hatten wir noch nicht. Dafür ist Johnson nicht berühmt. War wohl auch noch nicht so üblich in der seriösen Literatur der frühen 1970er Jahre Außer natürlich bei „Wendekreis des Krebses“ (aber ich habe lieber „Big Sur“ gelesen). Na ja … is wie is:

    Gesine ist sexy!

    Der zurückhaltende Uwe Johnson hat das natürlich als Strandszene ausgestaltet. Gesine und Marie, ins Auto eingeladen von den Blumenroths, Bekannten aus der Manhattaner Nachbarschaft, sind an den Ozean gefahren, Jones Beach, Long Island. Eine Luma treibt ab mit Pamela drauf, dem Blumenroth-Kind. Der seitenblickende Vater Blumenroth merkt es trotzdem und bevor es gefährlich wird, „ging Mrs. Cresspahl mit ihm retten“.

    Nach Jones Beach kommt man tatsächlich nur mit dem Auto (und grünem Residence oder Season’s Permitt vorn an der Scheibe). Großräumig, hell, gepflegt, aber eher hart, uneuropäisch. Tut nichts, Long Island hat viele Strände. Natürlich die in den Hamptons, aber noch viel besser die normalen, West Gilgah, gelber und weißer Sand, breit, nicht voll, weich und heiß, kühler, blauer ocean dran, und Strand kilometerweit bis in den Horizont, fast ein bisschen diesig in der Ferne. Es gibt keine schöneren Strände als auf Long Island. Kein sommerleichteres Leben mit Booten und Bier in den Coolern….. Tommy Howard sitz als life guard oben auf dem Turm, NY-Radio aus Transistoren, Jane, umwerfend, schlafraubend, kommt vom Wasser hoch und liest vor aus Ann Rice „Interview with a Vampire“, Bruce, Hand in Hand mit seinem Daniel, träumt laut von Europa, die Schmitts erzählen vom Surfen……

    Max Frisch hat in „Montauk“ ein bisschen von so etwas eingefangen, Uwe Johnson hat das hier wohl versucht. Die beiden waren Freunde, und die Frau, deren Gefühle durch das Mädchen in Montauk und das gleichnamige Buch verletzt wurden, hatte auch Uwe Jonson gut gekannt.

    Wer nicht gerade am Atlantik sitzt, oder bei einem Glas Syrah in die Ostsee träumt, der fährt im Sommer an einen See. Zu Melusines zum Beispiel, zum zweiten Frühstück und zum vom-Turm-Gucken mit den beiden Schwestern. Oder an die Rummelsburger Bucht. Da besonders gerne. Allerdings kommt’s an der Rummelsburger Bucht natürlich auch zu Seitenblicken. Und da passiert ja alles Mögliche sonst noch … Na ja … Na ja, und dann denkt man sich, da hätte ja der Uwe Johnson auch noch einen kleinen Nachschlag an Jones Beach geben können.

    Hat er auch, aber ganz anders, bei der Vorstellung stockt einem a u c h der Atem:

    „Was wissen wir von Mrs. Blumenroth? Jahrgang 1929. Ich komme aus den Karparten. Ja sie ist geholt worden von den Deutschen. Ohne etwas mitnehmen zu dürfen, die Kleider schon. Ankunft in New York 1947, Heirat 1948. Die Angst, unfruchtbar gemacht zu sein. Pamela, 1957“.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 13. August 2010 um 10:07

    Jahrestage Johnson

    1. August 1968

    „Wer viel fragt – ………. – kriegt viel Antwort.“

    Zwischen diesen beiden Polen wird es gelb.

    “Gelb zum Beispiel, gelb ist hier anders wo. Auch außerhalb des Eis, der Mongolen, der Gelbsucht, der Schwämme, Schmetterlinge, Butterblumen.
    Nie ist so viel gelb gesehen wie hier.
    Als ein Gelber gilt hier ein Eifersüchtiger, ein Neidhammel, ein Melancholiker, ein Verräter, ein Abtrünniger, gelb heißen die Boulevardblätter so wie die gelbe Bildzeitung, und Gelbeichen gibt es und Gelbe Barsche.“

    “Anders wo”, also hier, in New York City.

    Johnson hat eine gelbe Phase – so wie Picasso eine blaue. Er schreibt seitenlang über das Gelb in den USA. Gelb hier, gelb da. Viele Dutzend Male fällt der Begriff. Was soll das? Es mutet ärgerlich an, diese Passage. Johnson mal wieder …. verquer, schwierig, über kompliziert, macht sich und uns das Leben (Lesen) schwer. Mir jedenfalls gefiel das nicht. An der Wirklichkeit konnte ich es nicht wirklich fest machen: Ja, in den USA wird Gelb häufiger als Signalfarbe verwendet als in Europa, an Begriffen wie yellow press, yellow cab bis hin (heutzutage) zu den „Gelben Seiten“ ist das auch für uns ablesbar. Und ja, an einem regnerischen Nachmittag auf der 5th Avenue ist die ganze Straße gelb von den Taxis, das stimmt schon, aber ansonsten ist mir das Gelb in den USA nicht so sensationell aufgefallen.

    Und doch: Mittlerweile fühle ich gelb. Je häufiger ich die gelbe Passage lese, desto mehr gefällt es mir, desto mehr nimmt es mich gefangen. Vielleicht ist es (auch) das, was gute Literatur können muss. Fast 20 Jahre vor Erscheinen der gelben Phase in der vierten Lieferung der Jahrestage 1983 schrieb der gerade nach New York umgezogene Uwe Johnson seinem gerade nach Berlin-Friedenau in die Nachbarschaft gezogenen Freund Hans Magnus Enzensberger zwei seitenlange Briefe. Beide enthalten nichts als den Text der gelben Phase. Einmal in rhythmischer Form, beinahe wie ein Gedicht, einmal in Prosa. Unter dem Titel „Brief aus New York“ veröffentlichte Enzensberger das rhythmische Gelb im „Kursbuch“, seiner linksintellektuellen Literarturzeitschrift mit neuen, aus dem Rahmen fallenden experimentellen Texten. Uwe Johnson schrieb seinen gelben Text 1966. Heute, 44 Jahre später, gilt er wohl bei so Manchem als moderner Klassiker der deutschen Literatur.

    Aber die Frage bleibt: Warum Gelb? Warum nicht zum Beispiel: Rhabarberrot? Ist ja auch eine schöne Farbe. Passend zur Marmelade beim Frauenfrühstück. Oder hennafarben? Der Grund ist vielleicht, dass es auf die Farbe selber nicht entscheidend ankommt, sondern auf ihren Gehalt. Auf innere Bedeutung. Wichtig ist, dass alles weit her geholt ist. Von weit her, damit man nicht alles auf den eigenen Kirchturm bezieht, von abwegig, damit es ein Kursbuch gibt irgendwann dorthin. Ist alles nicht von mir, sind Argumente aus Ägypten.

    In den „Jahrestagen“ wird immer wieder gefragt: „Und die Chinesen, was machen die Chinesen? was mich an Hans Cristian Andersens Märchen erinnert, welches beginnt mit: „In China sind alle Menschen Chinesen“. Und konkret wird es gemacht wohl am Viet Cong: Parallel zur Geschichte mit Gesine Cresspahl läuft ja immer die damalige Zeitgeschichte mit in Zeitungsartikeln aus der New York Times, die eben auch ausführlich über den Vietnam-Krieg berichtet. Und am Ende von Johnsons Text spricht er von dem „G l ü c k“, das die Bauernbande da in Vietnam, oder wie das heißt, nicht wegen ihrer gelben Hautfarbe umgebracht wird und die USA ein freies Land seien: „Sie müssen die Sache mehr gelb sehen.“

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. August 2010 um 22:52

    Lieber NO,

    ich kann auf die Gelbphase keine Antwort geben, aber es gibt natürlich Worte, die man mag, auf deren Klang man hört und reagiert.
    Das rumänische Wort für Rhabarber ist Rubarbă, aber mir gefällt das deutsche Wort besser, obwohl ich es von der Reihenfolge der Buchstaben her recht komplex finde; Czechoslovakia ist allerdings noch komplexer. Vielleicht finden Sie die Aufklärung in „Es vergeht keine Nacht, ohne dass meine Frau Rhabarber sagt“. Ich mag den Geschmack von diesen Stangen, ich finde es schön, sie anzuschauen, sie abzuziehen, ich mag den Saft und auch das Obst. Oder ist es Gemüse? Ich mag die Farbe, ich mags auch knirschen hören, wenn man hineinbeißt, mit Erdbeeren und Sahne und eingekocht, mit und ohne Zucker. Man kann alles damit machen, auf den Kuchen legen. Obwohl ich nicht backen kann. Olga kann nicht einmal Wasser heiß machen.

    Neidhammel ist ein schönes Wort. Mit Gelb könnte ich eher wenig anfangen. Weder die Farbe, noch das Wort gefallen mir sonderlich. Aber vielleicht hat Johnson ja wie Beuys – ich habe einmal einige ziemlich abgefahrene Sachen im „Hamburger Bahnhof“ gesehen – eine Bindung als diesen Filz hatte, eine ans Gelb?

    Auf jeden Fall haben Sie es jetzt endgültig geschafft: Die Jahrestage sind auf meine Leseliste. Allerdings erst am Ende. Des Jahres.

    Ein schönes Wochenende wünscht
    Frau Torik aus Kopenhagen

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 18. August 2010 um 15:25

    Jahrestage Johnson

    6. August 1968

    „Geht es Ihnen gut, Frau Cresspahl?
    Vielen Dank, Herr Josephberg.

    Ich bitte Sie zu verzeihen, dass ich heute mit Ihnen in einem anderen Tone zu sprechen habe als dem, der mir in unseren Tischgesprächen lieb geworden ist.
    Bringen wir es hinter uns, Herr Doktor. Werde ich von jemandem verklagt?
    Es ist eine schlimmere Nachricht, Frau Cresspahl. Verzeihen Sie einem alten Mann, wenn er über Ihr Leben ausspricht, was er meint, gesehen zu haben.

    Laut letztwilliger Verfügung von Herrn Dr. Dietrich Erichson ist Ihnen als erster Person Mitteilung zu machen für den Fall, daß er sterben sollte …“

    D.E. ist tot.

    Der alte New Yorker Anwalt der Familie überbringt pflichtgemäß die Nachricht vom Flugzeugabsturz des Lebensgefährten. Für Gesine so plötzlich wie für den Leser. Die Nachricht ist schlimm, D.E. konnte in der Roman-Familie den Jakob ersetzen, als Freund, als Mann (er hatte sich mit Gesine „zur Ehe verabredet“), als Vater (Marie: „Min Döchting“). Marie wird das Unglück lange verschwiegen („Wenn ich’s ihr sage, schmeißt sie um“).

    Aber auch Gesine schmeißt (das) um. Sie geht in eine Bar. Hinterm Tresen steht Wes, es ist seine Bar. Und er ist ein Freund von D.E. Gesine bestellt Drinks „to pick me up“, aber er setzt sie in ein Taxi. Am nächsten Tag kommt sie zurück zu entschuldigen, aber Wes lässt sie nicht ausreden und erbittet die Ehre, Ihr Gentleman zu sein für eine Runde Drinks. In diesem ganz großartigen, wunderbaren Kapitel berührt auch diese Szene, weil in ihr sich spiegelt eine verwandte Szene ganz vorne im Roman, wo D.E. mit Gesine zum ersten Mal in diese Bar geht, zwei Drinks bestellt und dem erst skeptischen Wes die Dame als Ehefrau vorstellt („You met my wife, Wes?“).

    „Hier hat D.E. Stücke seines Lebens verbracht, die er mochte“, heißt es dann im Buch, und ja, so sind Bars, manche Bars, für manche, und auch für mich. Auch heute noch hin und wieder. In Berlin geht ja so mancher in die Lützow Bar. Dort treffen Dschungelprinzen auf Profis und Mädchen mit roten Haaren, die russische Giftmischerinnen beherbergen, und am nächsten Morgen erreicht Zeitung darüber die Welt. Mit gefällt‘s da auch, aber ich bin irgendwie schon länger nicht mehr hingekommen. Meine Sympathien lagen ohnehin woanders. Aber die Zeiten mit Frido Keiling sind vorbei. Mein bester Mixer ist der Inhaber des „Windhorst“, ein Hannoveraner, an der alten US-Botschaft. Und im Grunde geht nichts über die Victoria Bar in der Potsdamer.

    Aber Bars, oder genauer: Drinks, oder allgemein: Alkohol, das war auch ein Thema für Uwe Johnson. Mrs. Melusine Mittelerde, Cornwall, Buchhandlungsgehilfin und Gleisbauarbeiterin, hat es ja schon angedeutet. Der Alkohol war Johnsons Trauma. Sein Fluch. Seine Einsamkeit. 1983, nicht lange nach dem Erscheinen der vierten Lieferung der „Jahrestage“, als man ihn endlich fand, hatte er bereits 3 Wochen tot gelegen in seinem Haus in Sheerness.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 19. August 2010 um 08:57

    Lieber NO,

    ich wollte schon längst ihre Kommentare in einen anderen Beitrag verschieben. Ich wollte ein paar Worte zu den Jahrestagen und Johnson sagen und Ihre Beiträge dann dort einsortieren. Das hat sich ja inzwischen zu einer Hymne mit einem sehr eigenen Ton entwickelt. Leider ist das mit einem größeren Aufwand verbunden als ich dachte, und zwar technischer Art. Da es im späten Herbst sowieso zu einigen Verbesserungen kommen soll, werde ich das dann machen.

    Einsamkeit. Einsamkeit ist, möchte ich sagen, Freund und Feind aller Schreibenden. Schreiben ist Auseinandersetzung mit sich selbst. Man nimmt sich andere, nennt es seine Figuren, gibt ihnen Namen, Aussehen, gibt ihnen Vergangenheit und Zukunft, oder nimmt sie ihnen, man schickt sie nach New York oder Wolkenkuckucksheim, nach Yoknapatawpha County oder Apoptygma oder sonst wohin, legt sie anders an als man selbst ist, oder gleich, man dichtet ihnen allerlei an oder ab, und alles damit niemand, oder jeder, bemerkt, dass man es selbst ist. Man hat gar keine andere Möglichkeit als immer wieder auf sich selbst zurückzugreifen: und das ist Einsamkeit. Nicht die Einsamkeit, dass kein anderer da ist. Heute oder morgen oder überhaupt. Nicht die Einsamkeit der Melancholie oder der Depression. Sondern dass man selbst da ist. Überall. Das ist die Einsamkeit. Dass man selbst es ist, der all das erlebt und erleben muss, was angelblich die Figuren erleben. Dass es immer wieder man selbst ist, die eigene Oberfläche und Tiefe, aus der das kommt und zu der das immer wieder zurückkehrt, so weit man es auch aus sich herausstößt, so weit man das von sich wegstößt: man wird’s nicht los. Niemals. Das ist Einsamkeit. Ich kann jeden verstehen, der das nicht aushält. Davon ist man eingeschlossen wie von einer Klammer. Einsamkeit

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 23. August 2010 um 17:13

    Jahrestage Johnson

    20. Auguste 1968

    „Ein Kind, ein Mann unterwegs an den Ort, wo die Toten sind; und sie, das Kind, das ich war.“

    Mit diesen Worten geht der Roman zu Ende.

    Gesine Cresspahl, Tochter Marie und ein Dr. Kliefoth geraten beim Gehen an der See ins Wasser, kriegen Kiesel an die Knöchel und halten sich an den Händen fest. Sie reden über früher und sie reden von der Zukunft. Gesine soll im Auftrag ihrer New Yorker Bank einen Kredit verhandeln in der (damaligen) Tschecheslowakei, da kommt der Prager Frühling dazwischen. Ihr Lebensgefährte, der Professor, „D.E“,. ist gerade tötlich verunglückt, er liegt in einem Grab in Schweden, Maries Vater Jakob ist schon vor langer Zeit ums Leben gekommen, Gesines Vater Heinrich Cresspahl auch verstorben, beide begraben in der deutschen Heimat. Der alte Freund des Vaters, Gesines alter Lateinlehrer, ist besorgt, aber Marie verspricht gut aufzupassen:

    To „take care of my friend who is your mother and Mrs. Cresspahl? Ich verspreche es, Herr Kliefoth. Meine Mutter und ich, wir sind Freunde“.

    Erinnerungen sind die Beglaubigungen des eigenen Lebens, steht irgendwo. Beglaubigungsorte sind im Kopf, aber man gelangt zu ihnen auch durch Begehen anderer Orte. Solche sind auch die Friedhöfe in der Heimat. Insbesondere, wenn sie weit weg liegen. Man kommt selten in das kleine Dorf. Erkennt viele Häuser, erinnert so manchen. Denkt an die Osterfeuer. Wehmut schmilzt wie zartbittere Schokolade. Betrachtet den Grabstein, der Blick schwenkt ein bisschen nach rechts: Der Kirchturm; die Konfirmation damals. Wie ging noch das Gedicht von Hesse über den Garten und die Kindheit?

    Eine Fülle von Erinnerungen wie ein VW-Bus voller Bücher.

    Das Kind, das ich war….

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 23. August 2010 um 22:00

    Lieber NO,

    das klingt ja jetzt sehr nach Abschied, was Sie da formulieren. Ich meine nicht etwa Ihren Abschied oder meinen, sondern den der Gesine Cressphal. Das Buch ist zu Ende und auch Ihr Ton bekommt etwas Abschließendes, so dass ich vermute, es handelt sich um den letzen Eintrag zu den Jahrestagen. Wie schade, das war die ausführlichste Serie zur Literatur, die es hier gab. Ich danke Ihnen dafür!

    Oder täusche ich mich in dem Ton? Vielleicht liegt das an mir selbst. Ich bin nicht so zufrieden mit der letzten Besprechung im Blog, zur „Leinwand“ von Benjamin Stein: das ist zu viel Arbeit mit zu wenig Ergebnis. Ich glaube, ich mache das in Zukunft anders, ich weiß nur noch nicht wie. Ich kann nicht in drei Zeilen etwas zu einem Buch sagen. Für richtige Diskussionen ist das wohl nicht das geeignete Forum. Auf jeden Fall muss es da eine Veränderung geben. Ich habe da ja Wochen Zeit, mir etwas zu überlegen.

    Außerdem bin ich schon in Abschiedsstimmung. Ich habe aufgehört, in der Bibliothek zu arbeiten. Leider. Ich kann nicht mehr. Olga ist schon in Moskau, meine Freundinnen von der Uni sind alle weg, Marie ist im Urlaub, Julian ist im Urlaub und ich bin total kaputt und mache nur Blödsinn. Eigentlich könnte ich morgen schon fahren, aber ich habe eine Fahrkarte für nächste Woche. Ich hänge ein bisschen in der Luft, ich werde mir gleich wohl einmal Olgas Vodka-Sammlung ein wenig näher anschauen, die hat da mindestens zehn Flaschen stehen. Außerdem kenne ich diverse Verstecke von Schokolade, hochwertigstes Konfekt und Pralinen.

    Habe ich das einmal erzählt, diese Geschichte, dass mein Vater mit einem VW Bus voller Bücher nach Hause gekommen ist? Daran kann ich mich gar nicht erinnern.

    Aléa

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 24. August 2010 um 23:33

    Liebe Aléa,
    wie NO kann ich mich gut an die Geschichte mit dem VW-Bus voller Bücher erinnern. Eine wunderbare Geschichte, die auch noch klang, als könne sie wahr sein :) . “Hochwertigstes Konfekt” – das weckt Phantasien bei mir und Begehrlichkeit…(Ich mag alles mit Pistazien und Zartbitter besonders gern).

    Alkohol in Pralinen mag ich dagegen nicht.

    Was mich zu Uwe Johnson bringt, den ich als ganz junges Mädchen sah und dachte: Beeindruckend. Und: Ein Alkoholiker. Ich dachte nicht: Beindruckender Alkoholiker. Das war er aber zweifellos auch.

    Heute – mit der Erfahrung einer erwachsenen Frau – glaube ich nicht mehr, dass einer wie Johnson durch die Umstände (die Untreue seiner Frau etwa) zum Alkohol kam. Es war etwas in ihm, an ihm, das immer schon “verunglückt” war. Ich weiß wohl, wie das klingt. Determinismus. Politisch lehne ich das ab. Aber selbst die Größten, wie Büchner, schauderten, wenn sie auf “den Menschen” sahen: Was da zusammen kommt. Dass einer sich selbst nicht lieb haben kann: wie aufbrausend den das macht und wie heftig und vergeblich ringend um das, was ihm fehlt.

    Heute ist der 24. August. 4 Jahrestage ist´s her, dass Gesine, Marie und Dr. Kliefoth da standen, am Meer. Das Kind soll achtgeben auf die Mutter. Aber er, Johnson, der Autor, hat – über (Eifer-)Sucht und Schreibblockade und Selbstaufgabe doch lang schon gewusst, dass er sie nur bis hierher bringen wird, dass es dann Aus ist mit Gesine, die eben auch immer schon eine “Verunglückte” war, Heinrich und Lisbeths Tochter.Von Jakob immerhin bleibt ihr die Tochter Marie. Und uns. Die verspricht aufzupassen. Auf die Jahre und die Tage. Was die Mutter erinnert hat.

    Dass er sie schicken würde auf den Wenzelsplatz, wenn die sowjetischen Panzer dort einrollen, das immerhin hat er nicht gewusst, als er begann den Roman zu schreiben. Er, der ehelich einer verbündet sich meinte, die “sich im Tschechischen, in der Sprache wie der Kultur wie der Ortskenntnis, ausgebildet und geübt gehalten hat”. Die ehelich Verbündete, erfährt er dann, betrügt ihn mit einem tschechischen Offizier. Und er lügt gegen Gesine. Hatte er, der ihr in der Zeit voraus war und um die Ereignisse in Prag wusste, Mrs. Cresspahl nicht versprochen, ihr eine Alternative vorzuschlagen? Er tat´s nicht. Ließ sie verunglücken. Wie sich. Der beschädigte Autor konnte seine Figur nicht davon kommen lassen. Die Welt hatte sich verschworen, ihn davon abzuhalten die “Jahrestage” am 20. August 1968 enden zu lassen. Gegen die fiktionale Verschwörung gelang ihm in letzter Kraftanstrengung die große Fiktion: “Denn ihr habt etwas unterschätzt, Genossen, nämlich das Bedürfnis, die Verständigung mit Mrs. Cresspahl von neuem herzustellen, ohne Mithörer, Mitleser, Mitsprecher diesmal.” Alle Welt ist ihm Roman-Welt. Alle Tage sind Jahrestage. Das ist gefährlich. Lebensgefährlich. “In der Folge habe er eine eigene Todesstrafe gefunden, abzuleisten durch Ableben.” Beschleunigt durch Alkohol.

    Ich gehe nie auf Friedhöfe.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 01:03

    Liebe Melusine,

    was ist denn das für ein schickes Bild da oben rechts?

    Außerdem haben Sie einen beängstigend schönen (und schön beängstigenden) Kommentar geschrieben. Ich weiß, dass Sie ihn getroffen hatten. Das schwingt mit in Ihrem Todesstrafen-Zitat. Haben Sie gut gemacht. Gefällt mir sehr. Vielleicht bleiben wir hier doch nicht stehen. Ich suche mir noch ein paar Stellen aus.

    Ach, und Aléa: Es wird Ihnen glänzend gehen morgen früh. Meine Hochachtung an Olga übrigens für d i e s e Sammlung. 10 Flaschen Vodka hatte nicht einmal mein Freund Frido Keiling im Gainsbourg. Jetzt bin ich sicher, ich kenne die Dame. Aus der Viktoria Bar. Letzten Herbst (!). Am Tisch neben uns vier russische Journalistinnen. Die haben uns eingeladen zu Russky Standard. Aus lokaler Verbundenheit liebe ich eigentlich polnischen. Aber seitdem auch diesen.

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 09:04

    Zuerst einmal muss ich mich entschuldigen, dass ich mich hier überhaupt einmische, aber ich finde diese “Unterhaltung” zwischen Melusine und NO und gerade den obigen Beitrag der ersten einfach großartig und wollte dies einmal gesagt haben, obwohl ich die “Jahrestage” nur literarisch kenne, aber noch! nicht gelesen habe. So ist das mit Büchern. Ich meine mich zu erinnern, Johnson vor mehr als dreißig Jahren einmal angelesen zu haben und mir ist damals der Zugang zu seiner collagierten Schreibweise wohl schwer gefallen. Bei dem Satz “Es war etwas in ihm, das immer schon verunglückt war, bei dem Wort “verunglückt” musste ich an eine kurze Geschichte von Johnson denken, die ich gerade durch Zufall in der Ausgabe des “Tintenfisch 19. Jahrbuch: Deutsche Literatur 1980 gelesen habe “Ein Vorbild”, dort ist von einem Autounfall eines Jonathan die Rede und ich fand die Art, die ganzen Begleitumstände dieses Unfalls aus unterschiedlichen Perspektiven zu beschreiben sehr gelungen. Einordnen kann ich diese Kurzgeschichte allerdings nicht. Was ich eigentlich sagen wollte, sie führen hier keine einsame Unterhaltung, sondern machen alle neugierig, die “Jahrestage” oder “Mutmaßungen über Jakob” zu lesen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 10:00

    Lieber NO,

    Russen können Vodka saufen als sei das Wasser: der hier war da auch dabei, bei meinem kleinen Versuch: http://www.stolichnaya.de/produkt-elit.html . Ich habe nur die offenen Sachen angetrunken und es dann recht schnell auch wieder gelassen, allerdings war es da schon fast zu spät. Das war auch schon vorgestern. Was Essen und Trinken angeht, ist Olga ansonsten ausgesprochen diszipliniert. Die kann hungern, bis sie sich den Magen auskotzt. Vodka auf leeren Magen ist ein Appetitzügler. Aber da gibt es andere Sachen, in der Apotheke.

    Das wird nicht Olga gewesen sein, wenn Sie die sehen, dann wissen Sie sofort, womit die ihr Geld verdient, mit ihrem Aussehen. Da kommt keine andere Berufsgruppe in Frage.

    Ja, machen Sie ruhig weiter mit Ihrem Johnson-Projekt! Wie Sie an dem Beitrag des Bücherbloggers erkennen können, wird das auch alles gelesen.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 10:13

    Liebe Melusine,

    wo ist das Foto? Warum haben Sie das wieder herausgenommen?

    Wie NO gefällt mir Ihr letzter Beitrag hier ausgesprochen gut. Das sind große und wichtige Themen die Sie da sehr umsichtig ansprechen: inwieweit die eigene Biografie ins Schreiben einfließt, konkrete Lebensumstände, Liebe oder Eifersucht meinetwegen, Schreibblockade, Unglück, ob man es nun anzieht oder abstößt; und die Frage wie, oder vielmehr der Umstand das, fiktive Figuren Aufgaben des realen Lebens übernehmen, diesen entgegenstehen oder sie verwirklichen müssen, weil man selbst es nicht schafft, das Be- und Entlastende der Phantasie. Die Wege, die einer und eine gehen, die sich hier in der Wirklichkeit und dort in der Phantasie so sehr ähneln und doch unterschiedlicher nicht sein könnten.

    Die Todesstrafe durch Ableben des Lebens: sehr schön!

    Vielen Dank!

    Aléa

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 11:46

    Liebe Aléa,

    die “Todesstrafe durch Ableben” – das ist aus Johnson “Skizze eines Verunglückten.”

    Ich erröte richtig wegen dieser lobenden Worte :) .

    Wegen des Fotos: Meine Söhne sagen: Darauf kann man dich erkennen, nimm das raus. Also tu ich´s. Das ist die Abrede: Ich darf mich im Internet tummeln, aber nicht so, dass ihre Freunde mich erkennen könnten. (Hilft gar nichts, wenn ich denen sage: Eure Kumpels lesen eh nicht da, wo ich was schreibe. “Man weiß nie”, sagen sie.)

    Herzliche Grüße
    Melusine

    Kommentar von Olga B
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 15:15

    Baby, ich seh alles!

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 15:21

    Olga,

    das wollte ich bloß nachprüfen. Bist du noch in NY? Wann kommst du zurück? Warum hast du keine Nachricht ans Brett geschrieben? Sehen wir uns noch? Ich fahre kommenden Mittwoch und bleibe drei Wochen.

    Sag bitte nicht “Baby” zu mir in der Öffentlichkeit, ich versuche hier einen seriösen Eindruck zu hinterlassen. Das kann ich in Zukunft vergessen, wenn du so mit mir sprichst.

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 15:41

    Liebe Olga B.,

    ich kann da auch nur warnen, denn wenn Sie diesen Blog lesen, wissen Sie, dass wir wissen, was die Anrede „Baby“ bedeutet bei Ihnen, wenn diese Anrede Aléa Torik gilt.

    Freut mich aber ungemein, dass Sie sich hier melden, denn ich war mir sicher, Sie sind, was der Torjäger vom 1. FC Nürnberg, Marek Mintal, immer genannt wurde: Das Phantom. Ich dachte, Sie gibt es gar nicht.

    Bei dieser Gelegenheit: Sagt Ihnen der Name Alban Nikolai Herbst etwas? Vermutlich nein, macht auch wirklich nichts und kann (sollte) so bleiben. Aber der betreibt auch einen Blog. Und da treten auch immer Personen auf, die gibt es gar nicht. Also mit anderen Worten: Restzweifel bleiben (immer).

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 16:50

    Oh NO,

    dass auch Sie zur Schar der Zweifler dazugehören, das hätte ich ja nicht gedacht. Ich bin enttäuscht. Oder doch nicht, nein, NO, ich bin nicht enttäuscht. Ich wende mich nur zufällig von Ihnen ab.
    Missverstehen Sie das bitte nicht falsch, ich antworte nicht anstelle von Mrs B. das muss sie schon selbst tun. Sie müssen allerdings ein bisschen Geduld mitbringen, Olga frequentiert mein Blog nicht regelmäßig.
    Restzweifel bleiben allerdings auch bei mir. Und da ist es vor allem die Uhrzeit, die mich wundern lässt, sind es nicht sechs Stunden zurück? das hieße, dass die Dame vor neun Uhr morgens (!!!) aus dem Bett gekommen ist. Das kann nicht freiwillig geschehen sein.

    Tony Torik

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 25. August 2010 um 18:35

    Lieber No, Sie sind ein Traum. Nicht nur wie und was Sie lesen. Sie kennen auch noch Marek Mintal. Sagen Sie bloß, Sie gehen auch zum Fußball? (Nürnberg ist natürlich nicht so der Hit:)
    Samstag ist das 1. Heimspiel der Saison für mich. (Ich hab´ne Dauerkarte.)

    Melu (bloß weil Frau Torik sich Tony nennt)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 26. August 2010 um 11:01

    Liebe Melusine,

    Tony Torik verdanke ich NO. Wie die meisten meiner Namen, Tony Torik, Penthesilea, Penthesi(a)lea, Fantasylea, und da sind noch einige mehr, die mir gerade nicht einfallen wollen. Das Tony verdanke ich dieser einen Stelle hier, die ich jetzt in Gänze zitiere, aus Thomas Mann, Buddenbrooks, der Vater von Tony erklärt seiner Tochter, die am Meer ist und sich gerade in Morton verliebt, in einem Brief warum sie den Heiratsantrag von Benedix Grünlich anzunehmen hat:

    „Das eine aber, welches ich Dir mündlich schon oft zu verstehen gegeben, möchte ich Dir ins Gedächtnis zurückrufen, und freue mich, Gelegenheit zu haben, es Dir schriftlich zu wiederholen. Denn obgleich die mündliche Rede lebendiger und unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene Wort den Vorzug, daß es mit Muße gewählt und gesetzt werden konnte, daß es feststeht und in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und berechneten Form und Stellung wieder und wieder gelesen werden und gleichmäßig wirken kann. – Wir sind, meine liebe Tochter, nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wären, so wie wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und ohne nach rechts und links zu blicken einer erprobten und ehrwürdigen Überlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dünkt, liegt seit längeren Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du müsstest nicht meine Tochter sein, die Enkelin deines in Gott ruhenden Großvaters und überhaupt nicht ein würdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im Sinne hättest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich Dich, in Deinem Herzen zu bewegen. -“

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 26. August 2010 um 11:18

    Liebe Melusine,

    lassen Sie sich von der Drachin nichts erzählen, die nennt sich selber Tony Torik in Erinnerung an Toni Turek, den hat sie nämlich noch selber spielen sehen und ist ganz vernarrt in ihn und andere Torwarte, namentlich Tony Schumacher (auf den standen ja alle Frauen). Sie will nur ablenken und ihren Blog zurückführen in das ernste Gebiet der Literatur und versucht das mit Thomas Mann, hätte an dieser Stelle aber mal lieber Peter Handke genommen!

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 26. August 2010 um 11:42

    Lieber NO,
    die Drachin: das gefällt mir sehr gut. Das werde ich beibehalten.
    (“Vernarrt in Torwarte”: das wäre vielleicht ein Titel für einen Handke`schen Fortsetzungsroman, aber nicht für mich)
    Aléa Dragon Torik

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 26. August 2010 um 13:07

    Tony Schuchmacher? – ich weise das zurück. Nicht a l l e Frauen standen auf den. Ich nicht! Ich steh´eh mehr auf den 6er. :)
    Fußball-Literatur lese ich auch nicht. Aber am Samstag ziehe ich die Kutte an, meine Kappe auf und los geht´s! Dann singe ich aus voller Kehle: “Wir werden deutsche Meister.” Und das ist die größte Fiktion von allen. Denn “wir” werden das nie (not in my lifetime!).

    @Alea – gut formuliert hat das der doppelte Thomas und doch erwies sich´s als der schlechteste Rat. Brr, Benedix Grünbein. Da zieht sich mir richtig was im Mund zusammen. Muss ich wegspülen. Mitten am Tag nur mit Wasser.

    Herzlichst
    M.B.

    PS. No, Sie suchen doch noch Stellen raus? Bitte.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 27. August 2010 um 10:24

    Lieber Bücherblogger,

    enorm gefreut habe ich mich über Ihr gewecktes Interesse an den „Jahrestagen“ und/oder den „Mutmaßungen über Jakob“. Nach allem, was ich bisher von Ihnen gelesen habe, bin ich sicher, da wird Ihnen etwas gefallen.

    Für den mir geltenden Teil Ihres Kompliments bedanke ich mich. Aber Sie haben recht, Melusine Barby gebührt es ganz allein. Ich wollte Sie auch fragen, ob Sie dieses wunderbare, einfühlsame Gedicht lesen würden, es wurde zum ersten Satz der „Mutmaßungen“ („Jakob war immer quer über die Gleise gegangen.“) als „Unter den Gleisen“ veröffentlicht:

    Nur das Wasser singt
    kühlend mir ein Lied
    Wenn unter den Brücken
    Es züngelt im Ohr
    Hingestreckt den Zügen
    Erschüttert der Körper
    Rollender Wägen
    Lärmen begehrlich birgt
    Und fort wächst von hier
    Hinter dem Schall
    Ich werde rasend, toll –
    Ist das ein Wunder?
    In weite Ferne
    dehnt sich das Kind
    Ich, Irre, rase schon,
    Ist das zum Staunen?

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 27. August 2010 um 14:41

    NO, diese Spielerei mit dem Divan so zu “outen”….

    “Ungehindert, liebe Herren,
    Sucht sie auf! Nur hört das eine:
    Ihr erschrecket, wenn sie dasteht;
    Ist sie fort, ihr kost dem Scheine.”

    Die Herren knöpf ich mir noch vor.
    Und zu. Zugluft. Ruht nie. Genug.
    Drängt fort und hin. Scheinbar.
    Kein Hinderungsgrund, nicht wahr?

    Und noch was: Ist Ihnen schon aufgefallen, dass manche sagen: Gleise und andere: Geleise. Da liegen Welten dazwischen. Vielleicht. Das sind so die Sachen, über die ich grüble. Fällt Ihnen dazu was ein?

    @Bücherblogger Für das Kompliment bedanke ich mich auch. Ich habe – dank NOs Schreiben! – in meinen Regalen gewühlt und ganz hinten einen Buch-Kasten gefunden: “Versuch einen Vater zu finden” und “Marthas Ferien” von Johnson sind drin und eine Kasette (richtig: für einen altmodischen Kasettenrekorder). Johnsons Stimme.
    Und als ich die Kasette rausnahm, fand ich ein Foto. Das zeigt… doch davon – vielleicht – ein andermal mehr.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 27. August 2010 um 15:21

    Jahrestage Johnson

    12. August 1968

    „Prof. Dr. jur. Tatarin-Tarnheyden aus Rostock, geb. 1882, verh. am 22. November 1945; durch SMT verurteilt zu zehn Jahren ZAL.
    Prof. Dr. Ernst Lübcke, geb. 1890, Naturwissenschaftler, am 8. September 1946 von sowjetischen Offizieren festgenommen; in die Sowjetunion verbracht, verschwunden.
    Joachim Reincke, geb. 1927, stud. Med., verh. 1948; verurteilt durch SMT Schwerin zu fünfundzwanzig Jahren ZAL.
    Herrmann Jansen, geb. 1910, katholischer Studentenpfarrer zu Rostock, verh. 1948, verurteilt durch SMT Schwerin zu fünfundzwanzig Jahren ZAL.
    Wolfgang Hildebrandt, geb. 1924, stud. iur., verh. am 3. April 1949,verurteilt durch SMT Schwerin zu fünfundzwanzig Jahren ZAL.
    Rudolf Haaker …“

    So geht das seitenlang. Uwe Johnson referiert Verhaftungen und Verurteilungen durch die Sowjetische Militärmission in der DDR kurz nach dem Krieg. Eine lange, lange Liste. Literatur? Ja! Literatur von einem anderen Stern. So hieß es über Roberto Bolaňo. Der hat in „2666“ (u.a. S. 698 ff) auch Listen aufgestellt über in Mexico ermordete Fabrikarbeiterinnen:

    „Im Juli fand man in einem Abwasserkanal östlich der Siedlung Mytorena, in der Nähe einer Schotterpiste … die Leiche einer Frau. Die Tote war zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt … und seit mindesten 3 Monaten tot …
    Im September wurde hinter Müllcontainern in der Calle Javier Paredes … die Leiche von Ana Munos Sanjuan gefunden. Ihr Körper war vollständig nackt …
    Im September fand man auf einer Brachfläche in der Siedlung Sur die in eine Decke … gewickelte, nackte Leiche von Maria Estela Ramos….
    Am siebten Oktober wurde 30 Meter neben den Bahnschienen … die Leiche einer vierzehn bis siebzehn Jahre alten Frau gefunden…
    In der Nähe des Fußballplatzes …“

    So geht das dutzende von Seiten lang. Literatur? Ja, die von dem anderen Stern! Aber andere können das auch:

    „ … Berlin ist die Stadt der Einsamen, die ständig steigende Zahl der Single- und Einpersonenhaushalte macht einen selbst dann einsam, wenn man es gar nicht ist, Eheanbahnungsinstitute und Partnervermittlungen, Standesämter, Hochzeitskleider und Brautmoden, Kutschen, Babyausstatter, Eheberatung, Scheidungsanwälte, Wahrsager und Teufelsaustreiber, Inkassobüros und Gerichtsvollzieher; Einkaufszentren, Kaufhäuser, Supermärkte, Tante-Emma-Läden, Bioläden, Naturkostläden, Reformhäuser, Drogerien, Reisebüros, Schuhgeschäfte, Zeitungsläden, Eisdielen, Raumausstatter, Optiker, Studios für Maniküre und Pediküre, Schreibwarenläden, Haushaltsgeräte, Elektrogroß- und kleingeräte, Bastelläden, Fahrradläden, Küchenausstatter, Photostudios, Änderungsschneidereien, Geschäfte für Tapeten und Teppichgeschäfte, Geschäfte für Farben und Lacke, Sportbekleidungsfachgeschäfte, Taschen- und Kofferfachhandel, Gardinengeschäfte, Hutgeschäfte, Spielzeuggeschäfte, Lampenläden, Bettengeschäfte, Zoohandlungen, Teegeschäfte, Juweliere, Uhrengeschäfte, Reinigungen, Schuster, Restpostengeschäfte, Stempelgeschäfte, Schildergeschäfte, Gravuren, Maßkonfektionäre, Herrenausstatter, Videotheken, Blumengeschäfte und Gärtnereien, Fleischereien und Bäckereien mit Brot und Brötchen und Hörnchen und Laugenbrezeln und Käsestangen in den Regalen, mit Hefezöpfen und Pasteten und Marmeladentörtchen und Plunder und Sahnetorten und Baisers und Croissants und Tarts und Eclairs und Petit Fours und Baumkuchen und Apfeltaschen und Kirschkuchen und Pflaumenkuchen und Windbeuteln und Krapfen und Makronentörtchen und Vanillekipferl und Spekulatius und Eierschecke und Bienenstich und Kameruner und Kopenhagener und Amerikaner und Mailänder- und Linzer Schnitte und Russischer Zupfkuchen und Blätterteigtaschen und Zitronenrollen und Streuselschnecken und Ochsenaugen und Schweineohren und Mohrenköpfen und Nussecken und Mandelhörnchen und Mutzenmandeln und Florentiner und Heidelbeermuffins und Marmorkuchen und Kalter Hund und Rumkugeln und Rhabarber- und Preiselbeertörtchen und Quarkstrietzel und Joghurtschiffchen und Frankfurter Kranz und Sachertorte und Donauwelle und Lebkuchen und Printen und Dominosteine und Zimtsterne und Marzipankartoffeln … “.

    Lesenswert? Was für eine Frage! Literatur? Aber selbstverständlich: Wie die Liste des Allgemeinen plötzlich in die Listung der Kuchen kippt. Wie hier jemand so etwas wie „Quarkstrietzel“ einführt. Wie die Behauptung „Stadt der Einsamen“ ad absurdum geführt wird durch Berufs-Personen und Kuchen-Kinder. Ist das nicht Warhols „Campbell‘s Soup(s)“ in Sprache transformiert? Günther Eichs „Inventur“ in Prosa? Und beschreibt diese Berlin-Liste nicht in einer sternenklaren Deutlichkeit, wie man den Überfluss in Berlin, in den Städten, in Deutschland, in der westlichen Welt empfunden haben könnte, wenn man denn aus anderen Verhältnissen käme, seien diese die DDR oder Rumänien oder sonst was, seien diese die Dörfer auf dem Land?

    Ob Uwe Johnson Verfolgung erlitten hatte in der DDR, oder gar Verhaftungen, so wie von ihm gelistet, steht zu vermuten, aber ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Mordserien wie bei Bolano oder Vielfalt wie in (dem vereinten) Berlin hat er in Jerichow oder Rostock sicher nicht selber erfahren.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. August 2010 um 22:03

    Lieber NO,

    Selbstaussagen von Schriftstellern zu ihrem Werk sind, wenn ich mich da nicht täusche, kaum über den Weg zu trauen. Denn entweder kennen sie das Ziel, wo sie hin wollen oder sie kennen den Impuls, der sie antreibt. Beides zu kennen, ist, meine ich, nicht gut.

    So war mir etwas in dieser Aufzählung, die ich da machen wollte, in diesem Romankapitel, nicht klar, bis ich eben Ihren Kommentar las. Es ging mir darum, den Gegensatz zwischen Dorf und Stadt, zwischen Armut und Reichtum anzusprechen. Ich wusste allerdings noch nicht, dass man jedes der genannten Worte verlängern, ausführen, variieren könnte; so wie ich das mit einigen wenigen getan habe, mit einer Bäckerei, einer Parfümerie, einem Blumenladen; aber genauso gut hätte ich das mit einem Hutgeschäft, einem Teegeschäft und einem Lampenladen machen können.

    Überfluss klingt so mäkelig und danach als ob hier jemand ein anderes, besseres Maß hätte. Dieses Maß habe ich nicht und ich traue es auch keiner meiner Roman Figuren zu, ich mag allzu kluge Figuren in Romanen sowieso nicht. Diese unendliche Fülle – dass es immer alles gibt – und dass es einem nicht auffällt – weil es immer alles gibt - das ist schon erschreckend, weil es auch mir nicht mehr auffällt, dass es immer alles gibt. Und dass das vielleicht ein Grund für ein Thema ist, das mich sehr beschäftigt, fasziniert und abstößt: Einsamkeit. „Die Menschen in der Stadt sind unnahbar. Unnahbar und kalt. Aber weil es so viele sind, wärmen sie dennoch“ heißt es einmal in diesem Kapitel, das noch nicht fertig ist.

    Und da ich dreißig Seiten von dem Zeug habe, kann ich großzügig sein:
    „Und Veranstaltungsagenturen und Banken und Sparkassen, Versicherungen, Rückversicherer, Bausparkassen, Sparstrümpfe, Wechselstuben, Wasserwerke, Gaswerke, Kläranlagen, Mülldeponien, Müllverbrennungsanlagen, Krematorien, Schornsteinfeger, Ofensetzer, Kohlenhandlungen, Stromwerke, Gaswerke, Rohstoffhandlungen, Speditionen, Gärtnereien, Sportgeschäfte, Fotogeschäfte, Musikgeschäfte und Notengeschäfte, Fußballplätze und Fußballstadien, Tennisplätze, Reithallen und Reitplätze, Billardsalons, Spielotheken, Bowlingbahnen, Kegelbahnen, Vereinshäuser, Pfarrämter, Sozialämter, Sozialdienste, Sozialbauten, Trabantenstädte, Stadtvillen, Slums, Gesundheitsämter, „Das Geschäft für Gesundheit“, was für eine Gesundheit das wohl sein mag?; womöglich hat man dort eine allumfassende Auffassung von diesem Begriff, jenseits von gesunder Ernährung, jenseits von Medizin und Weltranschauung, Anhänger einer Sekte, die der Auffassung sind, das man so gesund leben könne, dass man eines Tages auch gesund stürbe; Grünflächenämter und das Kastasteramt, das Bundesamt für Materialprüfung, Schulamt, Wohnungsamt, Sozialamt, Liegenschaftsamt, Forstämter, Postämter und das Postfuhramt in der Oranienbugerstraße, Meldestellen, Ausländerbehörden, Vermessungsbüros, Hausverwaltungen, Setzereien, Kostümfundus, Bahnhöfe und Flughäfen, Bushaltestellen, Busbahnhöfe, S-Bahn- und U-Bahnlinien und S-Bahn- und U-Bahnhöfe und S- und U-Bahnhofseingänge und S-Bahn und U-Bahnbetriebshöfe, und nicht zu vergessen, die S- und U-Bahnen, Millionen Fahrgäste jeden Tag, man betritt einen Bus oder einen Waggon und muss sich entscheiden wo man sitzen will, man muss sich in ein Verhältnis zu denen begeben, die bereits sitzen oder stehen, neben wem will man sitzen, wen lieber meiden? dann setzt man sich einfach irgendwohin, so weit weg von den anderen wie möglich, auch wenn man dabei in Wirklichkeit nur von seinem Wunsch Abstand nimmt, so nah wie möglich an sie heranzurücken.“

    Danke für Ihren langen Kommentar.

    Aléa

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 28. August 2010 um 01:10

    @NO
    Jede der o.g. Aufzählungen beinhaltet in ihrer Auflistung gleichzeitig die Intention, die Rebellion gegen die beschriebenen Verhältnisse. Johnson klagt die absurden Aburteilungen nach dem Krieg durch sowjetische Militärtribunale (SMT) an. Bolaño klagt die Mörder der Frauen und damit die extreme Kriminalität Ciudad Juarez´ an.
    Die zunächst eher zufälligen Auflistungen der Geschäfte und Betriebe, der Wirtschaft und der (Back-)Waren beschreibt eine im Überfluß erstickende kapitalistische Gesellschaft. Bei Aléa münden die vielen Gemeinschaftseinrichtungen, die am Ende für Millionen Einwohner Berlins bereitgestellt werden in die Erfahrung der Vereinzelung in der Masse, der Einsamkeit unter vielen. So haben alle diese Aufzählungen neben ihrer bloß rhetorischen Funktion auch eine ihnen innewohnende Utopie, ihr Gegenteil, das im einzelnen Wort Genügen findende Glück.

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 28. August 2010 um 17:17

    @Buecherblogger

    Mord und Totschlag, die Vereinzelung des Individuums, patogene Träume usw., das ist darstellbar ohne Wenn und Aber. Das gelingt gerade poetischer Rede. Schon die philosophische Rede (ganz zu schweigen von soziologisch-politischer Rede) kann die ontische Qualität des Grausamen, Perversen, Unmenschlich-Schrecklichen, den “Molochismus” nur diskursiv gebändigt behandlen.
    Möglich, dass die geistvolle Annahme eines utopischen Kerns, den die Wörter in sich tragen, sogar stimmt, mag sein, dass es Intentionen gibt, die sich zwingend ergeben. Darauf zu setzen aber wäre ganz falsch. Am Ende steht die Hofferei.

    Freundliche Grüße – Avenarius

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 30. August 2010 um 13:59

    @Avenerius Am Ende (also wirklich am Ende) kann man auf nichts anderes setzen.

    Aufzählungen, Listen, Wiederholungen – mehr noch als in die Zukunft (auf eine Utopie hin) scheinen sie mir ein Versuch, “die Gegenwart festzuhalten”: ein unmögliches Verlangen, das aber alle Kunst- und Literaturproduktion anstiftet (meine ich) und hier auf seinen Kern zurück geführt wird.

    Listen schreiben heißt sich lösen von der “Sinnsuche”, der Bedeutungsunterstellung, einfach zeigen, was gewesen)ist; es ist ein Bemühen, die Wirklichkeit, die Dinge in die Schrift zu holen, der notwendig scheitern muss, der hier aber aller illusionistischen Verstellung entblößt wird.

    “Auswendig gelernt, die äussere Kruste des Gewesenen, in die Kette der Jahre gezwängt, die zurückrasselt in den Brunnen. Statt der Wahrheit Wünsche an sie, auch Gaben von der Katze Erinnerung, dem Gewesenen hinterher schon durch die Verspätung der Worte, nicht wie war, bloss was ich davon finden konnte: 1888. 1938. 1968. Damals.”

    1888. “Im Falle eines Weltuntergangs plante von Bismarck nach Mecklenburg umzusiedeln, weil dort alles dreihundert Jahre später eintreffe. Lenin war achtzehn Jahre alt, Stalin acht, Franklin Delano Roosevelt sechs, Churchill dreizehn, Einstein neun, Hitler war fällig im nächsten Jahr. Bukauh von Halberstadt/Bring min lütten Jungen wat.”

    Ich mag Bismarck nicht. Und nicht die Bismark-Denkmale. Hier steht auch so eins. Dass ich fiktiv an den See, in die Mark (nicht bis ganz dort hin, wo Cresspahl geboren wurde), zog (oder es mich zog) hängt dennoch irgenwie daran. Weil man nach vorne nur schauen kann, wenn man sich hinten anstellt. Oder so. Sich verlangsamen.

    (Uwe Johnson: Versuch einen Vater zu finden. Ausschnitt aus: Heute neunzig Jahr, 1975)

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 30. August 2010 um 19:41

    Jahrestage Johnson

    19. Juni 1968

    „Als Kinder, noch in einer Kornhocke, haben wir gedacht: uns sieht keiner. Wir werden alle gesehen.“

    Gesine Cresspahl lebt in New York, New York. Da lebte auch Uwe Jonson eine Zeit und las Zeitung, NYT, die alte Tante Times. Las ich auch. Gesine auch. Sie sieht auf Manhattans Straßen: Blinde Bettler in der Lexington Avenue, Münzspenden in dem Wassereimer des Blindenhundes, für die Subway-Jetons (Token heißen die ja) gedrungene breite Eimer wie beim Pferdetränken, Blitze über Hudson River, die scharfe Risse ins Gehirn ätzen.

    Aber wenn Gesine Cresspahl nicht liest oder schaut, erinnert sie sich ans Land. Das Land, den Ort Jerichow in der Nähe der Kreisstadt Gneez in Mecklenburg, das gehörte damals zur Deutschen Demokratischen Republik, da kommt sie her, dort zurück hat sie ihren Vater gelassen, der wollte nicht mehr weg nach New York, der Tischler Heinrich Cresspahl. Das müssen Töchter manchmal so machen, die Väter zurücklassen, das ist eine alte Geschichte, und wem sie passieret, dem bricht das Herz entzwei. Das Land um Jerichow, an das Gesine sich erinnert, war Kornland; Felder, Getreide. Johnson-Land.

    Kornland, wo es noch Hocken gibt, ist Kinderland, wo es noch Verstecken gibt. Das ist Märchenland. Für jeden von uns. Das ist auch ein Land jenseits der Wälder, bei den sieben Burgen, ein Land, wo es noch Großväter gibt, die Schuhe reparieren, wo VW-Busse auf Bauernhöfen herumstehen und Mädchen Trecker fahren können.

    Kronland – das ist auch die hügelige, wellige Gegend der Dörfer südlich von Hamburg, Getreidefelder und Mischwälder, Osterfeuer, ein Rosengarten, eine Hütte im Wald, elbnah, nebelig im Herbst, Küstenklima, fast zwei Stunden weg die Ostsee. Bienenwagenland. Getreide und Weide, Kuhherden und Pferdekoppeln, Bauernhöfe.

    Die Welt war noch in Ordnung, aber Kornhocken gab es schon damals nicht mehr. War die Welt noch in Ordnung? Ist sie es jemals? Ging nicht Spielzeug kaputt, was man dem Vater gar nicht gestehen mochte? Hatte man nicht die Kindersorgen gezählt? Drohten nicht Lateinarbeiten? Die im Dunkeln sieht man doch!

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 30. August 2010 um 19:54

    Vielen Dank für die Antwort.

    Das Zitat ist außerordentlich dicht und von einer ohrenbetäubenden Stille.

    Es ging mir nicht nur um die rhetorische Anwendung von Aufzählungen. Dass diese mitunter den Sinn haben kann, einer an Ordnungssystemen des Sittlichen und Logischen interessierten ästhetischen Wertung zu entkommen, ist klar. Mitunter, denn zunächst ist die Frage nach dem Zustand des Textes zu stellen. Es gibt ja Literatur, die gleichnishaft sein will, die thematisch engagiert ist und ihre Sache dabei gut macht. Auch möglich.

    Was ich beobachte, und darum ging es mir, ist eine vorschnelle Lesart, die moderne Texte (denn die anderen halte ich nicht für modern) unangemessen behandelt.
    Überall lauert die Sinn-Deutung, die Parabolisierung als der schleichende Versuch einer konservativen Moral, den Text für ihren eigenen Protest gegen reale Zustände inanspruch zu nehmen.
    Das die „Anforderungen an Sittlichkeit und Moral“ das „ganze Wesen des Dramas vernichte“ erkennt schon Kleist in einem Brief vom Spätherbst 1807. Die Einsicht, dass das Gleichnis literarisch irrelevant sei, formuliert Kafka (Von den Gleichnissen) für seine Prosa unmissverständlich.
    Ich möchte hier aber keinen (möglicherweise nötigen) Disput anfangen. Und bei meiner beschämende Unkenntnis, was das Werk U. Johnsons angeht, bleibt mir nur noch der Trost der Legitimität des Verschwindens.

    Freundliche Grüße – Avenarius

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 2. September 2010 um 11:02

    Jahrestage Johnson

    2. Februar 1968

    „Die Katze Erinnerung, wie du sagst.
    Ja. Unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Und doch ein wohltuende Geselle, wenn sie sich zeigt, selbst wenn sie sich für unerreichbar hält.“

    Manhattan, Riverside Drive. Gesine Cresspahl erinnert sich an ihre ostdeutsche Heimat. Sie spricht auf Tonband. Es ist für Marie. Es ist Gedächtnisstütze für die Zeit, da Gesine tot sein wird und der Tochter ihrer großen Liebe Jakob nicht mehr von Mecklenburg wird erzählen können.

    Die Katze Erinnerung ist eines der schönsten Bilder, Motive, die Uwe Johnson je gestaltet hatte. Eine Katze ist kein Hund. Sie ist Einzelgängerin, kein Rudeltier. Sie anerkennt keine Hierarchie, befolgt keine Befehle. Eine Katze lässt sich oft nicht, auch nicht durch Futter, durch Aussicht auf Streicheln, heranrufen. Wenn sie nicht will, dann kommt sie nicht. Und dann kriegt man sie auch nicht. Hat man sie aber, weil sie will, ist sie weich und schmusig, schnurrt sie und leckt die Hände ab, schläft schlaff und unaufgeregt ein. Schön. Wohltuend. Einklang: Glück?.

    Johnson hatte nie eine Katze, aber er liebte diese Tiere. Macht man sich klar: In dieser Katzenhaltung scheinen die großen Charakterzüge der besten Menschen durch? Unabhängigkeit, also Freiheit; Unbestechlichkeit, also Urteilskraft. Und Ungehorsam. Ja, das auch. Im Sinne vom Selbstbestimmung. Die wunderbare Ingeborg Bachmann hat das genannt die Tapferkeit vor dem Freund und jedem, der von den falschen Fahnen flüchtete und jeglichen unsinnigen Befehl verweigerte, mit dem armseligen Stern der Hoffnung ausgezeichnet.

    Wie die Katzen, so die Erinnerungen. Mal kommen sie, mal nicht. Will man sie herbeizwingen, verweigern sie sich oft. Kommen sie, sind sie nicht immer angenehm, nicht immer besteht man dann vor dem eigenen Anspruch. „Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten“. Johnson wusste, wovon er schrieb. Seine Jahrestage bilden eine Erinnerungschronik. Erinnerung an vieles, was ihm wichtig war, an einiges, wo er versagte, an Orte, wo er zu Hause war, an Menschen, mit denen er glücklich war. In Mecklenburg, in der DDR, in Berlin-Friedenau und Frankfurt am Main, bei Suhrkamp, mit Unseld, Mang und Frisch, in New York, mit Frau und Kind, mit Hannah Arendt, bei einer Reise nach Klagenfurth, in der Villa Massimo, zerbrochene Freundschaften, Indiskretionen, Geldsorgen, große Erfolge, verlorene Heimaten. Es wird ihm durch den Kopf gegangen sein beim Schreiben der 4. Lieferung seines opus magnum, nach 10-jähriger Schreibblockade. Kurz danach ist er gestorben, einsam und krank, in Sheerness, England.

    Ich habe von einer gelesen, die hatte erzählt von einer halluzinogenen Katze mit Namen Miruna. Sie war Vegetarierin geworden, die Katze. Miruna fraß gern Kerbel. Warum? Sie hatte Angst bekommen um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Mäuse gingen ihr aus.

    Es gibt noch eine andere wunderschöne Katzengesichte, an die Gesine sich erinnert, die vom 11. Juli 1968:

    „Sie saßen morgens auf der Milchbank hinter dem Haus.“ Gesine, kurz nach dem Krieg, morgens in Jerichow, mit ihrem Vater Heinrich Cresspahl, früherer Bürgermeister unter der russischen Verwaltung, dann verhaftet, überlebt, nach Jahren im Lager wieder gekommen. Die älteste Hauskatze will aus dem Nest gefallene Amselkücken „erledigen“. Gesine fängt die verblüffte Katze ab: „Jetzt kam sie zurück mit dem Raubtier unterm Arm und nahm in Kauf, daß das Biest sie für verblödet erachtete“. Aber auch Katzen glauben nur, sie seien unerreichbar: „Dann sah Gesine, daß Cresspahl den Stein weglegte, der der Katze zugedacht gewesen war.“

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 5. September 2010 um 22:53

    “Johnson hatte nie eine Katze, aber er liebte diese Tiere. Macht man sich klar: In dieser Katzenhaltung scheinen die großen Charakterzüge der besten Menschen durch? Unabhängigkeit, also Freiheit; Unbestechlichkeit, also Urteilskraft. Und Ungehorsam.”

    Das erschüttert mich. Weil die Katze Erinnerung faucht, wenn ich das lese. Die Angst. Kaum wage ich es hiernach noch zu gestehen: Ich fürchte die Katzen. Die ersten drei Lebensjahre (an die ich freilich kaum eine eigene Erinnerung habe) wohnte ich mit meinen Eltern zur Untermiete bei der Katzenfrau. In ihrem Hause lebten bisweilen mehr als zwanzig Katzen. Sie waren, sagt meine Mutter, einfach überall. Die “Katzenmutter”, sagt meine Mutter, liebte sie mehr als ihr eigenes Kind. Das war eine kleine Wohnung. Ich schlief im Zimmer der Eltern. Als wir ins neue Haus zogen, hatte ich erstmals meine eigene Kammer. Doch jede Nacht, sagt mein Vater, kam ich nach Mitternacht aufgelöst zu den Eltern gerannt, zitternd am ganzen Leib, verschwitzt und keuchend von der Flucht vor dem Tiger. Das erinnere ich nicht mehr. Aber den Tiger mit seinen glühenden grüngelben Augen, den sehe ich vor mir, wie er auf meiner Bettdecke hockt und mich anstarrt und dann ganz langsam das Maul öffnet und die Reißzähne entblößt. In meiner Erinnerung bin ich wie gelähmt und kann mich nicht rühren. Aber irgendwie muss ich es ja doch jede Nacht ins Zimmer der Eltern geschafft haben.

    Und so kann ich zu “den besten Menschen” wohl nie gehören. (Aber nicht nur deshalb.)

    –Lieber NO, die Johnson-Aufnahme ist jetzt konvertiert, aber ich weiß nicht, wie ich eine MP3 Datei in das Blog einbinden soll. Muss noch mal tüfteln…

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 8. September 2010 um 08:46

    Jahrestage Johnson

    12. August 1968:

    „Die Erinnerungen an Lockenvitz, bringt ein geringfügiges Flattern ins Denken; im Dunkeln aufgescheuchte Vögel.“

    Es ist auch der Schulalltag in der DDR, den Johnson lang und breit beschreibt. Gesine leidet unter der Unfreiheit. Andere auch. Proteste der einen oder anderen Art werden getätigt, man fliegt auf, viele werden verhaftet, Gesine auch. Jakob bemüht sich um Freilassung, am Ende geht für sie alles gut.

    Aber es gibt einen Streber, Lockenvitz, bei dem wird nicht klar, ist er ein 150-Prozentiger oder ein Guter, ein Verräter oder ein Freund? Er wird verdächtigt, man will mit ihm lieber nichts zu tun haben: „Wenn er mir je über den Weg laufen sollte in der Untergrundbahn und bietet mir einen Sitzplatz an: stehen bliebe ich.“ Aber am Ende stellt sich heraus, was der Lockenvitz das alles Gutes getrieben hatte. Da hat ihm das System ganz schön eingeschenkt – und die Jerichower waren bedröppelt. „Wir haben ihn im Stich gelassen, den Schüler Lockenvitz. Damit Anita das letzte Word werde: Schuldig sind wir an ihm.“

    Aber wie so oft: Keine große Auflehnung gegen das System. Und so gerät auch der heldenhafte Schüler Lockenvitz in Vergessenheit. Dann fällt der Satz ganz oben.

    Ich weiß nicht, wer hier liest und so ein Schulsystem – in Deutschland oder Rumänien oder sonst wo – kennen gelernt hat. Muss schlimm sein. Hätte man selber da zum Lockenvitz getaugt? Fraglich.

    Flattern im Denken wie im Dunkeln aufgescheuchte Vögel. Was für große Bilder konnte der Johnson malen! Aufgescheuchte Vögel im Dunkeln – das Bild erinnert mich immer an Goyas „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 9. September 2010 um 14:48

    Liebe Melusine,

    Angst und Erschütterung, das wollte ich bei Ihnen natürlich nicht evozieren. Vermutlich haben Sie dann auch nie das Musical gesehen? Und wie steht es ansonsten mit den Katzen in der Literatur: Poe’s “The Black Cat” oder “Kater Murr” (letzteren habe ich selber allerdings auch noch nicht gelesen!)?
    Und beste Menschen – aber sicher, fragte mich jemand aus über Sie, würde ich antworten.

    Das mit dem hier Einstellen der MP3-Datei würde ich mir an Ihrer Stelle gut überlegen, wenn Sie nicht Inhaberin (Lizenznehmerin) der Verbreitungsrechte an der Aufnahme sind (was ich vermute). Die Rechte dürften dann vermutlich bei Suhrkamp liegen.

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 14. September 2010 um 18:03

    Lieber No,

    (ich hoffe und habe ja auch Grund zu der Annahme, dass niemand Sie je ausfragen wird über mich :) ). Mit der MP3-Datei haben Sie natürlich Recht.

    Tatsächlich habe ich überhaupt erst ein Musical live gesehen und das war Anatevka im Rosengarten in meiner Heimatstadt vor mehr als 25 Jahren. Katzen in der Literatur allerdings sind harmlos, weil sie keine Augen haben und die sind´s ja, die mich ängstigen.

    Der Schüler Lockenvitz (der Name und er hat´s ja auch mit Namen) ist unheimlich, nicht wahr? Wenn der anrückt mit Sinn und Form, Heft 2 Seite 44-49 über “Schach von Wuthenow”, das Fontane absichtslos und unbewusst geschrieben habe und so – mit der autoritären Stimme der Literaturkritik aus der Hauptstadt – den Praktikanten und Kriegsversehrten Weserich zum Verstummen bringt , der sie (die Klasse) mit der “ollen Kamelle” das Lesen lehrte ( z.B. dass der “schöne” Schach über 130 Seiten unsichtbar bleibt, das Zentrum der Erzählung: leer.) Sowas: “Lockenvitz schrieb zwanzig Seiten Aufsatz über ´Schach von Wuthenow´, unberaten, unbefohlen, und schickte sie dem Deutschlehrer Weserich nach in die Ferien, erst nach Jahren konnte er von neuem stolz sein auf die Entdeckung, dass Fontane dem Schach an keiner Stelle einen Vornamen gibt, gewiss nach adeliger Sitte, dennoch Anmerkung zur Person.”

    Mich brachte dieser Jahrestag (1. August 1968, beginnt mit : “wer viel fragt”) dazu, den “Schach” zu lesen. Ließ mich nie wieder los, diese “Novelle”. Und der Unsichtbare in “Wuthenow am See”: “Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und Schach hörte nichts als ein Wehen und Rauschen und den Ton des Wassers, das sich glucksend am Schilfgürtel brach.” Sowas auch.

    Grüße Sie, lieber NO,

    Melusine

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 17. September 2010 um 13:05

    Jahrestage Johnson

    11. Juli 1968

    „Oder soll ich das von Dir lernen: Die Beständigkeit des Glücks?“

    Sagt Marie zu Gesine. Zu Recht. Denn Glück ist nicht beständig. Im Gespräch geht es zwar um die Teilung von Ost- und Westzone („Das war gefälligst die Teilung Deutschlands, Gesine“). Aber die Frage nach der Beständigkeit des Gefühls, ob einem dadurch (die Teilung) etwas (Mecklenburg) weggenommen wurde: „Hielt es an, Gesine? Hielt es an?“ lässt sich auch als allgemeine Frage stellen. Und die sich anschließende Dialogabfolge bei Johnson: „Siehst Du, Gesine. – Daß es nicht dauert?“ mündet direkt in den Schlusssatz dieses Kapitels, der Satz ganz oben: „Ja. Oder soll ich das von Dir lernen …“.

    Der baute komplizierte Sätze, der Johnson. Und komplizierte Dialoge, wie man ja sieht. Aber ich mag das. War und ist ja auch ein kompliziertes Thema, dieses Ost und West. Irgendeine kluge Frau, zuhause hat man sie allerdings als Drachin verehrt, hatte einmal aufgeschrieben: „Die Grenze zwischen Ost und West ist nicht die zwischen arm und reich, sondern die zwischen mir und Dir.“ Oder so ähnlich. Und da klingt ja auch die Beständigkeit eines anderen Glücks mit an.

    Beide Unbeständigkeiten hatte Uwe Johnson bitter erfahren. Die Teilung sowieso. 1959 kam er zwar noch nach Berlin, aber er litt, und wurde mit Christa Wolf zusammen auf der anderen Seite als Dichter der beiden Deutschlands apostrophiert. Aber auch die Trennung von seiner Frau. Genau wie bei seinen Freunden Grass, Enzensberger, Frisch. Später auch Unseld – aber das hat er nicht mehr erlebt.

    Noch ein bisschen komplizierte Johnson-Sprache am 11. Juli 1968? Bitte:

    „Inzwischen saß nicht nur den Damen Weidling und Beese ihr Kopf dick voll mit den westlichen Sektoren von Berlin, die die SMAD gerade abschnitt von den Eisenbahnen wie von den Wasserstraßen, deren Leuten sie weder Kartoffeln noch Milch noch Strom noch Medizinen liefern wollten; es war viel Rede von Dritten Weltkrieg, ein wenig auch von der Aussicht, die Sowjets wollten endlich den Britten , zumindest, West-Berlin zurücktauschen gegen deren mecklenburgische Anteile von dunnemals; das Kind Cresspahl wurde gesehen, als es in diesen Tagen zweimal die Renaissance-Lichtspiele besuchte vom Preis zu je acht Mark und fünfzig, kaum aber wurde es angetroffen in jenem verschüchterten, kleiblauten Zustand, der einem Lehrerauge so kenntlich und – wer sagt es denn! – tröstlich gewesen war.“

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 20. September 2010 um 19:13

    Liebe Melusine,

    von der Beständigkeit des Glücks und der komplizierten Johnson-Sprache noch einmal zurück zu Ihrem Lockenvitz-Kommentar. Der ist toll.

    Um es offen zu sagen: Ich bin erst jetzt durch Sie auf das Sprechende in dem Namen gekommen. Ich hatte den Namen Lockenvitz nie gemocht, fand ihn unhandlich. Und jetzt sehe ich: „Latrinenwitz“ steckt da drin. Lockenvitz als der Schüler von der traurigen Gestalt, der sich hinter den nur bis Kniehöhe herunterreichenden Toilettentüren nicht verstecken kann, den die an die Lokuswände geschriebenen Witze („beware of limbo dancers!“) verraten. „Lockvogel“ steckt da drin in Lockenvitz. Der traurige Held, der durch sein Vorbild andere zum Widerstand animiert und damit (versehentlich) ins Unglück stürzt. Groß, der Johnson. Danke Ihnen!

    Und noch mehr für die Neugier, die Sie nun bei mir auf Fontane und die „Schach“-Novelle geweckt haben. Ich kenne nur die „Schachnovelle“ von Zweig; die mag ich. Mit Fontane dagegen hatte ich immer meine Schwierigkeiten. Schon in der Schule mit „Jenny Treibel“ und später auch mit dem „Stechlin“, der ja erkennbar im Zentrum Ihres Schwärmens steht. Einzig Effie Briest ging so. Aber nun … Nun lese ich diesen Schach bei passender Gelegenheit und suche den von Ihnen hier zitierten Satz. Was Sie nie wieder loslässt, kann so schlecht nicht sein!

    Und weil mir wegen dieser Wuthenow-Unkenntnis der Blick nicht geschärft war, habe ich die Schach-Ausführungen bei Johnson praktisch übersehen. Jetzt lese ich auch die noch einmal nach! Danke, Melusine!

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 20. September 2010 um 23:30

    Lieber No!

    “Schwärme” ich vom “Stechlin”? Ich weiß gar nicht. Armgard/Anne hasst das Leben in Neu-Globsow. Und Melusine : sah man dort nie. Allenfalls kräuselte sich leicht der See, wenn sie in Singapore oder sonstwo mit der Flosse ins Wasser schlug.

    Was mich stets faszinierte am alten Stechlin in Fontanes Roman war die Bewusstheit, mit der er den Untergang der Welt, die er verkörperte, nicht nur hinnahm, sondern bejahte – ohne jedoch “klein beizugeben.” Diese Junker-Welt hatte nichts Besseres verdient, als im Orkus der Geschichte zu verschwinden. In ihrem Versinken aber leuchtete (bloß zwischen den Buch-Seiten!) als (trügerischer) Widerschein noch einmal die Möglichkeit einer Existenz auf, die sich nicht den Gesetzen der Ökonomie unterwarf.

    Es stimmt dennoch: Eine Utopie kann nicht rückwärts gewandt sein. Man muss “durch – gehen” (als Frau sowieso). Aber das wird nicht immer eine elegante, eine schöne Bewegung sein.

    So, übrigens, verstehe ich auch den “Schach”. Eine abscheuliche Figur, der die Frau, die er geschwängert hat, sitzen lässt, weil er sich schämt, dass ihr Gesicht vernarbt ist. Was für ein Jämmerling, könnten Sie sagen. Sage ich. Und doch: Er zahlt mit seinem Leben. Für die Idee von einem Leben, das Gestalt hat, Form, Eleganz, Grazie. Dass die Hülle, um die er stirbt, leer ist, weiß er auch. Er hat nur nichts anderes.

    Es liegt um all diese Versagenden eine tiefe Melancholie. Aber Fontane lässt es nicht dabei bewenden: Etwas geht weiter, nicht die Dynastien, nicht unsere falschen Vorstellungen von Moral und Ehre und Verlust und Gewinn. Aber das Geheimnis, wie wir a l l e miteinander verbunden sind. Wirkt. In uns. Am Stechlinsee. Ich war dort. Es ist wahr.

    Herzliche Grüße
    Melusine

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 23. September 2010 um 12:09

    Jahrestage Johnson

    29. Juni 1968

    „Frag‘ die Gräfin Seydlitz, sie wird auch hier Bescheid wissen wollen und einem Kind nachsagen aus der gelungenen Ehe der Eltern, es komme viel früher, kräftiger zu sich selbst, zu einem Begriff von der Stelle Ich…
    Das Kind, das ich war, Gesine Cresspahl, dem Andenken des Vaters zuliebe entzweit mit der überlebenden Verwandtschaft.“

    Es geht um zwei Mädchen. Gesine, als sie Kind war von Heinrich Cresspahl. Und Marie, als sie Kind war von Gesine Cresspahl. Persönlichkeiten alle drei. Die Nazis in der Provinz, ein gewisser Papenburg als Goldfasan, verschulden in Jerichow den Tod von Gesines Mutter, einer geborenen Papenburg. Heinrich Cresspahl bricht mit den Papenburgs nach dem Krieg. Gesine tut sich schwerer. Als der Vater, verhaftet von den Russen, als verschollen gilt, tritt sie an seine Stelle und schmeißt Papenburgs aus dem Haus. Aber es geht, folgerichtig, auch um Marie, um deren „kräftige“ Persönlichkeit, heranreifend in der großen amerikanischen Stadt. In der Nachbarschaft jener Gräfin, die so heißt, wie früher mein Erdkundebuch (was aber liegt am Namen der großen Familie von Geographen und Soldaten).

    „Zu einem Begriff von der Stelle Ich“ kommen. Über eine gelungene Ehe der Eltern. Uwe Johnson hatte vielleicht noch ein drittes Mädchen im Sinn, seine Tochter. Denn wie die Grass‘, wie die Enzensbergers, so haben sich auch die Johnsons scheiden lassen müssen. Er hat darunter sehr gelitten, die Tochter vielleicht auch. Ich weiß es nicht. Aber seine Sätze, die ihnen innewohnenden Wahrheiten, wage ich zu bestätigen. Diese Wahrheit gilt wohl selbst auch noch in Sibirien – oder wie hieß diese Stadt `mal noch?

    Zu einem Begriff von der Stelle Ich kommen. Was meint das? Herz? Seele? Verstand? Mut? Oder Persönlichkeit, Haltung? Letztere waren beide Uwe Johnson besonders wichtig. Aber warum führt er für das kräftige Ich eine Gräfin Seydlitz hier ein? Nun, weil hinter ihr eine Dame stand, die all dies hatte: Herz und Verstand, Persönlichkeit und Haltung. Eine Jüdin, eine Philosophin, eine Freundin, eine Gesprächspartnerin und Lehrerin, eine Leserin, eine Nachbarin. Hannah Arendt.

    Uwe Johnson hat sie verehrt. Und wollte ihr in den Jahrestagen ein Denkmal setzen. In den ersten Druckfahnen heißt es nicht Seydlitz, sondern Arendt. Aber die hat sich das verbeten. Zitiert zu werden, dies war ihr ein Gräuel. Johnson hat es sofort geändert. Aber auch v o n (Seydlitz) wollte sie nicht geheißen werden, das war nicht jüdisch. Johnson hat jeden Bezug zwischen ihr und dem Namen Seydlitz sofort getilgt. Der militärische Klang des Seydlitz-Namens der Gräfin aber ist – allen Streichungen zum Trotz und daher wohl Absicht – ein Anklang an den Namen der Autorin von „Eichmann in Jerusalem“: Hannah Arendts Ehename war Blücher.

    Uwe Jonson hat sie verehrt. Als sie starb, schrieb er ihr einen Nachruf:

    „Es ist 10 Minuten her, seit ich erfahren habe von Hannah Arendts Tod. … Mir bleibt nur, ihr zu danken. Wir waren einmal Nachbarn am Riverside Drive von New York…“

    In den Jahren der New Yorker Nachbarschaft besuchte er sie oft, abends, sie saßen bei Campari Orange und redeten vertraulich, freundschaftlich. Als er wieder nach Deutschland zog, schrieben sie sich häufig, aber Hannah Arendt formulierte: „Ein Brief von Ihnen ist immer eine Freude. Ein Ersatz für ein Gespräch ist es allerdings nicht.“

    Das schiene mir ein lohnenswertes Ziel zu sein im Leben, wenn das einmal einer über einen sagen würde.

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 23. September 2010 um 20:56

    Ich verstehe bisher zu wenig davon, aber wenn ich die Jahrestage einmal lesen werde, gehört der Briefwechsel Arendt-Johnson 1967-75 sicher dazu:

    http://www.suhrkamp.de/buecher/der_briefwechsel_-eberhard_fahlke_41595.pdf

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 24. September 2010 um 16:16

    Lieber NO,

    ich lese weiterhin Ihre Texte zu Johnson. Sie meinen mit Sibirien nicht etwa Sibiu?

    Persönlichkeit und Haltung: Zu dem Thema Persönlichkeit weiß ich nicht viel zu sagen: Haltung ist mir auch wichtig, und vielleicht entsteht Persönlichkeit ja daraus. Was sonst sollte Persönlichkeit sein? Bildung nicht und Anstand und Adel und Geld auch nicht. Und eine Haltung muss man vorweisen, dauernd eigentlich sogar, nicht nur in Extremsituationen, wen Ausländer in der U-Bahn beschimpft werden. Sondern morgens, wenn man in den Spiegel schaut und die Frage stellt oder das Gegenüber sie stellt, ob man das ist und sein will. Das sollte man möglichst im Leben bejahen. Das ist doch die Haltung: zu einem Begriff von der Stelle ich kommen.

    Das Ziel, das Sie da formulieren, finde ich auch ein schönes. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich auch schon mal so etwas gesehen habe, wo ich dachte, das ist ein lohnenswertes Ziel, also ein lebenswertes Leben vor dem Ziel, ein Leben, das auf darauf hinarbeitet; bezeichnenderweise fällt mir das jetzt gerade nicht mehr ein. Vielleicht war‘s nicht das richtige Ziel, das ich da hatte.

    Ich arbeite schon wieder an vielen Sachen gleichzeitig, aber es hapert noch ein wenig: eine zusammenfassende Antwort auf BaM, die nächsten Blogkommentare, die Faulkner-Sachen, der neue Roman, Unikrempel, etc.

    Sie sind nicht zufällig demnächst mal in Sibiu, um mir den Kürbis, den ich bei meinen Eltern aus Gewichtsgründen habe liegen lassen müssen, nach Berlin mitzubringen, oder etwa doch?

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 10:21

    Lieber Bücherblogger,
    meine Hoffnung ist, dass Sie sich bei dem “wenn” verschrieben und tatsächlich “sobald ich demnächst” (oder die zeitliche Auslegung von “wenn”) gemeint haben.
    Die Brief-Sprache von Johnson ist von ganz besonderem Reiz und anders als die in den Romanen, Sie werden sehen. Außerdem würde ich Ihnen dann parallel auch den Briefwechsel mit Frisch und ganz besonders den mit seinem Verleger Siegfried Unseld ans Herz legen, der ist wirklich Weltklasse.
    Besten Dank übrigens auch für Ihre freundliche Erwähnung in Ihrem Blog (“ein NO”).
    Herzliche Grüße
    NO

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 10:40

    Liebe Aléa Torik,
    Sie machen mir großen Spaß. In vielerlei Hinsicht.
    Unter anderem damit, dass Sie Gewichtsprobleme haben.
    Mit dem Kürbis, das wird sich machen lassen. Nur noch vielleicht nicht in diesem Jahr.
    Gäbe es denn Kaffee bei Ihren Eltern?
    Liebe Grüße und gute Besserung!
    NO

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 13:23

    @NO
    Den Dank muss ich demütig zurückweisen, mein Blog ist zu marginal, allerdings finde ich meinen eigenen Kommentar an der Stelle gar nicht schlecht. Aber ich habe eine Frage, wenn jemand krank ist, muss man ihn mit ein wenig Spass aufmuntern. Sind Sie mit diesem viel zu bösartigen Kerl etwa verwandt?

    http://www.mgm.com/view/Movie/566/Dr.-No/

    Was Johnson betrifft, noch heute werde ich online die “Jahrestage” in der GWLB bestellen, zum “Reinschnuppern”, (ich weiss, genügt nicht,) ist immer Zeit.Was den Herrn Suhrkamp, Entschuldigung Unseld betrifft bin ich schon von anderer Seite auf seinen Briefwechsel mit Thomas Bernhardt aufmerksam gemacht worden; muss ein sehr interessanter Verlagsleiter und Briefschreiber gewesen sein. Außerdem war er ja auch federführend, wie der gesamte Verlag, bei dem Bekanntermachen der Lateinamerikanischen Literatur in Deutschland.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 17:34

    Jahrestage Johnson

    5. Juni 1968

    „Wo warst Du, Marie, wo warst Du?“

    Mutter Gesine Cresspahl fragt, höchst besorgt, denn das Kind war den Tag über nicht aufzufinden. Begonnen hatte es am Morgen. Marie verlässt das Haus und sieht einen Studenten sitzen:

    „Neben ihm das Radio, eine Überseekoffer, ganz aufgeregte Stimmen. Da habe ich es gehört. Kennedy erschossen.“

    Nicht der ehemalige Präsident natürlich, das war ja 1963, sondern sein Bruder, Robert. Die Hoffnung der Demokraten, die neue Hoffnung Amerikas. Ein Schock für das Land. Ein Schock wohl auch für Uwe Johnson, Künstler, Demokrat, links. Bobby Kennedys Credo wird von Johnson übersetzt (Jahrestag 8. Juni 1968):

    „Manche sehen die Dinge wie sie sind, und sagen: Warum muss das so sein?
    Ich träume von Dingen, die gab es noch nie, und ich sage: Warum kann das nicht sein?“

    Es ist schwer, finde ich, sich dem Charisma der Brüder zu entziehen, dem Mythos Kennedy, der Aura der Familie. Und warum sollte man auch? Es sei denn, natürlich, man ist amerikanischer Republikaner.

    Tagelang hängt Marie vor dem Fernsehgerät und schaut die Berichterstattung. Für die Schule bereitet sie Aufsätze vor über den Senator und den Attentäter Sirhan Sirhann. Im TV verfolgt sie – zusammen mit D.E. – die Beerdigungszeremonie. Dort hat auch die Witwe des ermordeten früheren Präsidenten, John Kennedys Frau Jacqueline Bouvier, ihren Auftritt. Jedenfalls sieht Johnson ihr Verhalten beim Warten der trauernden Familie auf den Konvoi mit dem Sarg so kritisch und beschreibt es (Jahrestag 8. Juni 1968) so:

    „Sie [Marie] gesteht vorerst nur D.E. den Spaß zu, den er hat mit dem Benehmen der anderen Mrs. Kennedy, der Witwe des Präsidenten, steif und still steht sie fast vier Minuten auf der obersten Treppenstufe, as sühst mi woll, mag doch die Wagenkolonne unheilbar in die Verspätung geraten, sie will ihren Anteil am öffentlichen Aufsehen, und Marie sagt schließlich doch, halb geniert, halb ärgerlich: Das möchte ihr so passen. Sie lädt doch geradezu ein zum Schießen.“

    Mag sein. Mag damals so gewesen sein und vielleicht ist sie erst später anders geworden. Jacky Kennedy. Ich habe sie einmal getroffen. Getroffen ist nicht das richtige Wort. Sie hat mich nur einmal angeschaut. In einem ganz kleinen Restaurant im Village, sechs, sieben Tische. Als meine Freunde und ich herein kamen, saß sie schon da mit ihren beiden Kindern und einem Mann. Unser Tisch war der daneben. Ihr Sohn JohnJohn studierte in meinem Jahrgang, und meine Lieblings-Kommilitonin, sie könnte Yvette Alberdingh-Theym geheißen haben, war mit Caroline befreundet. Wir alle feierten dort den Abschluss irgendeiner Prüfung. Ein langer Blick aus dunklen Augen. Dass vergisst niemand. So ernst. So still. So schön. So traurige Würde. Es gibt Menschen, die fluten einen Raum. Es gibt Zauberer. Von ihr ging eine Aura aus, als hätte jemand das Licht angemacht. Das ging nicht nur mir so. Ich habe in diesen Stunden in dem Restaurant nicht ein einziges lautes Wort gehört. Nicht ein einziges Mal hat Besteck geklappert. Die Bedienungen kellnerten nicht, sie schritten. Die Gäste waren freundlich wie nie, das Personal aufmerksam wie nie, alle gingen gemessen miteinander um. Jeder in diesem sonst so unkonventionellen Laden gab das Beste, was er hatte.

    Es gibt Dinge, die vergisst man in seinem Leben nicht mehr.

    Es gibt auch Literatur, die vergisst man auch nicht mehr. Wie Johnsons. Bücher, welche die „Katze Erinnerung“ hervorlocken können. Bücher, welche den Widerschein der Dinge spiegeln, auch so:

    „Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,
    die nicht ist auf seiner dunklen Stelle,
    wie ein dunkler Sprung durch eine helle
    Tasse geht. Und wie auf einem Blatt
    Ist auf ihm der Widerschein der Dinge
    aufgemalt …..“

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. September 2010 um 23:04

    Lieber NO,

    also einverstanden, wir tauschen. Sie bekommen dies von meinen Eltern und bringen mir im Gegenzug dies dafür mit nach Berlin.

    Auf Ihren Beitrag zu Johnson gehe ich morgen ein. Ich muss früh ins Bett.

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 14:58

    Lieber Bücherblogger,

    schön, dass wir „übers Hölzchen zum Stöckchen“ kommen und jetzt bei Unseld sind, Hesses Statthalter auf Erden.

    Unseld ist in der Tat nicht zu übersehen gewesen (außer für Robert Gernhardt) und dasselbe gilt auch für seine Briefwechsel. Einen (weiteren) haben Sie da genannt, den ich aber auch (noch) nicht kenne. Jedoch ein wahres, diplomatisches, forderndes, ermutigendes, juristisches, kritisierendes, kurz: verlegerisches Meisterstück ist sein Briefwechsel mit Wolfgang Koeppen. Wie jener sich um das Schreiben des geforderten Romans drückt und dabei Geschichten erfindet (zum Teil aus der Hölle, wenn er nämlich über seine alkoholkranke Frau schreibt), ist nicht nur einzigartig, sondern stellt selbst den Roman dar. Und am Ende sind drei Briefe des Sterbenden an den Freund „Siegfried“ („Ich ging an Deiner Seite…“), da könnten einem die Tränen in die Augen treten – wenn man nicht so cool wäre.

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 16:10

    Lieber NO,

    ließe sich hier eine Überschrift eingeben, lautete sie: Erzählen Sie von Yvette Alberdingh-Theym!

    Was Sie über Jacky Kennedy schreiben, die ich nicht kenne, von der ich nichts kenne, außer ihrem Nachnamen, das ist sehr sehr schön, man kann Ihnen anmerken, wie beeindruckt Sie waren. Und das hat ja eine lange Zeit gehalten, dieser Eindruck, vielleicht länger als der durch Yvette.

    Ich weiß gar nichts über Sie, Sie haben in Amerika studiert?

    Jeder gab das Beste, was er hatte: ich weiß, was sie meinen, ich kenne so eine Situation, die Sie beschreiben, nicht so gut und so beeindruckend, wie sie das erlebt haben, aber ich weiß dennoch ungefähr, was Sie meinen, wenn sie von der auratischen Erscheinung sprechen, die manche Menschen an sich haben.

    Dennoch will ich hier einen Satz sagen, der dem scheinbar widerspricht. Wenn man ein Blog führt, dann sammelt sich mit der Zeit auch eine Menge Müll an, Ideen, die man nicht zu Texten verarbeitet hat, weil sich wiederholt anders davor geschoben hat, und die alten Sachen dann eine Art Textschimmel ansetzten, oder weil sich die Idee nicht hat umsetzen lassen. Eines meiner vielen angefangenen Projekten sollte sich mit dem Satz Sigmund Freuds auseinandersetzen, eine Formulierung, die er im Brief an seinen Freund Wilhelm Fließ gemacht hat: „Sein Bestes gibt nur, wer nicht anders kann.“

    Ihnen gefällt das Gedicht von Rilke über den blinden auch? Ich habe das ganz zu Anfang meiner Karriere als Bloggerin zitiert.

    So, wieder ins Bett: Wärmflasche, Wadenwickel, Wollsocken, das ist der dialektische Dreischritt zur Wahrheit Gesundheit!

    Aléa

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 28. September 2010 um 21:00

    @ Siegfried Unseld
    Gerade erschienen: Siegfried Unseld Chronik 1970 Bd. 1

    http://faustkultur.de/kategorie/literatur/buchbesprechung-chronik-siegfried-unseld.html

    Interessante Besprechung…

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 30. September 2010 um 16:08

    Jahrestage Johnson

    20. Juni 1968

    „Aufgewacht von flachem Knallen im Park, Schüssen ähnlich. Unerschrocken stehen Leute an der Bushaltestelle gegenüber. Hinter ihnen spielen Kinder Krieg.“

    So fängt die 4. Lieferung der Jahrestage an. Was ist so Besonderes an diesem Anfang?

    Dass der Krieg das Schlimmste ist, weil er den Schlaf raubt und Kinder korrumpiert? Dass die Schrecken des 2. Weltkriegs den Vietnam-Krieg nicht verhindern konnten? Dass auch die zivilen Verhältnisse im Central Park, in New York City, im Leben Unerschrockenheit den Menschen abfordert?

    All das. Und mehr. Meer! Das wird deutlich beim Vergleich mit den Anfängen des 1., 2. und 3. Bandes:

    Erste Lieferung, 20. August 1967:

    „Erste Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen.“

    Zweite Lieferung, 20. Dezember 1968:

    „Das Wasser ist tief unter der Stadt versteckt, wo sie über einen Felsbuckel muss, chlorgrünes, laues, pralles Wasser in einem Fliesenkasten unter dem Hotel Marseille an der West End Avenue, Manhattan, Obere Westseite, New York, New York.“

    Dritte Lieferung, 20. April 1968:

    „Das Wasser ist schwarz.
    Über dem See ist der Himmel niedrig zugezogen, morgendliche Kiefernfinsternis schließt ihn ein, aus dem Schlammgrund steigt Verdunkelung auf.“

    Wasser. Wasser als Symbol der fließenden Zeit.

    Da mag man auch andere zitieren:

    „Die Zeit. Als gäbe es sie nicht. Nicht, dass sie langsamer vergeht, die Zeit, oder schneller, sie vergeht einfach. Du kannst nichts dafür oder dagegen tun. Wenn einem an normalen Tagen die Zeit davonläuft, wenn sie einem fehlt, wenn man die Zeit füllt wie ein leeres Gefäß, es wird jeden Tag aufs Neue entleert. Nur Einbildungskraft und Imagination formen vielleicht aus dem harten und unnachgiebigen Strom der Zeit etwas Wächsernes und Weiches.“

    Aber bei Uwe Johnson ist das Weiche eben Wasser Johnsons Erlösung ist der Blick auf die See. Die Weite des Meers. „Einen Blick Ostsee“, das ist wie „eine Mütze voll Schnee“. Der so ganz andere Anfang der vierten Lieferung der Jahrestage betont aber auch dessen Ende, das Ende des Romans. Da stehen die Protagonisten im Wasser, in der See und bekommen Kiesel gegen die Knöchel, wie schon früher in dieser Eindrücke-Serie beschrieben:

    20. Auguste 1968

    „Ein Kind, ein Mann unterwegs an den Ort, wo die Toten sind; und sie, das Kind, das ich war.“

    Mit diesen Worten geht der Roman zu Ende.
    Das Ende weist aber auch auf den Neubeginn, die Weiterführung des Alten und die Frage, ob Dieter Forte denn vielleicht Uwe Johnson zitiert mit dem Anfangssatz seines Romans „Auf der anderen Seite der Welt“:
    „Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tage erwartete, das Licht weite hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

    NO

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