Archiv vom 14.07.2010
14 Juli 2010
Lieber NO
08:00 Uhr: Ich habe mein Studium hingeschmissen. Das wollte ich Ihnen sagen. Allerdings nur für heute. Morgen werde ich das Hingeworfene wieder aufheben. Heute früh fühlte ich mich platt und ausgelaugt, sodass ich lieber im Bett geblieben bin. Der gestrige Tag war zähflüssig, anstrengend, wenig produktiv und die Nacht unruhig. Heute mache ich mal etwas anderes und morgen mache ich wieder dasselbe wie immer. Ich nehme mir einen freien Tag. Ich mach einfach eine Pause. Ich frühstücke, ich kaufe eine Zeitung und dann werde ich sehen, was ich mache. So ganz frei, also frei von allem, das geht ja auch nicht. Jetzt fragen Sie sich natürlich: warum erzählst die mir das? Antwort: Nur so.
10:00 Uhr: Ich gehe ins Internet, keine Mails, keine neuen Kommentare auf der Webseite. Ich muss allerdings noch NOs letzten Kommentar beantworten.
Lieber NO,
ich muss vorsichtig mit Ihnen umgehen. Sie springen auf meine schönen Witze nicht richtig an, vielmehr gar nicht. Ich habe dabei im Auge, dass ich Ihnen anbot, während meines Urlaubs in Siebenbürgen das Blog hier zu befüllen. Ich fand die Idee nicht schlecht, Sie könnten eine kleine Serie über Gesine Cressphal beginnen. Da Sie darauf nicht reagieren, muss ich mir etwas anderes überlegen. Wahrscheinlich werde ich in der Zeit meiner Abwesenheit von Berlin einige Beiträge aus der Konserve anbieten. Alle paar Tage werde ich dann in Hermannstadt ins Internetcafe gehen und mir anschauen, ob sich etwas tut. Dazu mache ich noch eine klare Aussage. Ich werde dann auch, kurz vor dem Urlaub, meine Leseliste bekanntgeben. Die ist leider absurd, absurd lang, das kann ich nicht alles lesen. Ich kann‘s nicht einmal tragen, ich muss ja mit dem Zug nach Rumänien fahren, aufgrund meiner ausgeprägten Flugangst. Auf dieser Liste steht übrigens auch Dieter Forte, Ihre Empfehlung.
10.30 Uhr: Ich muss das Blog mit einem neuen Text füttern. Heute. Dieses ewighungrige Monster braucht etwas zu fressen. Aber ich habe nichts. Alle Taschen leer, kein Zucker, keine Möhre. Mir fällt auch nicht ein, wo ich etwas her bekommen könnte. Ich habe ein Worddokument auf dem Rechner, in dem sich alle meine Artikel befinden, alle vergangenen und die Entwürfe und Ideen zu kommenden. Nichts davon, von den Ideen, lässt sich jetzt auf die Schnelle zu einem Beitrag umgestalten. Da stehen lauter wunderbare Ideen, aber leider vollkommen unbrauchbar was ihre praktische Verwertung, was ihr monetäres und fiskalisches Gewicht betrifft.
11.30 Uhr: Ich habe mit einer Freundin in Bukarest geskypt. Es ging in dem Gespräch um Klatsch und um Micaleas Eltern, die sich nicht so verhalten wie deren Tochter das erwartet. Auf eine Idee zu einem Eintrag hat mich das Gespräch nicht gebracht. Vielleicht hat sie bemerkt, dass ich vor allem auf eine Idee gelauert habe und sie hat mir das vorenthalten, aus Gehässigkeit. Micalea will mir Böses. Ich hab‘s immer geahnt, die kann mich nicht ausstehen. Ich könnte jetzt alle anrufen, die ich kenne und hoffen, dass ich während der Gespräche eine Idee bekomme. Möglicherweise können mich alle anderen auch nicht ausstehen. Das wäre eine Idee, aber teuer bezahlt, unabsehbar, was die Folgen angeht.
12:00 Uhr: Duschen, Spülen, Putzen. Bücher zusammenlegen, die ich zurückgeben muss. Eine private Mail beantworten. Vor die Türe gegangen und ein Eis gekauft, Eis gegessen, keine Idee gehabt. Im Internet gewesen, hier, und da und hier und da noch etwas kommentiert. Also mehr als ich normalerweise mache. Ich habe einen Kommentar von NO freigeschaltet, der aber Mowgli, also ANH galt.
Lieber NO,
jetzt kommt der ANH nicht nur mit seinen Frauengeschichten durcheinander, sondern auch noch mit ausgesuchten männlichen Einzelpersonen. Bei Frauen ist das ja kein Wunder, wenn man da schon mal durcheinander kommt. Die sehen ja alle mehr oder weniger gleich aus, oben ein Kopf, in der Mitte die Geschlechtsteile und unten die Füße. Das ist eine gewisse Variabilität und Gleichgültigkeit, also gleiche Gültigkeit, ja noch verzeihlich; aber mit Männern durcheinander zu kommen, das ist schon stark. Männer sind ja alle bis zur Unkenntlichkeit individuell. Die können gleich heißen, gleich aussehen, gleich sein: und dennoch sind sie in Wirklichkeit vollkommen unterschiedlich. Da ist nicht einer wie der andere!
Sie beklagen sich, dass ich für Sie nur virtuell bin. Sie sind offenbar, wie die übrigens meisten Deutschen, nicht sonderlich bewandert in der Kunst der indirekten Verabredung. Ich hatte Ihnen das großzügige Angebot gemacht, meinem Roman zu schicken, das erste Kapitel oder das zehnte oder auch das Ganze. Sie sind der erste Mensch außerhalb des Verlagswesens, dem ich das anbiete, aber Sie haben nicht reagiert. Und da dachte ich natürlich, dass Sie nicht reagieren, weil Sie danach nicht mit mir zusammen bei einem Glas Wein sitzen wollen, um mir ihre Meinung zu dem Text auf die Nase zu binden. Oder Ihre Meinung zu irgendetwas anderem. Also habe ich das Thema nicht mehr angesprochen.
15:00 Uhr: Gelesen, Bolaño, eine gute Idee zu dem Text notiert, das hat mehr als eine Stunde gedauert. Eine Stunde für einen kleinen Absatz von fünf Zeilen! Mein Leben zerrinnt mir zwischen den Fingern. Der Artikel zu Bolaños wilden Detektiven steht hier frühestens Ende des Monats. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich todmüde und schlafe nach zwei Seiten ein. Ich muss das Buch aber noch ein zweites Mal lesen, weil ich beim ersten Lesen meist nicht mitschneide, worum es geht. Danach muss ich es ja auch noch schreiben. Der Artikel steht hier womöglich erst Ende des Jahres.
16.30 Uhr: Noch immer keine Idee zu einem Blogbeitrag. Vielleicht stimmt etwas mit meinem Kopf nicht. Ich habe Kopfschmerzen vom Nachdenken. Ich habe vielleicht einen Tumor, deswegen fällt mir nichts ein. Der hat mein kreatives Zentrum befallen. Ich könnte zum Arzt gehen und dort im Wartezimmer die anderen Patientinnen belauschen, vielleicht bringt mich das auf eine Idee. Aber womöglich sitzen die auch alle bloß da, weil sie ein Blog haben, Ihnen nichts einfällt, außer dieser Tumoridee und sich dann ins Wartezimmer setzen, um die anderen zu belauschen. Ich hätte jetzt eine Idee um die sogenannte „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen einzudämmen. Mit dem Blog bin ich immer noch nicht weiter. Ich könnte etwas zu dem Wort „Kostenexplosion“ formulieren. Aber das Wort gefällt mir nicht.
Das kann doch alles nicht wahr sein! Normalerweise ziehen Myriaden von Worten durch meinen Kopf, ich komme manchmal nicht dazu, sie aufzuschreiben, und wenn ich in der Bibliothek in die Pause gehe, dann nehme ich inzwischen schon einen Block und einen Kugelschreiber mit, weil ich sonst sowieso wieder nach oben renne, hundert Stufen hoch und wieder runter. Ich kann mich manchmal vor Worten nicht retten: und heute ist nicht eines dabei- nicht eins – aus dem sich etwas machen ließe. Deutsch: Scheißsprache.
18:00 Uhr: Eine Stunde geschlafen. Seit ich einen festen Termin für meinen Urlaub habe, stelle ich fest wie müde ich bin. Seit dem Tag fällt mir alles viel schwerer. Im vergangenen Jahr war ich nur einmal für drei Tage an der Ostsee. Ich freue mich auf den Aufenthalt in Rumänien und worauf ich mich vor allem freue, mehr als auf die Eltern und die Großeltern, mehr als auf die Freunde und aufs Auspannen, auf das Liegen und Sitzen und wilde und ungezügelte Herumhocken, auf das Kaffeetrinken am Nachmittgag, mehr als auf das Essen und auf rumänische Worte, nur rumänische Worte können rumänische Verhältnisse wiedergeben; mehr als auf das Lesen, mehr als auf alles andere, freue ich mich auf die Farbe Grün, auf das in tausend Variationen vorkommende Grün, die Hecken und Bäume und Blumen und Wälder, auf das nahe Grün und das weit entfernte, auf das blättrige, das strukturierte und das glatte Grün. Ich freue mich darauf, das Grün zu riechen.
Draußen spielt jemand Klavier. Also er spielt wahrscheinlich drinnen. Aber die Töne sind draußen. Auch das ist nicht richtig, ich bin ja ebenfalls drinnen, also kommen sie zu mir herein. Auch das wird sich nicht ausweiten lassen.
Ich muss einen Beitrag hier einstellen, aber mir fällt nichts ein. Absolut nichts. An dem Punkt war ich heute schon mal. Es steht so schlimm um mich, dass ich mir ernsthaft überlege, als Überschrift gerade diesen einen Satz zu nehmen „Mir fällt nichts ein“ und als Text dann: „Absolut nichts“.
Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich könnte ins Schwimmbad gehen. Vielleicht lerne ich da einen hübschen Kerl kennen. So ein Mannsbild in enger Badehose mit einem knackigen Hintern, der sich neben mir aufbaut, mich verhalten gierig anschaut, die Sonnenbrille abnimmt und dann, wobei er sich die Lippen leckt, und mit schöner, männlicher Stimme sagt: „Du bist nicht zufällig auf der Suche nach einem Blogeintrag für heute? Ich hätte nämlich eine Idee, was wir da machen könnten.“ Und dann rückt dieser Kerl doch mit einer astreinen Vorlage heraus!
Gott, wie tief werde ich im Laufe des Abends noch sinken, um einen Beitrag zusammen zu kratzen?
19:00 Uhr: Ich treffe mich mit einer Freundin. Ich muss auf andere Gedanken kommen. Sonst drehe ich durch. Ich drehe sowieso durch, aber ich brauche dabei eine Betreuung. Pflegestufe vier.
19:30 Uhr: Ich bin nicht hingegangen.
Lieber NO,
mir geht Ihre Frage im Kopf herum – nicht aktiv, sondern passiv abwartend: nicht ich schiebe sie hin und her, sondern sie bewegt sich von alleine – , inwieweit man die schriftstellerischen Qualitäten eines Textes beschreiben kann, ohne das Instrumentarium der Literaturwissenschaft bemühen zu müssen. Ich weiß nicht einmal, wonach ich da suchen sollte, nach einem Bild oder einem Vergleich. Diese Qualitäten liegen für jeden woanders. Der eine will sich gut unterhalten wissen und der andere empfindet Unterhaltung gerade als den Gegensatz von Qualität.
21.00 Uhr: Ich habe noch drei Stunden. Das kann nicht sein, dass ich so lange brauche, um einen Eintrag hier zusammenzubringen. Das kann doch alles nicht sein.
Und was nicht sein kann, das ist auch nicht: Ich hab‘s!
23.55 Uhr: Ziel erreicht. Der Eintrag steht in einer Minute drin. Himmel, war das knapp. Ich freue mich aufs Bett und vor allem auf einen normalen Tagesablauf morgen in der Bibliothek. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt als einen freien Tag. Das mache ich nie wieder!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 23:58 eingtragen | Kommentare: 97 | Kommentieren











