04 Juli 2010
Es gibt da nicht alles. Aber es gibt da nichts, was es nicht gibt
Den heutigen Vormittag habe ich vertrödelt. Ich kann mich kaum erinnern, was ich getan oder was ich unterlassen habe. Immerhin kann ich mich an einige Telefongespräche erinnern. Mit meinen Eltern. Meine Mama telefoniert gerne an Sonntagen mit mir und äußert dann völlig abstrakte Befürchtungen, bei denen einem allerdings die Haare zu Berge stehen können. Es geht dabei meist um meine Zukunft. Meine Gegenwart ist für meine Mutter offenbar weniger interessant. Das fängt mit etwas Kleinem und Belanglosem an, weitet sich dann schnell aus und endet regelmäßig in einer Suada über das, was alles nicht aus mir werden könnte. Dann muss der Papa ans Telefon kommen und alles in die richtigen Dimensionen zurückrücken. Eigentlich müsste er das bei meiner Mama tun. Warum er mit mir darüber redet, ist mir nicht klar. Ihm auch nicht. Aber meine Mama ist zufrieden. Bis zum nächsten Sonntag, wenn erneut wahnsinnige Befürchtungen über sie herfallen. So oder so ähnlich wird das in vielen Familien sein.
Dann rief eine Freundin an. Wir wollten am Nachmittag auf den Flohmarkt am Mauerpark gehen. Das haben wir auch gemacht. Der Mauerpark ist in allem das Gegenteil von dem, was man mit Park assoziiert. Das ist eine Betonwüste. Vielleicht sollte das so sein, eine lebendige Erinnerung an den Todessteifen (diese Formulierung stand einen Moment als Alternative für die Überschrift im Raum). Vom Frühjahr bis zum Herbst ist dort an Sonntagen Flohmarkt. Wie man das von klassischen Flohmärkten kennt: viel Ramsch und Plunder und Leute, die Ramsch und Plunder zu schätzen wissen. Das ist dort eine sehr internationale Atmosphäre, man hört alle Sprachen dieser Welt. Vielleicht auch welche von außerhalb, das kann ich nicht einschätzen. Ich fühle mich jedenfalls auch ganz wohl.
Das Gelände ist nicht sehr groß, da sind vielleicht zwei- oder dreihundert Stände. Es gibt da nicht viel. Aber dafür vieles. Es gibt da nicht alles. Aber es gibt da nichts, was es nicht gibt. Das, was es nicht gibt, das gibt es allerdings nirgends.
Es gibt Imbisse, Obst und Getränkestände, Stände mit Sonnenbrillen und Mützen und jede Menge Zeugs, von dem man gar nicht weiß, was man damit machen soll. Zwischen den Ständen befinden sich kleine Freiflächen, da kann man sich hinsetzen und Musik hören. Überall sind Kinder, Kinder in allen Größen, Farben und Formen. Es gibt Stände mit alten Schuhe und Stiefeln, Knöpfen, Stoffen und Bindfäden. Da sitzen Leute auf der Erde und verkaufen selbstgebackenen Kuchen, ihren Hausrat oder den der verstorbenen Großmutter. Es wird sehr viel Musik gemacht. Wir haben ein kleines Brass Orchester gehört, wir haben jiddische Musik gehört, die mich mit ihrer Melancholie besonders berührt, ein indisches Zwei-Personen-Orchester, die zwanzig Instrumente spielen konnten. Wir haben eine alte Frau gesehen, sie war bestimmt 90 Jahre alt, die hat auf einem Schemel gesessen und Geige gespielt. Die konnte nicht Geige spielen, die konnte keine Melodie und keinen Akkord, die hielt die Geige im Schoß und strich nur mit dem Bogen über die Seiten. Dabei schaute sie den Leuten fordernd ins Gesicht, als wollte sie sagen: du wirst du doch nicht etwa behaupten wollen, ich könne nicht Geige spielen?
Dieses lockere Leben, die Fähigkeit, Dinge laufen zu lassen, ohne sich einzumischen, ohne ihnen hinterherzurennen oder sie abzubremsen: das vermisse ich hier in Deutschland ein bisschen. Manchmal auch mehr als nur ein bisschen. Die Fähigkeit, das Leben als einen ruhigen Fluss wahrzunehmen und zu erkennen, dass nur dies das wahre Leben ist und dass es nur eine einzige Art und Weise gibt, sein Leben zu leben: sich diesem Fluss und seiner Geschwindigkeit anzupassen. Nur mit diesem Fluss, nie gegen ihn, findet das Leben statt.
Ich weiß, dass es so ist. Aber ich weiß auch, dass ich morgen, wenn ich zur Uni fahre und wieder Teil der Leistungsgesellschaft bin, wenn ich es eilig habe und den Kopf voller Dinge, die ich dringend aufschreiben muss, weil ich sie sonst vergesse; ich weiß, dass ich dann nicht mehr daran glaube und dass ich die ruhigen Flüsse zum Teufel wünsche.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juli 4th, 2010 unter Allzupersönliches, lang












Kommentar von avenarius
Datum/Uhrzeit 6. Juli 2010 um 09:46
Ferien, Alea, Ferien.
Mit meinen vier Kindern, meiner Frau und einer Freundin fahre ich los.
Allen muß man etwas bieten, allen. Auf der Stirn eines Mannes sitzt wie eine Königin – die Pflicht.
Ob ich dazu komme?: Herrmann Ungar, die Klasse; Julia Kristeva, die Chinesin; Luhmann, die Religion der Gesellschaft; Werner Krauss, Aufsätze; Josef König, Denken und Handeln; Eigenes.
Den Klapperkasten hier lasse ich zu Haus.
Eine gute Zeit
Avenarius