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  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
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  • 02 Juli 2010

    “Wir sind Nieten im Bett”

    Hier kommt die zweite und letzte Bemerkung zu „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño.

    Auch dieses Buch des Chilenen hat mir nicht sonderlich gefallen. Vielleicht gehört dieser Mann zu jenen Schriftstellern, zu jenen Ausnahmegestalten, die nur große Texte schreiben können. Und die an den kleinen scheitern. Mit großen Texten meine ich nicht die langen Texte, die umfangreichen oder voluminösen, sondern ich meine die großartigen Texte. Künstler, die, weil sie nur solche Texte schreiben können, notwendig an den kleinen scheitern. Viele scheitern vielleicht an den großartigen Texten (Stoffen, Motiven, Darstellungen), weil sie nicht gut genug sind. Bolaño womöglich gehört zu jenen, die an den weniger großartigen scheitern, weil sie zu gut sind. Weil er wirklich ein Ausnahmeschriftsteller ist. Zu meiner Leseliste im Sommer gehören seine beiden dicken, und womöglich auch großen Romane. Die werden diese Liste auch nur verlassen, indem ich sie lese, nicht indem ich sie vorzeitig rauswerfe.

    „Wir sind Nieten im Bett, wir sind Nieten bei Wind und Wetter, aber im Sparen sind wir Meister. Wir heben alles auf. Als wüssten wir, dass das Irrenhaus irgendwann abbrennt. Wir verstecken alles. Nicht nur die Schätze, die Pizarro weiterhin regelmäßig unterschlagen wird, sondern die unbrauchbarsten Gegenstände, den ganzen Plunder, lose Fäden, Briefe, Knöpfe, die wir an Orten vergraben, an die wir uns später nicht mehr erinnern können, denn wir haben ein schlechtes Gedächtnis. Aber wir lieben es, Dinge aufzuheben, zu horten, zu sparen. Wenn wir könnten, würden wir uns selbst für bessere Zeiten aufsparen. Ohne Mama und ohne Papa können wir nicht leben. Obwohl wir ahnen, dass es Mama und Papa waren, die uns hässlich, dumm und schlecht werden ließen, damit sie selbst vor kommenden Generationen noch besser dastehen. Für Mama und Papa war Sparen Überdauern, Werk und Pantheon bedeutender Persönlichkeiten, während für uns Sparen Erfolg, Geld und Anerkennung ist. Darum und nur darum geht es uns. Wir sind die Generation der Mittelschicht.“

    Wer etwas über die Literatur Argentiniens wissen will: die Bolañisten erweitern gerade ihren Horizont.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 3. Juli 2010 um 00:22

    Liebe Aléa Torik,
    nichts sei Ihnen mehr gegönnt, als dass Ihnen die Bücher Bolaños “nicht sonderlich gefallen”. Ich bin etwas verärgert und enttäuscht. Bisher habe ich die Einfühlsamkeit ihrer Beiträge bewundert, aber mit Ihren beiden letzten Beiträgen zu “Der unerträgliche Gaucho” machen sie es sich zu leicht. Schauen wir uns “Wir sind Nieten im Bett” mal etwas genauer an. Der Titel ist ein Zitat, das mit der Anspielung auf männliche Sexualität Aufregung und Aufmerksamkeit erzeugen will. Dann folgt ein Satz, der herausgerufen wird wie ein kategorischer Imperativ und sofort eine negative Haltung aufbaut, ohne auch nur im geringsten zu erklären, worauf sich diese konkret bezieht. Dann haben wir einen Absatz über den Gegensatz von angeblich kleinen oder großen Werken. Bullshit, ein einzelner Satz kann groß sein, siehe Benjamin. Dann kommt ein Absatz mit einem längeren Zitat, das aber über die Aussage “Wir sind Nieten im Bett” nichts erhellt. Bolaño benutzt oft sexuelle Bilder um Literatur zu beschreiben. Hier ist nun eindeutig auch selbstkritisch gemeint, dass sich Schriftsteller oft einem Markt unterwerfen bzw. sich zu unterwerfen meinen müssen und deshalb was ihr Schreiben angeht “Nieten im Bett” bleiben. Sie machen sich nicht einmal die Mühe, diesen Satz zu erklären. Dann folgt wieder ein einzelner Satz, der so etwas wie ein wohlwollender Hinweis auf wilde-leser.de sein könnte, in dem ich aber sehr viel Herablassung spüre: als ob die Bolañisten ihren Horizont erweitern müssten. Das klingt als seien Sie schon über jenen hinaus. Ich habe die Befürchtung, die beiden großen Romane Bolaños werden Ihnen auch nicht weiterhelfen. Sie sollten sich einmal fragen, warum Sie “Die sizilische Reise” von ANH mit Samthandschuhen nacherzählen und zu keiner abschließenden Wertung imstande sind, Ihre Bolañolektüre aber leichtfüßig mit einigen Sätzen in die Ecke katapultieren. Das, liebe Aléa, würde Ihren Horizont erweitern.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 3. Juli 2010 um 13:54

    Lieber Bücherblogger,

    das ist ja ein hübscher kleiner provokanter Beitrag.

    Der von Ihnen inkriminierte Beitrag steht in der Kategorie „Hier wird gemangelt“. In dieser Kategorie stehen bei mir Zitate, die Worte andere, fremde Federn, die ich in der Regel mit einigen eigenen Worten begleite. Im vorliegenden Fall drehen sich letztere um die Vermutung, dass ein großer Autor womöglich an weniger großen Texten, Stoffen etc. scheitern kann. Ich vermute da, dass Autoren womöglich eine Form gut, andere hingegen weniger gut beherrschen (scheitern und beherrschen, das sind, zugegeben, recht martialische Vokabeln, um Literatur zu beschreiben: das hätten Sie kritisieren sollen, das wäre ein sehr dankbares Feld), viele Romanisten und Novellisten können zum Beispiel keine Lyrik schreiben, viele, die kurze Texte schreiben, können keine langen schreiben etc. Ich führe diese Vermutung in meinem Text auch nicht weiter aus. Das liegt nicht daran, dass ich mir keine Mühe gebe, sondern dass es sich hier um eine wilde Vermutung handelt, zu der man sich, wenn man einen Kommentar abgibt, etwas sagen könnte. Man könnte das wilde dieser Vermutung in eine kultiviertere Form bringen. Mir gefällt diese Überlegung ganz gut, auch wenn sie nicht ausgearbeitet ist und vielleicht sogar gerade deswegen, weil sie, wenn sie ausgearbeitet werden würde, Mist wäre. Da stehen den Kommentatoren eine Menge Möglichkeiten offen..

    Dass das Zitat Bolaños hier steht, kann nur einen Grund haben, den Sie bedauerlicherweise in Ihrer Verärgerung übersehen: dass ich es hervorragend finde. Und Sie wollen mir doch nicht ernsthaft unterstellen, dass ich einen Link auf die Bolañisten setze, weil ich das, was dort passiert, nicht schätze. Dass Sie mir dann hinterherrufen, ich solle meinen Horizont erweitern, finde ich ausgesprochen bedauerlich.

    Zu der „Sizilischen Reise“, die ich, wie Sie sagen, mit Samthandschuhen anfasse und dann zu einer abschließenden Wertung nicht imstande sei: Ich bin ein genuin kreativer Mensch und ich reagiere auf Texte und Menschen, die mir genau das, diese Kreativität entlocken. Vielleicht ist Ihnen auch da der kreative Anteil entgangen. Und abschließende Wertungen sind etwas für Aufsätze in der gymnasialen Oberstufe.

    Ich neige weder zur Geste der Anbetung, noch der der Herablassung, so ist jedenfalls meine Auffassung von mir. Es müsste sich dabei, wenn ich mich nicht täusche, um Ihre eigenen Zutaten handeln, die Ihnen nicht schmecken. Ich habe zu dem Thema schon einmal etwas gesagt: http://www.aleatorik.eu/2010/02/25/verehrung-und-verachtung/ . Ich neige weder zu dem einen, noch zu dem anderen, weil ich weiß, dass das eine die Zwillingsschwester des anderen ist. Wo das eine sich findet, ist das andere meist nicht weit. Und ich möchte auch, was mich selbst betrifft, damit nicht konfrontiert werden. Ich mag durchaus das Lob, ich mag die Art und Weise wie NO mich hier mittels Lob (und Futter) anlockt, um mehr einzufordern.

    Und das noch zuletzt, nennen Sie mich bitte nicht „Liebe Aléa“, wenn Sie mir in den Arsch treten. Ich habe, was meinen Arsch angeht, andere Vorstellungen. Konzentrieren Sie sich mal auf Ihren eigenen Aufsatz bei den Bolanisten und dann melden Sie sich wieder, wenn Sie das hinter sich haben, in der altbekannten Weise.

    Aléa

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 5. Juli 2010 um 21:19

    Nein, ich bin kein Experte für Bolano (die Tilde über dem „n“ konnte ich leider nicht erzeugen; ihr Fehlen ist also keiner Unachtsamkeit geschuldet), insofern vermag ich zunächst nichts wirklich Kompetentes beizutragen. Aber da ich; kurz vorm Urlaub stehen und also mit etwas Zeit versehen, Bolanos „2666“ zu lesen angefangen habe, tätige ich bei Ihnen für einfach so einen Eintrag.

    Naturgemäß kann man nach den ersten 30 Seiten nicht viel über ein Buch sagen. Es ist zunächst eher ein Gespür, ob das funktioniert, was da veranstaltet wird, oder ob es mißlingt. Wenn ich nach 50 Seiten unzufrieden bin, lege ich in der Regel das Buch beiseite, da die Zeit knapp ist. (Den Aphorismus von G. Ch. Lichtenberg über das Buch und den Kopf kennen Sie wahrscheinlich. Ich bin jedoch kein Literaturkritiker, insofern muß ich nicht alle Bücher dieser Welt lesen.) In kürze nur dies: „2666“ gefällt mir bisher sehr gut, und sollte das ganze Buch als gelungen sich erweisen, dann lese ich sicherlich auch Bolanos Novellen. Und wenn, wie in „2666“, nach den ersten Seiten bereits der Name Arno Schmidt auftaucht, dann wird der Leser sicher sein können, daß irgendwo auf der Welt mindestens ein Bolano-Dechiffrier-Syndikat existiert. (Ich bin zwar kein Fan von Fanclubs in der Literatur, weil die kritische Wahrnehmung da meist aussetzt und das eine eher verdinglichte Herangehensweise an Kunst ist, doch sei‘s drum.)

    Zudem kommentiere ich hier, um mich bei Ihnen zu bedanken, daß ich in Ihrer Blogroll mich befinde, und zum anderen, um Ihnen mitzuteilen, daß ich Sie in meine Blogroll aufgenommen habe. Nicht aus paritätischem Prinzip und völlig unsinniger Dankbarkeit heraus tat ich dies, sondern weil mir Ihr Blog sehr gut gefällt: diese Mischung aus Persönlichem und Literatur hat etwas; und der Name „Aleatorik“ ist fein gewählt. Kurzum: ich lese Ihre Texte gerne.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 5. Juli 2010 um 23:12

    Lieber Bersarin,

    ich habe mich über Ihren Kommentar gefreut, sehr sogar. Und auch darüber, dass ich auf Ihrer wohlfeilen Blogroll stehe. Ich bin auch keine Freundin weder der tausendfachen Verlinkung noch der paritätischen Dankbarkeit, aber in diesem Falle freue ich mich dennoch.

    Etwas zu mir: ich habe vorwiegend Literaturwissenschaften studiert, aber auch ein wenig Philosophie – in Bukarest und in Berlin -, ein wenig Hegel und Kant und Kierkegaard, ein bisschen Adorno, Benjamin, vor allem aber die Franzosen, die Rumänen sind eher frankophon orientiert, Lacan und Derrida. Von daher lese ich Ihre Texte gerne, ich tendiere aber, was meine eigene Ausrichtung angeht, sehr viel deutlicher zu Literatur: ich will Schriftstellerin werden. Und sein will ich es auch. Obwohl ich die Bewegung, das „werden“ wichtiger finde.

    Zu Roberto Bolaño: Ich war nach der Lektüre von „Chilenisches Nachtstück“ etwas enttäuscht und habe in meinem Blog auch darüber berichtet. Das vergangene Wochenende habe ich mit „Telefongespräche“ verbracht, und mich dabei nicht besser gefühlt. „2666“ steht auf meiner Sommerleseliste und eben las ich die ersten Seiten von „Die wilden Detektive“ und war auch sofort, auf den ersten Seiten schon, von dem Tonfall gefangen. Ich hätte Bolaño schon sehr viel eher gelesen, aber dann ist David Foster Wallace dazwischen gekommen (http://www.unendlicherspass.de/author/alea-torik/ ).

    Es freut mich, was Sie schreiben, denn mir geht’s genauso: dass man über ein Buch nach dreißig Seiten wenig sagen kann. Viele behaupten ja, sie könnten es schon nach den ersten Seiten, schon nach dem ersten Wort wüssten sie, wo der Hase lang läuft; aber eben auch nur der Hase.

    Die folgenden Zeilen habe ich schon recht häufig dupliziert. Was meinen Namen betrifft: Intellektuelle ziehen die Stirn in Falten und glauben selbst meinem Personalausweis nicht. Die anderen können ihn in der Regel nicht behalten. Die Sache ist in Wirklichkeit ziemlich banal: Mein Vater, Matthias Müller, ist vor dreißig Jahren aus Deutschland weggegangen, aus dem reichsten Land Europas in das ärmste. Dort, in Rumänien, hat er meine spätere Mutter kennen gelernt, Magdalena Torik. Soweit ich über die Vorgänge informiert bin, war für den Nachwuchs ein Name im Gespräch, der in beiden Kulturen akzeptiert und in Rumänien und in Deutschland Anklang finde sollte. In den rumänischen Ohren meiner Mutter klang Katrin gut. Bis mein Vater den hebräischen Vornamen Aléa entdeckte. Der Nachname meines Großvaters Torik stammt aber nicht aus Siebenbürgen, der Heimat meiner Mutter, sondern irgendwo aus Moldawien und seine Ahnen wiederum kommen aus dem russischen Raum oder dem ukrainischen. Der kyrillische Name meines Großvaters lautet: Торик. Er schweigt sich über die näheren Umstände seiner Herkunft aus. Das hat wohl etwas mit den Flüchtlingsströmen der damaligen Zeit zu tun, die nicht nur in Südosteuropa unterwegs waren.

    Ich liebe meinen exotischen Namen und würde ihn für kein Geld der Welt gegen einen andern eintauschen. Schon gar nicht gegen den, dem er am nächsten ist und dem ich einzig durch den Humor meines Vaters entgangen bin, nämlich Katrin Müller. Das klänge heute, vor allem aufgrund der ähnlichen Interessenslage, nach der Tochter von Herta Müller.

    Mein bester Freund Julian hat mir vorgeschlagen ein Pseudonym anzunehmen. Aber wir sind uns nicht einig geworden. Er war für Will Kür, ich für Stocha Stik. Beides würde mich jedoch nicht signifikant entlasten.

    Ich grüße Sie herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 6. Juli 2010 um 19:22

    „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“
    Lesen und Verstehen sind psychodynamische Prozesse. Kein Buch wird selbst vom gleichen Leser jemals wieder gleich gelesen. Ob nun ein Nichtverstehen mit einem “Nicht sonderlich gut finden” zusammenhängt ist schwer zu sagen, über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Entweder der Kopf wird durch das Buch bereichert oder auch nicht. Die Zeit der Schuldzuweisungen, wie es Lichtenberg ein wenig süffisant zu seiner Zeit doch ein wenig tut, im Zweifel ist eben doch nicht das Buch sondern der Leser der Ungenügende scheint mir vorbei. Heute ist alles nur Begegnung, da gibt es flüchtige, man schrammt wo vorbei, da gibt es Begegnungen fürs Leben. Wichtig dabei ist doch, dass es eigentlich keine dummen Leser gibt, es gibt nämlich auch keine dummen Menschen, nur Menschen. In der Masse werden sie allerdings manchmal dümmer. Wovor man sich jedoch immer hüten sollte ist der intellektuelle Hochmut, die Arroganz, manchmal bemerkt man sie gar nicht, schon gar nicht bei sich selbst. Vielleicht bin ich hochmütig, während ich dies schreibe. Ein hervorstechendes Charakteristikum der Bücher und der Menschen ist ihre Unvollkommenheit, darin kann machmal auch ihre wahre Schönheit stecken.
    Es ist schon richtig, dass bei “Fanclubs die kritische Wahrnehmung manchmal aussetzt” und eine “verdinglichende Herangehensweise an Kunst” von Dechiffriersyndikaten mag ich auch nicht. Eingestiegen bin ich bei wilde-leser.de letztes Jahr, weil mich “2666″ aufgewühlt hat und meine ersten Beiträge dort waren deshalb auch weniger rational als emotionale Auseinandersetzung. Ich wollte mich mit anderen über Literatur austauschen. Warum müssen etablierte Literaturkritik oder literarische Blogs ein solches Leserengagement immer als “Selbsthilfegruppe” oder “Fanclub” abwerten? Aléatorik und Aisthesis sind zwei Blogs, die ich ab und zu gern besuchen werde, sie sind immer einen Besuch wert, auch wenn man nicht in allem einer Meinung ist oder gerade deshalb. Was Bolaño betrifft ist bei Ihnen beiden ja noch alles offen, sie werden beide noch Fans werden, irgendwie bin ich mir da sicher.
    Die Tilde über dem n: ALT-Taste gedrückt halten und auf dem numerischen Zahlenblock 0241 drücken, dann loslassen. Loslassen mache ich jetzt auch.

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 6. Juli 2010 um 20:45

    Liebe Aléa Torik,

    es freut mich, daß es Sie freut, könnte ich diesen Text einleiten, doch es gibt diese Zeile bereits bei der von mir sehr geschätzten Band „Element of Crime“. Dort hat jene Wendung einen eher zwiespältigen Beiklang. Insofern taugt sie hier nur eingeschränkt. Aber trotzdem: es ist auch auf meiner Seite Freude, denn ich lese, wie geschrieben, Ihre Texte sehr gerne; sie sind unprätentiös (im guten Sinne) und dabei doch gehaltvoll. Den Mauerpark haben Sie sehr gut beschrieben. Auch ich bin aus diesen Gründen dort gerne. Die Geschichte mit Ihrem Namen will mir gar nicht aus dem Kopfe gehen. Wenn ich Ihre Texte nicht für ernsthaft hielte, so dächte ich in der Tat, daß Sie sich mit den Ausführungen zu Ihrem Namen einen Spaß mit mir erlaubten, um mich – sozusagen – dekonstruktiv hinter das Licht zu führen.

    Ich selber komme von meiner intellektuellen Biographie und im Rahmen des Studiums von der Philosophie bzw. der Ästhetik sowie der Kritischen Theorie her. Literaturwissenschaft und Soziologie sowie Kunstgeschichte mischten sich bei. Meine literarischen Schreibversuche liegen weit zurück, etwa zum Beginn der Studienzeit. Schnell habe ich sie jedoch aufgegeben. (Allerdings schrieb ich immer gerne Briefe, als diese Form der (literarischen) Kommunikation noch existierte.) Die Frau, welche ich mit meinen Schreibversuchen beeindrucken wollte, ließ sich nicht so recht beeindrucken; zumindest zeigte sie es nicht sehr deutlich. Formen des Ausdrucks sind für mich der (philosophisch-literarische) Essay und die Photographie, wobei ich letztere eben nicht intensiv genug betreibe. Insofern stagnierte die Angelegenheit irgendwann. Der ästhetischen Entwicklung sind Grenzen gezogen, wenn man sich der Photographie (oder auch der Literatur) nicht in einer gewissen Konstanz widmet. Schön finde ich es, daß Sie schreiben und dies in einer Intensität, die über ein bloßes Hobby hinaustreibt, was mehr als mutig ist. Aber ohne Leidenschaft geht es nicht. Mir selber erschien dieser künstlerische oder der universitäre Weg am Ende als zu dornig und zu holperig, zu unsicher, zu beschwerlich.

    In Rumänien war ich mit etwa 15 Jahren im Urlaub mit meiner Mutter und meiner Schwester Es muß wohl 1979 gewesen sein. Ich bin dort auch einen Tag allein in Konstanza gewesen und habe mir die Stadt angesehen. Diese Stadt empfand ich als sehr schön und natürlich als spannend für einen Jungen mit 15 Jahren, der alleine durch die Stadt stromern durfte. Was das Rumänische betrifft, so habe ich da lediglich Cioran und Ionesco gelesen, die jedoch eher als französische Schriftsteller durchgehen.

    Ihren Namen sollten Sie in der Tat behalten, denn ein gelungenes Pseudonym zu wählen, gerät nicht einfach. Begriffe auseinander zu schreiben, so daß sich zwei sinnvolle Teile ergeben, erscheinen oft fragwürdig, weil das zu kalauerhaft daherkommen kann. Als sich die Sängerin der Band „Mia“ noch „Mietze“ nannte, war es ok, „Mietze Katz“ war aber zu viel. Auffallen, ohne aufzufallen mag eine Devise sein (na ja, da spricht der Franz Kafka in mir.). Mein Pseudonym fiel mir eher assoziativ zu. Besonders gelungen ist es nicht, aber ich kann damit leben. Und wenn ich ernsthaft gesucht hätte, um das genau passende Pseudonym zu finden, so säße ich heute noch am Schreibtisch und betriebe Pseudonymsuche.

    So, nun habe ich zum Ende hin etwas zu viel geschrieben.

    Nachtrag: Ja, Foster Wallace ist genial. „Unendlicher Spaß“ steht noch zum Lesen aus. Die Erzählungen von ihm überzeugten mich bereits.

    Auch ich sende Ihnen herzliche Grüße

    Bersarin

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 07:27

    An alle,

    ich hatte gestern Abend keine Lust mehr auf eine Tastatur und ich war in der angenehmen Lage, einem Buch den Vorzug geben zu können. Und heute Morgen, so sieht‘s aus, habe ich verschlafen. Alle, die noch eine Antwort bekommen, bekommen sie auch. Vor oder nach dem Spiel. Oder, mal sehen wie`s wird, auch währenddessen. Es ist nicht so, dass ich jetzt ins Lager der Fußballfans gewechselt bin, vielmehr ist es so, dass sich das gegenüber liegende Lager in Auflösung befindet.

    Wenn heute, habe ich mich aufklären lassen, Deutschland gewinnt, dann stehen sich die Niederlande und Deutschland im letzten Spiel gegenüber. Das wird eine schwierige Situation für mich. Als ich nach Deutschland gekommen bin, war auch gerade Fußballweltmeisterschaft. In bin damals, ohne eigenes Verschulden, ohne Absicht, ins holländische Lager geraten und die holländischen Fans haben mich tagelang begleitet und mich mit Bier versorgt. Was ich gar nicht wollte. Jedenfalls waren die alle sehr nett und ich wurde Fan der holländischen Fußballnationalmannschaft. Passiver Fan, ich war für die Holländer, weil ich alle anderen nicht kannte. Ums kurz zu sagen, ich möchte nicht, dass Holland und Deutschland gegeneinander spielen. Weil ich nicht für jemanden sein möchte. Bei dieser eher primitiven Anlage des Spiels ist es ja so, dass man dann auch gegen jemanden ist.

    Also heute noch antworte ich auf die Kommentare.
    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 16:51

    Lieber Bersarin,

    ich führe Sie nicht hinters Licht, war aber überrascht, dass Ihr Name ein Pseudonym ist. Ich nahm wohl an, dass es sich bei „Bersarin“ einfach um Ihren Nachnamen handelt. Ich habe allerdings die Suche nach einem Pseudonym auch bald aufgegeben. Soll sich jeder denken was er will.

    Wenn Sie 1979 in Rumänien waren, dann waren Sie vier Jahre vor mir da, ich war zum ersten Mal 1983 dort. Allerdings gleich für ziemlich lange, die erste 17 ½ Jahre habe ich in einem Dorf in unmittelbarer Nähe von Hermannstadt verbracht, und die folgenden drei in Bukarest, 2006 bin ich dann nach Berlin gekommen.

    Wenn Sie sogar schon einmal in Constanţa waren, dann kennen Sie vielleicht die Eisdiele dort, schräg gegenüber vom Casino. Haben Sie da vielleicht „Mango“ probiert? Besseres Eis gibt es in Berlin nur in der Bioeisdiele in der Reichenbergerstraße in Kreuzberg, wenn überhaupt. Ich war in Constanţa allerdings auch erst ein- oder zweimal, auch ungefähr mit 14 oder 15 Jahren. Und ich meine mich erinnern zu können, dass ich da eine Eistüte bekommen habe mit Mangogeschmack. Aber, verstehe das wer will, wir haben uns dennoch um ungefähr zehn oder fünfzehn Jahre verpasst.

    Was den Weg des Künstlers angeht: auch mir erscheint er zu dornig. Aber ich gehe ihn dennoch. Und wissen Sie warum? Ich kenne keinen anderen zum dem Ziel, zu dem ich hin will (Schriftstellerin). Also gehe ich diesen. Sollte ich aber je im Gestrüpp auf einen besseren treffen, werde ich den nehmen.

    Und dann habe ich noch eine kleine Frage: Sie wollen in den Urlaub? Sie waren doch gerade erst in Mallorca.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 17:00

    Lieber Bücherblogger,

    es ist gut, dass Sie sich noch einmal gemeldet haben. Man kann selbstverständlich verschiedener Meinung über Bücher sein. In der Regel begründe ich die meine, aber manchmal auch nicht. Was ich zu „Der unerträglichen Gaucho“ zu sagen gehabt hätte, das hätte nicht in das Blog gepasst. Und deswegen habe ich es gelassen. Und gelassen habe ich es zur Gänze bei den „Telefongesprächen“. Das Blog hier ist deutlich an das Lustprinzip gekoppelt. Wenn ein Buch mal keinen Spaß macht, dann macht es vielleicht noch Spaß, es an die Wand zu pfeffern, das müssen Sie mal ausprobieren: alle Bücher fliegen andres. Am Ende werde ich mir eine Meinung zu Bolaño erlauben und ich werde, da ich auch ja noch nahezu zweitausend Seiten vor mir habe, sicherlich auch hier noch einiges dazu sagen und von meiner Lektüre berichten. Und die ersten Seiten der „Wilden Detektive“ sind großartig, ein sehr interessanter Tonfall, klug, witzig, distanziert und gleichermaßen mittendrin.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 21:39

    @ Buecherblogger

    die Kategorie des Geschmacks im Rahmen der Ästhetik zeigt sich als interessant und schillernd. Gleichzeitig gibt der Geschmack dort einen unsicheren Kantonisten ab. Denn es existieren durchaus Kriterien, weshalb man ein Kunstwerk mit guten Grund als ästhetisch gelungen oder mißlungen bezeichnen kann. Diese Gründe reichen über das bloß subjektive Moment hinaus. Da greift dann das reine Geschmacksurteil nicht mehr. Adorno schreibt in seinem Aufsatz „Über den Fetischcharakter in der Musik“, daß der Begriff des Geschmacks für die Kunst der Moderne (und insbesondere die Musik) überholt ist. „Die verantwortliche Kunst richtet sich an Kriterien aus, die der Erkenntnis nahekommen: des Stimmigen und Unstimmigen, des Richtigen und Falschen“. Die Kategorie des Geschmacks, seit dem späten 18. Jhd. konstitutiv für eine Ästhetik, die unter anderem die Emanzipation des Bürgertums zur Aufgabe hatte, ist überholt (oder es widerfährt dieser Kategorie zumindest eine Wandlung).

    Begriffe wie Arroganz und Überheblichkeit, die bei solchen Äußerungen jeweils reflexhaft aufkommen werden, helfen wenig weiter. Denn es geht darum, wer sich wo und wie auskennt. Computertechnik ist nicht für alle, Kunstkritik auch nicht. Wer mit Emphase zwanzig Bücher gelesen hat, wird nicht behaupten können, sich ernsthaft in der Literatur zu bewegen. Schließlich stelle ich mich auch nicht hin und halte Vorträge auf einem Kongreß für Medizin und beurteile die dort vorgetragenen Thesen, nur weil ich die Apothekenumschau lese. Man kann ein Kunstwerk sicherlich im intuitiven Rahmen gut oder schlecht finden – es geht ja nicht um Verbote – nur sagen solche Sätze nicht viel aus. Diese intuitive Ebene kann aber später für eine Analyse trotzdem zentral werden. Wenn es ans Eingemachte geht, so sitzen am Ende jedoch die Profis in der ersten Reihe. Ernsthafte Urteile über Kunstwerke sind nur von denen zu zu erwarten, die sich in der Materie auskennen. Trotzdem natürlich: es gibt auch eine „Lust am Text“. Kunst erschöpft sich nicht in der bloßen Reflexion.

    Ein Nachsatz noch: Ich werde von keinem Schriftsteller ein Fan werden, da ich den Begriff im Rahmen der Literatur für verfehlt halte. Die Gründe dafür dürften sich aus dem oben Ausgeführten erschließen.

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 22:06

    Liebe Aléa Torik,

    nein, ich bin keinesfalls mit dem sowjetischen Stadtkommandanten verwandt: „Bin gar kein Russe“ wie es in Eliots „Waste Land“ heißt (eigentlich steht da „Russin“). Ein Pseudonym habe ich mir gewählt, weil es im Reich des Virtuellen zu viele Irre gibt, mit denen ich privat nichts zu tun haben möchte.

    Ja, wir haben uns in Konstanza leider verpaßt. Ich kann mich an Konstanza (ich behalte einfach mal die deutsche Schreibweise bei) nicht mehr im Detail erinnern. Die Eindrücke waren für einen in der BRD Sozialisierten überwältigend und befremdlich in einem. Zudem habe ich, da ich mit 15 Jahren ein ziemlicher Chemie-Freak war, nach Laborbedarf Ausschau gehalten. Die Spezial-Gerätschaften gab es in Rumänien zu sagenhaft guten Preisen. Ich habe da im Koffer Sachen herausgeschleppt, daß ich fast vermute, für den Zusammenbruch der chemischen Industrie Rumäniens verantwortlich zu sein. An Mango-Eis kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an die Elektrobusse und den Hafen, vor allem an die militärischen Sperranlagen. Als ein Ort für Photographie würde mich Rumänien sicher reizen. Andererseits käme ich mir dort wie ein Voyeur vor. Aber dies sind Photographen ja immer.

    Was Ihren Weg betrifft, so bewundere ich Ihren Mut. Ich habe die Ausdauer nicht besessen. Weder in der Photographie noch in der Philosophie; am Ende bin ich pragmatisch geworden. (Aber das ist eine lange Geschichte.)

    Jaaa: der Urlaub: der zweite schon innerhalb sehr kurzer Zeit – es ist dies dann mein Jahresurlaub: drei Wochen, wovon es für eine Woche ins Ruhrgebiet gehen soll. Die übrigen zwei oder eineinhalb Wochen kommt dann viel Lesen, Schreiben in Berlin, und ich werte die Photos aus, die ich im Ruhrgebiet gemacht habe. Auf meinem Blog erscheint sicherlich die eine oder andere Photographie. Dann habe ich, von Weihnachten abgesehen, keinen Urlaub mehr bis Mai nächsten Jahres. Insofern bin ich nicht so verwöhnt, wie es zunächst aussieht, die Daten liegen lediglich eng beieinander.

    Ich hoffe, daß auch Sie noch in den Genuß eines angenehmen Urlaubs kommen. Wie ich lese geht es ja im September nach Rumänien.

    Mit vielen Grüßen von Berlin nach Berlin

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 8. Juli 2010 um 09:27

    Lieber Bersarin,

    ich meine mich an einen Hilferuf Ihrerseits erinnern zu können, was das Ruhrgebiet betrifft. Ich habe mich informiert. Ich kenne jemanden, der aus dem Ruhrgebiet stammt und der sagte mehrfach das Wort Industriearchitektur. Was Sie sehen müssen, wenn Industriedenkmäler für Sie interessant sein sollten, liegt in Essen http://www.zollverein.de/ und in Duisburg http://www.industriedenkmal.de/html/huttenwerk_duisburg_meiderich.html

    Im September geht es für drei Wochen in den Urlaub, in ein Dorf, auf den Bauernhof, Eltern und Großeltern leben da gemeinsam, wahrscheinlich muss ich ein bisschen die Kühe füttern und melken, das Pferd streicheln und reiten; solche Sachen, mit dem Opa Traktor fahren, ich kann ziemlich gut Traktor fahren, das ist ein russisches Modell, das hat zwar eine Kupplung, aber man braucht die nicht, man haut einfach einen Gang rein und los geht’s (allerdings ist das auch der Grund, dieses Gang-reinhauen und losfahren, warum ich den Führerschein nicht bestanden habe, oder sagen wir, es war einer der Gründe, insgesamt war die Angelegenheit, wenn ich das so sagen dürfte, vielschichtiger). Ich werde viel lesen, Freunde treffen, mein Rumänisch aufmöbeln, ich werde auch nach Bukarest fahren, aber wahrscheinlich nicht ans Meer. Ich möchte vor allem auf einem Stuhl sitzen und mir anschauen, wie die Zeit vergeht. Wie sie von links nach rechts an mir und meinem Stuhl vorübergeht.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 8. Juli 2010 um 10:28

    @Bersarin – Reflex und Reflexion
    bei meinem letzten Satz habe ich die Anführungszeichen bei dem Wort “Fans” vergessen, ich bitte diese Unterlassung zu enschuldigen. Ihre Antwort haucht den Gestus des Akademischen, das sich reflexhaft wehrt, wenn es in Frage gestellt wird, schade. Aber es steht mir nicht zu, Sie zu kritisieren, auch wenn ich mehr als zwanzig Bücher gelesen habe. Dass die Wahrheit nicht in der Sekundärliteratur steht, davon allerdings bin ich überzeugt. Zitate aus der “Ästhetischen Theorie” von Adorno oder dem Passagenwerk Benjamins beeindrucken mich schon lange nicht mehr. Politisch stehen Sie links, ich auch. Das Dilemma der Linken ist ihre gleichzeitige Bürgerlichkeit. Aber Politik und Literatur sind ein gefährliches chemisches Gebräu, da kennen sie sich besser aus, wie ich gelesen habe. Ich will mich kurz fassen. Mit meinem eingeschränkten ästhetischen Geschmacksempfinden gefallen mir Sätze wie
    “Ich möchte vor allem auf einem Stuhl sitzen und mir anschauen, wie die Zeit vergeht. Wie sie von links nach rechts an mir und meinem Stuhl vorübergeht.” wesentlich besser als der Vorlesungscharakter Ihrer Ausführungen.
    Klappt das mit dem “ñ”?

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 9. Juli 2010 um 16:21

    @ Buecherblogger

    Es ist gut, daß Sie sich von Autorennamen und Zitaten nicht beeindrucken lassen. Auch ich hielt dies seit meinem Philosophieunterricht in der Schule so; auch mich beeindruckten sie nicht. Warum auch? Adorno ist dazu da, gelesen zu werden. Ich will Ihnen Ihre Freude am Primärtext gar nicht ausreden. Aber was ist primär und was sekundär? Auch diese Unterscheidung läßt sich hintertreiben. Ein vermeintlicher Sekundärtext, also Texte über Literatur/Kunst, wie etwa die Ausführungen Reinhard Baumgarts oder Fritz J. Raddatz‘ zur Literatur, besitzen nicht bloß sekundäre Qualitäten, vom philosophischen Essay eines Montaigne oder Adorno ganz zu schweigen. Ist das nun Literatur, ist es Philosophie? Ist der „Ulysses“ Sekundärliteratur zur „Odyssee“? Gleiches gilt für Nietzsche. Die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärliteratur ist scheinhaft. Da klingt mir zu sehr der George Steiner durch.(Und die Kommunikation in Blogs ist sowieso eine Sonderform ästhetischer Kommunikation.)

    Natürlich steht es Ihnen frei, mich zu kritisieren. Ich bitte sogar darum. Eine um der Sache willen durchgeführte Kritik ist eine nützliche Angelegenheit.

    Allerdings: Das Akademische läßt sich nur auf Augenhöhe in Frage stellen. Es reichen Begriffe wie Geschmack und Gefühl für eine Kritik kaum aus. Nebenbei: auch die Literaturkritik und -betrachtung bleibt eine akademische Disziplin und Übung; sie unterliegt Kriterien, sie erheben Anspruch auf Objektivität – freilich in der subjektiven Form des Essays. Die Besten des Faches erarbeiteten sich ihr Talent durch Übung, Lektüre, Studium; sie rekurrierten auf Vorgänger. Das wissen Sie so gut, wie ich es weiß. So wie Sie über Bücher schreiben, was ich stilistisch als angenehm empfinde, möchte ich einen Fünfziger verwetten, daß Sie dieses Wissen von einer Universität erhielten und nicht durch Gefühle und Wallungen.

    Was mich generell stört und ärgert ist eine schlechte Unmittelbarkeit, die Naivität vorspielt: „Jetzt sind wir mal gaaaanz nah bei den Dingen und atmen tief ein und tief wieder aus und murmeln ‚Om, om‘ und überlassen uns voraussetzungslos der Sache.“ Dies, mit Verlaub, ist Ideologie.

    Beste Grüße

    Bersarin

    PS: Die Tilde läßt sich bei mir leider nicht erzeugen.

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 9. Juli 2010 um 16:40

    Liebe Aléa,

    was Sie als „Programm“ für Ihren bevorstehenden Urlaub schildern, das klingt verheißungsvoll und angenehm. Um dieses Dorf und diese Möglichkeiten werden Sie wahrscheinlich viele beneiden. Vielleicht auch ich? Aber dieses Geheimnis verrate ich Ihnen nicht.

    Ja, der Satz, den Sie zur Zeit schreiben, die sie beobachten möchten, reißt hin und trifft das, was man das Ziel eines gelungenen Urlaubs nennen könnte, sehr genau. (Insofern schätze ich auch Peter Handke, weil er diesen wunderbaren Blick für die kleine Dinge, für die Dinge in ihrem So-Sein besitzt.)

    Auch möchte ich mich für Ihre Reise-Tips zum Ruhrgebiet bedanken. Ich probiere das auf alle Fälle aus. Womöglich, wenn die Orte sich als gut erweisen, steht Ihnen gar der bei mir im Blog angekündigte Preis zu, falls Ihnen ein solcher überhaupt zusagt. ;-)

    Heute habe ich mir zusätzlich noch einen Reiseführer gekauft. Ich will doch einmal sehen, ob ich alles schaffe, was ich mir für das Ruhrgebiet vorgenommen habe.

    Morgen soll in Berlin ja eigentlich Megaspree versenkt werden. Aber es ist so furchtbar heiß, daß ich kaum weiß, ob ich da hingehe und Photos mache oder nicht vielmehr an einem kühlen Ort bleibe.

    Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende und grüße Sie herzlich

    Bersarin

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 10. Juli 2010 um 10:21

    Lieber Bersarin,

    „Dorf in Rumänien“ klingt sicher gut und ich habe da Vorteile gegenüber einer dorflosen Existenz, aber ich bin dort ja eigentlich nie. Einmal im Jahr, dann aber ist es schön. Ich will vor allem abschalten, von allem, was mich hier umtreibt. Dennoch ist das anders als man es sich vielleicht vorstellt: die Kühe machen Arbeit und werden nur deshalb gehalten, weil sie geschlachtet werden können und Geld bringen; Geld, das man dann in die nächste Generation Kühe investiert. Seltsamer Kreislauf. Das Pferd („Kleiner Onkel“: ich habe damals Pipi Langstrumpf gelesen) ist inzwischen schon ziemlich alt, ein Kaltblüter, kein Reitpferd, reiten heißt da: auf seinem Rücken sitzen, während das Pferd das macht, was es sowieso gerade macht. Aber auch das ist schön. Ein Pferd zu striegeln, das ist sehr schön. Das ist allerdings auch Arbeit, das ist richtig anstrengend. Wenn man aufhört, kommen die mit ihrer Schnauze (sagt man Schnauze?), mit ihrem Kopf, und stoßen einen liebevoll an: die wollen, dass man weitermacht. Es gibt auch ein Esel. Der heißt nur Esel, weil er zu dämlich wäre, um auf einen Namen zu hören. Wenn es den noch gibt. Den wird es noch geben, der ist zu dämlich, um tot umzufallen. Ich will vor allem viel Lesen. Und mit den Eltern und Oma und Opa hinter dem Haus sitzen, es gibt einen Garten, natürlich!, und gemeinsam das Essen genießen.

    Zu Ihrem Preis – für alle Leser und Leserinnen, die nicht wissen, worum es geht, hier die Preisausschreibung zum Thema Ruhrgebiet, im Wortlaut: „Wenn der Tip am Ende als gut sich erwies, so gibt es meinen Dank samt Wohlwollen zu gewinnen. Letzteres wird nicht vielen zuteil. Blonde Frauen – es muß nicht strohblond sein, mittel- bis leichtblond reicht aus (einfaches Portraitfoto als Nachweis genügt) – erhalten für einen von mir als hilfreichen empfundenen Reisetip einen wilden Abend, so wie es diese früher einst gab, an dem ich mich herablasse, das Gemeinsame sowie das Trennende von Heideggers Seinsbegriff, Adornos Nichtidentischem und Derridas différance zu diskutieren sowie verschiedene Rotweine auszuschenken. Abschließend, bei gehörigem Rotweinpegel, können wir, uns abwechselnd, Passagen aus Otto Weiningers „Geschlecht und Charakter“ vorlesen. (Dieser Preis setzt freilich eine hinreichende Intelligenz, Geschmack sowie einen gewissen Grad an philosophischer Bildung voraus.)“ – zu Ihrem Preis: Ich fürchte, dass ich der gewünschten Ästhetik nicht entspreche, und Sie sich womöglich versteigen könnten zu einer These wie „Der einzig wahre Ästhetizismus ist blond“ und „Geschlecht und Charakter“ scheint mir auch, ich kenn es nicht, nicht einmal dem Namen und dem Titel nach, in die falsche Richtung zu führen. Ob ich den Bedingungen bei den anderen genannten Dimensionen entspreche, muss ich wahrscheinlich erst unter Beweis stellen?

    Ich will fotografieren, ich möchte mir eine kleine Kamera kaufen und Bilder im Urlaub machen, die ich dann hier einstellen werde. Ich kenne ein paar Blogs, wo wirklich schöne Bilder zu sehen sind: ich meine mit Bildern wirklich richtige Bilder, das Gegenteil von Fotos, von Schnapp (s?) schüssen. Mal sehen ob sich das realisieren lässt. Ich müsste aller Wahrscheinlichkeit ein Handbuch lesen und Handbücher empfinde ich nicht als sonderlich interessant. Das ist auch der Grund, warum ich keinerlei erotische Bindung an mein Handy habe: Ich weiß nicht genau, wie es funktioniert. Ich habe das Handbuch, nach mehr als einem Versuch, ungelesen weggelegt. Vermutlich wird dieses Schicksal auch das Handbuch des Fotoapparates. Ich werde es mir überlegen.

    Schönes Wochenende auch Ihnen
    Aléa

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 11. Juli 2010 um 12:37

    Liebe Aléa,

    daß ein Dorfleben nicht nur bukolisches Idyll ist, will ich wohl glauben. Gerade diese Mischung, die Sie schildern, erzeugt den Wunsch, so etwas wieder zu machen. Was Sie da von dem stubsenden Pferden schrieben, kommt mir bekannt vor. Es wirkt auf mich, als Stadtmensch, zugleich aber unheimlich, weil ich nicht recht, weiß, was die Pferde von mir wollen.

    Weiningers „Geschlecht und Charakter“ nicht zu kennen, ist mehr als verzeihlich, zumal es sich doch um ein – nun ja, sagen wir es vorsichtig – sehr spezielles Buch handelt. Ich nannte es eher in provokativer Absicht. Vergessen Sie dieses Buch am besten, zumal Sie mich ob dieser Buch-Beigabe für einen schlechten Menschen halten könnten.

    Die Ästhetik des Blonden formulierte ich, um den Andrang in meinem Blog so gering wie möglich zu halten; vielleicht auch aus dem unbewußten Reflex heraus, weil eine unerfüllte Liebe zur Studienzeit blond war (bzw. wohl immer noch blond ist). Kleine Zeichen der Reue durchzucken mich mittlerweile, diesen Preis so restriktiv ausgeschrieben zu haben, wie ich es tat. Doch das „Zu spät“ ist schließlich die Lieblingserfahrung des melancholischen Ästhetikers, der sich wohl niemals zum Ethiker wandeln wird. Der einzig wahre Ästhetizismus ist sicher nicht zwanghaft blond, ich spiele mit diesem Klischee, aber durch die Inszenierung des Blonden verfalle ich womöglich einem Zwang der Wiederholung.

    Im Sommer präferiere allerdings ich Weißwein, speziell den Riesling. Der Riesling ist mir der liebste unter den Weinen, um eine Zeile Hölderlins aus dem Gedicht „Andenken“ in Variation zu bringen. Daß Sie ansonsten den Bedingungen entsprechen, zeigt mir Ihr Blog. Intelligenz ist eine Frage des Stils. Wobei es mir im Grunde aber nicht zusteht, die Intelligenz eines Menschen zu beurteilen, zumal diese gefächert und vielfältig ausfallen kann. Entscheidend sind Korrespondenzen und eine Affinität im Denken, die Heterogenes umfaßt. Jetzt muß nur noch der Reisetipp gut sein, dann haben Sie den Preis gewonnen. Ich will das aber lieber nicht weiter ausführen, weil ich mich ansonsten bei Ihnen um Kopf und Kragen schreibe.

    Doch immerhin besitze ich auf dem Gebiet des Schreibens solcher Dinge einen hohen Grad an „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (O. Marquard) und komme deshalb sogleich zur Frage des Photoapparates: Ich fürchte allerdings, daß es schwierig wird, eine geeignete Kamera für Sie zu finden. Fast würde ich in Ihrem Falle zu einer analogen Kamera raten, weil dort die technischen Spielereien gering sind. Sie müßten die Negative für Ihren Blog dann nur scannen lassen. Holen Sie sich eine möglichst kleine Spiegelreflex (etwa eine gebrauchte Minolta) mit einem 35 mm-Objektiv. Vielleicht auch, wenn Sie etwas Geld übrig haben, eine gebrauchte Leica aus der M-Serie. Eine kleine, handliche Reportagekamera, die Bilder auf hohem Niveau macht. Leider auch sehr teuer. Die großen Spiegelreflex wie Nikon F 3 sind zu schwer und zu auffällig. Die Menschen verhalten sich auch unentspannt, wenn die Kamera zu groß ist, Schnappschüsse sind kaum möglich.

    Für das Digitale: Ich weiß ja nicht, wieviel Geld Sie ausgeben möchten; das Problem besteht jedoch darin, daß sie, wenn Sie richtig gute Photos machen wollen, auch eine richtig gute Kamera benötigen – gerade im Digitalen. Ja, ich weiß: gute Photos entstehen durch gute Photographen und Photographinnen. Aber machen Sie einmal mit einer schlechten Digitalkamera ein Bild bei Gegenlicht oder unter ungünstigen Lichtverhältnissen.

    Kleine Typologie und Empfehlungssammlung: Eine Olympus aus der P-Serie – unbedingt mit zwei zusätzlichen Akkus, ein einziger hält bei starkem Gebrauch gerade einmal einen dreiviertel Tag. Lumix (G-Serie) bzw. Panasonic (die haben teils sehr gute, kleine Kameras) oder Canon (G-11). Die Technik der Apparate ist einerseits ganz einfach, weil es dort die Funktion der Vollautomatik gibt, andererseits auch wieder nicht.

    Sie sollten in der Tat keine Handbücher lesen, sondern kaufen Sie sich einen geeigneten Apparat, lassen Sie sich diesen von jemandem erklären, den Sie dazu für befähigt halten.

    Wenn Sie gute Bilder machen wollen, werden Sie aber um die Technik, so fürchte ich, nicht ganz herumkommen. Im Digitalen ist Autofocus und dergleichen nicht unwichtig. Andererseits ist die Technik kein undurchschaubarer Fetisch. Ich selber bin auch nicht gerade technikaffin und besaß bis vor drei Jahren ein über zehn Jahre altes Handy, das mich nicht nur im Freundeskreis zum Gespött machte. Ich benutze Handys jedoch selten, denn niemand muß immer und überall erreichbar sein, außer man ist Notarzt. (Erotische Bindung und Technik ist sicher ein Thema für sich)

    Wenn Sie Fragen zur Photographie haben, so beantworte ich Ihnen diese sehr gerne.

    Herzliche Grüße

    Bersarin

    PS: Die Kunst des gelungenen Schnappschusses ist nicht gering zu setzten. Daß Sie Bilder und Photos unterscheiden ist interessant. Ich habe das photographieästhetisch nie so betrachtet. Auf Ihre Bilder freue ich mich schon jetzt. Insofern rate ich Ihnen zu, sich einen Photoapparat zu kaufen. Vielleicht überschätze ich Sie, doch denke ich, daß Sie sehr sehr gute Bilder machen werden.

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 12. Juli 2010 um 21:00

    @ Bersarin
    Dass die “die Kommunikation in Blogs sowieso eine Sonderform ästhetischer Kommunikation ist” stimmt uneingeschränkt, oft artet sie in gegenseitige Rechhaberei aus. Die Sachlichkeit und spürbare Souveränität mit der Sie antworten, ohne sich in irgendeiner Weise angegriffen zu fühlen, beeindruckt mich mehr als die Zitate. Der Essay ist natürlich ein willkommenes Beispiel, die
    Differenz zwischen “Primärliteratur” und “Sekundärliteratur” in Frage zu stellen, weil er selbst eine Mischform ist. (vgl. Adorno: “Der Essay als Form” in: Noten zur Literatur I) Meine vielleicht zur Empfindlichkeit neigende Allergie gegen das Akademische bezieht sich auch weniger auf das Inhaltliche, als auf den Gestus der Sprache selbst. Auch Adorno hat da ja seinen eigenen, nicht immer einfachen Stil (mancher Satz beißt sich wie eine Katze selbst in den Schwanz), was aber der Aussage nicht abtrünnig sein muss. Insofern bleibe ich bei meiner Aussage, dass Sekundärliteratur
    ihren eigenen Sprachstil hat, der oft akademisch überfrachtet ist. Auch wenn die Eintagesreise Leopold Blooms die Odyssee als Vorlage hat, macht das aus dem “Ulysses” keine Sekundärliteratur, da muss ich widersprechen.
    Was die universitäre Ausbildung angeht, hätten sie Ihren Fünfziger nach meinem Dafürhalten leider verloren, denn 4 Semester Germanistik und Anglistik mit folgendem Studienabbruch kann man ja nicht als universitären Milieudurchlauf werten. Von dem Urteil “angenehm” fühle ich mich zugegeben geschmeichelt. Kopf ohne Herz ist natürlich genauso schlimm wie Herz ohne Kopf. Also nur von Wallungen lasse ich mich nicht antreiben.
    Sie halten mich wahrscheinlich für einen insistierenden Computerfreak, wenn ich nochmal auf das Bolaño “ñ” zu sprechen komme. Da Sie so viel fotografieren, vermute ich mal sie könnten auch an einer “Apfeltastatur” sitzen. Was nun den Mac betrifft, soll die Methode Alt+N, was die Tilde erzeugt und anschließendes Drücken von nochmal n helfen. Ihre Fotos gefallen mir gut und was den schwarzen Hintergrund Ihres Blogs angeht, möchte noch einmal Adorno zitieren:

    “Radikale Kunst heißt soviel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz. Das Ideal des Schwarzen ist inhaltlich einer der tiefsten Impulse von Abstraktion.” Adorno: “Ästhetische Theorie” Frankfurt 1973.
    Ich wünsche Ihnen einen nicht zu heißen Urlaub im Ruhrgebiet. Auf die Fotos, auch die von Aléa freue ich mich auch. Muss gerade an meine dahinstaubende Nikon EM im Schrank denken.

    Bon voyage à tous les deux

    Kommentar von Bersarin
    Datum/Uhrzeit 13. Juli 2010 um 18:22

    @ Buecherblogger
    Danke für Ihr Lob, welches ein wenig verlegen macht. Aber es sollte in solch schönem Blog wie diesem hier schließlich um die Sache gehen, weshalb ich eben sachlich bleibe. Ich stecke Kritik ein so wie ich sie auch austeilen kann. Wichtig ist, daß man in den Grenzen der üblichen Höflichkeit bleibt. Takt, wie es bei Adorno heißt, als moralische Kategorie. Ich schätze zwar die Polemik sehr, aber sie sollte doch als Florettspitze und nicht mit der Panzerfaust daherkommen.

    Wie ich sehe, sind auch Sie im Text Adornos gut zu Hause. Adornos Satz zum Ideal des Schwarzen trifft es, und es ist ein zentraler Satz seiner Ästhetik. Überhaupt kann ich Adornos Text „Der Essay als Form“ jedem an das bewegte oder kalte Herz legen. Ich werde wahrscheinlich nach meinem Urlaub zu diesem neben der „Negativen Dialektik“ sehr wichtigen Text Adornos, weil er das Programm seiner Philosophie enthält, etwas schreiben. (Hoffentlich.) Vor hatte ich dies schon lange.

    Was den Fünfziger betrifft, würde ich mal sagen hälfte hälfte. 4 Semester sind keine geringe Zeit, immerhin zwei Jahre, aber auch nicht genug, um von akademischer Laufbahn zu sprechen, da haben Sie wohl recht. Ich denke aber, daß ich verstehe, was Sie mit diesem Akademischen meinen. In meiner akademischen Laufbahn sind mir, insbesondere in der Philosophie, Soziologie und Germanistik, viele untergekommen, auf die das Etikett Unibluffer gut zutrifft. In meinen Tutorien habe ich zwar hohe Ansprüche gestellt, aber diese Bluffer und Naseweise, die Altklugen sind schnell fortgegangen, als sie merkten, in welche Richtung die Show bei mir ging. Ich denke, daß ich bei meinen Studenten und Studentinnen doch insofern nicht unbeliebt war, weil ich jede/n in seinem So-Sein belassen habe; es geht nicht darum, was einer aktuell kann, sondern, was er aus den Potenzen und Anlagen macht; aber jeder muß dabei selber auf die Lösungen kommen. Darauf freilich kann man maieutisch hinarbeiten. Allerdings waren mir die Studentinnen, welche phantasievolle und abgedrehte, aber dabei doch gehaltvolle Texte schrieben, lieber als die manchmal allzu Strebsamen, die es mir bzw. dem Professor recht machen wollten.

    Eine EM besaß ich auch. Mit der bin ich aber nicht so gut klargekommen. Als Ausgleich habe ich mir dann 1985 eine F 3 mit Motordrive und dann später noch eine F 3 geholt, weil man auf Reportagen mit körperbetontem Aktionseinsatz eben zwei Kameras benötigt. Weil Sie so auf der Tilde insistierten, schaute ich noch einmal bei Einfügen „Sonderzeichen“: und siehe da, bei gründlichem Hinsehen fand ich die Tilde. Vielleicht lag es mit der Tilde, die sich nicht erzeugen ließ, daran, daß ich mit Open Office schreibe.

    Dank auch für die guten Urlaubswünsche.