02 Juli 2010
“Wir sind Nieten im Bett”
Hier kommt die zweite und letzte Bemerkung zu „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño.
Auch dieses Buch des Chilenen hat mir nicht sonderlich gefallen. Vielleicht gehört dieser Mann zu jenen Schriftstellern, zu jenen Ausnahmegestalten, die nur große Texte schreiben können. Und die an den kleinen scheitern. Mit großen Texten meine ich nicht die langen Texte, die umfangreichen oder voluminösen, sondern ich meine die großartigen Texte. Künstler, die, weil sie nur solche Texte schreiben können, notwendig an den kleinen scheitern. Viele scheitern vielleicht an den großartigen Texten (Stoffen, Motiven, Darstellungen), weil sie nicht gut genug sind. Bolaño womöglich gehört zu jenen, die an den weniger großartigen scheitern, weil sie zu gut sind. Weil er wirklich ein Ausnahmeschriftsteller ist. Zu meiner Leseliste im Sommer gehören seine beiden dicken, und womöglich auch großen Romane. Die werden diese Liste auch nur verlassen, indem ich sie lese, nicht indem ich sie vorzeitig rauswerfe.
„Wir sind Nieten im Bett, wir sind Nieten bei Wind und Wetter, aber im Sparen sind wir Meister. Wir heben alles auf. Als wüssten wir, dass das Irrenhaus irgendwann abbrennt. Wir verstecken alles. Nicht nur die Schätze, die Pizarro weiterhin regelmäßig unterschlagen wird, sondern die unbrauchbarsten Gegenstände, den ganzen Plunder, lose Fäden, Briefe, Knöpfe, die wir an Orten vergraben, an die wir uns später nicht mehr erinnern können, denn wir haben ein schlechtes Gedächtnis. Aber wir lieben es, Dinge aufzuheben, zu horten, zu sparen. Wenn wir könnten, würden wir uns selbst für bessere Zeiten aufsparen. Ohne Mama und ohne Papa können wir nicht leben. Obwohl wir ahnen, dass es Mama und Papa waren, die uns hässlich, dumm und schlecht werden ließen, damit sie selbst vor kommenden Generationen noch besser dastehen. Für Mama und Papa war Sparen Überdauern, Werk und Pantheon bedeutender Persönlichkeiten, während für uns Sparen Erfolg, Geld und Anerkennung ist. Darum und nur darum geht es uns. Wir sind die Generation der Mittelschicht.“
Wer etwas über die Literatur Argentiniens wissen will: die Bolañisten erweitern gerade ihren Horizont.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juli 2nd, 2010 unter Hier wird gemangelt, mittel












Kommentar von Der Buecherblogger
Datum/Uhrzeit 3. Juli 2010 um 00:22
Liebe Aléa Torik,
nichts sei Ihnen mehr gegönnt, als dass Ihnen die Bücher Bolaños “nicht sonderlich gefallen”. Ich bin etwas verärgert und enttäuscht. Bisher habe ich die Einfühlsamkeit ihrer Beiträge bewundert, aber mit Ihren beiden letzten Beiträgen zu “Der unerträgliche Gaucho” machen sie es sich zu leicht. Schauen wir uns “Wir sind Nieten im Bett” mal etwas genauer an. Der Titel ist ein Zitat, das mit der Anspielung auf männliche Sexualität Aufregung und Aufmerksamkeit erzeugen will. Dann folgt ein Satz, der herausgerufen wird wie ein kategorischer Imperativ und sofort eine negative Haltung aufbaut, ohne auch nur im geringsten zu erklären, worauf sich diese konkret bezieht. Dann haben wir einen Absatz über den Gegensatz von angeblich kleinen oder großen Werken. Bullshit, ein einzelner Satz kann groß sein, siehe Benjamin. Dann kommt ein Absatz mit einem längeren Zitat, das aber über die Aussage “Wir sind Nieten im Bett” nichts erhellt. Bolaño benutzt oft sexuelle Bilder um Literatur zu beschreiben. Hier ist nun eindeutig auch selbstkritisch gemeint, dass sich Schriftsteller oft einem Markt unterwerfen bzw. sich zu unterwerfen meinen müssen und deshalb was ihr Schreiben angeht “Nieten im Bett” bleiben. Sie machen sich nicht einmal die Mühe, diesen Satz zu erklären. Dann folgt wieder ein einzelner Satz, der so etwas wie ein wohlwollender Hinweis auf wilde-leser.de sein könnte, in dem ich aber sehr viel Herablassung spüre: als ob die Bolañisten ihren Horizont erweitern müssten. Das klingt als seien Sie schon über jenen hinaus. Ich habe die Befürchtung, die beiden großen Romane Bolaños werden Ihnen auch nicht weiterhelfen. Sie sollten sich einmal fragen, warum Sie “Die sizilische Reise” von ANH mit Samthandschuhen nacherzählen und zu keiner abschließenden Wertung imstande sind, Ihre Bolañolektüre aber leichtfüßig mit einigen Sätzen in die Ecke katapultieren. Das, liebe Aléa, würde Ihren Horizont erweitern.