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  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Juli, 2010

    31 Juli 2010

    Last exit Bolaño

    Ich muss mich für die Verspätung meiner Antwort entschuldigen: ich hatte eigene Probleme. Ich nutze die letzen Wochen vor dem Rumänienaufenthalt im September, um sehr intensiv an meinem Roman zu schreiben. Eben dort hat sich in der vergangenen Woche ein Problem ergeben, dass meine Aufmerksamkeit in erheblichem Umfang in Anspruch genommen hat: mein Personal macht nicht, was ich von ihm erwarte. Gutes Personal ist eben schwer zu finden! Wenn ich nicht unablässig ein Auge drauf habe, dann sitzen alle bloß rum und drehen Däumchen. Ich muss dauernd durch die Räume gehen, die ich mit Leben zu erfüllen gedenke und die Leute zum Handeln anhalten. Argumentativ ist denen leider nicht beizukommen. Nun habe ich ein Machtwort gesprochen und alle miteinander nach Strich und Faden zusammengeschissen. Nun ist Ruhe. Bis zur nächsten Meuterei.

    Obwohl es sich bei dem folgenden Text um Antworten auf die beiden Kommentare von NO und dem Bücherblogger handelt – hier und hier – stelle ich sie nicht in den Kommentarteil, da es von der Sache her eine Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Roberto Bolaño ist und folglich in den Textteil gehört. Ich habe mich über die Kommentare gefreut, weil sie beide auf unterschiedliche Weise eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller und seinen Texten zeigen. Ich gehe nicht im Einzelnen darauf ein, ich habe sie mehrfach gelesen und schreibe jetzt einen Text, den die beiden Kommentatoren in Teilen als Antwort auf ihre Kommentare verstehen werden.

    Ich bin davon überzeugt, dass der moderne Roman auch eine moderne Form braucht. Zumindest ist der Roman – anders als die Novelle oder die Erzählung – der prädestinierte Ort für formale, ich nenne es einmal Experimente: die Suche nach einer angemessenen Form und der Ort, wo Form und Inhalt auf sehr vielfältige Weise aufeinander treffen können. Wer eine moderne Wirklichkeit darstellen will, tut, meiner Auffassung nach, gut daran Sorge zu tragen, dass die Darstellung eine entsprechende Form hat. Wie der Dadaismus nicht, was er darstellen wollte, in den althergebrachten Bildern und Weisen hätte darstellen können. Das Neue ist der Bruch mit dem Alten. Wo Alt und Neu sich voneinander scheiden, ist allerdings nicht ganz einfach zu bestimmen. Die sogenannte „Moderne“ ist längst ein Sammelsurium von Modernitäten. Die Idealinterpretation des Wortes Moderne will, dass jeder moderne Text auch seine eigene Interpretation mitbringt, nach sich zieht, meinetwegen: erfordert. Texte werden dann als modern verstanden, dass die bisher bekannte Theorie nicht ausreicht, um sie adäquat zu begreifen. Meines Erachtens ist das äußerst selten der Fall.

    Um Beispiele zu nennen (obwohl ich dieses namedropping nicht mag, weil es nicht weiterführt; man kann für jede noch so obskure These einen Namen finden und wie viele Namen ich auch nenne, die Liste ließe sich beliebig verlängern, verändern): James Joyce, Laurence Sterne, Franz Kafka. Da haben sich erzählerische Novitäten gezeigt, und die Werke dieser Autoren waren mit den damaligen Theoriemodellen nicht oder nur sehr unzureichend erfassbar. In diesen erlauchten Kreis der Literatur- und Theorieerneuerer zu kommen, wird tausendmal im Jahr versucht, aber nur alle tausend Jahre ist es tatsächlich der Fall. Und, etwas abseits von dem hier zu Verhandelnden: die Theorie über all diese Texte würde sich ohne sie tausend Mal schneller verändern.

    Ich mag Literatur, die in der Moderne angesiedelt ist, obwohl es auch gute konservativ erzählte Literatur gibt. Ich selbst würde mich auch zu der Seite derer zählen, die ein bisschen experimenteller mit Grenzen umgehen. Ich schreibe an einer literaturwissenschaftlichen Dissertation zum Thema „Identität, Authentizität und Illusion“ und man darf mit Fug und Recht von mir erwarten, dass ich etwas mit dem Begriff der Fiktionalität anzufangen weiß. Ich bin außerdem literarisch tätig und schreibe an einem Roman, der ebenfalls in der Moderne angesiedelt ist und mit Grenzen spielt. Das haben viele getan, Max Frischs mit „Stiller“ oder Wolfgang Hildesheimer mit „Marbot“. Bolaño ist da nicht der erste und ich sehe noch nicht, was daran so überzeugend oder originell (das ist nicht pejorativ gemeint) sein soll, wenn Bolaño eine Figur namens „Belano“ erfindet.

    Wenn dem Leser sich ein Text nicht erschließt, dann mag das an dem Text oder an dem Leser liegen. Manchmal liegt es auch an der Theorie von Text, die der Leser hat oder nicht hat. Wann die Literatur und wann die Literaturwissenschaft veraltet ist, das ist eine ganz schwierige Frage. Das Neueste ist nicht immer automatisch wahr und richtig und nicht alle Modelle und Ansätze sind interessant, vielversprechend oder gleich die Theorie erneuernd. Außerdem: Das macht einen Autor nicht groß, dass seine Anhänger diese Größe für ihn einfordern. Das tun alle Anhänger. Allerdings macht ihn das auch nicht klein.

    Größe hat sicher auch etwas mit Perspektive zu tun. Und mit dem eigenen Standpunkt. Roberto Bolaño schreibe Literatur von einem anderen Stern hat es geheißen: ich kann mich an dieses Schlagwort erinnern. Man muss also ein Stück weggehen, um das Ganze zu erkennen. Aber wie weit? Selbstverständlich muss man sich ein Stückchen entfernen, wenn man etwas Größeres als Ganzes einschätzen möchte. Man muss ein bisschen weggehen, wenn man die Wirkung erleben will. Aber es wird dann auch ein bisschen unschärfer. Wenn man zu weit weg geht, dann verschwimmt es. Es wird kleiner. Wenn man wissen will, wie es gemacht ist, dann muss man ganz nahe herangehen. Und gerade in dieser Nähe finde ich sehr viele Dinge nicht überzeugend. Der Begriff des Holzschnittes erfasst es ganz gut. Die Texte scheinen mir in vielem nicht ausgearbeitet. Wenn ich nach nahezu 700 Seiten nicht das Gefühl habe, dass ich die beiden Hauptpersonen – Ulissis und Belano – kennengelernt habe, sondern dass ich so im Leeren herumlese, dann kann ich das nicht als gelungen empfinden.

    Ich kann mich an ein Seminar in Bukarest erinnern, zu Kierkegaards Frage ob das Subjektive die Wahrheit über das Objektive ist oder umgekehrt das Objektive die Wahrheit über das Subjektive. Ich bin da leider frühzeitig weggeblieben, nach der ersten oder zweiten Sitzung. Die Frage aber ist interessant, ob man letztlich, trotz der Objektivität der Wissenschaft oder zumindest den Möglichkeiten, die sie zur Verfügung stellen, nicht doch nur ein Geschmacksurteil fällt. Wobei eine literaturwissenschaftliche Analyse hier noch sehr viel zutage fördern kann. Aber das ist hier keine strenge Literaturwissenschaft. Ich mache sie jedenfalls hier nicht. Das ist ein Blog. Ich habe nichts andres gesagt, als dass Roberto Bolaño nicht mein Autor ist. Gabriel García Márquez ist es auch nicht. Sehr viel mehr als ein (hoffentlich gut) begründetes Geschmacksurteil wird sich in so einem Blog nicht machen lassen. Ich versuche Bücher in meinem eigenen Stil zu erfassen mit meinen eigenen Worten zu beschreiben und etwas dabei zu lernen!

    Ich werde vielleicht in ein paar Monaten oder Jahren oder in einem schwachen Moment, in einer wilden Nacht, noch einen Versuch mit „2666“ machen. Dann werde ich auch darüber berichten. Aber erst einmal stehen andere Autoren auf meiner Liste. Alles Männer, nicht zu verstehen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juli 2010

    Nächster Versuch: Bolaño

    Wer hier schon einmal mitgelesen hat, der weiß auch, dass ich nicht so leicht aufgebe. Oder vielleicht weiß er es nicht. Dann ist das eine noch zu verifizierende Behauptung: ich gebe nicht so leicht auf. Aber Roberto Bolaño habe ich aufgegeben. Weil es mir keinen Spaß macht, mache ich es jetzt ohne Spaß. Ich versuche im Folgenden, meine Kritik an „Die wilden Detektive“ zu formulieren.

    Das Buch ist wie ein Triptychon aufgebaut. Der erste Teil ist das Tagebuch von Juan García Madero von Anfang November bis zum 31. Dezember 1975; der dritte Teil setzt dieses Tagebuch übergangslos vom 01. Januar bis Mitte Februar 1976 fort. Zwischen diesen beiden schmaleren Flügeln, die in Mexico DF angesiedelt sind, findet sich der mittlere Teil, der zwei Drittel des gesamten Textumfangs ausmacht, sich etwa über 20 Jahre erstreckt und teilweise in Mexico und teilweise in Europa angesiedelt ist.

    Im ersten Teil lernt García Madero, wie ihn alle nennen, die Realviszeralisten kennen, eine Gruppe Poeten, oder eine Bande, deren Anführer Ulises Lima und Aturo Belano sind. Die beiden haben eine Zeitschrift herausgegeben mit dem umstrittenen Namen „Lee Harvey Oswald“, die mit dem Verkauf von Drogen finanziert wurde. Die Gruppe besteht aus vielleicht zwanzig oder dreißig vorwiegend jungen Männern um die zwanzig, die alle mehr oder weniger mit Sex, Gedichteschreiben und Überleben beschäftigt sind. Ein Dreischritt, der in keinem Fall als langweilig bezeichnet werden kann. Möglicherweise handelt es sich bei dem realen Viszeralismus um eine avantgardistische Strömung, möglicherweise aber verbindet diese Leute vor allem der Widerstand gegen die klassische Literatur, vertreten durch Oktavio Paz. Und möglicherweise verbindet sie auch rein gar nichts, nicht einmal das Gedichteschreiben, denn die meisten schreiben keine Gedichte, sie geben es schnell dran oder sie distanzieren sich bei der erstbesten Gelegenheit von dieser Strömung oder gleich von der gesamten Lyrik. Das wird von Bolaño geschickt in der Schwebe gehalten.

    Juan García Madero verliebt sich in Maria Font, möglicherweise aber auch in deren Schwester Angélica, mit María jedenfalls hat er Sex. Sex hat er auch mit der Kellnerin Rosario, mit der er zusammen lebt. Er lernt Lupe kennen, eine junge Prostituierte, eine Bekannte Marias, die in dieselbe Tanzschule geht wie diese; sie allerdings, nach eigener Aussage, nur zum Ficken mit dem Direktor. Lupe hat einen Zuhälter, der ihr, nachdem sie von Quim, dem Vater Marías, aus einer unangenehmen Situation befreit wird, auf den Leib rückt und das Haus der Familie Font belagert. Am Silvestertag brechen García Madero, Lupe und Ulisis und Belano aus der Belagerung aus und fahren mit dem Auto von Quim weg. Damit endet der erste Teil.

    Der mittlere Teil ist ein wilder oder surrealistischer Mix. Hier wird das Schicksal von Lima und Belano verfolgt, die sich aus den Augen verlieren und wiedertreffen und erneut verlieren, die unabhängig voneinander durch die Welt reisen, nach Mexiko zurückkehren und dann wieder verschwinden. Das wird aus verschiedenen Perspektiven berichtet. Es berichten diejenigen, die bis dahin als die Realviszeralisten beschrieben wurden, aber auch neu eingeführte Personen. Diese bis auf weniger Ausnahmen sehr kurzen Textstücke bauen chronologisch fortschreitend aufeinander auf. Sie berichten entweder direkt über einen der beiden, über beide oder in mehr oder minder großer Entfernung zu Ihnen, die mitunter so groß sein kann, das man den Zusammenhang selbst herstellen muss.

    Im dritten Teil wird die Geschichte der vier Autofahrer weitererzählt: García Madero, Lupe, Ulisis Lima und Arturo Belano.

    Die Konstruktion der drei Teile ist reizvoll, weil das Schicksal von Belano und Lima in den kommenden 20 Jahren dem Leser bereits bekannt ist, wenn García Madero den zweiten Teil seines Tagebuchs führt. Allerdings empfinde ich sie auch als künstlich. Den Mittelteil empfinde ich als sehr lang und nicht unbedingt als aufklärend. Mir sind die beiden Personen danach nicht näher als sie es zuvor waren. Aber das kann man sicher auch anders empfinden. Unter künstlerischen und kreativen Aspekten betrachtet, ist dies der interessanteste Teil.

    Zwei Frauen finden sich am Horizont des Realviszeralismus: da ist Laura Damían, einer Poetin, einer Dichterin, die mit 20 Jahren gestorben ist und deren Eltern nach dem Tod ihrer Tochter einen Preis für junge Poeten stiften. Und da ist Cesárea Tinajero, die von Lima und Belano als der mythische Ursprung ihrer eigenen Dichtung eingeschätzt wird. Zwei in gewisser Weise unerreichbare Frauen. Im dritten Teil begeben sich die vier Personen auf die Suche nach Cesárea Tinajero.

    Ich werde im Weiteren lediglich einen Punkt betrachten: jenen, der zum Abbruch meiner Lektüre geführt hat: die Beschreibungen von Sexualität durch den Autor. Die meisten Personen gehen sehr freizügig mit ihrer Sexualität um. Sex ist nie ein Problem. Problem ist höchstens, die ins Bett zu kriegen, die man will. Wenn das nicht klappt, nimmt man jemand anderen. Problem ist die Verfügbarkeit des Objekts, nicht die Sache selbst. Sex ist dadurch entindividualisiert. Das ist einer These Jaques Lacans nicht fern, der von der Gleichgültigkeit, also der gleichen Gültigkeit der Sexualobjekte sprach.

    Sex wird zum größten Teil mit dem Wort vögeln bezeichnet. Es gibt zwei Szenen die davon abweichen. Liebesszenen, die nicht nur mit einem Wort skizziert und in gewisser Weise auch abgewertet, sondern ausformuliert und dargestellt werden. Beide betreffen María, und in beiden lässt sie ihre Neigung zur Brutalität erkennen: einmal mit García Madero und das andere Mal mit Piel Divina: sie will geschlagen und gewürgt werden. In allen anderen Fällen – man mag es mir nach sehen, wenn ich eine Szene vergessen haben sollte – wird das Liebesleben zwischen zwei Menschen nur als vögeln bezeichnete. Er wird also nicht erzählt. Es wird nicht erzählt und dadurch fällt etwas aus.

    Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, ich bin bis zu diesem Satz gekommen, aus der Perspektive García Maderos „ … dann stand ich auf und sagte zu Lupe, sie solle mitkommen, und wir gingen hinauf auf ihr Zimmer, wo wir wie verrückt vögelten, als müssten wir morgen sterben …“, Seite 635 (von 677); also doch immerhin recht weit. Den Satz hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt, so oder zum Verwechseln ähnlich, über den Daumen gepeilt schon dreißig Mal gelesen. Das ist eigentlich nicht viel, es sind eine Menge Personen beteiligt, Sexualität ist ein ganz wesentlicher Punkt im Leben der Menschen, und der Zeitraum des mittleren Teils beträgt etwa 20 Jahre. Wenn also in zwanzig Jahren fünfzig Personen insgesamt dreißig Mal „vögeln“ sagen, dann ist das wirklich nicht viel. Es macht aber den Eindruck viel zu sein, wenn die Personen, alle Personen, sich niemals, oder beinahe doch, anders über Sex äußern, als in der oben genannten Manier.

    Und es macht den Eindruck mehr als genug zu sein, wenn es danach aussieht, dass dieser Umgang mit dem Thema nicht das Produkt eines Buches ist, nicht eines fiktionalen Umgangs, sondern das Produkt des Autors. Wenn ich annehmen muss, dass Bolaño nur vögeln sagen kann, dann wird es schwierig. Aber nicht etwa, weil ich ihm dann einen eingeschränkten Sprachgebrauch nachweisen könnte – es gibt Autoren, die mit sehr wenigen Worten sehr viel weiter kommen als manche andere mit vielen Worten -, sondern weil ich dann befürchten muss, es nicht mehr mit einem Produkt der Phantasie zu tun haben, also mit einem Buch, sondern mit einer realen Person: Roberto Bolaño selbst. Denn der hat in dieser Geschichte absolut nichts zu suchen.

    Zurück zu der Teststelle, an der ich meine Lektüre abgebrochen habe. Lupe ist eine Prostituierte und Prostituierten kann man vielleicht sagen, dass sie mitkommen sollen und dann vögelt man sie. Aber es werden hier alle Frauen über diesen Kamm geschoren: man vögelt sie. Wie man Prostituierte vögelt. Frauen werden hier wie Gegenstände mit einem Loch in der Mitte behandelt. Ich spreche hier nicht einmal aus einer feministischen Position heraus. Ich spreche allein von der offensichtlichen Unfähigkeit oder Unwilligkeit, es zu gestalten, es auszuarbeiten: sich in die Personen hineinzuversetzen. Sie zu vögeln ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit in eine Person einzudringen. Was denkt oder empfindet Lupe, als Garcia Madero das zu ihr sagt? Der Leser kennt sie. Das ist eine Person, keine Vagina mit personalen oder personenähnlichen Elementen drum herum. Wie wissen, dass sie achtzehn Jahre alt ist, wir wissen, dass sie vor einem Zuhälter geflohen ist und wir wissen auch, dass sie ein Kind hatte, das gestorben ist. Diese Person hat also für den Leser sogenannte „Identifikationsmerkmale“, sie gewinnt Kontur. Was passiert mit dieser Person, wenn ein Mann zu ihr sagt: mitkommen. Will sie das auch? Will sie nicht? Hat sie keinen Willen und macht eben das, was andere von ihr wollen.

    Wir können nun sagen, dass genau dies die Lebenswelt ist, die Bolaño hier gestalten wollte: dass die Beziehungen zwischen Personen denen zwischen Gegenständen ähneln. Es gibt in dieser Welt keine Emotionen mehr. Es gibt emotionsfreien Sex, sonst nichts. Keine uninteressante These, ganz und gar nicht. Dann muss der Autor dem Leser etwas zur Verfügung stellen, woran der erkennen kann, dass es sich dabei um eine literarische Fiktion handelt. Der Leser muss den Autor von seiner These, also von der Gestaltung dieser These in seinen Figuren unterscheiden können. Der Leser muss in dem Text einen Punkt finden, der von der These abweicht, eine Person, die die gegenteilige Auffassung vertritt vielleicht. Es muss dem Leser deutlich werden, dass es sich bei der Fiktion um eine „relationale Wahrheit“ handelt. Und nicht um die ganze Wahrheit, denn das Ganze lässt keinen Punkt außerhalb seiner selbst zu. Wenn ausnahmslos alles „Glück“ ist, dann gibt es den Punkt nicht mehr, von dem aus man das Glück noch wahrnehmen und beschreiben könnte; und dann kann man nicht mehr glücklich sein. Oder man weiß von seinem Glück nichts mehr. Es muss ein Außerhalb geben.

    Diesen Punkt sehe ich bei Bolaño nicht. Gegen meine Auffassung ließe sich jetzt hier anführen, dass die beiden beschriebenen Sexszenen die María Font betreffen, dieser Punkt sind, dieses Außerhalb, also meinetwegen die eigentliche Position Bolaños, wie immer man das formulieren will. Ich sehe im Gegenteil, dass Sexualität auch in anderen Texten des Autors so gehandhabt wird. Auch im „Chilenischen Nachtstück“ gibt es eine ganz seltsame Gestaltung der Sexualität, die ich als emotionsfrei oder den Emotionen ausweichend verstehe.

    Ich habe nichts gegen die Tätigkeit des Vögelns einzuwenden, weder als Freizeitbeschäftigung, noch als Theorie und schon gar nicht als Sexualität. Aber ich hätte es gerne ein wenig beschrieben und außerdem etwas variiert. Ich möchte es erzählt bekommen. Bolaño war Schriftsteller, kein Drehbuchschreiber für Pornofilme.

    Ich bin nicht so dumm, den Autor mit dem Erzähler dieser Geschichte zu verwechseln. Aber ich bin intelligent genug, um, wenn ich Buch um Buch in dieser Manier präsentiert bekomme, zu erkennen, dass kein lyrisches Ich und auch keine abstrakte Erzählinstanz dahinterstecken, sondern niemand anderes als der Autor. Die Schranke der Fiktionalität wird eingerissen, wenn dem Leser nicht die Möglichkeit gegeben wird, zwischen dem Erzähler und dem Autor selbst zu unterscheiden. Die Theorie der Fiktionalität erfordert, dass ich das Ganze, das Werk, als fiktionales erkennen und einschätzen kann. Wenn das nicht der Fall ist, kommt der Autor sehr nahe an den Erzähler heran. Und das war in dem vorliegenden Fall für mich so, dass ich nicht mehr erkennen konnte, ob die vorliegende Gestaltung der Sexualität die These Bolaños ist oder Bolaño selbst. Das war der Punkt, an dem ich meine Lektüre abgebrochen habe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

    ——————————————————————-





    24 Juli 2010

    Und sie vögelten die ganze Nacht

    Ich wollte eine Besprechung zu „Die wilden Detektive“ von Roberto Bolaño schreiben. Aber ich werde das nicht tun. Ich habe inzwischen so viel Zeit damit, ich kann nur noch das Verb verschwendet nutzen, dass ich jetzt die Notbremse ziehen muss. Dieser Mann und ich, seine und meine Vorstellungen sind nicht kompatibel. Gehen wir einfach davon aus, dass es meine Unzulänglichkeit ist. Aber ich will wenigstens andeuten, was mir missfällt.

    Mein Ärger entzündet sich am Sex. Am Umgang Bolaños mit dem Thema. Für mich hat der Mann nur ein Thema: vögeln und gevögelt werden. Er macht das – für mein Empfinden – auf eine Weise, dass ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Da sind reihenweise Männer die vollkommen lieblos mit ihren Schwänzen in Frauen herumstochern. Weder den Frauen noch den Typen scheint‘s, bis auf wenige Ausnahmen, sonderlich zu gefallen. Von Emotionen ist da gar nicht die Rede. Da wird nicht verführt, da wird nicht angebahnt, da ist keine zärtliche Hand, keine fragende oder zustimmende Geste: da ist nur Schwanz und Votze. Die Geschichten drum herum, die empfinde ich als belanglos. Hinterher wird dann doch jeder von jedem gevögelt. Das empfinde ich als adoleszentes Gestammel. Und darauf habe ich keine Lust. Mag sein, dass es andere erregt. Mag sein, dass er oder sie das als wild und erotisch empfinden, die deutsche Literaturkritik ist offenbar begeistert von diesem Mann und seinen Büchern. Ich finde, dass Erotik am anderen Ende der Veranstaltung angesiedelt ist. Von dieser Erotik hat Bolaño keine Ahnung. Oder meinetwegen sagen wir: ich habe sie nicht. Ich habe keine Ahnung von Literatur und auch nicht von Sex, meinetwegen: solange ich nichts mehr von dem lesen muss, stimme ich zu. Das ist manchmal so, da passen zwei nicht zusammen und dann muss man es lassen. Es bedarf eines Funkens. Bei Bolaño nicht, aber bei mir.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Juli 2010

    Visuelle Poesie: Anatol

    Die Grenze zwischen Bild und Sprache. Von diesen Grenzerscheinungen gibt es nicht wenige. Piktogramme gehören dazu, auch die Hieroglyphen. Es gibt einen interessanten Aufsatz von Reinhard Döhl, Literaturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Poet, zu dem Thema, hier. Wer mehr sehen will:  hier gehts zu Anatol, der auch bei LITBLOGS gelistet ist.





    21 Juli 2010

    Die Liebe. Oder: An Palermo zweifeln

    „Die Liebe besteht zu drei Vierteln aus Appetit“ Bei Giacomo Casanova heißt es: „Die Liebe besteht zu drei Vierteln aus Neugier.“

    Hier findet sich das erste selbstgemachte Foto, mit meiner zarten Hände Arbeit. Ich habe es an den unteren Rand  verbannt. Das Bild ist Kacke.  Das ist nicht zu leugnen. Oder doch nur mit einem erheblichen theoretischen Aufwand, den ich derzeit nicht leisten kann. Es gab einmal Ansätze wie: Kunst ist Scheiße. Der Versuch also, Kunst aus den elitären Zirkeln der Ästhetik und Theorie und aus den gewohnten Wahrnehmungsmustern herauszulösen. Kunst ist Scheiße: dem kommt mein Bild ziemlich nahe. Fast neige ich zu der Annahme, dass es dem weit näher als nur nahe kommt. Mein erstes Bild: ein echter Volltreffer! Ich bin eine Naturbegabung im fotografieren. Das sieht man ja wohl auch sofort.

    Es ist zum Heulen und je länger ich dieses Bild ansehe, desto schlimmer wird es. Es ist in Friedrichshain entstanden, ich kann da jetzt nicht noch einmal hinfahren. Und wer sagt mir, dass das zweite Bild nicht noch schlechter wird?

    Zu Rettung meiner Ehre sei gesagt: Ich war in dem Moment, als das entstand, in einer ausgesprochen anspruchsvollen fotografischen Situation: die Kamera steckt in meinem Handy und da weiß ich schon nicht wie das richtig funktioniert; es war außerdem das erste Bild, das ich mit dem Ding gemacht habe, es war sogar das erste Bild meines Lebens, ich musste durch eine Scheibe hindurch fotografieren, und neben mir stand so ein Typ, der mich die ganze Zeit taxierte und mich angaffte; statt mir zur Hand zu gehen. Außerdem war die Luft verschmutzt!

    Und schließlich und endlich, um der Angelegenheit die Krone aufzusetzen: als ich das Bild in die Kamera hinein gemacht habe – als ich es geschossen habe – war das auch noch besser. Der Versuch es dort wieder herauszubekommen – schon unter Zuhilfenahme eines USB Kabels und nicht etwa eines Schraubenziehers – hat es sich leider verschlechtert. Ich kann bedauerlicherweise nichts dafür, das ist Technik. Ohne diese Technik wäre das viel besser geworden, viel natürlicher.

    Diese Bilder mögen bei den anderen vielleicht besser aussehen. also bei Frl. Zucker oder bei Aisthesis,  bei Syra Stein oder im Hermetischen Cafe´. Das sieht dort vielleicht besser aus. Aber man muss sich doch fragen: ist es das auch? Nur weil diese Fotos besser aussehen, sind sie deswegen schon besser? Worin besteht denn die Qualität, die Güte, das Gutsein, von etwas? In diesem Fall von einem Foto.

    Die Situation war genauso wie sie da auf meinem Bild zu erkennen ist. Das ist ein realistisches Foto, kein kunstvolles. Da wird nichts geschönt: kein Weichzeichner, wo die Situation hart war, keine Abenddämmerung wo es Mittag war. Das Bild gibt exakt das wieder, was in dem Moment die Wirklichkeit war. Ich schmücke mich ja nicht einmal jetzt mit Fähigkeiten, die ich nicht besitze.

    Während ich so nachdenke – deswegen bin ich als Künstlerin besser denn als Wissenschaftlerin: ich schreibe erst und denke dann, Wissenschaftler machen es umgekehrt – fällt mir noch etwas anderes auf. Die Fotografie hat einen schwerwiegenden Nachteil: man muss sich am Ort des fotografierten Objektes befinden. Oder zumindest in der Nähe. Ich müsste, wenn ich ein Bild von Palermo machen wollte, durch halb Europa fahren. Was ist denn das bitteschön für eine primitive Kunst? Gibt es da nichts Moderneres? Diese physische und physikalische Nähe, die das Fotografieren notwendigerweise erfordert, das macht mich skeptisch. Ich bleibe lieber bei der Sprache. Da muss ich nicht nach Palermo, um „Palermo“ zu sagen. Wenn ich jetzt ein Bild von dieser Stadt einstellte, würden sich sicher viele fragen: ist das überhaupt Palermo? Die meisten waren wahrscheinlich noch nie dort. Die müssten dann erst einmal dahin, um das zu überprüfen und sich davon zu überzeugen, dass das auch wirklich Palermo ist. Also muss erst ich dahin und dann müssen die Zweifler und Skeptiker hinterher.

    Ich bleibe bei der Sprache. Ich sage einfach „Palermo“ und ich nehme an, dass hier weit und breit keiner ist, der daran zweifelt.





    18 Juli 2010

    Ich bin die Maga

    Meinen letzten Beitrag noch einmal aufnehmend, und diese Idee, dass es eine Auszeichnung ist, wenn man Vorbild für eine fiktive Figur war oder wenn man mit den Worten eines Schriftstellers gemeint ist; diese Idee noch einmal aufnehmend, als Guido Rohm mir schrieb, dass er sich in der Figur des Tonsetzers Adrian Leverkühn zu erkennen meint. Nein, nicht zu erkennen meint, dass er vielmehr sicher sei, dass Thomas Mann ihn mit der Figur des Leverkühn gemeint hatte. Dass er, also Mann, ihn, Rohm, im Auge hatte, als er, Mann, diese Figur, Leverkühn, konzipierte und er, Rohm, also die Verkörperung dieser Figur sei.

    Julio Cortázar meinte mich, als er in seinem Roman „Rayuela“ von der Maga sprach. So wie die Maga geht, manchmal auch so wie sie sich verhält: Cortázar meinte mich. Ich würde hier allen Krempel stehen und liegen lassen und heute noch nach Paris fahren und heute Abend stünde ich vor seiner Türe und würde sagen: Ich bin‘s, die Maga. Wahrscheinlich müsste ich ihm das gar nicht sagen und er würde es sofort erkennen. Ich bin diejenige, die von Horatio Oliveira geliebt und gesucht wurde, deren Sohn Rocamadour in der Seine ertrunken ist und die daraufhin irgendwo in Paris verschwand, die genauso unterging wie ihr geliebtes Kind.

    „O Maga! Ohrenbetäubendes Schweigen entstand blitzartig um jede Frau, die dir ähnlich sah, eine geäderte und kristallinische Pause, die schließlich traurig zusammenfiel wie ein nasser Regenschirm, der geschlossen wird. Ausgerechnet ein Regenschirm. Du würdest vielleicht, Maga, an den alten Regenschirm denken, den wir in einer Schlucht im Park Montsouris opferten, an einem eisigen Märznachmittag. Wir warfen ihn hinab, weil du ihm auf der Place de la Concorde begegnet warst, er war schon ein wenig kaputt, du hattest ihn viel benutzt, vor allem um ihn den Leute in der Metro und in den Autobussen in den Rücken zu stoßen, ungeschickt stets und zerstreut und in Wolkenkuckucksheime vertieft oder in den Anblick zweier Fliegen an der Decke des Wagens, die ein Muster bildeten. An jenem Nachmittag fiel ein Platzregen, und als wir den Park betraten, wolltest du stolz deinen Regen schirm aufspannen, und in deiner Hand entstand eine Katastrophe aus kalten Blitzen und schwarzen Wolken, Stofffetzen, die zu Boden fielen unterm Geknall ausgerenkter Stäbe, und wir lachten wie verrückt, während wir bis auf die Haut nass wurden. Wir meinten, ein Regenschirm, den man auf einem Platz gefunden hatte, solle würdig in einem Park sterben, er dürfe nicht eingehen in den unedlen Kreislauf der Mülltonne oder des Rinnsteins; also rollte ich ihn so gut wie möglich zusammen und wir trugen ihn auf die höchste Anhöhe des Parks nahe der kleinen Brücke über der Eisenbahnlinie, und mit aller Kraft warf ich ihn von da in die Tiefe, auf das nasse Gras der Schlucht, während du einen Schrei ausstießest, in welchem ich undeutlich die Verwünschung einer Walküre zu erkennen glaubte.“

    Ich erinnere mich daran. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen. Und nicht in irgendeiner mythischen Zeit, lange vor meiner Geburt. Ich erinnere mich an diesen Regenschirm, ja, Horatio, ich war in Gedanken, ich war viel in Gedanken damals, wie man das so nennt. Ich ging verschiedene Wege zur selben Zeit. Meine Erinnerung ging den einen, meine Hoffnungen einen anderen Weg. Wie das so ist, wenn man sich nicht wenigstens dann und wann wieder zusammenfindet, man verliert einander aus den Augen. Eine burgunderfarbene Pinasse, Horatio, und warum sind wir nicht mit ihr auf und davon, als noch Zeit war!? Ich habe mich wohl ein wenig verirrt, in den Straßen von Paris oder zwischen all den Postkarten in unser beider Wohnungen, man verirrt sich so leicht und ich weiß, wir haben uns irgendwann verloren, in dem Gewirr der Straßen, der Bilder und der Geräusche, der vielen Ideen, die man im Laufe des Tages so hat und wieder vergisst. Am nächsten Tag hat man sie erneut und weiß nicht, ob es noch dieselben sind. Horatio, du verstehst mich. Eines Tages werde ich vor deiner Türe stehen, ich werde klingen, du öffnest, und dann entsteht blitzartig ohrenbetäubendes Schweigen, eine geäderte und kristallinische Pause, in der wir uns ansehen, in der die vergangene Zeit für einen Moment wieder auflebt, als wäre Rocamadour damals nicht ertrunken und wir, du und ich, hätten einander nicht aus den Augen verloren. Eines Tages werde ich an deiner Türe stehen.

    Eines Tages werde ich an der Türe von Julio Cortázar stehen, eine Etage über oder unter der Maga, in einem Haus in der Rue du Cherche-Midi oder am Boul Mich‘, am selben Tag, wir klingeln im selben Moment, wir hören die Schritte zur gleichen Zeit in den beiden übereinander liegenden Wohnungen, die beiden Türen gehen zur gleichen Zeit auf und die beiden Männer …

    Wir sind es, die gemeint sind. Wir sind Teil dieser Literatur.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Juli 2010

    „Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag“

    „Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag war es, es war so gemacht, dass Enttäuschung nicht möglich war.“

    Für mich ist diese Formulierung von Birgit Kempker eine der schönsten Formulierungen über die Liebe. Wenn man schon ein paar Tage gelebt hat und wenn man nicht ganz vorbeigegangen ist, am Leben meine ich, wenn man also mit anderen zusammengestoßen ist, und sich dann wieder hat trennen müssen, wenn man mit Hoffnungen begonnen hat und mit Enttäuschungen geendet, wenn man Hoffnungen in Enttäuschungen sich hat verwandeln sehen müssen; wenn man sich dann an das erste Mal erinnert und daran, was möglich gewesen wäre, wenn mit der ersten Enttäuschung nicht die Enttäuschung in das eigene Leben gekommen wäre, dann versteht man, oder man meint zumindest zu verstehen, was für eine ungeheure Situation Frau Kempker da beschreibt: „ … es war alles so gemacht, dass Enttäuschung nicht möglich war“.

    Hier gibt es das als pdf. Wunderschön gemacht von Urs Engeler, roughbooks, wo ich es auch ausgeliehen habe. Ich hätte sehr gerne das pdf als Bild hierher gestellt, aber ich habe es nicht geschafft, das zu verwandeln. Die Technik hat mir ein Bein gestellt. Wenn jemand weiß, wie man ein pdf in ein Bild verwandelt, dann bitte eine Nachricht an mich, ich nähme es gerne.

    Ich lese – leider – gerade, dass Enttäuschung durchaus möglich war, mehr als Enttäuschung: im Schreibheft, die Autorin ist vor Gericht gelandet und das Buch verboten worden. Da glaubte offenbar jemand, sich wiedererkannt zu haben. Und hat die Ehre nicht verstanden mit einer solchen Formulierung gemeint zu sein, der Adressat einer solchen Formulierung zu sein! Einklagen müsste einer vielmehr, dass er permanent von Birgit Kempkers lyrischen Worten gemeint ist. Das müsste einer versuchen, sich bei einem Schriftsteller als „gemeint“ einzuklagen.

    Hier ein Auszug, ich habe das irgendwo gefunden.

    „Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag
    war es Cornelius Busch, er war Mann, Junge,
    Mädchen, Frau, Mutter, Vater, Oma, Opa, Blume, Tier
    und Sofa, er war wie ich, er war das andre von mir,
    gar nicht wie ich, er war sanft, fuhr den Bulli mit den
    Rollstühlen drin durch die Wiesen mit den Stieren,
    er hatte Muckis und Matrosenpullover, er hatte was
    im Kopf, was Verrücktes, Locken, er war streng,
    zärtlich, witzig, normal, außergewöhnlich, sehr ernst,
    er passte in die Natur, war ordentlich, wirr höflich,
    er war künstlich, ironisch, bös, er war lieb, anmutig,
    tapsig, galant, ein Fisch, ein Vogel, Frosch, er war so
    alt wie ich, ich viel älter, er viel jünger, und er viel
    älter und ich viel jünger als er, phasenverschoben, das
    war, wenn wir sagten: liegen da nicht ein Mädchen
    und ein Junge im Bett? es ist nicht zu fassen, dass ich
    eine bin, zu der so ein Satz einmal passt.“

    Hier gibt ein einige Informationen zur Autorin.

    Und hier ist es auch. Mit bestem Dank an Dietmar Hillebrandt, dem Bücherblogger.





    14 Juli 2010

    Lieber NO

    08:00 Uhr: Ich habe mein Studium hingeschmissen. Das wollte ich Ihnen sagen. Allerdings nur für heute. Morgen werde ich das Hingeworfene wieder aufheben. Heute früh fühlte ich mich platt und ausgelaugt, sodass ich lieber im Bett geblieben bin. Der gestrige Tag war zähflüssig, anstrengend, wenig produktiv und die Nacht unruhig. Heute mache ich mal etwas anderes und morgen mache ich wieder dasselbe wie immer. Ich nehme mir einen freien Tag. Ich mach einfach eine Pause. Ich frühstücke, ich kaufe eine Zeitung und dann werde ich sehen, was ich mache. So ganz frei, also frei von allem, das geht ja auch nicht. Jetzt fragen Sie sich natürlich: warum erzählst die mir das? Antwort: Nur so.

    10:00 Uhr: Ich gehe ins Internet, keine Mails, keine neuen Kommentare auf der Webseite. Ich muss allerdings noch NOs letzten Kommentar beantworten.

    Lieber NO,
    ich muss vorsichtig mit Ihnen umgehen. Sie springen auf meine schönen Witze nicht richtig an, vielmehr gar nicht. Ich habe dabei im Auge, dass ich Ihnen anbot, während meines Urlaubs in Siebenbürgen das Blog hier zu befüllen. Ich fand die Idee nicht schlecht, Sie könnten eine kleine Serie über Gesine Cressphal beginnen. Da Sie darauf nicht reagieren, muss ich mir etwas anderes überlegen. Wahrscheinlich werde ich in der Zeit meiner Abwesenheit von Berlin einige Beiträge aus der Konserve anbieten. Alle paar Tage werde ich dann in Hermannstadt ins Internetcafe gehen und mir anschauen, ob sich etwas tut. Dazu mache ich noch eine klare Aussage. Ich werde dann auch, kurz vor dem Urlaub, meine Leseliste bekanntgeben. Die ist leider absurd, absurd lang, das kann ich nicht alles lesen. Ich kann‘s nicht einmal tragen, ich muss ja mit dem Zug nach Rumänien fahren, aufgrund meiner ausgeprägten Flugangst. Auf dieser Liste steht übrigens auch Dieter Forte, Ihre Empfehlung.

    10.30 Uhr: Ich muss das Blog mit einem neuen Text füttern. Heute. Dieses ewighungrige Monster braucht etwas zu fressen. Aber ich habe nichts. Alle Taschen leer, kein Zucker, keine Möhre. Mir fällt auch nicht ein, wo ich etwas her bekommen könnte. Ich habe ein Worddokument auf dem Rechner, in dem sich alle meine Artikel befinden, alle vergangenen und die Entwürfe und Ideen zu kommenden. Nichts davon, von den Ideen, lässt sich jetzt auf die Schnelle zu einem Beitrag umgestalten. Da stehen lauter wunderbare Ideen, aber leider vollkommen unbrauchbar was ihre praktische Verwertung, was ihr monetäres und fiskalisches Gewicht betrifft.

    11.30 Uhr: Ich habe mit einer Freundin in Bukarest geskypt. Es ging in dem Gespräch um Klatsch und um Micaleas Eltern, die sich nicht so verhalten wie deren Tochter das erwartet. Auf eine Idee zu einem Eintrag hat mich das Gespräch nicht gebracht. Vielleicht hat sie bemerkt, dass ich vor allem auf eine Idee gelauert habe und sie hat mir das vorenthalten, aus Gehässigkeit. Micalea will mir Böses. Ich hab‘s immer geahnt, die kann mich nicht ausstehen. Ich könnte jetzt alle anrufen, die ich kenne und hoffen, dass ich während der Gespräche eine Idee bekomme. Möglicherweise können mich alle anderen auch nicht ausstehen. Das wäre eine Idee, aber teuer bezahlt, unabsehbar, was die Folgen angeht.

    12:00 Uhr: Duschen, Spülen, Putzen. Bücher zusammenlegen, die ich zurückgeben muss. Eine private Mail beantworten. Vor die Türe gegangen und ein Eis gekauft, Eis gegessen, keine Idee gehabt. Im Internet gewesen, hier, und da und hier und da noch etwas kommentiert. Also mehr als ich normalerweise mache. Ich habe einen Kommentar von NO freigeschaltet, der aber Mowgli, also ANH galt.

    Lieber NO,
    jetzt kommt der ANH nicht nur mit seinen Frauengeschichten durcheinander, sondern auch noch mit ausgesuchten männlichen Einzelpersonen. Bei Frauen ist das ja kein Wunder, wenn man da schon mal durcheinander kommt. Die sehen ja alle mehr oder weniger gleich aus, oben ein Kopf, in der Mitte die Geschlechtsteile und unten die Füße. Das ist eine gewisse Variabilität und Gleichgültigkeit, also gleiche Gültigkeit, ja noch verzeihlich; aber mit Männern durcheinander zu kommen, das ist schon stark. Männer sind ja alle bis zur Unkenntlichkeit individuell. Die können gleich heißen, gleich aussehen, gleich sein: und dennoch sind sie in Wirklichkeit vollkommen unterschiedlich. Da ist nicht einer wie der andere!

    Sie beklagen sich, dass ich für Sie nur virtuell bin. Sie sind offenbar, wie die übrigens meisten Deutschen, nicht sonderlich bewandert in der Kunst der indirekten Verabredung. Ich hatte Ihnen das großzügige Angebot gemacht, meinem Roman zu schicken, das erste Kapitel oder das zehnte oder auch das Ganze. Sie sind der erste Mensch außerhalb des Verlagswesens, dem ich das anbiete, aber Sie haben nicht reagiert. Und da dachte ich natürlich, dass Sie nicht reagieren, weil Sie danach nicht mit mir zusammen bei einem Glas Wein sitzen wollen, um mir ihre Meinung zu dem Text auf die Nase zu binden. Oder Ihre Meinung zu irgendetwas anderem. Also habe ich das Thema nicht mehr angesprochen.

    15:00 Uhr: Gelesen, Bolaño, eine gute Idee zu dem Text notiert, das hat mehr als eine Stunde gedauert. Eine Stunde für einen kleinen Absatz von fünf Zeilen! Mein Leben zerrinnt mir zwischen den Fingern. Der Artikel zu Bolaños wilden Detektiven steht hier frühestens Ende des Monats. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich todmüde und schlafe nach zwei Seiten ein. Ich muss das Buch aber noch ein zweites Mal lesen, weil ich beim ersten Lesen meist nicht mitschneide, worum es  geht. Danach muss ich es ja auch noch schreiben. Der Artikel steht hier womöglich erst Ende des Jahres.

    16.30 Uhr: Noch immer keine Idee zu einem Blogbeitrag. Vielleicht stimmt etwas mit meinem Kopf nicht. Ich habe Kopfschmerzen vom Nachdenken. Ich habe vielleicht einen Tumor, deswegen fällt mir nichts ein. Der hat mein kreatives Zentrum befallen. Ich könnte zum Arzt gehen und dort im Wartezimmer die anderen Patientinnen belauschen, vielleicht bringt mich das auf eine Idee. Aber womöglich sitzen die auch alle bloß da, weil sie ein Blog haben, Ihnen nichts einfällt, außer dieser Tumoridee und sich dann ins Wartezimmer setzen, um die anderen zu belauschen. Ich hätte jetzt eine Idee um die sogenannte „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen einzudämmen. Mit dem Blog bin ich immer noch nicht weiter. Ich könnte etwas zu dem Wort „Kostenexplosion“ formulieren. Aber das Wort gefällt mir nicht.

    Das kann doch alles nicht wahr sein! Normalerweise ziehen Myriaden von Worten durch meinen Kopf, ich komme manchmal nicht dazu, sie aufzuschreiben, und wenn ich in der Bibliothek in die Pause gehe, dann nehme ich inzwischen schon einen Block und einen Kugelschreiber mit, weil ich sonst sowieso wieder nach oben renne, hundert Stufen hoch und wieder runter. Ich kann mich manchmal vor Worten nicht retten: und heute ist nicht eines dabei- nicht eins – aus dem sich etwas machen ließe. Deutsch: Scheißsprache.

    18:00 Uhr: Eine Stunde geschlafen. Seit ich einen festen Termin für meinen Urlaub habe, stelle ich fest wie müde ich bin. Seit dem Tag fällt mir alles viel schwerer. Im vergangenen Jahr war ich nur einmal für drei Tage an der Ostsee. Ich freue mich auf den Aufenthalt in Rumänien und worauf ich mich vor allem freue, mehr als auf die Eltern und die Großeltern, mehr als auf die Freunde und aufs Auspannen, auf das Liegen und Sitzen und wilde und ungezügelte Herumhocken, auf das Kaffeetrinken am Nachmittgag, mehr als auf das Essen und auf rumänische Worte, nur rumänische Worte können rumänische Verhältnisse wiedergeben; mehr als auf das Lesen, mehr als auf alles andere, freue ich mich auf die Farbe Grün, auf das in tausend Variationen vorkommende Grün, die Hecken und Bäume und Blumen und Wälder, auf das nahe Grün und das weit entfernte, auf das blättrige, das strukturierte und das glatte Grün. Ich freue mich darauf, das Grün zu riechen.

    Draußen spielt jemand Klavier. Also er spielt wahrscheinlich drinnen. Aber die Töne sind draußen. Auch das ist nicht richtig, ich bin ja ebenfalls drinnen, also kommen sie zu mir herein. Auch das wird sich nicht ausweiten lassen.

    Ich muss einen Beitrag hier einstellen, aber mir fällt nichts ein. Absolut nichts. An dem Punkt war ich heute schon mal. Es steht so schlimm um mich, dass ich mir ernsthaft überlege, als Überschrift gerade diesen einen Satz zu nehmen „Mir fällt nichts ein“ und als Text dann: „Absolut nichts“.

    Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich könnte ins Schwimmbad gehen. Vielleicht lerne ich da einen hübschen Kerl kennen. So ein Mannsbild in enger Badehose mit einem knackigen Hintern, der sich neben mir aufbaut, mich verhalten gierig anschaut, die Sonnenbrille abnimmt und dann, wobei er sich die Lippen leckt, und mit schöner, männlicher Stimme sagt: „Du bist nicht zufällig auf der Suche nach einem Blogeintrag für heute? Ich hätte nämlich eine Idee, was wir da machen könnten.“ Und dann rückt dieser Kerl doch mit einer astreinen Vorlage heraus!

    Gott, wie tief werde ich im Laufe des Abends noch sinken, um einen Beitrag zusammen zu kratzen?

    19:00 Uhr: Ich treffe mich mit einer Freundin. Ich muss auf andere Gedanken kommen. Sonst drehe ich durch. Ich drehe sowieso durch, aber ich brauche dabei eine Betreuung. Pflegestufe vier.

    19:30 Uhr: Ich bin nicht hingegangen.

    Lieber NO,
    mir geht Ihre Frage im Kopf herum – nicht aktiv, sondern passiv abwartend: nicht ich schiebe sie hin und her, sondern sie bewegt sich von alleine – , inwieweit man die schriftstellerischen Qualitäten eines Textes beschreiben kann, ohne das Instrumentarium der Literaturwissenschaft bemühen zu müssen. Ich weiß nicht einmal, wonach ich da suchen sollte, nach einem Bild oder einem Vergleich. Diese Qualitäten liegen für jeden woanders. Der eine will sich gut unterhalten wissen und der andere empfindet Unterhaltung gerade als den Gegensatz von Qualität.

    21.00 Uhr: Ich habe noch drei Stunden. Das kann nicht sein, dass ich so lange brauche, um einen Eintrag hier zusammenzubringen. Das kann doch alles nicht sein.

    Und was nicht sein kann, das ist auch nicht: Ich hab‘s!

    23.55 Uhr: Ziel erreicht. Der Eintrag steht in einer Minute drin. Himmel, war das knapp. Ich freue mich aufs Bett und vor allem auf einen normalen Tagesablauf morgen in der Bibliothek. Es gibt nichts Schlimmeres auf der Welt als einen freien Tag. Das mache ich nie wieder!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Juli 2010

    Geschichten aus Siebenbürgen

    Ich habe nach Videos aus meiner Heimat gesucht. Es war nur Kitsch zu finden. Bis ich auf einen Film vom RBB  stieß, der offensichtlich 2007 gedreht wurde, als Hermannstadt – Sibiu wie es auf Rumänisch heißt – Kulturhauptstadt Europas war. Da war ich schon längst in Bukarest zum Studium. Der Film beschreibt Siebenbürgen nach der Wende, die ja mit dem Tod von Nicolae Ceauşescu auch in Rumänien stattgefunden hat und, anders als in Deutschland, noch immer stattfindet. Er geht um die Siebenbürger Sachsen, um die Deutschen und Österreicher die im Mittelalter nach Rumänien gekommen sind und sich dort gesiedelt haben. Ich stamme nicht von denen ab, mein Vater ist vor 30 Jahren nach Rumänien gekommen und hat eine Rumänin geheiratet, meine Mutter nämlich. Jedenfalls behaupten die beiden das unisono. Ich war nicht dabei, was ich als Kind nicht wahrhaben wollte. Ich meinte mich erinnern zu können und wusste nicht, dass es sich bei dem, was ich da erinnerte, nicht um meine eigenen Erinnerungen handelte, sondern um das, was die beiden mir erzählt hatten, es handelte sich um ihre Erinnerungen.

    Ich finde den Film nicht schlecht, er romantisiert (ohne dabei zu romanisieren) ein wenig. Oder ich habe das Gefühl, dass er das tut. Aber er ist gut gemacht, sehr viele schöne Bilder. Bei den Landschaftsaufnahmen, den Aufnahmen aus den Dörfern, und vor allem aus Hermannstadt, da musste ich ein bisschen weinen. Da hatte ich ziemlich Heimweh. Aber ich fahre ja auch in sieben Wochen dahin. Das war bis gerade noch ganz weit weg.

    Der Film besteht aus fünf Teilen zu jeweils zehn Minuten:

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Juli 2010

    Hölderlin in modern times

    Die Frau: „Arbeiten Sie hier?“
    Der Buchhändler: „Ja, mehr oder weniger, meist weniger.“
    „Sie, haben Sie eventuell Bücher von diesem … äh … Hölderlin?“
    „Ja, schon. Hier zum Beispiel eine Gedichtausgabe, sehr gut kommentiert.“
    „Nein, Gedichte nicht um Gottes Willen, haben Sie nicht so kleine Geschichten?“
    „Kleine Geschichten hat er nicht verfaßt.“
    „Ach so, ja was denn?“
    „Einen Briefroman mit dem Titel Hyperion.“
    „Ist der spannend?“
    „So würde ich das nicht sagen.“
    „Was hat er denn Lesbares geschrieben, für abends vor dem Einschlafen?“
    „Meines Wissens nichts.“
    „Ja, er muß doch was geschrieben haben, sonst würde er doch nicht im Reiseführer stehen.“
    „Ein Trauerspiel in fünf Akten über Empedokles.“
    „Über was?“
    „Empedokles war ein griechischer Philosoph, der sich aus Verzweiflung in den Ätna stürzte.“
    „Naja, und wenn ichs mal in einer anderen Buchhandlung versuche?“
    „Das können Sie machen, versuchen kostet nichts.“
    „Und wo ist die nächste Buchhandlung?“

    (Ein wahrhaftiger Dialog aus dem Erlebnisbereich einer Tübinger Buchhandlung.)

    Schwäbisches Tagblatt, 5.9.1990

    Und hier hab ichs her.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Juli 2010

    Die Lebenslüge

    Aus meinem Manuskript, ein Text, der mich derzeit sehr in Anspruch nimmt; aus dem Manuskript wird, obwohl noch im Entstehen begriffen, obwohl noch ganz am Anfang seines Entstehens, bereits aussortiert. Ich brauche einen Satz nicht mehr. Der stört mich. Nicht weil er falsch ist, sondern weil er in die falsche Richtung führt. Bevor ich ihn wegwerfe, stelle ich ihn lieber hierher.

    „Direkt neben der Lebensentscheidung – im Grab daneben – liegt die Lebenslüge.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Juli 2010

    Es gibt da nicht alles. Aber es gibt da nichts, was es nicht gibt

    Den heutigen Vormittag habe ich vertrödelt. Ich kann mich kaum erinnern, was ich getan oder was ich unterlassen habe. Immerhin kann ich mich an einige Telefongespräche erinnern. Mit meinen Eltern. Meine Mama telefoniert gerne an Sonntagen mit mir und äußert dann völlig abstrakte Befürchtungen, bei denen einem allerdings die Haare zu Berge stehen können. Es geht dabei meist um meine Zukunft. Meine Gegenwart ist für meine Mutter offenbar weniger interessant. Das fängt mit etwas Kleinem und Belanglosem an, weitet sich dann schnell aus und endet regelmäßig in einer Suada über das, was alles nicht aus mir werden könnte. Dann muss der Papa ans Telefon kommen und alles in die richtigen Dimensionen zurückrücken. Eigentlich müsste er das bei meiner Mama tun. Warum er mit mir darüber redet, ist mir nicht klar. Ihm auch nicht. Aber meine Mama ist zufrieden. Bis zum nächsten Sonntag, wenn erneut wahnsinnige Befürchtungen über sie herfallen. So oder so ähnlich wird das in vielen Familien sein.

    Dann rief eine Freundin an. Wir wollten am Nachmittag auf den Flohmarkt am Mauerpark gehen. Das haben wir auch gemacht. Der Mauerpark ist in allem das Gegenteil von dem, was man mit Park assoziiert. Das ist eine Betonwüste. Vielleicht sollte das so sein, eine lebendige Erinnerung an den Todessteifen (diese Formulierung stand einen Moment als Alternative für die Überschrift im Raum). Vom Frühjahr bis zum Herbst ist dort an Sonntagen Flohmarkt. Wie man das von klassischen Flohmärkten kennt: viel Ramsch und Plunder und Leute, die Ramsch und Plunder zu schätzen wissen. Das ist dort eine sehr internationale Atmosphäre, man hört alle Sprachen dieser Welt. Vielleicht auch welche von außerhalb, das kann ich nicht einschätzen. Ich fühle mich jedenfalls auch ganz wohl.

    Das Gelände ist nicht sehr groß, da sind vielleicht zwei- oder dreihundert Stände. Es gibt da nicht viel. Aber dafür vieles. Es gibt da nicht alles. Aber es gibt da nichts, was es nicht gibt. Das, was es nicht gibt, das gibt es allerdings nirgends.

    Es gibt Imbisse, Obst und Getränkestände, Stände mit Sonnenbrillen und Mützen und jede Menge Zeugs, von dem man gar nicht weiß, was man damit machen soll. Zwischen den Ständen befinden sich kleine Freiflächen, da kann man sich hinsetzen und Musik hören. Überall sind Kinder, Kinder in allen Größen, Farben und Formen. Es gibt Stände mit alten Schuhe und Stiefeln, Knöpfen, Stoffen und Bindfäden. Da sitzen Leute auf der Erde und verkaufen selbstgebackenen Kuchen, ihren Hausrat oder den der verstorbenen Großmutter. Es wird sehr viel Musik gemacht. Wir haben ein kleines Brass Orchester gehört, wir haben jiddische Musik gehört, die mich mit ihrer Melancholie besonders berührt, ein indisches Zwei-Personen-Orchester, die zwanzig Instrumente spielen konnten. Wir haben eine alte Frau gesehen, sie war bestimmt 90 Jahre alt, die hat auf einem Schemel gesessen und Geige gespielt. Die konnte nicht Geige spielen, die konnte keine Melodie und keinen Akkord, die hielt die Geige im Schoß und strich nur mit dem Bogen über die Seiten. Dabei schaute sie den Leuten fordernd ins Gesicht, als wollte sie sagen: du wirst du doch nicht etwa behaupten wollen, ich könne nicht Geige spielen?

    Dieses lockere Leben, die Fähigkeit, Dinge laufen zu lassen, ohne sich einzumischen, ohne ihnen hinterherzurennen oder sie abzubremsen: das vermisse ich hier in Deutschland ein bisschen. Manchmal auch mehr als nur ein bisschen. Die Fähigkeit, das Leben als einen ruhigen Fluss wahrzunehmen und zu erkennen, dass nur dies das wahre Leben ist und dass es nur eine einzige Art und Weise gibt, sein Leben zu leben: sich diesem Fluss und seiner Geschwindigkeit anzupassen. Nur mit diesem Fluss, nie gegen ihn, findet das Leben statt.

    Ich weiß, dass es so ist. Aber ich weiß auch, dass ich morgen, wenn ich zur Uni fahre und wieder Teil der Leistungsgesellschaft bin, wenn ich es eilig habe und den Kopf voller Dinge, die ich dringend aufschreiben muss, weil ich sie sonst vergesse; ich weiß, dass ich dann nicht mehr daran glaube und dass ich die ruhigen Flüsse zum Teufel wünsche.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Juli 2010

    “Wir sind Nieten im Bett”

    Hier kommt die zweite und letzte Bemerkung zu „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño.

    Auch dieses Buch des Chilenen hat mir nicht sonderlich gefallen. Vielleicht gehört dieser Mann zu jenen Schriftstellern, zu jenen Ausnahmegestalten, die nur große Texte schreiben können. Und die an den kleinen scheitern. Mit großen Texten meine ich nicht die langen Texte, die umfangreichen oder voluminösen, sondern ich meine die großartigen Texte. Künstler, die, weil sie nur solche Texte schreiben können, notwendig an den kleinen scheitern. Viele scheitern vielleicht an den großartigen Texten (Stoffen, Motiven, Darstellungen), weil sie nicht gut genug sind. Bolaño womöglich gehört zu jenen, die an den weniger großartigen scheitern, weil sie zu gut sind. Weil er wirklich ein Ausnahmeschriftsteller ist. Zu meiner Leseliste im Sommer gehören seine beiden dicken, und womöglich auch großen Romane. Die werden diese Liste auch nur verlassen, indem ich sie lese, nicht indem ich sie vorzeitig rauswerfe.

    „Wir sind Nieten im Bett, wir sind Nieten bei Wind und Wetter, aber im Sparen sind wir Meister. Wir heben alles auf. Als wüssten wir, dass das Irrenhaus irgendwann abbrennt. Wir verstecken alles. Nicht nur die Schätze, die Pizarro weiterhin regelmäßig unterschlagen wird, sondern die unbrauchbarsten Gegenstände, den ganzen Plunder, lose Fäden, Briefe, Knöpfe, die wir an Orten vergraben, an die wir uns später nicht mehr erinnern können, denn wir haben ein schlechtes Gedächtnis. Aber wir lieben es, Dinge aufzuheben, zu horten, zu sparen. Wenn wir könnten, würden wir uns selbst für bessere Zeiten aufsparen. Ohne Mama und ohne Papa können wir nicht leben. Obwohl wir ahnen, dass es Mama und Papa waren, die uns hässlich, dumm und schlecht werden ließen, damit sie selbst vor kommenden Generationen noch besser dastehen. Für Mama und Papa war Sparen Überdauern, Werk und Pantheon bedeutender Persönlichkeiten, während für uns Sparen Erfolg, Geld und Anerkennung ist. Darum und nur darum geht es uns. Wir sind die Generation der Mittelschicht.“

    Wer etwas über die Literatur Argentiniens wissen will: die Bolañisten erweitern gerade ihren Horizont.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.