Archiv vom Juni, 2010
04 Juni 2010
Jenseits des physikalisch Machbaren
Ich will noch einmal von mir persönlich berichten, obwohl ich das auch als Lückenfüller missbrauche. Aber die Literaturbesprechungen ziehen sich unbeabsichtigt in die Länge; der Erkenntnisprozess zieht sich in die Länge.
In diesem Beitrag heute kommen nur Umstände zur Sprache, die ich nicht zum ersten Mal erwähne: zum Beispiel, dass ich den ganzen Tag in der Bibliothek sitze. Und dass, weil da viele Juristen sind, ich recht häufig neben einem Vertreter der Jurisprudenz sitze. Immer neben einem, weil das meist Zweiertische sind, aber immer neben einem andern. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich mich mal zu einem von denen herüber beugen und ihn fragen, was eigentlich ein Erkenntnisprozess ist. Und ob man den gewinnen kann.
Ich sitze also in dieser Bibliothek, fünf Tage in der Woche, zwischen zehn und zwölf Stunden am Tag, und schreibe an meinem Roman. Leider mache ich im Moment wenig anderes. Das ist für eine gewisse Zeit in Ordnung. Wenn ich dann abends aus dem Gebäude komme, krieche ich auf dem Zahnfleisch. Ich radele schwankend nach Hause, esse irgendwas, egal was, irgendwo stopfe ich das rein, kaue da irgendwie drauf rum, und gucke mir irgendwelche Videos an. Irgendeinen Scheiß. Bloß nicht denken! Mein Gehirn fühlt sich wund an, kaputt, zersprungen. Brei. Ich gehe dann nicht einmal ans Telefon, weil ich keine Lust habe, mich zu unterhalten. Weil ich keine Sätze mehr formulieren kann. Weil ich fix und fertig bin. So fühle ich mich nie, wenn ich andere Dinge tue, wenn ich für die Dissertation schreibe. Akademisches Arbeiten ist im Vergleich mit dieser Arbeit die reinste Erholung. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht, weil da so viel an Hoffnung und an Erwartung drin steckt. Und das Verrückte ist: wenn ich endlich abends im Bett liege, dann lächele ich, weil ich mich so sehr auf den nächsten Tag freue. Das saugt derzeit meine gesamte Existenz und alle meine Kräfte auf. Und ich freue mich auf den kommenden Tag, ich kann es kaum aushalten, dass es endlich weitergeht.
Das hier habe ich in der vergangenen Woche gesehen.
Ich habe mir diese vier Videos angeschaut. Das kann man sich anschauen, das ist durchaus informativ und lehrreich. Warum aber schaue ich mir das an? Ich interessiere mich nicht für Technik Das sind für mich Spielereien, Männerspielzeug. Ich habe Angst vorm Fliegen. Danach habe ich mir noch Experimentalflüge angeschaut, irgendwelche Loopings und Überschläge, weiß der Teufel, weiß der Rote Baron was ich da gesehen habe. Das mag manchen Menschen durchaus Respekt abnötigen, all dieser technische Firlefanz. Sie fühlen sich vielleicht besonders sicher, wenn 600 Tonnen abheben und sie wissen, dass die Wirbel am Ende der Flügel, die mit 90 Meter Spannbreite irgendwo herunterhängen,weniger gefährlich sind als bei kürzeren Flügeln oder wenn diese Flügel aus Fiberglas, statt aus Stahlbeton sind; wenn derart die Grenzen des physikalisch Machbaren ausgereizt werden ….
Meinen ersten Roman finde ich ästhetisch und formal gelungen, ich finde ihn spannend etc. etc etc etc. Das ist ein schöner Mittestreckenjet. Woran ich gerade arbeite, ist eine ganz andere Kategorie. Bei mir sind alle Hemmungen gefallen. Das Ding an dem ich schreibe ist ein A 380. Ich kann es selbst nicht fassen, aber ganz viele Probleme, die ich beim ersten Mal hatte, bei meinem ersten Text, die habe ich jetzt nicht mehr. Oder ich weiß wie man sie löst. Ich habe da vorne tausend Instrumente und zu meiner eigenen Überraschung kann ich sie lesen und ich kann sie auch bedienen. Ich weiß, wie man so ein Ding fliegt. Das lässt mich bis ins Mark erschauern. Ich weiß, wie man so ein Monster fliegt. Es reagiert auf die Spitzen meiner Finger. Ich kann damit machen was ich will: Und das jenseits alles physikalisch Machbaren, denn ich flieg dieses Ding hier drin.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, lang | Eintrag von Aléa Torik | um 22:06 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
02 Juni 2010
Budda in der Bibliothek
Ich bin müde. Der Typ, der mich da gestern beinahe angelächelt hätte, der seinen Mut zusammensuchen musste und es dann doch nicht über sich bringen konnte, der hat mich immerhin noch bis Mitternacht ausharren lassen. Dann habe ich zwei unruhige Stunden geschlafen, dann gab es einen Betrunkenen in der Kopenhagener Straße, dann einen Feuerwehreinsatz und dann war ich wach. Und müde.
Da treffe ich doch gestern den Herrn Herbst in einer an Skurrilität und Sexualität reichhaltigen Veranstaltung von Adler&Söhne (die, wie jedes Mal, sehr angenehm war, das sind alles gute Leute, die etwas zu erzählen haben) und musste / durfte mir gleich einen, allerdings lehreichen Vortrag über Aragon und Pirandello anhören. Hört das eigentlich nie auf? Dass man mal wieder etwas nicht kennt und nicht gelesen hat. Ich habe vor einigen Tagen schon wissend mit dem Kopf nicken müssen, als es um jemand ging, dessen Namen ich nicht einmal kannte. Je älter ich werde, desto länger wird die Agenda der noch zu lesenden Literatur. Das kann ja alles gar nicht sein: ich renne jeden Tag in die Bibliothek und kenne immer weniger. Je mehr ich lese, desto weniger kenne ich. Oder desto mehr Unbekannte kenne ich. Die ich ja nicht kenne. Vielleicht sollte ich aufhöhen mit dem Lesen. Lesen ist kein probates Mittel, um sich Schriftstellern zu nähern. Ich werde mich heute wie Budda in die Bibliothek setzen und mich, ein paar Zentimeter über dem Boden schwebend, in mich selbst versenken. Vielleicht finde ich da meine Ruhe. Möglicherweise finde ich auch etwas anderes. Ich habe an diesem Abend einige Dinge aus dem Leben von Herrn Herbst vernommen, die sehr vielversprechend klangen und die Lust aufs Leben machen. Die hatten etwas mit Sizilien zu tun. Demnächst mehr in diesem Theater!
Jetzt gehe ich noch kurz, wie nahezu jeden Morgen nach dem Drei-Schichten-Prinzip vor, nämlich: Erstens, Zweitens, Drittens. Und dann geht’s in die Bibliothek. Noch eineinhalb Stunden, dann machen die die Türen auf.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 6:39 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











