27 Juni 2010
„Orgien einer nervösen, rasenden Imagination“
„Eine Sizilische Reise“
Ein Hör-, Versteh- und Verwirrspiel von Alban Nikolai Herbst
In Ermangelung eines Namens, nenne ich ihn den jungen Mann. Ein junger Mann also kommt im Sommer nach Sizilien um einen Bekannten, Arndt, zu treffen. Der erteilt ihm einen Auftrag, tischt ihm dazu allerdings eine merkwürdig mysteriöse Geschichte auf, mit allerlei Ingredienzien: Mysterienspiele, Venus- und Demeterkult, Inquisition, Vatikan, Camorra, Heroin, Mikrofilm und Mafia. Da ist von Phönizien die Rede, von Karthago und den punischen Kriegen. Er solle, so rät Arndt ihm, sich vor Zecken in Acht nehmen und Zeitung lesen. Wölfe gäbe es auf Sizilien, er werde verfolgt, brauche all seinen Mut, der allerdings nicht ausreiche, denn er brauche auch Glück noch. Das Ganze scheint eine wilde, abstruse Nummer, Mythos plus Wahnvorstellung. Arndt rät ihm, bevor er verschwindet: „Vertrauen Sie niemandem, – auch mir nicht.“
So komplex die Voraussetzungen sind, so einfach scheint die Sache umsetzbar. Der junge Mann soll in einer Woche in Noto sein und den Stein, den Arndt ihm aushändigt und den er immer bei sich tragen müsse, einem Kontaktmann zeigen. Von dem bekomme er dann eine Aktentasche und mit Stein und Tasche solle er sich drei Tage später auf Mozia, einer kleinen Insel in einer Lagune vor Marsala, einfinden und die Dinge Arndt übergeben. Im Klartext: er soll eine Tasche abholen und weiterbefördern und dafür hat er zehn Tage Zeit. Er solle sich Sizilien anschauen, wie ein Tourist benehmen und baden gehen. Das ist ein recht überschaubarer Auftrag. Und einer, der deutlich nach Erholung klingt: „Das Wort „Urlaub“ fällt mir ein. Ich freue mich auf knapp zwei Wochen Ferien. Aber Ferien wovon?“
Dieser junge Mann hat eine Besonderheit. Vielmehr hat er diese Besonderheit nicht: er besitzt keine individuelle Vergangenheit. Es wundert ihn manchmal, dass er, wenn ihn jemand fragt, woher er komme, keine Antwort geben kann. Er hat keinen Gedächtnisverlust, er ist nicht auf der Suche nach seiner Identität. Statt der individuellen hat er offenbar eine kollektive Vergangenheit: er kennt die Geschichte Siziliens in allen Einzelheiten, von der mythischen Vergangenheit bis in die Gegenwart, er kennt alle Orte, die er bereist, er kennt das Essen, er kennt die Weine und er weiß, wo man die beste Granita di Iimone Italiens bekommt. Seines Wissens zum ersten Mal auf der Insel, spricht er sogar ganz leidlich Italienisch. Sowohl das eine als auch das andere, das Fehlen des Individuellen als das Vorhandensein des Kollektiven, sorgen bei ihm nur für moderate Irritation. Das sind kurze Momente, Verwunderung ist beinahe schon zu viel gesagt, er nimmt‘s zur Kenntnis. Er scheint nur in eingeschränktem Maße zur Selbstreflektion fähig und wundert sich selbst dann nicht weiter, als die Leute sich später bekreuzigen, wenn sie ihn zu Gesicht bekommen.
Man kann sich vorstellen, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugehen wird. Man kann es sich auch deswegen vorstellen, weil der junge Mann in der Zeit da er auf Arndt warten muss, bereits das erste seltsame Erlebnis hat. Er entschließt sich zu einem Besuch in den Cappuccini, der Kelleranlage eines Klosters. Dort spricht ihn Signor Antonino Prestigiacomo an, der ihm Sizilien zeigen will. Er spricht etwas undeutlich, was auch daran liegen mag, dass er schon seit mehr als 150 Jahren tot ist: in den Kellern dieses Klosters werden tausende mumifizierte Leichen ausgestellt und Prestigiacomo ist eine von ihnen. Allerdings blutet diese Leiche aus der Nase. Die Aufregung, entschuldigt Prestigiacomo sich, immer wenn er sich aufrege, blute die Nase.
Am nächsten Morgen beginnt der junge Mann seine Reise, er fährt nach Enna. Warum gerade Enna, weiß er nicht zu sagen. Dieses Muster bleibt von nun an erhalten: er reist auf der Insel von Ort zu Ort und kennt den Grund dafür nicht. Er ist vom ersten Moment an ununterbrochen in Bewegung, mit Zügen und Bussen, er schläft wenig und sitzt nur beim Essen. Die Worte Erholung und Urlaub werden nicht wieder bemüht: der Mann wirkt geradezu gehetzt. Er reist von Palermo nach Segesta, wo er Arndt triff, nach Enna und von dort dann kreuz und quer über die Insel, von Enna nach Catania, auf den Ätna, nach Syrakus, nach Sortino, und von dort nach Noto, wo sein Kontaktmann nicht auftaucht, weiter nach Modica, Marsala, Agrigent, nach Mozia, angeblicher Schlusspunkt der Reise und von dort nach Erice. Wohl kaum ein touristisch interessanter Ort wird ausgelassen. Er weiß viel über die Sehenswürdigkeiten, über die Architektur und über die Geschichte der Insel, von ihrer mythischen Vergangenheit, ihren frühesten Anfängen, den Trojern, die nach dem Fall Trojas aus Kleinasien kommen und auf Sizilien siedeln, von den Besiedelungsversuchen der Griechen, der Römer, der Araber und er erzählt von dem Einfluss Nordafrikas bis in die Gegenwart hinein. Er weiß das alles, aber er weiß nicht, woher er es weiß.
Auf Reisen, auch deswegen unternimmt man sie, lernt der Reisende Menschen kennen. Noch bevor er von Arndt seinen Auftrag bekommt, trifft der junge Mann auf Vesely, ein etwas skurriler Prager, der im August mit einem Anorak bekleidet, Sizilien bereist. Wer je unterwegs war, mit Bus und Bahn und Rucksack, der weiß: man trifft die Leute wieder. So ergeht es auch dem jungen Mann. Er trifft Vesely regelmäßig, ein harmloser älterer Herr. Er trifft Frau Jördsdóttir, die er schon einmal irgendwo gesehen hat. Er lernt die quengelnde Waltraut kennen, über die der junge Mann sagt, wenn auch in Zusammenhang mit Unterkünften und Preisen: „Ich kann mir guten Geschmack nicht mehr leisten.“ Er teilt in Catania ein Zimmer mit ihr, flieht aber in die Nacht hinaus und in den Alkohol. Dann sieht er eine junge Frau, ein Mädchen noch, Ciane, eine fabelhaft schöne Erscheinung, sie nimmt ihn in einen Garten mit, die Zeit spielt verrückt, sie will ihn verführen, aber nicht gleich vor Ort und dann ist sie plötzlich weg und er muss die Nacht im Bett neben Waltraud verbringen, vor der er am nächsten Morgen flüchtet. In Syrakus trifft er sie wieder: da liegt sie dann erneut in seinem Bett. Auch Ciane trifft er ein zweites Mal, in einem mythisch schönen Moment, außerhalb der Zeit, eine Nymphe in einem Zauberreich, in dem sie in einen Wasserfall zerfließt, auch das in Syrakus.
Recht bald nach der Abreise aus Palermo fühlt der junge Mann sich beobachtet. Das hatte Arndt ihm prophezeit und wenn einem gesagt wird, dass man beobachtet werde, dann fühlt man sich auch so. Und es dauert nicht lange, dann wird man auch beobachtet: man beobachtet sich selbst. Er sieht einen Mann in seiner Nähe telefonieren. Der kreuzt nicht nur seinen Weg, er verfolgt ihn geradezu. Wohin er reist, da ist auch dieser Mann mit dem Telefon. In Enna findet er dann den abgeschlagenen Kopf dieses Telefonierers auf dem Beifahrersitz eines roten Alfas, den er auch nicht zum ersten Mal sieht. Später versucht ihn dieser Alfa zu überfahren. Er lernt in Syrakus einen Holländer kennen. Der wird kurz danach erschossen: von dem Telefonierer, der ja selbst schon tot ist. Den Holländer trifft er später noch einmal. Der wird, trotz der Warnung des jungen Mannes, erneut erschossen. Auch Waltraud wird erschossen. Auf ihn selbst wird ebenfalls geschossen. Der Tod scheint an jeder Ecke zu lauern. Als er mit dem Bus von Catania nach Noto fährt, sitzt Gevatter Tod sogar höchstpersönlich am Steuer. Und blind ist der auch noch.
Beim Abendessen in Modica setzt sich Signor Prestigiacomo, die Leiche aus der Gruft in Palermo, an den Tisch des jungen Mannes. Den hatte er schon in Enna gesehen, wo er noch behauptete, jemand anderes zu sein. In Modica macht er das nicht mehr, hier steht er zu seiner Identität, wenn man bei einer Leiche von Identität reden kann. Er sucht das Gespräch mit dem Reisenden und macht dann eine unerwartete und überraschende Bemerkung: „Tot, lebendig, welch ein Unterschied soll das wohl sein?“ Der Unterschied schlechthin, sollte der junge Mann ihm antworten. Da aber springt der andere schon auf und rennt weg. Offenbar flieht er vor Vesely, der inzwischen beinahe der permanente Reisebegleiter geworden ist, und der, sehr zur Überraschung des jungen Mannes, plötzlich eine lederne Aktentasche mit sich herumträgt. Eine Aktentasche, wie ihm der Kontaktmann in Mozia übergeben soll. Langsam kommt der junge Mann zu der Überzeugung, dass Vesely derjenige sein muss, der ihm die Tasche übergeben wird. Was der allerdings weit von sich weist: Er habe eine allzu wilde Phantasie und solle vielleicht doch lieber nach Hause fahren, rät der ihm sogar. Vesely wird dann spätabends auf einem gemeinsamen Spaziergang zusammengeschlagen, der junge Mann wird durch Prestigiacomo vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt. Inzwischen fährt die Leiche aus Palermo den Alfa und schmeißt ihn, nachdem er ihm das Leben gerettet hat, auf offener Straße aus dem Auto.
Möglicherweise gibt es für viele dieser Dinge eine natürliche Erklärung. Männer mögen schon mal hübsche Mädchen sehen, die nichts sehnlicher herbeiwünschen als sich im nächsten Park von ihnen deflorieren zu lassen; manchen Männern scheint es so zu ergehen, sie landen immer mir der Frau im Bett, die sie nicht begehren, und die, die sie begehren, gibt’s nur im Zauberreich; Menschen sehen einander bisweilen ähnlich; Nasenbluten ist keine medizinische Rarität, Alfa eine italienische Automarke, rot eine beliebte Farbe für Autos, Südländer wollen nahezu jeden überfahren; und Blindheit bei Busfahrern gehört ja geradezu zur Berufsausbildung.
Der junge Mann hat ein klapperdürres erzählerisches Ich. Er macht eher selten, was Menschen üblicherweise häufig tun: reflektieren. Aber langsam kommt er doch auf die Idee, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugeht. Er versucht rationale Erklärungen für die Ereignisse zu finden: wieso liegt mitten in der Nacht diese Waltraud wieder in seinem Bett? In dem Moment, da er sich fragt, ob er sich nicht einiges bloß einbilde und seine Phantasie mit ihm durchgehe, macht er eine weitere Bekanntschaft. Es setzt sich erneut jemand an seinen Tisch. Der andere erzählt, dass er, der junge Mann, genau wie Arndt, in einer Art Schachspiel lediglich Figuren seien. Er selbst habe eine Gegenspielerin, Frau Jördsdóttir. Die nun erfinde die andern Figuren in dieser Geschichte, den Telefonierer, den Prager und den Holländer. Dass der gleich zweimal sterben musste, läge daran, dass der erste Holländer, der von Frau Jördsdóttir sei, der zweite hingegen sein eigener. Diese Gesprächspartner ist von Beruf Schriftstellers, sein Name, sagt er, sei Herbst. Der junge Mann, erklärt Herbst, habe keine Vergangenheit, weil es ihn vor der Abreise nach Sizilien gar nicht gegeben habe.
Von da an werden die existentiellen Verhältnisse schwierig. Hat der junge Mann, auf der Suche nach Erklärungen für die Ereignisse, eine weitere Steigerung seiner seltsamen Wahrnehmungen und bildet er sich den Herrn Herbst, wie vielleicht viele andere zuvor, nur ein? Hat der Herr Herbst schlicht übersehen, dass man als Schriftsteller zwar Figuren erfinden kann, sehr realistische Figuren, dass man sich aber nicht zu ihnen an den Tisch setzen kann, weil man dann selbst zur Figur wird? Da werden logisch-existentielle Grenzen überschritten, die nicht ohne weiteres zu überschreiten sind. Mindestens einer der beiden, denkt man bei der Lektüre, hat da nicht alle Latten auf dem Zaun.
Dann wird noch eine weitere Grenze überschritten. Der junge Mann hat ein kleines Problem physiologischer Provenienz. Von Anfang an macht ihm der Magen Ärger und er ist lärmempfindlich, beides nimmt im Laufe der Reise zu. Dazu kommt eine Hypersensibilität was bestimmte Gerüche angeht. Er wird gebissen, seine Augen verändern sich, er bekommt Regenbogenhäute, es wächst ihm ein Pelz an den Beinen und auf dem Rücken sträuben sich ihm die Nackenhaare, wenn er Hunde sieht. Menschen stinken. Als der junge Mann dann schließlich nach Mozia kommt, kriecht er auf allen vieren: er verwandelt sich in einen Wolf.
Auf der Insel in der Lagune, kommt es dann zur Konfrontation von Vesely und Arndt, die sich gegenseitig bedrohen. Das hat keinen vernünftigen Sinn mehr: Vesely bekommt die Aktentasche, die er sowieso schon die ganze Zeit hatte. Er bedroht den jungen Mann / den jungen Wer-Wolf mit einer Weihwasserpistole! Arndt erschießt Vesely, jedenfalls, so drückt er sich aus, vorläufig. Denn auch Mozia ist nicht der Schlusspunkt der Reise. „Bringen Sie den Stein nach Erice“, fordert Arndt ihn auf.
Was hat es mit dem Stein auf sich, hinter dem alle her sind, den aber keiner dauerhaft haben will? Selbst wenn ihn mal einer wegnimmt, bringt er ihn sofort wieder zurück. Das birgt sicher unzählige Konnotationen – vom Stein der Weisen bis zum Phallussymbol: „Ich hole ihn aus der Tasche, zeige ihn ihm – Stumm starrt der das Ding an“. Es handelt sich bei dem Stein wohl um einen verdichteten Phantasiepunkt. Der Stein als ein Symbol dafür, dass es weitergeht: die Reise, die Tradition. Die Suche nach einem Sinn. Das muss in Bewegung bleiben. Bewegung ist das Prinzip des Lebens.
Mit Arndt und Vesely stehen sich zwei gegensätzliche Prinzipien gegenüber, die Antagonismen Mythos und Aufklärung, Ordnung und Unordnung. Oder einfach nur die beiden Gegenspieler Jördsdóttir und Herbst, Frau und Mann. Wie die beiden antagonistischen Auffassungen, die Erde sei eine Scheibe oder eine Kugel. Die Welt ist so, wie wir sie begreifen. Und nicht so, wie sie tatsächlich ist. So wie sie tatsächlich ist, ist sie nämlich nicht. Vor der Entdeckung ihrer Kugelform war die Welt eine Scheibe.
Bewegung ist das Prinzip des Lebens: Wir haben heute noch keine Vorstellung davon, wie die Welt nach ihrer nächsten Veränderung aussehen wird. Wir wissen lediglich: sie wird sich verändern. Die Welt als rund zu beschreiben, damit man an ihrem Ende nicht herunterfallen kann, das war eine Zeitlang eine durchaus originelle Idee, inzwischen aber ist sie noch platter als die Welt je gewesen ist. Es wird Zeit für was Neues. Die Erscheinung der damaligen Welt hatte sicher auch etwas mit den damaligen Ängsten zu tun, die am Ende der Welt lauerten man befürchtete, am Rand der Scheibe herunterzufallen. Dann lauern die Ängste eher in der Mitte und die runde Welt begegnete den veränderten Bedingungen mit einer anderen Form. Wie immer die nächste Erscheinungsweise der Welt aussehen mag, sie wird, darf man vermuten, zwei Seiten haben, mit einer permeablen Membran, so dass man ungehindert von der Seite der Physik auf die der Phantasie hinüberkriechen kann.
Die Register, die der Autor des Buches hier zieht – Schauergeschichte, Märchen. Mythologie, Kultus und Ritus – dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Phantast ist. Einer, der sich nicht damit zufrieden gibt, dass die Welt ist, wie sie ist. Denn genau so ist sie ja gerade nicht. Das ist der erste Schritt, den einer machen muss, wenn er erkennen will, dass die Welt eine erneute Veränderung braucht, dass sie ihre Erscheinungsform ändern muss! Bei der erneuten Veränderung der Welt bedarf es der Phantasie. Es bedarf immer der Phantasie, wenn es darum geht, der Angst Paroli zu bieten. Die Phantasie, die der junge Mann nach Aussage von Vesely im Übermaße hat.
Trotz der angeblichen mythischen Zeitlosigkeit – „Befinde mich in vollkommener Gegenwart. Es gibt keine Vergangenheit. Wird keine Zukunft mehr geben. Strahlendes, duftendes, flirrendes jetzt.“ hat der junge Mann ein Problem mit der Zeit. Die Zeit mir Ciane vergeht nicht in physikalisch linearem Sinne, er befinde sich, meint er, in einer Art Zeitschleife. Das ist ein wichtiges Motiv: als Arndt ihm den Auftrag erteilt und er fragt, was in der Tasche des Kontaktmannes sei, antwortet der: „Uhren jedenfalls nicht.“ Und genau die sind dann doch drin. Frau Jördsdóttir wird umso älter, je näher sie dem jungen Mann kommt. Das ist als erzählerische Herausforderung nicht zu unterschätzen: Um eine Figur in einem fiktionalen Text realistisch darzustellen, braucht der Erzähler das Medium der Zeit, man braucht Vor- und Rückgriffe um die Gegenwart lebensfähig zu gestalten und um eine personale Identität der Figur herzustellen. Diese Beschränkung der Figur macht der Autor wett, indem er eine überaus sinnliche, manchmal sogar magische Sprache im Munde führt. Und das nicht nur, wenn sie sich um die Sexualität dreht, wie beim Corso in Enna:
„Hier wird in raffiniertem Stil das Geschlecht zelebriert. Sieht es und läßt es sehen. Ein erhitzter, durchs Ritual gebändigter Fleisch- und Beziehungsmarkt. Reglement und Triebdurchbruch halten sich die Waage, sonst ginge es in Orgien aus. Abends schwingt insgeheim immer noch Astarte das Zepter, doch ihre Macht von der Kirche beschnitten: konstitutionelle Lustmonarchie. Sie glänzt, wenn der Mond scheint und ist bei Tage denunziert. Jener regelt, was flüssig ist. Menses, Gezeiten und Blut. Läßt sich vom Herz in den Kreislauf pumpen. Fährt auf Vespa, Moped, Motorrad auf und ab. Immer in Gruppen, wenigstens zu zweit. Pärchen. Paare. Der Freund in den Freund eingehakt, man läßt Motoren spielen wie einen Bizeps, wirft die gelackten Haare zurück, jede Geste schreit vor Potenz. Die Freundin neben der Freundin, bis ins Blitzen geputzt. Instinktiv vom Geist durchfeuerter Leib, körpergewordene Intelligenz. Intelligenz in Nacken und Taille, biegsam vor Eleganz, die Brüste geschmückt, als wären sie nackt. Man reicht sie wie Früchte, reckt ihre Spitzten. Gewisper. Schnelles, verlangendes, heftiges blühendes Lachen.“
Und als der Mann nach Noto kommt, heißt es: „Der strenge Plan der Stadt schlingt sich wie Riemen um und durch die Orgien einer nervösen, rasenden Imagination, und sie binden sie, verhindern ihren formlosen Aus. Und Zusammenbrauch: Entfesselt und präzise, so verspielt wie unerbittlich, lose und herrisch, überladen und herb, brechend vor Kitsch und doch in der Balance eines ausgebildeten, mitunter dekadenten Geschmacks stehen die Gebäude wie architektonische Waben einer zur Monade mumifizierten Vollendung. Den Kirchen Notos kommt in Europa keine ihrer Ära gleich. Bogen, Fassade, Brüstung, Kuppel, Karyatide und Treppe gewordenes Zeitalter. In dem Menschen wie fremde Gäste wohnen.“
Schließlich sind in diesem Buch Sätze zu finden, die mir persönlich Bücher sehr schmackhaft machen können und die man in den Bereich Lebensweisheit einsortieren muss, Erkenntnisse wie diese: “Das Leben eben nicht zu denunzieren mit dem Satz, alles sei eitel.“
Wie Alice, eine der Kommentatorinnen meiner Seite, sagte als sie sich mit folgenden Worten verabschiedete, was als Aufforderung an die Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu verstehen ist: „Lasst Euch verzaubern und gebt es weiter.“
Verzaubert hat Alban Nikolai Herbst. Ich gebe es bloß weiter.
Alban Nikolai Herbst
Eine sizilische Reise
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN 3-423-12980-8
Geschrieben: Juni 27th, 2010 unter desaströs, Lessons & Lectures













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Datum/Uhrzeit 28. Juni 2010 um 06:09
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