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  • 27 Juni 2010

    „Orgien einer nervösen, rasenden Imagination“

    „Eine Sizilische Reise“

    Ein Hör-, Versteh- und Verwirrspiel von Alban Nikolai Herbst

    In Ermangelung eines Namens, nenne ich ihn den jungen Mann. Ein junger Mann also kommt im Sommer nach Sizilien um einen Bekannten, Arndt, zu treffen. Der erteilt ihm einen Auftrag, tischt ihm dazu allerdings eine merkwürdig mysteriöse Geschichte auf, mit allerlei Ingredienzien: Mysterienspiele, Venus- und Demeterkult, Inquisition, Vatikan, Camorra, Heroin, Mikrofilm und Mafia. Da ist von Phönizien die Rede, von Karthago und den punischen Kriegen. Er solle, so rät Arndt ihm, sich vor Zecken in Acht nehmen und Zeitung lesen. Wölfe gäbe es auf Sizilien, er werde verfolgt, brauche all seinen Mut, der allerdings nicht ausreiche, denn er brauche auch Glück noch. Das Ganze scheint eine wilde, abstruse Nummer, Mythos plus Wahnvorstellung. Arndt rät ihm, bevor er verschwindet: „Vertrauen Sie niemandem, – auch mir nicht.“

    So komplex die Voraussetzungen sind, so einfach scheint die Sache umsetzbar. Der junge Mann soll in einer Woche in Noto sein und den Stein, den Arndt ihm aushändigt und den er immer bei sich tragen müsse, einem Kontaktmann zeigen. Von dem bekomme er dann eine Aktentasche und mit Stein und Tasche solle er sich drei Tage später auf Mozia, einer kleinen Insel in einer Lagune vor Marsala, einfinden und die Dinge Arndt übergeben. Im Klartext: er soll eine Tasche abholen und weiterbefördern und dafür hat er zehn Tage Zeit. Er solle sich Sizilien anschauen, wie ein Tourist benehmen und baden gehen. Das ist ein recht überschaubarer Auftrag. Und einer, der deutlich nach Erholung klingt: „Das Wort „Urlaub“ fällt mir ein. Ich freue mich auf knapp zwei Wochen Ferien. Aber Ferien wovon?“

    Dieser junge Mann hat eine Besonderheit. Vielmehr hat er diese Besonderheit nicht: er besitzt keine individuelle Vergangenheit. Es wundert ihn manchmal, dass er, wenn ihn jemand fragt, woher er komme, keine Antwort geben kann. Er hat keinen Gedächtnisverlust, er ist nicht auf der Suche nach seiner Identität. Statt der individuellen hat er offenbar eine kollektive Vergangenheit: er kennt die Geschichte Siziliens in allen Einzelheiten, von der mythischen Vergangenheit bis in die Gegenwart, er kennt alle Orte, die er bereist, er kennt das Essen, er kennt die Weine und er weiß, wo man die beste Granita di Iimone Italiens bekommt. Seines Wissens zum ersten Mal auf der Insel, spricht er sogar ganz leidlich Italienisch. Sowohl das eine als auch das andere, das Fehlen des Individuellen als das Vorhandensein des Kollektiven, sorgen bei ihm nur für moderate Irritation. Das sind kurze Momente, Verwunderung ist beinahe schon zu viel gesagt, er nimmt‘s zur Kenntnis. Er scheint nur in eingeschränktem Maße zur Selbstreflektion fähig und wundert sich selbst dann nicht weiter, als die Leute sich später bekreuzigen, wenn sie ihn zu Gesicht bekommen.

    Man kann sich vorstellen, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugehen wird. Man kann es sich auch deswegen vorstellen, weil der junge Mann in der Zeit da er auf Arndt warten muss, bereits das erste seltsame Erlebnis hat. Er entschließt sich zu einem Besuch in den Cappuccini, der Kelleranlage eines Klosters. Dort spricht ihn Signor Antonino Prestigiacomo an, der ihm Sizilien zeigen will. Er spricht etwas undeutlich, was auch daran liegen mag, dass er schon seit mehr als 150 Jahren tot ist: in den Kellern dieses Klosters werden tausende mumifizierte Leichen ausgestellt und Prestigiacomo ist eine von ihnen. Allerdings blutet diese Leiche aus der Nase. Die Aufregung, entschuldigt Prestigiacomo sich, immer wenn er sich aufrege, blute die Nase.

    Am nächsten Morgen beginnt der junge Mann seine Reise, er fährt nach Enna. Warum gerade Enna, weiß er nicht zu sagen. Dieses Muster bleibt von nun an erhalten: er reist auf der Insel von Ort zu Ort und kennt den Grund dafür nicht. Er ist vom ersten Moment an ununterbrochen in Bewegung, mit Zügen und Bussen, er schläft wenig und sitzt nur beim Essen. Die Worte Erholung und Urlaub werden nicht wieder bemüht: der Mann wirkt geradezu gehetzt. Er reist von Palermo nach Segesta, wo er Arndt triff, nach Enna und von dort dann kreuz und quer über die Insel, von Enna nach Catania, auf den Ätna, nach Syrakus, nach Sortino, und von dort nach Noto, wo sein Kontaktmann nicht auftaucht, weiter nach Modica, Marsala, Agrigent, nach Mozia, angeblicher Schlusspunkt der Reise und von dort nach Erice. Wohl kaum ein touristisch interessanter Ort wird ausgelassen. Er weiß viel über die Sehenswürdigkeiten, über die Architektur und über die Geschichte der Insel, von ihrer mythischen Vergangenheit, ihren frühesten Anfängen, den Trojern, die nach dem Fall Trojas aus Kleinasien kommen und auf Sizilien siedeln, von den Besiedelungsversuchen der Griechen, der Römer, der Araber und er erzählt von dem Einfluss Nordafrikas bis in die Gegenwart hinein. Er weiß das alles, aber er weiß nicht, woher er es weiß.

    Auf Reisen, auch deswegen unternimmt man sie, lernt der Reisende Menschen kennen. Noch bevor er von Arndt seinen Auftrag bekommt, trifft der junge Mann auf Vesely, ein etwas skurriler Prager, der im August mit einem Anorak bekleidet, Sizilien bereist. Wer je unterwegs war, mit Bus und Bahn und Rucksack, der weiß: man trifft die Leute wieder. So ergeht es auch dem jungen Mann. Er trifft Vesely regelmäßig, ein harmloser älterer Herr. Er trifft Frau Jördsdóttir, die er schon einmal irgendwo gesehen hat. Er lernt die quengelnde Waltraut kennen, über die der junge Mann sagt, wenn auch in Zusammenhang mit Unterkünften und Preisen: „Ich kann mir guten Geschmack nicht mehr leisten.“ Er teilt in Catania ein Zimmer mit ihr, flieht aber in die Nacht hinaus und in den Alkohol. Dann sieht er eine junge Frau, ein Mädchen noch, Ciane, eine fabelhaft schöne Erscheinung, sie nimmt ihn in einen Garten mit, die Zeit spielt verrückt, sie will ihn verführen, aber nicht gleich vor Ort und dann ist sie plötzlich weg und er muss die Nacht im Bett neben Waltraud verbringen, vor der er am nächsten Morgen flüchtet. In Syrakus trifft er sie wieder: da liegt sie dann erneut in seinem Bett. Auch Ciane trifft er ein zweites Mal, in einem mythisch schönen Moment, außerhalb der Zeit, eine Nymphe in einem Zauberreich, in dem sie in einen Wasserfall zerfließt, auch das in Syrakus.

    Recht bald nach der Abreise aus Palermo fühlt der junge Mann sich beobachtet. Das hatte Arndt ihm prophezeit und wenn einem gesagt wird, dass man beobachtet werde, dann fühlt man sich auch so. Und es dauert nicht lange, dann wird man auch beobachtet: man beobachtet sich selbst. Er sieht einen Mann in seiner Nähe telefonieren. Der kreuzt nicht nur seinen Weg, er verfolgt ihn geradezu. Wohin er reist, da ist auch dieser Mann mit dem Telefon. In Enna findet er dann den abgeschlagenen Kopf dieses Telefonierers auf dem Beifahrersitz eines roten Alfas, den er auch nicht zum ersten Mal sieht. Später versucht ihn dieser Alfa zu überfahren. Er lernt in Syrakus einen Holländer kennen. Der wird kurz danach erschossen: von dem Telefonierer, der ja selbst schon tot ist. Den Holländer trifft er später noch einmal. Der wird, trotz der Warnung des jungen Mannes, erneut erschossen. Auch Waltraud wird erschossen. Auf ihn selbst wird ebenfalls geschossen. Der Tod scheint an jeder Ecke zu lauern. Als er mit dem Bus von Catania nach Noto fährt, sitzt Gevatter Tod sogar höchstpersönlich am Steuer. Und blind ist der auch noch.

    Beim Abendessen in Modica setzt sich Signor Prestigiacomo, die Leiche aus der Gruft in Palermo, an den Tisch des jungen Mannes. Den hatte er schon in Enna gesehen, wo er noch behauptete, jemand anderes zu sein. In Modica macht er das nicht mehr, hier steht er zu seiner Identität, wenn man bei einer Leiche von Identität reden kann. Er sucht das Gespräch mit dem Reisenden und macht dann eine unerwartete und überraschende Bemerkung: „Tot, lebendig, welch ein Unterschied soll das wohl sein?“ Der Unterschied schlechthin, sollte der junge Mann ihm antworten. Da aber springt der andere schon auf und rennt weg. Offenbar flieht er vor Vesely, der inzwischen beinahe der permanente Reisebegleiter geworden ist, und der, sehr zur Überraschung des jungen Mannes, plötzlich eine lederne Aktentasche mit sich herumträgt. Eine Aktentasche, wie ihm der Kontaktmann in Mozia übergeben soll. Langsam kommt der junge Mann zu der Überzeugung, dass Vesely derjenige sein muss, der ihm die Tasche übergeben wird. Was der allerdings weit von sich weist: Er habe eine allzu wilde Phantasie und solle vielleicht doch lieber nach Hause fahren, rät der ihm sogar. Vesely wird dann spätabends auf einem gemeinsamen Spaziergang zusammengeschlagen, der junge Mann wird durch Prestigiacomo vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt. Inzwischen fährt die Leiche aus Palermo den Alfa und schmeißt ihn, nachdem er ihm das Leben gerettet hat, auf offener Straße aus dem Auto.

    Möglicherweise gibt es für viele dieser Dinge eine natürliche Erklärung. Männer mögen schon mal hübsche Mädchen sehen, die nichts sehnlicher herbeiwünschen als sich im nächsten Park von ihnen deflorieren zu lassen; manchen Männern scheint es so zu ergehen, sie landen immer mir der Frau im Bett, die sie nicht begehren, und die, die sie begehren, gibt’s nur im Zauberreich; Menschen sehen einander bisweilen ähnlich; Nasenbluten ist keine medizinische Rarität, Alfa eine italienische Automarke, rot eine beliebte Farbe für Autos, Südländer wollen nahezu jeden überfahren; und Blindheit bei Busfahrern gehört ja geradezu zur Berufsausbildung.

    Der junge Mann hat ein klapperdürres erzählerisches Ich. Er macht eher selten, was Menschen üblicherweise häufig tun: reflektieren. Aber langsam kommt er doch auf die Idee, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugeht. Er versucht rationale Erklärungen für die Ereignisse zu finden: wieso liegt mitten in der Nacht diese Waltraud wieder in seinem Bett? In dem Moment, da er sich fragt, ob er sich nicht einiges bloß einbilde und seine Phantasie mit ihm durchgehe, macht er eine weitere Bekanntschaft. Es setzt sich erneut jemand an seinen Tisch. Der andere erzählt, dass er, der junge Mann, genau wie Arndt, in einer Art Schachspiel lediglich Figuren seien. Er selbst habe eine Gegenspielerin, Frau Jördsdóttir. Die nun erfinde die andern Figuren in dieser Geschichte, den Telefonierer, den Prager und den Holländer. Dass der gleich zweimal sterben musste, läge daran, dass der erste Holländer, der von Frau Jördsdóttir sei, der zweite hingegen sein eigener. Diese Gesprächspartner ist von Beruf Schriftstellers, sein Name, sagt er, sei Herbst. Der junge Mann, erklärt Herbst, habe keine Vergangenheit, weil es ihn vor der Abreise nach Sizilien gar nicht gegeben habe.

    Von da an werden die existentiellen Verhältnisse schwierig. Hat der junge Mann, auf der Suche nach Erklärungen für die Ereignisse, eine weitere Steigerung seiner seltsamen Wahrnehmungen und bildet er sich den Herrn Herbst, wie vielleicht viele andere zuvor, nur ein? Hat der Herr Herbst schlicht übersehen, dass man als Schriftsteller zwar Figuren erfinden kann, sehr realistische Figuren, dass man sich aber nicht zu ihnen an den Tisch setzen kann, weil man dann selbst zur Figur wird? Da werden logisch-existentielle Grenzen überschritten, die nicht ohne weiteres zu überschreiten sind. Mindestens einer der beiden, denkt man bei der Lektüre, hat da nicht alle Latten auf dem Zaun.

    Dann wird noch eine weitere Grenze überschritten. Der junge Mann hat ein kleines Problem physiologischer Provenienz. Von Anfang an macht ihm der Magen Ärger und er ist lärmempfindlich, beides nimmt im Laufe der Reise zu. Dazu kommt eine Hypersensibilität was bestimmte Gerüche angeht. Er wird gebissen, seine Augen verändern sich, er bekommt Regenbogenhäute, es wächst ihm ein Pelz an den Beinen und auf dem Rücken sträuben sich ihm die Nackenhaare, wenn er Hunde sieht. Menschen stinken. Als der junge Mann dann schließlich nach Mozia kommt, kriecht er auf allen vieren: er verwandelt sich in einen Wolf.

    Auf der Insel in der Lagune, kommt es dann zur Konfrontation von Vesely und Arndt, die sich gegenseitig bedrohen. Das hat keinen vernünftigen Sinn mehr: Vesely bekommt die Aktentasche, die er sowieso schon die ganze Zeit hatte. Er bedroht den jungen Mann / den jungen Wer-Wolf mit einer Weihwasserpistole! Arndt erschießt Vesely, jedenfalls, so drückt er sich aus, vorläufig. Denn auch Mozia ist nicht der Schlusspunkt der Reise. „Bringen Sie den Stein nach Erice“, fordert Arndt ihn auf.

    Was hat es mit dem Stein auf sich, hinter dem alle her sind, den aber keiner dauerhaft haben will? Selbst wenn ihn mal einer wegnimmt, bringt er ihn sofort wieder zurück. Das birgt sicher unzählige Konnotationen – vom Stein der Weisen bis zum Phallussymbol: „Ich hole ihn aus der Tasche, zeige ihn ihm – Stumm starrt der das Ding an“. Es handelt sich bei dem Stein wohl um einen verdichteten Phantasiepunkt. Der Stein als ein Symbol dafür, dass es weitergeht: die Reise, die Tradition. Die Suche nach einem Sinn. Das muss in Bewegung bleiben. Bewegung ist das Prinzip des Lebens.

    Mit Arndt und Vesely stehen sich zwei gegensätzliche Prinzipien gegenüber, die Antagonismen Mythos und Aufklärung, Ordnung und Unordnung. Oder einfach nur die beiden Gegenspieler Jördsdóttir und Herbst, Frau und Mann. Wie die beiden antagonistischen Auffassungen, die Erde sei eine Scheibe oder eine Kugel. Die Welt ist so, wie wir sie begreifen. Und nicht so, wie sie tatsächlich ist. So wie sie tatsächlich ist, ist sie nämlich nicht. Vor der Entdeckung ihrer Kugelform war die Welt eine Scheibe.

    Bewegung ist das Prinzip des Lebens: Wir haben heute noch keine Vorstellung davon, wie die Welt nach ihrer nächsten Veränderung aussehen wird. Wir wissen lediglich: sie wird sich verändern. Die Welt als rund zu beschreiben, damit man an ihrem Ende nicht herunterfallen kann, das war eine Zeitlang eine durchaus originelle Idee, inzwischen aber ist sie noch platter als die Welt je gewesen ist. Es wird Zeit für was Neues. Die Erscheinung der damaligen Welt hatte sicher auch etwas mit den damaligen Ängsten zu tun, die am Ende der Welt lauerten man befürchtete, am Rand der Scheibe herunterzufallen. Dann lauern die Ängste eher in der Mitte und die runde Welt begegnete den veränderten Bedingungen mit einer anderen Form. Wie immer die nächste Erscheinungsweise der Welt aussehen mag, sie wird, darf man vermuten, zwei Seiten haben, mit einer permeablen Membran, so dass man ungehindert von der Seite der Physik auf die der Phantasie hinüberkriechen kann.

    Die Register, die der Autor des Buches hier zieht – Schauergeschichte, Märchen. Mythologie, Kultus und Ritus – dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Phantast ist. Einer, der sich nicht damit zufrieden gibt, dass die Welt ist, wie sie ist. Denn genau so ist sie ja gerade nicht. Das ist der erste Schritt, den einer machen muss, wenn er erkennen will, dass die Welt eine erneute Veränderung braucht, dass sie ihre Erscheinungsform ändern muss! Bei der erneuten Veränderung der Welt bedarf es der Phantasie. Es bedarf immer der Phantasie, wenn es darum geht, der Angst Paroli zu bieten. Die Phantasie, die der junge Mann nach Aussage von Vesely im Übermaße hat.

    Trotz der angeblichen mythischen Zeitlosigkeit – „Befinde mich in vollkommener Gegenwart. Es gibt keine Vergangenheit. Wird keine Zukunft mehr geben. Strahlendes, duftendes, flirrendes jetzt.“ hat der junge Mann ein Problem mit der Zeit. Die Zeit mir Ciane vergeht nicht in physikalisch linearem Sinne, er befinde sich, meint er, in einer Art Zeitschleife. Das ist ein wichtiges Motiv: als Arndt ihm den Auftrag erteilt und er fragt, was in der Tasche des Kontaktmannes sei, antwortet der: „Uhren jedenfalls nicht.“ Und genau die sind dann doch drin. Frau Jördsdóttir wird umso älter, je näher sie dem jungen Mann kommt. Das ist als erzählerische Herausforderung nicht zu unterschätzen: Um eine Figur in einem fiktionalen Text realistisch darzustellen, braucht der Erzähler das Medium der Zeit, man braucht Vor- und Rückgriffe um die Gegenwart lebensfähig zu gestalten und um eine personale Identität der Figur herzustellen. Diese Beschränkung der Figur macht der Autor wett, indem er eine überaus sinnliche, manchmal sogar magische Sprache im Munde führt. Und das nicht nur, wenn sie sich um die Sexualität dreht, wie beim Corso in Enna:

    „Hier wird in raffiniertem Stil das Geschlecht zelebriert. Sieht es und läßt es sehen. Ein erhitzter, durchs Ritual gebändigter Fleisch- und Beziehungsmarkt. Reglement und Triebdurchbruch halten sich die Waage, sonst ginge es in Orgien aus. Abends schwingt insgeheim immer noch Astarte das Zepter, doch ihre Macht von der Kirche beschnitten: konstitutionelle Lustmonarchie. Sie glänzt, wenn der Mond scheint und ist bei Tage denunziert. Jener regelt, was flüssig ist. Menses, Gezeiten und Blut. Läßt sich vom Herz in den Kreislauf pumpen. Fährt auf Vespa, Moped, Motorrad auf und ab. Immer in Gruppen, wenigstens zu zweit. Pärchen. Paare. Der Freund in den Freund eingehakt, man läßt Motoren spielen wie einen Bizeps, wirft die gelackten Haare zurück, jede Geste schreit vor Potenz. Die Freundin neben der Freundin, bis ins Blitzen geputzt. Instinktiv vom Geist durchfeuerter Leib, körpergewordene Intelligenz. Intelligenz in Nacken und Taille, biegsam vor Eleganz, die Brüste geschmückt, als wären sie nackt. Man reicht sie wie Früchte, reckt ihre Spitzten. Gewisper. Schnelles, verlangendes, heftiges blühendes Lachen.“

    Und als der Mann nach Noto kommt, heißt es: „Der strenge Plan der Stadt schlingt sich wie Riemen um und durch die Orgien einer nervösen, rasenden Imagination, und sie binden sie, verhindern ihren formlosen Aus. Und Zusammenbrauch: Entfesselt und präzise, so verspielt wie unerbittlich, lose und herrisch, überladen und herb, brechend vor Kitsch und doch in der Balance eines ausgebildeten, mitunter dekadenten Geschmacks stehen die Gebäude wie architektonische Waben einer zur Monade mumifizierten Vollendung. Den Kirchen Notos kommt in Europa keine ihrer Ära gleich. Bogen, Fassade, Brüstung, Kuppel, Karyatide und Treppe gewordenes Zeitalter. In dem Menschen wie fremde Gäste wohnen.“

    Schließlich sind in diesem Buch Sätze zu finden, die mir persönlich Bücher sehr schmackhaft machen können und die man in den Bereich Lebensweisheit einsortieren muss, Erkenntnisse wie diese: “Das Leben eben nicht zu denunzieren mit dem Satz, alles sei eitel.“

    Wie Alice, eine der Kommentatorinnen meiner Seite, sagte als sie sich mit folgenden Worten verabschiedete, was als Aufforderung an die Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu verstehen ist: „Lasst Euch verzaubern und gebt es weiter.“

    Verzaubert hat Alban Nikolai Herbst. Ich gebe es bloß weiter.

    Alban Nikolai Herbst
    Eine sizilische Reise
    Deutscher Taschenbuch Verlag
    ISBN 3-423-12980-8




    Kommentare

    Pingback von Beziehung mit einer Frau » Blog Archive » Dating dem geschiedenen Mann: Durch Sortieren des Gepäcks zu entscheiden, ob er das Richtige für Sie
    Datum/Uhrzeit 28. Juni 2010 um 06:09

    [...] Aleatorik » „Orgien einer nervösen, rasenden Imagination“ [...]

    Kommentar von phyllis
    Datum/Uhrzeit 30. Juni 2010 um 22:25

    Liebe Alea,

    ich finde Ihre Besprechung der Sizilianischen Reise äußerst bemerkenswert. Was haben Sie für einen Schwung! Egal, über was Sie schreiben, immer ist es ein Akt der stilistischen Aneignung – und so schaffen Sie es auch dieses Mal, mir ein Buch so schmackhaft zu machen, dass ich hinrennen und es kaufen will.
    Dabei behalten Sie das eigene Profil immer schön im Blick, ziehen anh mitsamt seiner Reise ganz in Ihre eigene Sprachtemperatur, in Ihren weiblichen Gestus und dieses latent Kokette hinein. Es macht einen Heidenspaß, das zu lesen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 30. Juni 2010 um 22:57

    Liebe Phyllis

    Den Tag wollte ich gerade für beendet erklären, da kommt noch Ihr Kommentar herein über den ich mich wirklich sehr gefreut habe. Schön, dass Sie vom Schwung schreiben, den ich dieses Mal nur schwer finden konnte. Ich habe einfach nicht den richtigen Einstieg gefunden. Aber das findet sich dann meist doch, ich bin da recht hartnäckig, inzwischen. Das ist eine sehr gute Beobachtung, dass ich meist versuche, mir die Dinge auf eine bestimmte Weise, auf eine persönliche, vielleicht auch stilistisch persönliche Weise anzueignen. Zumindest ist es eine Beobachtung / Beschreibung, die mir gefällt. Und dass Sie vom latent koketten sprechen, hat mir auch sehr gefallen. Ich glaube, das Kokette im Tonfall gefällt mir sehr gut. Ich hoffe, die Überlegung, ob ich nur auf dem Papier kokett bin und in Wirklichkeit nicht, ich hoffe, das raubt mir heute Nacht nicht den Schlaf. Ich lasse ihn mir nicht rauben.

    Das ist ein sehr sinnliches Buch und ANH ist ein wirklich guter Erzähler, der hat ein feines Gespür für Texte, für Gewichtungen und Tempi, für den Aufbau einer Geschichte, für ihre Wendungen und Volten. Es hat Spaß gemacht, das zu lesen und wenn mein Artikel dazu anregen kann, dann ist das gut. Dann freue ich mich.

    Gute Nacht
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 2. Juli 2010 um 12:26

    Der Wolpertinger in Sizilien

    Liebe Alea Torik!

    Das ist schön, wie Sie hier den Herbst-Text beschrieben haben. Phantastisch. Und er ein Phantast. Und überdies sind Sie schön verständlich, man hört Ihre glänzende akademische Ausbildung, u.a. auch deswegen mag ich Ihre Stimme im Chor.

    Das lispelnd Lied, welches Sie singen, erinnert mich an viele schwankende Gestalten im Gegenlicht. Den Alban Nikolai Herbst in dieser Reihe zu wissen, würde mich so neugierig machen, dies Buch zu lesen. Beim Inhalt (nicht die Geschichte, aber die „Register, die der Autor zieht“, die Mythen und die Wirklichkeit, Kriminal – und Reisegeschichte, die Vermischung von Realität und Fiktion, die vielen Stile und Anspielungen, das Verrückte, das Schöne und schön Geschriebene) erinnert mich allerdings vieles an den Wolpertinger.

    Doch deuten Sie dessen Autor als einen Phantasten und die Phantasie als notwendiges Mittel zur Erschaffung neuer Welten, weil die alte einem Angst macht:

    „Die Register, die der Autor des Buches hier zieht – Schauergeschichte, Märchen. Mythologie, Kultus und Ritus – dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Phantast ist. Einer, der sich nicht damit zufrieden gibt, dass die Welt ist, wie sie ist. Denn genau so ist sie ja gerade nicht… Bei der erneuten Veränderung der Welt bedarf es der Phantasie. Es bedarf immer der Phantasie, wenn es darum geht, der Angst Paroli zu bieten.“

    Das habe ich so noch nicht gesehen bisher. Es gefällt mir. Ich finde es jdf. interessant. Und ich werde versuchen, mir so ähnlich den Wolpertinger zu deuten.

    Was ich vermisse: Kritisches. Negatives.

    Aber das steht da ja vielleicht absichtlich nicht, denn Sie sind eine kluge Frau. Natürlich sind Männer klüger als Frauen – und die Welt ist eine Scheibe.

    Wenn also nicht über Mängel, dann würde ich mir weitere Ausführungen über die Güteerklärungen wünschen mögen: Wie äußert sich das „feine Gespür für Texte“ bei ANH? Wie nimmt er Gewichtungen vor? Was ist das Besondere an ANHs Wendungen im Textaufbau, wie unterscheidet ihn das von anderen?

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 4. Juli 2010 um 12:35

    Liebe Aléa,

    ich habe Ihren Kommentar in “Die Dschungel” zum Streit zwischen ANH und mir gelesen. Ich finde es ehrenwert und sehr nett, wie Sie zu vermitteln versuchen. Doch bin ich mit ANH in einem einig: Ich glaube, dass dieses “Zerwürfnis” auch seinen Sinn hat. Es offenbart – vielleicht – eine Grenzlinie, die immer schon da war, aber verdeckt blieb (oder deren Berührung – von mir – vermieden wurde).

    Es ist so: Anders als ANH meint, wenn er von Contenance und bürgerlichen Höflichkeitsformen spricht, die er nicht wahren wolle, bewege ich mich nicht in einem Umfeld, wo diese gewöhnlich beachtet werden. Ich habe beruflich in einem Milieu zu tun, in dem Sprüche über Frauen wie: “Die muss nur mal ordentlich durchgef**** werden, dann gibt sich das.” an der Tagesordnung sind. So zu reden gilt als kernig und Frauen, die sich dagegen wehren und andere Frauen in Schutz nehmen sind eben “zickig”. Ich musste mich entscheiden: Klappe halten und “Kumpel” sein oder Position beziehen und sich anders Respekt – als Frau und für Frauen – erwerben. Ich glaube, ich kann sagen, dass ich respektiert werde. Und die Klappe halte ich nicht.

    Natürlich – ANH hat d a s nicht geschrieben. Aber ich habe es als denselben (männlichen) Gestus empfunden. Und das schmerzte mich, gerade weil ich ihn – als Autor – achte. Deshalb sehe ich mich auch nicht genötigt idiotische “Troll”-Kommentare zu kommentieren. Denn die Trolle achte ich ja nicht.

    Das Wort “niveaulos”, das hat ihn gekränkt. Und ich glaube, wenn ich ehrlich bin, ich wollte auch kränken. (Was schändlich ist und unfair, gebe ich zu.) Aber abscheulich finde ich den Kommentar nun mal. Ich habe auch nicht geschrieben: ANH i s t niveaulos. Weder “ist”, noch auf ihn als Person bezogen. Es ist m e i n e Meinung über diesen Kommentar.

    Die Grenzlinie, die ich oben meinte, ist folgende: Als Literatur könnte ich den Kommentartext ohne Weiteres gelten lassen. Als Aussage eines Mannes nicht. ANH will hier keine scharfe Unterscheidung: “das Leben als Roman”. Das ist ein ästhetisches Konzept. Und wahr ist: Ich komme damit – in solchen Fällen – nicht klar. Der Grund dafür ist, denke ich, dass ich eben kein “Künstlerleben” führe und auch nicht führen will.

    Liebe Aléa,
    ich möchte Ihren Blog eigentlich nicht missbrauchen, um diese Diskussion, die hier gar nicht her gehört, zu führen. Doch wollte ich Ihnen unbedingt antworten.

    Aber jetzt Schluss damit:

    Das Sizilien-Buch, das Sie hier so zum Verschlingen verschlungen darstellen, werde ich mir für die anstehende Urlaubsreise ausleihen (eine Freundin hat´s schon gelesen).

    Liebe Grüße
    M.B.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. Juli 2010 um 20:54

    Lieber NO,

    Ihre Melange von Kritik und Ermunterung gefällt mir sehr. Sie zwingen mich oft, Position zu beziehen.

    Ich wollte Ihnen gerne ein bisschen etwas über meinen heutigen Tag erzählen, aber dann hat sich das zu einem eigenständigen Beitrag ausgeformt; dies sollte eigentlich für Sie sein: http://www.aleatorik.eu/2010/07/04/es-gibt-da-nicht-alles-aber-es-gibt-da-nichts-was-es-nicht-gibt/

    Ich habe lauthals und sehr herzlich über Ihre Äußerung gelacht, Männer seien klüger als Frauen. Natürlich sind sie das! Frauen sind ja auch schöner. Da mussten die Männer irgendetwas finden und es blieb vermutlich nicht mehr viel übrig, außer der Klugheit, die sich allerdings beinahe jedem an den Hals wirft, der sie haben will. Vielleicht war die Klugheit doch keine so gute Wahl. Aber entschuldigend sei hinterhergeworfen: die Wahl der Klugheit hat ja vor der der Klugheit stattgefunden.

    Sie vermissen Kritisches und Negatives an meiner Auseinandersetzung mit dem Buch. Ich habe nichts gefunden, was mir negativ aufgefallen ist. Ich habe allerdings auch nicht danach gesucht. Man könnte beispielsweise diese Weihwasserpistole nennen, mit der man angeblich Werwölfe zur Strecke bringt: das geht sehr in Richtung Kitsch oder sogar Klamauk. Das stört an dieser Stelle aber nicht, weil hier Mythos und Erzählung miteinander korrespondieren: die Schichten des Mythos – die Einflüsse der Griechen, Araber und Afrikaner, die alle ihre eigenen Mythen mitbringen – auf der einen Seite und die Erzählung mit ihren verschiedenen Stilschichten auf der anderen Seite: das harmoniert ganz gut miteinander.

    Wenn Sie aber unbedingt Kritik hören wollen: da wird zu viel geraucht und zu viel getrunken. Herr Herbst verdirbt die Jugend! Da aber erstens nicht zu befürchten steht, dass die Jugend dieses Buch lesen wird, da zweitens die Jugend sowieso verdorben ist, seit Aristoteles, der dies schon beklagte, und drittens Verderbnis im Allgemeinen vielleicht gar nicht so schädlich ist – wie die Klugheit nicht so hilfreich -, vielleicht ist es sogar gerade umgekehrt und die Klugheit schadet und das Verderben hilft, aus all diesen Gründen belasse ich es einfach dabei.

    Sie würden gerne, so schrieben Sie, weitere Ausführungen zu dem Herbst Text bekommen und wollen wissen, was genau die Güte dieses Textes, dieses Autors ausmacht, im Vergleich mit anderen. Der Vergleich ist ein schönes Stilmittel, aber ich wüsste gar nicht, wie ich das anstellen sollte. Ich müsste dann ja einen Vergleichstext haben. Der ließe sich bei dem Wolpertinger, den ich ja noch nicht kenne und den ich lediglich durch Ihren Briefwechsel mit ANH einschätzen könnte, vielleicht finden, sagen wir entweder in Uwe Johnsons „Jahrestage“ oder Peter Weiss, „Ästhetik des Widerstands“, zwei ziemlich gewichtige Bücher, wie ich finde. Das wäre dann auch eine interessante Arbeit für einen Literaturwissenschaftler, aber ich bin nicht sicher, ob sich hier das Lesepublikum dafür einfände. Doch, ich bin sicher, dass dies hier der falsche Ort für ein solches Unternehmen ist.

    Was das Gespür für Text betrifft: auch da kann ich mich nur vage äußern, sehr vage, nein, ich kann mich nur herausreden: ich müsste jetzt sicherlich das Besteck der Literaturwissenschaft auspacken und über Erzähltheorien berichten: das wäre sehr, sehr viel Arbeit. Ich rede mich heraus mit einem Gespür für das, was gut gebaut ist. Ein Gespür, das man bekommt, wenn man viel liest. Das ist eigentlich eine ziemlich armselige Antwort, gefällt mir auch gar nicht, vielleicht fällt mir einmal ein gutes Beispiel ein, irgendwann, und dann bekommen Sie eine gescheitere Antwort.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. Juli 2010 um 21:24

    Liebe Melusine,

    ich dachte mir schon, dass Sie meinen Vermittlungsversuch mitbekommen würden. Sie missbrauchen in keiner Weise dieses Blog, wenn Sie sich hier zu der Sache äußern.

    Ich kann, wie ich auch ANH schrieb, verstehen, dass Sie bei so einer Antwort (an Betty B. und dann an auch an Sie) verletzt reagieren, noch mehr, wo Sie nun schreiben, dass Sie mit Männern beruflich Kontakt haben, die genauso reden wie ANH in seiner Replik auf Betty B. Ich kann ANH verstehen, wenn er so einen Kommentar abgibt, indem er diese Frau so instrumentalisiert, wie sie ihn. Ich kann es nicht verstehen, dass er weiterhin alle diese Trolle zulässt, dass er sie auch dann noch zulässt, wenn das zu Zerwürfnissen mit jenen führt, die seiner Seite zugute kommen – und der Briefwechsel zwischen ANH und Ihnen gehört zu den sehr schönen Dialogen dieser Seite, seiner Seite – aber da lässt er sich nicht hineinreden. Und ich will es auch eigentlich gar nicht. Aber ich fände es sehr schade, wenn Sie da jetzt fort blieben.

    Das Netz hat seine Grenzen und im Netz sind viele Dinge nicht zu klären: gehen Sie mit ANH Kaffeetrinken und klären Sie das vor Ort. Ich sag‘s Ihnen gleich, der Herr Herbst ist ausgesprochen charmant.

    Auch ich empfinde eine Differenz zwischen dem Schriftsteller, auf den ich nach dem ersten Buch sehr neugierig bin, und demjenigen, der sich da auf seiner Seite mit diesen Leuten herumschlägt. Und es werden, das ist mein Eindruck, ja auch immer mehr.

    Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub, ich würde mich freuen, wenn Sie mir berichten, wie Ihnen das Buch gefallen hat, ob es in etwa meinem eigenen Eindruck entspricht. Und ANH wird’s sicherlich auch freuen.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 4. Juli 2010 um 23:11

    Liebe Aléa,

    das werde ich – Ihnen meine Leseeindrücke schildern. Ich bin auch gespannt: Es wird ein Kontrast, denn ich reise gen Norden. Du liebe Güte: Ich fürchte mich schon davor, wie schwer der Koffer wieder wird, weil ich so viele Bücher mitnehmen will.

    - Ihren Text heute über den Markt und alles, was es (nicht und doch) gibt, finde ich sehr schön. Schade, ich merke gerade, dass ich nicht hin scrollen kann, weil ich jetzt hier auf der Seite zur “Sizilischen Reise” bin. Was Sie beschreiben, diese Mischung, das Nebeneinander von Tönen und Gerüchen und Lebensweisen, ohne eine Kakophonie zu erzeugen, sondern stattdessen so Schwingungen, Übertragungen – das habe ich in Berlin immer geliebt. Dass die Stadt nicht so reich und so geordnet ist, wie andere in Deutschland (obwohl ich mich auch vor einer romantischen Verklärung der Armut hüten will).

    Noch eine Kleinigkeit, die mir viel Freude macht: Sie haben “Harre” geschrieben. Wahrscheinlich ist es ein Tippfehler. Aber für mich ist es wie ein Gruß: Das rollende “R”, die Betonung auf der 2. Silbe – die andere Sprachmelodie. Ich schreibe gerade an einer Geschichte, in der das (tschechische) k.u.k.-Idiom eine Rolle spielt. Und ich höre daher dieses “Harre” gerade so, wie es der Vater gesprochen hätte, von dem ich dort schreiben will.

    Die Welt ist klein – und groß: Es gibt nicht alles, aber es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch Tippfehler, die Freude machen!

    Liebe Grüße
    Melusine

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. Juli 2010 um 23:47

    Liene Melusine,
    noch schnell, bevor ich ins Bett gehe. Ja, Harre, das war ein Tippfehler, manchmal wenn ich schnell tippe, passiert das und ich bin eine miserabel Korrekturleserin. Aber nur bei mir selbst. Tatsächlich ist es so, dass mir manchmal eine andere Sprachemelodie dazwischen kommt. Und da ist Harre dann in Ordnung. Das war ein schöner Nachmittag, ich mag dieses Durcheinander auf diesem Trödelmarkt. Das erinnert mich an Bukarest, da gab es auch so einen Markt. Da ist das Leben insgesamt ein viel größeres Durcheinander.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 6. Juli 2010 um 14:41

    Melusine Cresspahl

    Liebe Gesine MB!

    „Jakob war immer quer über die Gleise gegangen.“ So fing es an. Ist lange her. Sehr lange. Meine Freundin las es im Deutschleistungskurs. Ich war schon dort, was Ihr spezielle Frauenfreund ANH die Bundeswehrmacht nennt und las mit. War begeistert von der Sprache, von den Satz- und Geschichtenfetzen, die scheinbar völlig zusammenhangslos auftauchten. Eindrücke kann ich Ihnen nicht mehr schildern. Aber der der Eindruck, den es machte, der ging nie wieder `raus. Es gibt Dichter, die liest man ein Leben lang. Diesen vor allem wegen der Sprache.

    „Für wenn ich tot bin“. So ging es, Jahre später, weiter. Sein grandioser Briefwechsel mit Siegfried Unseld. Da war das Fieber wieder da. Genau richtig danach brachte Suhrkamp dann alle 4 Lieferungen der „Jahrestage“ in einem Band heraus. Die las ich dann, jene Freundin gab es längst nicht mehr. Und wieder war ich verzaubert. Ich erinnere eine Stelle mit einer „Sasse“, in die man sich hineinduckt. Wenn ich heute daran denke, sehe und höre ich allerdings den großartigen Matthias Habich. Und Suzanne von Borsody als „Dschisaini“.

    Johnsons Briefwechsel mit Hanna Ahrend las ich eigentlich mehr als Vorfreude auf Jerusalem, aber prompt bin ich dann auch auf „Eine Reise nach Klagenfurt“ gegangen, habe Teile der „Jahrestage“ nach- und weitere Briefe dazugelesen. Wie gesagt: Ein Leben lang.

    Ich komme eigentlich nur darauf und auf Ihre damalige Frage/Bitte, weil Alea Torik hier nun ausgerechnet die „Jahrestage“ ins Felde führt. Da dies aber so ist, noch ein Wort:

    Ein paar trollige Worte hier, ein paar Empfindlichkeiten dort, eine Überreaktion, eine gehauchte Entschuldigung von Mogli……………Mein Gott! Falls aber doch Drama und man Sie auf den Dschungelpfaden nun nicht mehr treffen kann, warte ich hier auf Ihre Eindrücke von der „Sizilienreise“.

    Beste Grüße

    Ihr NO

    Kommentar von ANH
    Datum/Uhrzeit 6. Juli 2010 um 19:00

    @Dr. No:
    In mich, ganz genau so, hat sich dieser Satz eingestanzt. Bis heute.

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 6. Juli 2010 um 22:49

    Lieber No!

    Wie Sie Ihre Begegnung mit Johnson schildern, dass ist so dicht dran an meiner eigenen.

    “Für wenn ich tot bin…” – ich kannte einen, der sagte grade das zu einem Kind (das ich war). Und sagte es, bevor ich den Satz bei Johnson las. Da war der andere schon lange tot. Und ich las es und noch viel mehr und wusste immer: so ist´s. Auch Fontane hat er mich lesen gelernt, wie der Junglehrer die Schüler in Mecklenburg “Schach von Wuthenow”.

    Ich möchte Ihnen gerne noch einmal mehr darüber schreiben. Die “Jahrestage” lese ich i m m e r. Die stehen nur armweit weg neben meinem Bett – (Da gibt es ein Regal mit den liebsten Büchern.)

    Ich traf ihn später einmal (ich arbeitete zu der Zeit aushilfsweise in einer Buchhandlung) anlässlich einer Lesung. Ein imposanter Mann, so wuchtig und irgendwie auch scheu, aber gefährlich, vor allem sich selbst. Der Verlag hatte angedeutet, wir sollten darauf achten, dass er nicht so früh und zu viel trinke. Aber wie konnte man so einen Mann hindern, sich selbst zu vernichten? Auf so einem Weg war er – das sah man. Und strahlte doch mehr Kraft aus als die meisten je. Seine tiefe Stimme vergesse ich nie.

    Liebe Grüße, auch an Sie, liebe Aléa (Ich lese mich weiter durch Ihre Texte…)

    MB

    Kommentar von MelusineB
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 00:11

    Es muss heißen “lesen gelehrt”. Entschuldigung, liebe Aléa. Aber so ist es einfach Quatsch!

    Herzlichen Gruß
    MB

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 16:58

    Liebe Melusine, lieber ANH, lieber NO,
    (die Ordnung in der Anrede ist zuerst nach Geschlechtern, dann alphabetisch sortiert und gibt in keiner Weise eine andere als eben diese Ordnung preis)

    das finde ich schön, dass Sie, lieber NO, sich hier, in altbekannter Weise, die Namen der Beteiligten literarisierend an Melusine wenden.

    Und, ja, ich fand auch, dass Mogli (sehr schöner Spitzname für ANH) eine Entschuldigung dahin gehaucht hat. Aber gemessen an den Stürmen, die er sonst ja gerne erzeugt, war‘s nur ein vorsichtiges Hauchen, dass es auch ja kaum einer bemerkt. Ich bin eigentlich auch dafür, deswegen hatte ich mich in die Auseinandersetzung eingemischt, dass man kein Porzellan zerschlägt. Man wächst ja auch ein Stückchen zusammen. Ich würde wohl das eine oder andere dieser Ungeheuer in Die Dschungel einfach erschlagen. Und fertig.

    Eigentlich sollte die Seite so funktionieren, dass alle von mir zugelassenen Kommentatoren kommentieren können, ohne dass ich das freischalten muss, ich will ja gerade diese Kommunikation untereinander, aber es funktioniert nicht. Ich interessiere mich sehr für Sprachen, aber nicht für HTML, ich muss da wohl mal etwas Geld investieren, aber erst fahre ich nach Rumänien, dann bekommt die Seite technische Verbesserungen. Der Urlaub ist wohl erst im September und die Verbesserungen dann erst im darauffolgenden Monat. Ich weiß noch gar nicht, wie ich das dann mit dem Blog mache, das muss dann ein anderer befüllen. Lieber NO, dann sind Sie dran, die beiden anderen haben schon ihre Blogs: sehen Sie zu, dass Sie hier diskussionswürdige Texte fabrizieren, wenn ich im Urlaub bin. Ich werde jeden Tag nach Hermannstadt ins Internetcafé fahren und Ihnen auf die Finger schauen.

    Herzlich
    PenthesiAléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juli 2010 um 17:02

    Liebe Melusine,
    es wird hier im kommenden Herbst eine Verbesserung der technischen Vorraussetzungen geben. Dann können die, die sich haben registrieren lassen, auch in Ihren Kommentaren schreiben.
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 13. Juli 2010 um 13:36

    Frauen, Klugheit, Erde, Scheibe, Sizilien

    Liebe Alea Torik!

    Dass hatte ich mir schon gedacht, dass Sie an den klügeren Männern Ihre Freude haben würden. Dazu vielleicht noch dies:

    Vor vielen Jahren, wir waren beide jung, hatte eine (hübsche und geschätzte) Kollegin einmal im Gespräch ihre Karrierechancen erwogen und gemeint, damit eine Frau für gleichwertig eingeschätzt wird, muss sie mindestens doppelt so gut sein wie die Männer – zum Glück sei das nicht so schwer.

    Ansonsten ist es schade, dass Sie sich über die (schriftstellerischen) Qualitäten der Sizilianischen Reise nur vage äußern, aber ich akzeptiere natürlich, wenn Sie sagen, dass arte in ein andere nicht interessierendes Seminar aus. Falls Sie sich aber hinreißen lassen könnten (ich weiß, das ist wohlmöglich nicht Ihre starke Seite), einfach einige Gedanken und Überlegungen aus der Hüfte zu schießen, dann bitte, ansonsten warte ich auf die Eindrücke von der nordwärts strebenden Melusine.

    Ach ja: Sie schreiben wirklich schöne Texte, indeed. Markt, Hölderlin, Rumänien – Ich mochte alles.

    Beste Grüße

    Ihr NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. Juli 2010 um 20:27

    Lieber Alban,

    zwei Nos? Du musst dringend aus der Sonne gehen. Die Serengeti oder Savanne, oder wo immer du da wieder bist, das ist nicht gut für dich. Das müssen Luftspiegelungen sein, Fata Morgana.

    Soweit ich mich an meine Lektüre als Kind erinnere, ich habe am Sonntag hier schon von Astrid Lindgren und „Pipi Langstrumpf“ berichtet, müsste ich jetzt Michael Ende und „Jim Knopf und die wilde 13“ anführen. Da gab es in der Wüste auch Luftspiegelungen und da gab es einen Herrn Tur Tur, ein Scheinriese (also eine echte Vaterfigur!), der, je näher er einem kam desto kleiner und je weiter er weg ging, desto größer wurde.

    Ich werde es auf deinem Blog beobachten, welcher NO sich da durchsetzt. Ich weiß allerdings noch nicht, ob ich zu dem Gewinner oder dem Verlierer halte. Zu dem echten oder der Spiegelung. Meines Wissens können gerade Illusionen eine ganz erstaunliche Dichte annehmen.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 14. Juli 2010 um 11:23

    Alban Nikolai Torik und die Fata Morgana

    Liebe Baghira,

    bitte verzeihen Sie, wenn ich hier auf Urwaldpfaden wandere, aber Mowgli (ich nehme das übrigens zum Anlass, bei Gelegenheit es auch einmal mit dem Kipling zu versuchen) wird zu Hause von Shir Khan und der Schlange in die Irre geführt. Und dass wir uns hier im „Freundesland“ (Ruth Brandt) sicher austauschen können, na das hat mich dann doch sehr amüsiert.

    Lieber ANH!

    Wie unsere gemeinsame (allerdings bei mir leider nur: virtuelle) Freundin AT weiß, habe ich relativ wenig Zeit. Sie können also sicher sein, dass ich (und ich bin der, der sich den Wolpertinger von Ihnen im Burger hat signieren lassen und der mit AT im DFW-Blog war) mich nicht unnötig lange in Blogs aufhalte und irgendwelche Kommentare einstelle. Aus denselben Gründen kommentiere ich auch grundsätzlich nicht, wenn mich jemand da anschreibt, und schon gar nicht, wenn jemand mit meinem Kürzel NO dort schreibt. Von mir stammen die eigentlichen Wolpertinger-Leseeindrücke, ein Celan-Gruß an Sie nach Paris und ein Kommentar an La Lune (weil deren Einlassung fundiert und für mich interessant und mit den Kinderspielereien Ihrer sog. „Trolle“ nicht zu vergleichen ist – deswegen hätte ich übrigens deren letzte Einlassung an Ihrer Stelle nicht gelöscht).

    Allerdings hätte ich gedacht, dass Sie an den Email-Adressen sehen können, von wem welcher Kommentar kommt. Falls Sie das nicht können, hielte ich das für einen (rechtlich gefährlichen) technischen Mangel in der Gestaltung Ihrer Website. Und natürlich hatte ich gehofft, Sie würden an Wortwahl, Stil und Diktion erkennen, dass ich es bin und kein Dritter……

    Also zur Klarstellung: Ich habe weder Ihre Ankündigung der zukünftigen Antworten auf meine Fragen (über die ich mich sehr freue!!) kommentiert („Einverstanden“), noch den bösen Kommentar dazu, noch die gespielte Empörung wiederum dazu.

    Beste Grüße

    Ihr NO