25 Juni 2010
Krankheit und Kafka
Im Folgenden in Zitat aus dem Buch „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño. Vielleicht werde ich noch ausführlicher über das Buch berichten.
„Canetti erzählt in seinem Buch über Kafka, dass der größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts an dem Tag, als er zum ersten Mal Blut spucken musste, begriff, dass die Würfel gefallen waren, worauf ihn nichts mehr vom Schreiben habe abhalten können. Was will ich damit sagen, wenn ich sage, dass ihn nichts vom Schreiben abhalten konnte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht so genau. Ich nehme an, ich will sagen, dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgendetwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon war.
Mir gefällt, dass Bolaño Reisen Sexualität und Bücher hier in einem Atemzug nennt. Drei Wege, die nirgendwohin führen. Die kein Ziel haben als sich selbst. Auch ich empfinde diese drei als die großen Abenteuer. Die, die nicht um der Erholung willen, um der Unterhaltung oder um des Triebes willen begonnen werden, sondern nur um ihrer selbst willen. Wege, die nirgendwohin führen. Wege, könnte man noch hinzufügen, bei denen man zu Tode kommen kann. Man kann untergehen, vermisst werden, man kann wiederkommen, neu beginnen. Das Neue nennt Bolaño „das, was immer schon war“. Eine kreisförmige Auffassung von Erkenntnis, wenn das Alte das Neue sein soll. Das muss keine pessimistische Auffassung sein. Es ist eine altbekannte Frage, wie das Neue in die Welt kommt. Wie man das Neue erkennt, wie man das neuartige am Neuen erkennt. Beantworten muss sie jeder für sich. Nur eins sollte man mit allen dreien nicht tun: sie zu den Akten legen.
Roberto Bolaño „Der unerträgliche Gaucho“
Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek
16.90 EUR
Kunstmann Verlag
ISBN 3-88897-446-1
Geschrieben: Juni 25th, 2010 unter Hier wird gemangelt, mittel













Kommentar von Der Buecherblogger
Datum/Uhrzeit 25. Juni 2010 um 10:36
Liebe Aléa Torik,
lässt der Bolaño Sie auch nicht mehr los? Überrascht bin ich heute morgen, weil ich dachte sie würden “Die sizilische Reise” von ANH vorstellen. Der von Ihnen zitierte Abschnitt (S. 168) ist Ihnen vermutlich auch wegen des Bildes der gefallenen Würfel aufgefallen. Ich hoffe sehr, dass Sie sich auch noch anderen Abschnitten oder Erzählungen dieses Buches widmen werden. Sicher werden wir es auch noch auf wilde-leser.de gemeinsam lesen und auf Beiträge von Ihnen wäre ich sehr gespannt. Den Hinweis der zweiten Fußnote auf der von Ihnen zitierten Seite sollte man unbedingt beachten. Das “Neue” bezieht sich nämlich auf das Ende des berühmten Gedichtes “Le voyage” von Baudelaire, das ich kurz zitieren möchte:
“O Mort, vieux capitaine, il est temps! levons l´ancre!
Ce pays nous ennuie, ô Mort! Appareillons!
Ci le ciel et la mer sont noirs comme de l´encre,
Nos coeurs que tu connais sont remplis de rayons!
Verse-nous ton poison pour qu´il nous reconforte!
Nous voulons, tant ce feu nous brûle le cerveau,
Plonger au fond du gouffre, Enfer ou Ciel, qu´importe?
Au fond de l´Inconnu pour trover du nouveau!
In bezug auf das Reisen möchte ich Sie noch auf den lesenswerten Zeitartikel einer Rede Cees Nootebooms hinweisen:
http://www.zeit.de/1996/44/Im_Auge_des_Sturms
Reisen, Sexualität und Bücher waren sicher Hauptbestandteile im Leben Bolaños, für ihn führten sie aber nicht nirgendwohin, sondern zum Schreiben, das wünsche ich auch uns.
Aufdringlich möchte ich nicht sein, aber da ich das Buch auch schon empfohlen habe, hier auch mein kurzer Blogbeitrag:
http://buecherblog.spaces.live.com/blog/cns!F1F8D76F248E102E!487.entry