19 Juni 2010
„Wo seelenlos ein Feuerball sich dreht“
Seit einiger Zeit versuche ich, ein richtiges Wochenende zu machen das mindestens aus einem, idealerweise aus zwei Tagen besteht. Ich will nichts schreiben und ich will nichts für die Uni machen. Das klappt natürlich nicht immer. Es klappt nie. Aber ich halte an dem Plan fest.
Heute ist Samstag und meine Freundin Stella war zu Besuch. Stella ist inzwischen sieben Jahre alt. Wir sind, sagt Stella, Freundinnen. Ich empfinde das genauso. Der Altersunterschied ist uns beiden nicht so wichtig. Nach kurzen Anfangsschwierigkeiten, da ich ihren Besuch nicht erwartete und ich meinen Tagesablauf umbauen musste, saßen wir auf den Boden und spielten Memory.
Das Spiel besteht aus vielleicht sechzig Karten, die mit Tiermotiven bedruckt sind, jeweils zwei Karten mit demselben Motiv, die Pärchen genannt werden. Die Karten werden auf den Boden gelegt, mit dem Rücken nach oben, das bei allen dasselbe Muster zeigt. Die Aufgabe der Spieler besteht darin, Pärchen zu finden. Man darf zwei Karten umdrehen, sich anschauen und dann muss man sie wieder mit dem Rücken nach oben auf den Boden legen. Beide Spieler sind abwechselnd dran. Es gilt also das Gedächtnis zu trainieren und zu behalten, welche Motive an welchen Stellen auf dem Boden liegen: man sieht ja nur die vielen Karten mit demselben Rückenmuster. Wenn man zwei Karten mit demselben Motiv hat, darf man sie wegnehmen. Wer am Ende die meisten Pärchen hat, der hat gewonnen. Das ist im Leben so: es gewinnt immer der, der am meisten hat.
Stella war sehr versessen aufs Gewinnen, ich gar nicht, mir war‘s egal. Ich war an diesem Morgen ein wenig in Gedanken. Ich hatte zuvor mit meiner Mutter telefoniert, die Großmutter ist gefallen und ins Krankenhaus gekommen. Meine Mutter wollte von mir wissen, ob ich im Sommer komme und wann ich komme. Das ist alles nicht schlimm, die Oma ist schon wieder entlassen worden und meine Mutter wollte von mir einen Termin wissen: das sind keine unüberwindlichen Hürden. Ich war, aus welchen Gründen weiß ich gar nicht, am Telefon etwas ruppig. Oder nicht anteilnehmend genug. Ich hatte das seltsame Gefühl, meine Mutter sei gegen mich und nicht für mich. Auch dabei weiß ich nicht so genau, woher das kam. Da spielen sicher Dinge eine Rolle, die lange her sind und die es in jeder Familie gibt. Das alles hat mich beschäftigt, als Stella aufkreuzte, unbeschwert und gutgelaunt, und gewinnen wollte: gegen mich und nicht mit mir zusammen.
Es kam zu einer Situation, wo Stella ein Pärchen aufnehmen konnte. Aber etwas stimmte nicht, ich war unkonzentriert und schaute nicht genau hin. Stella nahm die beiden Karten, schaute mich aber zweifelnd an, lachte lauthals, und sagte dann: „Lea, das war doch gelogen.“ Sie hatte das Pärchen gar nicht gebildet, sie hat meine Unkonzentriertheit bemerkt und mich übers Ohr gehauen! Aber mit welcher Selbstverständlichkeit das Kind annahm, dass ich die Lüge durchschaue. Weil sie selbst ja wusste, dass sie log, nahm sie an, dass ich es auch wissen musste. Sie unterschied gar nicht zwischen Wahrheit und Lüge, das waren einfach nur zwei Optionen und Stella hat die für sie günstigere gewählt.
Das erinnert mich an Aristoteles, glaube ich. Ich kann das im Moment nicht nachschauen. Da wird ein Ruder beschrieben, das ins Wasser gehalten wird. Bis zu der Wasseroberfläche sieht das Ruder gerade aus, dort bricht es sich und dann sieht das Ruder gebogen aus. Aristoteles sagt nicht, dass das eine die richtige, das andere hingegen die falsche Wahrnehmung ist. Er spricht nicht von Täuschung und da wird auch nicht eines zugunsten des anderen geopfert. Aristoteles sagt vielmehr, dass zur Wahrnehmung des Ruders sowohl das Gebogene als auch das Gerade gehört. Das sind zwei Aspekte einer Sache. Wahrheit und Lüge sind einfach nur zwei mögliche Dimensionen von Wirklichkeit.
Die moderne Physik ist da anderer Meinung, sie hat die Lichtbrechung entdeckt. Oder dreister weise erfunden und erlogen. Die Welt ist dadurch vielleicht klarer geworden, weil die Dimensionen Wahrheit und Lüge / Schein deutlicher voneinander geschieden werden können. Aber sie ist auch ärmer geworden, eine Welt, wo seelenlos ein Feuerball sich dreht.
Wahrheit und Lüge sind keine entgegengesetzten Dimensionen, die überschneiden sich in ganz wesentlichen Punkten. Diese Feststellung ist ein sehr guter Einstieg in den kommenden Beitrag, Mitte der Woche hoffe ich: Alban Nikolai Herbst „Eine sizilische Reise“. Dieser Mann lügt, dass sich die Ruder biegen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juni 19th, 2010 unter Allzupersönliches, lang












Kommentar von MelusineBarby
Datum/Uhrzeit 21. Juni 2010 um 23:13
Liebe Aléa,
die Überschrift zu diesem Beitrag hat mich sofort magisch angezogen. Nicht gleich habe ich die Metapher für unsere Erde erkannt, sondern es flogen durch meinen Kopf: Spielbälle, Feuerzauber, Jongleure und traurige Clowns. Flitterflatter Zirkuswelt – und wenn der Vorhang fällt: Tristesse. Als ich dann den Link verfolgte, auf Schiller stieß und den weiter gefassten Sinn des Bildes endlich begriff, wurde mir durch ein zweites Nachdenken klar: Meine Assoziation traf. Denn es war ja auch Schiller, der schrieb: “Der Mensch ist nur Mensch, wenn er spielt.” Wenn das Spiel aussetzt, fängt die Leere an. Was nicht mehr s c h e i n e n darf, wird Lumpensack.
Auch Sie knüpfen ihre Überlegungen an ein Spiel. (Und vielleicht, aber hier projeziere ich jetzt wohl, liegt da auch die Verknüpfung zum Gespräch mit der Mutter: Denn – sind es nicht immer die Mütter, die uns vom Spiel weg rufen? Und nehmen wir ihnen das nicht ein Leben lang – ein wenig – übel? Ich kann das aus doppelter Perspektive schreiben: als Tochter und Mutter).
Dass der Schein, den die kindliche Phantasie den Dingen verleiht, zur Täuschung erklärt wird: Es mag unvermeidlich sein und bleibt doch eine schmerzliche Ent-Täuschung, aus der auch Literatur entsteht. Ich lese gerade Janet Frame (und ich möchte ihr Werk jeder, jeder, jeder nahe bringen!!!). In einer kurzen Geschichte, die den Titel: “Miss Gibson and the lumber-room” trägt, beschreibt sie, wie ein Arbeiterkind, in dessen karger Behausung es keinen Platz für die Aufbewahrung von Erinnerungstücken gibt, die Hausaufgabe, einen Aufsatz über eben solche Funde zu schreiben, löst: Sie beschreibt einen Hundertzimmerpalast, dessen Räume mit werthaltigen Schätzen der Vergangenheit gefüllt sind: “I mused their all afternoon and the tears very properly came to my eyes.” In Miss Gibsons Augen ist die kleine Autorin eine schlimme Lügnerin. Sie erhält eine vernichtende Bewertung. “I was an awful liar all right.”, schreibt sie zurückschauend. Miss Gibson aber wird sich nicht mehr erinnern an diese Arbeit und ihr Urteil, das bleibt: “Fourteen out of twenty highly improbable watch your writing.” Wem gilt das? Miss Gibson, die Erinnerungen verlangte, aber Phantasien bestrafte?
Janet Frame, die erwachsene Schriftstellerin, wird keine Erinnerungen be- und erschreiben, die am toten Gegenstand haften. “It was the present that mattered, and Miss Gibson, if you really want to know, we didn´t even have a lumber-room.” Nur eine Erinnerung, die gegenwärtig ist, die s c h e i n t, verdient es, geschrieben zu werden. Und deshalb spielt es keine Rolle, was “wirklich” geschehen ist.
Die Treue einer Autorin (wie Ihrer kleinen Mit-Spielerin) gilt nicht dem Regelwerk (der “realen” Welt), sondern den Spielteilnehmern und dem Spielspaß. Daher sind Variation und Tausch erlaubt, solange es zu keinem Ausschluss von Spielenden kommt. Für Autoren heißt dies, glaube ich: Man muss dem Lesenden eine Chance geben, hinter den Schein, wie durch einen Schleier, zu schauen (ganz so wie Ihre kleine Freundin Ihnen die Chance gab, die Täuschung zu durchschauen).
Liebe Grüße, liebe Aléa, ich lese z.Zt., wenn ich Zeit finde, ein wenig durch Ihre Texte – und bin beeindruckt.
Melusine