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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
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  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
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  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
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  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Juni, 2010

    27 Juni 2010

    „Orgien einer nervösen, rasenden Imagination“

    „Eine Sizilische Reise“

    Ein Hör-, Versteh- und Verwirrspiel von Alban Nikolai Herbst

    In Ermangelung eines Namens, nenne ich ihn den jungen Mann. Ein junger Mann also kommt im Sommer nach Sizilien um einen Bekannten, Arndt, zu treffen. Der erteilt ihm einen Auftrag, tischt ihm dazu allerdings eine merkwürdig mysteriöse Geschichte auf, mit allerlei Ingredienzien: Mysterienspiele, Venus- und Demeterkult, Inquisition, Vatikan, Camorra, Heroin, Mikrofilm und Mafia. Da ist von Phönizien die Rede, von Karthago und den punischen Kriegen. Er solle, so rät Arndt ihm, sich vor Zecken in Acht nehmen und Zeitung lesen. Wölfe gäbe es auf Sizilien, er werde verfolgt, brauche all seinen Mut, der allerdings nicht ausreiche, denn er brauche auch Glück noch. Das Ganze scheint eine wilde, abstruse Nummer, Mythos plus Wahnvorstellung. Arndt rät ihm, bevor er verschwindet: „Vertrauen Sie niemandem, – auch mir nicht.“

    So komplex die Voraussetzungen sind, so einfach scheint die Sache umsetzbar. Der junge Mann soll in einer Woche in Noto sein und den Stein, den Arndt ihm aushändigt und den er immer bei sich tragen müsse, einem Kontaktmann zeigen. Von dem bekomme er dann eine Aktentasche und mit Stein und Tasche solle er sich drei Tage später auf Mozia, einer kleinen Insel in einer Lagune vor Marsala, einfinden und die Dinge Arndt übergeben. Im Klartext: er soll eine Tasche abholen und weiterbefördern und dafür hat er zehn Tage Zeit. Er solle sich Sizilien anschauen, wie ein Tourist benehmen und baden gehen. Das ist ein recht überschaubarer Auftrag. Und einer, der deutlich nach Erholung klingt: „Das Wort „Urlaub“ fällt mir ein. Ich freue mich auf knapp zwei Wochen Ferien. Aber Ferien wovon?“

    Dieser junge Mann hat eine Besonderheit. Vielmehr hat er diese Besonderheit nicht: er besitzt keine individuelle Vergangenheit. Es wundert ihn manchmal, dass er, wenn ihn jemand fragt, woher er komme, keine Antwort geben kann. Er hat keinen Gedächtnisverlust, er ist nicht auf der Suche nach seiner Identität. Statt der individuellen hat er offenbar eine kollektive Vergangenheit: er kennt die Geschichte Siziliens in allen Einzelheiten, von der mythischen Vergangenheit bis in die Gegenwart, er kennt alle Orte, die er bereist, er kennt das Essen, er kennt die Weine und er weiß, wo man die beste Granita di Iimone Italiens bekommt. Seines Wissens zum ersten Mal auf der Insel, spricht er sogar ganz leidlich Italienisch. Sowohl das eine als auch das andere, das Fehlen des Individuellen als das Vorhandensein des Kollektiven, sorgen bei ihm nur für moderate Irritation. Das sind kurze Momente, Verwunderung ist beinahe schon zu viel gesagt, er nimmt‘s zur Kenntnis. Er scheint nur in eingeschränktem Maße zur Selbstreflektion fähig und wundert sich selbst dann nicht weiter, als die Leute sich später bekreuzigen, wenn sie ihn zu Gesicht bekommen.

    Man kann sich vorstellen, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugehen wird. Man kann es sich auch deswegen vorstellen, weil der junge Mann in der Zeit da er auf Arndt warten muss, bereits das erste seltsame Erlebnis hat. Er entschließt sich zu einem Besuch in den Cappuccini, der Kelleranlage eines Klosters. Dort spricht ihn Signor Antonino Prestigiacomo an, der ihm Sizilien zeigen will. Er spricht etwas undeutlich, was auch daran liegen mag, dass er schon seit mehr als 150 Jahren tot ist: in den Kellern dieses Klosters werden tausende mumifizierte Leichen ausgestellt und Prestigiacomo ist eine von ihnen. Allerdings blutet diese Leiche aus der Nase. Die Aufregung, entschuldigt Prestigiacomo sich, immer wenn er sich aufrege, blute die Nase.

    Am nächsten Morgen beginnt der junge Mann seine Reise, er fährt nach Enna. Warum gerade Enna, weiß er nicht zu sagen. Dieses Muster bleibt von nun an erhalten: er reist auf der Insel von Ort zu Ort und kennt den Grund dafür nicht. Er ist vom ersten Moment an ununterbrochen in Bewegung, mit Zügen und Bussen, er schläft wenig und sitzt nur beim Essen. Die Worte Erholung und Urlaub werden nicht wieder bemüht: der Mann wirkt geradezu gehetzt. Er reist von Palermo nach Segesta, wo er Arndt triff, nach Enna und von dort dann kreuz und quer über die Insel, von Enna nach Catania, auf den Ätna, nach Syrakus, nach Sortino, und von dort nach Noto, wo sein Kontaktmann nicht auftaucht, weiter nach Modica, Marsala, Agrigent, nach Mozia, angeblicher Schlusspunkt der Reise und von dort nach Erice. Wohl kaum ein touristisch interessanter Ort wird ausgelassen. Er weiß viel über die Sehenswürdigkeiten, über die Architektur und über die Geschichte der Insel, von ihrer mythischen Vergangenheit, ihren frühesten Anfängen, den Trojern, die nach dem Fall Trojas aus Kleinasien kommen und auf Sizilien siedeln, von den Besiedelungsversuchen der Griechen, der Römer, der Araber und er erzählt von dem Einfluss Nordafrikas bis in die Gegenwart hinein. Er weiß das alles, aber er weiß nicht, woher er es weiß.

    Auf Reisen, auch deswegen unternimmt man sie, lernt der Reisende Menschen kennen. Noch bevor er von Arndt seinen Auftrag bekommt, trifft der junge Mann auf Vesely, ein etwas skurriler Prager, der im August mit einem Anorak bekleidet, Sizilien bereist. Wer je unterwegs war, mit Bus und Bahn und Rucksack, der weiß: man trifft die Leute wieder. So ergeht es auch dem jungen Mann. Er trifft Vesely regelmäßig, ein harmloser älterer Herr. Er trifft Frau Jördsdóttir, die er schon einmal irgendwo gesehen hat. Er lernt die quengelnde Waltraut kennen, über die der junge Mann sagt, wenn auch in Zusammenhang mit Unterkünften und Preisen: „Ich kann mir guten Geschmack nicht mehr leisten.“ Er teilt in Catania ein Zimmer mit ihr, flieht aber in die Nacht hinaus und in den Alkohol. Dann sieht er eine junge Frau, ein Mädchen noch, Ciane, eine fabelhaft schöne Erscheinung, sie nimmt ihn in einen Garten mit, die Zeit spielt verrückt, sie will ihn verführen, aber nicht gleich vor Ort und dann ist sie plötzlich weg und er muss die Nacht im Bett neben Waltraud verbringen, vor der er am nächsten Morgen flüchtet. In Syrakus trifft er sie wieder: da liegt sie dann erneut in seinem Bett. Auch Ciane trifft er ein zweites Mal, in einem mythisch schönen Moment, außerhalb der Zeit, eine Nymphe in einem Zauberreich, in dem sie in einen Wasserfall zerfließt, auch das in Syrakus.

    Recht bald nach der Abreise aus Palermo fühlt der junge Mann sich beobachtet. Das hatte Arndt ihm prophezeit und wenn einem gesagt wird, dass man beobachtet werde, dann fühlt man sich auch so. Und es dauert nicht lange, dann wird man auch beobachtet: man beobachtet sich selbst. Er sieht einen Mann in seiner Nähe telefonieren. Der kreuzt nicht nur seinen Weg, er verfolgt ihn geradezu. Wohin er reist, da ist auch dieser Mann mit dem Telefon. In Enna findet er dann den abgeschlagenen Kopf dieses Telefonierers auf dem Beifahrersitz eines roten Alfas, den er auch nicht zum ersten Mal sieht. Später versucht ihn dieser Alfa zu überfahren. Er lernt in Syrakus einen Holländer kennen. Der wird kurz danach erschossen: von dem Telefonierer, der ja selbst schon tot ist. Den Holländer trifft er später noch einmal. Der wird, trotz der Warnung des jungen Mannes, erneut erschossen. Auch Waltraud wird erschossen. Auf ihn selbst wird ebenfalls geschossen. Der Tod scheint an jeder Ecke zu lauern. Als er mit dem Bus von Catania nach Noto fährt, sitzt Gevatter Tod sogar höchstpersönlich am Steuer. Und blind ist der auch noch.

    Beim Abendessen in Modica setzt sich Signor Prestigiacomo, die Leiche aus der Gruft in Palermo, an den Tisch des jungen Mannes. Den hatte er schon in Enna gesehen, wo er noch behauptete, jemand anderes zu sein. In Modica macht er das nicht mehr, hier steht er zu seiner Identität, wenn man bei einer Leiche von Identität reden kann. Er sucht das Gespräch mit dem Reisenden und macht dann eine unerwartete und überraschende Bemerkung: „Tot, lebendig, welch ein Unterschied soll das wohl sein?“ Der Unterschied schlechthin, sollte der junge Mann ihm antworten. Da aber springt der andere schon auf und rennt weg. Offenbar flieht er vor Vesely, der inzwischen beinahe der permanente Reisebegleiter geworden ist, und der, sehr zur Überraschung des jungen Mannes, plötzlich eine lederne Aktentasche mit sich herumträgt. Eine Aktentasche, wie ihm der Kontaktmann in Mozia übergeben soll. Langsam kommt der junge Mann zu der Überzeugung, dass Vesely derjenige sein muss, der ihm die Tasche übergeben wird. Was der allerdings weit von sich weist: Er habe eine allzu wilde Phantasie und solle vielleicht doch lieber nach Hause fahren, rät der ihm sogar. Vesely wird dann spätabends auf einem gemeinsamen Spaziergang zusammengeschlagen, der junge Mann wird durch Prestigiacomo vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt. Inzwischen fährt die Leiche aus Palermo den Alfa und schmeißt ihn, nachdem er ihm das Leben gerettet hat, auf offener Straße aus dem Auto.

    Möglicherweise gibt es für viele dieser Dinge eine natürliche Erklärung. Männer mögen schon mal hübsche Mädchen sehen, die nichts sehnlicher herbeiwünschen als sich im nächsten Park von ihnen deflorieren zu lassen; manchen Männern scheint es so zu ergehen, sie landen immer mir der Frau im Bett, die sie nicht begehren, und die, die sie begehren, gibt’s nur im Zauberreich; Menschen sehen einander bisweilen ähnlich; Nasenbluten ist keine medizinische Rarität, Alfa eine italienische Automarke, rot eine beliebte Farbe für Autos, Südländer wollen nahezu jeden überfahren; und Blindheit bei Busfahrern gehört ja geradezu zur Berufsausbildung.

    Der junge Mann hat ein klapperdürres erzählerisches Ich. Er macht eher selten, was Menschen üblicherweise häufig tun: reflektieren. Aber langsam kommt er doch auf die Idee, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugeht. Er versucht rationale Erklärungen für die Ereignisse zu finden: wieso liegt mitten in der Nacht diese Waltraud wieder in seinem Bett? In dem Moment, da er sich fragt, ob er sich nicht einiges bloß einbilde und seine Phantasie mit ihm durchgehe, macht er eine weitere Bekanntschaft. Es setzt sich erneut jemand an seinen Tisch. Der andere erzählt, dass er, der junge Mann, genau wie Arndt, in einer Art Schachspiel lediglich Figuren seien. Er selbst habe eine Gegenspielerin, Frau Jördsdóttir. Die nun erfinde die andern Figuren in dieser Geschichte, den Telefonierer, den Prager und den Holländer. Dass der gleich zweimal sterben musste, läge daran, dass der erste Holländer, der von Frau Jördsdóttir sei, der zweite hingegen sein eigener. Diese Gesprächspartner ist von Beruf Schriftstellers, sein Name, sagt er, sei Herbst. Der junge Mann, erklärt Herbst, habe keine Vergangenheit, weil es ihn vor der Abreise nach Sizilien gar nicht gegeben habe.

    Von da an werden die existentiellen Verhältnisse schwierig. Hat der junge Mann, auf der Suche nach Erklärungen für die Ereignisse, eine weitere Steigerung seiner seltsamen Wahrnehmungen und bildet er sich den Herrn Herbst, wie vielleicht viele andere zuvor, nur ein? Hat der Herr Herbst schlicht übersehen, dass man als Schriftsteller zwar Figuren erfinden kann, sehr realistische Figuren, dass man sich aber nicht zu ihnen an den Tisch setzen kann, weil man dann selbst zur Figur wird? Da werden logisch-existentielle Grenzen überschritten, die nicht ohne weiteres zu überschreiten sind. Mindestens einer der beiden, denkt man bei der Lektüre, hat da nicht alle Latten auf dem Zaun.

    Dann wird noch eine weitere Grenze überschritten. Der junge Mann hat ein kleines Problem physiologischer Provenienz. Von Anfang an macht ihm der Magen Ärger und er ist lärmempfindlich, beides nimmt im Laufe der Reise zu. Dazu kommt eine Hypersensibilität was bestimmte Gerüche angeht. Er wird gebissen, seine Augen verändern sich, er bekommt Regenbogenhäute, es wächst ihm ein Pelz an den Beinen und auf dem Rücken sträuben sich ihm die Nackenhaare, wenn er Hunde sieht. Menschen stinken. Als der junge Mann dann schließlich nach Mozia kommt, kriecht er auf allen vieren: er verwandelt sich in einen Wolf.

    Auf der Insel in der Lagune, kommt es dann zur Konfrontation von Vesely und Arndt, die sich gegenseitig bedrohen. Das hat keinen vernünftigen Sinn mehr: Vesely bekommt die Aktentasche, die er sowieso schon die ganze Zeit hatte. Er bedroht den jungen Mann / den jungen Wer-Wolf mit einer Weihwasserpistole! Arndt erschießt Vesely, jedenfalls, so drückt er sich aus, vorläufig. Denn auch Mozia ist nicht der Schlusspunkt der Reise. „Bringen Sie den Stein nach Erice“, fordert Arndt ihn auf.

    Was hat es mit dem Stein auf sich, hinter dem alle her sind, den aber keiner dauerhaft haben will? Selbst wenn ihn mal einer wegnimmt, bringt er ihn sofort wieder zurück. Das birgt sicher unzählige Konnotationen – vom Stein der Weisen bis zum Phallussymbol: „Ich hole ihn aus der Tasche, zeige ihn ihm – Stumm starrt der das Ding an“. Es handelt sich bei dem Stein wohl um einen verdichteten Phantasiepunkt. Der Stein als ein Symbol dafür, dass es weitergeht: die Reise, die Tradition. Die Suche nach einem Sinn. Das muss in Bewegung bleiben. Bewegung ist das Prinzip des Lebens.

    Mit Arndt und Vesely stehen sich zwei gegensätzliche Prinzipien gegenüber, die Antagonismen Mythos und Aufklärung, Ordnung und Unordnung. Oder einfach nur die beiden Gegenspieler Jördsdóttir und Herbst, Frau und Mann. Wie die beiden antagonistischen Auffassungen, die Erde sei eine Scheibe oder eine Kugel. Die Welt ist so, wie wir sie begreifen. Und nicht so, wie sie tatsächlich ist. So wie sie tatsächlich ist, ist sie nämlich nicht. Vor der Entdeckung ihrer Kugelform war die Welt eine Scheibe.

    Bewegung ist das Prinzip des Lebens: Wir haben heute noch keine Vorstellung davon, wie die Welt nach ihrer nächsten Veränderung aussehen wird. Wir wissen lediglich: sie wird sich verändern. Die Welt als rund zu beschreiben, damit man an ihrem Ende nicht herunterfallen kann, das war eine Zeitlang eine durchaus originelle Idee, inzwischen aber ist sie noch platter als die Welt je gewesen ist. Es wird Zeit für was Neues. Die Erscheinung der damaligen Welt hatte sicher auch etwas mit den damaligen Ängsten zu tun, die am Ende der Welt lauerten man befürchtete, am Rand der Scheibe herunterzufallen. Dann lauern die Ängste eher in der Mitte und die runde Welt begegnete den veränderten Bedingungen mit einer anderen Form. Wie immer die nächste Erscheinungsweise der Welt aussehen mag, sie wird, darf man vermuten, zwei Seiten haben, mit einer permeablen Membran, so dass man ungehindert von der Seite der Physik auf die der Phantasie hinüberkriechen kann.

    Die Register, die der Autor des Buches hier zieht – Schauergeschichte, Märchen. Mythologie, Kultus und Ritus – dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Phantast ist. Einer, der sich nicht damit zufrieden gibt, dass die Welt ist, wie sie ist. Denn genau so ist sie ja gerade nicht. Das ist der erste Schritt, den einer machen muss, wenn er erkennen will, dass die Welt eine erneute Veränderung braucht, dass sie ihre Erscheinungsform ändern muss! Bei der erneuten Veränderung der Welt bedarf es der Phantasie. Es bedarf immer der Phantasie, wenn es darum geht, der Angst Paroli zu bieten. Die Phantasie, die der junge Mann nach Aussage von Vesely im Übermaße hat.

    Trotz der angeblichen mythischen Zeitlosigkeit – „Befinde mich in vollkommener Gegenwart. Es gibt keine Vergangenheit. Wird keine Zukunft mehr geben. Strahlendes, duftendes, flirrendes jetzt.“ hat der junge Mann ein Problem mit der Zeit. Die Zeit mir Ciane vergeht nicht in physikalisch linearem Sinne, er befinde sich, meint er, in einer Art Zeitschleife. Das ist ein wichtiges Motiv: als Arndt ihm den Auftrag erteilt und er fragt, was in der Tasche des Kontaktmannes sei, antwortet der: „Uhren jedenfalls nicht.“ Und genau die sind dann doch drin. Frau Jördsdóttir wird umso älter, je näher sie dem jungen Mann kommt. Das ist als erzählerische Herausforderung nicht zu unterschätzen: Um eine Figur in einem fiktionalen Text realistisch darzustellen, braucht der Erzähler das Medium der Zeit, man braucht Vor- und Rückgriffe um die Gegenwart lebensfähig zu gestalten und um eine personale Identität der Figur herzustellen. Diese Beschränkung der Figur macht der Autor wett, indem er eine überaus sinnliche, manchmal sogar magische Sprache im Munde führt. Und das nicht nur, wenn sie sich um die Sexualität dreht, wie beim Corso in Enna:

    „Hier wird in raffiniertem Stil das Geschlecht zelebriert. Sieht es und läßt es sehen. Ein erhitzter, durchs Ritual gebändigter Fleisch- und Beziehungsmarkt. Reglement und Triebdurchbruch halten sich die Waage, sonst ginge es in Orgien aus. Abends schwingt insgeheim immer noch Astarte das Zepter, doch ihre Macht von der Kirche beschnitten: konstitutionelle Lustmonarchie. Sie glänzt, wenn der Mond scheint und ist bei Tage denunziert. Jener regelt, was flüssig ist. Menses, Gezeiten und Blut. Läßt sich vom Herz in den Kreislauf pumpen. Fährt auf Vespa, Moped, Motorrad auf und ab. Immer in Gruppen, wenigstens zu zweit. Pärchen. Paare. Der Freund in den Freund eingehakt, man läßt Motoren spielen wie einen Bizeps, wirft die gelackten Haare zurück, jede Geste schreit vor Potenz. Die Freundin neben der Freundin, bis ins Blitzen geputzt. Instinktiv vom Geist durchfeuerter Leib, körpergewordene Intelligenz. Intelligenz in Nacken und Taille, biegsam vor Eleganz, die Brüste geschmückt, als wären sie nackt. Man reicht sie wie Früchte, reckt ihre Spitzten. Gewisper. Schnelles, verlangendes, heftiges blühendes Lachen.“

    Und als der Mann nach Noto kommt, heißt es: „Der strenge Plan der Stadt schlingt sich wie Riemen um und durch die Orgien einer nervösen, rasenden Imagination, und sie binden sie, verhindern ihren formlosen Aus. Und Zusammenbrauch: Entfesselt und präzise, so verspielt wie unerbittlich, lose und herrisch, überladen und herb, brechend vor Kitsch und doch in der Balance eines ausgebildeten, mitunter dekadenten Geschmacks stehen die Gebäude wie architektonische Waben einer zur Monade mumifizierten Vollendung. Den Kirchen Notos kommt in Europa keine ihrer Ära gleich. Bogen, Fassade, Brüstung, Kuppel, Karyatide und Treppe gewordenes Zeitalter. In dem Menschen wie fremde Gäste wohnen.“

    Schließlich sind in diesem Buch Sätze zu finden, die mir persönlich Bücher sehr schmackhaft machen können und die man in den Bereich Lebensweisheit einsortieren muss, Erkenntnisse wie diese: “Das Leben eben nicht zu denunzieren mit dem Satz, alles sei eitel.“

    Wie Alice, eine der Kommentatorinnen meiner Seite, sagte als sie sich mit folgenden Worten verabschiedete, was als Aufforderung an die Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu verstehen ist: „Lasst Euch verzaubern und gebt es weiter.“

    Verzaubert hat Alban Nikolai Herbst. Ich gebe es bloß weiter.

    Alban Nikolai Herbst
    Eine sizilische Reise
    Deutscher Taschenbuch Verlag
    ISBN 3-423-12980-8






    26 Juni 2010

    Möglicherweise war‘s nur die überspannte Phantasie

    Gestern in der Bibliothek – derzeit gibt es kaum einen anderen Ort in meinem Leben – konnte ich erleben, was ich nicht das erste Mal erlebt habe. Das kennt jeder, ob Frau oder Mann: Ich habe da jemand gesehen. Oder der jemand mich. Oder wir haben uns nicht gesehen. Das war nicht deutlich. Möglicherweise war‘s nur die überspannte Phantasie auf der einen oder der andern Seite. Das war ein Bereich, wo es ein Minimum an Mehraufwand bedurft hätte, um dort heraus zu kommen. Aus diesem Grenzbereich, wo nicht deutlich ist, ob etwas passiert oder ob es nicht passiert. Das ist ein minimaler Aufwand, aber einer muss ihn machen, ein zweiter Blick, eine Geste, ein Lächeln oder ein um Hilfe rufen. Diese Situation ist treffend beschrieben durch ein Graffiti, das ich einmal in Kreuzberg an einer Häuserwand lesen konnte:

    „Die Grenze verläuft nicht zwischen Ost und West oder zwischen Reich und Arm. Die Grenze verläuft zwischen dir und mir.“

    Ich bin ein Mensch, der sehr viel mit treffenden Beschreibungen anfangen kann. Aber manchmal ist selbst das, dieses viele, ziemlich wenig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juni 2010

    Krankheit und Kafka

    Im Folgenden in Zitat aus dem Buch „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño. Vielleicht werde ich noch ausführlicher über das Buch berichten.

    „Canetti erzählt in seinem Buch über Kafka, dass der größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts an dem Tag, als er zum ersten Mal Blut spucken musste, begriff, dass die Würfel gefallen waren, worauf ihn nichts mehr vom Schreiben habe abhalten können. Was will ich damit sagen, wenn ich sage, dass ihn nichts vom Schreiben abhalten konnte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht so genau. Ich nehme an, ich will sagen, dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgendetwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon war.

    Mir gefällt, dass Bolaño Reisen Sexualität und Bücher hier in einem Atemzug nennt. Drei Wege, die nirgendwohin führen. Die kein Ziel haben als sich selbst. Auch ich empfinde diese drei als die großen Abenteuer. Die, die nicht um der Erholung willen, um der Unterhaltung oder um des Triebes willen begonnen werden, sondern nur um ihrer selbst willen. Wege, die nirgendwohin führen. Wege, könnte man noch hinzufügen, bei denen man zu Tode kommen kann. Man kann untergehen, vermisst werden, man kann wiederkommen, neu beginnen. Das Neue nennt Bolaño „das, was immer schon war“. Eine kreisförmige Auffassung von Erkenntnis, wenn das Alte das Neue sein soll. Das muss keine pessimistische Auffassung sein. Es ist eine altbekannte Frage, wie das Neue in die Welt kommt. Wie man das Neue erkennt, wie man das neuartige am Neuen erkennt. Beantworten muss sie jeder für sich. Nur eins sollte man mit allen dreien nicht tun: sie zu den Akten legen.

    Roberto Bolaño „Der unerträgliche Gaucho“
    Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek
    16.90 EUR
    Kunstmann Verlag
    ISBN 3-88897-446-1





    23 Juni 2010

    Deutschland gegen Ghana: 3 zu 0 für Rumänien

    Ich habe das jedenfalls so gesehen. Man muss ein bisschen poetische und imaginative Kraft mitbringen, bei diesen Fußballspielen. Ich war mit einigen Bekannten in einer Strandbar in Kreuzberg und habe nur selten auf die Leinwand geschaut. Die war weit weg und der Lautsprecher auch und ich fands auch mühsam, immer dem Ball hinterherzuschauen. Die meiste Zeit stand ich mit anderen Frauen einfach nur so herum. Wir sprachen über allerlei unwichtige Dinge, ich kannte die gar nicht. Aber das Plaudern hat mir Spaß gemacht und es hat mir gutgetan. Dann sind Schlag auf Schlag die drei Tore gefallen und wir Frauen haben gelacht, als ich das Ergebnis verkündete.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Juni 2010

    „Wo seelenlos ein Feuerball sich dreht“

    Seit einiger Zeit versuche ich, ein richtiges Wochenende zu machen das mindestens aus einem, idealerweise aus zwei Tagen besteht. Ich will nichts schreiben und ich will nichts für die Uni machen. Das klappt natürlich nicht immer. Es klappt nie. Aber ich halte an dem Plan fest.

    Heute ist Samstag und meine Freundin Stella war zu Besuch. Stella ist inzwischen sieben Jahre alt. Wir sind, sagt Stella, Freundinnen. Ich empfinde das genauso. Der Altersunterschied ist uns beiden nicht so wichtig. Nach kurzen Anfangsschwierigkeiten, da ich ihren Besuch nicht erwartete und ich meinen Tagesablauf umbauen musste, saßen wir auf den Boden und spielten Memory.

    Das Spiel besteht aus vielleicht sechzig Karten, die mit Tiermotiven bedruckt sind, jeweils zwei Karten mit demselben Motiv, die Pärchen genannt werden. Die Karten werden auf den Boden gelegt, mit dem Rücken nach oben, das bei allen dasselbe Muster zeigt. Die Aufgabe der Spieler besteht darin, Pärchen zu finden. Man darf zwei Karten umdrehen, sich anschauen und dann muss man sie wieder mit dem Rücken nach oben auf den Boden legen. Beide Spieler sind abwechselnd dran. Es gilt also das Gedächtnis zu trainieren und zu behalten, welche Motive an welchen Stellen auf dem Boden liegen: man sieht ja nur die vielen Karten mit demselben Rückenmuster. Wenn man zwei Karten mit demselben Motiv hat, darf man sie wegnehmen. Wer am Ende die meisten Pärchen hat, der hat gewonnen. Das ist im Leben so: es gewinnt immer der, der am meisten hat.

    Stella war sehr versessen aufs Gewinnen, ich gar nicht, mir war‘s egal. Ich war an diesem Morgen ein wenig in Gedanken. Ich hatte zuvor mit meiner Mutter telefoniert, die Großmutter ist gefallen und ins Krankenhaus gekommen. Meine Mutter wollte von mir wissen, ob ich im Sommer komme und wann ich komme. Das ist alles nicht schlimm, die Oma ist schon wieder entlassen worden und meine Mutter wollte von mir einen Termin wissen: das sind keine unüberwindlichen Hürden. Ich war, aus welchen Gründen weiß ich gar nicht, am Telefon etwas ruppig. Oder nicht anteilnehmend genug. Ich hatte das seltsame Gefühl, meine Mutter sei gegen mich und nicht für mich. Auch dabei weiß ich nicht so genau, woher das kam. Da spielen sicher Dinge eine Rolle, die lange her sind und die es in jeder Familie gibt. Das alles hat mich beschäftigt, als Stella aufkreuzte, unbeschwert und gutgelaunt, und gewinnen wollte: gegen mich und nicht mit mir zusammen.

    Es kam zu einer Situation, wo Stella ein Pärchen aufnehmen konnte. Aber etwas stimmte nicht, ich war unkonzentriert und schaute nicht genau hin. Stella nahm die beiden Karten, schaute mich aber zweifelnd an, lachte lauthals, und sagte dann: „Lea, das war doch gelogen.“ Sie hatte das Pärchen gar nicht gebildet, sie hat meine Unkonzentriertheit bemerkt und mich übers Ohr gehauen! Aber mit welcher Selbstverständlichkeit das Kind annahm, dass ich die Lüge durchschaue. Weil sie selbst ja wusste, dass sie log, nahm sie an, dass ich es auch wissen musste. Sie unterschied gar nicht zwischen Wahrheit und Lüge, das waren einfach nur zwei Optionen und Stella hat die für sie günstigere gewählt.

    Das erinnert mich an Aristoteles, glaube ich. Ich kann das im Moment nicht nachschauen. Da wird ein Ruder beschrieben, das ins Wasser gehalten wird. Bis zu der Wasseroberfläche sieht das Ruder gerade aus, dort bricht es sich und dann sieht das Ruder gebogen aus. Aristoteles sagt nicht, dass das eine die richtige, das andere hingegen die falsche Wahrnehmung ist. Er spricht nicht von Täuschung und da wird auch nicht eines zugunsten des anderen geopfert. Aristoteles sagt vielmehr, dass zur Wahrnehmung des Ruders sowohl das Gebogene als auch das Gerade gehört. Das sind zwei Aspekte einer Sache. Wahrheit und Lüge sind einfach nur zwei mögliche Dimensionen von Wirklichkeit.

    Die moderne Physik ist da anderer Meinung, sie hat die Lichtbrechung entdeckt. Oder dreister weise erfunden und erlogen. Die Welt ist dadurch vielleicht klarer geworden, weil die Dimensionen Wahrheit und Lüge / Schein deutlicher voneinander geschieden werden können. Aber sie ist auch ärmer geworden, eine Welt, wo seelenlos ein Feuerball sich dreht.

    Wahrheit und Lüge sind keine entgegengesetzten Dimensionen, die überschneiden sich in ganz wesentlichen Punkten. Diese Feststellung ist ein sehr guter Einstieg in den kommenden Beitrag, Mitte der Woche hoffe ich: Alban Nikolai Herbst „Eine sizilische Reise“. Dieser Mann lügt, dass sich die Ruder biegen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Juni 2010

    Spuren

    Es freut mich, wenn es Reaktionen auf meine Texte gibt, meist in Form von Kommentaren. Jetzt habe ich auch andere animiert. Melusine hat nach einem Kommentar meinerseits etwas geschrieben, Jean Stubenzweig hat sich mehr von Olga als von mir inspirieren lassen. Selbst seine heilige Dreifaltigkeit A-N-H ruft wieder nach mir (was mich natürlich sehr freut, ich habe ihm gleich mal den kleinen Finger hingehalten); und er ruft nicht nur, er schreit geradezu: allerdings auch nach Olga. Meine Mitbewohnerin ist unfassbar, sogar ohne Bild wirkt die auf Männer.

    Worüber ich mich besonders freue, ist dieser lange Kommentar von NO (ganz weit unten), der zu den schönsten Kommentaren gehört, die hier eingestellt worden sind. Das sind nicht nur die persönlich aufmunternde Worte, die mich erfreuen, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Literatur. NO liest gerade eines der Hauptwerke von Alban Nikolai Herbst und hinterlässt dort ebenfalls seine Spuren. Der Autor antwortet auch: das ist es wert, mitgelesen zu werden. Im Sommer nehme ich schon seit einigen Jahren eine kleine Auszeit vom Arbeiten und lese. Ich setze mich in der Regel auf eine Stelle und lese zwanzig oder dreißig Bücher. Den Wolpertinger von Alban Nikolai Herbst werde ich mir in diesem Jahr auch vorknöpfen und natürlich Dieter Fortes „Am anderen Ende der Welt“: man muss die Tipps ernst nehmen. Wenn die Literaturkritik versagt oder ausfällt oder, wie in Fall von Frau Hegemann, masturbiert, dann muss man einander eben Tipps geben.

    Noch ein kleiner Nachtrag zum letzten Beitrag, dem internationalen Frauenfrühstück. Vielleicht hätte ich das dazu sagen sollen, dass Olga, als sie sagte, ich sähe nach nichts aus, damit nicht meinte, dass ich unsichtbar sei oder beliebig aussehe, sondern sie meinte, dass ich weder als Rumänin noch als Deutsche einwandfrei zu identifizieren sei. Ich glaube, dass sie das meinte. Ansonsten hätte ich keine Weintraube geworfen, sondern eine Wassermelone.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Juni 2010

    Argumente aus Ägypten

    Am vergangenen Samstag gab es in Olgas und meiner WG ein Frauenfrühstück. Gegen elf Uhr ging‘s los. Wir haben kichernd und gackernd bis nachmittags um vier zusammen gesessen. Ich wusste nicht, dass zu so einem Frühstück Sekt dazu gehört. Ich hätte bei Olga angenommen, dass sie eine Flasche Vodka mitbringt. Aber auch die Flasche Sekt, aus der dann auf eine mir nicht erklärbare Weise zwei geworden sind, hat zu unserer guten Laune beigetragen.

    Zuerst ging‘s natürlich um Männer. Ich glaube, das war das eigentliche Ziel des Frauenfrühstücks, das auf Olgas Vorschlag zurückging. Wenn schon keine Männer anwesend sind, muss man/frau zumindest über sie reden. Aber das Thema hat nicht so richtig eingeschlagen, ich habe derzeit nichts beizutragen, Dalia hat einen Freund und war an Männern im Allgemeinen nicht interessiert und Martina und Leyla sind ein Paar. Dann haben wir das Thema gewechselt und sind auf die deutsche Kultur zu sprechen gekommen, dann ging‘s um unsere eigenen Kulturen im Verhältnis zur fremden (deutschen), um kulturelle Identität, und vor allem um das Thema, dass die Sprache dem Menschen noch lange nicht ermöglicht, in dem jeweiligen Land zu navigieren. Es sind sehr viele Verhaltensweisen und Verständnisweisen, die nicht sprachlich vermittelt sind, und die Olga kongenial zusammengefasst hat – wie gesagt, das war kein wissenschaftliches Symposion, das war ein Frauenfrühstück mit zwei Flaschen Sekt – als sie sagte: „Ich? Nix verstehn!“

    Olga spricht seit drei Jahren Deutsch und sie hat‘s nach eigenen Angaben ausgetauscht gegen ihr Spanisch. Angeblich an einem einzigen Tag: sie hat die eine Sprache vergessen und die andere erlernt. Leyla spricht seit zehn Jahren Deutsch, lebt aber nur das halbe Jahr in Berlin und das andere halbe in Teheran und muss sich zweimal im Jahr umstellen. Martina stammt aus Italien und ist hier und in Rom aufgewachsen, hat einen leichten Akzent, spricht aber annähernd das Niveau einer Muttersprachlerin. Dalias Eltern kommen aus Ägypten und auch wenn zu Hause arabisch gesprochen wird, spricht sie das absolut akzentfreie Deutsch einer Akademikerin. Sie ist Muttersprachlerin, sie ist hier geboren und sie hat einen deutschen Pass. Aber sie sieht nicht aus wie eine Deutsche. Sie hat bronzefarbene Haut und Korkenzieherlocken, die in alle Richtungen abstehen. Wenn ich sie sehe, und wir sehen uns derzeit nahezu jeden Tag in der Bibliothek, dann spüre ich ein kaum zu unterdrückendes Verlangen, ihr an den Haaren zu ziehen. Ich muss das ganz stark unterdrücken, links und rechts diese Locken anzufassen und vom Kopf weg auseinanderzuziehen. Ich will ihr damit zeigen, dass ich sie gern habe. Aber vielleicht versteht sie das falsch. Weiß der Himmel, was diese Ägypterinnen denken, wenn man ihnen an den Haaren zieht!

    Olga findet, sie selbst sähe wie eine Russin aus. Aber sie findet nicht, dass Leyla wie einer Iranerin aussieht. Dalia findet das schon. Leyla hingegen hätte Dalia niemals als Araberin eingeschätzt. Martina sieht aus wie eine Italienerin und sie fühlt sich auch wie eine, sagt aber auch, dass das eine Art Trotzreaktion ist. Ich weiß nicht wie ich mich fühle, gemischt wahrscheinlich, spreche ebenfalls akzentfrei Deutsch und sehe nach allgemeiner Auffassung aus wie eine Irin, wegen der hennafarbenen Haare. Auf meine Frage, wonach ich mit meinen ungefärbt braunen Haaren aussehen, sagt Olga: nach nichts.

    Etwa eine Sekunde später und einen Zentimeter neben ihrem Kopf schlug die erste Bombe an die Wand, leider bloß eine Weintraube. Aber Olga hat geguckt, als würde sie vom Zug überfahren. Über den weiteren Verlauf dieser kleinen frugalen Auseinandersetzung breiten wir hier gnädiges Schweigen. Die Obstvorräte waren danach jedenfalls deutlich dezimiert und wir fünf aufs Äußerste erheitert und befleckt. Geht also alles auch ohne Männer.

    Dann ist Olga in ihrem Zimmer verschwunden, Leyla und Martina mussten weg. Also blieben nur noch Dalia und ich: zum Spülen und Aufräumen. Dalia schreibt gerade ihre Bachelorarbeit in Politikwissenschaft. Sie hat eine Umfrage gemacht und ist sogar nach Ägypten dafür gefahren. Sie hat sich die Ergebnisse ihrer Arbeit von sehr weit hergeholt. Während wir spülen und über die Uni reden und darüber, was Dalia im Anschluss studieren könnte, kommen uns allerlei wilde Ideen und es dauert nicht lange und wir entdecken eine neue Wissenschaft.

    Die Welt ist inzwischen einigermaßen globalisiert, Multi-Kulti an allen Ecken, mit unserem internationalen Frauenfrühstück haben wir da ein deutliches Zeichen gesetzt. Nur die Wissenschaft ist noch nicht soweit: Amerikanistik, Germanistik, Islamistik, etc etc. Unser neues Fach – wir beide werden natürlich Professorinnen und unterrichten das auch, wir werden Dekanin und Fachbereichsleiterin – schafft da Abhilfe. Wir haben noch keinen Namen und wir brauchen natürlich auch noch ein schönes Institutsgebäude. Das Curriculum und die Inhalte sind noch nicht zur Gänze ausgearbeitet. Die derzeit einzige Bedingung ist, dass, was immer unterrichtet wird, welche Inhalte vermittelt werden, ob es feministische Ansätze gibt, etc etc, es gibt derzeit nur eine einzige Bedingung in diesem globalisierten Fach: es muss alles möglichst weit hergeholt sein!

    Früher sind die Gewürze aus Indien gekommen, die Düfte und Wohlgerüche aus Arabien und der Kaviar aus Beluga, die Orangen aus Spanien und die Ananas aus Caracas. Heute kommen die Strukturen aus Russland, die Intellektuellen aus Frankreich, die Professorinnen aus Rumänien und, darauf legt Dalia großen Wert, die Argumente aus Ägypten.

    Wir glauben nicht mehr an eine rein deutsche Kultur. Oder an eine rein französische. Wir glauben nicht an die Nationalhymne und wir glauben vor allem nicht an Fußballnationalmannschaften. Wir sind Kinder einer globalisierten Welt und wir wollen eine entsprechende Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die diese Welt in der wir leben, adäquat begreift und beschreibt. Und ihre einzige Bedingung lautet: es muss alles möglichst weit hergeholt sein!

    Wir lagen auf dem Boden vor Lachen und ich habe Dalia bei dieser Gelegenheit endlich an den Haaren gezogen. Das hat einen Heidenspaß gemacht! Darum beneide ich ihren Freund, das würde ich jeden Morgen im Bett bei ihr machen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Juni 2010

    Auf dem Bild der Erinnerung herrscht Halbschatten

    Dies ist vor wenigen Tagen auf der Seite der Bolanisten erschienen, die auch als Link hinterlegt sind. Ich veröffentliche das auch hier, damit keiner auf die Idee kommt, ich möchte faul werden

    Zuerst einmal zur Deklaration. Ich finde es ein bisschen bedauerlich, dass die deutschen Verlage nur noch Romane zu kennen scheinen, selbst dann, wenn es ganz offensichtlich keine sind. „Chilenisches Nachtstück“ ist nach meinem Dafürhalten eine Novelle.

    Das ist ein beliebter Topos, den Roberto Bolaño hier bemüht: ein Mensch hält Rückschau auf sein Leben. Kein Ort und kein Moment, der sich dafür besser eignen würde als das Sterbebett. Das spätestens ist der Zeitpunkt, wo man ehrlich zu werden beginnt, denn dann hat man ja nur noch wenig zu verlieren. Eigentlich verliert man alles, aber alles ist dann eben nicht mehr viel. Wir dürfen in so einer Situation einen schonungslosen Blick auf das eigene Leben erwarten; vor allem, da es sich bei Sebastían Urrutia Lacroix um einen Priester handelt. Jemand, der in Bälde vor seinen Gott tritt. Spätestens der wird ihm einige Fragen stellen. So ein Mensch ist gut beraten, seine letzten irdischen Momente zu nutzen, um sich auf diese Unterhaltung vorzubereiten. Und meistens hat man im Moment des Sterbens ja sowieso nichts Wichtigeres zu tun.

    Lacroix erinnert sich an sein Leben. Das geschieht in sechs Episoden, die schätzungsweise zwischen 80 und 90 Prozent der Textmasse ausmachen: es beginnt mit dem Wochenende auf dem Landgut Farewells, gefolgt von dem Abend bei Salvador Reyes, der von Ernst Jünger berichtet und einem guatemaltekischen Maler, dann wird die Geschichte des österreichischen Schuhfabrikanten erzählt, dann die Reise nach Europa, schließlich der Unterricht in Marxismus für die Junta Chiles und abschließend erzählt Lacroix von einer mittelmäßigen Romanschriftstellerin, deren Mann für die chilenische Militärdiktatur gefoltert und getötet hat. Zwischen diesen Episoden werden die Gespräche mit Farewell berichtet, die meist keine literarischen Themen haben – außer es handelt um das chilenische Nationalheiligtum Pablo Neruda – und Lacroix‘ Sorgen um den, wer immer das sein mag. „vergreisten Grünschnabel“.

    Das Leben dieses Mannes hat zwei Zentren, die Literatur und das Priesteramt. Vielmehr müsste es sie haben. Der Glaube spielt jedoch kaum eine Rolle, ich sehe keine ausgeprägt religiöse Haltung. Lacroix liest bisweilen die Messe und er kennt die Lebensläufe der Päpste auswendig. Das ist ein ausgesprochen armseliges Verständnis von Glauben – und gar keines von Gott. Dieser Glaube lässt sich zusammenfassen mit den Worten: „Auch Beten wird halt irgendwann langweilig.“ Es war in der Vergangenheit in vielen Ländern – auch in Rumänien – oft der Fall, dass sich Gelehrte in Klöster zurückzogen, dass sie weltlichen Umständen entsagten, um sich der Wissenschaft und ihren Interessen und Studien zu widmen.

    Aber auch dieses zweite Zentrum, die Literatur und die Literaturkritik, spielt meines Erachtens keine ernstzunehmende Rolle. Ich sehe keinerlei literarische Leidenschaft, bis auf das übliche name-dropping. Lacroix kommt lebenslang nicht über die kleine narzisstische Kränkung hinweg, dass er einen Namen nicht kannte: „Sordel, Sordello? Welcher Sordello?“. Nach dem Wochenende bei Farewell sagt er: „Meine Feuertaufe in der Welt der Literatur war bestanden“. Feuertaufe? Außer stille Anbetung von Neruda und einigen Spaziergängen war da nicht viel. Es werden auch im Weiteren keine gelehrten Gespräche berichtet, da werden keine Bücher besprochen, keine poetologischen Beobachtungen gemacht, keine Erkenntnisse gewonnen. Ich sehe auch keine Diskussionen, wie sie etwa in Deutschland während des Hitlerdiktatur stattgefunden hat, und wie sie in repressiven Gesellschaften angestellt werden müssen, nämlich wie man dem Regime Widerstand entgegensetzt: indem man geht oder indem man bleibt. Die chilenische Literatur scheint für diesen Mann keinerlei politische Dimension zu besitzen. Und als Schriftsteller redet er, gelinde gesagt, puren Blödsinn,: ich, behauptet er von sich, „ … entwarf ein dichterisches Werk für kommende Zeiten, ein Werk von geradezu kanonischem Anspruch, dazu gedacht, sich erst im Laufe der Jahre herauszukristallisieren, geschrieben in einer Metrik, die kein Mensch in Chile mehr praktizierte, was sage ich, die kein Mensch jemals praktiziert hatte …“.

    Dieser Mann ist weder als Priester noch als Literat ernst zu nehmen. Er erzählt als Bilanz seines Lebens eine Handvoll, in ihrer Bedeutung alle miteinander eher marginale Geschichten, und dazwischen packt er ein bisschen Füllmaterial. Nicht einmal die beiden letzten Exkurse, die etwas mit seinem eigenen Leben zu tun haben, der Unterricht für Augusto Pinochet und seine Schergen, und die Schriftstellerin, die mit einem Gewaltverbrecher verheiratet ist, führen in irgendeiner Weise zu etwas, was man Selbsterkenntnis nennen möchte. Lacroix ist ein Mann, der sich zu keiner Zeit irgendeiner Wahrheit annähert, auch wenn er das gerne weismachen möchte: „ … dass nämlich das Leben eine Folge von Irrtümern ist, die uns zur letzten einzigen Wahrheit hinführen.“ Es findet keine Auseinandersetzung mit seinem Zölibat statt, nicht mit der Homosexualität Farewells, nicht seiner eigenen Sexualität. Als Essenz eines Lebens ist die ganze Geschichte vollkommen lachhaft, dieser Lacroix ist ein Schwätzer, ein dummer Ignorant. In politischer Hinsicht kann so Haltung mitunter sehr gefährlich sein. Und in literarischer Hinsicht kann man nicht viel mehr von ihm erwarten, als das er stöhnt: „Ach, die Unsterblichkeit der Literatur.“

    Es scheint diesem Mann vor allem um seine Wahrnehmung durch den „vergreisten Grünschnabel“ zu gehen. Fragt man sich, wer das ist, könnte man vermuten, dass es keine juristische Person ist, sondern eine psychische Instanz: sein Gewissen. Weil das ein schwieriger und stark vermittelter Begriff ist, versuche ich das mit eigenen Worten zu beschreiben. Der vergreiste Grünschnabel steht für die Wahrnehmung durch die anderen. Durch die, die einen Artikel in der Zeitung schreiben, wenn man gestorben ist. Die, die sich an einen erinnern, wenn man es selbst nicht mehr kann. Und die das vielleicht nicht so tun, wie man das gerne hätte. Die Welt, eine Sekunde nach dem eigenen Tod. Diese Welt, der Blick dieser Welt, taucht nicht erst mit dem Tod auf, diesen Blick spürt man schon früher. Aber auch hier legt Lacroix keine ernstzunehmende Haltung an den Tag und so endet seine angebliche Auseinandersetzung mit sich selbst so wie man es etwas hat erwarten können: mit dem letzten Satz – und vermutlich seinem Tod – „Und dann bricht er los, der Orkan aus Scheiße.“

    Das Thema dieser Novelle ist, meine ich, die Erinnerung. Und dieser Mann erinnert sich eigentlich nicht. Er versucht vielmehr den Blick der Nachkommen auf ihn zu beeinflussen. Er erinnert sich nicht, er erzählt irgendwelche belanglosen Banalitäten von Taubenkacke in Italien oder Heldenverehrung in Österreich. Es mag tatsächlich genauso gewesen sein, wie er das hier berichtet, und es handelt sich dabei dann um eine objektive Berichterstattung. Gerade deswegen sind das keine Erinnerungen. Erinnerung hat etwas mit dem Subjekt zu tun, das sich erinnert. Dieser Lacroix dient lediglich als Zerrspiegel, deren nicht verzerrte Variante auf wenigen, sehr dichten Seiten erzählt wird. Roberto Bolaño schafft hier auf großartige Weise ein Bild, eine beeindruckende Metapher für die Erinnerung. Und zwar anhand des Gemäldes eines guatemaltekischen Ma-lers: „Ansicht der Stadt Mexiko eine Stunde vor Sonnenaufgang“, ich zitiere die Stelle in Gänze:

    „ … meinte dennoch ein Stückchen Wahrheit erhascht zu haben, und dieser winzige Teil Wahrheit bestand darin, daß der Guatemalteke sich in Paris befand, dass der Krieg begonnen hatte oder gerade im Begriff stand zu beginnen, daß der Guatemalteke bereits die Gewohnheit angenommen hatte, lange Mußestunden vor dem einzigen Fenster sei-ner Mansarde damit zu verbringen, das Panorama von Paris zu betrachten, und daß aus dieser Betrachtung, aus der schlaflosen Betrachtung der Stadt Paris, die „Ansicht der Stadt Mexiko eine Stunde vor Sonnenaufgang“ entstanden war, ein Bild, das auf seine Weise ein Altar für Menschenopfer war, eine Geste erhabenen Widerwillens, das Hinnehmen einer Niederlage, nicht allerdings der von Paris oder der europäischen Kultur, die emsig damit beschäftigt war, sich selbst unter viel Lärm und Geschrei in Schutt und Asche zu legen, der Niederlage von politischen Idealen, die der Maler vage als seine eigenen erkannte, sondern der höchsteigenen, der eines ruhm- und glücklosen Guate-malteken, finster entschlossen, sich in den Zirkeln der Stadt des Lichts einen Namen zu machen, und diese Hellsichtigkeit, mit der der Guatemalteke seiner eigenen Niederlage ergeben ins Auge blickte …“

    Was passiert hier? Wir haben die vage Erinnerung – an einer Stelle ist von einer Vision die Rede – eines Mannes aus Guatemala an einen kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt Mexikos, die er malt, während er sich die Stadt Paris anschaut. Die Stadt, ob Mexikocity, Paris oder möglicherweise auch Guatemala-Stadt ist einerlei; die Stadt liegt sowieso halb im Dunkeln verborgen, man erkennt nur Schemen, Stadtviertel wirken wie Meereswogen, man sieht Skelette, die von Menschen, aber auch von Tieren stammen könnten. Es werden verschiedene Städte übereinander gelegt. Der Guatemalteke löst das Darstellungsproblem, indem er keine bestimmte Stadt malt und was er malt, ist im Dämmer kaum zu erkennen. Mit der Metaphorik des Lichts wird nicht das Städtepanorama beschrieben, sondern das Leben dieses Künstlers. Ein Mensch in der Fremde, im Exil, der offenbar über Mexiko nach Paris gekommen ist und hier „finster entschlossen“ ist, sich „in den Zirkeln der Stadt des Lichts“ einen Namen zu machen und der mit „Hellsichtigkeit“ seiner Niederlage „ins Auge blickte“.

    Das ist ein Mann, der nichts anderes kann als malen. Er kann das Bild nicht einmal verkaufen, er bietet es Ernst Jünger, der zu Besuch gekommen ist, nicht an, er gibt auch keine Erklärungen zu dem Bild; er bedankt sich nicht einmal für die mitgebrachten Lebensmittel: weil er es nicht kann. Er will sich einen Namen machen und auch das kann er nicht – wir erfahren seinen Namen nicht – er will Anerkennung für seine Arbeit und die bekommt er nicht. Darin hat er ein tragisches, und dennoch absolut beliebiges Künstlerschicksal. Dieser Mann ist, das wird mehrfach gesagt, dabei zu sterben. Deswegen ist es ihm auch egal, ob er verhungert oder nicht, ob Essen in der Küche steht oder nicht, ob Jünger das Bild kauft oder nicht. Das historische Ereignis, die drohende Vernichtung von Paris durch die Deutschen, dient dabei lediglich die Folie auf der das Schicksal dieses Individuums gestaltet wird und als Inkarnation einer Übermacht, von der ein Einzelner bedroht und vernichtet wird: dem eigenen Schicksal. Das ist eine Macht, der man wahrscheinlich, ab einem bestimmten Zeitpunkt, nur noch „ergeben“ ins Auge blicken kann, weil man da weiß, dass jeder Widerstand, jede Résistance zwecklos ist. Das ist ein Punkt, wo man keine Zukunft mehr hat, keine Chancen und keine Möglichkeiten, Umstände zu gestalten und sie zu den eigenen Gunsten zu verändern.

    Anhand dieser Figur wird mit wenigen Sätzen ein Lebensschicksal beschrieben und herausgearbeitet, das eine ganz andere Dichte hat, als die dieses Schwätzers Lacroix und es wird diesem diametral entgegengesetzt. Schön und gut. Warum aber kann diese Stelle über den Maler als eine Metapher für die Erinnerung fungieren?

    Das Bild des Guatemalteken zeigt keine real existierende Stadt, sondern eine, die durch die Phantasie bearbeitet worden ist. Das ist die Tätigkeit eines Künstlers, jedenfalls derjenigen, an die dieser Mann Anschluss sucht, die Surrealisten, der Kreis um André Breton. Ich will das auch einmal etwas surrealistisch ausdrücken: Die Stadt Paris wäre ohne die Stadt Mexiko unsichtbar. Ohne all die anderen Städte und Orte, die einer gesehen hat und die sich über die aktuelle Wahrnehmung drüberlegen und mit ihr verschmelzen. Frisch aus dem Weltraum eingeflogen, würde jeder Marsmensch, vorausgesetzt er ist halbwegs bei Sinnen, im Angesicht der Stadt Paris fragen: Was ist das?

    Die Städte, die Orte an denen wir gewesen sind, wo wir etwas erlebt haben und wo wir, wenn wir uns an sie erinnern, noch einmal gegenwärtig sind. Das hat etwas Absurdes, weil dieser Ort und diese Zeit schon gar nicht mehr sind und weil der erlebende Mensch in der damaligen Situation schon gar nicht mehr ist. In der Erinnerung reagieren räumliche und zeitliche Schichten und Strukturen miteinander. Erinnerung ist ein kreativer Prozess, der etwas erschafft, verschiedene Schichten und Ebenen, die übereinander gemalt werden. Etwas, das durch die einzelnen Sedimente aktiv gebildet werden muss. Erinnerung ist nicht das Hervorholen von objektiven Gegebenheiten – das ist die Geschichtsschreibung – sondern das Erarbeiten, das Abarbeiten an den Umständen, das Auswirkungen auf das Subjekt und sein persönliches Erleben hatte. Die Umstände – die Städte – bringen nicht die Wahrheit hervor. Wahrheit entsteht, indem ich die Umstände produktiv nutzte. Aber eben nicht, indem ich mich ins rechte Licht setze – auf dem Bild der Erinnerung herrscht Halbschatten – sondern indem ich mir selbst und meiner Situa-tion ins Auge sehe. Auch wenn das, was ich da sehe, eine Niederlage ist.

    Ich empfinde die Hauptfigur als in jeder Hinsicht armselig. Großartig hingegen ist der Guatemalteke. Und in dieser Gegenüberstellung von Haupt- und Nebenfigur finde ich doch eine einigermaßen beeindruckende, formale Waghalsigkeit dieses Autors: Wenn Bolaño das, was ich da behaupte und konstruiere, beabsichtigt haben sollte. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Absichten eines Autors nicht wichtig sind. Wichtig sind seine Fähigkeiten. Wichtig sind seine Ergebnisse. Und die werden durch seine Absichten in keinster Weise wiedergegeben.

    Ganz vorsichtig ausgedrückt: wenn das meine Novelle gewesen wäre, dann hätte ich sie sicher noch einmal überarbeitet, mindestens einmal. Eine vereinzelte gute Stelle ist mir als Leserin ein bisschen zu wenig.

    Roberto Bolaño
    Chilenisches Nachtstück
    Hanser Verlag
    Übersetzt aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg
    160 Seiten, 17.90 €
    ISBN 978-3-446-20822-3





    08 Juni 2010

    Abstrakter Tourismus

    Die Formulierung „abstrakter Tourismus“ habe ich erst vor einigen Tagen bei Frank Fischer gelernt und jetzt bin ich bereits dabei, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen. So lernt man eine Sprache.

    Gestern in der Bibliothek: eine Reisegruppe Japaner. Ziemlich aggressive Vertreter der Sorte: Ich und meine Kamera. Die sind mit einem Tempo durch das Gebäude gehastet, dass man Angst haben musste überrannt zu werden. Und auf alles wurde die Kamera gehalten. Ohne lange auszuwählen – ohne vorher hinzugucken – alles erschien fotogen. Die haben sich dieses Gebäudes geradezu bemächtigt. Als wollten sie es niederreißen. Als wollten sie es mit ihren Kameras kaputtmachen. Losballern auf alles, was sich bewegt oder nicht bewegt. Der abstrakte Tourismus, wenn er das gewesen sein sollte, also nicht die friedliche Variante Frank Fischers, ist von Grund auf destruktiv. Die Fortführung des Kriegs mit anderen Mitteln.

    Falls es mein Schicksal nicht gut mit mir meint und aus mir fast gar nichts wird, dann wird aus mir immerhin noch eine Bergbesteigerin. Nach allem, was ich Tag für Tag an Treppen in dieser siebenstöckigen Bibliothek zurücklege, das sind mindestens tausend Stufen täglich, bewältige ich den Mount Everest mit links. Mit ganz weit links, ohne Höhenlager. Ohne Anlauf. Und, wenn möglich, auch ohne Anreise. Ich habe ja Flugangst. Ich hoffe, dass die Tektonik auf diesem Planeten bis zum Ende meiner Dissertation noch ein richtiges Gebirge aus dem Boden gestampft hat und nicht nur dieses niedliche Himalaja. Ich brauche etwas, was ich als Herausforderung betrachten kann. Möglichst ohne, das die Erde dabei bebt. Ich habe nicht nur Flugangst, ich habe auch Angst vor Erdbeben. Und vor Japanern mit Kameras. Ansonsten bin ich eher mutig. Manchmal jedenfalls. Wenn zwischen der Welt und mir eine Tastatur liegt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Juni 2010

    Das wahrscheinlich größte und weißeste Weißenfels weltweit

    „Die Südharzreise“ von Frank Fischer. Der Autor stammt aus Weißenfels. Aber nicht irgendein Weißenfels – wie irgendein New York oder irgendein Tokio – nein: es handelt sich um das Weißenfels. Das wahrscheinlich größte und weißeste Weißenfels weltweit.

    Die Lektüre war nicht einfach für mich. Das lag aber nicht daran, dass das Buch so komplex ist, da lag nicht an verschachtelten Satzgefügen oder verwickelten Lebensschicksalen, sondern daran, dass dort Worte und Orte zu finden sind, die ich nicht kenne, Orte wie Schkortleben und Oeglitzsch. Solche Orte müssen auch einen Namen haben, das verstehe ich, einen Namen, an dem man sie erkennen und identifizieren kann. Auch ein Kyffhäuserdenkmal muss irgendwie heißen und warum dann nicht gleich Kyffhäuserdenkmal. Obwohl ich das schon extrem finde, das Wort Kyffhäuserdenkmal. Vor allem war die Lektüre für mich nicht leicht, weil das Buch tief in die Regionalgeschichte dieser Gegend eingreift – indem es sie beschreibt natürlich -, die mir – man ahnt es wohl – nicht sonderlich vertraut ist.

    Frank Fischer will im Prinzip lediglich innerhalb von 24 Stunden die A 38 von Leipzig nach Göttingen fahren, mit ein paar Abstechern ins Umland, und wieder retour. Er fährt alleine, mutterseelenallein. Manche Dinge kann man nur alleine erleben. „Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen“, lautet der Untertitel des Buches und das bedeutet bei knapp tausend Kilometern und drei Dutzend besuchter, touristisch relevanter Orte, dass es recht zügig gehen muss: „ … aber ich beende sofort dieses unfreiwillige Zuhören, indem ich weiter zur Unterburg rase, wo ich aus touristischen Gründen einige Sekunden stehen bleibe, und dann wieder zurück zum Ausgangspunkt. “

    Diese Autobahn gehört zu den Verkehrsprojekten Deutsche Einheit und ist also recht neu. Die für die Tourismusindustrie relevanten Gegenstände, also Denkmäler, werden klug eingeschränkt und relativiert: „Die Weltgeschichte hat ein paar Dutzend Orte neben dieser neuen Autobahn verteilt und der Tourismusindustrie einige Superlative und Einmaligkeiten geliefert. Manchmal müssen diese aber auch klug erfunden werden, denn es kann nur ein größtes Denkmal der Welt, eine größte Kirche Europas, ein größtes Gebäude der Stadt geben. Also wird zeitlich, typologisch und regional eingeschränkt, was schnell lächerlich wirken kann wie die sprichwörtlich „größte spätgotische Hallenkirche Ostsachsens“. Los geht es in Leipzig, beim Völkerschlachtdenkmal, „dem größten europäischen Denkmal der Welt“.

    Der Text ist dabei ausgesprochen witzig und sein Autor sehr belesen. Nietzsche ist ein wichtiger Referent für Fischer und wird mehrfach erwähnt, auch der Entdecker Pigafetta, und einer meiner Lieblingsschriftsteller, der Argentinier Julio Cortázar mit „Die Autonauten auf der Kosmobahn“; Novalis wird genannt, der einige, für die weitere Identitätsforschung zentrale Formulierungen niedergeschrieben hat („In dem Satze a ist a liegt nichts als ein Setzten, Unterscheiden und verbinden. Es ist ein philosophischer Parallelismus. Um a deutlicher zu machen wird A getheilt. Ist wird als allgemeiner Gehalt, a als bestimmte Form aufgestellt. Das Wesen der Identität läßt sich nur in einen Scheinsatz aufstellen. Wir verlassen das Identische, um es darzustellen …“; die ersten Sätze aus den „Fichte Studien“); auch Tieck und Tarantino, auch Luther hat einen kleinen Gastauftritt und Einar Schleef mit seinem Roman „Gertrud“.

    Mit Schleef sind wir in einem Ort namens Sangerhausen und im Café Kolditz. Vielmehr außen vor, denn das Cafe hat geschlossen und Frank Fischer und der abstrakte Tourismus müssen sich damit begnügen, durchs Fenster zu schauen. Ich habe den Namen dieses Cafés nie gehört. Es ist aber offenbar berühmt. Ein „Sehnsuchtsort der Popliteratur“. Ich kenne die Popliteratur nicht, da war ich noch nicht in Deutschland und ich war vielleicht auch noch zu jung, um mich dafür zu interessieren. Ich habe einmal ein Buch von Kristian Kracht gelesen, „Faserland“. Ich dachte die ganze Zeit, dass da etwas kommt, ich erwartete, dass da noch etwas passiert. Aber da kam nichts und da passierte auch nichts. Wenn das die Definition von Popliteratur ist, dann ist das nicht meine Literatur. Dennoch freut es mich, dass die Literatur immerhin in der Lage ist, aus einem normalen Café einen Ort der Sehnsucht zu machen.

    Morgens um fünf in Halle-Neustadt, einer Satellitensiedlung des DDR Wohnungsbauprogramms, alles Plattenbauten, heißt es ladipar: „Um diese Uhrzeit wirkt jede Stadt unbewohnt, aber in Halle-Neustadt ist die Diskrepanz zwischen sichtbarem Wohnraum und unsichtbarer Bevölkerung besonders groß.“ Wir bekommen außerdem eine vollständige Interpretation des besten schlechtesten Gedichtes aller Zeiten, oder beinahe jedenfalls. Seltsamerweise wird Pynchons „Die Enden der Parabel“ als Jugendbuch bezeichnet. Hier die, wie ich finde, schönste Formulierung: „Links und rechts frühherbstliche Felder, darüber ein paar Wolkenzitate aus verwitterten Schlachtengemälden.“

    Der abstrakte Tourismus, wie ihn Frank Fischer präsentiert, ist, anders als erwartet, ausgesprochen dicht an Erlebnissen. Möglicherweise liegt das vor allem an dem Autor und seinem Bericht und nicht so sehr an der Art des Tourismus.

    Vielleicht wär es klug von mir gewesen, vorher die Harzreise von Heinrich Heine zu lesen. Habe ich nicht getan. Wer klüger sein will als ich es war, der kann Heine hier nachlesen.

    Im letzten Drittel des Buchs finden sich Fotos jener Orte, die in den beiden vorhergehenden Dritteln beschrieben wurden. Ich hätte mir Fotos von der Autobahn gewünscht. Autobahn, das ist ein sehr deutsches Wort. Und weltweit bekannt. In Rumänien wird die „Deutsche Autobahn“ für das achte Weltwunder gehalten. So eine deutsche Autobahn hat mindestens 30 Spuren in jede Richtung – wohlgemerkt in jede Richtung und nicht nur, wie alle anderen Autobahnen, in zwei Richtungen – Mit einer solchen Autobahn kann man sich die Natur endgültig Untertan machen und die Nachfolge Gottes, sollten da noch Zweifel herrschen, ist geklärt.

    Nach der Lektüre hat mich das merkwürdige Gefühl beschlichen – ich kann das nicht belegen, das ist etwas, was sich mit den Jahren der Lektüre einstellt – dass, während Frank Fischer den Wagen gesteuert hat, jemand auf dem Beifahrersitz saß, ein hübsches blondes oder doch eher brünettes lyrisches Ich, das dem Herrn Fischer all sein Wissen eingeflüstert hat, welches er uns mit lockerer Hand präsentiert. Woher, frage ich mich, sollte ein Mann das sonst alles wissen?

    Frank Fischer ist übrigens der Betreiber von Der Umblätterer, und hat außerdem eine Webseite.

    Frank Fischer, Die Südharzreise
    Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen
    Nachwort von David Woodard
    Bilder von Andreas Vogel
    96 Seiten, Broschur, EUR 10,00
    ISBN 978-3-941592-12-4





    04 Juni 2010

    Jenseits des physikalisch Machbaren

    Ich will noch einmal von mir persönlich berichten, obwohl ich das auch als Lückenfüller missbrauche. Aber die Literaturbesprechungen ziehen sich unbeabsichtigt in die Länge; der Erkenntnisprozess zieht sich in die Länge.

    In diesem Beitrag heute kommen nur Umstände zur Sprache, die ich nicht zum ersten Mal erwähne: zum Beispiel, dass ich den ganzen Tag in der Bibliothek sitze. Und dass, weil da viele Juristen sind, ich recht häufig neben einem Vertreter der Jurisprudenz sitze. Immer neben einem, weil das meist Zweiertische sind, aber immer neben einem andern. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich mich mal zu einem von denen herüber beugen und ihn fragen, was eigentlich ein Erkenntnisprozess ist. Und ob man den gewinnen kann.

    Ich sitze also in dieser Bibliothek, fünf Tage in der Woche, zwischen zehn und zwölf Stunden am Tag, und schreibe an meinem Roman. Leider mache ich im Moment wenig anderes. Das ist für eine gewisse Zeit in Ordnung. Wenn ich dann abends aus dem Gebäude komme, krieche ich auf dem Zahnfleisch. Ich radele schwankend nach Hause, esse irgendwas, egal was, irgendwo stopfe ich das rein, kaue da irgendwie drauf rum, und gucke mir irgendwelche Videos an. Irgendeinen Scheiß. Bloß nicht denken! Mein Gehirn fühlt sich wund an, kaputt, zersprungen. Brei. Ich gehe dann nicht einmal ans Telefon, weil ich keine Lust habe, mich zu unterhalten. Weil ich keine Sätze mehr formulieren kann. Weil ich fix und fertig bin. So fühle ich mich nie, wenn ich andere Dinge tue, wenn ich für die Dissertation schreibe. Akademisches Arbeiten ist im Vergleich mit dieser Arbeit die reinste Erholung. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht, weil da so viel an Hoffnung und an Erwartung drin steckt. Und das Verrückte ist: wenn ich endlich abends im Bett liege, dann lächele ich, weil ich mich so sehr auf den nächsten Tag freue. Das saugt derzeit meine gesamte Existenz und alle meine Kräfte auf. Und ich freue mich auf den kommenden Tag, ich kann es kaum aushalten, dass es endlich weitergeht.

    Das hier habe ich in der vergangenen Woche gesehen.

    Ich habe mir diese vier Videos angeschaut. Das kann man sich anschauen, das ist durchaus informativ und lehrreich. Warum aber schaue ich mir das an? Ich interessiere mich nicht für Technik Das sind für mich Spielereien, Männerspielzeug. Ich habe Angst vorm Fliegen. Danach habe ich mir noch Experimentalflüge angeschaut, irgendwelche Loopings und Überschläge, weiß der Teufel, weiß der Rote Baron was ich da gesehen habe. Das mag manchen Menschen durchaus Respekt abnötigen, all dieser technische Firlefanz. Sie fühlen sich vielleicht besonders sicher, wenn 600 Tonnen abheben und sie wissen, dass die Wirbel am Ende der Flügel, die mit 90 Meter Spannbreite irgendwo herunterhängen,weniger gefährlich sind als bei kürzeren Flügeln oder wenn diese Flügel aus Fiberglas, statt aus Stahlbeton sind; wenn derart die Grenzen des physikalisch Machbaren ausgereizt werden ….

    Meinen ersten Roman finde ich ästhetisch und formal gelungen, ich finde ihn spannend etc. etc etc etc. Das ist ein schöner Mittestreckenjet. Woran ich gerade arbeite, ist eine ganz andere Kategorie. Bei mir sind alle Hemmungen gefallen. Das Ding an dem ich schreibe ist ein A 380. Ich kann es selbst nicht fassen, aber ganz viele Probleme, die ich beim ersten Mal hatte, bei meinem ersten Text, die habe ich jetzt nicht mehr. Oder ich weiß wie man sie löst. Ich habe da vorne tausend Instrumente und zu meiner eigenen Überraschung kann ich sie lesen und ich kann sie auch bedienen. Ich weiß, wie man so ein Ding fliegt. Das lässt mich bis ins Mark erschauern. Ich weiß, wie man so ein Monster fliegt. Es reagiert auf die Spitzen meiner Finger. Ich kann damit machen was ich will: Und das jenseits alles physikalisch Machbaren, denn ich flieg dieses Ding hier drin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Juni 2010

    Budda in der Bibliothek

    Ich bin müde. Der Typ, der mich da gestern beinahe angelächelt hätte, der seinen Mut zusammensuchen musste und es dann doch nicht über sich bringen konnte, der hat mich immerhin noch bis Mitternacht ausharren lassen. Dann habe ich zwei unruhige Stunden geschlafen, dann gab es einen Betrunkenen in der Kopenhagener Straße, dann einen Feuerwehreinsatz und dann war ich wach. Und müde.

    Da treffe ich doch gestern den Herrn Herbst in einer an Skurrilität und Sexualität reichhaltigen Veranstaltung von Adler&Söhne (die, wie jedes Mal, sehr angenehm war, das sind alles gute Leute, die etwas zu erzählen haben) und musste / durfte mir gleich einen, allerdings lehreichen Vortrag über Aragon und Pirandello anhören. Hört das eigentlich nie auf? Dass man mal wieder etwas nicht kennt und nicht gelesen hat. Ich habe vor einigen Tagen schon wissend mit dem Kopf nicken müssen, als es um jemand ging, dessen Namen ich nicht einmal kannte. Je älter ich werde, desto länger wird die Agenda der noch zu lesenden Literatur. Das kann ja alles gar nicht sein: ich renne jeden Tag in die Bibliothek und kenne immer weniger. Je mehr ich lese, desto weniger kenne ich. Oder desto mehr Unbekannte kenne ich. Die ich ja nicht kenne. Vielleicht sollte ich aufhöhen mit dem Lesen. Lesen ist kein probates Mittel, um sich Schriftstellern zu nähern. Ich werde mich heute wie Budda in die Bibliothek setzen und mich, ein paar Zentimeter über dem Boden schwebend, in mich selbst versenken. Vielleicht finde ich da meine Ruhe. Möglicherweise finde ich auch etwas anderes. Ich habe an diesem Abend einige Dinge aus dem Leben von Herrn Herbst vernommen, die sehr vielversprechend klangen und die Lust aufs Leben machen. Die hatten etwas mit Sizilien zu tun. Demnächst mehr in diesem Theater!

    Jetzt gehe ich noch kurz, wie nahezu jeden Morgen nach dem Drei-Schichten-Prinzip vor, nämlich: Erstens, Zweitens, Drittens. Und dann geht’s in die Bibliothek. Noch eineinhalb Stunden, dann machen die die Türen auf.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Juni 2010

    Nachtrag zu gestern zur Kuh von damals

    Ich meine mich erinnern zu können, dass ich gestern noch darüber nachgedacht habe, wie ich das formulieren könnte: ich meine mich erinnern zu können, dass es meine Kuh war, aber ich kann mich tatsächlich nicht an etwas erinnern, was sich wie ein Geschenk angefühlt hat, an einen entsprechenden Akt, an eine Übergabe oder daran, dass ich dem Tier einen Namen gegeben habe. Ein Name ist bei der Individuierung natürlich sehr wichtig. Selbst die Kröte, die unter unserer Terrasse lebte, hatte einen Namen, das allerdings Jahre früher, die hieß Rosalie. Vielleicht täusche ich mich ja auch und ich hatte diese eine Kuh einfach gerne, aus welchen Gründen auch immer. Womöglich war es lediglich dieses Gernhaben, die Liebe, die meinen Besitzanspruch ausgelöst hat und die mich das Tier hat als mein eigenes empfinden lassen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Juni 2010

    Den Mond angeheult

    Ich komme aus einer dörflichen Struktur, von einem Bauernhof, unweit einer mittelgroßen Stadt, aus einem Land, an der Grenze des Balkans, oder eigentlich sogar noch jenseits dieser Grenze. Die Absage eines Verlages hat genau das betont: die Magie dieser dörflichen Strukturen, das mythische Element sei in dem Roman sehr stark ausgeprägt. Man schrieb mir, dass das, was da geschildert werde, für die („kultivierte“ da stand da nicht) hiesige Leserschaft eher schwer nachzuvollziehen sei (dabei spielt der Roman zu achtzig Prozent in Berlin).

    Wo ich herkomme, sind die Gegensätze zwischen Stadt und Land viel deutlicher und sehr viel ausgeprägter. Die Menschen auf dem Land sind teilweise noch viel urwüchsiger. Als ich ein Kind war, bin ich einmal für ein paar Tage abgehauen. Ich habe mich in der Scheune versteckt und von dem gelebt, was ich in der Küche geklaut hatte. Am Tag zuvor war eine Kuh geschlachtet worden. Zum Schlachten kam ein Mann aus dem Nachbardorf, ich hatte das schon einige Male erlebt. Das ist eine ziemlich blutige Angelegenheit, die Hunde drehen dabei total durch. Ich konnte das bis zuletzt nicht verstehen, aber an diesem Tag ging es meiner Kuh ans Leder. Ich weiß nicht mehr, warum es meine Kuh war. Ich glaube wohl, dass mein Großvater sie mir geschenkt hat. Sie war tot, ehe ich es verstehen konnte. Mein Großvater hatte mich hinters Licht geführt. Er hat mich belogen, was das Schlachten der Kuh anging. Das habe ich ihm bis heute nicht verziehen. In mehrfachem Sinne. Ich bin Vegetarierin. Aber ich habe ihm auch emotional nicht verziehen. Das war meine Kuh. Er hatte sie mir geschenkt. Und ich habe sie gern gehabt. Ich mochte ihr Maul und vor allem ihre große Zunge.

    Danach bin ich für drei Tage ausgebüchst. Ich habe mich im Stall verkrochen, der lag hundert Meter vom Haus entfernt. Alles andere war zu weit weg. Ich konnte mir zwar vorstellen, weit weg zu gehen, ganz weit weg, aber ich wusste nicht, wie ich wieder zurückkommen sollte. Ich war vielleicht zehn oder elf und ich wusste immerhin, dass ich wieder zurück musste. Ich habe geheult, ich habe gehofft, dass man mich sucht, dass man mich nicht findet, dass man mich niemals finden wird und vor allem, dass ich bald wieder nach Hause konnte.

    Manchmal verspüre ich heute noch so einen Drang. Ich spüre dann förmlich wie diese Natur, dieses Urwüchsige oder Damalige mir durch die Poren bricht und etwas in mir auflodert. Ich will abhauen. In der vergangenen Woche habe ich einen Teil einer Nacht auf dem Dach verbracht. Das war ein sehr beeindruckender Himmel. Ich bin über eine Leiter auf das Dach geklettert. Das war eine ziemlich wahnwitzige Aktion. Und von dort habe ich mir dann den Himmel angeschaut. Mittendrin in den Elementen, in Wind und Regen. Mittendrin in einem Gefühl von Natur. Ich habe dort oben auf den Knien gesessen und den Mond angeheult. Und ich habe mir überlegt, was ich mit meinem Großvater anstellen würde, wenn er eine Kuh wäre. Ich habe diesen alten Mann gern, aber verziehen habe ich ihm nicht.

    (Ein bisschen kultiviert bin ich dennoch: ich hatte mein Laptop dabei, falls mir langweilig werden würde da oben. Oder für den Fall. Für den Fall, dass ich falle. Dann könnte ich währenddessen noch eben notieren wie sich das anfühlt.)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.