Archiv vom Mai, 2010
05 Mai 2010
Eine Million Euro Gewinn
Ich bin seit einem guten Jahr mit diesem Blog im Netz. 166 Artikel, mehr als 500 Kommentare, fast 600 Spambots, tausend Stunden Arbeit, hunderttausend Euro Umsatz, eine Million Euro Gewinn. Was will man mehr?
Was ist in dem Jahr passiert? Ich bin ein Jahr älter geworden. Das mag anderen als der normale Werdegang erscheinen, aber ich finde es bemerkenswert. Es war exakt ein Jahr und ich bin auch exakt ein Jahr gealtert. Wo steht geschrieben, dass das so deutlich übereinstimmen muss? Das war ein sehr schnelles Jahr.
Ich liebe meine Freunde: Olga, Marie und Julian. Aber auch die anderen, die etwas weiter weg sind. Da sind noch ein paar andere Kreise um mich herum. Und auch ich drehe mich um andere. Ich mag sonntags Kuchen essen gehen, am liebsten mit Marie. Ich mag es, in der Sonne zu liegen, aber ich mache es nie. Ich habe mich von einer vergangenen Liebe erholt. Wenn man sich davon erholen kann. An meinem Körper sind Narben geblieben, das zweite Mal in meinem Leben, dass da Narben entstanden sind.
Ich habe bei „Unendlicher Spaß“ mitgemacht und im Dezember letzten Jahres Guido Graf getroffen. Ich habe Clemens Setz kennengelernt. Ich habe Alban Nikolai Herbst kennengelernt. Ich bin bei Litblogs aufgenommen worden. Mein Blog wird von verschiedenen Institutionen archiviert. Ich habe einen Artikel für den Merkur geschrieben. Der ist zwar abgelehnt worden, aber ich habe ihn dennoch geschrieben. Und ich habe auch noch eine Darlegung hinterhergeschickt. Das eine wie das andere ist nicht richtig angekommen. Ich kann mich dem Verdacht nicht ganz entziehen, dass das mit meinem Artikel gar nicht so viel zu tun hatte.
Ich habe, viel wichtiger, meinen zweiten Roman angefangen. Beim ersten musste ich lernen, wie man Texte baut, wie man Figuren und Perspektiven anlegt und arrangiert. Das war sehr wichtig. Für mein Empfinden ist da etwas sehr schlüssiges und vor allem Ganzes herausgekommen. Aber es gibt Leute, die sehen das anders. Man weiß nie, was andere sehen. Die müssen so einige Erscheinungen am Buchmarkt anders sehen als ich. Das heißt nicht, dass einer von uns blind oder leseunfähig ist. Das heißt lediglich, dass in Deutschland das gilt, was für alle Buchmärkte gilt: man gibt eine Prognose über die Verkaufsfähigkeit ab. Wenn die Prognose zu einem wirtschaftlich negativen Ergebnis kommt, dann lässt man es. Aber auch für den deutschen Buchmarkt gilt, was weltweit gilt: seriöse Prognosen sind kaum möglich. Nur arbeiten andere Buchmärkte – der französische und der rumänische und der angloamerikanische – vielleicht weniger eng mit der einflussreichsten und mächtigsten Institution der westlichen Hemispähre zusammen. Und was meinen eigenen Roman angeht: da ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.
Ich habe meinem Prof von meinem neuen Projekt erzählt. Der weiß um meine literarischen Ambitionen und der nannte das Thema meines zweiten Romans „genial“. Ich sei geradezu perfide, sagte er. Er prophezeit mir eine große Karriere als Schriftstellerin. Das wird dann auf jeden Fall ein sehr spannendes Leben: eine große Karriere bei negativer Prognose. Allerdings halte ich das, was ich in meinem zweiten Roman mache, für die beste Idee, die ich im Leben hatte. Und zwar mit einigem Abstand.
Das erste Kapitel meiner Diss ist fertig, ich war beim Zahnarzt, beim Frauenarzt, mein Computer hatte einen Systemabsturz und ich daraufhin einen Nervenzusammenbruch. Ich bin vom Rad gefallen. Ich habe schöne Musik kennengelernt, ich habe eine Rezension für die Universität Marbach geschrieben. Ich habe Olga einen Holzklotschen hinterhergeworfen, der gegen die Türe geflogen ist und eine tiefe Macke hinterlassen hat. Ich habe mir in den Finger geschnitten. Ich habe ein paarmal geweint. Einmal ziemlich bitterlich, da habe ich meinen ehemaligen Freund Juan mit seiner neuen Freundin getroffen. Bei dieser Gelegenheit musste ich feststellen, dass ich mir den Wurf mit den Holzpantienen besser für diese Gelegenheit aufgespart hätte.
Ich habe ungefähr tausend Mal gelacht. Ich habe auch tausend Mails geschrieben, unabhängig voneinander. Manchmal habe ich Heimweh nach Siebenbürgen, nach den Bergen, und manchmal denke ich an meine drei Jahre in Bukarest.
Manchmal kommt Stella mich besuchen, meine Freundin aus unserm Haus. Sie wohnt mit ihren Eltern eine Etage unter uns, im zweiten Stock und wir beide lieben uns sehr. Sie ist jetzt sieben Jahre alt und ich war auf ihrem Geburtstag. Nach dem Kaffeetrinken sind wir alle zusammen auf dem Spielplatz gegangen und da sagte ein Junge zu Stella : dann kann deine Mama ja die Schaukel anschieben. Dabei nickte er mit dem Kopf in meine Richtung. Ziemlich unwirsch entgegnete Stella: das ist doch nicht meine Mama, das ist meine Freundin. Über den Satz habe ich mich den ganzen Abend gefreut.
Einmal hat mich ein Typ auf dem Rad angelächelt, dass ich tagelang an nichts anderes denken konnte, als daran, wie der mir die Klamotten vom Leib reißt. Ich habe jeden Morgen meine besten Sachen angezogen, aber ich habe ihn nicht wiedergesehen. Bis ich einsehen musste, dass das nichts wird. Da habe ich aufgehört, mich für ihn schön zu machen. Ich war sauer auf ihn. Der hat bestimmt noch nie einer Frau die Klamotten vom Leib gerissen. Der zieht sich und andere anständig aus, faltet das ganze Zeug fein säuberlich zusammen, und dann entschließt er sich, dass demnächst mal was passieren wird. Aber was das sein wird, das weiß er noch nicht so genau.
Ich hatte mit meinem “Busenfreund” Julian ein sehr wichtiges Gespräch über Liebe, über Treue und Untreue und Enttäuschungen, bei Wein und Käse.
Ich lebe in Berlin als lebe ich schon immer hier.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 0:30 eingtragen | Kommentare: 20 | Kommentieren
02 Mai 2010
“Die menschliche Seele ist bekanntermaßen ein fragiles Konstrukt”
Statt weiteren Lamentierens, bringe ich hier ein Zitat zur Situation von Schriftstellern (und, darf ich einmal hinzufügen, auch Schriftstellerinnen).
„Die menschliche Seele ist bekanntermaßen ein fragiles Konstrukt, ständig beschossen und verformt durch von außen kommende Eindrücke und Informationen, willkommenen und solchen, die sie ständig aus dem Gleichgewicht zu bringen drohen. Glücklicherweise lernt der Mensch, seine Seele zu schützen, sie mit einem dicken Panzer, besser: einer intelligenten Membran zu umgeben, die das Erwünschte durchlässt, das Gefährdende aber aussortiert und im Speicher des Unbewussten hortet. So gelingt es den meisten Menschen recht gut, seelisch einigermaßen durchzukommen, selbst wenn sich der Schutzmantel hier und da als löchrig erweist.
Schwierig zu leben ist es jedoch für jenen, der schreibend die Welt in ihrer Wirklichkeit reflektiert. Die Membran, die seine Seele schützt, muss zugleich in hohem Maße durchlässig sein, um Freuden und Leiden der Welt und ihrer Bewohner in unverfälschter Form wahrnehmen und danach im eigenen Werk bezeugen zu können. Was der Durchschnittskonsument im Hagel der täglich auf ihn herab prasselnden medialen Botschaften locker von sich abtropfen und ihn selber in der Stimmungslage kaum beeinflussen lässt, das trifft einen Ausnahme-Schriftsteller wie Kleist oder Wallace als wären es Pfeile, die fortwährend mehr oder minder schmerzende Wunden hinterlassen. Ob und wie lange solches – selbst unter dem Schutz gebenden Dach gesellschaftlicher Gratifikation, eines finanziell gesicherten Auskommens, einer abschirmenden Beziehung – auszuhalten ist, bleibt jenen meist eine lebenslange Frage.“
(Hans Wedler, Hier auf Erden kein Bleiben mehr, Der Suizid in den Erzählungen von Heinrich von Kleist und David Foster Wallace, Heilbronner Kleistblätter Nr. 21, 2009, S. 132-149.)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema mittel, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 21:52 eingtragen | Kommentare: 13 | Kommentieren











