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  • 27 Mai 2010

    Der Bourgeoisie aufs Maul hauen

    Da kommt kein Text mehr. Keine genaue Darstellung, wie ich mir das vorstelle, dieses Aufs-Maul-hauen. Das ist nämlich nicht mein Text. Ich hörte diese Worte heute Vormittag in der Bibliothek, diesen halben Satz. Darin lag eine Menge Verachtung. Der Satz wurde mehr dahin gekotzt als dass er ausgesprochen wurde. Der Typ, der das sagte, war nicht schlecht gekleidet, sicher keiner der materiell Benachteiligten in dieser Gesellschaft. Vielleicht hat er in seinem Eifer übersehen, dass er genau zu jenem Personenkreis zählt, zur Zielgruppe derer, denen er da gerne was aufs Maul hauen wollte. Womöglich kannte er die Bedeutung des Substantivs auch nicht genau. Oder er hatte Angst vor denen, die der Bourgeoisie aufs Mal hauen wollten und meinte, sich ihnen angleichen zu müssen, indem er sich über die Maßen ereifert. In der Hoffnung, sie würden ihn nicht als denjenigen identifizieren, dem sie ihrerseits gerne was aufs Maul hauen würden.

    Weil das der falsche Ansatz ist, Leuten was aufs Maul zu hauen, gibt’s jetzt stattdessen was auf die Ohren: Coco Rosie, Tekno Love Song

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von madtus
    Datum/Uhrzeit 28. Mai 2010 um 01:08

    Die gibt’s doch aber bestimmt nochmal in echt in der Youtube.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. Mai 2010 um 07:16

    Lieber madtus,
    die gibts auch noch in echt, aber ich fand dieses Video so schön (tja: und ich habe auch gedacht, dass sind die beiden).
    Aléa

    Kommentar von keiner der materiell Benachteiligten in dieser Gesellschaft
    Datum/Uhrzeit 28. Mai 2010 um 13:44

    “man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.”

    Martin Luther, Sendbrief vom Dolmetschen (1530)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. Mai 2010 um 22:33

    Ich sage einmal “Du” zu dir und nutze von daher nur deinen Voranmen und nicht diesen langen Nachnamen, der ein bisschen nach althergebrachtem Adelsgeschlecht klingt, aber wie gesagt, ich dutze dich: Hallo Keiner!

    Vielen Dank für das Zitat von Martin Luther. Ich hatte hier mal jemanden als Kommentator, der hat auch Martin Luther zitiert, bis ich ihm aufs Maul gehau.. habe (geschaut, wollte ich sagen, pardon, das war nicht sehr feminin) und der prahlte doch damit, dass er sich im Internet solche Fickseiten anschaut und meinte dann hier schwadronieren zu müssen, dass er damit im Einklang mit Luther sei. Das bist nicht zufällig auch du? Dieser Mensch hat sich mit Anreden und Zusammenhängen ein wenig schwergetan. Oder ich habe mich schwergetan, diese Zusammenhänge zu erkennen. Wie dem auch sei: wer bist du denn?

    Kommentar von tobias maus
    Datum/Uhrzeit 29. Mai 2010 um 00:52

    Liebe Aléa Torik,

    die althergebrachten Adelsgeschlechte, die liegen mit eher fern. Wie der Zusammenhang zwischen “Fickseiten” und Luther sich gestalten sollte, erschließt sich mir nicht – so ist es auszuschließen, dass ich mit jenem identisch bin.

    Dass eine Erläuterung, warum ich das Zitat setzte, höflich gewesen wäre, gebe ich zu, und bitte um Verzeihung. Mein Vorgehen war den Regeln einer ordentlichen Konversation nicht angemessen.

    Nun nachgesetzt:
    Ich fand es sehr schade, dass Sie den Ausspruch einfach so setzten, ohne auf den Zusammenhang näher einzugehen und anhand dessen den Sprecher zu kritisieren; nicht einfach denjenigen abzukanzeln, der sich schwerlich wehren kann. Unter uns : aufs Maul hauen ist bei Zeiten durchaus ein probates Mittel. Nicht unbedingt feminim, wenn es das gibt, aber unter gewissen Umständen durchaus statthaft.

    Immerhin : aufs Maul hauen – das hätte Luther sicherlich auch sagen können (das rechtfertigt selbstverständlich nichts).
    Und “Der Bourgeoisie aufs Maul hauen” – das ist doch gut “aufs Maul geschaut”?

    Wenn ich nicht fehlgehe, meinte Luther, der Übersetzer solle die Sprache des Volkes verwenden, um diesem verständlich übersetzen zu können – in diesem Sinne ist doch der Ausspruch des Gescholtenen sehr geistreich, ist doch die grobe Gewalt ausgerechnet die Sprache, die dem Bürgertum fremd ist (sein sollte) – und (mittlerweile?) doch – das unterstelle ich bös – die einzige, auf die noch gehört wird.

    Mit bestem Gruße,
    Tobias Maus

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 29. Mai 2010 um 09:50

    Lieber Tobias Maus,

    ich freue mich über Ihre Mail. Ich freue mich, dass Sie meine gestrige, etwas flapsige Antwort nicht vertrieben hat. Ich freue mich, dass Sie sich mitten in der Nacht noch hingesetzt haben, um Ihren ersten Kommentar zu erklären.

    Ich muss mich meinerseits für meinen Ton entschuldigen: ich meinte tatsächlich nicht Sie, sondern jemanden, der immer wieder mit absonderlichen Zusammenhängen hier aufwartet, von denen die eine oder andere sich für meinen vielleicht etwas empfindlichen Geschmack recht nah an der Beleidigung aufgehalten hat. Ich dachte, dass derjenige jetzt auch noch die Mailadresse gewechselt hat und dasselbe einfach noch einmal aus einer anderen Richtung probiert.

    Zu den Regeln der Konversation: dazu wird man erzogen, wenn man einander gegenübersitzt. Im Netz braucht man diese Regeln nicht mehr unbedingt. Man bleibt, wenn einem etwas nicht passt, einfach weg. Und bemerkt nicht, dass diese Reibung, die in Gesprächen entsteht, die dann entsteht, wenn die Personen und die Meinungen nicht haargenau zueinander passen, weil sie Ecken und Kanten haben; man bemerkt dann nicht, dass diese Reibung notwendig ist, wenn zwei miteinander umgehen; dass sie zum Gespräch dazu gehört und damit umzugehen zur Gesprächskultur; dass diese Reibung kein Zeichen von Dysfunktion ist, sondern ganz im Gegenteil, konstitutiv. Dass Sie nicht weggeblieben sind, zeigt deutlich, dass Sie noch nach den Regeln dieser Konversation funktionieren. Ich auch.

    Aufs Maul hauen: möglicherweise ist das unter Männern bisweilen ein probates Mittel. Ich will nicht in Abrede stellen, dass es Situationen gibt, wo man Leuten aufs Maul hauen muss, und ich will nicht einmal in Abrede stellen, dass es auch zur Kultur gehören kann, irgendwann mit dem Reden aufzuhören und jemandem was aufs Maul zu hauen. Dennoch schätze ich eher die gewaltfreiere Variante, das Reden. Sigmund Freud sagte, ich paraphrasiere: derjenige, der seinem Gegenüber im Streit, statt ihm einen Stein an den Kopf zu werfen, ein Wort an den Kopf warf, war der Erfinder der Kultur.

    Zu meinem Artikel. Es gab da keinen Zusammenhang, jedenfalls nicht für mich. Ich bin morgens in die Bibliothek gekommen, habe mir einen Schrank gesucht und auf dem Weg in den Lesesaal hörte ich zwei Männer miteinander sprechen, und zwar für die Dauer da ich in Hörweite war, drei Sekunden vielleicht. Ich hätte stehenbleiben müssen und nachfragen, um den Zusammenhang zu erfassen. Habe ich aber nicht gemacht. Auf dem Weg in den Lesesaal bin ich meist schon tief in Gedanken. Ich fand auch die Art und Weise wie der Mann diese Worte aussprach, nicht unbedingt anziehend. Es hat mich nichts an dieser Situation interessiert, was mich hätte nachfragen lassen können.

    Vielleicht war das nicht nur ein inaktives Desinteresse, sondern ein aktives. Ich hätte bei einer Einmischung sicher auch mein eigenes Verhältnis zur Bourgeoisie und allem klären müssen, was sich damit in Verbindung bringen lässt. Das ist viel, das hat etwas mit Gesellschaftsform zu tun, mit Politik, mit meiner Herkunft. Ich habe mit meinem mangelnden Interesse an einer Intervention auch etwas anderes abgelehnt: die Auseinandersetzung mit dem Thema Geld. Ich könnte jetzt sehr viel sagen, unausgegorenes Zeug vor allem, und belasse es deswegen bei einer einzigen Äußerung: ich schätze Geld nicht. Ich hoffe, dass ich Sie nun nicht erneut mit so einer Äußerung vor den Kopf stoße, weil Sie es womöglich für eine Dummheit halten.

    Wenn Sie auch in Berlin leben sollten (was ich aus Ihrer Mailadresse schließe), dann schauen Sie doch mal aus dem Fenster und zwar in die Richtung, die man allgemein, und etwas unspezifisch als „oben“ bezeichnet: das sieht doch wunderbar aus, oder? Das ist mal ein Wetter, das diese Bezeichnung auch verdient (obwohl ich auch Wind und Regen mag, vor allem, wenn sie zusammen auftreten).

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von tobias maus
    Datum/Uhrzeit 29. Mai 2010 um 13:13

    Liebe Aléa Torik,

    nein, Sie stoßen mich nicht vor dem Kopf. Ohne Ihre Position genauer zu kennen, sehe ich eher ein gewisses Einverständnis.

    Allerdings ließe sich trefflich darüber diskutieren, ob Bourgeoisie & Geld heutzuttage noch notwendig zusammengehören – dies wäre vermutlich der Punkt, an dem es für jenen von Ihnen Gescholtenen brenzlig würde – aber von einer Diskussion sehe ich ab, denn das Wetter auf meinem Balkon – da haben Sie zweifelos recht – ist schöner, als meine Wohnung.

    Herzlich,
    Ihre maus