20 Mai 2010
Das philosophische Seminar
Im philosophischen Seminar an der Universität in Bukarest lebte eine Frau. Sie lebte, wo wir studierten. Ich habe nicht mit ihr gesprochen. Niemand hat mit ihr gesprochen. Sie war vielleicht sechzig und ich war zwanzig, zu jung und zu unreif, um dieses Schweigen zu durchbrechen.
Sie verließ das Gebäude morgens, wenn die Studenten kamen und sie kehrte abends wieder zurück, wenn wir das Gebäude verließen. Sie kam abends nach Hause. Den Tag verbrachte sie, soweit ich das wusste, in einem Park in der Nähe. Sie schlief im Institut, sie ging dort zur Toilette. Sie putzte sich die Zähne auf der Toilette. Sie besaß sechs oder sieben Taschen und einen kleinen Wagen, auf dem sie das alles hinter sich herzog. Sie war immer ausgesprochen gepflegt, in der Kleidung, im Benehmen und in der gesamten Erscheinung.
Warum sie sich ausgerechnet das philosophische Seminar als Lebensort ausgesucht hatte? Vielleicht erwartete sie ein besonderes Verständnis von den Studenten einer Geisteswissenschaft. Oder sie erwartete Zurückhaltung, Aufmerksamkeit oder Ehrfurcht oder Neugier. Oder sie erwartete gar nichts von den Studenten, sie war die abgewiesene Liebhaberin eines Professors, oder eine ehemalige, dann aber verstoßene Gattin. Vielleicht war sie auch nur zufällig dort und wusste nicht einmal, dass es sich bei dem Gebäude um das philosophische Institut handelte. Sie wusste vielleicht nicht einmal, dass es zu einer Universität gehörte, nicht, dass sie in Bukarest war, in Rumänien, in Europa und auf der Welt. Vielleicht hatte sie ihr Gedächtnis verloren und irrte zwischen Institut und Park hin und her. Sie war womöglich nicht unglücklich dabei, sondern sogar sehr zufrieden, kannte sie doch jemanden, der nur einen einzigen Ort hatte, wo sie über die doppelte Anzahl verfügte. Diese Jahre gehörten allerdings schon nicht mehr in die Zeit politischer Verfolgungen, aber vielleicht wusste sie das nicht.
Einmal sah ich sie auf dem WC. Das war wirklich nur ein Toilette, ein Abort. Ich sah sie nur von hinten, im Spiegel, sie hatte ihre Bluse aufgeknöpft und hielt mit einer Hand. Mit zwei Fingern die auf ihrem faltigen, aber schönen Dekolleté liegende Perlenkette. Das war eine sehr intime Situation, ich drehte mich auf dem Absatz um und wollte ungesehen verschwinden. Aber sie hatte mich bemerkt und sah mich erschreckt an. Ich aber sagte nichts und verließ die Toilette.
Warum habe ich sie nicht gefragt? Warum habe ich mich nicht umgedreht und sie gefragt, wer sie ist? Ich hätte ihre Geschichte gehört und vielleicht hätte ich sie dann hier berichtet, vielleicht auch für immer verschwiegen. Aber ich hätte Anteil genommen. Und das habe ich nicht getan. Ich kannte damals das Wort Lebensgeschichte noch nicht. Ich wusste nicht, was einem im Leben alles widerfahren kann und bei wie vielen Gelegenheiten man scheitern kann. Dass es winzig kleine Situationen gibt, die einen aus der Bahn werfen können, die einen vielleicht für immer aus der Bahn des Lebens katapultieren können.
Erst in der Erinnerung an sie fällt mir auf: das war eine wirklich schöne Frau. Und ein Mensch mit Würde.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 20th, 2010 unter lang, Paralipomena












Kommentar von avenarius
Datum/Uhrzeit 21. Mai 2010 um 08:21
Liebe Alea,
wir haben Erscheinungen. Wir befragen sie nicht. Der kaltherzige Journalismus tut dies, Fragen stellen, Schatten. Was hätte man auch fragen können? Vielleicht ein paar biografische Data hätte man erhalten, bestenfalls noch “Stoff”. Es geht in diesen Momenten nicht um des Rätsels Lösung. Der sich einstellende Eindruck des Erhabenen verschlägt einem nämlich die Sprache. Erst später, aus der Distanz, rekonstruieren wir ihn – als Kunst.