16 Mai 2010
Der Salon Sucre
Der heutige Eintrag ist eine Antwort auf Jean Stubenzweig, der mir einen schönen langen Kommentar ins Blog geschrieben hat. Ich nutze die Gelegenheit, ihm zurückzuschreiben:
Ich freue mich, dass Sie mir etwas über sich und Ihre Person mitgeteilt haben. Als Blogbetreiber(in) stellt man recht viel von sich selbst zur Schau, zumindest stellt man es aus, erfährt jedoch oft wenig von den anderen, den Kommentatoren. Und von den nicht kommentierenden Lesern erfährt man sogar noch weniger, gar nichts.
Obwohl ich, ich schrieb Ihnen dies schon, eigentlich nie in der Gegend am Kurfürstendamm bin, verbindet mich mit dem betreffenden Eisenwarenladen eine Geschichte. Da ich Schriftstellerin werden will (ich sage dies nur, weil Sie mich ja nicht kennen, allen anderen hängt es wohl bereits zu den Ohren heraus) und da der Job, den man da machen will, vorrangig aus dem Erzählen von Geschichten besteht, wird es Sie nicht wundern, dass ich Ihnen diese eine nun hier erzähle. Eine Geschichte, die niemandem irgendwo heraus hängen kann, weil sie noch niemand kennt.
Die hat etwas mit meinem Roman zu tun, „Berlin am Meer“. Den hat natürlich schon der eine oder andere gelesen, eine Handvoll Lektoren und Agenten, das betreffende Kapitel habe ich jedoch immer herausgelassen. Das trägt die Überschrift „Der Salon Sucre“. Das kennen nicht einmal meine Korrekturleser. Der Grund für diese Auslassung war der, dass es zwei Varianten dieses Kapitels gibt und ich mich nicht zwischen ihnen habe entscheiden können. Beiden gemeinsam ist aber, dass sie nicht vollständig ausgearbeitet sind. Das Kapitel bietet keinen inhaltlichen Fortschritt in dem Text, sondern dient lediglich dazu, ein Gefühl für die Stadt Berlin zu erzeugen. Wie ich selbst es hatte, als ich hierhergekommen bin.
Die erste Variante hat folgende Urszene: Ich lebte seit etwa einem halben Jahr in Deutschland, da geriet ich vor einem Hotel einen Auflauf. Es war, soweit ich mich erinnere, mitten in der Nacht, aber alles war taghell erleuchtet. Vier große Feuerwehrwagen standen vor dem Gebäude, die lange Rohre in die Luft streckten. Und überall standen Menschen. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um die Szene zu verstehen: Der äußerste Ring der Menschen bestand aus Schaulustigen, der innere aus Leuten vom Film und ganz im Zentrum stand ein Paar unter einem Regenschirm. Die Wagen der Feuerwehr mit ihren langen, in die Luft gestreckten Rohren, die haben nur den Regen simuliert. Diese Szene habe ich verwertet, indem ich es in dem betreffenden Kapitel bei allen Gelegenheiten regnen lasse. Irgendwo in jeder der dort beschriebenen Szenen, findet sichein Liebespaar unter einem Regenschirm, und drum herum stehen die Wagen der Feuerwehr, die es aus diesen langen Rohren regnen lassen.
Die zweite Variante dieses Kapitels stammt nicht allein aus meiner Feder: da durften alle mitschreiben, die ich kenne. Das war ein wunderschöner und unendlich lustiger Nachmittag. Ich habe den Freunden und Bekannten erzählt, worum es mir geht und dann haben wir alle miteinander assoziiert und währenddessen lief ein Aufnahmegerät. Das habe ich später abgeschrieben und in eine Ordnung gebracht. Berlin dient in meinem Roman als Gegensatz zu dem Dorf, aus dem der Protagonist kommt. In diesem Dorf, so heißt es an ein oder zwei Stellen, gibt es nichts, einfach gar nicht: Keinen Bäcker und keinen Fleischer und keinen Lebensmittelladen. In der Stadt hingegen gibt es alles. Ich habe an jenem Nachmittag die Anwesenden aufgefordert mir zu sagen, was es in der Stadt gibt. Das Kapitel ist mehr oder minder eine Aufzählung von Aufzählungen (das war allerbestes Vokabeltraining), mit ein paar klugen Bemerkungen garniert. Oder was ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten, für klug halte. Das sieht dann beispielsweise so aus:
„ … Berlin ist die Stadt der Einsamen, die ständig steigende Zahl der Single- und Einpersonenhaushalte macht einen selbst dann einsam, wenn man es gar nicht ist, Eheanbahnungsinstitute und Partnervermittlungen, Standesämter, Hochzeitskleider und Brautmoden, Kutschen, Babyausstatter, Eheberatung, Scheidungsanwälte, Wahrsager und Teufelsaustreiber, Inkassobüros und Gerichtsvollzieher; Einkaufszentren, Kaufhäuser, Supermärkte, Tante-Emma-Läden, Bioläden, Naturkostläden, Reformhäuser, Drogerien, Reisebüros, Schuhgeschäfte, Zeitungsläden, Eisdielen, Raumausstatter, Optiker, Studios für Maniküre und Pediküre, Schreibwarenläden, Haushaltsgeräte, Elektrogroß- und kleingeräte, Bastelläden, Fahrradläden, Küchenausstatter, Photostudios, Änderungsschneidereien, Geschäfte für Tapeten und Teppichgeschäfte, Geschäfte für Farben und Lacke, Sportbekleidungsfachgeschäfte, Taschen- und Kofferfachhandel, Gardinengeschäfte, Hutgeschäfte, Spielzeuggeschäfte, Lampenläden, Bettengeschäfte, Zoohandlungen, Teegeschäfte, Juweliere, Uhrengeschäfte, Reinigungen, Schuster, Restpostengeschäfte, Stempelgeschäfte, Schildergeschäfte, Gravuren, Maßkonfektionäre, Herrenausstatter, Videotheken, Blumengeschäfte und Gärtnereien, Fleischereien und Bäckereien mit Brot und Brötchen und Hörnchen und Laugenbrezeln und Käsestangen in den Regalen, mit Hefezöpfen und Pasteten und Marmeladentörtchen und Plunder und Sahnetorten und Baisers und Croissants und Tarts und Eclairs und Petit Fours und Baumkuchen und Apfeltaschen und Kirschkuchen und Pflaumenkuchen und Windbeuteln und Krapfen und Makronentörtchen und Vanillekipferl und Spekulatius und Eierschecke und Bienenstich und Kameruner und Kopenhagener und Amerikaner und Mailänder- und Linzer Schnitte und Russischer Zupfkuchen und Blätterteigtaschen und Zitronenrollen und Streuselschnecken und Ochsenaugen und Schweineohren und Mohrenköpfen und Nussecken und Mandelhörnchen und Mutzenmandeln und Florentiner und Heidelbeermuffins und Marmorkuchen und Kalter Hund und Rumkugeln und Rhabarber- und Preiselbeertörtchen und Quarkstrietzel und Joghurtschiffchen und Frankfurter Kranz und Sachertorte und Donauwelle und Lebkuchen und Printen und Dominosteine und Zimtsterne und Marzipankartoffeln … “
Die Überschrift des Kapitels stammt von einer Aufzählung von Cafés und Restaurants, Orten, an denen man ausgeht.
„ … das Berghain, der, wie man in Berlin sagt, beste Technoklub der Welt, der Laden über dem Berghain, die Panoramabar, und der Laden unter dem Berghain, in dem Klamotten nicht erlaubt sind, nicht einmal ein Stringtanga, nur Socken, denn die Füße will man sich gerade nicht dreckig machen, ansonsten aber alles, und je dreckiger, desto besser; der Pfefferberg, Der stille Don, Zur fetten Ecke, die Naunynritze, der Salon Sucre am Görlitzer Park, Mann und Frau teilen sich das Ladengeschäft, sie besitzt einen Frisiersalon, er eine Patisserie, dort gibt’s den besten Espresso der Stadt, einen französischen aus einer italienischen Kaffeemaschine; sie sind ein Paar und mit viel Glück kann man erleben wenn sie sich schlagen und später wieder versöhnen – ganz großes Theater – da sitzt man dann draußen vor der Tür bei plus dreißig oder minus zwanzig Grad, die klammen Finger um die Tasse gelegt und denkt sich, während hinter einem die Fetzen fliegen: das Leben ist wie es ist, und, bei allen Tiefen und Abgründen, ist es einfach schön, es ist manchmal geradezu unerträglich schön; die Gerüchteküche am Heinrichplatz, Der goldene Hahn, exzellenter Fisch und schöne Frauen, …“
Und jetzt komme ich zu dem Eisenwarenladen C. Adolph:
„ … Spielplätze, Matratzenläden, Nagelstudios und Friseure und Eisenwarenläden, C. Adolph am Savignyplatz, genau das Richtige für Leute mit ausgeprägter Ferrophilie. Man braucht keine Axt, wozu auch, man hackt kein Holz, man hat eine Ölheizung oder eine Gasetagenheizung, aber wenn man einmal in der Nähe vom Savignyplatz ist, kauft man eben doch eine, mit einem langen Stiel, mit konkav-keilförmiger Schneidengeometrie und einer Lederschürze um den Bart, die man dann über der Schulter nach Hause trägt, so dass man von da an nur auf die große Gelegenheit warten muss, um irgendwann einmal mit einer gigantischen Wut hineinzuhacken. Aber die Gelegenheit kommt nicht. Oder man ist einfach nicht mehr wütend. So wie man vielleicht früher wütend war, diese Zeiten sind lange vorüber. Man betrachtet die Axt bisweilen. Man wartet, man wartet Jahr um Jahr, man poliert den Schaft, schleift bisweilen die Scheide an, um dann eines Tages festzustellen, dass sie wirklich nicht gekommen ist, diese Gelegenheit. Im Alter hält man die Axt in Händen und weiß, dass das Leben nicht so gelaufen ist wie man es sich erhofft hatte, aber ist man deswegen gescheitert? Man hat ja dennoch gelebt und außerdem soll man die Hoffnung nicht zu früh aufgeben; da liegt man dann eines Tages auf dem Totenbett und der Pfarrer kommt, um einen einzusegnen oder das Pflegepersonal und dann erkennt man mit einem Mal: das ist sie, die große Gelegenheit. Oder man kauft in dem Laden einfach einen kleinen Metallring, einen Schlüsselring, ohne irgendeine Verwendung dafür zu haben, es ergibt sich vielleicht einmal die Gelegenheit und man muss nicht jahrelang darauf warten wie mit der Axt und wenn sich im Laufe der Jahre keine Gelegenheit findet, wer weiß, vielleicht steht man eines Tages vor einem Spiegel, nimmt den Ring und steckt ihn sich an den eigenen Finger, willst du mir treu sein und mich lieben alle Zeit?, flüstert man an sich selbst gewandt, weil man keinen anderen gefunden hat, den man das hätte fragen können oder die Gefragten alle mit dem Kopf geschüttelt hatten … “
Auf Dauer ist das ein etwas anstrengender Ton und so sehr ich das Kapitel mag und jedes Mal lache, wenn ich mich an den Nachmittag erinnere, und so sehr ich auch die Worte in diesem Kapitel mag, „Joghurtschiffchen“ oder „konkav-keilförmige Schneidengeometrie“, tendiere ich inzwischen doch zu der ersten Variante. Muttersprachler können so einem Vokabeltraining vielleicht auch nicht viel abgewinnen. Da dieses Kapitel aber schwierig ist – weil es vollkommen stillsteht, es gibt keinen Fortschritt in der Handlung – neige ich eben zu der erzählenden, der bewegenderen, also der ersten Variante. Aber ich werde mich nicht entscheiden, bevor ich keinen Verlag für das Manuskript habe. Wie die Entscheidung auch ausfallen wird, das Kapitel ist absolut untypisch für den Roman und gibt keinerlei Aufschluss über den Hergang des Ganzen.
Das war jetzt meine Antwort an Jean Stubenzweig, der wie ich, nicht kurz kann oder will, oder der einfach von sich behauptet nicht zu können oder nicht zu wollen.
Ich habe zwei Neuzugänge auf meiner Blogroll, beides Männer, Jean Stubenzweig und Aisthesis (letzteren kenne ich lediglich durchs Lesen). Im Gegenzug hat es auch zwei Abgänge gegeben, beides Frauen. Wer weiß wozu das gut ist.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 16th, 2010 unter Das Geräusch des Werdens, schikanös












Kommentar von Jean Stubenzweig
Datum/Uhrzeit 17. Mai 2010 um 15:16
Jetzt zunächst einmal (doch) kurz: Die Urszene mit den im Regen stehenden Liebespaaren gefällt mir ausgesprochen gut und folglich alles sich daraus ergebende Nachfolgende. Die «Stadt der Einsamen» inspiriert mich allerdings zum Sabbeln, weshalb ich den (dazu) gehörigen Assoziationen erstmal bei mir freien Lauf lasse. Dann muß ich zunächst von der Denkmaschine weg. Aber ich komme wieder.