07 Mai 2010
Ich hab die Polizei am Hals
Ich hab die Polizei am Hals. Nicht die ganze Polizei, sondern nur einen Vertreter. Und nicht einmal ihn selbst, sondern lediglich seine Ermahnung. Der hielt mich vorgestern auf der Straße an. Mein Rad sei nicht verkehrssicher, sagte er. Den Eindruck, antwortete ich ihm, habe ich schon länger. Aber statt dass er den Kavalier herauskehrt und mir die maroden Sachen repariert, mokierte er sich darüber, dass ich keine „Katzenaugen“ an meinem Fahrrad habe. Katzenaugen? Katzenaugen, sagte er mir freundlich, nenne man diese orangen Reflektoren, die an den Speichen befestigt werden. Alternativ wären auch sogenannte Speichenreflektoren möglich. Ich solle, sagte er, das um die Katzenaugen oder Speichenreflektoren angereicherte Fahrrad in der kommenden Woche auf seiner Polizeistation vorzeigen.
Also bin ich gestern in ein Fahrradgeschäft gegangen und habe eine Packung dieser Reflektoren gekauft, die auf die Speichen aufgesteckt werden. Die leuchten, wenn sie angestrahlt werden. Das Wort Speichen empfinde ich als ein Wort ohne jeden akustischen Wohlklang. Ich betone das, falls es anderen auch so ergeht. Dieses Wort kommt in den nächsten Zeilen häufiger vor. Man muss dann das Wort lesen, aber von seinem Klang absehen. Wenn man von einem Klang absehen kann.
In der Packung befinden sich zweiundsiebzig dieser kleinen Reflektoren. Das steht jedenfalls drauf. Das sollte eigentlich kein Problem sein, denkt man sich. Ich habe das nicht nachgezählt. Irgendeine Anzahl muss ja drin sein, zehn, zwanzig oder hundert. Aber es sind eben zweiundsiebzig. Ein kluger Mensch hat sich nun einige Gedanken gemacht und ist zu einem Ergebnis gekommen, das in aller Breite auf einem Beipackzettel ausgearbeitet ist. Und das sieht, etwas gekürzt, ungefähr so aus: Es gibt insgesamt drei Möglichkeiten. Entweder stimmt die Anzahl der Speichen am eigenen Fahrrad mit der Anzahl der Reflektoren in der Packung überein. Das ist der Idealfall. Der ist im Grunde kein Problem und wird auch nicht weiter diskutiert. Davon abweichend besteht die Möglichkeit, dass das eigene Fahrrad mehr Speichen hat als sich Reflektoren in der Packung befinden. Für diesen Fall wird man darauf hingewiesen, dass das Rad nur dann als verkehrssicher gelte, wenn alle Speichen auch mit Speichenreflektoren ausgerüstet seien. Man hat also Pech und muss noch eine Packung mit zweiundsiebzig von den Dingern kaufen. Der dritte Fall ist mit Abstand der komplexeste. Dieser Fall tritt dann ein, wenn das eigene Fahrrad weniger Speichen hat als Reflektoren in der Packung sind. Sieht erst einmal gar nicht so schwierig aus. Da hat man eben einige über. Aber Pustekuchen! Denn von den zweiundsiebzig Reflektoren sind exakt zwei mit einem Prägeeindruck versehen, der als Prüfstempel gilt. Das Fahrrad, wird man darauf aufmerksam gemacht, gelte nur dann als verkehrssicher, wenn diese beiden mit einem Prägestempel versehenen Reflektoren auch angebracht sind.
Diese dritte Möglichkeit war bei mir bedauerlicherweise der Fall. Also habe ich mich auf die Suche gemacht nach den „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“. Und ich bin auch fündig geworden. Tatsächlich sind da winzig kleine, kaum sichtbare Markierungen zu erkennen. Nun steht da als letzter Unterpunkt dieses dritten Falles aber auch noch, dass man doch bitte darauf achten solle, dass die beiden „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“ nicht am selben Rad aufgesteckt werden, sondern je einer am Vorderrad und einer am Hinterrad.
Wie gesagt, man braucht die Augen eines Luchses um diese Stempel zu erkennen. Und ich denke mir, dass das nicht einfacher wird, wenn das Fahrrad in Bewegung ist und die beiden Räder sich drehen. Ich müsste mich also, um diese Verkehrssicherheit zu gewährleisten, auf die Suche machen nach dem zweiten der beiden „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“ und notfalls zwei Reflektoren umstecken. Schließlich muss ich in der kommenden Woche noch einmal zu meinem Polizisten. amche ich aber nicht. Mein Fahrrad ist also nach wie vor nicht verkehrssicher. Aber die Speichenreflektoren sind noch das kleinste Problem.
Ich bin mal wieder in der Bibliothek. Neben mir – das sind alles Zweier- oder Dreiertische – sitzt einer dieser Juristen von denen es hier unglaublich viele gibt, und die wahrscheinlich später, wenn sie mit dem Studium fertig sind, alles verklagen, was sie in die Finger kriegen. Der neben mir ist noch ziemlich friedlich. Vielleicht ist er erst am Anfang des Studiums. Er linst zu mir herüber. Er will wissen, was ich mache, da ich die ganze Zeit lächele. Eben war ich mit ihm Kaffeetrinken und habe ihm das hier erzählt.
Die Dinge sind komplex in Good Old Germany. Sollte man in den nächsten Tagen und Wochen von mir nichts mehr hören, ich bin hier. Die Besuchszeiten gebe ich noch bekannt.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 7th, 2010 unter Allzupersönliches, voluminös












Kommentar von Teresa
Datum/Uhrzeit 8. Mai 2010 um 12:15
Liebe Aléa,
Bürokratie treibt oft eigenartige Blüten, egal in welchem Land sich jemand aufhält. In Deinem Fahrrad-Katzenaugen-Fall ist sie besonders absurd! Es hätte genügt, wenn der Polizist Dich freundlich auf die Gefahren nicht vorhandener Katzenaugen hinweist. Dann wäre er “Freund” im Wortsinn des deutschen Slogans gewesen. Jedoch: Vielleicht hat er ganz anderes im Sinn (frage ich Dich/mich/uns mit einem Augen zwinkern)!? Wie wär´s, wenn Du bei ihm im Polizeiposten vorbei radelst und ihn um Mithilfe beim Anbringen der Katzenaugen bittest. Dann kann er gleich die “Helfer”-Qualitäten des deutschen Slogans “Die Polizei – Dein Freund und Helfer” unter Beweis stellen. ABER: Vorsicht: Nicht dass Du dann noch wegen Beamtenbeleidigung “einfährst”!
WOBEI in mir jedoch VIEL M E H R der VERDACHT A U F K E I M T, E R möchte einfach nochmal in D E I N E KATZENAUGEN blicken
Ansonsten – ich werde Dich gern besuchen, für den Fall, dass…. nur könnte es etwas dauern, weil ich – bevor ich die Fähre besteige – erst bergauf, bergab mit der Bimmelbahn DORThin unterwegs sein muss: http://www.buecherundbilder.de/images/mason-street-alcatraz.jpg
Einen aufmunternden Ärgere-Dich-nicht-Gruß von Teresa