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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
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  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Mai, 2010

    30 Mai 2010

    Nachschlag

    Ich bin gestern vom Besuch einer Freundin gekommen und auf dem Weg zur S-Bahn habe ich ungefähr zweihundert Leute getroffen. Die waren schon da, ich habe mich einfach dazu gesellt. An der Rummelsburger Bucht wurde eine Goaparty gefeiert. Es war endlich warm. Ich bin, wie viele andere auch, stehen geblieben. Dann habe ich meine Tasche und meine Jacke abgelegt und mir ein Bier genommen. Ich musste zwei Euro in eine Schale legen und habe langsam zu tanzen begonnen. Entweder man kann sich auf diese Musik einlassen oder man muss etwas anderes hören. Dazu kann man nicht bekehrt werden.

    Ein Typ, der wohl schon eine Weile in meiner Nähe getanzt hat, hat mir einfach an den Busen gefasst. Der war bestimmt total bekifft. Ich war erst ein wenig verwundert, mit welcher Selbstverständlichkeit er da hinlangte. Er hat, offenbar ohne die geringste Hemmung, in aller Seelenruhe zugegriffen und meinen Busen nach Form und Festigkeit ertastet. #Als wenn es sich um seinen eigenen Körper handelt. Vielleicht konnte es das nicht mehr unterscheiden. Oder er konnte sich nicht erinnern, dass man den Körpern anderer auch anders gegenübertritt. Er hat sich Zeit gelassen. Und ich habe mich dem angepasst und mir auch Zeit gelassen. Ich habe ganz langsam ausgeholt und ihm eine wuchtige Ohrfeige verpasst. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie er auch. Und mit derselben Ruhe. Damit schien er zufrieden zu sein. Und ich war‘s auch. Wir haben einfach genauso weitergetanzt. Meinetwegen hätte er seinen Griff ruhig noch einmal wiederholen können. Da hätte ich nichts dagegen gehabt. Ich hätte dann meine Ohrfeige auch noch einmal wiederholt. Aber offenbar war er mit der ersten Ohrfeige bereits so zufrieden, er strahlte jedenfalls übers ganze Gesicht, dass er keinen Nachschlag mehr brauchte.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 Mai 2010

    “Ich weiß nich, watt soll ich ma schreiben?”

    Das ist ein Graffiti, das ich heute früh entdeckt habe. Es scheint ja ein gerüttelt Maß Ratlosigkeit gewesen zu sein, dass seinen Urheber oder seine Urheberin diese Bemerkung hat notieren lassen. Ich meinerseits weiß nicht – und ich war einen Moment lang versucht, dies daneben zu schreiben -, ob er oder sie wohl bemerkt hat, dass er / sie das Problem doch auf eine sehr elegante und vielleicht sogar zufriedenstellende Weise hat lösen können

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Mai 2010

    Der Bourgeoisie aufs Maul hauen

    Da kommt kein Text mehr. Keine genaue Darstellung, wie ich mir das vorstelle, dieses Aufs-Maul-hauen. Das ist nämlich nicht mein Text. Ich hörte diese Worte heute Vormittag in der Bibliothek, diesen halben Satz. Darin lag eine Menge Verachtung. Der Satz wurde mehr dahin gekotzt als dass er ausgesprochen wurde. Der Typ, der das sagte, war nicht schlecht gekleidet, sicher keiner der materiell Benachteiligten in dieser Gesellschaft. Vielleicht hat er in seinem Eifer übersehen, dass er genau zu jenem Personenkreis zählt, zur Zielgruppe derer, denen er da gerne was aufs Maul hauen wollte. Womöglich kannte er die Bedeutung des Substantivs auch nicht genau. Oder er hatte Angst vor denen, die der Bourgeoisie aufs Mal hauen wollten und meinte, sich ihnen angleichen zu müssen, indem er sich über die Maßen ereifert. In der Hoffnung, sie würden ihn nicht als denjenigen identifizieren, dem sie ihrerseits gerne was aufs Maul hauen würden.

    Weil das der falsche Ansatz ist, Leuten was aufs Maul zu hauen, gibt’s jetzt stattdessen was auf die Ohren: Coco Rosie, Tekno Love Song

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Mai 2010

    Literatur und Architektur

    Hiermit eröffne ich eine neue Kategorie: „Literatur und …“. Das Folgende stellt den zweiten Eintrag dar. Der erste hieß Literatur und Leichtathletik (meine Neigung zur Legasthenie ließ mich gerade schreiben: Leichtatlethik. Das ist möglicherweise eine Sonderform der Ethik, eine, die es nicht so schwer nimmt mit allem und die auch mal etwas auf die leichte Schulter nehmen kann: leider ist das kein deutsches Wort). Es ist absehbar, dass diese Kategorie nicht sehr viele Artikel beinhalten wird.

    Den größten Teil meiner Zeit verbringe ich derzeit in der Bibliothek, im Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum (da muss man ein wenig blättern, rechts unten im Bild, die schwarzen Quadrate symbolisieren die einzelnen Bilder und der Lesesaal verbirgt sich hinter dem dritten Quadrat, aufgenommen von der obersten Empore). Ich empfinde diesen Raum als absolut beeindruckend und inspirierend. Ich liebe es, dort zu sitzen und zu arbeiten. Ich versinke in meinen Texten, ich stecke da bis zum Hals drin, ich verschwinde in den Dokumenten. Dennoch bin ich anwesend, ich sitze auf einer der Emporen und ich spüre diesen Raum um mich herum. Manchmal erwache ich aus dieser Trance, mit einem Gefühl der Erhabenheit. Wenn ich vom Buch oder vom Bildschirm aufsehe und diesen Raum zur Kenntnis nehme, wenn ich ihn in mich aufnehme, dann meine ich etwas von der Idee zu spüren, die der Architekt womöglich auch gespürt haben mag: von Leere, die eine Struktur hat. Möglicherweise hat er, Max Dudler, auch etwa ganz anderes im Sinn gehabt.

    Es läuft natürlich nicht immer, es gibt einfach schlechte Momente, schlechte Tage sogar. Aber das sind eher Ausnahmen. Ich sitze in einem Raum, in dem 250 andere, in einem Gebäude in dem mehr 1200 Personen sitzen und arbeiten. Ich möchte annehmen, dass ich mitunter zu den glücklichsten Menschen in diesem Gebäude gehöre. Ich fühle dort meine absolut prädestinierte Existenz. Da sitzen nicht wenige, die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Ich habe andere, ich habe ganz andere Schwierigkeiten: ich kann nicht aufhören, mich zu konzentrieren. Ich verlasse die Bibliothek oft erst, wenn ich total kaputt bin. Dann treffe ich nur noch jede zweite Taste meiner Tastatur. Das ist eine kritische Grenze. Aber nicht etwa zur Unverständlichkeit – die fängt schon bei weniger Treffern an – sondern die Grenze zu einem anderen Text.

    Ich mache in der Bibliothek fast alles, was derzeit in meinem Leben wichtig ist, ich schreibe. Ich schreibe an meiner Dissertation, meine Beiträge für das Blog und ich schreibe an meinem Roman. Irgendwann werde ich mit dem Roman fertig sein. Aber statt einer hübschen Gedenktafel an dem Gebäude, bekomme ich höchstens Ärger. Die Bibliothek, wie könnte es anders sein?, spielt eine Rolle in dem neuen Text und ich muss leider ein bisschen was kaputtmachen an dem schönen Gebäude.

    Die Universitätsbibliothek der HU in Berlin, das im Jahr 2009 fertiggestellte Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, wird abgerissen. Im Zeitlupentempo schwingt eine riesige Abrissbirne durch den leeren Lesesaal und die Trümmer des achtstöckigen Gebäudes fallen langsam in sich zusammen. Aber das ist Fiktion. In Wirklichkeit, also in meinem zweiten Roman (gibt’s sonst noch eine Wirklichkeit?), reiße ich die Bibliothek nicht ein, ich mache lediglich eines der Deckenlichter kaputt. Soviel künstlerische Freiheit muss erlaubt sein. Sollte ich deswegen Hausverbot bekommen, eine Abmahnung durch den Architekten oder den Universitätspräsidenten der Humboldt-Universität, hole ich wieder die Abrissbirne hervor.

    Es ist nicht so, dass wir, die wir schreiben – die wir „bloß“ schreiben – keine Macht hätten. Wir können die ganze Welt zum Einsturz bringen. Dass sie nicht einstürzt, dass der Euro nicht zusammenbricht und das Weltengebäude: das hat auch etwas mit uns zu tun, die wir es aufrechthalten, die wir diese Welt wie Atlas auf unseren Schultern tragen. Das hat auch etwas mit unserem Wahn zu tun, dass es so sein könnte, nicht nur mit dem nicht weniger wahnhaften deutschen Beton, der sich einbildet alles auf der Welt halten zu können.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Mai 2010

    Das philosophische Seminar

    Im philosophischen Seminar an der Universität in Bukarest lebte eine Frau. Sie lebte, wo wir studierten. Ich habe nicht mit ihr gesprochen. Niemand hat mit ihr gesprochen. Sie war vielleicht sechzig und ich war zwanzig, zu jung und zu unreif, um dieses Schweigen zu durchbrechen.

    Sie verließ das Gebäude morgens, wenn die Studenten kamen und sie kehrte abends wieder zurück, wenn wir das Gebäude verließen. Sie kam abends nach Hause. Den Tag verbrachte sie, soweit ich das wusste, in einem Park in der Nähe. Sie schlief im Institut, sie ging dort zur Toilette. Sie putzte sich die Zähne auf der Toilette. Sie besaß sechs oder sieben Taschen und einen kleinen Wagen, auf dem sie das alles hinter sich herzog. Sie war immer ausgesprochen gepflegt, in der Kleidung, im Benehmen und in der gesamten Erscheinung.

    Warum sie sich ausgerechnet das philosophische Seminar als Lebensort ausgesucht hatte? Vielleicht erwartete sie ein besonderes Verständnis von den Studenten einer Geisteswissenschaft. Oder sie erwartete Zurückhaltung, Aufmerksamkeit oder Ehrfurcht oder Neugier. Oder sie erwartete gar nichts von den Studenten, sie war die abgewiesene Liebhaberin eines Professors, oder eine ehemalige, dann aber verstoßene Gattin. Vielleicht war sie auch nur zufällig dort und wusste nicht einmal, dass es sich bei dem Gebäude um das philosophische Institut handelte. Sie wusste vielleicht nicht einmal, dass es zu einer Universität gehörte, nicht, dass sie in Bukarest war, in Rumänien, in Europa und auf der Welt. Vielleicht hatte sie ihr Gedächtnis verloren und irrte zwischen Institut und Park hin und her. Sie war womöglich nicht unglücklich dabei, sondern sogar sehr zufrieden, kannte sie doch jemanden, der nur einen einzigen Ort hatte, wo sie über die doppelte Anzahl verfügte. Diese Jahre gehörten allerdings schon nicht mehr in die Zeit politischer Verfolgungen, aber vielleicht wusste sie das nicht.

    Einmal sah ich sie auf dem WC. Das war wirklich nur ein Toilette, ein Abort. Ich sah sie nur von hinten, im Spiegel, sie hatte ihre Bluse aufgeknöpft und hielt mit einer Hand. Mit zwei Fingern die auf ihrem faltigen, aber schönen Dekolleté liegende Perlenkette. Das war eine sehr intime Situation, ich drehte mich auf dem Absatz um und wollte ungesehen verschwinden. Aber sie hatte mich bemerkt und sah mich erschreckt an. Ich aber sagte nichts und verließ die Toilette.

    Warum habe ich sie nicht gefragt? Warum habe ich mich nicht umgedreht und sie gefragt, wer sie ist? Ich hätte ihre Geschichte gehört und vielleicht hätte ich sie dann hier berichtet, vielleicht auch für immer verschwiegen. Aber ich hätte Anteil genommen. Und das habe ich nicht getan. Ich kannte damals das Wort Lebensgeschichte noch nicht. Ich wusste nicht, was einem im Leben alles widerfahren kann und bei wie vielen Gelegenheiten man scheitern kann. Dass es winzig kleine Situationen gibt, die einen aus der Bahn werfen können, die einen vielleicht für immer aus der Bahn des Lebens katapultieren können.

    Erst in der Erinnerung an sie fällt mir auf: das war eine wirklich schöne Frau. Und ein Mensch mit Würde.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Mai 2010

    Der Salon Sucre

    Der heutige Eintrag ist eine Antwort auf Jean Stubenzweig, der mir einen schönen langen Kommentar ins Blog geschrieben hat. Ich nutze die Gelegenheit, ihm zurückzuschreiben:

    Ich freue mich, dass Sie mir etwas über sich und Ihre Person mitgeteilt haben. Als Blogbetreiber(in) stellt man recht viel von sich selbst zur Schau, zumindest stellt man es aus, erfährt jedoch oft wenig von den anderen, den Kommentatoren. Und von den nicht kommentierenden Lesern erfährt man sogar noch weniger, gar nichts.

    Obwohl ich, ich schrieb Ihnen dies schon, eigentlich nie in der Gegend am Kurfürstendamm bin, verbindet mich mit dem betreffenden Eisenwarenladen eine Geschichte. Da ich Schriftstellerin werden will (ich sage dies nur, weil Sie mich ja nicht kennen, allen anderen hängt es wohl bereits zu den Ohren heraus) und da der Job, den man da machen will, vorrangig aus dem Erzählen von Geschichten besteht, wird es Sie nicht wundern, dass ich Ihnen diese eine nun hier erzähle. Eine Geschichte, die niemandem irgendwo heraus hängen kann, weil sie noch niemand kennt.

    Die hat etwas mit meinem Roman zu tun, „Berlin am Meer“. Den hat natürlich schon der eine oder andere gelesen, eine Handvoll Lektoren und Agenten, das betreffende Kapitel habe ich jedoch immer herausgelassen. Das trägt die Überschrift „Der Salon Sucre“. Das kennen nicht einmal meine Korrekturleser. Der Grund für diese Auslassung war der, dass es zwei Varianten dieses Kapitels gibt und ich mich nicht zwischen ihnen habe entscheiden können. Beiden gemeinsam ist aber, dass sie nicht vollständig ausgearbeitet sind. Das Kapitel bietet keinen inhaltlichen Fortschritt in dem Text, sondern dient lediglich dazu, ein Gefühl für die Stadt Berlin zu erzeugen. Wie ich selbst es hatte, als ich hierhergekommen bin.

    Die erste Variante hat folgende Urszene: Ich lebte seit etwa einem halben Jahr in Deutschland, da geriet ich vor einem Hotel einen Auflauf. Es war, soweit ich mich erinnere, mitten in der Nacht, aber alles war taghell erleuchtet. Vier große Feuerwehrwagen standen vor dem Gebäude, die lange Rohre in die Luft streckten. Und überall standen Menschen. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um die Szene zu verstehen: Der äußerste Ring der Menschen bestand aus Schaulustigen, der innere aus Leuten vom Film und ganz im Zentrum stand ein Paar unter einem Regenschirm. Die Wagen der Feuerwehr mit ihren langen, in die Luft gestreckten Rohren, die haben nur den Regen simuliert. Diese Szene habe ich verwertet, indem ich es in dem betreffenden Kapitel bei allen Gelegenheiten regnen lasse. Irgendwo in jeder der dort beschriebenen Szenen, findet sichein Liebespaar unter einem Regenschirm, und drum herum stehen die Wagen der Feuerwehr, die es aus diesen langen Rohren regnen lassen.

    Die zweite Variante dieses Kapitels stammt nicht allein aus meiner Feder: da durften alle mitschreiben, die ich kenne. Das war ein wunderschöner und unendlich lustiger Nachmittag. Ich habe den Freunden und Bekannten erzählt, worum es mir geht und dann haben wir alle miteinander assoziiert und währenddessen lief ein Aufnahmegerät. Das habe ich später abgeschrieben und in eine Ordnung gebracht. Berlin dient in meinem Roman als Gegensatz zu dem Dorf, aus dem der Protagonist kommt. In diesem Dorf, so heißt es an ein oder zwei Stellen, gibt es nichts, einfach gar nicht: Keinen Bäcker und keinen Fleischer und keinen Lebensmittelladen. In der Stadt hingegen gibt es alles. Ich habe an jenem Nachmittag die Anwesenden aufgefordert mir zu sagen, was es in der Stadt gibt. Das Kapitel ist mehr oder minder eine Aufzählung von Aufzählungen (das war allerbestes Vokabeltraining), mit ein paar klugen Bemerkungen garniert. Oder was ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten, für klug halte. Das sieht dann beispielsweise so aus:

    „ … Berlin ist die Stadt der Einsamen, die ständig steigende Zahl der Single- und Einpersonenhaushalte macht einen selbst dann einsam, wenn man es gar nicht ist, Eheanbahnungsinstitute und Partnervermittlungen, Standesämter, Hochzeitskleider und Brautmoden, Kutschen, Babyausstatter, Eheberatung, Scheidungsanwälte, Wahrsager und Teufelsaustreiber, Inkassobüros und Gerichtsvollzieher; Einkaufszentren, Kaufhäuser, Supermärkte, Tante-Emma-Läden, Bioläden, Naturkostläden, Reformhäuser, Drogerien, Reisebüros, Schuhgeschäfte, Zeitungsläden, Eisdielen, Raumausstatter, Optiker, Studios für Maniküre und Pediküre, Schreibwarenläden, Haushaltsgeräte, Elektrogroß- und kleingeräte, Bastelläden, Fahrradläden, Küchenausstatter, Photostudios, Änderungsschneidereien, Geschäfte für Tapeten und Teppichgeschäfte, Geschäfte für Farben und Lacke, Sportbekleidungsfachgeschäfte, Taschen- und Kofferfachhandel, Gardinengeschäfte, Hutgeschäfte, Spielzeuggeschäfte, Lampenläden, Bettengeschäfte, Zoohandlungen, Teegeschäfte, Juweliere, Uhrengeschäfte, Reinigungen, Schuster, Restpostengeschäfte, Stempelgeschäfte, Schildergeschäfte, Gravuren, Maßkonfektionäre, Herrenausstatter, Videotheken, Blumengeschäfte und Gärtnereien, Fleischereien und Bäckereien mit Brot und Brötchen und Hörnchen und Laugenbrezeln und Käsestangen in den Regalen, mit Hefezöpfen und Pasteten und Marmeladentörtchen und Plunder und Sahnetorten und Baisers und Croissants und Tarts und Eclairs und Petit Fours und Baumkuchen und Apfeltaschen und Kirschkuchen und Pflaumenkuchen und Windbeuteln und Krapfen und Makronentörtchen und Vanillekipferl und Spekulatius und Eierschecke und Bienenstich und Kameruner und Kopenhagener und Amerikaner und Mailänder- und Linzer Schnitte und Russischer Zupfkuchen und Blätterteigtaschen und Zitronenrollen und Streuselschnecken und Ochsenaugen und Schweineohren und Mohrenköpfen und Nussecken und Mandelhörnchen und Mutzenmandeln und Florentiner und Heidelbeermuffins und Marmorkuchen und Kalter Hund und Rumkugeln und Rhabarber- und Preiselbeertörtchen und Quarkstrietzel und Joghurtschiffchen und Frankfurter Kranz und Sachertorte und Donauwelle und Lebkuchen und Printen und Dominosteine und Zimtsterne und Marzipankartoffeln … “

    Die Überschrift des Kapitels stammt von einer Aufzählung von Cafés und Restaurants, Orten, an denen man ausgeht.

    „ … das Berghain, der, wie man in Berlin sagt, beste Technoklub der Welt, der Laden über dem Berghain, die Panoramabar, und der Laden unter dem Berghain, in dem Klamotten nicht erlaubt sind, nicht einmal ein Stringtanga, nur Socken, denn die Füße will man sich gerade nicht dreckig machen, ansonsten aber alles, und je dreckiger, desto besser; der Pfefferberg, Der stille Don, Zur fetten Ecke, die Naunynritze, der Salon Sucre am Görlitzer Park, Mann und Frau teilen sich das Ladengeschäft, sie besitzt einen Frisiersalon, er eine Patisserie, dort gibt’s den besten Espresso der Stadt, einen französischen aus einer italienischen Kaffeemaschine; sie sind ein Paar und mit viel Glück kann man erleben wenn sie sich schlagen und später wieder versöhnen – ganz großes Theater – da sitzt man dann draußen vor der Tür bei plus dreißig oder minus zwanzig Grad, die klammen Finger um die Tasse gelegt und denkt sich, während hinter einem die Fetzen fliegen: das Leben ist wie es ist, und, bei allen Tiefen und Abgründen, ist es einfach schön, es ist manchmal geradezu unerträglich schön; die Gerüchteküche am Heinrichplatz, Der goldene Hahn, exzellenter Fisch und schöne Frauen, …“

    Und jetzt komme ich zu dem Eisenwarenladen C. Adolph:

    „ … Spielplätze, Matratzenläden, Nagelstudios und Friseure und Eisenwarenläden, C. Adolph am Savignyplatz, genau das Richtige für Leute mit ausgeprägter Ferrophilie. Man braucht keine Axt, wozu auch, man hackt kein Holz, man hat eine Ölheizung oder eine Gasetagenheizung, aber wenn man einmal in der Nähe vom Savignyplatz ist, kauft man eben doch eine, mit einem langen Stiel, mit konkav-keilförmiger Schneidengeometrie und einer Lederschürze um den Bart, die man dann über der Schulter nach Hause trägt, so dass man von da an nur auf die große Gelegenheit warten muss, um irgendwann einmal mit einer gigantischen Wut hineinzuhacken. Aber die Gelegenheit kommt nicht. Oder man ist einfach nicht mehr wütend. So wie man vielleicht früher wütend war, diese Zeiten sind lange vorüber. Man betrachtet die Axt bisweilen. Man wartet, man wartet Jahr um Jahr, man poliert den Schaft, schleift bisweilen die Scheide an, um dann eines Tages festzustellen, dass sie wirklich nicht gekommen ist, diese Gelegenheit. Im Alter hält man die Axt in Händen und weiß, dass das Leben nicht so gelaufen ist wie man es sich erhofft hatte, aber ist man deswegen gescheitert? Man hat ja dennoch gelebt und außerdem soll man die Hoffnung nicht zu früh aufgeben; da liegt man dann eines Tages auf dem Totenbett und der Pfarrer kommt, um einen einzusegnen oder das Pflegepersonal und dann erkennt man mit einem Mal: das ist sie, die große Gelegenheit. Oder man kauft in dem Laden einfach einen kleinen Metallring, einen Schlüsselring, ohne irgendeine Verwendung dafür zu haben, es ergibt sich vielleicht einmal die Gelegenheit und man muss nicht jahrelang darauf warten wie mit der Axt und wenn sich im Laufe der Jahre keine Gelegenheit findet, wer weiß, vielleicht steht man eines Tages vor einem Spiegel, nimmt den Ring und steckt ihn sich an den eigenen Finger, willst du mir treu sein und mich lieben alle Zeit?, flüstert man an sich selbst gewandt, weil man keinen anderen gefunden hat, den man das hätte fragen können oder die Gefragten alle mit dem Kopf geschüttelt hatten … “

    Auf Dauer ist das ein etwas anstrengender Ton und so sehr ich das Kapitel mag und jedes Mal lache, wenn ich mich an den Nachmittag erinnere, und so sehr ich auch die Worte in diesem Kapitel mag, „Joghurtschiffchen“ oder „konkav-keilförmige Schneidengeometrie“, tendiere ich inzwischen doch zu der ersten Variante.  Muttersprachler können so einem Vokabeltraining vielleicht auch nicht viel abgewinnen. Da dieses Kapitel aber schwierig ist – weil es vollkommen stillsteht, es gibt keinen Fortschritt in der Handlung – neige ich eben zu der erzählenden, der bewegenderen, also der ersten Variante. Aber ich werde mich nicht entscheiden, bevor ich keinen Verlag für das Manuskript habe. Wie die Entscheidung auch ausfallen wird, das Kapitel ist absolut untypisch für den Roman und gibt keinerlei Aufschluss über den Hergang des Ganzen.

    Das war jetzt meine Antwort an Jean Stubenzweig, der wie ich, nicht kurz kann oder will, oder der einfach von sich behauptet nicht zu können oder nicht zu wollen.

    Ich habe zwei Neuzugänge auf meiner Blogroll, beides Männer, Jean Stubenzweig und Aisthesis (letzteren kenne ich lediglich durchs Lesen). Im Gegenzug hat es auch zwei Abgänge gegeben, beides Frauen. Wer weiß wozu das gut ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Mai 2010

    Die Königsmacherin

    Ich habe mich beim Grimme Online Award beworben, bin aber nicht nominiert worden. Das ist den meisten der mehr als 2000 Bewerbern so ergangen. Nominiert sind jedoch zwei andere Seiten, wo in der vergangenen Zeit Texte von mir erschienen sind: Das Titel-Magazin und Der Umblätterer. Weitere Bewerbungen nehme ich gerne entgegen. Auch für andere Sachen, wenn einer hierhin will oder hierhin. Das ist alles kein Problem. Kurze Mail an mich reicht aus.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 Mai 2010

    Wir betreten das Feld der Fiktion

    Manche Bücher werden durch das Schreiben zu großen Büchern. Andere werden durchs Lesen groß und wieder andere werden es erst, indem sie dem Vergessen anheimfallen. Die meisten Bücher jedoch bleiben für immer was sie sind. Und das ist ihr Glück.

    „Verse auf Leben und Tod“ lautet der Titel eines schmalen Buches von Amos Oz. Es gehört zur letzten der genannten Kategorien. Es will vermutlich auch nicht mehr. Es wollen nämlich nicht alle Bücher groß werden, manchen reicht es das zu sein, was sie sind. Roman steht draußen dran, aber drin ist eine Novelle. Vermutlich kannte der, der die Gattungsbezeichnung auf den Umschlag geschrieben hat, die obige Unterscheidung nicht. Die ist ja auch erst eine halbe Stunde alt.

    Ein bekannter Schriftsteller – der einzige in diesem Buch, der keinen Namen trägt – geht zu einer Lesung, seiner eigenen nämlich, und muss nicht einmal selbst lesen, es gibt eine Vorleserin. Während Rochele Resnik den Text vorträgt, macht der Schriftsteller das, was Menschen seines Berufsstandes manchmal tun: er beobachtet die Leute. Er greift sich einige der Anwesenden heraus, er nimmt die konkreten Gegebenheiten, ihre Gesichter, ein Husten und ein Lachen, und dichtet daraus kleine Episoden und oder gleich ganze Lebensgeschichten. Er tut das, was bei anderen Anlass zur Skepsis geben mag, bei Schriftstellern aber gut fürs Renommee ist: er phantasiert sich was zusammen.

    Nach der Lesung begleitet er die Vorleserin nach Hause. Sie ist eine schüchterne, nicht wirklich schöne, aber dennoch attraktive Person. Er unternimmt einen halbherzigen Versuch in ihre Wohnung zu kommen, lässt sich dann aber an der Türe abweisen. Sie hat Ausreden parat, warum sie ihn nicht in ihre Wohnung lässt: die Vorhänge sind in der Wäsche und der Büstenhalter hängt über der Stuhllehne; außerdem handelt es um einen gepolsterten BH und das ist ihr peinlich. So dreht der Mann sich auf dem Absatz um und schlendert stattdessen in der fremden Stadt umher. In Gedanken kehrt zu den Leuten der Lesung zurück. Er führt fort, was er während der Lesung begonnen hatte, sein „Gaunermetier“: er spinnt ihre Lebensgeschichten weiter. Und schließlich kehrt er auch noch einmal zur Vorleserin zurück. In seiner Phantasie, wo aus der realen Rochele die imaginäre Rachel wird.

    Er klopft, sie öffnet. Die sich unverzüglich anschließende Liebesszene ist die mit Abstand intensivste Stelle dieses Buches. Die beiden bleiben beim „Sie“, sie kennen einander nicht so gut, dass sie zum vertrauteren „Du“ wechseln möchten. Sie brauchen den Abstand zueinander, der auch ein körperlicher ist: sie beugt ihren Oberkörper weg, damit er ihre kleinen Brüste nicht bemerkt, er den Unterkörper, damit sie seine mangelnde Erregung nicht wahrnimmt. Gerade dadurch gewinnt diese Szene eine große Intensität. Der eigentliche Akt jedoch misslingt. Der Schriftsteller ist nicht so erregt, wie er sich das wünscht, seine Erektion ist jedenfalls nicht von Dauer. Er flieht vor dieser Peinlichkeit. Ich rufe Sie an, sagt er als er Hals über Kopf mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung verschwindet. Beide wissen, dass er sie nicht anrufen wird. Er hat ja nicht einmal ihre Nummer.

    Warum macht der Schriftsteller das? Er hätte sich hier zum großen Liebhaber aufschwingen können. Warum stattdessen dieses Scheitern und die Peinlichkeit? Seine erste Phantasie an diesem Abend betraf eine Kellnerin, der er ein Verhältnis mit einem Ersatztorwart (das erste Verhältnis Liebesverhältnis ihres Lebens und da schon nur ein Ersatz!) andichtet und der er den Namen Riki gibt. Das ist die Frau mit der er Sex haben will, nicht die Vorleserin. Deswegen geht die Sache schief.

    Diese Differenz zwischen dem, was man haben will und dem was man haben kann: das ist der wesentliche Punkt. Diese Differenz ist eine Asymmetrie und genau das erregt den Mann an dieser Riki, die Asymmetrie ihres Slips. Diese Differenz ist entscheidend für den Einsatz der Phantasie. Dadurch kommt das eigentliche Thema des Buches zuwege, mit dem es auch begann, die Fragen, die der Schriftsteller bei Lesungen immer wieder hört und die er sich selbst auch stellt: „Warum schreiben Sie? Warum gerade in dieser Weise? Wollen Sie Ihre Leser verändern, und wenn ja – in welchem Sinne? Welchen Zweck verfolgen Ihre Geschichten? Streichen und verbessern Sie ständig, oder schreiben Sie alles auf einmal aus einer Eingebung heraus?“ Und noch viele andere dieser Art.

    Das ist oft eine, wenn nicht die zentrale Frage für Schriftsteller und Schriftstellerinnen, „Warum schreibst du?“ Diese Selbstvergewisserung ist es auch, die Künstler von andreren Berufsgruppen unterscheidet. Sie ist die zentrale und oft quälende Frage eines jeden (?) Künstlertums, wahrscheinlich ohne je auf eine befriedigende Antwort zu stoßen. Denn Künstler suchen ja keine Antwort, sie suchen ihre Beschreibung. Könnten sie die Frage beantworten, würden Sie es tun. Und dann würden sie etwas Sinnvolleres tun, Brückenbauen oder Entwicklungshilfe in Afrika. Aber sie können nur mit ihrem Werk Antwort geben. Die Suche nach dem konkreten „Wie“ der jeweiligen Figuren ist immer auch die Suche nach dem „Warum“ ihres Schöpfers: Warum schreibst du? „Auf diese Fragen gibt es spitzfindige Antworten und ausweichende. Einfache und direkte gibt es nicht.“

    Das ist ja das Furchtbare im Leben, das es nicht so läuft wie es laufen sollte. Die Differenz, dass das Leben eben nicht so ist, wie es sein könnte, was sich manchmal, wie bei Rochele – oder ist es Rachel? – auf eine einzige Vorstellung verdichtet. Die zu klein geratenen Brüste können einem das Leben nicht ruinieren. Aber der Gedanke daran kann es: „Hätte ich Brüste wie meine Mutter und meine Schwester, wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“ Das ist nicht unbedingt wahr. Wahr aber ist, dass man so etwas als wahr empfinden kann. Und wahr ist auch der Schmerz des Schriftstellers, der weiß, dass es sich für die Figur genauso verhält. Und das all das, was er sich da zusammenreimt, genauso ist: da draußen, wo die Menschen das Leben genießen, an ihm verzweifeln oder es einfach nur hinnehmen wie sie alles andere auch hinnehmen würden. Aber alles andere ist eben nicht greifbar.

    Dass es im Leben nicht so läuft wie es laufen könnte, das ist allerdings nicht nur das Furchtbare am Leben – jedenfalls für den, der einen Plan hat – sondern auch das Großartige und das Spannende. Dass das Geworfene hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, diese, wie ich damals fand, etwas profane Erkenntnis Heideggers hatten wir hier schon einmal. Diese Differenz jedenfalls – die für viele nur schwer zu ertragen ist und der Ursprung des Phantasierens – machen sich die Schriftsteller und Künstler im Allgemeinen gerne zunutze.

    Aus der realen Rochele wird die imaginäre Rachel: ganz so einfach wie gerade behauptet, ist es ja nun doch nicht: denn eine reale Rochele ist gar nicht greifbar. Wir, wir alle und nicht nur die Schriftsteller, machen uns permanent unsere Phantasien zu anderen. Die reale Rochele: das ist in Wahrheit eine fiktive Figur, der wir niemals begegnen. Es gibt sie zwar, diese realen Personen – es sind jene, die uns vollkommen gleichgültig sind – sowie wir aber von diesem fundamentalen Desinteresse abweichen und uns für jemanden zu interessieren beginnen, ist es vorbei mit der Realität und wir betreten das Feld der Fiktion. Und dieses Feld, dass muss jedem bewusst sein, der sich die Welt zusammenfiktionalisiert, diese Welt ist eine biografisch gefärbte, denn die Phantasie, mittels derer wir die anderen beschreiben, ist unsere eigene.

    Beim Schreiben sieht man seinen Figuren zu, beim Scheißen und beim Schämen, und eigentlich will man das alles gar nicht sehen. Am Ende muss man sich womöglich dann noch über sie beugen und sie trösten. Und dann äußern die Figuren auch noch solche Sachen wie: „Entschuldigung, es ist nur so, dass ich mich ein bisschen vor Ihnen schäme.“

    Ich ende diese kleine Besprechung, indem ich die letzten Sätze aus dem Aufsatz, „Der Dichter und das Phantasieren“ von Sigmund Freud zitiere: „Vielleicht trägt es sogar zu diesem Erfolge nicht wenig bei, dass uns der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. Hier stünden wir nun am Eingange neuer, interessanter und verwickelter Untersuchungen, aber, wenigstens für diesmal, am Ende unserer Erörterungen.“

    Amos Oz, Verse auf Leben und Tod
    Suhrkamp Verlag 2009
    ISBN 978-3-518-46084-9

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Mai 2010

    „Das Wild wäre verletzt …“

    Mein letzter Artikel zur mangelnden Verkehrssicherheit meines Rades, das war ja ganz lustig. Aber mehr auch nicht. Das ist zu wenig. Ich muss wieder etwas gehaltvoller werden. Ich habe das Folgende als Kommentar in Die Dschungel hinterlassen. Weil es dort weiter keine Beachtung gefunden hat, mir meine Bemerkung aber gefällt – und sie auch eine Stunde Arbeit war – stelle ich den kleinen Text noch einmal hierher. Zur Begutachtung:

    Es ist schon einen Monat her, da wollte ich etwas zu einer deiner Formulierungen sagen, bin aber offenbar nicht dazu gekommen. Jetzt fällt mir der Satz wieder ein und nun habe ich auch Lust darauf. Der Satz lautet: „so allgemein Eros immer auch i s t, das Wild wäre verletzt, fühlte es sich nicht ganz persönlich gerissen“.

    Was mir gefallen hat, ist weniger die Erkenntnis, dass Eros, der sich im Allgemeinen aufhält, manchmal voller Begeisterung auf ein einzelnes Opfer stürzt, manchmal eben auch nur zähneknirschend, weil er auf all die anderen Opfer dann verzichten muss. Was mir gefällt, ist vielmehr der zweite Teil dieser Formulierung, dass du, der du das Wild reißen, es also töten willst, dir gleichzeitig Sorgen um seine Verfassung machst; dass das arme Tier nicht etwa, während sich deine Klauen in sein Fell und deine Zähne in seinen Nacken graben, dass es im Todeskampf nicht an der Welt verzweifle, darüber nämlich dass du, sein Jäger, womöglich einfach nur töten willst, aber nicht etwa aus Liebe töten willst und auch nicht dieses eine Liebesobjekt töten willst, sondern im Allgemeinen töten willst, wie man eben im Allgemeinen lieben will und dann plötzlich, wenn man ergriffen wird, irgendjemanden liebt, weil womöglich gerade kein anderer da ist; dass du dir Sorgen machst, dass das Wild im Sterben nicht verzweifelt, sondern etwas anderes tut: das, was man üblicherweise in der Liebe tut, was man so sehr nirgends tut wie in der Liebe: Hoffnung schöpfen.

    Es ist gut, dass du, wenn du in der Liebe tötest, dich fragst, ob der andere nicht verletzt wäre, sollte er nicht gemeint sein.

    Diese Verletzung, dass man nicht persönlich gemeint ist, sondern in diesem einen speziellen Moment einfach nur ein Vertreter seiner Art oder seines Geschlechts ist: diese Verletzung kann schlimmer sein als der Tod.

    Der Jäger will das Wild töten. Aber er will es nicht verletzten! Was für eine formvollendete Formulierung! Und was für eine tiefgehende Erkenntnis.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Mai 2010

    Ich hab die Polizei am Hals

    Ich hab die Polizei am Hals. Nicht die ganze Polizei, sondern nur einen Vertreter. Und nicht einmal ihn selbst, sondern lediglich seine Ermahnung. Der hielt mich vorgestern auf der Straße an. Mein Rad sei nicht verkehrssicher, sagte er. Den Eindruck, antwortete ich ihm, habe ich schon länger. Aber statt dass er den Kavalier herauskehrt und mir die maroden Sachen repariert, mokierte er sich darüber, dass ich keine „Katzenaugen“ an meinem Fahrrad habe. Katzenaugen? Katzenaugen, sagte er mir freundlich, nenne man diese orangen Reflektoren, die an den Speichen befestigt werden. Alternativ wären auch sogenannte Speichenreflektoren möglich. Ich solle, sagte er, das um die Katzenaugen oder Speichenreflektoren angereicherte Fahrrad in der kommenden Woche auf seiner Polizeistation vorzeigen.

    Also bin ich gestern in ein Fahrradgeschäft gegangen und habe eine Packung dieser Reflektoren gekauft, die auf die Speichen aufgesteckt werden. Die leuchten, wenn sie angestrahlt werden. Das Wort Speichen empfinde ich als ein Wort ohne jeden akustischen Wohlklang. Ich betone das, falls es anderen auch so ergeht. Dieses Wort kommt in den nächsten Zeilen häufiger vor. Man muss dann das Wort lesen, aber von seinem Klang absehen. Wenn man von einem Klang absehen kann.

    In der Packung befinden sich zweiundsiebzig dieser kleinen Reflektoren. Das steht jedenfalls drauf. Das sollte eigentlich kein Problem sein, denkt man sich. Ich habe das nicht nachgezählt. Irgendeine Anzahl muss ja drin sein, zehn, zwanzig oder hundert. Aber es sind eben zweiundsiebzig. Ein kluger Mensch hat sich nun einige Gedanken gemacht und ist zu einem Ergebnis gekommen, das in aller Breite auf einem Beipackzettel ausgearbeitet ist. Und das sieht, etwas gekürzt, ungefähr so aus: Es gibt insgesamt drei Möglichkeiten. Entweder stimmt die Anzahl der Speichen am eigenen Fahrrad mit der Anzahl der Reflektoren in der Packung überein. Das ist der Idealfall. Der ist im Grunde kein Problem und wird auch nicht weiter diskutiert. Davon abweichend besteht die Möglichkeit, dass das eigene Fahrrad mehr Speichen hat als sich Reflektoren in der Packung befinden. Für diesen Fall wird man darauf hingewiesen, dass das Rad nur dann als verkehrssicher gelte, wenn alle Speichen auch mit Speichenreflektoren ausgerüstet seien.  Man hat also Pech und muss noch eine Packung mit zweiundsiebzig von den Dingern kaufen. Der dritte Fall ist mit Abstand der komplexeste. Dieser Fall tritt dann ein, wenn das eigene Fahrrad weniger Speichen hat als Reflektoren in der Packung sind. Sieht erst einmal gar nicht so schwierig aus. Da hat man eben einige über. Aber Pustekuchen! Denn von den zweiundsiebzig Reflektoren sind exakt zwei mit einem Prägeeindruck versehen, der als Prüfstempel gilt. Das Fahrrad, wird man darauf aufmerksam gemacht, gelte nur dann als verkehrssicher, wenn diese beiden mit einem Prägestempel versehenen Reflektoren auch angebracht sind.

    Diese dritte Möglichkeit war bei mir bedauerlicherweise der Fall. Also habe ich mich auf die Suche gemacht nach den „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“. Und ich bin auch fündig geworden. Tatsächlich sind da winzig kleine, kaum sichtbare Markierungen zu erkennen. Nun steht da als letzter Unterpunkt dieses dritten Falles aber auch noch, dass man doch bitte darauf achten solle, dass die beiden „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“ nicht am selben Rad aufgesteckt werden, sondern je einer am Vorderrad und einer am Hinterrad.

    Wie gesagt, man braucht die Augen eines Luchses um diese Stempel zu erkennen. Und ich denke mir, dass das nicht einfacher wird, wenn das Fahrrad in Bewegung ist und die beiden Räder sich drehen. Ich müsste mich also, um diese Verkehrssicherheit zu gewährleisten, auf die Suche machen nach dem zweiten der beiden „Speichenreflektoren mit Prägestempel, die als Prüfzeichen gelten“ und notfalls zwei Reflektoren umstecken. Schließlich muss ich in der kommenden Woche noch einmal zu meinem Polizisten. amche ich aber nicht. Mein Fahrrad ist also nach wie vor nicht verkehrssicher. Aber die Speichenreflektoren sind noch das kleinste Problem.

    Ich bin mal wieder in der Bibliothek. Neben mir – das sind alles Zweier- oder Dreiertische – sitzt einer dieser Juristen von denen es hier unglaublich viele gibt, und die wahrscheinlich später, wenn sie mit dem Studium fertig sind, alles verklagen, was sie in die Finger kriegen. Der neben mir ist noch ziemlich friedlich. Vielleicht ist er erst am Anfang des Studiums. Er linst zu mir herüber. Er will wissen, was ich mache, da ich die ganze Zeit lächele. Eben war ich mit ihm Kaffeetrinken und habe ihm das hier erzählt.

    Die Dinge sind komplex in Good Old Germany. Sollte man in den nächsten Tagen und Wochen von mir nichts mehr hören, ich bin hier. Die Besuchszeiten gebe ich noch bekannt.

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    und zwar soeben.





    05 Mai 2010

    Eine Million Euro Gewinn

    Ich bin seit einem guten Jahr mit diesem Blog im Netz. 166 Artikel, mehr als 500 Kommentare, fast 600 Spambots, tausend Stunden Arbeit, hunderttausend Euro Umsatz, eine Million Euro Gewinn. Was will man mehr?

    Was ist in dem Jahr passiert? Ich bin ein Jahr älter geworden. Das mag anderen als der normale Werdegang erscheinen, aber ich finde es bemerkenswert. Es war exakt ein Jahr und ich bin auch exakt ein Jahr gealtert. Wo steht geschrieben, dass das so deutlich übereinstimmen muss? Das war ein sehr schnelles Jahr.

    Ich liebe meine Freunde: Olga, Marie und Julian. Aber auch die anderen, die etwas weiter weg sind. Da sind noch ein paar andere Kreise um mich herum. Und auch ich drehe mich um andere. Ich mag sonntags Kuchen essen gehen, am liebsten mit Marie. Ich mag es, in der Sonne zu liegen, aber ich mache es nie. Ich habe mich von einer vergangenen Liebe erholt. Wenn man sich davon erholen kann. An meinem Körper sind Narben geblieben, das zweite Mal in meinem Leben, dass da Narben entstanden sind.

    Ich habe bei „Unendlicher Spaß“ mitgemacht und im Dezember letzten Jahres Guido Graf getroffen. Ich habe Clemens Setz kennengelernt. Ich habe Alban Nikolai Herbst kennengelernt. Ich bin bei Litblogs aufgenommen worden. Mein Blog wird von verschiedenen Institutionen archiviert. Ich habe einen Artikel für den Merkur geschrieben. Der ist zwar abgelehnt worden, aber ich habe ihn dennoch geschrieben. Und ich habe auch noch eine Darlegung hinterhergeschickt. Das eine wie das andere ist nicht richtig angekommen. Ich kann mich dem Verdacht nicht ganz entziehen, dass das mit meinem Artikel gar nicht so viel zu tun hatte.

    Ich habe, viel wichtiger, meinen zweiten Roman angefangen. Beim ersten musste ich lernen, wie man Texte baut, wie man Figuren und Perspektiven anlegt und arrangiert. Das war sehr wichtig. Für mein Empfinden ist da etwas sehr schlüssiges und vor allem Ganzes herausgekommen. Aber es gibt Leute, die sehen das anders. Man weiß nie, was andere sehen. Die müssen so einige Erscheinungen am Buchmarkt anders sehen als ich. Das heißt nicht, dass einer von uns blind oder leseunfähig ist. Das heißt lediglich, dass in Deutschland das gilt, was für alle Buchmärkte gilt: man gibt eine Prognose über die Verkaufsfähigkeit ab. Wenn die Prognose zu einem wirtschaftlich negativen Ergebnis kommt, dann lässt man es. Aber auch für den deutschen Buchmarkt gilt, was weltweit gilt: seriöse Prognosen sind kaum möglich. Nur arbeiten andere Buchmärkte – der französische und der rumänische und der angloamerikanische – vielleicht weniger eng mit der einflussreichsten und mächtigsten Institution der westlichen Hemispähre zusammen. Und was meinen eigenen Roman angeht: da ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.

    Ich habe meinem Prof von meinem neuen Projekt erzählt. Der weiß um meine literarischen Ambitionen und der nannte das Thema meines zweiten Romans „genial“. Ich sei geradezu perfide, sagte er. Er prophezeit mir eine große Karriere als Schriftstellerin. Das wird dann auf jeden Fall ein sehr spannendes Leben: eine große Karriere bei negativer Prognose. Allerdings halte ich das, was ich in meinem zweiten Roman mache, für die beste Idee, die ich im Leben hatte. Und zwar mit einigem Abstand.

    Das erste Kapitel meiner Diss ist fertig, ich war beim Zahnarzt, beim Frauenarzt, mein Computer hatte einen Systemabsturz und ich daraufhin einen Nervenzusammenbruch. Ich bin vom Rad gefallen. Ich habe schöne Musik kennengelernt, ich habe eine Rezension für die Universität Marbach geschrieben. Ich habe Olga einen Holzklotschen hinterhergeworfen, der gegen die Türe geflogen ist und eine tiefe Macke hinterlassen hat. Ich habe mir in den Finger geschnitten. Ich habe ein paarmal geweint. Einmal ziemlich bitterlich, da habe ich meinen ehemaligen Freund Juan mit seiner neuen Freundin getroffen. Bei dieser Gelegenheit musste ich feststellen, dass ich mir den Wurf mit den Holzpantienen besser für diese Gelegenheit aufgespart hätte.

    Ich habe ungefähr tausend Mal gelacht. Ich habe auch tausend Mails geschrieben, unabhängig voneinander. Manchmal habe ich Heimweh nach Siebenbürgen, nach den Bergen, und manchmal denke ich an meine drei Jahre in Bukarest.

    Manchmal kommt Stella mich besuchen, meine Freundin aus unserm Haus. Sie wohnt mit ihren Eltern eine Etage unter uns, im zweiten Stock und wir beide lieben uns sehr. Sie ist jetzt sieben Jahre alt und ich war auf ihrem Geburtstag. Nach dem Kaffeetrinken sind wir alle zusammen auf dem Spielplatz gegangen und da sagte ein Junge zu Stella : dann kann deine Mama ja die Schaukel anschieben. Dabei nickte er mit dem Kopf in meine Richtung. Ziemlich unwirsch entgegnete Stella: das ist doch nicht meine Mama, das ist meine Freundin. Über den Satz habe ich mich den ganzen Abend gefreut.

    Einmal hat mich ein Typ auf dem Rad angelächelt, dass ich tagelang an nichts anderes denken konnte, als daran, wie der mir die Klamotten vom Leib reißt. Ich habe jeden Morgen meine besten Sachen angezogen, aber ich habe ihn nicht wiedergesehen. Bis ich einsehen musste, dass das nichts wird. Da habe ich aufgehört, mich für ihn schön zu machen. Ich war sauer auf ihn. Der hat bestimmt noch nie einer Frau die Klamotten vom Leib gerissen. Der zieht sich und andere anständig aus, faltet das ganze Zeug fein säuberlich zusammen, und dann entschließt er sich, dass demnächst mal was passieren wird. Aber was das sein wird, das weiß er noch nicht so genau.

    Ich hatte mit meinem “Busenfreund” Julian ein sehr wichtiges Gespräch über Liebe, über Treue und Untreue und Enttäuschungen, bei Wein und Käse.

    Ich lebe in Berlin als lebe ich schon immer hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    02 Mai 2010

    “Die menschliche Seele ist bekanntermaßen ein fragiles Konstrukt”

    Statt weiteren Lamentierens, bringe ich hier ein Zitat zur Situation von Schriftstellern (und, darf ich einmal hinzufügen, auch Schriftstellerinnen).

    „Die menschliche Seele ist bekanntermaßen ein fragiles Konstrukt, ständig beschossen und verformt durch von außen kommende Eindrücke und Informationen, willkommenen und solchen, die sie ständig aus dem Gleichgewicht zu bringen drohen. Glücklicherweise lernt der Mensch, seine Seele zu schützen, sie mit einem dicken Panzer, besser: einer intelligenten Membran zu umgeben, die das Erwünschte durchlässt, das Gefährdende aber aussortiert und im Speicher des Unbewussten hortet. So gelingt es den meisten Menschen recht gut, seelisch einigermaßen durchzukommen, selbst wenn sich der Schutzmantel hier und da als löchrig erweist.

    Schwierig zu leben ist es jedoch für jenen, der schreibend die Welt in ihrer Wirklichkeit reflektiert. Die Membran, die seine Seele schützt, muss zugleich in hohem Maße durchlässig sein, um Freuden und Leiden der Welt und ihrer Bewohner in unverfälschter Form wahrnehmen und danach im eigenen Werk bezeugen zu können. Was der Durchschnittskonsument im Hagel der täglich auf ihn herab prasselnden medialen Botschaften locker von sich abtropfen und ihn selber in der Stimmungslage kaum beeinflussen lässt, das trifft einen Ausnahme-Schriftsteller wie Kleist oder Wallace als wären es Pfeile, die fortwährend mehr oder minder schmerzende Wunden hinterlassen. Ob und wie lange solches – selbst unter dem Schutz gebenden Dach gesellschaftlicher Gratifikation, eines finanziell gesicherten Auskommens, einer abschirmenden Beziehung – auszuhalten ist, bleibt jenen meist eine lebenslange Frage.“

    (Hans Wedler, Hier auf Erden kein Bleiben mehr, Der Suizid in den Erzählungen von Heinrich von Kleist und David Foster Wallace, Heilbronner Kleistblätter Nr. 21, 2009, S. 132-149.)

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    01 Mai 2010

    Ein bisschen zu viel vom zu wenig

    Ich kränkele schon seit ein paar Tagen. Weil es in letzter Zeit ausnahmslos schlechte Nachrichten gibt, habe ich mich entschlossen, jeden möglichen Abzweig in Richtung Gesundung außer Acht zu lassen und richtig krank zu werden. Ich mache mal eine kleine Pause. Es gibt hier noch einige Leute, die eine Antwort von mir bekommen. Aber das geht gerade nicht. Ich muss das Bett hüten.

    Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen: das Blog ist heute ein Jahr am Netz (oder ist es im Netz?). Ich wollte eine Zusammenfassung schreiben. Ich war schon neugierig, wie sich dieses Jahr anfühlen würde, wenn es sich auf eine Seite verdichtet hat.

    Vielleicht hat mein derzeitiger Zustand auch etwas damit zu tun, das ich heute siebenundzwanzig werde und es in Deutschland nicht so läuft wie ich mir das vorgestellt habe: Kein Stipendium (ohne Angabe von Gründen), kein Verlag (beide aus demselben Grund: “exzellente Fähigkeiten”, aber nicht marktgängig), kein Literaturagent (mein Roman sei nicht das, was man sich “hierzulande” unter einem Debüt vorstelle) und auch kein Merkur (ich hätte angeblich einen “Liebesbrief” geschrieben, keinen Essay).

    Das alles ist ein bisschen viel. Oder ein bisschen wenig. Ein bisschen zu viel vom zu wenig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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