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  • 26 April 2010

    Freiheit und Determination

    Ich werde mich hier nicht in diese Debatte einmischen. Vor allem, weil ich dazu nicht belesen genug bin. Ich zitiere lediglich einen der profiliertesten Vertreter jener Leute, von denen ich vermute, dass sie auf einer Seite der Diskussion stehen, auf der ich nicht stünde, wenn ich belesener wäre.

    „Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl.“
    Isaac B. Singer

    Solche Äußerungen wie diese da oben sind natürlich sehr pointiert und das schätze ich und deswegen zitiere ich das auch. Aber das von strenger wissenschaftlicher Relevanz ist das nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Walter
    Datum/Uhrzeit 27. April 2010 um 00:40

    Liebe Alea

    Muss man belesen sein, um sich in die Debatte um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des freien menschlichen Willen einzumischen? Vielleicht.

    Doch die Frage betrifft natürlich jeden Menschen unmittelbar, vergleichbar vielleicht mit der Frage nach einem Leben nach dem Tod oder nach der Möglichkeit der Existenz von etwas Göttlichem. Und hier lassen wir uns hoffentlich nicht von Naturwissenschaftlern dreinreden, vorallem nicht von Neurowissenschaftlern, die, wenn sie könnten, selbst Poesie (zum Beispiel) auf neurologische Entladungen in bestimmten Gehirnregionen zurückführen möchten.

    Der zitierte Ausspruch ist übrigens insofern ziemlich polemisch, als er sich inhaltlich offensichtlich nicht auf die Frage nach dem freien Willen selbst bezieht, sondern – so wie ich ihn verstehe – auf die Debatte, und zwar insofern, als er sich beklagt, dass alle anderer Meinung sind als er (also sehr wohl an die Möglichkeit eines freien Willens glauben) und ihm deshalb keine andere Wahl bleibt, als ebenfalls an den freien Willen zu glauben. Oder deute ich den Ausspruch falsch?

    Übrigens: Ist es wirklich Isaac B. Singer, der Literatur-Nobelpreisträger (1902–1991), der diesen Ausspruch getan hat? Ist es nicht vielmehr Wolf Singer, der pointiert argumentierende Neurophysiologe und Hirnforscher?

    Mit herzlichem Gruss von einem Bewunderer deiner Texte

    Walter

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. April 2010 um 11:27

    Lieber Walter,

    vielen Dank für den Kommentar. Ich bin ganz deiner Meinung. Liebe, Poesie etc. lassen sich nicht auf hirnphysiologische Erregungspotentiale minimieren. Ich korrigiere: bei manchen vielleicht schon.

    Was den Urheber dieser Äußerung angeht, liegt die Sache etwas vertrackter. Ich habe in einem Buch gelesen, dass diese Äußerung von Issac B. Singer stammt, ich habe es überprüft, ich weiß nicht mehr ganz genau wie, und lediglich Hinweise auf den Hirnphysiologen Wolf Singer bekommen. Und dann habe ich mich, ohne es weiter nachzuprüfen, für die erste Quelle entschieden. Und jetzt will ich wissen warum!

    Erste Erklärung: ich wollte der ersten Quelle glauben, dem Buch, nicht dem Internet. Das wäre eine schöne Erklärung. Aber ich schenke ihr keinen Glauben. Die ist mir zu romantisch. Und außerdem hatte ich sie zu schnell griffbereit. Das lässt Skepsis aufkommen,

    Zweite Erklärung: Es geht um mögliche Freiheit und mögliche Unfreiheit. Ich war frei, den Sachverhalt weiter zu prüfen, aber ich habe es nicht getan. War ich vielleicht doch nicht so frei, wie ich das annehme, wie ich das postuliere? Wir sind frei in unseren Entscheidungen. Wir sind natürlich nicht ganz frei, wir sind abhängig von den hirnphysiologischen Grundlagen. Vielleicht ist die Tatsache, dass ich nicht weiter geprüft habe, gerade ein Beweis, dass ich eben doch nicht frei war, nicht frei genug. Und wenn es nur die Unlust war, weitere Nachforschungen anzustellen, die mich in meiner Freiheit hinderte. Wenn ich in diesem Moment unfrei war und die Äußerung dem falschen Singer zugeschrieben habe, dann ist das Ergebnis meiner Unfreiheit, dass ich dem richtigen Singer seine schöne Äußerung weggenommen habe. Wenn man also wie Wolf Singer, an die Unfreiheit glaubt – ich nenne das jetzt mal so – dann muss man damit rechnen, dass anderen die eigenen Äußerungen zugeschrieben werden, selbst dann, wenn sie schon tot sind. So was nennt man heute, glaube ich, Datenverlust.

    Ich bin übrigens nicht sehr zufrieden mit meiner Entgegnung. Sie könnte pointierter sein. Ich weiß, dass ich das auch hinbekomme, sie so zu verändern, dass sie sehr viel besser aussieht, gewitzter und schlagfertiger. Aber ich sitze in der Bibliothek und muss für mein Seminar arbeiten, ich bin absolut unfrei und die einzige Freiheit die ich habe, ist die jetzt Schluss zu machen und meinen wissenschaftlichen Text weiterzulesen.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Thomas Kunst
    Datum/Uhrzeit 28. April 2010 um 11:41

    “Wenn man seine geistigen Fähigkeiten regelmäßig pflegt, muß man sich nach einiger Zeit gar nicht mehr groß anstrengen. Du kannst mit geistigen Störenfrieden umgehen wie die Adler, die ich von meiner Klause im Himalaja aus beobachte.
    Die Krähen attackieren sie oft, obwohl sie viel kleiner sind. Sie stürzen sich von oben auf die Adler und versuchen, sie mit dem Schnabel zu treffen.
    Die Adler jedoch werden keineswegs nervös oder starten irgendwelche akrobatischen Ausweichmanöver, sie legen lediglich im letzten Moment ihren Flügel an, lassen die Krähe vorbeischießen und breiten den Flügel wieder aus. Die ganze Aktion erfordert nur minimalen Aufwand und verursacht fast keine Störung. Wenn man genügend Erfahrung hat funktioniert der Umgang mit plötzlich hochkochenden Emotionen ganz ähnlich. Mit klarer Achtsamkeit siehst du sie kommen, dann läßt du sie
    Passieren, ohne sie anzurühren, ohne sie zu blockieren oder zu verstärken, ohne weitere emotionale Wellen zu verursachen.”

    “Bei Ratten die in einer einfachen Pappschachtel gehalten werden, vermehren sich die Nervenzellen kaum noch. Setzt man sie jedoch in eine Art Rattenvergnügungspark mit Laufrädern, Röhren und einigen netten Artgenossen, dann weist ihr Gehirn binnen eines Monats eine starke Neurogenese auf. Man könnte das als
    Beschäftigung mit der Welt bezeichnen.Du wirst mit einer Situation konfrontiert und reagierst darauf; dadurch wächst deine Erfahrung. Das wäre ein weitestgehend
    von außerhalb kommendes Reizangebot, eine . Bei Meditation und Geistestraining verändert sich die äußere Umgebung unter Umständen nur
    minimal. Im Extremfall hältst du dich in einer schlichten Klause auf, in der sich nichts verändert, oder du sitzt allein vor einer weißen Wand.
    Dann sind die gleich null. Aber die ist maximal.

    (Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog.
    Wolf Singer, Matthieu Ricard)

    Pingback von Tweets that mention Aleatorik » Freiheit und Determination — Topsy.com
    Datum/Uhrzeit 28. April 2010 um 19:43

    [...] This post was mentioned on Twitter by litblogslitblogs.net. litblogslitblogs.net said: Aleatorik » Freiheit und Determination http://bit.ly/9Cm0Ml [...]

    Kommentar von Walter
    Datum/Uhrzeit 28. April 2010 um 21:37

    Liebe Alea

    Man kann nicht immer pointiert sein, so wie man nicht immer gute Laune haben kann. Und das Pointierte wirkt zwar zuweilen leicht dahergesagt, ist es aber meistens nicht – jedenfalls nicht bei mir. Und ich vermute, dass es anderen auch so gehr. Vielmehr ist es das Ergebnis einer längeren, forschenden Auseinandersetzung mit der Frage: Was will ich genau sagen? Und für diese Auseinandersetzung hat man nicht immer den Rücken frei, besonders wenn man für ein Seminar arbeiten muss.

    Goethe soll mal in einem Brief sinngemäss geschrieben haben: Leider habe ich keine Zeit, dir einen kurzen Brief zu schreiben. Deshalb lasse ich dir einen langen zukommen.

    Die Frage nach dem freien Willen finde ich indessen sehr spannend, auch ganz ohne zu diesem Thema sehr belesen zu sein. Klar ist, dass nicht jede Handlung des Menschen frei ist. Aber ebenso klar ist (für mich …), dass der Mensch grundsätzlich das Potential hat, sich in den Bereich des freien Handelns aufzuschwingen. Womit bereits anklingt, dass das freie Handeln ein Ideal darstellt, nach dem man streben kann, das man indessen vielleicht nie ganz erreicht. Dies wiederum würde aber bedeuten, dass es freiere oder weniger freie Handlungen gibt.

    Und noch etwas: Vielleicht sieht man einer Handlung von aussen gar nicht an, ob sie frei oder unfrei ist. Vielleicht ist einzig das Motiv der Handlung ausschlaggebend dafür.

    Nun bin ich aber müde, so dass ich nicht mehr die Freiheit habe weiterzuschreiben …

    Mit bestem Gruss aus der alten Welt
    Walter

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 29. April 2010 um 00:32

    Die Frage nach der Freiheit (des Willens).

    Kein Wunder, dass die Auseinandersetzung auf die Alternative Kerker oder Paradies hinaus läuft. Denn schon die Fragestellung ist beschränkt und gibt wenig Spiel-Raum.
    Was ich sagen möchte ist: Die Gehirnphysiologie als eine strenge Tatsachenwissenschaft beschäftigt sich mit Vorgängen innerhalb des Denkorgans. Diese Vorgänge werden mittlerweile höchst differeziert beschrieben und erfasst. Das Phänomen “Denken” (aber auch “Fühlen”) kann in einer Weise erklärt werden, wie es vor wenigen Jahren noch unvorstellbar war.
    Aber! So gut wie gar nichts sagen die Ergebnisse der neurophysiologischen Wissenschaft über die grundlegende Frage aus, inwiefer und inwieweit menschliches Denken (aber auch Fühlen -also Perzeption sowie Aperzeption-) eine verlässliche Abbildung ojektiver Realität ist. Diese Frage überschreitet den Bereich empirischer Forschung. Hier kommen dann Spiel-Räume des Seins hinzu. Die unausgemachte Verfassung der Realität bringt das Denken in eine Verlegenheit, die es “von aussen” herausfordert und verändert. Auch die Interaktion unter Individuen ist eine Weise derartiger Herausforderung, wie sie mit rein empirischer Erforschung des Gehirnes nicht zureichend erfasst werden kann.

    Viele Grüße aus ffm – Avenarius