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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
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  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
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  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
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  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
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  • 23 April 2010

    Fortschreitende Spezialisierung

    Ich war vorgestern bei einem Freund zu Besuch. Der wohnt im Wedding. Da ist manches anders als in anderen Stadtteilen Berlins. Da gibt’s ein Graffiti mit dem Text: “Wedding  – Wo der Sex noch richtig schön dreckig ist”. Aber nicht nur der Sex ist da anders, angeblich jedenfalls, sondern noch ganz andere Sachen, die mehr ins Intellektuelle gehen. Wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht und sind an einem Geschäft für Elektrogeräte vorbei gekommen. Die hatten einen Schild draußen stehen, da stand: „Wir sind spezialisiert auf alles“.

    Üblicherweise versteht man unter einer Spezialisierung ja eine Einschränkung. Hier aber war genau das Gegenteil gemeint. Keine Verengung ins Besondere, sondern eine Ausweitung ins Allgemeine. Ich verspürte große Lust in den Laden zu gehen und ein philosophisches Streitgespräch mit dem Ladeninhaber oder Verkäufer zu führen. Aber ich hatte Angst, dass mir die Argumente ausgehen und er zu einer Avantgarde gehört. Menschen, die die Worte nicht mehr in althergebrachter Weise nutzen, sondern neue Definitionen finden und dass der Laden vielleicht nur so eine Art verdeckter Einsatzort ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von LaMèreDeMagritte
    Datum/Uhrzeit 23. April 2010 um 23:10

    Letzte Nacht erblickte mich ein kalter Mond.Aus der Stirn eines Reisenden, sprang er mir mitten ins Gesicht. Tief schlug er seine Wurzeln in mein brenndes Fleisch, während der Pfau sein Rad schlug.
    Wenig später, schmolzen die weissen Hänge und ein riesiger Schatten, hoch über den Wolken floh in die Saiten einer Harfe…

    Kommentar von LaMèreDeMagritte
    Datum/Uhrzeit 23. April 2010 um 23:54

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    xxxxxxxxxxxxxx hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

    merci,Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 24. April 2010 um 11:10

    LaMèreDeMagritte,
    Avec plaisir!
    Aléa

    Kommentar von Jean Stubenzweig
    Datum/Uhrzeit 10. Mai 2010 um 18:22

    Vielleicht befindet sich im Hinterhof die Nachlaßverwaltung von Arnold Gehlen, der geäußert hatte, er sei «spezialisiert auf das Nichtspezialisiertsein».

    Im übrigen freue ich mich darüber, heute früh im Hermetischen Café hierhergelenkt worden zu sein.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. Mai 2010 um 08:07

    Guten Morgen Jean!
    Ich freue mich: ein unbekannter Mensch, eine neuer Name, und einer, der mir auch noch, ohne dass ich Druck ausübern muss, freiwillig erzählt, wo er mich aufgegabelt hat. Das will ich immer wissen, woher die Leute meine Seite kennen. Zwar findet man im Internet alles, aber wie immer, wenn man alles findet, findet man etwas – spezeilles – nur sehr schwer – das, was man sucht -. Denn nach allem kann man ja nicht suchen. Das war jetzt der nicht sonderlich gelungene Versuch, das Allgemeine und das Besondere oder Spezielle in Einklang zu bringen.
    Ich renne jetzt los: in die Bibliothek, wo ich meine Tage verbringe.
    Die Äußerung von Arnold Gehlen ist witzig!
    Ich grüße dich herzlich und schaue mir deine Seite in den nächsten Tage an.
    Aléa

    Kommentar von Jean Stubenzweig
    Datum/Uhrzeit 11. Mai 2010 um 21:48

    Ich gestehe, beim Lesen eine Assoziation gehabt zu haben, die ich früher nicht hatte, aber dort stand ja auch nie ein solches Schild: In meinem alten Kiez, in der Kantstraße, an einer Savigyplatzecke gibt es (gab es? ich war eine Weile nicht dort; heutzutage geht’s ja etwas rascher) einen vermutlich seit dem Bestehen Berlins existierenden Laden, also etwas arrièregarde- oder auch schon wieder avantgardeähnliches, in dem man weit über Elektrogeräte hinaus alles erhält (oder erhielt?), was der Mensch zur Heimeligkeit eben so benötigt: einzelne, im Handel nicht mehr erhältliche Schrauben oder Ersatzteile für dreißig Jahre alte Korkenzieher. Dort komme ich vorbei, wenn ich von meinem Stammhotel in der Fasanenstraße aus meine Stammkneipe anzusteuern versuche.

    Gehlen dachte allerdings vermutlich nicht an solche Läden. Vielleicht hätte er das tun sollen.

    Am Rande, unterm Strich: Ich habe vorhin bei Herrn Herbst, angeregt von LitBlog, über die siebenbürgische Emmanuelle gelesen. Im Anhang habe ich mich amüsiert wie Bolle seit jüngst zu Pfingsten nicht. Daß Sie auch noch eine schöne Frau sind, habe ich erfreut zur Kenntnis genommen. Und auch noch lang! Sozusagen großartig. Lange Zeit strebte ich bei Frauen nach Größe. Doch es ist vorbei. Das Alter hat mich schrumpfen lassen. Aber Sie werden sicherlich noch größer werden. Auf jeden Fall wünsche ich es Ihnen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. Mai 2010 um 22:26

    Lieber Jean,

    Sie kommen aus Berlin? Und leben jetzt in Frankreich? Oder kommen Sie aus Frankreich und haben einmal in Berlin gelebt?
    Den Laden in der Kantstraße, den kenne ich. Obwohl ich eigentlich nie dort bin. Ich komme aus Rumänien, ich lebe im Stadtteil Prenzlauer Berg, ich gehe in Berlin-Mitte zur Uni, aber ich war dennoch schon einmal dort, Sie meinen den hier.

    Was das Treffen zwischen mir und Alban Nikolai Herbst angeht: das war wirklich sehr angenehm, nur hat er in der Aufregung durcheinander geworfen, dass ich aus Siebenbürgen komme, die Kollegin Herta Müller stammt aus dem Banat. Als wir schon dabei waren, uns zu trennen, haben wir noch verabredet am nächsten Morgen etwas in unseren Blogs über das Treffen zu schreiben. Man sieht das vielleicht nicht mehr, weil da, vor allem bei ihm, so viele verärgerte Kommentare drüber liegen: das war ein ganz nettes Treffen. Ich hatte dann solche Kommentare wie „Du Nutte“. Da sind die Wellen ziemlich hoch geschlagen. Bis ich einfach alles gelöscht habe, was mir nicht mehr gefiel. Aber im Nachhinein war das sehr amüsant.

    Das Alter hat Sie schrumpfen lassen? Sie klingen nicht alt. Obwohl man es an der Sprache ja oft nicht hört. Sie hören meine Herkunft ja auch nicht. An der Stimme kann man das schon eher hören, Alter und Herkunft. Vor allem aber ist das Aussehen das Feld auf dem man altert. Bevor ich nach Berlin gekommen bin, war ich zwei Jahre mit einem Blinden zusammen. Sie können sich nicht vorstellen wie lange der Mann vor dem Spiegel stehen konnte! Marijan war immer sehr besorgt um sein Aussehen. Aber machen Sie sich keine Gedanken um ihre Körpergröße.

    Sie scheinen sich auf dem Markt der Literaturblogs gut auszukennen, da sie Das hermetische Cafe lesen, Litblogs kennen und außerdem mal eben diese Geschichte aus dem letzten Monat in Die Dschungel ausgraben.

    Am Donnerstag ist Feiertag in Deutschland – oder nur in Berlin?: ich bin jetzt schon beinahe vier Jahre in Deutschland, aber wann hier Feiertage sind, das kapiere ich einfach nie es gibt kirchliche und gesetzliche Feiertage und die sind in allen Bundesländern anders – und dann habe ich Zeit und schaue mir mal Ihr eigenes Projekt an. Aber morgen gehe ich noch mal in die Bibliothek.

    Und jetzt werde ich mal mein Rumänisch aufpolieren: ich rufe eine Freundin aus Bukarest an.

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 12. Mai 2010 um 12:04

    Hallo Joelle,

    Ihre Begegnung mit dem Wolpertinger las sich als fände sie statt in einem großen leeren Zimmer mit gewichtigen Fragen!?

    Aber wirklich unendlichen Spaß hat mir gemacht(und mich gefreut an Ihnen), dass Ihnen weder “Arsan”, noch die (Banater) Emanuelle etwas gesagt hat. Es gibt ja Menschen, die halten Homer für einen griechischen Dichter.

    Beste Grüße

    Ihr NO

    Kommentar von Jean Stubenzweig
    Datum/Uhrzeit 12. Mai 2010 um 20:32

    Liebe Aléa Torik,
    da habe ich nun eine Antwort geschrieben, traue mich aber nicht, sie abzuschicken, da sie mir ein wenig lang geraten ist und auch noch Links enthält. Ich könnte sie bei mir als Kommentar einstellen und Ihnen die URL mitteilen. Wollen wir’s so machen? Oder doch hier hinein?

    Mit fragendem Gruß
    jst

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 12. Mai 2010 um 20:48

    Lieber Jean Stubenzweig:
    Beides! Wenn Sie sich so viel Arbeit gemacht haben, muss sie auch bei Ihnen stehen und wenn Sie mir gilt, Ihre Antwort, gehört sie hierher!
    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 12. Mai 2010 um 21:12

    Sehr geehrter Herr NO,

    guten Abend!

    Namen, erster Teil: Zuerst einmal: wie soll ich Sie anreden: NO, Herr NO, Dr. NO, Herr Oster…? Frau … (das ist die Emailadresse); Oder wollen Sie mir das Du anbieten? Das müssen Sie mir mitteilen.
    Namen, zweiter Teil: ich bin wieder zu meinem alten Namen zurückgekehrt, der ist mir doch der Liebste!
    Namen, dritter Teil: Die beiden Figuren; Arsan und Emmanuelle waren mir tatsächlich unbekannt: Warum hat Sie das gefreut?
    Namen, vierter Teil: war Homer kein griechischer Dichter?

    Ich freue mich, von Ihnen zu hören! Das Treffen mit Alban Nikolai Herbst hat nicht in einem leeren Zimmer stattgefunden. Jedenfalls nicht der Teil bei dem ich zugegen gewesen bin. Was den anderen Teil betrifft, müssen Sie Alban persönlich fragen.

    Und jetzt verschwinde ich und stille meinen „Erlebnishunger“: das habe ich letztens gelesen; dass die „Damen“ der Hauptstadt Erlebnishunger haben, hier steht das schwarz auf weiß.

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von Jean Stubenzweig
    Datum/Uhrzeit 12. Mai 2010 um 22:40

    Eine Antwort allein für Sie, Aléa Torik. Bei mir wäre sie teilweise bereits gedroschenes Stroh. Aber Arbeit, das war’s wirklich nicht. Es plauderte sich eher angenehm so raus.

    Berlin war meine erste deutsche Heimat. 1963/64 zog ich nach den letzten Schuljahren in Finnland auf Empfehlung meines aus der Nähe von Jekaterinburg stammenden Vaters dorthin, um an der FU zu studieren. Dann blieb ich rund zehn Jahre, da ich die ständige Herumzieherei (mit den Eltern) satt hatte. Was mich jedoch nicht daran hindern sollte, zwischenzeitlich anderswo zu lernen und auch anderenorts abzuschließen, überhaupt nach dem Studium wieder loszuziehen. Das Nomadische liegt mir wohl im Blut oder wurde mir anerzogen. Denn trotz anschließenden, bald dreißig Jahre festen Wohnsitzes in München befand ich mich immer irgendwie auf der Flucht. Um die Jahrtausendwende bin ich nach Marseille ausgewandert, nachdem ich in den Achtzigern Mutterländisches entdeckt und diesen Teil meiner Vergangenheit zu erforschen begonnen hatte. Kaum hatte ich mich einigermaßen gemütlich eingerichtet am Alten Hafen und die richtige Perspektive eingenommen, ereilte mich eine bereits enteilt geglaubte Sehnsucht. Sie hatte sich an den Nebentisch gesetzt und mich, wie ich mit zunehmend schlechtem Gewissen aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, lange forschend begutachtet. Ob wir einander nicht schon einmal begegnet wären? fragte sie schließlich ihr großes Herz, das es aussprach. Dem war so. Ich meinte, in meinen Erinnerungen herumsuchend, es sei anläßlich eines Vortrages in Schleswig gewesen, sie behauptet bis heute, auf einer Party in Rendsburg. Da war ich aber noch nie, wenn ich mittlerweile auch weiß, wo das liegt. Sie heißt übrigens Familie und (ent)führte mich 2003 in den Norden. Und so hüpfe ich weiter hin und her, nun immerhin zwischen zwei den beiden Schwesterstädten Hamburg und Marseille. Familie.

    Ja, das ist der Laden. Er scheint noch zu existieren. Ich muß annehmen, daß den Adolphs das Haus gehört. Denn sonst wäre da sicherlich längst irgendein Billigheimer drinnen oder noch ‘ne BerlinBar. Charlottenburg soll ja wieder schwer im kommen sein, wie mir mehrere ehemalige Mitrandalierer versicherten, die längst die hübschen Wohnungen mit ihren vier Meter hohen Decken und vierzig Quadratmeter großen Zimmern gekauft haben, deren Hauseigentümer sie früher ein bißchen ziemlich in Grund und Boden verachteteten. Eine der besten Informationsquellen ist der gegenüberliegende Zwiebelfisch, wo man Apo-Opas wie mich betrachten kann, aber durchaus auch Wohnungsbesitzer, die sich manchmal gerne ein wenig erinnern möchten an Zeiten, in denen sie noch richtig Krach gemacht haben.

    Alt. Nein, so fühle ich mich auch nicht, jedenfalls nicht im Kopf. Dort befinde ich mich mittlerweile in der Zeitlosigkeit. Das ist der vortelhafteste Zustand, will man sich als später, aber von der Sozialisation durch den Flickenteppich seit je überzeugter Vater in einem Rudel Jungwölfe behaupten. Aber geschrumpft bin ich dennoch sicherlich, was jedoch allein auf das biologische Alter zurückführen sein dürfte. Doch selbst die zweifellos vorhandene Kürze hat mich auch früher nicht dazu bewegt, männliche Talons aiguilles zu tragen.

    Die Literaturblogs oder solche, denen etwas mehr zu entnehmen ist als das, was das Menschlein gefrühstückt oder es am Chef mal wieder geärgert hat, liegen mir eben eher. Und Zeit habe ich auch mehr als andere. Aber ich bin ohnehin nicht unbedingt das, was gemeinhin als Blogger bezeichnet wird. Diese Kürze-Würze schmeckt mir nicht so. Was nicht heißt, daß ich mich dabei nicht amüsieren und/oder gar ins Nachdenken geraten kann; ins Hermetische Café beispielsweise, eine der Kostbarkeiten (wenn nicht das Schmuckstück überhaupt) meiner Bloggemeinde, gehe ich sogar der Kommentare wegen täglich (wie wäre ich sonst bei Ihnen gelandet?). Ich für meinen Teil bin keineswegs Literat, ich empfinde mich nicht als Künstler, und ein «Projekt» möchte ich es auch nicht nennen, gleichwohl sich Erzählungen darin befinden. Aber was ist schon Erzählung und was nicht? Ich erzähle ganz gerne Geschichtchen aus der Erinnerung, nenne ich’s nachgetragenes Tagebuch, wobei Fiktionales, um Ihre Bemerkung bei Herbst aufzugreifen, sich durchaus auch dort hineinhäkelt; als wär’s ein Stückchen «poésie du souvenir», ohne daß ich mich auch nur annähernd mit Robbe-Grillet schmücken, geschweige denn mit ihm vergleichen möchte. Aber «alles ist irgendwie autobiographisch», hat Jochen Gerz mir mal ins elektrische Notizbuch gesprochen, als ich noch hauptberuflich kunstvermittelnd durch die Gegenden nomadete, wir über Sein und Schein, vor allem über die Romantik, über die sich doch von der deutschen unterscheidende, wohl politischere französische, plauderten, was ich nun, als an keine Wirklichkeiten mehr gebundener romantischer Ruheständler, leben darf: herumphantasieren, mit dem Wissen, daß es tatsächlich so gewesen sein könnte.

    «Die Nutte», ach, wer mag sich denn von solchen Wellen nach oben tragen lassen oder darin untergehen? Wer von denen, die diesen Begriff penetrieren, weiß denn, was das wirklich bedeutet? Ich habe zauberhafte Huren kennengelernt, die wundervolle Gefährtinnen und Mütter sein konnten, oder auch nicht, aber auf jeden Fall bei mir und auch anderen ein höheres soziales Ansehen hatten als manch eine angesehene professionelle Ehegattin. Es ist alles eine Frage der Sichtweise. Nun gut, in jüngeren Jahren hätte auch ich sicher geschäumt. Aber das ist das Angenehme an der Zeitlosigkeit: Man wird ruhiger. Wenn auch nicht in jedem Fall, wie ich gestern bei Alban Nikolai Herbst belegt bekam; wobei ich selbstverständlich nicht weiß, wie alt der eine oder andere Kommentator bereits auf die Welt gekommen ist. Allerdings muß ich zugestehen, auch bei mir hin und wieder das eine oder andere gelöscht zu haben, da ich bestimmte Töne ebenfalls nicht mag. Anzügliche Themen vermeide ich deshalb, wie etwa aktuelle Politik. Einmal reicht mir. Dafür bin ich dann doch immer noch zu dünnhäutig. Hinzu kommt mein Mißfallen an aus den Fugen geratenen Stilen; ich habe wohl zu lange in der Formalästhetik des Holzes gearbeitet, um derlei Konvention so ohne weiteres abzustreifen.

    Das mit Siebenbürgen habe ich schon verstanden. Allerdings ist mein Wissen darüber äußerst dürftig; lediglich von deutschstämmigen Siedlern aus dem Westen bzw. des Mittelalters habe ich ein bißchen was behalten, von dem, was ich irgendwann mal gelesen habe im Zusammenhang mit den Kreuzzügen. Von den Schwierigkeiten im Rumänien der Nachkriegszeit weiß ich selbstverständlich, aber auch nur ein bißchen was. Und vor einiger Zeit geriet ich bei Arte in den Rest einer Dokumentation, die mir Menschen vermittelte, die ein wundersames Deutsch sprachen, das in einzelnen Lauten ein wenig klang wie das Französisch einer alten Frau in Quebec, deren Familie im achtzehnten Jahrhundert aus Nordfrankreich dorthin gekommen war. – Haben Sie denn bereits wieder (Schrift-)Deutsch in der Schule (oder an der Universität) gelernt?

    So, nun reicht’s aber. Das ist schließlich Ihre Seite. Trotz Ankündigung: Entschuldigen Sie bitte die Wortmasse. Aber ich kann irgendwie nicht kurz.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. Mai 2010 um 10:07

    Lieber Jean Stubenzweig,

    das ist wirklich ein langer und schöner Kommentar. Ich habe mir gefreut! (mein Gott! habe ich das wirklich geschrieben?) Was mir sehr gefällt, ist Ihr Schlusssatz und weil auch ich, wie Sie, nicht kurz kann, oder nur sehr schwer, bekommen Sie eine entsprechende Antwort: lang nämlich. Ich werde sie nicht als Kommentar veröffentlichen, sondern als Artikel. Da ich lediglich alle zwei bis drei Tage einen neuen Text einstelle, das ist mir sonst zu viel Arbeit, wird das vermutlich erst am Samstag oder Sonntag soweit sein.

    Und jetzt schaue ich mir mal Ihre Seite an.

    Herzlich
    Aléa Torik

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 18. Mai 2010 um 15:41

    Liebe Alea Torik,

    Ihre Anrede klingt vertraut und ist also gut so.

    Mich freut an Ihnen Ihre Art. Unbekümmert, unbeeindruckt, selbstbewßt treten Sie erzählend aus einer hermetisch abgeschlossenen Welt heraus, in welche die Securitate anscheinend weder eine westliche-erotische Kultfigur aus den 70ern, noch die Simpsons hereingelassen hatte. Das gefällt mir ebenso wie – ich sagte es schon an anderer Stelle – Ihre Weise zu schreiben.

    Das mit dem Zimmer konnte ich ANH nicht fragen. Ich war zwar im Burger neulich (Sie dagegen, soweit ich das sagen kann, nicht). Aber er war von Groupies umringt. Da hab’ ich mir nur schnell den Wolpertinger signierern lassen.

    Glückwunsch übrigens (an Sie beide) für die Texte über die Verabredung, beide waren ziemlich gut.

    auch

    Herzlich

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 18. Mai 2010 um 22:44

    Lieber Herr NO,

    Ich musste über ihren Kommentar lange nachdenken, aber jetzt habe ich es zusammen: die hermetisch abgeschlossene Welt ist das Rumänien meiner Kindheit aus der die Securitate, aber nicht nur die allein, einige Einflüsse westlicher Provenienz herausgehalten hat, gleich ob das die erotische Gestalt der Arsean war oder der Homer aus den Simpsons. Bei Ihrer Nennung Homers hatte ich angenommen, Sie spielen darauf an, dass man in der neueren Forschung nicht mehr davon ausgeht, dass es sich dabei um eine Einzelperson handelt, sondern um eine Agglomeration verschiedener Personen, die, wenn sie verschiedenen Zeiten entstammen sollten, tatsächlich nicht mehr als genuin griechischer Dichter gelten können. Aber Sie meinten etwas anderes, und ich habe es dann auch verstanden. Naja vielleicht bin ich aus ein bisschen naiv, in manchen Dingen zumindest.

    Dass Ihnen meine Schreibweise unabhängig davon (oder vielleicht sogar doch stark abhängig?) gefällt, freut mich. Wenn Sie das eine gesagt haben, habe ich bestimmt das andere auch schon gesagt. Und es freut mich sehr, wenn Sie die „Örtlichen Leidenschaften“ von Barbara Bongartz lesen. Ich hoffe, das gefällt Ihnen. Aber Sie die Komplexität von “Unendlicher Spaß” nicht abgeschreckt hat, dann wird es Ihnen hier nicht anders ergehen. Ich hoffe, Sie werden mir mitteilen, was Sie davon halten.

    Sie haben Recht, ich war nicht bei Albans Lesung. Ich habe nicht die geringste Neigung zum Groupie. Ich glaube, es ist da ein bisschen enttäuscht von mir. Das gefällt Männern ja in der Regel sehr, wenn sie angehimmelt und, noch besser, vergöttert werden. Das liegt bei mir einfach an dem recht nüchternen Zugang, den ich zu der Sache habe und der lässt sich etwa so beschreiben: das Buch ist ein Werk des Autors, aber der Ruhm ist es so ebenso wenig wie der mangelnde Ruhm: das hat etwas mit den anderen zu tun, aber gar nichts mehr mit dem Autor.

    Herzlich

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 20. Mai 2010 um 12:54

    Liebe Alea Torik!

    Sie luschern doch nicht, wie wir Hamburger sagen, Sie luschern doch nicht etwa in andere Blogs?

    Da aber anscheinend doch, vorerst (ich bin noch mitten drin) Folgendes: Ich halte `was von den „Nachtstücken“. Sogar sehr viel! Noch begeisterter allerdings war ich von „Rom, Blicke“ (das erste Ihrer 3 Empfehlungen damals). Daran – und an den „Unendlichen Spaß“ – wird dieses merkwürdige und irritierende Buch von Dr. BB nicht (ganz) herankommen (wie übrigens auch Bolano nicht [ganz]). Das liegt aber vermutlich nicht an der Literatur der Dame, sondern wohlmögl. an Persönlichem, daran, dass Brinkmann mir manchmal aus der Seele spricht, und bei Wallace daran, dass mit diesem schrecklich-schönen Buch für mich – wie gerade Sie ja bestens wissen – ein so großer Trost (um das Wort „Erlösung“ zu vermeiden) befördert wird.

    Gleichwohl hat Frau Bongartz hier ein großes (und in der Tat komplexes) Buch geschrieben:

    Die Geschichten in den „Örtlichen Leidenschaften“ haben einen ganz eigenen, unerhörten Ton. Einen Ton, den ich jdf. so noch nicht (im Lesen) vernommen habe und den ich unfähig bin zu beschreiben. Irgendwie verloren und traurig, elegisch. Gleichzeitig aber auch irgendwie kämpferisch und dynamisch. Selbstsicher, unbeeindruckt, und doch auch der eigene Unzulänglichkeit bewusst, also souverän. Irgendwie weiblich. Viel Moll, wenig C-Dur, aber wenn, dann groß.

    Auch die Themen und Motive einzelner Nachtstücke (und deren Konstruktion) suchen stellenweise ihresgleichen. Die (in einer Fußnote der 2. Geschichte erzählte) Begebenheit mit dem ermittelnden Polizeibeamten, der sich Zutritt zum Hause des reichen Verdächtigen verschafft, welcher sein früherer Liebhaber ist und wieder wird, fand ich ebenso grandios wie die „Jagd“, in der Sassa Heisch am Portwein nippt und sich die vergangenen Stunden der verstreichenden Nacht vergegenwärtigt, in der Ihre Brüder und andere ihren Gast und Freund zu Tode ritten. Und Aleister Foy, der irre Mörder (??), den einmal die Hausherrin unscheinbar vor sich sieht, und im nächsten Stück sieht der Leser mit seinen Augen auf jene. Und in der dann folgenden erzählt der eine Geschichte (man merkt es nur erst nicht, aber wenn man es weiß, sind die Anzeichen unüberlesbar – toll gemacht!).Vieles bleibt rätselhaft in den Nachtstücken, vieles unbestimmt, manches bleibt ungesagt, anderes wird nur angedeutet; das ist großartig vage. Und die Europäer mit ihren Problemen im Umgang mit den Amerikanern, das trifft einen alten Nerv bei mir, und die kulturell weniger beschwerten Amerikaner in Europa, und der Flaneur, der kaspischen Kaviar bestellt, und die wunderschönen Beschreibungen der melancholischen Normandie mit ihren weiten, einsamen Stränden, und und….. …..

    Und doch sind es keine gesammelten Erzählungen, sondern ist es doch ein Roman. Oder sind es eigentlich 2 Romane. Oder ist es am Ende doch nur einer. Es ist ja nicht nur, dass hier Geschichten zwischen 2 Buchdeckel gepackt sind, dass Personen hier und dort sich wiederfinden und Motive, dass es Vorworte und am Ende Briefe gibt, dass die Anmerkungen eine eigene Geschichte darstellen könnten mit Klammerfunktion für alles und mit Verweisen auf die Orte, Namen und Zusammenhänge. Es ist viel mehr.

    Dennoch: Einzelne der Geschichten haben so ihre Längen, so etwa die von Adrienne de Gagauffin und Clara de Witt, die großartig beginnt (Leichen herrichten, Garten als Paradies, wechselseitige Anziehung der beiden Frauen über die Entfernung), aber gegen Ende sich verliert. Und andere haben mich insgesamt gelangweilt – zu viele. Und der Weltenentwurf hier ist nicht der meine.

    Aber wie hatte Ihr Freund Thorsten Krämer (über den US) gesagt:

    „Das Buch wühlt mich nicht auf, verunsichert mich nicht, schleudert mich nicht in gefährliche neue Zusammenhänge.“

    Das war für mich bei Wallace unzutreffend und wäre es hier auch.

    Herzliche Grüße

    Ihr

    NO

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 20. Mai 2010 um 13:21

    so so, Männer werden nicht angehimmelt, aber in den Literatursalon gehen Sie…

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 20. Mai 2010 um 22:38

    Guten Abend, lieber Herr NO,

    tja, Sie haben vollkommen recht, mich abzumahnen: ich neige aber wirklich nicht zu Starkult und war mehr zufällig bei der Lesung von Alban. Ich war mit einer Freundin zu Falafelessen verabredet und die hat sehr kurzfristig abgesagt, und die Lesung war ganz in der Nähe und auch gerade zu der Zeit. Es hat sich gelohnt: es waren gute Sachen, die da vorgelesen worden sind, von Alban Herbst. Der Profi war auch dort, und der hatte mich schon einmal nach Hause gefahren, den kannte ich also auch.

    Sie könnten ganz gut in die Literaturwissenschaft wechseln, die beschreiben das sehr gut, was Frau Bongartz da macht. Ich war damals wirklich sehr beeindruckt von dem Buch. Ich kann mich jetzt so genau nicht erinnern, wie Sie das können, bei Ihnen ist das ja noch ein bisschen frischer. Ich fande diese Art von Literatur und ihre Vermischung mir Literaturwissenschaft (die nicht immer ganz ernst zu nehmen ist) sehr interessant.

    Und das Sie auch „Rom, Blicke“ von Brinkmann gelesen haben, freut mich. Dann scheinen Sie ja meinen Empfehlungen wirklich einen gewissen Wert beizulegen. Dann haben die das dritte noch vor sich, den Albert Vigoleis Thelen.

    Entschuldigen Sie, wenn ich etwas kurz angebunden bin: mein Daumen tut mir etwas weh, ich hatte da heute in der Bibliothek einen kleinen Krampf, ich weiß nicht, ob das eher muskulärer oder nervöser Art war, aber das war eindeutig eine Überlastung vom Tippen. Und jetzt will ich meinen Händen heute Abend nicht mehr zu viel zumuten. Ich hoffe, das taucht morgen nicht wieder auf. Ich brauche da meine zehn Finger (und meine sieben Sinne).

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 31. Mai 2010 um 14:31

    Liebe Alea Torik!

    Besten Dank für die Erwiderung auf meine Eindrücke über die „Örtlichen Leidenschaften“ und deren Weiterleitung. Ich bin jetzt durch mit dem Buch und um das kurz abzuschließen: Dies Werk von Barbara Bongartz ist ein großartiger Wurf. Sie hatten Recht: Beste deutsche Literatur. Völlig unverständlich und ungerecht, dass dieser Roman nicht hochgelobt und dem Publikum nicht wohlbekannt ist. Die Kritik dürfte hier versagt und die Medien geschlafen haben.

    Es ist ein Roman über uralte Familien aus dem Rheinland, aus der Normandie, über die Dynastien Heisch, Heming, de Gagoffin. Verbunden mit einem Epos über die New Yorker Familie de Witt. Alter Europäischer Adel und neues amerikanisches Geld. Wie die Repräsentanten der Familien aus Düsseldorf und Paris in die USA mäandern und zurück, wie die der aus Tudor City nach Deauville reisen und sterben, mit einem Spritzer Lugano und Padua. Und, Sie haben Recht, natürlich, es ist ein Roman über Literatur und Literaturwissenschaft, nicht immer ganz ernst gemeint. Wie überhaupt die Nachtstücke vielleicht ein bisschen überzeichnet sind; ein Hauch von Groteske durchweht sie.

    Weitere unvergessliche Geschichten habe ich lesen können, insbesondere über das Künstlerische, Weibliche, Wilde, welches im „Regen in Padua“ dem Manne unwiederbringlich verloren geht. Und über die Rückkehr des Ausgewanderten ins „Heming“-Land – mit Moor, verrückten Brandstifterinnen und geschwisterlichem Inzest, den auch Thomas Manns „Wälsungenblut“ nicht intensiver, fürchterlicher, schöner beschworen hatte.

    Aber es bleiben eben auch die schon gemachten Einwände mancher Längen, einzelner Unverständlichkeiten, nichtssagende Stücke, also aufkeimender Langweile zuweilen.

    Was ich vergessen hatte zu erwähnen: Was kann die Frau für Sätze drechseln! Wie viel Wucht liegt in Formulierungen wie: „Mit Liebe ist kein ekstatisches Gefühl gemeint, eher die völlige Unfähigkeit zu der Vorstellung [der Reichen], dass es außer Liebe und Annehmlichkeiten überhaupt noch etwas anderes auf dieser Welt gab.“ Oder: „Es sollten sich nur jene fürchten dürfen, die die Angst auch lieben; aber es ist immer umgekehrt.“ Oder: „Weit mehr als die Hälfte der Welt sah er nicht; er blieb immer nur auf der einen einzigen geordneten Seite; jene Fabelwelt aber, die fremden Blutes Schmiede ist und mehr noch: Temperamente segnet, blieb ihm verschlossen.“ Bongartz-Sprache!

    Noch ein Wort zu der Welt, welche diese Nachtstücke hier erschaffen:

    Es ist die Welt der Dunkelheit, der Melancholie, der Einsamkeit, eine Welt im Regen, bevölkert von Nachtschattengewächsen. Es sind schräge Geschichten über schrille Vögel. Zerrissene, Entwurzelte, heimatlos oder auf der Flucht, nie vergnügt. Diese Welt der Barbara Bongartz erschrickt durch die Abwesenheit von Idylle. Liebe gibt es nicht. Gott findet nicht mehr statt. Die Familien sind nicht heil, die Kinder nicht Wunsch. Mir begegnete die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Knaben; Sex zwischen zwei reifen Herren; Siegmund und Sieglinde, Lolita; mir begegnete ein Mann, der zur Frau wird, und dann einem Mann verfällt, der einmal Frau war; ich las von lesbischer Liebe, von einem Jungen, der sich an seiner Mutter vergreift, von einer Braut, die noch im Hochzeitskleid nach Amerika flieht. Streuner und Flaneure. Die menschlichen Abweichungen von der Norm.

    Wie schon gesagt, meine Welt ist das nicht. Muss es ja aber auch nicht sein. Es ist trotzdem (oder gerade deswegen?) beeindruckende Literatur. Merk-Würdig im eigentlichen Sinne.

    Ich bin aus diesem Buch anders heraus gekommen, als ich hineingegangen bin (um Ihre schöne Formulierung zu gebrauchen, Alea). Danke für die Empfehlung. Ich schenke jetzt ein weiteres Exemplar einer alten Freundin.

    Und Ihnen noch einmal gute Besserung der Schreibhand!

    Herzlich

    Ihr NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 31. Mai 2010 um 17:44

    Lieber NO,
    nur ganz kurz, ich muss gleich weg: Sie finden da wunderbare Worte und ich freue mich, dass Sie meine Einschätzung teilen. Sagen Sie es der Dame doch persönlich, die freut sich! : http://www.barbarabongartz.de/
    Ich melde mich demnächst ausführlicher, aber jetzt habe ich Seminar.
    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. Juni 2010 um 20:31

    Lieber NO,
    ich bin gerade etwas launisch. Es ist Freitagabend und ich muss noch so viel machen. . Sie gehören dazu und Sie stehen auch an erster Stelle, ich schleppe das jetzt schon seit einer Woche mit mir herum.
    Ich kann mich auch gar nicht so äußern, wie ich das möchte, das wäre nicht klug. Ich könnte Ihnen eine ausführliche Email schreiben, aber ich kann gerade keinen weiteren Schauplatz aufmachen. Ich will noch zwei Rezensionen für das Blog machen (hier schreibt ja kein anderer), ich habe bei den Bolano Lesern einen Beitrag zugesagt, etc., aber ich will mich hier nicht beklagen.

    Das Thema ist das, was Sie angeschnitten hatten: die deutsche Literaturkritik habe bei Bongartz versagt. Das könnte man so sehen. Dann hat sie auch bei Vigoleis Thelen versagt. Das passiert auch in anderen Ländern und Literaturen. Aber ich glaube das trifft das Problem nicht. Das Problem liegt woanders, nicht in der Literaturkritik, sondern einen Schritt vorher, in der Literatur selbst. Wallace hätte in Deutschland seinen Roman nicht veröffentlichen können, Thelen hatte lebenslang Schwierigkeiten, bei Bongartz will ich gar nicht wissen, wie viele Absagen die sich geholt hat. Die Literatur in diesem Land ist das Problem. Ich bin literaturbegeistert, ich setze mein Leben daran, ich investiere jede freie Minute in Lesen oder Schreiben. Aber neue deutsche Literatur lese ich fast gar nicht mehr. Ich lege in den letzten Jahren alles angefangen weg. Ich will keine Hauptschulliteratur lesen, ich habe Abitur. Und Abiturliteratur wird hier entweder nicht geschrieben oder nicht veröffentlicht. Und ich bin inzwischen ernsthaft der Meinung, dass ich hier im falschen Land bin. Land der Dichter und Denker, das ist Deutschland ganz sicher nicht. Ich höre auf, bevor ich mal richtig anfange.

    Ich habe Ihren schönen Kommentar zu dem Roman von Herrn Herbst in den Dschungeln gelesen. Der hat mir Lust auf dieses Buch gemacht.

    Der Alban hat sich schon länger nicht mehr bei mir gemeldet. Entweder nimmt er mir das krumm, dass ich ihm erzählt habe, ich hätte Olga umkommen lassen (ich wollte ihm eins auswischen). Oder der hat eine andere! Haha, ich lache mich tot. So wird’s wohl sein. Ansonsten müsste er auch mit recht wenig auskommen.

    Herzlich aus der Kopenhagener Straße

    Aléa Torik

    PS. Die Schreibhand kränkelt. Aber ich mache auch nichts anderes als tippen.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 15. Juni 2010 um 16:20

    Liebe Alea Torik,

    auf gar keinen Fall hören Sie auf! Und zwar mit gar nichts, und ganz sicher nicht mit Ihren Blog-Beiträgen. Wie habe ich geschmunzelt über Ihren letzten Absatz unten zu ANH, wie gerne habe ich Ihr Frauenfrühstück gelesen. Sie sind gut, und zwar allemal im Web. Es ist kein Zufall, dass Ihre Gefolgschaft bei DFW so groß war und dass Ihr Blog nach vergleichsweise kurzer Zeit als Erfolg wahrgenommen wurde. Zu Recht hat ANH in irgendeinem Kommentar von Ihrer ungeheuren Wirkung gesprochen.

    Und außerdem warte ich auf Ihren zweiten Roman. Das wird noch dauern, schon klar. Das gibt mir aber vielleicht Gelegenheit, mich mehr mit dem „Blinden Fotografen“ zu beschäftigen. Leider bin ich dazu nebenbei – Sie werden vielleicht erinnern, ich habe hauptberuflich durchaus mit anderen zeitfressenden Dingen zu tun – noch nicht umfassend gekommen. Kann man denn eigentlich das ganze Buch irgendwo komplett im Zusammenhang lesen?

    Dass Ihnen der „Wolpertinger“ gefallen würde, daran habe ich keinen Zweifel. Sie wissen, ich habe im Grunde von Literatur keine Ahnung und spreche also nur als Laie zum Profi. Aber als ein solcher Hobbeyleser bin ich überzeugt, dass auch die andere Hälfte des Buches halten wird, was die erste mir versprach. Und dann wäre für mich der „Wolpertinger“ zu Recht in einem Atemzug zu nennen mit Brinkmanns „Rom, Blicke“, Bongartz „Örtliche Leidenschaften“ und Tellkamps „Turm“ (und mit Dieter Fortes „Am anderen Ende der Welt“, um mal ein eigenes Leseerlebnis nennen). Und im Grunde glaube ich – aber Nicht-Literaturprofi! -, der Wolpertinger ist sogar besser, warum also ihn nicht mit dem „Unendlichen Spaß“ – von dem wir beide ja überzeugt sind! – und mit „2666“ vergleichen? Mag der Vergleich auch hinken, die Augenhöhe ist da. Finde ich.

    Womit wir bei dem Thema wären, warum denn neben den „Örtlichen Leidenschaften“ auch der „Wolpertinger“ jdf. heute nicht mehr bekannt ist bei der Leserschaft und der Kritik und wie es überhaupt bestellt ist mit der deutschen Literatur. Aber das Thema ist natürlich komplex.

    Deutschland ist nicht mehr das Land der Dichter und Denker, weil große Literatur hier nicht geschrieben oder nicht veröffentlicht wird, sagen Sie. Das beides ist ja aber nicht dasselbe. Insofern muss man, denke ich, die Schlachtfelder auseinanderhalten.

    Geschrieben wird das ja vielleicht schon. Wenn es gut ist, aber nicht veröffentlicht wird, ist das ein Problem der Verlage. Ob es dieses Problem wirklich gibt, weiß ich nicht, Dagegen könnte sprechen, dass ja manches Gute doch veröffentlicht wird.

    Sie haben ja selber gerade ein unbekanntes kleines gutes Buch besprochen. Und wenn ich auf die letzten 10 Jahre zurückblicke, dann sind Grass‘ „Zwiebel“, Kehlmanns „Vermessung der Welt“ und Tellkamps „Turm“ immerhin lesenswert (und Dieter Forte ist m.E. sogar gut), wenn auch vielleicht nicht ganz große Weltliteratur. Aber zeigen nicht gerade ja auch die o.a. Bücher aus den 1990ern von Bongartz und Herbst, dass es große Texte auch in jüngster deutscher Vergangenheit gibt und sie tatsächlich veröffentlicht werden? Man kennt sie nur nicht (Bongartz). Oder nicht mehr (Herbst – oder der ja auch von Ihnen dankenswerter Weise im DFW-Blog wieder bekannt gemachte Brinkmann aus den 1970ern).

    DAS aber wäre dann ein Manko der Kritik. Denn kennte das Publikum die Bücher und wollte sie kaufen, würden die Verlage natürlich drucken, keine Frage.

    Daher könnte das Problem in den fehlenden Lesern liegen. Sie selber haben ja die interessante Zahl von rd. 200.000 Deutschen genannt, die anspruchsvolle Literatur lesen können und wollen. Wie Cicero der „Republikaner ohne Republik“ war, sind wir Demokraten, die nicht zur Wahl gehen, Repräsentanten des Abendlandes, die nicht in die Kirche gehen, und Intellektuelle, die nicht mehr Bücher lesen. Und wer liest denn schon 1000 Seiten?

    Das ist ein Bildungsproblem. Und was können wir Einzelne tun? Nun, Sie betreiben Ihren Blog. Und ich verschenke Bücher wo immer ich kann und schwärme von ihnen. Ob das reicht?

    Nein. Die Kritiker müssen ihrer Rolle gerecht werden, sie müssen Leser wecken, Neugier wecken und Werke wiederentdecken. Marcel Reich-Ranicki hatte das getan (auch mit dem Quartett und dem Kanon). Peter von Matt hatte das getan (neulich im Literaturclub). Fritz Raddatz hatte das getan in der „Zeit“ 1980 mit der „Liste der 100 Bücher“. Mein Geschichtslehrer hatte das getan und diese Liste kopiert und an seine Schüler gegeben. Und was macht der Spiegel? Der veröffentlicht Verkaufszahlen, und zwar über Fast Food, wie Sie so nett geschrieben haben.

    Herzliche, liebe Grüße

    Ihr NO