16 April 2010
Die re:publica II
Gestern war der zweite Tag der re:publica. Das Bloggerticket hat ungefähr das gekostet, was ein Haus am See kostet, mit einem zum Wasser hin abfallenden Grundstück, einigen Pappeln und einer kleinen Fasanenzucht. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Weltreise mit Aufenthalten in Patagonien, Bergtouren durch die Anden und Tibet, lange Reisen durch die afrikanische Steppe, durch Rub al-Chali und Lop Nor, durch die Mongolei, einer Tour von Bukarest am Schwarzen Meer entlang durch Bulgarien und die Türkei, mit Rast in Teheran, durch Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan bis nach Islamabad. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Sammlung alter Rolls Royce mit Chauffeuren in dunklen Anzügen und weißen Handschuhen, die einem die Türe öffnen, dabei zu Boden blicken und voller Hochachtung sagen „Madame“. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie ein zehn mal zehn Meter umfassender Kubus bis an den Rand gefüllt mit Uhren von Patek Philippe und Rolex und Cartier. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Reise durch den Weltraum, vorbei am Andromedanebel, mit Sternschnuppen und Außerirdischen, bis nach Alpha Centauri. Und was ist passiert? Nix! Absolut nix!
Da ist doch etwas passiert. Ich saß gegen Mittag auf einem Treppenabsatz und schrieb in mein Laptop (über Leute, die auf Treppenabsätzen sitzen und in Laptops schreiben), da meinte ein Typ zu mir: „Ich steh auf rothaarige Frauen.“ „Und“ sagte ich, „was weiter?“ Da hat er nichts mehr gesagt. Vielleicht war ihm so ne Emanze die eigenständig reden kann, nicht recht. Eine Frau, die bereits durch die Art ihrer Gegenfrage anzeigt, dass es so ganz einfach nicht werden würde. Vielleicht konnte er mit Dingen nicht umgehen, die auf einen Klick hin nicht reagieren wie die Dinge im Netz nun einmal reagieren müssen, nämlich aufgehen. Der Kontent muss sofort greifbar sein.
Eine für mich wichtige Diskussion ereignet sich derzeit woanders. Alban Nikolai Herbst antwortet in seiner Replik auf die Vorlage von Thomas Hettche in der FAZ. Das findet vielleicht nicht ganz zufällig gerade zur Zeit der re:publica statt. Es geht bei dieser Diskussion nicht nur um die Bedeutung von Literatur – um eine Orchidee in der kapitalistischen Wirtschaft, möglicherweise aber auch nur ein ordinäre Tulpe – sondern um die Bedeutung von Netz und Vernetzung. Es geht um Kommunikation zwischen Autor und Leser, der, indem er kommentiert, selbst zum Autor wird. Es geht um Originalität und Plagiat. Und es geht um noch etwas sehr viel gewichtigeres: es geht darum, dass im Netz das Verhältnis von Realität und Fiktion ein anderes ist. Starke These. Ich musste sie erst einmal formulieren. Verkaufen werde ich sie allerdings nur unter kapitalistischen Bedingungen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: April 16th, 2010 unter lang, Paralipomena












Kommentar von phyllis
Datum/Uhrzeit 18. April 2010 um 19:19
Vielleicht müsste man damit anfangen, das bloggen nicht mehr bloggen zu nennen, denn was könnte ein Blogger (urgs) schon mit einem echten Literaten gemein haben?
Die Diskussion Ihrer selbsternannt starken These, von der ich hoffte, sie würde Wellen schlagen: verebbt sie jetzt gleich wieder? Müssen Sie erst wieder Körperteile und Ihre Freundin Olga ins Spiel bringen? Ist doch seltsam, wie ruhig es wird, wenn Sie das nicht tun.
Ich korrigiere: ist überhaupt nicht seltsam.