15 April 2010
Wer sich wünscht, dass alles gleich ist …
Ich war gestern auf der re:publica. Ich kam auf die letzte Minute zum mit großer Aufmerksamkeit erwarteten Vortrag von Jeff Jarvis, Internetaktivist und Blogger der ersten Stunde, Professor für Journalismus, Autor des Buches „What would Google do“ und der Star unter den Vorträgern. Schon der Titel war geeignet, neugierig zu machen: „The german paradox: privacy, publicness, and penises“. Ich hatte den Mann noch nie gesehen. Eine Stunde später saßen wir nebeneinander im Starbucks an der Friedrichstraße und diskutierten über das, was er in seinem Vortrag gesagt hatte. Oder vielmehr über das, was er nicht gesagt hatte.
Nach dem Vortrag ging ich zu Dussmann, weil ich Musik recherchieren wollte für ein Projekt. Da stand Jarvis neben mir. Also fragte ich ihn, woher er seine Deutschkenntnisse habe, mit denen er den Vortrag eröffnet hatte. Und er fragte mich wie ich seinen Vortrag fand. Ich: „Sehr polemisch“. Er „Polemisch? Das war nicht polemisch.“ Ich: „Wollen Sie damit sagen, Sie meinen das ernst?“ Er: „Sicher.“ Ich: „Das kann nicht sein.“ Er lachte und lud mich zum Kaffee ein.
Dann wollte er natürlich wissen, was ich an seinen Vortrag kritisiere. Ich sagte, dass ich seine Auffassung von Privatheit und Öffentlichkeit nicht teile. Weil …?, fragte er. Weil ich die vollständige Auflösung von Privatheit in Öffentlichkeit nicht unterstützen kann. Weil wir die Wahrheit nur definieren können, wenn wir die Unwahrheit und die Lüge kennen. Weil wir Sprachwesen sind und so strukturiert: wir brauchen, um das Wort Privat zu verstehen, etwas nicht Privates. Jarvis Credo lautet, dass das Internet eine Öffentlichkeit par excellence darstelle und dass das Private ins Öffentliche transferiert werden müsse. Weil, antwortete er nun seinerseits auf meine Frage, das, was öffentlich ist, ein Wissen darstelle. Und weil es im Internet um die Erweiterung dieses Wissens gehe. Mein Einwand, dass man nicht alles, was im Netz stehe, nicht alles was man runter- oder rauflädt als Wissen bezeichnen könne, wollte er nicht gelten lassen. Man verbreitet kein Wissen, wenn man im Netz öffentlich seinen Penis problematisiert und seine mangelnde Funktion, wenn man seine Inkontinenz und seine Impotenz veröffentlicht, wie Jarvis das nach der Krebserkrankung an seiner Prostata getan hat. Ebensowenig wie man Wissen verbreitet, wenn man Kinderpornos ins Internet stellt. Alles im Internet ist dadurch, dass es im Internet ist bereits öffentlich und alles was öffentlich ist, ist dadurch bereits Wissen: das ist Polemik.
Weiter sind wir nicht gekommen. Jeff – wir sind natürlich beim Du – musste weg. Vielleicht musste er wirklich weg. Vielleicht hatte er einfach auch Angst, dass ich ihm seine schöne neue Welt kaputtmache. Mit meinem, wie er sagte „deutschen Paradox“. Seine Deutschkenntnisse hat Jeff von seinem Großvater. Das war bestimmt auch ein Pessimist.
Weil es gestern nicht ging, rufe ich ihm das jetzt hier noch hinterher: das Internet stellt möglicherweise eine Öffentlichkeit dar, wie es sie nie zuvor gegeben hat, nahezu ohne Barrieren. Und allein deswegen hat das einen Hauch von Idealität. Aber wir, die wir uns darin bewegen, sind Individuen und die sind durch ihre eigene Geschichte individualisierter als sie durch das Internet sind. Das empfinde ich als eine seltsame Form von Öffentlichkeit, wenn wir nur noch unter der Bedingung miteinander reden können, dass wir alle dasselbe reden und wir alle dieselben Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit haben. Das Problem ist vielmehr, dass Amerikaner, Deutsche und Rumänen eine andere Kultur angehören und dementsprechend ein anderes Verständnis von so wesentlichen Dingen wie Privat und Öffentlichkeit haben. Dafür hat Jarvis aber kein Ohr. Ich empfinde diese kulturellen und individuellen Differenzen als wichtiger und das Missverständnis als produktiver denn alle Übereinstimmungen. Wer sich wünscht, dass alles gleich ist, der wünscht sich, dass alles aufhört.
Ich habe schon tiefere Einsichten im Leben vernommen als an diesem frühen Nachmittag. Vielleicht ist Jarvis ja gerade deswegen eine Ikone, weil er diese Einsichten nicht hat. Oder nicht öffentlich formuliert. Womöglich weiß er genau, dass manche Dinge nicht in die Öffentlichkeit gehören. Zum Beispiel die Überlegungen zu ihren Grenzen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: April 15th, 2010 unter lang, Paralipomena












Kommentar von Teresa
Datum/Uhrzeit 24. April 2010 um 20:09
Liebe Aléa,
Dein Zusammentreffen mit Jarvis machte mich auf sein Original-Blog neugierig. Nachdem ich dort seinen Ursprungsbeitrag zum “German Paradox” gelesen hatte, wurde mir klar: “So kann nur ein Amerikaner schreiben, der keine tieferen Kenntnisse von den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen Deutschlands hat (sich auch nicht die Mühe macht, diese zu erkunden) und nur “marktschreierisch” an der Oberfläche der interkulturellen Verhaltensweisen anderer kratzt”.
Sicher spielen interkulturelle Verhaltensweisen eine Rolle. Jedoch kann in Deutschland die hohe Bedeutung des Schutzes der Privatsphäre auch nicht ohne das gelesen werden, was sich in den 1970er bis hinein in die 1980er Jahre abspielte.
Und das läßt Jarvis völlig außer Acht, weil er sich nicht die Mühe nach tieferer Recherche gemacht hat!?!? Vielleicht sollte ich ihm das nachträglich noch schreiben!? Mal schau´n´g.
DANKE Dir, liebe Aléa, für die Berichterstattung über die Re:Publica, auch für den Link zum Titel-Magazin. Teresa