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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom April, 2010

    29 April 2010

    Einmaligkeit und Wiederholung

    Ich habe einen kleinen Jetlag durch die Zeitverschiebung. Ich bin gestern erst aus Arizona zurückgekommen!

    Ich fahre meist mit dem Fahrrad, aber gestern musste ich die S-Bahn nehmen, von Schönefeld nach Hause. Neben mir standen drei Herren.  Ich konnte ihr Gespräch mithören. Über moderne Kunst, über die Unverständlichkeit dieser Kunst. Einer der drei Beteiligten sprach von „Quadrat“. Es dauerte ein bisschen, bis ich das kapiert hatte, dass er von Kazimir Malewich sprach. Das sei doch keine Kunst, sagte, er, das könne doch jeder. Ich habe mich nicht eingemischt. Ich mische mich jetzt ein.

    „Das kann doch jeder“: dass dies abwertend verstanden wird, und als unkünstlerisch, das ist schon sehr interessant und vielsagend. Kunst, unterstellt diese Äußerung, sei etwas für Eliten. Aber nur für Eliten des Produzierens! Denn wenn diese drei Herren vor einem Gemälde stünden, dass sie nicht verstehen, dann sind sie davon sicher nicht begeistert und werden ihre eigene Forderung, dass Kunst nicht jeder können soll, bestimmt nicht wiedererkennen. Dann haben sie sicher kein Verständnis dafür, dass Kunst etwas für Eliten ist. Jedenfalls nicht für Eliten des Rezipierens.

    „Das kann doch jeder“: anders als die Gemälde von Rubens, die nicht jeder malen kann¸ kann das, was Malewich konnte, angeblich jeder malen. Aber hier täuschen sich die Herren, und zwar in einem wesentlichen Punkt. Denn das, was Malewich gemacht hat, das kann nie wieder einer machen. Dieser Mann hat es vorgemacht und alle anderen können es nur nachmachen. Das, was angeblich jeder kann, kann in Wahrheit niemand. Das konnte nur einer und der hat es vorgemacht. Das ist damit ein für allemal vorüber, das kann nie wieder jemand. Malewich hat damit etwas absolut originäres und einmaliges geschaffen: etwas Unwiederholbares, von dem jeder glaubt, er könne es ebenfalls. Dasselbe gilt zwar auch für Rubens, dass man ihn nur kopieren kann. Aber bei Rubens kann man die Kopie, selbst die gutgemachte, vom Original unterscheiden, bei Malewich kann man schon die mittelmäßige Kopie nicht mehr vom Original unterscheiden. Und dennoch ist das Original einmalig. Ist das nicht genial, etwas absolut Einmaliges geschaffen zu haben, von dem so viele glauben, sie könnten es ebenfalls?

    Merkt man meinem Text an, dass ich Walter Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ gelesen habe? Und merkt man das ebenfalls, dass ich zu einer eigenen Position finde? Oder finde ich nicht zu einer eigenen Position?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 April 2010

    In der Wüste von Arizona

    Merkt man das meinem Blog an, dass ich nicht da bin? Ich bin in Arizona, in der amerikanischen Wüste. Klingt nicht sehr wahrscheinlich, ist aber wahr. Ist unter den Bedingungen wahr, die ich für Wahrheit gelten lassen will.

    Eine Freundin behauptet etwas anderes. Sie sagt, ich sei mit ihr über das Wochenende auf eine Datsche gefahren. Irgendwo in Brandenburg. Da sei ein Bach in der Nähe, sagt sie. Ich möchte das bezweifeln. Ich sehe keinen Bach, ich kenne diesen Ort gar nicht. Ich bin auch nicht gefahren. Ich habe gar keinen Führerschein. Nachdem ich mich damals mit dem Fahrlehrer gestritten hatte, über ziemlich grundlegende Dinge, habe ich die Sache ein für allemal an den Nagel gehängt. Ich brauche keinen Führerschein. Ich kann Traktor fahren. Das habe ich von meinem Opa gelernt. Fürs Traktorfahren braucht es eine gewisse Verwegenheit. Das beschreibt im Kern bereits das Missverständnis zwischen mir und dem Fahrlehrer. Aber darum geht’s jetzt nicht. Es geht um etwas anderes.

    Meine Freundin behauptet, ich säße mir ihr in der Sonne in Brandenburg. Hinter uns der Bach. Das entspricht bedauerlicherweise nicht der Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass ich übers Wochenende nach Arizona geflogen bin, dass ich hier in der Wüste sitze, in einem luxuriösen Hotel, am Swimmingpool, an einem Tisch auf dem zwei Gläser Champagner stehen, zwei Kerzen, alles sehr geschmackvoll. Mir gegenüber sitzt Johnny Depp und küsst langsam und aufreizend meinen Fuß. Es sieht nicht so aus, als würde er es bei dem einen Fuß belassen wollen. Und es sieht auch nicht so aus, als würde ich ihm da irgendwelche Hindernisse in den Weg stellen wollen. Auf dem Weg nach oben sozusagen. Einen anderen gibts nicht.

    Die Freundin behauptet nun, mir gegenüber zu sitzen, in Brandenburg, im Garten dieser Datsche, hinter uns der plätschernde Bach. Das ist nun schon aus dem Grund nicht möglich, weil genau an diesem Platz, mir gegenüber, dieser amerikanische Schauspieler sitzt. Es wird einen Grund geben, warum die Freundin das behauptet. Vielleicht ist das die Wahrheit für sie. Vielleicht lügt sie mich auch an. Woher soll ich das wissen? Ich stecke nicht drin in ihrem Kopf, ich kann nicht hineinschauen. Ich bin vollauf damit beschäftige, meine eigene Blackbox zu beleben. Aber ob das nun die Wahrheit ist oder eine Lüge, spielt keine Rolle. Weil es ihre intrapersonale Wahrheit ist. Und ich, anders als sie, die nur mich als Zeugen würde angeben können, kann Johnny Depp angeben. Ich bin sehr gespannt, wie sich der weitere Abend noch gestaltet und was Mr Depp tun wird, wenn er mit dem einen Fuß fertig ist.

    Alle anderen, alle davon abweichenden Behauptungen sind weitab der Realität. Eine Realität, für die ich der Garant bin. Wie ich immer und immer der Garant für die Realität bin. Ich bin es ja, der sie synthetisiert. Was auch die Freundin sonst noch behaupten mag. Eines Tages behauptet sie, sie säße mit Johnny Depp in der Wüste in einem Hotel, an einem Tisch in der Nähe des Swimmingpools. Was nun völlig absurd ist. Kein halbwegs vernüftiger Mensch fährt übers Wochenende nach Arizona.

    Die Freundin behauptet, ich treibe sie mit meinen Überlegungen in den Wahnsinn. Aber, frage ich mich, woher will sie das wissen. Vielleicht war sie schon vorher wahnsinnig. Und behauptete jetzt nur, dass ich es sei, der sie dahin gebracht hätte. Wie hätte ich das machen sollten? Vielleicht bringe ich sie auch lediglich dahin, ihren Wahnsinn zu erkennen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 April 2010

    Freiheit und Determination

    Ich werde mich hier nicht in diese Debatte einmischen. Vor allem, weil ich dazu nicht belesen genug bin. Ich zitiere lediglich einen der profiliertesten Vertreter jener Leute, von denen ich vermute, dass sie auf einer Seite der Diskussion stehen, auf der ich nicht stünde, wenn ich belesener wäre.

    „Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl.“
    Isaac B. Singer

    Solche Äußerungen wie diese da oben sind natürlich sehr pointiert und das schätze ich und deswegen zitiere ich das auch. Aber das von strenger wissenschaftlicher Relevanz ist das nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 April 2010

    Litblogs- Lesezeichen

    Die LITBLOGS Redaktion gibt einmal im Quartal die besten, schönsten, bissigsten – “chacun à son goût”  sagte man mir -  Beiträge der Beteiligten heraus. In meinem Fall ist das die Verabredung mit Herrn Herbst. Und in seinem Fall die mit mir. Diese beiden Texte sind für die hiesigen Leser und Leserinnen nichts Neues. Es ist aber eine gute Gelegenheit, sich die anderen Blogs anzuschauen. Da sind richtig gute Leute dabei.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

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    23 April 2010

    Fortschreitende Spezialisierung

    Ich war vorgestern bei einem Freund zu Besuch. Der wohnt im Wedding. Da ist manches anders als in anderen Stadtteilen Berlins. Da gibt’s ein Graffiti mit dem Text: “Wedding  – Wo der Sex noch richtig schön dreckig ist”. Aber nicht nur der Sex ist da anders, angeblich jedenfalls, sondern noch ganz andere Sachen, die mehr ins Intellektuelle gehen. Wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht und sind an einem Geschäft für Elektrogeräte vorbei gekommen. Die hatten einen Schild draußen stehen, da stand: „Wir sind spezialisiert auf alles“.

    Üblicherweise versteht man unter einer Spezialisierung ja eine Einschränkung. Hier aber war genau das Gegenteil gemeint. Keine Verengung ins Besondere, sondern eine Ausweitung ins Allgemeine. Ich verspürte große Lust in den Laden zu gehen und ein philosophisches Streitgespräch mit dem Ladeninhaber oder Verkäufer zu führen. Aber ich hatte Angst, dass mir die Argumente ausgehen und er zu einer Avantgarde gehört. Menschen, die die Worte nicht mehr in althergebrachter Weise nutzen, sondern neue Definitionen finden und dass der Laden vielleicht nur so eine Art verdeckter Einsatzort ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 April 2010

    Worum sich die Welt dreht

    [Das Folgende ist bereits als Text im Titel Magazin erschienen. Ich möchte meine Texte allerdings hier versammelt haben, deswegen der – ein Wort, das in hundert Jahren vielleicht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Worte zu finden sein wird - Wiederabdruck.]

    Die re:publica 2010 fand in der vergangenen Woche im Berliner Friedrichstadtpalast und der benachbarten Kalkscheune statt. Mit 2500 Besuchern war die Veranstaltung ausverkauft. Schaut man sich das Programm an, erkennt man schnell, dass die re:publica keine reine Blogger-Veranstaltung ist. Hier wurden größere Fragen gestellt, als die wie man sein Blog aufmöbelt oder was ein Hashtag ist, obwohl auch Seminare zu neuen Tools und zur Begrifflichkeit angeboten wurden. Es ging vielmehr um generelle, um gesellschaftspolitische Fragen, um Transparenz und Datenschutz. Darum, dass global operierende Internetfirmen wie Google inzwischen mehr Macht ausüben als so manche politische Institution. Wenn vor einiger Zeit die EU Microsoft wegen kartellrechtlicher Verstöße bestrafte, wird das in Zukunft vielleicht anders ablaufen: dann droht womöglich Facebook Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sich aus Deutschland zurückzuziehen, sollten hier nicht die Datenschutzbestimmungen an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden.

    Vor allem aber ging es in den Veranstaltungen darum, wie das Internet – und Blogger fühlen sich als die ersten Diener dieses grenzenlosen Staates – die Welt verändert. Und wie die, die diese Welt beleben, sich dadurch verändern. Wie werden wir in Zukunft leben und arbeiten, wie werden wir lieben und wovon werden wir träumen?
    Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und den Eröffnungsvortrag von Jeff Jarvis mitgemacht, eine Veranstaltung zum Thema Identität, eine Diskussion zum Thema Urheberrecht im Netz, zu dem die Heinrich-Böll-Stiftung eine Publikation herausgegeben hat: „Copy. Right. Now!“ , eine zu explizit feministischen Positionen, eine über Sexismus im Netz, eine zu autobiografischem Schreiben und eine letzte zum Thema Sozialkontakte jenseits jedweder Vernetzung: die Abschlussparty. Den Mann meines Lebens habe ich an dem Abend nicht kennengelernt, aber die Erkenntnis meines Lebens habe ich an den drei Tagen auch nicht erhalten.

    Die erwartete Typologie bewahrheitete sich in etwa, die Teilnehmer waren überwiegend Vertreter des männlichen Geschlechts, technikaffin, mit kleinen und mittelgroßen Gerätschaften ausgestattet, vorzugsweise von Apple. Manch einer, schien es, schleppte gleich die gesamte Produktpalette dieser Firma mit sich herum. Geräte jedenfalls, mittels derer sie sich Zutritt zu jener anderen Welt verschafften, um die es sich bei dieser Veranstaltung hauptsächlich drehte. Noch braucht es diese Geräte, um aus der Welt des Kohlenstoffs in die des Netzes zu gelangen. Noch sind das zwei verschiedene Welten.

    Man schrieb für Zeitungen und Magazine, bediente sein Blog, seinen Twitteraccount, fragte seine Mails ab, lud irgendetwas rauf oder runter oder versuchte unter Zuhilfenahme von google-earth den Weg zur Toilette ausfindig zu machen. In den Veranstaltungen herrschte ein Rein und Raus, das galt nicht nur für die abbröckelnden Ränder in Türnähe, wo sich jene aufhielten, die noch nicht wussten, ob sie die Angelegenheit interessierte. Unterstellt man – und ich arbeite mir dieser Unterstellung – dass andere Menschen auch nicht auf Fähigkeiten zugreifen können, die einem selbst nicht zur Verfügung stehen, dann musste man zu dem Schluss kommen, dass hier nur in wenigen Fällen die ganz große Konzentration vorherrschte.

    Die meisten Menschen zeigten hier offenbar jenes Verhalten, dass sie auch im Netz zeigen. Alles andere wäre allerdings auch eher verwunderlich. Ein Verhalten, das sich etwa so beschreiben lässt: Man steckt überall die Nase rein. Nur nicht sehr tief. Man hat hundert Feeds abonniert und tausend Links in seinem Browser. Man hat zwei Dutzend Fenster und Tabs offen und springt von einem ins andere. Man ist überall gleichzeitig und nirgends für lange.

    Sind das die modernen Verhaltensweisen? Sind die jungen Menschen von heute so, Menschen wie ich? Sind wir durch diese De-Zentralisierung wirklich unkonzentriert? Sind wir nicht mehr in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen oder einer Argumentation zu folgen, weil wir zu bedingungslosen Anhängern des Multitasking geworden sind? Und zu seinen Opfern. Oder ist es vielmehr so, dass die logisch deduktive Welt Kants und Hegels auch nur Ausdruck des damaligen Weltverständnisses war? Wie das, was wir tun, Ausdruck unseres heutigen ist. Sodass die dialektisch fließende Betrachtung der wirklichen Welt nicht ähnlicher oder weniger ähnlich ist als eine hüpfende, die hierhin springt und dorthin und die scheinbar zufällig ihre Betrachtungen einfängt und miteinander kombiniert? Verändern sich unsere Fähigkeiten nicht vielmehr entsprechend einer sich verändernden Welt, und sie passen sich ihr heute ebenso an wie sie das zu jeder anderen Zeit auch getan haben?

    Die Welt verändert sich nun einmal und sie nimmt diejenigen mit, deren kulturelle Fähigkeiten sich ebenfalls verändern. Die andern lässt sie stehen. Ist das Internet die zweite kopernikanische Wende? Von einer Wende sprechen wir seit den Formulierungen Immanuel Kants in der „Kritik der reinen Vernunft“: „Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.“ Wer jetzt noch glaubt, dass die Sonne sich um die Erde drehe, weil die der Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung ist, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Oder?

    Vielleicht sind die Welten sich doch ähnlicher als viele uns weismachen wollen. Dann wäre das Internet, wie profilierte Adepten vom Schlage eines Jeff Jarvis meinen, nicht der bessere Platz im Leben, sondern nur ein anderer. Ein anderer Platz, den man aber so einnehmen muss, wie man das von Plätzen bisher kennt: man muss sie besetzen. Nur weil man ein Blog im Internet hat, gehört man noch nicht zur Avantgarde. Das Netz hat vielerorts längst seinen utopischen Charakter eingebüßt. Es ist zu einer Art Nebenwelt geworden, wo wir nicht anders sind als sonst auch. Wo keine anderen Gesetze gelten und wo auch jenes Gesetz gilt, dem man in den Anfängen vielleicht gerade zu entfliehen suchte, das Recht des Stärkeren. Auch das Netz funktioniert nach ökonomischen Kriterien und auch hier lauern die kapitalistischen Hyänen Angebot und Nachfrage.

    Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und die sind literarischer Natur. Im Netz ist alles gleichermaßen Information. Narrative Qualität ist da meist nicht gefragt. Während in den klassischen Medien stark gefiltert wird, was veröffentlichbar ist und was nicht, gibt es in der Blogsphäre sehr viel weniger Beschränkung. Da muss man seine eigenen Filter setzen. Das führt dazu, dass sich jeder sein eigenes Urteil über die Qualität des Angebots machen muss. Und manchmal führt es auch dazu, dass die Filter undicht werden und man einfach alles konsumiert oder ignoriert.

    Thomas Hettche, Schriftsteller ohne Blog, schrieb vor Kurzem in der FAZ einen Artikel über Literatur im Wandel und er ist nicht sonderlich angetan von Netzliteratur und Blogs. Man merkt ihm die Angst an. Es ist die Angst um die Literatur, nicht um die eigene Haut. Dort spielt dann auch „das aufmerksamkeitsheischend kleptomane Fräulein Hegemann“ eine Rolle. Leider wird dann einiges über den Löffel balbiert, der Autor nimmt kein einziges Blog zur Kenntnis und übersieht im Eifer des Gefechts sogar, dass es sich bei Frau Hegemann nicht um eine Bloggerin handelt. In einer Replik im FREITAG antwortet dann Alban Nikolai Herbst, Schriftsteller mit Blog, und wehrt sich gegen die pauschalen Zumutungen Hettches.

    Die Abwehr Hettches geht soweit, dass alle Veränderungen – die es nicht erst gibt, seit Blogs im Internet betrieben werden und auch nicht, seit deren Betreiber sich für Literatur interessieren – an den Pranger gestellt werden. Literatur, klagt er, verkomme zum Event, wodurch es „eine tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses der Leser zu Autor und Werk“ gebe. Dabei bemerkt er offenbar nicht die große Chance, die darin liegt. Denn die Literatur ginge ohne diese Veränderung womöglich unter. Im Netz sind neue und experimentelle Formen möglich, wie beispielsweise die Bibliotheca Caelestis von Hartmut Abendschein. Innovative Literatur hat immer auch mit der Form gespielt. Literatur ist Veränderung. Sie verwandelt, sie erfindet. Das ist lebenswichtig. Nur das Lebendige hat die Kraft, sich zu verändern.

    Dass im Netz nicht alles im Bereich des optimal Möglichen verhandelt wird, ist keine Frage. Aber würde es von den klassischen Medien so verhandelt, gäbe es den virtuellen Markt vielleicht gar nicht. Die Tatsache, dass nicht alles optimal ist, ist einer der Gründe dafür, dass es Kunst und Literatur überhaupt gibt. Diese Differenz ist ein Grund für die Phantasie. Von daher bleibt zu hoffen, dass der Abstand dieser beiden Welten, die der Möglichkeit und die der Wirklichkeit, möglichst bestehen bleibt.
    In Gesprächen und Diskussionen wurde gefragt, ob Bloggen eine Freizeitbeschäftigung ist wie Jonglieren oder ein Lebensentwurf. Womöglich ist allerdings auch Jonglieren ein Lebensentwurf. Das Netz bietet genug Platz für viele solcher Entwürfe. Allerdings ist ja mit Jonglierern in der realen Welt schon nicht viel Geld zu verdienen, wie sieht das dann erst in der virtuellen Welt aus? Dies ist ein Thema, das die Leute umtreibt, dass sich mit Bloggen nur in Ausnahmefällen Geld verdienen lässt. Thema ist auch, dass Blogger von den klassischen Medien als Konkurrenz betrachtet werden. Es wurde gefragt, warum so wenige Frauen in den oberen Rängen der Blogcharts zu finden sind. Es wurde auch gefragt, ob die Anonymität ein Vorteil oder ein Nachteil ist. Sind wir vor dem Bildschirm einsamer oder bietet sich gerade die Möglichkeit, die Einsamkeit zu überwinden? Kommt man im Netz zu anderen oder kommt man nur von der eigenen Einsamkeit zu der Einsamkeit der anderen?

    Am Ende eines Vortrags – ich weiß gar nicht, worum es da ging, ich wollte zu der Nachfolgeveranstaltung – als man bereits bei den Fragen angekommen war, wusste der Vortragende einen Moment lang nicht weiter und sagte, mit der Stimme des Resignierten, der dann unverhofft auf die Lösung seines Problems stößt: „Da gehen Sie am besten einfach mal ins Internet.“ Woraufhin der Saal schallend lachte und Beifall klatschte. Auf die Idee wäre hier wirklich niemand gekommen.

    Heute stellt man bisweilen noch die Frage, wo und wie man ins Internet kommt. Morgen ist die Frage vielleicht schon eine andere. Morgen fragt man sich, wie man wieder heraus kommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 April 2010

    Fremdgehen

    Ich bin fremdgegangen. Ich habe auch kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Hat Spaß gemacht. Eigentlich bin ich eher eine treue Seele. Treue manifestiert sich nicht an mangelnder Gelegenheit zur Untreue, sondern erst durch diese Gelegenheit. Hier kann man das sehen. Meine Untreue, meine ich.

    Dank an Jan Karsten, den Chefredakteur des Titel Magazins.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 April 2010

    Zettels Traum

    Derzeit sind viele für mich interessante Bücher auf dem Markt. Ich schaffe es nur nicht, sie zu lesen. Neben Roberto Bolaño und Ulrich Schlotmann kommt jetzt noch ein weiteres Riesenprojekt dazu, noch größer und wie die zuvor Genannten in Begleitung eines Blogs. Ich spreche von einem wirklichen Kultbuch, mit mythischen Dimensionen. Eigentlich war dieses Jahr, so hatte ich es mir im Januar vorgenommen, Bolaño vorbehalten. Und dem, was sich immer so dazwischen schiebt.  Das sind ja in der Regel auch viele Dutzend Bücher. Nun könnte ich einen Schlenker in Richtung Arno Schmidt machen. Aber Arno Schmidt ist kein Schlenker. Ich habe vor einigen Jahren etwas gelesen und mich sofort aus der Affäre gezogen, indem ich mir sagte: das ist etwas für später. Womöglich ist nun der Moment gekommen, wo ich erkennen muss: jetzt ist später! Es ist jedenfalls ein gute Gelegenheit: die Arno-Schmidt-Stiftung hat sich entschlossen “Zettels Traum” wieder herauszugeben. Es müsste wohl im Herbst kommen. Es gibt auch bereits ein Blog zu dem Buch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 April 2010

    Die re:publica II

    Gestern war der zweite Tag der re:publica. Das Bloggerticket hat ungefähr das gekostet, was ein Haus am See kostet, mit einem zum Wasser hin abfallenden Grundstück, einigen Pappeln und einer kleinen Fasanenzucht. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Weltreise mit Aufenthalten in Patagonien, Bergtouren durch die Anden und Tibet, lange Reisen durch die afrikanische Steppe, durch Rub al-Chali und Lop Nor, durch die Mongolei, einer Tour von Bukarest am Schwarzen Meer entlang durch Bulgarien und die Türkei, mit Rast in Teheran, durch Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan bis nach Islamabad. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Sammlung alter Rolls Royce mit Chauffeuren in dunklen Anzügen und weißen Handschuhen, die einem die Türe öffnen, dabei zu Boden blicken und voller Hochachtung sagen „Madame“. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie ein zehn mal zehn Meter umfassender Kubus bis an den Rand gefüllt mit Uhren von Patek Philippe und Rolex und Cartier. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Reise durch den Weltraum, vorbei am Andromedanebel, mit Sternschnuppen und Außerirdischen, bis nach Alpha Centauri. Und was ist passiert? Nix! Absolut nix!

    Da ist doch etwas passiert. Ich saß gegen Mittag auf einem Treppenabsatz und schrieb in mein Laptop (über Leute, die auf Treppenabsätzen sitzen und in Laptops schreiben), da meinte ein Typ zu mir: „Ich steh auf rothaarige Frauen.“ „Und“ sagte ich, „was weiter?“ Da hat er nichts mehr gesagt. Vielleicht war ihm so ne Emanze die eigenständig reden kann, nicht recht. Eine Frau, die bereits durch die Art ihrer Gegenfrage anzeigt, dass es so ganz einfach nicht werden würde. Vielleicht konnte er mit Dingen nicht umgehen, die auf einen Klick hin nicht reagieren wie die Dinge im Netz nun einmal reagieren müssen, nämlich aufgehen. Der Kontent muss sofort greifbar sein.

    Eine für mich wichtige Diskussion ereignet sich derzeit woanders. Alban Nikolai Herbst antwortet in seiner Replik auf die Vorlage von Thomas Hettche in der FAZ. Das findet vielleicht nicht ganz zufällig gerade zur Zeit der re:publica statt. Es geht bei dieser Diskussion nicht nur um die Bedeutung von Literatur – um eine Orchidee in der kapitalistischen Wirtschaft, möglicherweise aber auch nur ein ordinäre Tulpe – sondern um die Bedeutung von Netz und Vernetzung. Es geht um Kommunikation zwischen Autor und Leser, der, indem er kommentiert, selbst zum Autor wird. Es geht um Originalität und Plagiat. Und es geht um noch etwas sehr viel gewichtigeres: es geht darum, dass im Netz das Verhältnis von Realität und Fiktion ein anderes ist. Starke These. Ich musste sie erst einmal formulieren. Verkaufen werde ich sie allerdings nur unter kapitalistischen Bedingungen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 April 2010

    Wer sich wünscht, dass alles gleich ist …

    Ich war gestern auf der re:publica. Ich kam auf die letzte Minute zum mit großer Aufmerksamkeit erwarteten Vortrag von Jeff Jarvis, Internetaktivist und Blogger der ersten Stunde, Professor für Journalismus, Autor des Buches „What would Google do“ und der Star unter den Vorträgern. Schon der Titel war geeignet, neugierig zu machen: „The german paradox: privacy, publicness, and penises“. Ich hatte den Mann noch nie gesehen. Eine Stunde später saßen wir nebeneinander im Starbucks an der Friedrichstraße und diskutierten über das, was er in seinem Vortrag gesagt hatte. Oder vielmehr über das, was er nicht gesagt hatte.

    Nach dem Vortrag ging ich zu Dussmann, weil ich Musik recherchieren wollte für ein Projekt. Da stand Jarvis neben mir. Also fragte ich ihn, woher er seine Deutschkenntnisse habe, mit denen er den Vortrag eröffnet hatte. Und er fragte mich wie ich seinen Vortrag fand. Ich: „Sehr polemisch“. Er „Polemisch? Das war nicht polemisch.“ Ich: „Wollen Sie damit sagen, Sie meinen das ernst?“ Er: „Sicher.“ Ich: „Das kann nicht sein.“ Er lachte und lud mich zum Kaffee ein.

    Dann wollte er natürlich wissen, was ich an seinen Vortrag kritisiere. Ich sagte, dass ich seine Auffassung von Privatheit und Öffentlichkeit nicht teile. Weil …?, fragte er. Weil ich die vollständige Auflösung von Privatheit in Öffentlichkeit nicht unterstützen kann. Weil wir die Wahrheit nur definieren können, wenn wir die Unwahrheit und die Lüge kennen. Weil wir Sprachwesen sind und so strukturiert: wir brauchen, um das Wort Privat zu verstehen, etwas nicht Privates. Jarvis Credo lautet, dass das Internet eine Öffentlichkeit par excellence darstelle und dass das Private ins Öffentliche transferiert werden müsse. Weil, antwortete er nun seinerseits auf meine Frage, das, was öffentlich ist, ein Wissen darstelle. Und weil es im Internet um die Erweiterung dieses Wissens gehe. Mein Einwand, dass man nicht alles, was im Netz stehe, nicht alles was man runter- oder rauflädt als Wissen bezeichnen könne, wollte er nicht gelten lassen. Man verbreitet kein Wissen, wenn man im Netz öffentlich seinen Penis problematisiert und seine mangelnde Funktion, wenn man seine Inkontinenz und seine Impotenz veröffentlicht, wie Jarvis das nach der Krebserkrankung an seiner Prostata getan hat. Ebensowenig wie man Wissen verbreitet, wenn man Kinderpornos ins Internet stellt. Alles im Internet ist dadurch, dass es im Internet ist bereits öffentlich und alles was öffentlich ist, ist dadurch bereits Wissen: das ist Polemik.

    Weiter sind wir nicht gekommen. Jeff – wir sind natürlich beim Du – musste weg. Vielleicht musste er wirklich weg. Vielleicht hatte er einfach auch Angst, dass ich ihm seine schöne neue Welt kaputtmache. Mit meinem, wie er sagte „deutschen Paradox“. Seine Deutschkenntnisse hat Jeff von seinem Großvater. Das war bestimmt auch ein Pessimist.

    Weil es gestern nicht ging, rufe ich ihm das jetzt hier noch hinterher: das Internet stellt möglicherweise eine Öffentlichkeit dar, wie es sie nie zuvor gegeben hat, nahezu ohne Barrieren. Und allein deswegen hat das einen Hauch von Idealität. Aber wir, die wir uns darin bewegen, sind Individuen und die sind durch ihre eigene Geschichte individualisierter als sie durch das Internet sind. Das empfinde ich als eine seltsame Form von Öffentlichkeit, wenn wir nur noch unter der Bedingung miteinander reden können, dass wir alle dasselbe reden und wir alle dieselben Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit haben. Das Problem ist vielmehr, dass Amerikaner, Deutsche und Rumänen eine andere Kultur angehören und dementsprechend ein anderes Verständnis von so wesentlichen Dingen wie Privat und Öffentlichkeit haben. Dafür hat Jarvis aber kein Ohr. Ich empfinde diese kulturellen und individuellen Differenzen als wichtiger und das Missverständnis als produktiver denn alle Übereinstimmungen. Wer sich wünscht, dass alles gleich ist, der wünscht sich, dass alles aufhört.

    Ich habe schon tiefere Einsichten im Leben vernommen als an diesem frühen Nachmittag. Vielleicht ist Jarvis ja gerade deswegen eine Ikone, weil er diese Einsichten nicht hat. Oder nicht öffentlich formuliert. Womöglich weiß er genau, dass manche Dinge nicht in die Öffentlichkeit gehören. Zum Beispiel die Überlegungen zu ihren Grenzen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    13 April 2010

    Die halluzinogene Katze III

    Hier gabs in letzter Zeit allerlei „Frühlingserwachen“ und „Verwirrungen der Zöglings Törleß“ (Torik). Nun kehren wir, nach Sex und Angst und Macht und Sport und Musik, zur Literatur zurück, und da ein weiteres Mal zur rumänischen Literatur, dieses Mal zu Teodor Dună,  hier und hier.

    Das folgende Gedicht stammt aus einem Band mit dem Titel „catafazii“ (Stotterer).

    Ich verberge ein meer ohne ufer und ohne jedes wasser unter der haut

    „ich spüre wie es innen langsam anbrandet.
    es ist gut. ich liege reglos im bett, eingewickelt in feuchte tücher,
    in ein blaues kleid und höre ihn rufen
    „dieser nacht wirst du nicht mehr entkommen“. es ist sehr gut.
    ich warte auf den Tag, der nicht mehr kommen wird.
    dafür habe ich säcke mit spinnen im bauch. sie wollen raus,
    ich drei meter unter mich. dort ist’s warm, ist ruhe,
    ist ein meer ohne ufer und ohne jedes wasser
    das kleid schnürt die haut ein, drückt die knochen tiefer hinein
    und das fleisch weiter weg von dieser wie auch immer weißen nacht.

    er liegt reglos zwischen bett und wand
    und ruft mir zu und hat über sich einen schwarzen vogel, seine haut
    ist feucht, und seine augen sind zwei wurzeln die in der zimmerdecke stecken.
    ich will raus
    und rühre mich nicht. das kleid drückt noch stärker und die haut gerät
    gänzlich unter mich und ich drei meter unter mich,
    und dort ist es gut, ist ruhe, verschwindet seine stimme
    verschwindet auch das zimmer
    und diese wie auch immer weiße nacht. aber nur ein bisschen.
    das meer ohne ufer und ohne jedes wasser
    steht plötzlich still,
    und ich komme wie aus schlammiger erde
    wieder unter dieser nacht hervor, unter seiner stimme,
    und stoße wieder an den leib, der mich lebt,
    an den leib, den ich vergessen will
    und in dem ich erwache, eingerollt
    wie in angst“

    Die Zeile, „der leib, der mich lebt“, das gefällt mir sehr gut. Da habe ich zu verstehen angefangen, dass hier vom eigenen Körper die Rede ist und dass dieser Körper jenes „meer ohne ufer und ohne jedes wasser“ ist. Auch die Formulierung  „ich warte auf den tag, der nicht mehr kommen wird“ gefällt mir, das kenne ich von mir selbst. Ich kann ebenso auf Tage und Umstände warten, die nicht kommen.

    Der sieht doch eigentlich ganz nett aus, gelle? Das wär auch mal ungefähr mein Alter. Aber der hat bestimmt eine Freundin. Oder zwei. Der Mistkerl!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 April 2010

    Maxim Belciug – chitara clasica

    Wer zu dem Konzert von Maxim Belcuig fahren möchte, das findet in Iaşi statt. Das liegt an der Grenze zu Moldawien, hier. Das hört sich an, als sei es ziemlich weit weg. Das ist es auch. Allerdings kommt der Reisende seinem  Ziel , indem er sich darauf zubewegt, auch näher. Es verliert also an Ferne und man erkennt: das waren relative Begriffe. Allein deswegen lohnt die Reise sich schon. Und die Musik ist auch gut. Da es erst am kommenden Mittwoch um 19.00 Uhr stattfindet, ist noch Zeit. Man muss im Leben auch mal ein bisschen was wagen!

    Und wer tatsächlich dahin fährt, der darf dann hier ausführlich von Reise und Konzert berichten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 April 2010

    Wie das war, was gewesen sein wird

    Aufmerksame Leserinnen und Leser wollen natürlich wissen, wessen Hand da an dem betreffenden Abend für einen kurzen Moment auf meinem Knie lag. Ich möchte das auch gerne wissen. Es kommen ja zwei Männer und vier Hände in Frage. Bedauerlicherweise ist das im Nachhinein nicht mehr feststellbar. Ich könnte mich natürlich einfach erinnern. Erinnerung ist allerdings alles andere als eine verlässliche Auskunftsquelle. Ich erinnere mich womöglich an eine rechte, es war aber eine linke Hand. Ich erinnere mich an den einen, in Wahrheit aber war es der andere. Es wäre womöglich besser, sich gar nicht zu erinnern, bevor man sich an den falschen erinnerte. Ich könnte die Herren natürlich fragen. Allerdings verlagerte sich das Problem dadurch lediglich, da die beiden sich an den betreffenden Abend ebenfalls nur erinnern können. Erschwerend käme hinzu, hätten sie widersprechende Erinnerungen, dass sie einander womöglich Konkurrenz machen wollen und beide dann behaupten, Nutznießer gewesen und als Gewinner aus der Situation hervorgegangen zu sein. Wie kommt der Mensch also an seine Vergangenheit?

    Erinnerung als Entdeckung des Verdeckten ist eine Chimäre. Da gibt’s nichts zu entdecken. Die Ereignisse sind einfach nur vorüber. Da spielt es auch keine Rolle, wessen Hand das war. Erinnerung als Konstruktion hingegen ist etwas anderes. Dann ist Erinnerung aber keine Entdeckung des Vergangenen, sondern eine des Zukünftigen! Wie es in Wahrheit war, können wir nicht wissen. Wie es gewesen sein könnte, hingegen schon. Wie es gewesen sein könnte: das ist nicht länger die Konstruktion des Vergangenen, sondern die Gestaltung des Zukünftigen. Das werde ich die beiden in Frage kommenden Herren auch fragen, wenn wir uns das nächste Mal sehen, wie das an jenem vergangenen Abend war, was gewesen sein wird. Bei der Zukunft kommt es auf die Wahrheit nicht an. Je weiterläufiger sie konstruiert ist, je phantastischer desto besser. Vergangenheit will genau sein, Zukunft hingegen unbestimmt.

    Das ist jetzt eine ziemlich wilde Konstruktion. Ich würde einen Teufel tun, dies meinem Prof vorzustellen. Das ist einfach das Ergebnis eines verkorksten Samstagvormittags und hat keinerlei Anspruch auf Wahrheit. Ähnliche Samstagvormittage hatten einst auch Sigmund Freud, Walter Benjamin und Sören Kierkegaard. Nur waren deren Samstage noch verkorkster als meiner und deswegen waren ihre Theorien zur Erinnerung auch besser.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 April 2010

    Die Königin ist gewillt, sich zu erheben

    Den gestrigen Abend habe ich in Gesellschaft eines charmanten Herrn verbracht, zu dem dann noch ein zweiter, nicht minder charmanter Herr hinzugestoßen ist. Und ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn sich da nicht für einen Moment die Hand einer der Herren auf meinem Knie wiedergefunden hat. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre ein Mann zu sein. In vielen Situationen würde ich wahrscheinlich ganz anders reagieren als ich es jetzt tue. Anders reagieren kann mitunter sehr vorteilhaft sein. Muss es aber nicht. Bei allem, was mit Sexualität zu tun hat, und nach meiner Einschätzung dürfte das recht viel sein, möchte ich doch lieber eine Frau sein. Ich möchte  meine Hand nicht auf andere Leute Knien ablegen müssen. Aber auf dem eigenen Knie eine solche Hand zu finden, das kann sehr angenehm sein.

    Heute Morgen sehe ich, dass in der Nacht LaMéreDeMagritte einen neuen Blumenstrauß hingestellt hat. Ich sehe auch den Kommentar eines Unbekannten, der mich als „Königin der neuen jungen deutschen literatur“ bezeichnet. Ich finde das sehr überzeugend, möchte aber darauf hinweisen, dass mich in diesem Land und in meinem Reich kaum jemand kennt. Die Menge der Untertanen dürfte begrenzt sein. Ich bin die unbekannteste Königin in einem Reich, in dem es vor Königen und Königinnen wahrscheinlich nur so wimmelt. Neben dem Kompliment fand sich da noch eine kleine Beleidigung. Beleidigung war leider auch der Tenor eines weiteren Kommentars, den ich gelöscht habe. Das Regieren in meinem Reich macht bisweilen Mühe. Es besteht nicht nur aus den angenehmen Seiten, ich kann die Kommentare und Einmischungen und Invektiven anderer nicht einfach nur beobachten und mich am Spiel der freien Kräfte erfreuen. Ich muss eingreifen und korrigieren und richtig stellen.

    Nachdem ich noch vom Bett aus zwischen Recht und Unrecht unterschieden habe, nachdem ich die Ordnung der Dinge in meinem Reich wiederhergestellt und meinen Tag mit einem salomonischen Urteil begonnen habe, nachdem mein Blick an meinem Bein hinabgeglitten ist und ich mir einen kurzen Moment das wahrhaft königliche Spiel meiner Zehen angeschaut habe, ist es nun soweit: Die Königin ist gewillt, sich zu erheben. Man reiche mir meine Pantoffeln.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 April 2010

    Ich spring da nicht drüber

    Ich vermisse meine Mitbewohnerin. Olga ist über Ostern für vierzehn Tage nach Moskau geflogen, zu ihrer Familie. Die ist total crazy, aber wir kommen sehr gut miteinander aus. Spülen, Putzen, Staubsaugen: das können wir beide nicht. Alle zwei Wochen wird gemeinsam geputzt. Wir stehen dann vor den Utensilien mit denen man üblicherweise saubermacht, Sachen wie Eimer und Putzmittel und Lappen und dieses ganze Zeug und lachen uns kaputt, weil wir im Grunde beide nichts damit anfangen können. Wir schütten das dann alles auf einen Haufen und hoffen, dass sich davon der Allgemeinzustand unserer Wohnung verbessert. Das ist ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit! Aber er bringt uns beide immer wieder zum Lachen. Manchmal kommt Olga in mein Zimmer, zieht sich aus, legt sich in mein Bett und schläft. Während ich am Rechner sitze und arbeite. Oder sie setzt sich auf meinen Schoß, schmiegt sich für ein paar Minuten eng an mich und geht dann wieder raus. Ohne ein Wort der Erklärung.

    Warum will ich eigentlich Schriftstellerin werden? Es gibt wirklich Jobs und Beschäftigungen, wo man mit einem Engagement wie ich es an den Tag lege, und manchmal auch an die Nacht, mehr Lorbeeren erntet als auf diesem Markt, zumal hier in Deutschland. Ich empfinde es gerade hier als schwierig, weil hier ganz klare Vorstellungen herrschen wie junge neue Literatur auszusehen hat. Dennoch will ich Schriftstellerin werden. Ich kann nichts anders. Ich will nichts anderes. Ich will nichts anderes können.

    Ich erinnere mich, ohne mich genau zu erinnern, dass ich einmal eine Geschichte gelesen habe, wo ein Autor seine Figur – in übertragenem Sinne – über etwas drüber springen lassen wollte. Er lässt sie über viele Seiten Anlauf nehmen. Er stellt es so dar, dass dieser Anlauf und dieser beabsichtigte Sprung ein zentrales Ereignis im Leben der Figur sind. Er lässt sie losrennen und schneller und schneller werden, er steigert sich in der Dramaturgie, und kurz vor der Hürde oder dem Absprung, die der Autor die ganze Zeit anvisiert und die er auch beschreibt, bremst die Figur ab. Sie bleibt einen Zentimeter davor stehen. „Ich spring da nicht drüber“, sagt sie. Sie dreht sich sozusagen um und wendet sich, indem sie stattdessen eine logische und erzählerische Grenze überspringt, direkt an den Autor: „Ich spring da nicht drüber“, sagt die Figur. Sie stellt in Frage, dass der Autor, sie, die Figur, überhaupt verstanden habe. „Mach ich nicht“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Der Autor ist dann natürlich der Gelackmeierte. Jedenfalls war das in der Geschichte so. Er hat es im weiteren Verlauf der Geschichte nicht vermocht, der Figur seinen Willen aufzuzwingen (ich glaube das war Flann O`Brian).

    Abgesehen davon, dass hier etwas zur Sprache kommt, was wohl jeder Autor kennt: die Figuren entwickeln sich nicht wie beabsichtigt. Dann steht der Autor vor der Entscheidung, die Sache laufen zu lassen oder seine Macht auszuüben und der Figur etwas aufzuzwingen. Macht auszuüben! Macht über Figuren. Macht über die Ereignisse. Auch das ist ein Grund, warum ich Schriftstellerin werden will. Ich will Macht ausüben! Ich will den Text, die Figuren und die Ereignisse so bestimmen, dass sie allein nach meinem Willen sich ereignen. Ich will sie dirigieren. Ich will allerdings auch, wenn meine Figuren mir zu verstehen geben, dass sie über eine Hürde nicht drüber wollen oder können. Dann muss ich das Hürdentraining entsprechend anpassen oder aber einen andern Weg finden. Man kann seine Figur ja beispielsweise einfach außen rumgehen lassen und aus einer Geraden mit Hindernissen einen Parcours zum Slalomlaufen machen.

    Ich werde mich ans Olympische Komitee wenden und denen meinen Vorschlag unterbreiten. Es gibt verschiedene Wege eine bekannte Schriftstellerin zu werden, man muss sie nur ausprobieren. Man muss lediglich den Figuren seinen Willen aufzwingen. Auch den Figuren bei irgendwelchen Komitees. Ich werde den Sport revolutionieren. Habe ich mir eben vorgenommen. Marathon zum Beispiel. Sehr schöne Sportart. Aber so weit! Da gibt es doch sicher eine Abkürzung. Dass das Ziel immer erst am Ende ist, das halte ich ja sowieso für eine Fehlkonstruktion.

    Und mit diesen Worten zeige ich, wozu so eine Schriftstellerin in der Lage ist, nämlich weit, weit entfernte Dinge zueinander zu zwingen und einer Geschichte wie dieser hier eine ganz und gar unerwartete Wendung zu geben, indem ich das Schlusswort formuliere: merkt man mir an, dass ich meine Laufschuhe ausprobiert habe und nach einer Runde schon völlig fertig war?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 April 2010

    An das ganz große Glück glauben

    Zu dem vorhergehenden Artikel „Umgang mit Sexualität“ kam ein Kommentar von Henry. Meine Antwort darauf stelle ich jetzt hierher, um eine Handvoll Links und die letzten beiden Sätze angereichert.

    Zu einigen Dingen kann ich mich nicht äußern, Ihrem Verhältnis zu Schriftstellerkollegen beispielsweise. Zu anderen will ich mich nicht äußern, der Zukunft der Literatur im Netz etwa.

    Ein Aspekt, den Sie benennen ist allerdings für mich von überragender Wichtigkeit: mein Wunsch Schriftstellerin zu werden. Das ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich sage Ihnen etwas: Ich habe Angst! Angst, Angst, Angst, Angst, Angst. Angst vor dem Betrieb, Angst davor unterzugehen, Angst aus irgendwelchen betriebswirtschaftlichen Erwägungen heraus abserviert zu werden ohne jemals bedient worden zu sein. Die Angst sitzt bei mir in jeder Ecke. Aber anders als Sie, lasse ich mich von meiner Angst nicht ins Bockshorn jagen. Denn Angst ist ein Gefühl. Und ich habe was übrig für Gefühle, vor allem für meine eigenen. Wenn ich so viel Angst habe, dann muss die sich ja ausgesprochen wohl bei mir fühlen. Deswegen habe ich mich entschlossen, mich mit meiner Angst auch wohl zu fühlen. Wir beide sind ein gutes Paar und bleiben vielleicht, wer weiß das schon?, für immer zusammen!

    Eines aber bin ich sicher nicht: ängstlich. Für Diminutive bin ich nicht zu haben!

    Meine Angst und ich, wir sind ein bildschönes Paar. Wenn Sie uns beide sehen könnten, dann würden Sie wieder an das ganz große Glück glauben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    01 April 2010

    Umgang mit Sexualität

    Nachdem in den Dschungeln die Wogen hoch geschlagen sind, oder die Unwetter herunter, nachdem ich mich auf eine Weise eingemischt habe, die mir selbst nicht behagt hat – obwohl mein höchstes Lebensziel sicher nicht die Behaglichkeit ist – und nachdem ich gestern Abend eine ziemlich außer Kontrolle geratene Diskussion mit meinem besten Freund, meinem schwulen und promisken und besten Freund Julian hatte, wo ich Sachen gesagt habe, die ich nicht habe sagen wollen, wobei ihm das genauso ging, und ich heute wieder in den Dschungeln nachgeschaut habe, ob‘s neue Schweinerein gibt, mit einem Hang zur Obszönität und auch dem gegenteiligen Hang, mit dem Hang hinzuschauen und auch dem wegzuschauen, und ich zu keiner irgendwie zufriedenstellenden Verhaltensweise finde, ich vor allem an Julian denke und seine mühsam um Fassung ringende Aussage, dass Kultur und Sexualität sich nicht vereinen lassen, und dass ich als Künstlerin das verstehen müsse, dass Menschen nicht mit Sexualität zurande kommen – was ich für Unsinn halte, und das bei Julian! – habe ich mich entschlossen, die ganze Sache abzuhaken, ich meine, die Suche nach einer Formulierung abzuhaken, die Sexualität in Deutschland in Berlin beschreibt, meinetwegen auch in Europa in einer großen Stadt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, obwohl ich einfach nicht glauben kann und nicht will, dass man kein Verhältnis dazu findet und das Leben immer und immer wieder nur in Anfechtungen und Verlockungen und aufrechterhaltenen und überwundenen Widerständen besteht und ich lediglich weiß, dass ich nicht mit Sexualität umgehen kann, die sich benimmt als sei Sexualität selbstverständlich. Weder bei den Enthemmten noch bei den Puritanern.

    Also lasse ich die Sache so stehen wie sie sich für mich derzeit darstellt. Mir fehlt nichts als das zentrale Wort: Je höher die Kultur, desto … ihr Umgang mit Sexualität.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.