Fortschreitende Spezialisierung
Ich war vorgestern bei einem Freund zu Besuch. Der wohnt im Wedding. Da ist manches anders als in anderen Stadtteilen Berlins. Da gibt’s ein Graffiti mit dem Text: “Wedding – Wo der Sex noch richtig schön dreckig ist”. Aber nicht nur der Sex ist da anders, angeblich jedenfalls, sondern noch ganz andere Sachen, die mehr ins Intellektuelle gehen. Wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht und sind an einem Geschäft für Elektrogeräte vorbei gekommen. Die hatten einen Schild draußen stehen, da stand: „Wir sind spezialisiert auf alles“.
Üblicherweise versteht man unter einer Spezialisierung ja eine Einschränkung. Hier aber war genau das Gegenteil gemeint. Keine Verengung ins Besondere, sondern eine Ausweitung ins Allgemeine. Ich verspürte große Lust in den Laden zu gehen und ein philosophisches Streitgespräch mit dem Ladeninhaber oder Verkäufer zu führen. Aber ich hatte Angst, dass mir die Argumente ausgehen und er zu einer Avantgarde gehört. Menschen, die die Worte nicht mehr in althergebrachter Weise nutzen, sondern neue Definitionen finden und dass der Laden vielleicht nur so eine Art verdeckter Einsatzort ist.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Worum sich die Welt dreht
[Das Folgende ist bereits als Text im Titel Magazin erschienen. Ich möchte meine Texte allerdings hier versammelt haben, deswegen der – ein Wort, das in hundert Jahren vielleicht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Worte zu finden sein wird - Wiederabdruck.]
Die re:publica 2010 fand in der vergangenen Woche im Berliner Friedrichstadtpalast und der benachbarten Kalkscheune statt. Mit 2500 Besuchern war die Veranstaltung ausverkauft. Schaut man sich das Programm an, erkennt man schnell, dass die re:publica keine reine Blogger-Veranstaltung ist. Hier wurden größere Fragen gestellt, als die wie man sein Blog aufmöbelt oder was ein Hashtag ist, obwohl auch Seminare zu neuen Tools und zur Begrifflichkeit angeboten wurden. Es ging vielmehr um generelle, um gesellschaftspolitische Fragen, um Transparenz und Datenschutz. Darum, dass global operierende Internetfirmen wie Google inzwischen mehr Macht ausüben als so manche politische Institution. Wenn vor einiger Zeit die EU Microsoft wegen kartellrechtlicher Verstöße bestrafte, wird das in Zukunft vielleicht anders ablaufen: dann droht womöglich Facebook Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sich aus Deutschland zurückzuziehen, sollten hier nicht die Datenschutzbestimmungen an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden.
Vor allem aber ging es in den Veranstaltungen darum, wie das Internet – und Blogger fühlen sich als die ersten Diener dieses grenzenlosen Staates – die Welt verändert. Und wie die, die diese Welt beleben, sich dadurch verändern. Wie werden wir in Zukunft leben und arbeiten, wie werden wir lieben und wovon werden wir träumen?
Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und den Eröffnungsvortrag von Jeff Jarvis mitgemacht, eine Veranstaltung zum Thema Identität, eine Diskussion zum Thema Urheberrecht im Netz, zu dem die Heinrich-Böll-Stiftung eine Publikation herausgegeben hat: „Copy. Right. Now!“ , eine zu explizit feministischen Positionen, eine über Sexismus im Netz, eine zu autobiografischem Schreiben und eine letzte zum Thema Sozialkontakte jenseits jedweder Vernetzung: die Abschlussparty. Den Mann meines Lebens habe ich an dem Abend nicht kennengelernt, aber die Erkenntnis meines Lebens habe ich an den drei Tagen auch nicht erhalten.
Die erwartete Typologie bewahrheitete sich in etwa, die Teilnehmer waren überwiegend Vertreter des männlichen Geschlechts, technikaffin, mit kleinen und mittelgroßen Gerätschaften ausgestattet, vorzugsweise von Apple. Manch einer, schien es, schleppte gleich die gesamte Produktpalette dieser Firma mit sich herum. Geräte jedenfalls, mittels derer sie sich Zutritt zu jener anderen Welt verschafften, um die es sich bei dieser Veranstaltung hauptsächlich drehte. Noch braucht es diese Geräte, um aus der Welt des Kohlenstoffs in die des Netzes zu gelangen. Noch sind das zwei verschiedene Welten.
Man schrieb für Zeitungen und Magazine, bediente sein Blog, seinen Twitteraccount, fragte seine Mails ab, lud irgendetwas rauf oder runter oder versuchte unter Zuhilfenahme von google-earth den Weg zur Toilette ausfindig zu machen. In den Veranstaltungen herrschte ein Rein und Raus, das galt nicht nur für die abbröckelnden Ränder in Türnähe, wo sich jene aufhielten, die noch nicht wussten, ob sie die Angelegenheit interessierte. Unterstellt man – und ich arbeite mir dieser Unterstellung – dass andere Menschen auch nicht auf Fähigkeiten zugreifen können, die einem selbst nicht zur Verfügung stehen, dann musste man zu dem Schluss kommen, dass hier nur in wenigen Fällen die ganz große Konzentration vorherrschte.
Die meisten Menschen zeigten hier offenbar jenes Verhalten, dass sie auch im Netz zeigen. Alles andere wäre allerdings auch eher verwunderlich. Ein Verhalten, das sich etwa so beschreiben lässt: Man steckt überall die Nase rein. Nur nicht sehr tief. Man hat hundert Feeds abonniert und tausend Links in seinem Browser. Man hat zwei Dutzend Fenster und Tabs offen und springt von einem ins andere. Man ist überall gleichzeitig und nirgends für lange.
Sind das die modernen Verhaltensweisen? Sind die jungen Menschen von heute so, Menschen wie ich? Sind wir durch diese De-Zentralisierung wirklich unkonzentriert? Sind wir nicht mehr in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen oder einer Argumentation zu folgen, weil wir zu bedingungslosen Anhängern des Multitasking geworden sind? Und zu seinen Opfern. Oder ist es vielmehr so, dass die logisch deduktive Welt Kants und Hegels auch nur Ausdruck des damaligen Weltverständnisses war? Wie das, was wir tun, Ausdruck unseres heutigen ist. Sodass die dialektisch fließende Betrachtung der wirklichen Welt nicht ähnlicher oder weniger ähnlich ist als eine hüpfende, die hierhin springt und dorthin und die scheinbar zufällig ihre Betrachtungen einfängt und miteinander kombiniert? Verändern sich unsere Fähigkeiten nicht vielmehr entsprechend einer sich verändernden Welt, und sie passen sich ihr heute ebenso an wie sie das zu jeder anderen Zeit auch getan haben?
Die Welt verändert sich nun einmal und sie nimmt diejenigen mit, deren kulturelle Fähigkeiten sich ebenfalls verändern. Die andern lässt sie stehen. Ist das Internet die zweite kopernikanische Wende? Von einer Wende sprechen wir seit den Formulierungen Immanuel Kants in der „Kritik der reinen Vernunft“: „Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.“ Wer jetzt noch glaubt, dass die Sonne sich um die Erde drehe, weil die der Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung ist, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Oder?
Vielleicht sind die Welten sich doch ähnlicher als viele uns weismachen wollen. Dann wäre das Internet, wie profilierte Adepten vom Schlage eines Jeff Jarvis meinen, nicht der bessere Platz im Leben, sondern nur ein anderer. Ein anderer Platz, den man aber so einnehmen muss, wie man das von Plätzen bisher kennt: man muss sie besetzen. Nur weil man ein Blog im Internet hat, gehört man noch nicht zur Avantgarde. Das Netz hat vielerorts längst seinen utopischen Charakter eingebüßt. Es ist zu einer Art Nebenwelt geworden, wo wir nicht anders sind als sonst auch. Wo keine anderen Gesetze gelten und wo auch jenes Gesetz gilt, dem man in den Anfängen vielleicht gerade zu entfliehen suchte, das Recht des Stärkeren. Auch das Netz funktioniert nach ökonomischen Kriterien und auch hier lauern die kapitalistischen Hyänen Angebot und Nachfrage.
Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und die sind literarischer Natur. Im Netz ist alles gleichermaßen Information. Narrative Qualität ist da meist nicht gefragt. Während in den klassischen Medien stark gefiltert wird, was veröffentlichbar ist und was nicht, gibt es in der Blogsphäre sehr viel weniger Beschränkung. Da muss man seine eigenen Filter setzen. Das führt dazu, dass sich jeder sein eigenes Urteil über die Qualität des Angebots machen muss. Und manchmal führt es auch dazu, dass die Filter undicht werden und man einfach alles konsumiert oder ignoriert.
Thomas Hettche, Schriftsteller ohne Blog, schrieb vor Kurzem in der FAZ einen Artikel über Literatur im Wandel und er ist nicht sonderlich angetan von Netzliteratur und Blogs. Man merkt ihm die Angst an. Es ist die Angst um die Literatur, nicht um die eigene Haut. Dort spielt dann auch „das aufmerksamkeitsheischend kleptomane Fräulein Hegemann“ eine Rolle. Leider wird dann einiges über den Löffel balbiert, der Autor nimmt kein einziges Blog zur Kenntnis und übersieht im Eifer des Gefechts sogar, dass es sich bei Frau Hegemann nicht um eine Bloggerin handelt. In einer Replik im FREITAG antwortet dann Alban Nikolai Herbst, Schriftsteller mit Blog, und wehrt sich gegen die pauschalen Zumutungen Hettches.
Die Abwehr Hettches geht soweit, dass alle Veränderungen – die es nicht erst gibt, seit Blogs im Internet betrieben werden und auch nicht, seit deren Betreiber sich für Literatur interessieren – an den Pranger gestellt werden. Literatur, klagt er, verkomme zum Event, wodurch es „eine tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses der Leser zu Autor und Werk“ gebe. Dabei bemerkt er offenbar nicht die große Chance, die darin liegt. Denn die Literatur ginge ohne diese Veränderung womöglich unter. Im Netz sind neue und experimentelle Formen möglich, wie beispielsweise die Bibliotheca Caelestis von Hartmut Abendschein. Innovative Literatur hat immer auch mit der Form gespielt. Literatur ist Veränderung. Sie verwandelt, sie erfindet. Das ist lebenswichtig. Nur das Lebendige hat die Kraft, sich zu verändern.
Dass im Netz nicht alles im Bereich des optimal Möglichen verhandelt wird, ist keine Frage. Aber würde es von den klassischen Medien so verhandelt, gäbe es den virtuellen Markt vielleicht gar nicht. Die Tatsache, dass nicht alles optimal ist, ist einer der Gründe dafür, dass es Kunst und Literatur überhaupt gibt. Diese Differenz ist ein Grund für die Phantasie. Von daher bleibt zu hoffen, dass der Abstand dieser beiden Welten, die der Möglichkeit und die der Wirklichkeit, möglichst bestehen bleibt.
In Gesprächen und Diskussionen wurde gefragt, ob Bloggen eine Freizeitbeschäftigung ist wie Jonglieren oder ein Lebensentwurf. Womöglich ist allerdings auch Jonglieren ein Lebensentwurf. Das Netz bietet genug Platz für viele solcher Entwürfe. Allerdings ist ja mit Jonglierern in der realen Welt schon nicht viel Geld zu verdienen, wie sieht das dann erst in der virtuellen Welt aus? Dies ist ein Thema, das die Leute umtreibt, dass sich mit Bloggen nur in Ausnahmefällen Geld verdienen lässt. Thema ist auch, dass Blogger von den klassischen Medien als Konkurrenz betrachtet werden. Es wurde gefragt, warum so wenige Frauen in den oberen Rängen der Blogcharts zu finden sind. Es wurde auch gefragt, ob die Anonymität ein Vorteil oder ein Nachteil ist. Sind wir vor dem Bildschirm einsamer oder bietet sich gerade die Möglichkeit, die Einsamkeit zu überwinden? Kommt man im Netz zu anderen oder kommt man nur von der eigenen Einsamkeit zu der Einsamkeit der anderen?
Am Ende eines Vortrags – ich weiß gar nicht, worum es da ging, ich wollte zu der Nachfolgeveranstaltung – als man bereits bei den Fragen angekommen war, wusste der Vortragende einen Moment lang nicht weiter und sagte, mit der Stimme des Resignierten, der dann unverhofft auf die Lösung seines Problems stößt: „Da gehen Sie am besten einfach mal ins Internet.“ Woraufhin der Saal schallend lachte und Beifall klatschte. Auf die Idee wäre hier wirklich niemand gekommen.
Heute stellt man bisweilen noch die Frage, wo und wie man ins Internet kommt. Morgen ist die Frage vielleicht schon eine andere. Morgen fragt man sich, wie man wieder heraus kommt.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Zettels Traum
Derzeit sind viele für mich interessante Bücher auf dem Markt. Ich schaffe es nur nicht, sie zu lesen. Neben Roberto Bolaño und Ulrich Schlotmann kommt jetzt noch ein weiteres Riesenprojekt dazu, noch größer und wie die zuvor Genannten in Begleitung eines Blogs. Ich spreche von einem wirklichen Kultbuch, mit mythischen Dimensionen. Eigentlich war dieses Jahr, so hatte ich es mir im Januar vorgenommen, Bolaño vorbehalten. Und dem, was sich immer so dazwischen schiebt. Das sind ja in der Regel auch viele Dutzend Bücher. Nun könnte ich einen Schlenker in Richtung Arno Schmidt machen. Aber Arno Schmidt ist kein Schlenker. Ich habe vor einigen Jahren etwas gelesen und mich sofort aus der Affäre gezogen, indem ich mir sagte: das ist etwas für später. Womöglich ist nun der Moment gekommen, wo ich erkennen muss: jetzt ist später! Es ist jedenfalls ein gute Gelegenheit: die Arno-Schmidt-Stiftung hat sich entschlossen “Zettels Traum” wieder herauszugeben. Es müsste wohl im Herbst kommen. Es gibt auch bereits ein Blog zu dem Buch.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Die re:publica II
Gestern war der zweite Tag der re:publica. Das Bloggerticket hat ungefähr das gekostet, was ein Haus am See kostet, mit einem zum Wasser hin abfallenden Grundstück, einigen Pappeln und einer kleinen Fasanenzucht. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Weltreise mit Aufenthalten in Patagonien, Bergtouren durch die Anden und Tibet, lange Reisen durch die afrikanische Steppe, durch Rub al-Chali und Lop Nor, durch die Mongolei, einer Tour von Bukarest am Schwarzen Meer entlang durch Bulgarien und die Türkei, mit Rast in Teheran, durch Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan bis nach Islamabad. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Sammlung alter Rolls Royce mit Chauffeuren in dunklen Anzügen und weißen Handschuhen, die einem die Türe öffnen, dabei zu Boden blicken und voller Hochachtung sagen „Madame“. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie ein zehn mal zehn Meter umfassender Kubus bis an den Rand gefüllt mit Uhren von Patek Philippe und Rolex und Cartier. Das Bloggerticket hat so viel gekostet wie eine Reise durch den Weltraum, vorbei am Andromedanebel, mit Sternschnuppen und Außerirdischen, bis nach Alpha Centauri. Und was ist passiert? Nix! Absolut nix!
Da ist doch etwas passiert. Ich saß gegen Mittag auf einem Treppenabsatz und schrieb in mein Laptop (über Leute, die auf Treppenabsätzen sitzen und in Laptops schreiben), da meinte ein Typ zu mir: „Ich steh auf rothaarige Frauen.“ „Und“ sagte ich, „was weiter?“ Da hat er nichts mehr gesagt. Vielleicht war ihm so ne Emanze die eigenständig reden kann, nicht recht. Eine Frau, die bereits durch die Art ihrer Gegenfrage anzeigt, dass es so ganz einfach nicht werden würde. Vielleicht konnte er mit Dingen nicht umgehen, die auf einen Klick hin nicht reagieren wie die Dinge im Netz nun einmal reagieren müssen, nämlich aufgehen. Der Kontent muss sofort greifbar sein.
Eine für mich wichtige Diskussion ereignet sich derzeit woanders. Alban Nikolai Herbst antwortet in seiner Replik auf die Vorlage von Thomas Hettche in der FAZ. Das findet vielleicht nicht ganz zufällig gerade zur Zeit der re:publica statt. Es geht bei dieser Diskussion nicht nur um die Bedeutung von Literatur – um eine Orchidee in der kapitalistischen Wirtschaft, möglicherweise aber auch nur ein ordinäre Tulpe – sondern um die Bedeutung von Netz und Vernetzung. Es geht um Kommunikation zwischen Autor und Leser, der, indem er kommentiert, selbst zum Autor wird. Es geht um Originalität und Plagiat. Und es geht um noch etwas sehr viel gewichtigeres: es geht darum, dass im Netz das Verhältnis von Realität und Fiktion ein anderes ist. Starke These. Ich musste sie erst einmal formulieren. Verkaufen werde ich sie allerdings nur unter kapitalistischen Bedingungen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Wer sich wünscht, dass alles gleich ist …
Ich war gestern auf der re:publica. Ich kam auf die letzte Minute zum mit großer Aufmerksamkeit erwarteten Vortrag von Jeff Jarvis, Internetaktivist und Blogger der ersten Stunde, Professor für Journalismus, Autor des Buches „What would Google do“ und der Star unter den Vorträgern. Schon der Titel war geeignet, neugierig zu machen: „The german paradox: privacy, publicness, and penises“. Ich hatte den Mann noch nie gesehen. Eine Stunde später saßen wir nebeneinander im Starbucks an der Friedrichstraße und diskutierten über das, was er in seinem Vortrag gesagt hatte. Oder vielmehr über das, was er nicht gesagt hatte.
Nach dem Vortrag ging ich zu Dussmann, weil ich Musik recherchieren wollte für ein Projekt. Da stand Jarvis neben mir. Also fragte ich ihn, woher er seine Deutschkenntnisse habe, mit denen er den Vortrag eröffnet hatte. Und er fragte mich wie ich seinen Vortrag fand. Ich: „Sehr polemisch“. Er „Polemisch? Das war nicht polemisch.“ Ich: „Wollen Sie damit sagen, Sie meinen das ernst?“ Er: „Sicher.“ Ich: „Das kann nicht sein.“ Er lachte und lud mich zum Kaffee ein.
Dann wollte er natürlich wissen, was ich an seinen Vortrag kritisiere. Ich sagte, dass ich seine Auffassung von Privatheit und Öffentlichkeit nicht teile. Weil …?, fragte er. Weil ich die vollständige Auflösung von Privatheit in Öffentlichkeit nicht unterstützen kann. Weil wir die Wahrheit nur definieren können, wenn wir die Unwahrheit und die Lüge kennen. Weil wir Sprachwesen sind und so strukturiert: wir brauchen, um das Wort Privat zu verstehen, etwas nicht Privates. Jarvis Credo lautet, dass das Internet eine Öffentlichkeit par excellence darstelle und dass das Private ins Öffentliche transferiert werden müsse. Weil, antwortete er nun seinerseits auf meine Frage, das, was öffentlich ist, ein Wissen darstelle. Und weil es im Internet um die Erweiterung dieses Wissens gehe. Mein Einwand, dass man nicht alles, was im Netz stehe, nicht alles was man runter- oder rauflädt als Wissen bezeichnen könne, wollte er nicht gelten lassen. Man verbreitet kein Wissen, wenn man im Netz öffentlich seinen Penis problematisiert und seine mangelnde Funktion, wenn man seine Inkontinenz und seine Impotenz veröffentlicht, wie Jarvis das nach der Krebserkrankung an seiner Prostata getan hat. Ebensowenig wie man Wissen verbreitet, wenn man Kinderpornos ins Internet stellt. Alles im Internet ist dadurch, dass es im Internet ist bereits öffentlich und alles was öffentlich ist, ist dadurch bereits Wissen: das ist Polemik.
Weiter sind wir nicht gekommen. Jeff – wir sind natürlich beim Du – musste weg. Vielleicht musste er wirklich weg. Vielleicht hatte er einfach auch Angst, dass ich ihm seine schöne neue Welt kaputtmache. Mit meinem, wie er sagte „deutschen Paradox“. Seine Deutschkenntnisse hat Jeff von seinem Großvater. Das war bestimmt auch ein Pessimist.
Weil es gestern nicht ging, rufe ich ihm das jetzt hier noch hinterher: das Internet stellt möglicherweise eine Öffentlichkeit dar, wie es sie nie zuvor gegeben hat, nahezu ohne Barrieren. Und allein deswegen hat das einen Hauch von Idealität. Aber wir, die wir uns darin bewegen, sind Individuen und die sind durch ihre eigene Geschichte individualisierter als sie durch das Internet sind. Das empfinde ich als eine seltsame Form von Öffentlichkeit, wenn wir nur noch unter der Bedingung miteinander reden können, dass wir alle dasselbe reden und wir alle dieselben Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit haben. Das Problem ist vielmehr, dass Amerikaner, Deutsche und Rumänen eine andere Kultur angehören und dementsprechend ein anderes Verständnis von so wesentlichen Dingen wie Privat und Öffentlichkeit haben. Dafür hat Jarvis aber kein Ohr. Ich empfinde diese kulturellen und individuellen Differenzen als wichtiger und das Missverständnis als produktiver denn alle Übereinstimmungen. Wer sich wünscht, dass alles gleich ist, der wünscht sich, dass alles aufhört.
Ich habe schon tiefere Einsichten im Leben vernommen als an diesem frühen Nachmittag. Vielleicht ist Jarvis ja gerade deswegen eine Ikone, weil er diese Einsichten nicht hat. Oder nicht öffentlich formuliert. Womöglich weiß er genau, dass manche Dinge nicht in die Öffentlichkeit gehören. Zum Beispiel die Überlegungen zu ihren Grenzen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.