30 März 2010
Potent statt patent
Wir unterhalten uns auf sehr angenehme Weise. Er flirtet mit mir und ich lasse mich darauf ein. Er schaut mir in die Augen, sonst nirgendwohin. Obwohl sein Blick immer die Tendenz hat, weiter nach unten zu gehen. Dieser Blick ist wie ein Kletterer, der nicht in den Abgrund schauen will, und sich an meinen Augen festklammert. Solange, bis ihm jemand zu Hilfe komme. Das muss natürlich ich sein. Er fängt an, mir zu gefallen. Ich mag Männer, die nicht vor der Zeit abstürzten. Das sind die, die sich im richtigen Moment fallen lassen. Und diesen richtigen Moment muss man erkennen. Der liegt nicht auf einer Linie mit den anderen Momenten, mit dem vorhergehenden und dem nachfolgenden. Der tanzt vielmehr aus der Reihe. So ein Moment ist plötzlich da und wenn man ihn nicht nutzt, ist er wieder vorüber. Dann ist es ein Moment, der war, ohne je gewesen zu sein. Mir gefallen Männer, die das wissen und die damit umgehen können. Mir gefallen auch die, die das nicht können, die absolut keine Vorstellung haben, wovon ich hier rede, die total Ahnungslosen. Die gefallen mir sogar noch besser. Aber von denen, die mir noch besser gefallen, ist hier nicht die Rede.
Und dann sagt er doch, ich zitiere das: „Ich freu’ mich nen Keks.“ Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich kann niemanden küssen, der sagt: ich freu mich nen Keks. Ich konnte nicht einmal mehr auf seinen Mund schauen. Dabei liebe ich es, jemandem auf den Mund zu schauen, wenn er spricht. Ich kann mich auf gar nichts anderes konzentrieren als auf diese eine, ganz besondere Körperöffnung. Sprechen ist für mich mit das Sinnlichste überhaupt. Wenn der Mund sich auftut, wenn man die Zähne sieht und die Zunge. Dazu kommt die Anspannung, jemandem gegenüber zu stehen, der einem gefällt. Mit dem man sich mehr vorstellen kann als das, was gerade ist. Mit vielen kann ich mir nicht einmal dies vorstellen, geschweige denn das, was noch nicht ist. Und ich mag es, mir Dinge vorzustellen, die nicht sind, aber sein könnten. Das ist einer der Gründe, warum ich schreibe.
Ich will solche Sätze nicht hören, solche Formulierungen. Ich will niemanden kennen lernen, der am Wochenende die Seele baumeln lässt und der, wenn er andeuten möchte, dass etwas unwiderruflich vorüber und es somit außerhalb des eigenen Handlungsspielraums angekommen sei, sagt: Der Drops ist gelutscht. Ich weiß, das ist kein gutes Kriterium. Es gibt Parameter, die geeigneter sind als jemanden nach einer schlechten Metapher oder einem nicht ganz glücklichen Satzaufbau zu beurteilen. Das kann ein ganz patenter Mensch sein. Ich will aber lieber einen potenten als einen patenten. Einen sprachlich potenten. Einer, der sich einen Keks freut, muss sich bedauerlicherweise ohne mich freuen. Comprende Caballeros!?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: März 30th, 2010 unter Allzupersönliches, Confusion sexuelle, lang












Kommentar von kid37
Datum/Uhrzeit 30. März 2010 um 17:42
O je. Und zum Abschied “Tschö mit ö.”