22 März 2010
Unendlicher Spaß IV
Noch einmal das Thema Sexualität. Diesmal trifft es Orin, von dem sein Bruder Hal sagte, er produziere genug Begattungsclownerien für die ganze Familie. Das ist allerdings eine Ausrede, um sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzten. Der Promiskuität seiner Mutter begegnet er auch nicht eben mit einer aufklärerischen Tendenz. Im Folgenden können wir Orin beim produzieren seiner Clownerien beobachten.
„Sie haben in den sexten Gang geschaltet. Ihre Lieder flattern; seine schließen sich. Konzentrierte, taktile Zartheit. Sie ist linkshändig. Es geht nicht um Trost. Sie fangen mit dem Punkt gegenseitiges Aufknöpfen an. Es geht nicht um Eroberung oder Einnahme mit Gewalt. Es geht nicht um Drüsen, Instinkte oder die Sekundenbruchteile lang erschauernde Oknophilie des Selbstverlusts; auch nicht um Liebe oder darum, wessen Liebe man im Innersten ersehnt, von wem man sich verraten fühlt. Nie und nimmer um Liebe, die den mordet, der sie braucht. Der Punter hat eher das Gefühl, es geht um Hoffnung, die unermessliche Hoffnung, weit wie der Himmel, unter den flatternden Liedern eines jeden Subjekts etwas zu finden, das die Hoffnung günstig stimmen, ihr irgendwie Tribut zollen möge, das Bedürfnis, Sicherheit zu erlangen, dass er sie einen Augenblick lang hat, sie von jemand oder etwas anderem gewonnen hat, etwas anderem als ihm, aber das er sie hat und der und nur der ist, den sie sieht, dass es keine Eroberung ist, sondern eine Kapitulation, dass er sowohl Angriffs- als auch Abwehrspieler ist und sie weder noch, nichts als diese ihre Liebe von einer Sekunde Dauer wirbelnd in seine Richtung funkt, nicht seine, sondern ihre Liebe, dass er die hat, diese Liebe (er jetzt ohne Hemd, im Spiegel), dass sie ihn eine Sekunde lang mehr liebt, als sich ertragen lässt, dass sie ihn (wie sie spürt), haben muss, ihn in sich aufnehmen muss, uns sonst in Schlimmeres als nichts zergeht; dass alles andere fort ist: Ihr Sinn für Humor ist fort, ihre Wehwehchen, Triumphe, Erinnerungen, Hände, Karriere, Treuebrüche, Tode von Haustieren – das sie von einer Lebendigkeit erfüllt wird, der alles abgesaugt wurde, bis auf seinen Namen: O. O. Dass er ihr Einziger ist, ihr A und O.
(Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ein Subjekt nie genug ist, warum eine Hand nach der anderen sich herabsenken muss, um ihn vor dem endlosen Sturz zu bewahren. Denn gäbe es für ihn jetzt nur diese eine spezielle, dann wäre der Einzige nicht er oder sie, sondern das, was zwischen ihnen wäre, die alles auslöschende Dreifaltigkeit von Dir und Mir zu Uns. Orin hat das einmal empfunden, sich nie davon erholt und wird sich auch nie erholen.)
Und um Verachtung, es geht neben dem Hoffen und dem Brauchen auch um eine Art Hass. Weil er sie alle braucht und diese eine braucht, weil er sie braucht, fürchtet er sie und darum hasst er sie ein bisschen, hasst sie alle, ein Hass, der sich als Verachtung maskiert, die er mit den Liebkosungen kaschiert, mit denen er die Sache mit den Knöpfen macht, die Bluse streichelt, als wäre sie ein Stück von ihr und ihm. Als hätte sie Gefühle. Sie haben einander sorgfältig ausgezogen. Ihre Lippen verschmelzen; sie ist sein Arm, er schließt die Augen vor ihrem Blick. Im Spiegel sind sie nackt, und in einem virtuosen Jitterbug, der 100 % Neue Welt ist, benutzt sie O.‘s ungleiche Schultern als Stütze, schlingt ihm die Beine um den Nacken, neigt sich zurück, und mit nur einer Hand in ihrem Kreuz, um ihr Gewicht zu stützen, trägt er sie zum Bett wie ein Kellner ein Tablett.“ (S. 816)
Hier gibt’s ein sehr schönes Audio Projekt.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: März 22nd, 2010 unter lang, Unendlicher Spaß











