21 März 2010
Unendlicher Spaß III
Unversehens bin ich durch den letzten Artikel beim Thema Sexualität gelandet. Sonderlich sinnlich ist Unendlicher Spaß sicher nicht. Große Liebesszenen wird man hier nicht finden. Dennoch sind da sehr schöne Bemerkungen zu diesem Thema.
Die E.T.A.ler sind beim Abendessen. Das sind jugendliche Leistungssportler. Die haben Hunger. Die hauen rein wie die Scheunendrescher. Essen ist ein sehr wichtiges Thema und dementsprechend wird das auch dargestellt. Die folgende Szene spielt sich in der Mensa ab, im Speisesaal. 133 Kinder und Jugendliche, zwei Drittel männlich, ein Drittel weiblich, sind beim Abendessen. Wallace beschreibt was die essen und wie die essen. Er kann zwanzig oder dreißig Personen beschreiben ohne dass man den Überblick verliert. Der kann Personen im Raum anordnen. In die Essensbeschreibung mischt er andere Ereignisse. Ortho Stice hat an diesem Nachmittag in einem Match beinahe Hal Incandenza geschlagen, obwohl Stice zu einer anderen Altersklasse gehört und Hal die Nummer zwei an der E.T.A. und die kontinentale Nr. 4 ist. Das läuft beim Essen wie ein Gerücht zwischen den Tischen umher. Man darf nicht vergessen: Das sind Jungs, bei denen es sich viel um Leistung und die eigene Listung dreht, die eigene Position im Vergleich zu anderen Spielern. Nach dreizehn Seiten Essensbeschreibung und Gerüchten, steht da mehr oder minder unvermittelt der Satz “Struck, Pemulis, Schacht und Freer hatten alle schon Geschlechtsverkehr“. Und zwei Seiten weiter kommt dann dies:
„Troeltsch hat sich nie auch nur mit einem Mädchen verabredet. Manche Jungs sind hier einfach so. In allen Academies gibt es ein solches asexuelles Kontingent. Manche Junioren haben einfach nicht den emotionalen Saft, um nach dem Tennis noch auf Turteltour zu gehen. Kühne, kaltblütige Burschen auf dem Court, erbleichen und erschlaffen sie bei der Vorstellung, sich in irgendeinem sozialen Kontext einem weiblichen Wesen zu nähern. Manche Dinge können nicht nur nicht gelehrt werden, sondern werden sogar verzögert von anderen Dingen, die gelehrt werden können. Das gesamte Tavis/Schitt-Programm hier ist als Fortschreiten zur Selbstvergessenheit gedacht; manch einer stellt aber fest, dass die Mädchenfrage ihn mit etwas tief in seinem Inneren konfrontiert, das er für überwunden halten muss, wenn er dranbleiben und sich entwickeln will. Troeltsch, Shaw, Axford: die bekommen bei jeder x-beliebigen sexuellen Spannung das Gefühl, die bräuchten mehr Sauerstoff, als gerade vorhanden ist. Ein paar Mädchen an der E.T.A. haben etwas Nuttiges, und ein paar Jungs von Freers aggressiverem Typ können die Mädchen knacken und zum Sex überreden – an Zeit und Nähe herrscht ja kein Mangel. Aber im Großen und Ganzen ist die E.T.A. ein vergleichsweise unsexueller Ort, was fast erstaunlich ist angesichts des ständigen Brausens und Gluckerns der jugendlichen Drüsen, der Betonung der Körperlichkeit, der Ängste vor dem Mittelmaß, dem Hin- und Herwogen der Ego-Schlachten, der Einsamkeit und der großen Nähe.“ (S. 916)
Hier noch ein Link: Bruno Ganz liest bei der Litcologne aus „Unendlicher Spaß“.
Alice, wäre das nicht etwas für Sie? Und dann berichten Sie hier nachher, wie es Ihnen gefallen hat? Jetzt schicke ich schon die Leute durch die Gegend.
(Gerade wo ich schaue, ob der Link funktioniert, muss ich erkennen, dass etwas anderes nicht funktioniert: die Veranstaltung ist schon vorbei.)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: März 21st, 2010 unter lang, Unendlicher Spaß












Kommentar von Alice
Datum/Uhrzeit 21. März 2010 um 23:34
Liebe Aléa,
das ist nett, dass Sie sich Gedanken um meine Freizeitgestaltung machen…Ich war im Februar auf einer Lesung mit Hanns-Josef Ortheil, der dort seinen neuen Roman: “Die Erfindung des Lebens” vorstellte. “Ein Autor, der das Happy End und die große Liebe nicht scheut” heißt es in der FAZ. Ich war beeindruckt vom Buch und von der Person.
Liebe Grüße von Alice