19 März 2010
Unendlicher Spaß II
Wenn ich also unterdessen wieder bei dem Roman „Unendlicher Spaß“ gelandet bin, dann hat das einen äußeren Anlass: ich darf etwas veröffentlichen. Näheres dazu später, wenn es angenommen ist. Mein Busenfreund Julian sagt immer, ich sei nicht in dieser Gesellschaft angekommen, weil ein aufgeklärter Mensch nicht abergläubisch ist. Ich bin auch nicht abergläubisch! Ich warte das einfach nur ab.
Ich werde also, da ich den Roman gerade noch einmal lese, einige Stellen zitieren, die mir gut gefallen haben. Ich werde ebenfalls, das ist hier schließlich ein Blog, ein paar Links dazu liefern. Heute fange ich mit dem Blog von Christiane Zintzen an, die ein paar schöne Bemerkungen zum „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch niedergeschrieben hat. Das ist tatsächlich das treffende bildliche Äquivalent.
Im Folgenden geht’s um Lyle, den Guru der E.T.A., der sich vom Schweiß der ETAlern ernährt, indem er sie nach dem Sport und der Sauna ableckt. Das erscheint kurios, ist aber frei von Obszönität. Lyle ist eine sehr authentische Figur, der Dinge formuliert, die ein Guru formulieren muss und die man anderen nicht durchgehen ließe, wie „Die Welt ist sehr alt“ oder „Hebe nichts, was dein eigenes Köpergewicht übersteigt“. Er lebt im Fitessraum, schwebt einen Zentimeter über dem Boden und hebt dergestalt auch nicht mehr als das eigene Gewicht. Er gibt den pubertierenden Jugendlichen, was sie beim Drill an dieser Sportakademie selten bekommen: Aufmerksamkeit.
Die Jungs stehen Schlange, um sich von Lyle beraten zu lassen. So auch LaMont Chu. Er ist elf Jahre alt und will um jeden Preis Karriere machen. Er will in die Show. So nennen die ETAler den Tenniszirkus „Er schämt sich seines heimlichen Hungers auf den Hype an einer Academy, an der Hype und die Verlockungen des Hype als der mephistophelische Sündenfall und die größte Gefährdung des Talents gelten. Das ist großenteils seine eigene Wortwahl.“ Nachdem Lyle sich die Sorgen LaMonts angehört hat, und ihm auch Ratschläge erteilt hat, kommt der nächte Junge mit Kummer an die Reihe.
„Der zehnjährige Kent Blott, dessen Eltern Siebenten-Tags-Adventisten sind, ist noch nicht alt genug zum Masturbieren, hat aber, was keine große Überraschung ist, seitens seiner schon adoleszierenden Mitschüler viel davon gehört, in ziemlich saftigen Details, und sorgt sich, welche selbstgemachten, potentiell sündigen und seelenentkräftenden pornografischen Patronen beim Masturbieren durch den Projektor seiner Psyche laufen werden, wenn er denn erst masturbieren kann; er sorgt sich, ob unterschiedliche Phantasieszenen und- kombinationen auf verschiedene psychische Funktionsstörungen und Verderbtheiten schließen lassen, und er möchte einen ordentlichen Vorsprung vor seinen Sorgen haben.“ (S. 546)
Was mir an dieser kleinen Textstelle gefällt, ist natürlich die Konfrontation von bitterem Ernst und Komik. Kinder die Karriere machen wollten und mit dem elaborierten Wortschatz von Erwachsenen aufwarten. Ernst ist natürlich die Situation des Pubertierenden, der in keinster Weise auf das vorbereitet ist, was da auf ihn zukommt. Komisch ist hier natürlich die Formulierung „Vorsprung vor seinen Sorgen“. Die eigene Sexualität, der man im Masturbieren zum ersten Mal begegnet, kann einem Kind ja auch Sorgen bereiten. Und nicht nur einem Kind.
Wer möchte das nicht, einen Vorsprung vor seinen Sorgen haben? Aber das ist ein Vorsprung, den einer nicht erlaufen kann, und vielleicht bezieht sich das Paradoxon von Achill und der Schildkröte, dieser ominöse Wettlauf, genau darauf. Selbst ein Achill in Asics (das wäre ein schöner Titel für einen Artikel) überholt seine Sorgen nicht.
Das war jetzt ein kleiner Hinweis auf dies und auf den unrühmlichen Umstand, dass die Dinger immer noch ungelaufen in der Ecke stehen. Verstehe ich nicht, ich habe beim Kauf ein Bild von genau diesen Schuhen gesehen, eine Werbung, wo nur die Schuhe abgebildet waren, in Laufbewegung. Genau solche wollte ich haben. Jetzt stehen die da und laufen nicht. Wieso nicht? Wo geht’s hier zum Verbraucherschutz?
Mein Busenfreund Julian sagt immer, ich sei, wenn ich nach Verbraucherschutz und Beschwerdemöglichkeiten suche, endlich auch in dieser Gesellschaft angekommen. Dabei rufe ich gar nicht nach dem Verbraucherschutz. Außer zu Zwecken der Belustigung.
Männer: total irrational!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: März 19th, 2010 unter lang, Unendlicher Spaß











