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  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
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  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom März, 2010

    30 März 2010

    Potent statt patent

    Wir unterhalten uns auf sehr angenehme Weise. Er flirtet mit mir und ich lasse mich darauf ein. Er schaut mir in die Augen, sonst nirgendwohin. Obwohl sein Blick immer die Tendenz hat, weiter nach unten zu gehen. Dieser Blick ist wie ein Kletterer, der nicht in den Abgrund schauen will, und sich an meinen Augen festklammert. Solange, bis ihm jemand zu Hilfe komme. Das muss natürlich ich sein. Er fängt an, mir zu gefallen. Ich mag Männer, die nicht vor der Zeit abstürzten. Das sind die, die sich im richtigen Moment fallen lassen. Und diesen richtigen Moment muss man erkennen. Der liegt nicht auf einer Linie mit den anderen Momenten, mit dem vorhergehenden und dem nachfolgenden. Der tanzt vielmehr aus der Reihe. So ein Moment ist plötzlich da und wenn man ihn nicht nutzt, ist er wieder vorüber. Dann ist es ein Moment, der war, ohne je gewesen zu sein. Mir gefallen Männer, die das wissen und die damit umgehen können. Mir gefallen auch die, die das nicht können, die absolut keine Vorstellung haben, wovon ich hier rede, die total Ahnungslosen. Die gefallen mir sogar noch besser. Aber von denen, die mir noch besser gefallen, ist hier nicht die Rede.

    Und dann sagt er doch, ich zitiere das: „Ich freu’ mich nen Keks.“ Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich kann niemanden küssen, der sagt: ich freu mich nen Keks. Ich konnte nicht einmal mehr auf seinen Mund schauen. Dabei liebe ich es, jemandem auf den Mund zu schauen, wenn er spricht. Ich kann mich auf gar nichts anderes konzentrieren als auf diese eine, ganz besondere Körperöffnung. Sprechen ist für mich mit das Sinnlichste überhaupt. Wenn der Mund sich auftut, wenn man die Zähne sieht und die Zunge. Dazu kommt die Anspannung, jemandem gegenüber zu stehen, der einem gefällt. Mit dem man sich mehr vorstellen kann als das, was gerade ist. Mit vielen kann ich mir nicht einmal dies vorstellen, geschweige denn das, was noch nicht ist. Und ich mag es, mir Dinge vorzustellen, die nicht sind, aber sein könnten. Das ist einer der Gründe, warum ich schreibe.

    Ich will solche Sätze nicht hören, solche Formulierungen. Ich will niemanden kennen lernen, der am Wochenende die Seele baumeln lässt und der, wenn er andeuten möchte, dass etwas unwiderruflich vorüber und es somit außerhalb des eigenen Handlungsspielraums angekommen sei, sagt: Der Drops ist gelutscht. Ich weiß, das ist kein gutes Kriterium. Es gibt Parameter, die geeigneter sind als jemanden nach einer schlechten Metapher oder einem nicht ganz glücklichen Satzaufbau zu beurteilen. Das kann ein ganz patenter Mensch sein. Ich will aber lieber einen potenten als einen patenten. Einen sprachlich potenten. Einer, der sich einen Keks freut, muss sich bedauerlicherweise ohne mich freuen. Comprende Caballeros!?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 März 2010

    Unendlicher Spaß V

    Ich zitiere eine Stelle wo die älteren Jungs den jüngeren erklären, worum es eigentlich geht an dieser Tennisakademie.

    „Jungs, worum’s geht, will ich euch sagen, es geht um Wiederholung. Zuerst, zuletzt, immer. Es geht darum, immer wieder dasselbe Motivationsgesabbel zu hören, bis es durch das bloße Gewicht der unermüdlichen Wiederholung in eure Gedärme hinabsinkt. Es geht darum, dieselben Drehungen, Ausfallschrittet und Schläge immer wieder und wieder zu wiederholen, in eurem Alter ist das Wiederholen Selbstzweck, Resultate werden da zweitrangig, deshalb fliegt hier unter vierzehn auch keiner wegen mangelnder Fortschritte, dieselben Bewegungen und Abfolgen sind Selbstzweck, wieder und wieder, bis das kumulative Gewicht der Wiederholungen die Bewegungen tief hinabdrückt, weit unter euer Bewusstsein hinab in jene unteren Regionen, durch Wiederholung sinken und sickern sie in die Hardware, ins kardiopulmonale System. Die Maschinensprache. Ins vegetative Nervensystem, das euch atmen und schwitzen lässt. Es ist kein Zufall, dass man euch erzählt, ihr würdet hier Tennis essen, schlafen und atmen. Das ist vegetativ. Kumulieren heißt anhäufen, mittels schier geistlos wiederholter Bewegungen. Die Maschinensprache der Muskeln. Bis man spielen kann wie im Schlaf. Mit ungefähr vierzehn, plus minus x, schätzt man hier. Es einfach tut. Keine Frage, ob das einen Sinn hat, natürlich hat es keinen Sinn. Der Sinn der Wiederholung ist ihre Sinnlosigkeit. Wartet ab, bis die Bewegungen in die Hardware eingesunken sind, und schaut euch dann an, wie das den Kopf frei macht. Jede Menge Schädelstauraum, den ihr nicht mehr für die Mechanik braucht, sobald die mal eingesunken ist. So, die Mechanik ist also verdrahtet. In der Hardware. Das macht den Kopf ungeheuer frei. Ihr werdet‘s sehen. Ihr fangt an, völlig anders darüber zu denken, über Tennis. Der Court könnte genauso gut in euch drin sein. Der Ball ist kein Ball mehr. Der Ball wird etwas, das für euch einfach in die Luft gehört und rotieren muss. Und an dem Punkt fangen sie an, euch Konzentration zu verklickern. Natürlich müsst ihr euch auch jetzt schon konzentrieren, ihr habt gar keine andere Wahl, das ist ja noch nicht in der Sprache verdrahtet, noch müsst ihr beim Spielen immerzu überlegen. Aber wartet ab, bis ihr vierzehn oder fünfzehn seid. Dann sehen sie euch nämlich auf einem der, ich sag mal entscheidenden Plateaus. Mit maximal fünfzehn. Dann fängt der Scheiß an, von wegen Konzentration und Charakter. Dann rücken sie euch richtig auf die Pelle. Das ist das entscheidende Plateau, von dem an Charakter eine Rolle spielt. Aufmerksamkeit, Befangenheit, der quasselnde Kopf, die schnatternden Stimmen, die Versagensangst, Angst versus alles, was nicht Angst ist, Selbstbild, Zweifel, Widerstände, wortkarge bange Männchen im Kopf, die sich über Angst und Zweifel und Schwachstellen in der geistigen Rührung ausmären. Das alles spielt von nun an eine Rolle. Mit dreizehn frühestens. Für die Trainer ist es die Phase zwischen dreizehn und fünfzehn. Was in etlichen Kulturen auch das Alter der Mannbarkeitsriten ist. Denkt mal drüber nach. Bis dahin: Wiederholung. Bis dahin könnt ihr genauso gut Maschinen sein, ist hier die allgemeine Ansicht. Ihr macht einfach die Bewegungen. Lasst euch die Worte durch den Kopf gehen: die Bewegungen machen. Verdrahtet die Bewegungen in der Hauptplatine.“ (S. 170)

    Statt Tennis könnte man auch von den Tonleitern sprechen, die einer immer üben muss, will er ein Instrument lernen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 März 2010

    Moderne Kommunikation

    Meine Mittagspause, vorgestern, ein Chat bei Facebook, mit Uhrzeiten.

    11:58 Nicolas: hallo
    11:58 Aléa: na, lange nichts gehört
    11:59 Nicolas: ja, geht‘s gut?
    11:59 Aléa: so lala
    11:59 Nicolas: nämlich?
    12:00 Aléa: ich sitze an einer Arbeit und komme nicht vorwärts; ist aber wichtig
    12:00 Nicolas: über Anerkennung? äh, Identität
    12:00 Aléa: wieso Anerkennung?, ah
    12:00 Nicolas: das hängt ja bisweilen zusammen
    12:01 Aléa: bisweilen hängt so einiges zusammen, nein über Wallace, ich schreibe einen Artikel, einen Essay
    12:01 Nicolas: aha, ich verstehe
    12:01Aléa: wie viel verstehst du? kannst du das für mich zu Ende schreiben?
    12:02 Nicolas: ich muss selber einen Artikel schreiben; aber ich muss erst noch anfangen, wenn ich im richtigen Gefühl eingelullt bin, dürfte das dann aber gehen. aber das mache ich irgendwann nachts. am Montag ist Abgabedatum
    12:02 Aléa: da hast du es gut, du kannst dir noch einbilden, dass es wer weiß wie gut laufen wird
    12:02 Nicolas: richtig, und ich werde von dieser Illusion nicht ablassen, bevor er fertig ist. das ist das Programm.
    12:03 Aléa: sehr gutes Programm, hatte ich aber auch!
    12:03 Nicolas: dieses Gefühl kann gesteigert werden, indem ich das beginnen weiter verzögere.
    12:04 Aléa: ja, bis Montagmorgen und dann möchte ich nicht mit dir tauschen
    12:04 Nicolas: ich höre auf mit Ratschlägen.
    12:05 Nicolas: sonst? Any news?
    12:05 Aléa: ich habe mich mit ANH getroffen, wie kennen uns von US, hatten uns aber noch nie gesehen, er hat etwas über das Treffen geschrieben ich auch und seither kann ich Schweinerein aus meinem Blog löschen.
    12:06 Nicolas ich habe es heute gelesen. du bist selber schuld.
    12:06 Aléa: Das war ein sehr nettes Treffen
    12:06 Nicolas: wobei man ja vorher nur begrenzt was wissen kann, also bist du vielleicht doch nicht selber schuld; ja, aber unter falschen Bedingungen
    12:07 Aléa: welche Bedingungen?
    12:07 Nicolas: wie du geschrieben hast; beide denken an ihre Blogs. wie du geschrieben hast; beide denken an ihre blogs.
    12:07 Aléa: ja, das stimmt, aber nicht nur!
    12:07 Nicolas: eben. das ist Masturbation ohne Masturbation.
    12:07 Aléa: aber Masturbation ist super!
    12:08 Nicolas: ja, aber nicht Masturbation ohne Masturbation.
    12:08 Aléa: das kann ich gar nicht, ich will Leute kennenlernen, die auch schreiben.
    12:09 Nicolas: es ist ein so tun als ob man Masturbieren würde, um eine Reaktion zu bekommen. aber wenn Masturbation gut ist, dann in Selbstvergessenheit.
    12:09 Aléa: zumindest kann ich mit ihm über Literatur reden
    12:09 Nicolas:  der typ weiss auch nicht viel mehr. allenfalls hat er kontakte.
    12:09 Aléa: aber ich glaube, das reden reicht dem nicht; er schreibt auf eine sehr eigene Weise
    12:10 Nicolas: ich habe nichts von ihm gelesen ich will dich da nicht bequatschen.
    12:10 Aléa: der schreibt nicht komisch, sondern eigensinnig, außerdem: ich bin ja schon groß!
    12:11 Nicolas: grösser als ich, vermutlich.
    12:11 Aléa: darauf achte ich nicht; eher find ich‘s gut. Ich mag es auf Männer herunterzuschauen! haha!
    12:11 Nicolas: kannst ja vorbeikommen. ich bin der scheue Typ, von dem du schreibst.
    12:11 Aléa: du hast das tatsächlich gelesen!
    12:12 Nicolas: jaja. ich habe mich auch nicht aufgeregt, aber das Ganze war schon etwas doof, der Anfang mit der Mitbewohnerin ist süss.
    12:12 Aléa: was war doof?
    12:12 Nicolas: aber ich verschwende meine Zeit ja auch. eben diese Bespiegelungen.
    12:13 Aléa: welche Bespiegelungen? Womit? Zeit meine ich. Ich verschwende nichts
    12:13 Nicolas: was ihr halt da inszeniert habt.
    12:14 Aléa: ich muss immer wissen was doof und was gut ist an meinen Sachen; war das eine Inszenierung?
    12:14 Nicolas: er hat ein zwei sehr gute Punkte in seinem Artikel. er schreibt, dass du ihn nicht aus seiner Inszeniertheit hinauslässt. und dass du erstaunlich stark an den Literaturbetrieb glaubst; zweiteres finde ich uninteressant. aber das jemanden nicht aus seiner Inszeniertheit herauslassen ist noch interessant.
    12:16 Aléa: ich glaube nicht an den Betrieb, aber an die Literatur, vielleicht nicht einmal das
    12:16 Nicolas: es deutet auch auf eine Schwäche seinerseits hin. wie gesagt, die Literaturbetriebsgeschichte interessiert mich nicht.
    12:17 Aléa: bin ich dran?
    12:17 Nicolas: ja.
    12:17 Aléa: o.k.
    12:17 Nicolas: ich will nicht nerven
    12:18 Aléa: wenn es eine Inszenierung war, dann war sie aber gelungen; finde ich; für mich war sie das; aber für mich war es auch keine Inszenierung
    12:19 Nicolas: ja, aber die Inszeniertheit ist ja der Punkt, nicht ob gut oder schlecht inszeniert wurde.
    12:19 Aléa: ich schicke dir mal eben ein Video, ich muss zur Toilette
    12:19 Nicolas: für die Inszenierung war früher, glaube ich, so etwas wie die gesellschaftliche Konvention zuständig. heute scheint sie sich zwischen der Idiosynkrasie der Leute abzuspielen.
    12:21 Aléa: vielleicht hast du recht, die Reaktionen der Leute auf seiner Seite sind jedenfalls interessant, ich lerne etwas daraus, ich weiß nur noch nicht was es ist; ich schreibe den Artikel zu Ende und dann kann ich endlich wieder an meinem Roman arbeiten; da freue mich drauf, wie Urlaub, nur besser; wie gefällt dir die Musik?
    12:24 Nicolas: ich bin nicht so ein Fan dieser Musik, aber die Klassiker sind schon schön.
    12:24 Aléa: welche Klassiker? Wann ist dein Umzug?
    12:25 Nicolas: Orbital; das waren ja so trip-hop Pioniere oder so, oder? mein Umzug ist Mitte April, es wird ein wahnsinniges Chaos.
    12:26 Aléa: ah, die kenne ich wieder nicht, ich kenne nur dieses Lied; wahnsinniges Chaos klingt gut, mir schreibt doch gerade jemand in meinem Blog: „sie sind echt ein Grund nicht mehr zu bloggen“; wieso schreibt der das?
    12:27 Nicolas: keine Ahnung. vielleicht solltest du mal in die Provinz.
    12:27 Aléa: da komme ich her!
    12:28 Nicolas: jaja, aber man muss ja mit geschärften Augen dahin zurück.
    12:28 Aléa: ich gehe im Sommer vielleicht für zwei Wochen nach Siebenbürgen. Ich muss mich erholen, glaube ich jedenfalls
    12:28 Nicolas: ich lese gerade Sein und Zeit von Heidegger. das ist ultra provinziell, aber zugleich sehr modern. ich finde es enorm reich.
    12:28 Aléa: mit geschärften Fingernägeln
    12:28 Nicolas: hmhm
    12:29 Aléa: ich finde Heidegger nicht gut, der Mann schreibt nicht gut
    12:29 Nicolas: aber er hat relativ gut gedacht
    12:29 Aléa: aber beim Aufschreiben hat‘s gehapert
    12:29 Nicolas: und er schreibt schon auch gut
    12:29 Aléa: ja, denken konnte er, er schreibt aber scheiße, haha
    12:30 Nicolas: nein nein.
    12:30 Aléa: sag mir eine gute Formulierung
    12:30 Nicolas: manchmal habe ich Lust, Leute (vornehmlich Frauen) zu mir zu locken und ihnen zu zeigen, wie die Dinge funktionieren
    12:30 Aléa: das ist von Heidegger?
    12:30 Nicolas: ach so, von Heidegger
    12:30 Aléa: ich meine die Formulierung, was willst du ihnen zu zeigen? Zeigen meine ich; im rumänischen wurde man den Infinitiv anders setzten, aber du kannst ja kein Rumänisch, du kannst ja nur dieses Heidegger-Deutsch, haha.
    12:31 Nicolas: nein nein. ich denke, manchmal kann es nicht so schwer sein, die Leute aus ihren fixen Ideen etwas zu lösen
    12:32 Aléa: Heidegger hatte fixe Ideen? dieser Typ bekommt jetzt eine Antwort von mir, so eine gepfefferte, wie nennt man das?
    12:32 Nicolas: vielleicht haben und sind wir ja mehr als unsere fixen Ideen
    12:32 Aléa: oder vielleicht auch eine freundliche, wer hat fixe Ideen?
    12:33 Nicolas: hallo?
    12:34 Aléa: hallo? wieso hallo? ich bin doch da, ich? habe ich fixe Ideen?
    12:34 Nicolas: ja klar
    12:34 Aléa: welche denn?
    12:34 Nicolas: ich natürlich auch, alle haben welche
    12:34 Aléa: der Typ schreibt schon wieder einen Kommentar in meinem Blog; ich habe keinen fixen Ideen, ich habe gute Ideen ich kann sie nur nicht umsetzen, nicht immer
    12:34 Nicolas: ich glaube bei dir ist es auch die Notwendigkeit, reagieren können zu müssen, haha; wie man sieht auch mit Erfolg reagieren können zu müssen. weil das war lustig. “Als geworfenes existierend bleibt das Dasein ständig hinter seinen Möglichkeiten zurück”. Das ist ein guter Satz. aber reden wir lieber über uns als über Heidegger
    12:36 Aléa: dass das Dasein hinter den Möglichkeiten zurückbleibt ist eine Phrase. Das wusste ich schon mit fünf, da wollte ich was haben und hab‘s nicht bekommen. Werfen muss man‘s dazu auch nicht, und auch das nicht geworfene Dasein ist zurückgeblieben, der schreibt eben schlecht.
    12:37 Nicolas: jaja. lassen wir Heidegger. das habe ich ja schon gesagt.
    12:37 Aléa: jetzt kommt Olga, die hat das Blog gelesen, dass ich sie pfählen wollte um zu überprüfen, ob sie noch lebt, ich krieg Ärger, nein, jetzt lacht sie, die andere Freundin ist übrigens Marie, die Schauspielerin, aber die wohnt nicht hier, mit der gehe ich sonntags Kuchen essen
    12:39 Nicolas: ich verstehe
    12:39 Aléa: bis zum nächsten Kuchen muss ich fertig sein mit meinem Artikel; was verstehst du?, ich schreibe dem Kommentator den Satz von Heidegger; vielleicht macht ihm das bloggen dann wieder mehr Spaß
    12:39 Nicolas: dass es die ist, mit der du sonntags Kuchen essen gehst. ja. schreib ihm das dazu.
    12:41 Aléa: gibt es eine Möglichkeit den Verlauf des Chats zu markieren und zu kopieren? erst diese Frage beantworten, dann eine eigene stellen
    12:42 Nicolas: redest du von unserem Chat?
    12:42 Aléa: erst diese Frage beantworten, dann eine eigene stellen!
    12:42 Nicolas: ja, es gibt diese Möglichkeit.
    12:43 Aléa: sehr schlau, ja ich rede von diesem hier, ich würds gerne einstellen in mein Blog, ich finds gut, mir gefällt das.
    12:43 Nicolas: ist erlaubt. ich maile ihn dir. du kannst es ja noch bearbeiten. der Anfang war besser als der Schluss.
    12:45 Aléa: ja, ich bearbeite die Rechtschreibung und schicke es dir auf jeden Fall vorher, ob du einverstanden bist; aber wenn ich den Chat schließe, sind die Nachrichten weg, oder?
    12:45 Nicolas: gut gut. dann kann ich noch geniale Eingebungen einarbeiten. ja. aber du kannst, wenn er noch geöffnet ist, alles markieren und dann copy pasten.
    12:46 Aléa: Strg + A funktioniert nicht
    12:47 Nicolas: nein, du musst über den ganzen Text drüberfahren, ich gehe kurz eine rauchen. bist du dann noch da?
    12:47 Aléa: ja klar, drüberfahren? kann ich deinen Namen angeben?
    12:55 Nicolas: mein Vorname ist okay
    12:55 Aléa: mit einer mail-adresse?
    12:55 Nicolas: nein
    12:55 Aléa: dann könntest du dich einmischen, wenn ein Kommentar kommt, ok.
    12:56 Nicolas: ich kann mich ja im Zweifelsfall anmelden, aber ich kommentiere eigentlich nicht in Blogs.
    12:56 Aléa: ein Mann von Grundsätzen; Wie denn? ach so als Kommentar natürlich.
    12:57 Nicolas: ja
    12:57 Aléa: klar; ist das in Ordnung, wenn ich jetzt aussteige? Mein Artikel wartet
    12:57 Nicolas: ja, ich muss eh baden
    12:58 Aléa: bade! fein
    12:58 Nicolas: mach‘s gut, liebes Torici
    12:58 Aléa: nein nicht fein, das Wort fein ist nicht fein, schön meine ich, also nicht schön
    12:58 Nicolas: doch, das ist okay
    12:58 Aléa: mach‘s auch gut, lieber Nici
    12:58 Nicolas: tust du mir einen Gefallen?
    12:58 Aléa: ja; absolut jeden; haha!
    12:58 Nicolas: liest Pünktchen und Anton von Kästner. lies
    12:58 Aléa: jawohl mache ich
    12:58 Nicolas: es gibt auch ein Bild dazu
    12:58 Aléa: kann man‘s mit Bild leichter verstehen?
    12:59 Nicolas: ich habe es neulich gepostet; bei meinen Fotos
    12:59 Aléa: ich schaus an, das Bild
    12:59 Nicolas: es sind erst zwei Bilder da, ah, du kennst die eh schon
    12:59 Aléa: ich erinnere mich sogar
    12:59 Nicolas: gut
    12:59 Aléa: es ist gelb.
    12:59 Nicolas: gut
    12:59 Aléa: das Buch, gelb, ist das ein Kinderbuch?
    12:59 Nicolas: unabhängig davon, lies das buch
    13:00 Aléa: ich lese es
    13:00 Nicolas: das ist in einer guten Stunde oder so zu machen
    13:00 Aléa: jawohl, bis bald
    13:00 Nicolas: du bekommst es antiquarisch sicher günstig, bis bald
    13:00 Aléa: ciao

    Vielen Dank an Nicolas für die Zustimmung zur Veröffentlichung!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 März 2010

    Der Herr der Dschungel

    Gestern Nacht um ein Uhr, es war sogar schon nach eins, also eigentlich heute, vor fünf Stunden, komme ich nach Hause und Olga steht in der Türe. „Wie war‘s?“ fragt sie ohne Einleitung. Als wäre ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann verabredet gewesen. Ich gebe einen Ton von mir, antworte aber nicht ausführlich und gehe in mein Zimmer. Das ist bei uns klar geregelt. Türe zu bedeutet, dass man alleine sein will. Da halten wir uns auch dran. Ich habe mich ausgezogen, bin ins Bad gegangen, Zähne geputzt, wieder zurück und dann ins Bett. Da geht doch die Türe auf, Olga kommt rein, sagt kein Wort, kommt zu mir ins Bett, schmiegt sich an mich, legt eine Hand an meinen Busen, beißt mir feucht in den Nacken, sagt erzähl! und schläft ein. Da liegt sie auch jetzt noch, ohne sich zu bewegen, es ist viertel vor sieben, meine Tastatur klappert und klickert und Olga schläft.

    Gestern Abend war ich mit dem Herrn der Dschungel verabredet. Ich bin ein paar Minuten zu spät gekommen. Das war strategisch bedingt. Ich wollte, dass er schon sitzt, wenn ich hereinkomme. Er hat aber gestanden als ich kam. Dann hat er sich gesetzt. Das war auch strategisch bedingt. Es war ihm wohl unangenehm, dass ich drei Zentimeter größer war als er. Vielleicht hat er gedacht, das fiele nicht so auf, wenn er sitzt. Dabei war er dann ja noch kleiner. Ich weiß, vielen Männern und Frauen ist die Körpergröße sehr wichtig. Männer müssen sich Frauen gegenüber größer fühlen. Vielleicht hat er sich aber auch hingesetzt, weil er gespürt hat, dass mir das nicht wichtig ist. Weil er die Größe dazu hatte.

    Wir mussten ein bisschen warm werden miteinander und waren auch noch beim formalen „Sie“ als wir uns drei Stunden später getrennt haben. Aber das ändert sich irgendwann. Nichtsdestotrotz war das ein wunderschöner Abend! Wir haben über Literatur gesprochen, über Wallace natürlich und Pynchon. Ich konnte eine Menge lernen. Wir haben über Rumänien, die Securitate, Herta Müller und Richard Wagner geredet. Herr Herbst hat mir einen Vortrag über Neue Musik gehalten und ich habe den Versuch unternommen, ein einigermaßen intelligentes Gesicht zu machen. Ich habe dieses Gesicht aufgesetzt. Aber das stand mir gar nicht gut und dann habe ich es auch wieder abgesetzt. Er hat mir von seinem Sohn erzählt, von den Anfängen der Dschungel, von der Buchmesse, vom Profi und von der Löwin. Das war ein Gespräch zwischen zwei Künstlern, zwischen Künstler und Künstlerin. Wir waren einvernehmlich der Meinung, dass wir, was wir da tun, das Schreiben, dass man das nur kann, wenn man sich zu hundert Prozent engagiert. Wenn man mit seiner Person dafür einsteht.  Schreiben kann man nur, wenn man sich dem verschreibt. Soviel zur Legasthenie. Das ist ein gutes Gefühl, zu bemerken, dass ein anderer genauso denkt wie man selbst.

    Außerdem weiß ich jetzt etwas, was ich vorher nur habe ahnen können: der Mann macht keine Umwege beim flirten. Der macht das einfach ganz direkt. Es gibt Männer, die um die Ecke flirten und erst einmal eine Lebensversicherung abschließen, bevor sie sich an die Arbeit machen. So ein Mann ist er der Herr Herbst nicht. Der hat die Arbeit dann schon hinter sich und der flirtet, weil ihm das Spaß macht (übrigens, Herr Herbst, ich bin stinksauer, sollte ich bei Ihnen unter „Arbeitsjournal“ eingegliedert werden!).

    Beim Bezahlen, als ich bezahlen wollte, was mein Gegenüber allerdings nicht mit seiner Mannhaftigkeit verbinden konnte, habe ich ihm meinen Personalausweis unter die Nase gehalten. Ich lebe seit jeher mit meinem Namen. Inzwischen mag ich es, wenn Menschen nicht glauben wollten, dass ich tatsächlich so heiße. Aber ab einem bestimmten Punkt möchte ich, dass sie meine Existenz zur Kenntnis nehmen. Das ist ein enorm wichtiger Punkt, dass nach dem Zweifel die Sicherheit kommt. Weil ich mich durch den anderen selbst begreife. Weil ich mich über den anderen meiner Selbst versichere. Ich kann mir sagen, dass ich existiere, aber richtig begreifen kann ich es nur, wenn andere es können.

    Olga liegt da immer noch. Vielleicht ist sie längst tot. Wie findet man das heraus? Irgendein Mann der sie beatmen will, wird sicher bald hier auftauchen. Habe ich schon erwähnt, dass Olga Model ist und schlicht und ergreifend der schönste Mensch, den ich jemals gesehen habe? Und die hat Männer, das ist zum Abschnallen! Bei uns in der Küche sitzen manchmal Typen rum, das ist unfassbar. Olga arbeitet oft für H&M und die Typen, die andere nur auf Plakaten an der Bushaltestelle sehen, die treffe ich bei uns in der Küche. Vielleicht sollte ich Olga wachküssen. An ihr ist einfach alles schön, die ist beim Schlafen schön. Ich sehe von hier ihren Hintern. Die hat nichts an. Vielleicht sollte ich einfach wieder ins Bett gehen und Olga anfassen. Aber ich finde sie nur schön, nicht erotisch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    und zwar soeben.





    22 März 2010

    Unendlicher Spaß IV

    Noch einmal das Thema Sexualität. Diesmal trifft es Orin, von dem sein Bruder Hal sagte, er produziere genug Begattungsclownerien für die ganze Familie. Das ist allerdings eine Ausrede, um sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzten. Der Promiskuität seiner Mutter begegnet er auch nicht eben mit einer aufklärerischen Tendenz. Im Folgenden können wir Orin beim produzieren seiner Clownerien beobachten.

    „Sie haben in den sexten Gang geschaltet. Ihre Lieder flattern; seine schließen sich. Konzentrierte, taktile Zartheit. Sie ist linkshändig. Es geht nicht um Trost. Sie fangen mit dem Punkt gegenseitiges Aufknöpfen an. Es geht nicht um Eroberung oder Einnahme mit Gewalt. Es geht nicht um Drüsen, Instinkte oder die Sekundenbruchteile lang erschauernde Oknophilie des Selbstverlusts; auch nicht um Liebe oder darum, wessen Liebe man im Innersten ersehnt, von wem man sich verraten fühlt. Nie und nimmer um Liebe, die den mordet, der sie braucht. Der Punter hat eher das Gefühl, es geht um Hoffnung, die unermessliche Hoffnung, weit wie der Himmel, unter den flatternden Liedern eines jeden Subjekts etwas zu finden, das die Hoffnung günstig stimmen, ihr irgendwie Tribut zollen möge, das Bedürfnis, Sicherheit zu erlangen, dass er sie einen Augenblick lang hat, sie von jemand oder etwas anderem gewonnen hat, etwas anderem als ihm, aber das er sie hat und der und nur der ist, den sie sieht, dass es keine Eroberung ist, sondern eine Kapitulation, dass er sowohl Angriffs- als auch Abwehrspieler ist und sie weder noch, nichts als diese ihre Liebe von einer Sekunde Dauer wirbelnd in seine Richtung funkt, nicht seine, sondern ihre Liebe, dass er die hat, diese Liebe (er jetzt ohne Hemd, im Spiegel), dass sie ihn eine Sekunde lang mehr liebt, als sich ertragen lässt, dass sie ihn (wie sie spürt), haben muss, ihn in sich aufnehmen muss, uns sonst in Schlimmeres als nichts zergeht; dass alles andere fort ist: Ihr Sinn für Humor ist fort, ihre Wehwehchen, Triumphe, Erinnerungen, Hände, Karriere, Treuebrüche, Tode von Haustieren – das sie von einer Lebendigkeit erfüllt wird, der alles abgesaugt wurde, bis auf seinen Namen: O. O. Dass er ihr Einziger ist, ihr A und O.
    (Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ein Subjekt nie genug ist, warum eine Hand nach der anderen sich herabsenken muss, um ihn vor dem endlosen Sturz zu bewahren. Denn gäbe es für ihn jetzt nur diese eine spezielle, dann wäre der Einzige nicht er oder sie, sondern das, was zwischen ihnen wäre, die alles auslöschende Dreifaltigkeit von Dir und Mir zu Uns. Orin hat das einmal empfunden, sich nie davon erholt und wird sich auch nie erholen.)
    Und um Verachtung, es geht neben dem Hoffen und dem Brauchen auch um eine Art Hass. Weil er sie alle braucht und diese eine braucht, weil er sie braucht, fürchtet er sie und darum hasst er sie ein bisschen, hasst sie alle, ein Hass, der sich als Verachtung maskiert, die er mit den Liebkosungen kaschiert, mit denen er die Sache mit den Knöpfen macht, die Bluse streichelt, als wäre sie ein Stück von ihr und ihm. Als hätte sie Gefühle. Sie haben einander sorgfältig ausgezogen. Ihre Lippen verschmelzen; sie ist sein Arm, er schließt die Augen vor ihrem Blick. Im Spiegel sind sie nackt, und in einem virtuosen Jitterbug, der 100 % Neue Welt ist, benutzt sie O.‘s ungleiche Schultern als Stütze, schlingt ihm die Beine um den Nacken, neigt sich zurück, und mit nur einer Hand in ihrem Kreuz, um ihr Gewicht zu stützen, trägt er sie zum Bett wie ein Kellner ein Tablett.“ (S. 816)

    Hier gibt’s ein sehr schönes Audio Projekt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    21 März 2010

    Unendlicher Spaß III

    Unversehens bin ich durch den letzten Artikel beim Thema Sexualität gelandet. Sonderlich sinnlich ist Unendlicher Spaß sicher nicht. Große Liebesszenen wird man hier nicht finden. Dennoch sind da sehr schöne Bemerkungen zu diesem Thema.

    Die E.T.A.ler sind beim Abendessen. Das sind jugendliche Leistungssportler. Die haben Hunger. Die hauen rein wie die Scheunendrescher. Essen ist ein sehr wichtiges Thema und dementsprechend wird das auch dargestellt. Die folgende Szene spielt sich in der Mensa ab, im Speisesaal. 133 Kinder und Jugendliche, zwei Drittel männlich, ein Drittel weiblich, sind beim Abendessen. Wallace beschreibt was die essen und wie die essen. Er kann zwanzig oder dreißig Personen beschreiben ohne dass man den Überblick verliert. Der kann Personen im Raum anordnen. In die Essensbeschreibung mischt er andere Ereignisse. Ortho Stice hat an diesem Nachmittag in einem Match beinahe Hal Incandenza geschlagen, obwohl Stice zu einer anderen Altersklasse gehört und Hal die Nummer zwei an der E.T.A. und die kontinentale Nr. 4 ist. Das läuft beim Essen wie ein Gerücht zwischen den Tischen umher. Man darf nicht vergessen: Das sind Jungs, bei denen es sich viel um Leistung und die eigene Listung dreht, die eigene Position im Vergleich zu anderen Spielern. Nach dreizehn Seiten Essensbeschreibung und Gerüchten, steht da mehr oder minder unvermittelt der Satz “Struck, Pemulis, Schacht und Freer hatten alle schon Geschlechtsverkehr“. Und zwei Seiten weiter kommt dann dies:

    „Troeltsch hat sich nie auch nur mit einem Mädchen verabredet. Manche Jungs sind hier einfach so. In allen Academies gibt es ein solches asexuelles Kontingent. Manche Junioren haben einfach nicht den emotionalen Saft, um nach dem Tennis noch auf Turteltour zu gehen. Kühne, kaltblütige Burschen auf dem Court, erbleichen und erschlaffen sie bei der Vorstellung, sich in irgendeinem sozialen Kontext einem weiblichen Wesen zu nähern. Manche Dinge können nicht nur nicht gelehrt werden, sondern werden sogar verzögert von anderen Dingen, die gelehrt werden können. Das gesamte Tavis/Schitt-Programm hier ist als Fortschreiten zur Selbstvergessenheit gedacht; manch einer stellt aber fest, dass die Mädchenfrage ihn mit etwas tief in seinem Inneren konfrontiert, das er für überwunden halten muss, wenn er dranbleiben und sich entwickeln will. Troeltsch, Shaw, Axford: die bekommen bei jeder x-beliebigen sexuellen Spannung das Gefühl, die bräuchten mehr Sauerstoff, als gerade vorhanden ist. Ein paar Mädchen an der E.T.A. haben etwas Nuttiges, und ein paar Jungs von Freers aggressiverem Typ können die Mädchen knacken und zum Sex überreden – an Zeit und Nähe herrscht ja kein Mangel. Aber im Großen und Ganzen ist die E.T.A. ein vergleichsweise unsexueller Ort, was fast erstaunlich ist angesichts des ständigen Brausens und Gluckerns der jugendlichen Drüsen, der Betonung der Körperlichkeit, der Ängste vor dem Mittelmaß, dem Hin- und Herwogen der Ego-Schlachten, der Einsamkeit und der großen Nähe.“ (S. 916)

    Hier noch ein Link: Bruno Ganz liest bei der Litcologne aus „Unendlicher Spaß“.

    Alice, wäre das nicht etwas für Sie? Und dann berichten Sie hier nachher, wie es Ihnen gefallen hat? Jetzt schicke ich schon die Leute durch die Gegend.

    (Gerade wo ich schaue, ob der Link funktioniert, muss ich erkennen, dass etwas anderes nicht funktioniert: die Veranstaltung ist schon vorbei.)

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    19 März 2010

    Unendlicher Spaß II

    Wenn ich also unterdessen wieder bei dem Roman „Unendlicher Spaß“ gelandet bin, dann hat das einen äußeren Anlass: ich darf etwas veröffentlichen. Näheres dazu später, wenn es angenommen ist. Mein Busenfreund Julian sagt immer, ich sei nicht in dieser Gesellschaft angekommen, weil ein aufgeklärter Mensch nicht abergläubisch ist. Ich bin auch nicht abergläubisch! Ich warte das einfach nur ab.

    Ich werde also, da ich den Roman gerade noch einmal lese, einige Stellen zitieren, die mir gut gefallen haben. Ich werde ebenfalls, das ist hier schließlich ein Blog, ein paar Links dazu liefern. Heute fange ich mit dem Blog von Christiane Zintzen an, die ein paar schöne Bemerkungen zum „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch niedergeschrieben hat. Das ist tatsächlich das treffende bildliche Äquivalent.

    Im Folgenden geht’s um Lyle, den Guru der E.T.A., der sich vom Schweiß der ETAlern ernährt, indem er sie nach dem Sport und der Sauna ableckt. Das erscheint kurios, ist aber frei von Obszönität. Lyle ist eine sehr authentische Figur, der Dinge formuliert, die ein Guru formulieren muss und die man anderen nicht durchgehen ließe, wie „Die Welt ist sehr alt“ oder „Hebe nichts, was dein eigenes Köpergewicht übersteigt“. Er lebt im Fitessraum, schwebt einen Zentimeter über dem Boden und hebt dergestalt auch nicht mehr als das eigene Gewicht. Er gibt den pubertierenden Jugendlichen, was sie beim Drill an dieser Sportakademie selten bekommen: Aufmerksamkeit.

    Die Jungs stehen Schlange, um sich von Lyle beraten zu lassen. So auch LaMont Chu. Er ist elf Jahre alt und will um jeden Preis Karriere machen. Er will in die Show. So nennen die ETAler den Tenniszirkus „Er schämt sich seines heimlichen Hungers auf den Hype an einer Academy, an der Hype und die Verlockungen des Hype als der mephistophelische Sündenfall und die größte Gefährdung des Talents gelten. Das ist großenteils seine eigene Wortwahl.“ Nachdem Lyle sich die Sorgen LaMonts angehört hat, und ihm auch Ratschläge erteilt hat, kommt der nächte Junge mit Kummer an die Reihe.

    „Der zehnjährige Kent Blott, dessen Eltern Siebenten-Tags-Adventisten sind, ist noch nicht alt genug zum Masturbieren, hat aber, was keine große Überraschung ist, seitens seiner schon adoleszierenden Mitschüler viel davon gehört, in ziemlich saftigen Details, und sorgt sich, welche selbstgemachten, potentiell sündigen und seelenentkräftenden pornografischen Patronen beim Masturbieren durch den Projektor seiner Psyche laufen werden, wenn er denn erst masturbieren kann; er sorgt sich, ob unterschiedliche Phantasieszenen und- kombinationen auf verschiedene psychische Funktionsstörungen und Verderbtheiten schließen lassen, und er möchte einen ordentlichen Vorsprung vor seinen Sorgen haben.“ (S. 546)

    Was mir an dieser kleinen Textstelle gefällt, ist natürlich die Konfrontation von bitterem Ernst und Komik. Kinder die Karriere machen wollten und mit dem elaborierten Wortschatz von Erwachsenen aufwarten. Ernst ist natürlich die Situation des Pubertierenden, der in keinster Weise auf das vorbereitet ist, was da auf ihn zukommt. Komisch ist hier natürlich die Formulierung „Vorsprung vor seinen Sorgen“. Die eigene Sexualität, der man im Masturbieren zum ersten Mal begegnet, kann einem Kind ja auch Sorgen bereiten. Und nicht nur einem Kind.

    Wer möchte das nicht, einen Vorsprung vor seinen Sorgen haben? Aber das ist ein Vorsprung, den einer nicht erlaufen kann, und vielleicht bezieht sich das Paradoxon von Achill und der Schildkröte, dieser ominöse Wettlauf, genau darauf. Selbst ein Achill in Asics (das wäre ein schöner Titel für einen Artikel) überholt seine Sorgen nicht.

    Das war jetzt ein kleiner Hinweis auf dies und auf den unrühmlichen Umstand, dass die Dinger immer noch ungelaufen in der Ecke stehen. Verstehe ich nicht, ich habe beim Kauf ein Bild von genau diesen Schuhen gesehen, eine Werbung, wo nur die Schuhe abgebildet waren, in Laufbewegung. Genau solche wollte ich haben. Jetzt stehen die da und laufen nicht. Wieso nicht? Wo geht’s hier zum Verbraucherschutz?

    Mein Busenfreund Julian sagt immer, ich sei, wenn ich nach Verbraucherschutz und Beschwerdemöglichkeiten suche, endlich auch in dieser Gesellschaft angekommen. Dabei rufe ich gar nicht nach dem Verbraucherschutz. Außer zu Zwecken der Belustigung.

    Männer: total irrational!

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    15 März 2010

    Die Malediven

    Ich habe einen Roman geschrieben. Ich schreibe an einem zweiten. Ich schreibe für das Blog. Ich schreibe an meiner Dissertation. Und ich schreibe aberhunderte Emails im Jahr. Das ist Arbeit, macht aber auch Spaß. Das hat viel, und hier kommt eine gewichtige Vokabel, das hat sehr viel mit Genießen zu tun. Wenn ich mal keine Lust mehr auf das Schreiben habe, dann versuche ich mich als Herausgeberin einer Anthologie. Da dürfen nur Frauen schreiben. Worüber sie schreiben, ist mir egal. Ich gebe keine Themen vor. Die einzige Bedingung ist, dass alles was sie schreiben, schlecht geschrieben ist. So schlecht wie möglich. Dieses Buch bekommt den Titel: „Die Malediven“.

    Gerade ist die Internationale Tourismus Börse in Berlin. Die Stadt ist mit Plakaten von Urlaubsgegenden wie den Malediven behängt. Da kommt man dann schon mal auf kuriose Ideen. Mitten im schmuddeligen Dreckswetter hängen in Berlin Bilder von sauberen Traumstränden. Als sei das eine die sogenannte Erste und das andere die Dritte Welt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    und zwar soeben.





    10 März 2010

    Unendlicher Spaß

    Ich habe die Möglichkeit, in einer sehr angesehenen Zeitschrift einen Essay über „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace zu schreiben. Dazu muss ich selbstverständlich den Roman noch einmal lesen. Ich muss und ich will. Was ich damals bei dem Blog – hier meine Beiträge und die der Kommentatoren – vermisst habe, war die Gelegenheit, schöne Stellen und Zitate unterzubringen. Das hole ich jetzt nach. Ich werde ein paar Worte zu dem jeweiligen Zitat sagen, ich werde sagen, was mir gefällt. Ich werde Gründe nennen, obwohl ich eigentlich keine Anhängerin von Gründen bin. Für die richtig guten Sachen im Leben braucht man keine Gründe.

    Heute Abend beginne ich mit der erneuten Lektüre. Ich freue mich schon sehr. Obwohl gerade endlich mal wieder die Sonne scheint, freue ich mich darauf, dass es dunkel wird und ich mit dem Lesen loslegen kann. Ich bin neugierig, ob mein Urteil aus dem vergangenen Jahr noch Bestand hat. Ich habe da einen kleinen Disput mit Alban Nikolai Herbst, der bei diesem Buch zu einem ganz anderen Urteil kommt als ich. Ich möchte ihn gerne von der Qualität des Romans überzeugen. Da werde ich argumentativ einiges aufbieten müssen. Aber da macht es ja eigentlich auch Spaß, wenn man sich für seine Überzeugungen ins Zeug legen muss. Das empfinde ich als ein ganz hohes Niveau der Auseinandersetzung. Und wenn ich merke, dass das doch wieder zu den Gründen hinab führt, dann lasse ich die Überzeugungsarbeit und bestimme das einfach (schade, dass das Internet eine so rückständige Kommunikationsplattform ist und mein Lachen jetzt nicht automatisch eingespielt wird).

    Irgendwo in der Ferne habe ich läuten gehört (kann man das so sagen? oder sagt man: läuten hören?), dass Ullrich Blumenbach schon an der Übersetzung von „The pale King“ arbeitet, dem Fragment gebliebenen letzten Werk von David Foster Wallace. Womöglich wird es wieder ein Blog dazu geben und hoffentlich kann ich daran teilnehmen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    06 März 2010

    Des Gesagten, des Gemeinten und des Gemurmelten

    Ich habe eine Anzeige bei google gesehen: „Rosenkränze: günstig und gut“.

    Ich kann vielleicht entscheiden, ob ein Rosenkranz günstig ist. Oder ich kann mir zumindest vorstellen, wie ich das herausfinde. Rosenkränze unterscheiden sich in diesem Punkt nicht von anderen Konsumgütern. Wie aber, frage ich mich, finde ich heraus, ob ein Rosenkranz gut ist? Rollt er leicht zwischen den Fingern hindurch? Ist das wie mit der Tastatur eines Rechners? Bei meinem Laptop schreibe ich, wenn ich Zuhause bin, mit einer externen Tastatur. Weil die viel schneller ist, ergonomischer und sehr viel griffiger. Vielleicht unterscheiden sich Rosenkränze auch hinsichtlich ihrer Ergonomie. Ohne jede Angst vor einer Sehnenscheidenentzündung kann man stundenlang Gebete sprechen. Vielleicht klappt das mit den Texten, die man dabei spricht, besser, wenn der Rosenkranz verschleißfrei durch die Finger läuft. Nach einer Million hingemurmelter Worte ist da womöglich ein Unterschied in der Leichtläufigkeit zu bemerken.

    Ich kenne mich mit Rosenkränzen nicht aus. Aber wäre es nicht vielleicht besser, beim Beten hin und wieder zu stolpern, um inne zu halten und sich des Gesagten, des Gemeinten und des Gemurmelten gewahr zu werden? Wäre ein weniger ergonomisch gestalteter Rosenkranz nicht vielleicht das, was man eigentlich bräuchte? Vielleicht wär Stacheldraht der bessere Rosenkranz. Christus hat auch eine Dornenkrone getragen, kein Baumwolltuch. Vielleicht sollte man spätestens beim Beten aufhören, sich das Leben so ergonomisch wie möglich zu gestalten. Wer nebenbei beten kann, der betet vielleicht gar nicht. Der sollte es lieber lassen und das Fluchen üben.

    Ist das vielleicht der Versuch, es sich leicht zu machen? Mit dem Beten und der Kontemplation. Das hat zwar etwas mit sich-verlieren zu tun. Aber man muss sich dann ja, wenn man sich verloren hat, auch wiederfinden. Und das ist schwer. Das ist schon nicht leicht, wenn man weiß wo und wie man ist. Aber richtig schwer ist es, wenn man das nicht mehr weiß.

    Wie gesagt, ich verstehe nichts von Rosenkränzen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    und zwar soeben.





    02 März 2010

    „In diesem zähen Gelee aus Zusammenhängen“

    „Die Frequenzen“ des Mathematikers und Dichters Clemens Setz

    Was ist eine Rub-Goldberg-Maschine? Erfunden hat sie der amerikanische Cartoonist und Comiczeichner Rub Goldberg. Diese Maschinen haben eine gewisse Karriere gemacht, nachdem das Schweizer Künstlerduo Fischli & Weiss auf der Documenta VIII ihre Installation „Der Lauf der Dinge“ vorgestellt haben. Man könnte sagen, eine Rub-Goldberg-Maschine ist eine Kettenreaktion, bei der ein mechanischer Impuls über verschiedene Stationen weitergegeben wird. Das sind kleine, miteinander verbundene Ereignisse, an deren Ende in der Regel jeweils das nächste kleine Ereignis ausgelöst wird.

    Welche Komplexität das annehmen kann, sieht man bei hier:  Wenige Menschen werden das Geld haben, eine solche Maschine zu kaufen, noch weniger haben den Platz im Badezimmer, um sie zu installieren. Und die wenigsten werden bereit sein, die Zeit zu investieren, um auf das Ergebnis zu warten: das Abrollen von Toilettenpapier.

    Eine der komplexesten Maschinen, die ich habe finden können, dient einzig dem Zweck eine Leinwand zu präsentieren, auf der die Namen der an der Umsetzung Beteiligten zu sehen sind. Und gleich noch eine hinterher.

    Wenn wir als Zentrum jeder ökonomischen Maschinerie definieren würden, mit möglichst geringem Aufwand ein möglichst großes Ergebnis zu erreichen, dann könnte man diese Art der Maschinen als antiökonomisch bezeichnen. Hier geht es um das Gegenteil: möglichst viel Aufwand zu betreiben, um ein geringes Ergebnis zu produzieren. Dabei spielt aber nicht nur die ökonomische Begrifflichkeit eine Rolle. In der Physik sprechen wir von Ursache und Wirkung, in der Tragödie von Schicksal, in der Moral von Verantwortung, in der Ethik von Handlung, in der Kunst von zweckfreier Schönheit und in der Lust vom Genuss. All das ist hier von Bedeutung.

    Clemens Setz führt die Rub-Goldberg-Maschine in die Literatur ein. Im Folgenden sei kurz der Versuchsaufbau beschrieben. Wir haben zwei zu großen Teilen voneinander unabhängige Erzähl- oder Ereignislinien. Walter ist der nicht eben wohlgeratene Spross eines erfolgreichen Architekten, Sohn aus reichem Hause, der ohne eigene Begabung durchs Leben kommen muss. Er ist ein bisschen orientierungslos, ein bisschen schwul, mit ein bisschen Neigung zu Künstlern, weil er selbst gerne einer wäre. Und weil er auch noch ein bisschen leidet, will er eine Therapie beginnen. Aber selbst die Therapeutin Valery nimmt ihn nicht ernst. Sie schlägt ihm schon nach der ersten Sitzung vor, da er ihr von seiner angeblichen Neigung zur Schauspielkunst erzählt, bei ihren Gruppensitzungen einen Patienten zu spielen. Walters ehemaliger Schulfreund Alexander ist seit kurzem der Liebhaber Valerys. Er bricht das Studium ab und arbeitet im Altenheim. Seine Freundin Lydia scheint ausgesprochen tolerant und behauptet mehrfach, sie lasse Alexander seine Freiheit. Sie fährt ihn sogar zu einer Verabredung mir der Geliebten. Alexanders Vater hat die Familie verlassen, als der noch ein kleiner Junge war. Und zwar nach einem Besuch bei der Familie von Walter, in genau dem Moment, da Walters Vater über eine Rub-Goldberg-Maschine spricht.

    Dann sind da noch einige Nebenpersonen und -ereignisse. Der etwas verrückte Vermieter von Alexander, Herr Steiner, der einmal einen Igel zu Tode quält und es dann einem kleinen Jungen anhängen will. Da ist Gerald, der im selben Haus wie Alexander wohnt und dessen Mutter aufgrund eines Alkoholproblems als Erziehungsberechtige mehr oder weniger ausfällt. Das sind Gabi, Patientin von Valery und von Kopfschmerzen, Tinnitus und Verfolgungswahn gequält, und ihr Mann Wolfgang, Sportlehrer mit Trillerpfeife. Da ist der Vater Valerys, der nach einem Unfall im Wachkoma liegt und Mitsuko, seine japanische Pflegerin. Und Uljana, der Hund des Vaters, der bei Valery lebt und seit der Attacke durch die Gegend und den Text streunt.

    Eines Tages wird Valery mit einer Metallstange attackiert. Dass Dinge nicht einfach nur so geschehen, sondern eine Ursache haben, dieses Wissen ist uns durch die Aufklärung gegeben. Äpfel und andere schwere Gegenstände fallen nicht zufällig nach unten, sondern es gibt einen Grund, die Gravitation. In der modernen Welt der Zusammenhänge gibt es immer einen Grund. Wirkungen haben immer eine Ursache. Mit dieser Auffassung im Hintergrund, muss man davon ausgehen, dass es auch in diesem Fall einen Verursacher, einen Täter gibt. Hier unterscheidet sich der Text deutlich von einem klassisch erzählten. Clemens Setz verteilt im Text sehr geschickt ein paar Metallstangen verschiedener Größe und Wirkintensität. Die Aufgabe des Betrachters einer Rub-Goldberg-Maschine ist klar: er muss das Rollen der Kugel verfolgen, das Weitergeben der kinetischen Energie, das immer wieder erneute Anstoßen, von Ursache zu Ursache zu Ursache. Und das müssen wir hier auch.

    Das ist ein komplexer Versuchsaufbau den Clemens Setz hier vorführt, mit sehr vielen Implikationen und möglichen Gedankenspielen: Wer hatte ein Motiv für eine solche Tat? Oder wer hatte keins? Wessen Motiv ist ausreichend, um zu dieser Handlung zu führen? Braucht man in einem solchen Versuchsaufbau überhaupt noch ein klassisches Motiv? Oder reicht es aus, eine Metallstange in der Hand zu haben? Reicht es aus, in einem Zusammenhang zu stehen, von einer Kugel angestoßen zu werden, um dadurch selbst eine weitere Kugel anzustoßen um dann schließlich, am Ende der Verursachungen mitverantwortlich zu sein? Und mitschuldig! Was ist denn überhaupt die Ursache eines Ereignisses, einer Handlung oder einer Tat? Was unterscheidet ein Ereignis von einer Tat? Ab wann wird aus einer Tat, wo es einen Täter gegeben hat, ein seelenloses Ereignis? Wann und bis zu welchem Grad ist jemand verantwortlich für seine Taten? Setz zitiert Isaac B. Singer: „Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl“. Und was kann als Ursache eines Ereignisses gelten: lediglich das direkt Vorhergehende? Oder das erste in einer womöglich sehr langen Reihe, das erste Umfallende, das von dem gerade jetzt Umfallenden weit weg ist? Wie weit kann und muss man das zurückverfolgen? In der Bibel ist von Schuld bis in die dritte Generation die Rede. Oder geht das zurück bis zum Anfang, bis zum „unbewegten Beweger“?

    Ich verfolge im Weiteren einfach die Bewegung einer einzelnen Kugel, bzw. einer Stange. Oder eines Motivs. Ich beobachte einen sich wie ein Aal durch den Text schlängelnden Signifikanten. Walter bringt, als er nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause kommt, eine Metallstange mit, die Kleiderstange aus einem Kleiderschrank. Als er Hals über Kopf und total betrunken von dort flüchtet, denkt er immerhin noch an diese Kleiderstange, die offenbar so wichtig ist, dass er sie nicht einmal in diesem Zustand vergisst. Er muss sie dann liegen lassen, will sich in der Stadt aber eine neue kaufen. Wofür? Was will einer mit einer Kleiderstange? Valery und Walter streiten sich über seine Rolle bei den gemeinsamen Sitzungen, bei denen er echte Patienten zu einer Reaktion reizen soll. Aber reicht so ein Streit aus, um jemanden umzubringen? Ist das nicht ein bisschen dünn, als Motiv für einen Mord?

    Ein Motiv hat auch Lydia. Valery ist schließlich dabei, ihr den Freund auszuspannen. Alexander ist mit Valery zur Zauberflöte (sic!) verabredet. Valery aber erscheint nicht zu dieser Verabredung. Sie stirbt unter einem Verkehrsschild, die in der Regel auf Metallstangen stehen. Nun kippen diese Stangen nicht einfach um, nicht einmal dann, wenn ein Schriftsteller von poetischem Gewicht seine Figuren an sie lehnt. Da muss schon ein Auto dagegen fahren. Die einzige, die in diesem umweltbewussten Roman, wo alle mit dem Fahrrad unterwegs sind, mit dem Auto fährt, ist eben Lydia. Und sie fährt auch gerade zu der Zeit Auto, da Valery verschwindet. Später, als sie Alexander von der Oper abholt, ist sie dann ungewöhnlich aufgekratzt. Aber auch gegen diese Deutung spricht etwas. Valery wird morgens tot aufgefunden. Außerdem ist an anderer Stelle von Schlägen mit einer Stange die Rede.

    Auch Gabi hat ein Motiv. Valery erzählt ihrer Patientin von einem Bauarbeiter, der sich bei einem Unfall einen Stahlstab in den Kopf gerammt hat. Er überlebt den Unfall. Da der Stab aber nicht zu entfernen ist, wird er stabilisiert und der Mann lernt, mit dem Fremdkörper zu leben. In der kommenden Nacht legt Gabi ihrem kleinen Baby eine Nadel ins Bett. Wenn dem Kind nichts geschieht, dann will sie das als gutes Zeichen sehen. Tatsächlich wandert die Nadel lediglich von einer auf die andere Seite des Bettes. Beim nächsten Besuch Gabis in der Praxis Valerys streiten sich die beiden Frauen. Ein kleines Motiv und eine kleine Stange, aber gerade die kleinsten Dinge können durch die unsichere oder schwache Psyche monströs vergrößert werden. Das kennt wohl jeder von sich, an einem schlechten Tag können sich kleine Unsicherheiten zu den größten Zweifeln ausweiten.

    Und sogar Alexander hat ein Motiv: „Ich musste jemanden umbringen“, sagt er von sich selbst. Er befindet sich in einer emotionalen Extremsituation. Der Vater hatte ihn und seine Mutter ohne ein Wort der Erklärung verlassen. Valery stirbt in jenen Momenten, da dieser Vater wieder auftaucht. Als sie im Krankenhaus liegt, ist Alexander seltsam emotionsarm, er spielt mit seinem Handy und seinem Jojo. Er macht nicht den Eindruck, als sei er handlungsfähig. Warum ist er da so sediert? Aus Schmerz? Oder weil er die angekündigte Handlung bereits hinter sich hat?

    Auch Steiner hat ein Motiv: er ist eben einfach wahnsinnig. Eines Tages hat er Blut an der Hand. Vielleicht hat er tatsächlich lediglich einen Hund, der auf den Bürgersteig geschissen hat, vertrieben. Vielleicht hat er aber auch etwas anderes getan. Er war ja schon nicht sehr zuverlässig in der Bestimmung, wer nun den Igel verletzt und gequält hat. Warum sollte er jetzt besser über die eigenen Taten informiert sein?

    Da sind dann noch zwei Handwerker und, in einer anderen Szene, eine Frau, die Overalls mit der Aufschrift „Stahlstift“ tragen.

    Wo ist Valery an dem Abend, als sie mit Alexander im Theater verabredet ist. Etwa bei Max, dem brutalen Altenpfleger, der während der Nachtschicht die wehrlosen Alten quält? Oder liegt die kurze Szene, die Max beim Orgasmus beschreibt, in der Vergangenheit?

    Dann ist da noch Gerald, der im selben Haus wohnt wie Alexander und mit seinem Handy ein Video aufnimmt: er filmt, wie eine Frau mit einer Stange erschlagen wird. Er will dieses Video Alexander zeigen, aber es kommt nie dazu Alexander ist mit sich selbst beschäftigt. Dabei konnte gerade dieses Video Aufklärung über den Täter gebe, denn, „am Ende sieht man alles.“ Nur schaut sich dieses Video außer ihm niemand an.

    Schließlich ist da auch noch Bertrand Russel, den Setz zitiert, und der ebenfalls ein veritables Motiv voweisen kann: „Wir sind geneigt zu denken, dass für wirklich sorgfältige Messungen die Verwendung eines Stahlmaßstabes besser ist als die eines lebenden Aals. Das ist ein Irrtum; nicht deshalb, weil der Aal uns eine Information liefern kann, die man vom Stahlstab erwartet hätte, sondern weil der Stahlstab in Wirklichkeit nicht mehr liefert, als es offensichtlich der Aal tut. Der springende Punkt ist nicht, dass Aale in Wirklichkeit starr sind, sondern dass Stahlstäbe in Wirklichkeit sich schlängeln wie ein Aal.“

    Die Frage, wer Valery erschlagen hat, kann vielleicht gar nicht abschließend beantwortet werden. Weil es vielleicht keiner getan hat, denn Täterschaft und Urheberschaft sind Begriffe, die ganz auf ein klassisches Geschichtsverständnis fußen. Vielleicht war es nicht der eine oder der andere, sondern die Menge der Umstände, die vielen kleinen Kugeln und vorhergehenden Ursachen und Verkettungen.

    Metallstangen sind aber nur eins von vielen Motiv, die der Text anbietet. Es sind weit anspruchsvollere dabei. Da wäre, und das ist dann etwas für die Exegeten unter den Lesern, die Auffassung von Zeit. Auch das Thema Träume ist interessant oder die Funktion der Hündin Uljana. Es gibt genügend Motive, die als Verbindungen fungieren und den Text zusammenhalten.

    Clemens Setz hat eine sehr poetische Sprache: da werden schöne kleine Beobachtungen gemacht, etwa wie ein Mann „allein ein weißes Tandem schob“; da ist die Rede von einem Landgasthaus „aus dessen Schonstein ein Paar Skier ragen“; „Jede Geschichte aus der Sicht eines Badezimmerspiegels ist eine Liebesgeschichte“. Sehr kluge Einsichten, wie diese: „Mit der Möglichkeit mich zu bewegen, kam die seltsame Notwendigkeit, hin und wieder völlig still zu liegen, auszuruhen.“

    Was im Buch präsent ist, und das zu Recht, denn es ist ja auch im Leben sehr präsent, ist die „Welt der Männer und die Welt der Frauen“: „Natürlich, sie waren im Allgemeinen friedlicher als Männer, sie waren weniger grotesk, verbittert und von Zwangsvorstellungen zerquält, aber dennoch – die Art etwa, wie sie gleich zu Beginn einer Beziehung Geständnisse einforderten, unentwegt Geständnisse, Beichten und Berichte, vorzugsweise nachts, unter Tränen. Erst dann fühlten sie sich zugehörig und akzeptiert, wenn sie den Männern lange Geständnisse über ihre Vergangenheit abgerungen hatten, denn dann konnten sie dem Leben, das der Mann bisher geführt hatte, ohne sie, leichter vergeben, und sich einreden, sie wären die Erste und die Einzige.“

    Das ist eine höchst gelungene Maschine, die Clemens Setz uns hier vorstellt. Es ist aussichtslos, die vielen kleinen Bewegungen dieser Maschine bis ins letzte Detail beschreiben zu wollen. Viele Umstände sind wohl einfach nur um der Schönheit willen dabei und treiben nicht unbedingt mit letzter Konsequenz die Geschichte weiter. Oder vielleicht treiben sie sie auch weiter und man erkennt es erst bei der dritten oder vierten Lektüre. Da wäre zum Bespiel der Brief des Piloten an seine Geliebte zu nennen oder die Anspielungen auf die Literatur, auf Kafka beispielsweise und Rilke. Aus dem bekannten Ausspruch Heraklits – Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss – wird hier „Wenn sie bei mir war, trank Lydia nie zweimal aus demselben Glas.“

    Das changiert ganz eigenartig zwischen Komik und Bildung. Und genau da ist Clemens Setz auch exzellent angesiedelt. Er ist urkomisch und ernst gleichermaßen. Und das ist ein gutes Verhältnis. Komik muss es ernst meinen, sonst wirkt sie schnell lächerlich.

    Und ja, bevor ich es vergesse, auch Clemens Setz hat ein Motiv. In dem Roman ist nämlich recht häufig von einer weiteren Stange die Rede: dem männlichen Geschlechtsteil, das, wie Russel das so schön beschrieben hat, mal wie ein Stange und mal wie ein Aal ist. Wer hier wen liebt oder begeht, wer wen belauert, wer wen erschlägt und mit welchem Motiv: das ist nicht immer zweifelsfrei aufzuklären, weil ursächliche Verantwortungen in einer Rub-Goldberg-Maschine nicht endgültig zu klären sind. Sicher ist nur eins, nämlich gerade das, was der Klappentext so erratisch erscheinen lassen möchte. Der Autor, heißt es dort, erscheine an der einen oder anderen Stelle höchstpersönlich im Text. Und dann macht man sich vielleicht auf die Suche. Dabei ist das ja nun wirklich offensichtlich. Clemens Setz hat nämlich Mathematik und Dichtung studiert.

    Dazu gibt es jetzt einen Exkurs: „Der entwendete Brief“ von Edgar Allan Poe. Ein Brief, der pikante und kompromittierende Details über ein amouröses Verhältnis verrät, wird von einem Dritten entwendet, der die betroffene Frau damit erpresst. Da es sich bei dieser Frau offenbar um ein Mitglied der Königsfamilie handelt, und bei dem Dieb und Erpresser um einen Minister, ist bei der Angelegenheit höchste Geheimhaltung vonnöten. Der Polizeipräfekt wird eingeschaltet und in den Nächten, die der Minister nicht in seinem Palais verbringt, wird das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Obwohl die neuesten Ermittlungsmethoden angewandt werden, findet die Polizei den Brief nicht. Diese Geschichte zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil wird die akribische Suche beschrieben und im zweiten Teil wird beschrieben, wo der Brief versteckt war und warum die Polizei ihn nicht hat finden können. Bei dem Minister handelt es sich um jemanden, der sowohl von Mathematik – Logik und Rationalität – als auch von Dichtkunst – Emotionalität und Irrationalität – etwas versteht. „Ich kenne ihn gut. Er ist beides. Als Dichter und Mathematiker konnte er richtig überlegen, als bloßer Mathematiker hätte er vielleicht überhaupt nicht vernünftig denken können und wäre so eine Beute des Präfekten geworden.“

    Wo hat der Dieb den Brief denn nun versteckt, wenn wirklich alles von der Polizei auf den Kopf gestellt wurde? „ … umso mehr kam ich zu der Überzeugung, dass der Minister, in der Absicht, den Brief zu verstecken, zu dem klugen und sinnreichen Mittel gegriffen hatte, überhaupt keinen Versuch zu machen, ihn zu verstecken.“

    Wo hat Clemens Setz sich in seinem Roman versteckt? Er hat einfach, weil er Mathematiker und Dichter ist, zu dem sinnreichen Mittel gegriffen, überhaupt keinen Versuch zu machen, sich zu verstecken: An den wichtigen Stellen des Romans bekommen die wichtigen männlichen Personen von den wichtigen weiblichen Personen, wie man im Deutschen sagt, einen geblasen. Wir dürfen mit Sicherheit davon ausgehen, dass ein gewisser österreichischer Schriftsteller in allen Fällen gleichermaßen der Begünstigte ist.

    Haha! Das hat ja einen Höllenspaß gemacht! Vor allem die Eingebung mit den abschließenden Formulierungen. Auch wenn ich daraufhin den halben Text noch einmal habe umschreiben müssen. Aber das war‘s wert.

    P.S. Clemens Setz liest am 03. 03. 2010 in Berlin um 19.30 Uhr in der Österreichischen Botschaft, Stauffenbergstraße 1, 10785 Berlin aus seinem Roman. In einer klassischen chronologischen Maschine ist das übrigens schon Morgen.

    Clemens Setz, Die Frequenzen
    Residenz Verlag
    720 Seiten
    EUR 24,90
    ISBN: 9783701715152