Die Aufgabe der Literatur
Ich habe gestern Abend an meinem Schreibtisch gesessen und hatte Angst. Angst um meine wirtschaftliche und um meine ideelle Existenz.
Ich war in den vergangenen Wochen viel mit anderen als meinen eigentlichen Interessen beschäftigt. Webseite, Bewerbung für ein Stipendium; solche Sachen. Jetzt ist der Moment da, auf den ich gewartet hatte, die Seite ist wieder funktionsfähig. Aber ich nicht. Mir fällt nichts ein! Das wäre nun nicht weiter schlimm. Solange ich nicht darüber schreibe. Solange ich nicht darüber rede, das ich nicht weiß was ich reden soll. Es gibt Leute, die können das. Denen macht das nichts aus, dass die kein Thema haben. Das stört die nicht. Die fühlen sich vielleicht sogar beflügelt. Die geraten richtig in Redefluss, wenn sie nichts zu sagen haben. Dann gibt es kein Thema, das sie stören könnte. Dann gibt es nichts, was sie mühsam sortieren und anordnen müssten, während sie reden.
Begonnen hat diese Überlegung damit, dass mein Blog seit einiger Zeit archiviert wird. Und zwar von Stellen, deren Aufgabe die Archivierung von Literatur ist. Ich aber schreibe nicht allein literarische Betrachtungen, sondern auch persönliche Dinge. Dann hatte ich den Gedanken, dass das, was ich hier tue, meine Privatsache ist und eigentlich keiner Veröffentlichung bedarf. Das war der Punkt, an dem die Krise angefangen hatte. Oder vielmehr den Ansatz der Krise. Das Versprechen einer Krise.
Man weiß das von Günther Grass und auch von Kenzaburo Oe, das sie Krisen haben und sich mit Gedanken tragen, alles hinzuwerfen und aufzugeben. Das gehört zur künstlerischen Existenz dazu. Eine Existenz, die nicht auf Sicherheiten aufgebaut ist. Ja, die nicht auf Sicherheiten aufgebaut werden darf. Kunst fußt auf Unsicherheiten. Das ist der große Unterschied zur Wissenschaft. Auch wenn die beiden manchmal, wie ich finde, ähnliche Wege gehen. Wenn die Kunst die Unsicherheit und den Zweifel aufgibt, wenn sie das Suchen aufgibt, dann gibt sie auch die Freunde über das Finden auf. Und merkt womöglich gar nicht, wenn sie etwas gefunden hat.
Das ist manchmal so, dass einem nichts einfällt und ich würde das hier auch nicht breitreten wollen, wenn da nicht noch etwas anderes wäre. Nämlich der Gedanke, dass mir vielleicht nie wieder etwas einfällt. Das es mir womöglich niemals mehr gelingt und ich mich nicht mehr werde zu meiner Zufriedenheit ausdrücken können. Weil ich das Suchen aufgegeben habe. Und das Finden auch. Vielleicht, weil ich finden wollte, ohne mühsam suchen zu müssen. Weil ich das Glück wollte, aber das Unglück dafür nicht mehr in Kauf nehmen wollte. Das hat für Künstler/innen eine andere Dimension, als für die meisten anderen. Sehr viel bedrohlicher, weil dann sofort nicht nur die wirtschaftliche Existenz, sondern das eigene Selbstverständnis in Frage steht. Was, wenn aus irgendeinem Grund, es mir nicht mehr gelingen will, für Dinge und Umstände die angemessene Beschreibung zu finden? Weil meine Kritikfähigkeit zunimmt oder meine Textfähigkeit abnimmt. Weil ich nicht mehr daran glaube, dass die Welt gute Texte braucht, oder weil ich nicht daran glaube, dass ich eines Tages solche Texte werde liefern können. Oder weil ich die Angst nicht mehr ertrage, solche Texte womöglich niemals schreiben zu können.
Ich habe gestern Abend an meinem Schreibtisch gesessen und hatte richtig große Angst. Und dann habe ich getan, was meine Generation in solchen Fällen – leider – manchmal tut. Statt mit jemandem zu reden, bin ich ins Internet gegangen – und das klingt für meine Generation tatsächlich manchmal, als hätten wir etwas getan, als hätten wir uns von der Stelle bewegt. Ich habe prokrastinierend auf der Stelle gehockt, bin währenddessen ins Internet gegangen und habe herum gesurft und bin dabei im Titel-Magazin auf die Rezension dieses Buches gestoßen: Ulrich Horstmann: Die Aufgabe der Literatur. Und sofort habe ich mich, lebensrettend, an diesen Artikel gemacht. Das Buch von Herrn Horstmann kann ich in zwanzig Jahren auch noch lesen. Oder in dreißig. Aber jetzt muss ich meine Angst bewältigen.
Ulrich Horstmann: Die Aufgabe der Literatur oder Wie Schriftsteller lernten, das Verstummen zu überleben.
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2009. 271 Seiten. 12,95 Euro
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
