27 Februar 2010
Die Verfilmung meiner Dissertation
Nicht wenige schreiben zu ihren Romanen oder Erzählungen auch gleich noch ein Drehbuch. Filmrechte bringen mehr ein als fiktionale Texte. Gucken ist leichter als Lesen. Ich halte meinen ersten Roman für nicht verfilmbar, oder nach der Verfilmung für nicht mehr anschaubar. Oder für nach dem Anschauen nicht mehr verstehbar. Oder für nach dem Verstehen nicht mehr …
Wie ich während des Hauptstudiums einen Roman geschrieben habe, so schreibe ich jetzt während der Dissertation ein Drehbuch. Da beim letzen Mal die Sache doch ziemlich anstrengend war, weil ich zwei Wege zur gleichen Zeit gehen musste, gehe ich dieses Mal ökonomischer vor: Ich gehe nur noch einen Weg, den aber zwei Mal. Ich schreibe an meiner Dissertation und gleichzeitig schreibe ich ein Drehbuch dazu. Thema von Promotion und Drehbuch: „Identität, Authentizität und Illusion“. Das wird, wie man sich leicht vorstellen kann, eine recht abstrakte Veranstaltung.
Eigentlich muss man sich das Ganze von der Anlage her eher handlungsarm vorstellen. Aber auch die größte Armut muss schließlich von irgendetwas leben.
Ich könnte die Sache natürlich auch anreichern. Ich könnte etwas zu bei Platon sagen, wo es sinnlos scheint, einem „Einzelnen“ Identität zuzusprechen. Daraus wird in der Entwicklungspsychologie ein dynamischer Begriff von Identität. Ich könnte etwas zu der bekannten Unterscheidung von Substanz und Akzidenz bei Aristoteles sagen. Ich könnte etwas sagen zur Unterscheidung von numerischer und generischer Identität. Oder etwas zu Kant, wo Dinge nicht primär als im Raum Gegebenes verstanden werden, sondern als das durch die Apperzeption wahrgenommene. Kant widerspricht Aristoteles insofern, als für ihn „Etwas“ oder „Dinge“ nicht durch ihre Substanz das sind, was sie ausmacht, weil das Substantielle durch die Sinnlichkeit gar nicht zu erkennen ist. Identität ist bei Kant eine Art Ordnungsprinzip, gehört aber nicht in die Ontologie. Identität ist für Kant eine apriorische Evidenz. Ich könnte auch etwas zu Hobbes sagen, wo ein Gegenstand nicht durch seine Substanz mit sich identisch ist, sondern allenfalls durch seine Benennung. Oder zu Locke, der in Reaktion auf Hobbes behauptet, dass bei Personen nur dann von Identität die Rede sein könne, wenn diese Person sich früher Zustände erinnern kann. Dadurch wird die Differenz eingeführt. Durch die Möglichkeit zu einer Differenz wird Identität denkbar. Daraus wird dann die Erkenntnis, dass Bewusstsein eine relationale Angelegenheit ist. Ich könnte etwas zu Hume sagen, der den Gedanken der Relationalität aufnimmt und behauptet, dass Identität in keiner Weise die Einheitlichkeit von Dingen oder Personen beschreibt, sondern ihre Verhältnismäßigkeit zu anderen. Ich könnte etwas zum Deutschen Idealismus sagen, zu Fichte vor allem, aber auch zu Novalis und zu Hegel. Oder dazu wie sich aus einem psychologischen Allerweltsverständnis dieses Begriffes durch William James eine philosophische Theorie entwickelt hat. Ich könnte etwas zu den Begriffen Ich und Selbst sagen, zu Differenz von Identität und Identifikation, zur Kontinuität und Differenz, zur Sprachauffassung von Mead. Wäre aber alles nicht sonderlich hilfreich.
Ich gebe einen kurzen Überblick über, wenn man so will, die Handlung meines Films. Erste Szene (in der das erste Kapitel meiner Arbeit verfilmt wird: etwas zu Begriffsgeschichte von „Identität“): Ein Mann (sieht ein bisschen wie ein griechischer Philosoph aus) mit Hut (vorzugsweise cowboystyle: Stichwort Differenz des Identischen, da würde sich Hegel freuen, aber Hegel wäre wohl nicht ins Kino gegangen) betritt eine Bar (betont lässige Gangart, aus der Hüfte heraus, nicht zu deutlich mit den Knien schlenkernd), hängt seinen Mantel an die Garderobe, schaut sich kurz um und sagt dann (nicht sehr laut, mehr für sich als an andere gewandt) : „Ich“.
Dazu schreibe noch ein kurzes Exposé (Mann betritt eine Bar, hängt den Mantel auf und schaut sich um und sagt: Ich) und dann geht das an die Filmförderung!
Ich glaube nicht, dass sich die späteren Kapitel stark vom ersten unterscheiden. Es kommt wahrscheinlich zu Variationen des Themas: Ein Mann kommt in eine Bar, hängt seinen Mantel an die Garderobe und dreht sich in die Kamera und sagt „Ich“. Damit ist alles Wesentliche gesagt. Durch das Wörtchen “Ich” sind alle drei Aspekte meiner Dissertation abgedeckt.
Ich bin ausgesprochen zufrieden mit dieser Konstruktion. Das ist immerhin mein erster Film und dafür, dass ich tatsächlich nichts von diesem Metier verstehe, find ich‘s ganz gelungen. Handlungsarmut und Dichte der Darstellung geben sich hier ein hübsches Stelldichein.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Februar 27th, 2010 unter lang, Paralipomena











