14 Februar 2010
Alle Kreter lügen
Mit der Wahrheit kann es einem ergehen, wie in der Geschichte mit dem Kreter. Die ist kurz und geht so: „Ein Kreter sagt: alle Kreter lügen.“
Wenn alle Kreter lügen und dieser Mann aus Kreta ist, sagt er nicht die Wahrheit. Die Aussage – alle Kreter lügen – ist also gelogen. Daraus folgt, dass die Kreter die Wahrheit sagen. Dann sagt auch unser Kreter die Wahrheit, wenn er behauptet, dass alle Kreter lügen. Wenn aber die Aussage – alle Kreter lügen – die Wahrheit ist, dann ist sie gelogen. Und daraus folgt, dass der Kreter die Wahrheit sagt, wenn er sagt, dass sie lügen. Und das bedeutet etc.pp.
Die Aussage ist unter der Bedingung wahr, dass sie falsch ist. Und umgekehrt. Was sich ausschließen müsste, bedingt sich vielmehr. Das ist die klassische Aporie: ein Widerspruch, aus dem man nicht herauskommt, ohne sich in weitere Widersprüche zu verwickeln. Es gibt eine Möglichkeit aus dieser Aporie herauszukommen. Aber sie trägt nicht. Man könnte nämlich von der strikten Anwendung der Aussage – Kreter lügen alle immer, bzw. sie sagen alle immer die Wahrheit – zu einer variablen Position wechseln: die Kreter lügen bisweilen und sagen bisweilen die Wahrheit. Damit käme man allerdings keinen Schritt weiter, weil man nicht entscheiden könnte, was gerade der Fall ist: Lüge oder Wahrheit. Dann müsste man Lüge und Wahrheit voneinander trennen und streng definieren. Die Aussage lebt von ihrer ausnahmslosen Anwendung. Sie lebt davon, dass uns Lüge und Wahrheit wie zwei Positionen gegenüber stehen, die einander ausschließen. Nicht zwei konträre, sondern zwei kontradiktorische Varianten. Außerdem wäre damit das Spezielle dieser Formulierung dahin, weil die Kreter dann nicht anders wären als die Deutschen und die Rumänen: sie sagen entweder die Wahrheit oder sie lügen.
Dieses Entweder – Oder, diese strenge Trennung von Wahrheit und Lüge, ist eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Interessant wird’s erst, wenn sie aufeinander treffen, wie in der Geschichte vom Kreter oder aber in einem Begriff. Dieser Begriff lautet: Fiktionalität. Die Fiktionalität steht dazwischen, sie lässt sich weder der einen noch der anderen Seite zuschlagen; sie partizipiert vielmehr an beiden. Fiktionalität ist die Aufgabe des Entweder – Oder zugunsten des Sowohl – Als auch. Der Gleichzeitigkeit von einander Ausschließendem. Kann man das so sagen? Ich muss nachdenken.
Das ist kein schönes Ende für einen Beitrag. Jedenfalls kein Happy End. Vielleicht lernt der Kreter noch eine Frau kennen. Dann möchte ich mal wissen, was er der erzählt. Bestimmt etwas über Liebe. Ob die weiß, dass alle Kreter lügen? Vielleicht ist das eine Kreterin. Dann gibt es womöglich doch noch ein Happy End. Kommt drauf an, was sie ihm dann erzählt. Ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Vielleicht gehört das elementar zur Liebe dazu, die Spannung zwischen Lüge und Wahrheit.
Dieser Beitrag hätte alternativ auch folgenden Titel tragen können: Komplexe Beziehungsmuster auf agäischen Inseln.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Februar 14th, 2010 unter lang, Paralipomena, Sprache & Liebe












Kommentar von Alice
Datum/Uhrzeit 17. Februar 2010 um 12:28
“Wahrheit oder Lüge” ist relativ, also eine Frage der Perspektive. Man könnte statt desen auch fragen: Ist die Aussage nützlich oder nicht nützlich (z.B. für ein gedeihliches (Zusammen-)Leben der Kreter)?
Herzlichst, Alice