10 Februar 2010
Was ich mir für meinen Roman wünschen würde
Ich kann mir vorstellen, dass Schriftsteller, wenn Sie dann einen Verlag gefunden haben, ihren Lektor zum Wahnsinn treiben können. Weil sie sehr bestimmte Vorstellungen haben, was die Schrifttype angeht und das Papier und das Layout und weiß der Teufel, was sonst noch alles. Ich glaube, mein zukünftiger Lektor muss ein ziemlich hartgesottener Typ sein, ich habe nämlich eine ganz besondere Vorstellung:
ich will an der Kasse sitzen, wenn mein Roman verkauft wird. Nicht weil ich mich über das Geld freuen würde, das er einspielt. Geld, das ich als Anerkennung meiner Arbeit umdeuten würde. Obwohl es das nicht ist. Es ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Ich möchte an der Kasse sitzen, um mir die Leute anzuschauen, die meinen Text kaufen.
Hier eins von 33 Kapiteln: Atmen jedenfalls gehörte nicht zu den lebenserhaltenden Funktionen
„Eines Tages sterben wir alle“, sagte Rosa.
Elena starrte sie ungläubig an. Es war ihr erstes oder zweites Jahr in der Schule. Rosa war die Lehrerin und hatte meistens Recht. Am vergangenen Sonntag war jemand gestorben und Rosa hatte die Gelegenheit ergriffen, um etwas zum Kreislauf von Geburt und Tod zu sagen. Sie schloss diesen Exkurs mit der Bemerkung, dass alle Menschen früher oder später stürben.
„Ich nicht“, sagte Elena.
Die Älteren in der Klasse lachten. Die Lehrerin drehte sich nach ihr um und sah sie eindringlich an.
„Du auch!“, sagte Rosa mit Nachdruck.
Das klang, als habe sie gesagt: Du stirbst als erstes. Sie hatte einen Blick dabei, als geschehe das auf der Stelle. Statt es mit der Angst zu bekommen, lehnte Elena sich auf.
„Nein, ich nicht!“, antwortete sie trotzig.
Ganz leise allerdings, dass die Lehrerin den erneuten Widerspruch nicht hören konnte. Elena konnte sich nach dieser Auseinandersetzung nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren. Wie sah das aus, dieses Sterben? Konnte man sich nicht dagegen wehren? Bestimmt gab es eine Möglichkeit, ums Sterben drum herum zu kommen. Sie hatte schlicht keine Lust dazu. Ob sie mit Rosa darüber reden sollte? Lieber nicht. Wenn überhaupt, wollte sie den Schuhmacher fragen. Der schien ihr vertrauenswürdiger als die Lehrerin, die schon alt war, meistens streng schaute und auch so roch. Nach der Schule ging sie bei Jovan vorbei. Er wohnte gleich gegenüber vom Schulgebäude.
„Muss ich sterben?“, fragte sie ihn direkt heraus, ohne den Zusammenhang zu beachten, in dem Rosa das behauptet hatte.
Der entgegnete, dass sie sich in ihrem Alter keine Sorgen machen müsse.
„Was genau geschieht, wenn ein Mensch stirbt?“, wollte sie weiter wissen.
„Seine Seele geht gen Himmel“, antwortete der.
„Aber wie?“
„Zu Fuß natürlich. Glaubst du vielleicht sie fährt mit dem Zug?“
Das war nicht das, was Elena wissen wollte. Sie wollte wissen, was dabei geschah. Und sie wollte auch wissen, was man dagegen machen konnte. Aber alle Versuche konkrete Beschreibungen für das eine wie für das andere aus ihm herauszubekommen, scheiterten. Enttäuscht ging Elena nach Hause. Was der Schumacher gesagt hatte, klang allerdings so, als habe die Lehrerin nicht ganz Unrecht. Als stürbe man, wenn man schon nicht in ihrem Alter stirbt, in einem anderen Alter. In dem ihrer Großmutter womöglich. Elena ging etwas schneller. Die Großmutter lebte noch als sie zu Hause ankam.
„Stirbst du heute?“ fragte sie ihre Großmutter am nächsten Morgen. Die lag seit geraumer Zeit morgens noch im Bett, wenn Elena das Haus verließ und zur Schule ging. Die Großmutter schüttelte energisch den Kopf.
„Aber nein!“
„Bestimmt nicht?“, versicherte Elena sich noch einmal.
„Ganz bestimmt nicht. Ich bin ja noch gar nicht so alt“, sagte die Großmutter.
„Du sieht aber alt aus“, antwortete ihre Enkelin.
„Sieh dich vor“, sagte die Großmutter und hob lächelnd den Zeigefinger.
„Stirbst du heute?“, fragte sie ihre Großmutter von da an jeden Morgen.
Und jeden Morgen schüttelte die Großmutter mit dem Kopf. Von Tag zu Tag allerdings ein wenig verhaltener. Gerade so, als ermüde sie die Frage der Enkelin und das tägliche Kopfschütteln.
Als Elena eines Tages nach Hause kam, saß ihre Mutter am Küchentisch und weinte. Sie wusste nicht, was sie mehr verwunderte, dass die Mutter, die immer alle Hände voll zu tun hatte, einfach so herumsaß oder dass sie weinte.
„Kind, ich habe alle Hände voll zu tun“, sagte sie gerne.
Das klang als habe sie zehn oder zwanzig Hände. Elena konnte nur zwei sehen, aber sie mochte die Vorstellung, dass die Mutter noch viel mehr Hände hatte. Überall am Körper angebracht, waren sie alle beschäftigt, sie kneteten Teig oder schmierten Brote, sie wischten Staub und kochten für den Winter Früchte ein, sie machten Marmelade oder Gelee oder das Mittagsessen für die Familie. Es gab den ganzen Tag für alle Hände etwas zu tun. Vielleicht weinte sie heute, weil nicht einmal genug Arbeit für die zwei Hände da war, die Elena sehen konnte.
Elenas Vater kam zur Türe herein. Er sah seine Frau an und dann seine Tochter.
„Großmutter ist gestorben“, sagte er zu Elena.
„Nein!“, antwortete sie.
Das konnte nicht sein. Sie hatte die Großmutter an diesem wie an jedem anderen Morgen gefragt, ob sie stürbe und die hatte das wie immer verneint. Ihr Vater musste sich täuschen. Die Tränen der Mutter hatten einen anderen Grund.
„Mama weint, weil sie nicht weiß was sie mit ihren Händen tun soll“, klärte Elena ihren Vater auf.
Er sah sie ernst an und schüttelte leicht mit dem Kopf.
„Nein. Deine Großmutter ist heute Vormittag gestorben. Deswegen weint Mama“, antwortete er.
Papa schaute immer noch sehr ernst und Mama weinte noch immer, deswegen entschied Elena, dass er möglicherweise die Wahrheit gesagt hatte. Aber sie war wütend. Sie wollte dabei sein, wenn die Großmutter starb, deswegen hatte sie so oft danach gefragt. Ihr Vater legte den Arm um seine Frau. Aber dadurch schien es noch schlimmer zu werden. Die Mutter, die sich gerade beruhigt hatte, weinte wieder heftiger. Elena schlich aus der Küche. Sollte sie noch einmal den Schuhmacher zu Rate ziehen? Besser nicht. Stattdessen marschierte sie ins Zimmer der Großmutters. Sie war immer noch wütend und wollte ihr gehörig die Meinung sagen. Zu ihrer Überraschung traf sie auf den Arzt aus dem Nachbardorf. Der beugte sich gerade über die im Bett liegende Großmutter und fuhr erschreckt hoch als Elena ins Zimmer stürmte. Rosa hatte ihr zwar erklärt, dass es eines Arztes bedürfe, der prüfe, ob ein Mensch tatsächlich tot sei. Aber Elena hatte nicht damit gerechnet, dass diese Prüfung noch andauere. Obwohl sie nur einen kurzen Blick hatte werfen können, bemerkte sie, dass der Großmutter die Zähne fehlten. In diesem Moment allerdings sah sie auch, dass ihr Gesicht sehr ungewöhnlich aussah. Gar nicht wie die Großmutter selbst. Instinktiv trat sie den Rückzug an. In dem Moment, da sie rückwärts ging, stieß sie gegen ihren Vater, der ihr hinterher gegangen war als sie sich aus der Küche geschlichen hatte. Jetzt weinte auch Elena.
Einige Tage später wurde die Großmutter beerdigt. Man stand um ein Loch in der Erde herum, in der der Sarg lag. Und in dem Sarg lag die Großmutter, was man allerdings von Außen nicht sehen konnte. Elenas Mutter und ihre aus einem der Nachbardörfer angereiste Tante weinten wieder. Ihr Vater legte den Arm um Elenas Schultern und da musste Elena ebenfalls weinen. Sie wollte ihn gerade bitten, den Arm wieder weg zu nehmen, weil sie dachte, dass dann das Weinen auch wieder aufhörte. Aber der Vater weinte selber, deswegen sagte sie nichts.
Später gingen wir gemeinsam nach Hause. Dort würde es Kaffee und Kuchen geben und wahrscheinlich wieder Tränen. Zu Hause angekommen, setzten sie sich um einen langen Tisch herum, den ihr Vater zuvor im Hof aufgebaut hatte. Als alle saßen, änderte sich mit einem Mal die Stimmung. Elena sah zu ihrer Mutter hinüber, die bis vor wenigen Momenten noch geweint hatte. Zu ihrem Erstaunen lächelte sie nun, als habe sie den Tod der Großmutter bereits vergessen. Auch der Vater war wie verwandelt. Allen am Tisch schien es so zu ergehen. Das Gedrückte und Flüsternde der letzten Tage war verschwunden. Sie sah zu ihrer Tante hinüber, die sie anlächelte.
Elena erschrak. Die Tante hatte die Zähne der Großmutter im Mund. Sie hatte es genau gesehen! Der Schumacher hatte doch gesagt, die Seele gehe gen Himmel. Als sie vor wenigen Tagen gesehen hatte, dass der Großmutter die Zähne fehlten, hatte sie angenommen, dass die Seele mit den Zähnen zu Fuß gegangen sei. Vielleicht war die Großmutter auch noch gar nicht tot gewesen als der Arzt ihr in den Mund gefasst hatte. Das erklärte wahrscheinlich, warum der sich so erschreckt hatte als er Elena bemerkte, während seine Hand im weit aufgerissenen Rachen der Großmutter steckte. Die hatte wahrscheinlich den Mund einfach wieder zugeklappt, als der Arzt hinein griff, so dass der dann feststeckte, mit einem Gesichtsausdruck, als stecke er selber zwischen Leben und Tod, und nicht die Großmutter, die dem Tod von der Schippe gesprungen war und sich nun kreuzfidel in der Hand des Arztes festgebissen hatte. Wenn die Zähne sich nun aber im Mund der Tante befanden, war die Seele der Großmutter auch gar nicht gen Himmel gegangen. Was hatte die Tante dann mit ihrer eigenen Seele gemacht, wenn sie jetzt die der Großmutter im Mund hatte?
Einige Zeit lang dachte Elena noch über diese Frage nach, sie dachte an die Zähne der Großmutter, an die Großmutter selbst und an die Frage, ob die nun mit oder ohne ihre Seele im Sarg weiterlebte. Dann nahmen andere Dinge ihre Aufmerksamkeit in Anspruch und sie vergaß die Angelegenheit.
Zwanzig Jahre später konnte Elena diese Angelegenheit doch noch aus allernächster Nähe betrachten. Da starb die Mutter ihres Mannes. Vielmehr begann sie damit. Elena hatte einige Jahre zuvor mit dem Kopf genickt, als einer der Zwillinge sie fragte, ob sie ihn heiraten würde. Die beiden hatten nicht den allerbesten Ruf. Es herrschten einige Unsicherheiten, was die Umstände ihrer Geburt anging und die Namensgebung der beiden. Sie mussten frühzeitig die Schule verlassen. Der eine wurde zur Ausbildung fortgeschickt und der andere blieb im Dorf. Im Jahr darauf wurde auch Elena aus der Schule entlassen. Zu dieser Zeit begann Varian ihr den Hof zu machen. Oder ihr nachzustellen, je nachdem wie man das nennen wollte. Er war dabei nicht besonders geschickt, dafür aber umso hartnäckiger. Es war nicht schwer zu erraten, was er wollte. Und obwohl Elena das nicht wollte, oder anders, wollte sie ihn auch nicht abweisen. Sie mochte das, was ihr Vater Nachstellungen nannte. Sie mochte seine Hartnäckigkeit. Und die belohnte sie manchmal. Vielleicht nicht ganz in der Art, wie Varian sich das vorgestellt hatte, aber auch nicht vollkommen anders. Das ging nahezu zwei Jahre so.
Dann war Varian von einen auf den anderen Tag verschwunden. Am Tag zuvor hatten sie sich noch in einer Scheune getroffen. Spätestens da hätte er den Mund aufmachen müssen. Sie hatten keine Zukunftspläne geschmiedet, aber Elena war davon ausgegangen, dass sie eine gemeinsame Zukunft hatten. Sie liebte ihn nicht, er war ihr zu dreist, manchmal geradezu unverschämt. Er griff ihr im Heu einfach an die Brüste, wie der Bauer dem Vieh an den Euter. Aber sie hatte es immer vermocht, ihn im Zaum zu halten. Und das hatte sie durchaus geliebt. Sie hatten diesen Nachmittag im frischen Heu gelegen und Elena hatte Varian die Stellen ihres Körpers gezeigt, die er jedes Mal sehen wollte. Er musste sie besser kennen als Elena sich selbst kannte. Wie sich beim Hengst die Nüstern weiteten, weiteten sich Varians Augen. Aber er hatte nicht die allerkleinste Andeutung gemacht. Nicht über seinen Bruder, der ein Ausbildung als Tischler absolviert hatte und am kommenden Tag nach Apoptygma zurückkehrte, um die Werkstatt des Vaters zu übernehmen. Und auch nicht darüber, dass er selbst das Dorf an diesem Tag verlassen wollte.
Elena war wütend. Sie hätte ihm gerne eine heruntergehauen. Aber dazu hätte er noch da sein müssen. Und dann hätte sie keinen Grund dazu gehabt. Dieser etwas verwirrende Umstand machte sie noch wütender. Sie blieb einige Wochen lang gleich bleibend wütend, bis sie von einem auf den anderen Moment feststellte, dass sie eigentlich gar nicht mehr wütend mehr. Zu dieser Zeit nahm der eine Bruder die Stelle des anderen ein. Sie war sich nicht sicher, ob der sich einen Scherz mit ihr erlaubte, indem der eine Varian sie einfach vom anderen Varian übernehmen zu können meinte. Sie konnte jedoch leicht feststellen, dass der eine dem anderen nichts erzählt hatte. Der eine Varian war noch kein halbes Jahr weg und der andere noch kein halbes Jahr da, da fragte er Elena, ob sie seine Frau werden wolle. Elena dachte zwei Tage darüber nach. Dann nickte sie auf die erneut gestellte Frage.
Elena hatte, als sie dem Heiratsantrag zustimmte, nicht daran gedacht, dass sie nun von zu Hause ausziehen müsse. An Varians Mutter hatte sie ebenfalls nicht gedacht und ans Kinderkriegen schon gar nicht. Worüber hatte sie eigentlich nachgedacht, als er sie fragte, ob sie ihn heiraten würde? Und warum hatte sie zwei volle Tage dafür benötigt? An dem Tag, an dem sie bei ihm einzog, zog sich seine Mutter von der Hausarbeit zurück. Das war lediglich der erste Schritt. Nach und nach reduzierte sie weitere Funktionen. Sie hörte von Heute auf Morgen mit dem Laufen auf, legte sich ins Bett und ließ sich das Essen bringen. Dann reduzierte sie auch das Sprechen. Sprach sie zuerst nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ, sagte sie mit der Zeit immer weniger und dann gar nichts mehr. Sie zeigte mit den Fingern auf Dinge, die sie wollte. Wenn keiner verstand, was sie meinte, verschränkte sie die Hände vor der Brust und schnaubte verächtlich. Bald darauf stellte sie auch das Hören ein. Sie schüttelte lediglich den Kopf, wenn Elena sie ansprach, zum Zeichen, dass sie nicht verstand. Schließlich stellte sie zeitweilig sogar die Atmung ein. Für den Arzt war es ein Wunder, dass sie diese Aussetzer überlebte. Halbstundenweise war kein Leben mehr in ihr. Plötzlich schlug sie unversehens die Augen auf und sah den Arzt an, der, über sie gebeugt, einen kleinen Spiegel vor ihrem Mund hielt. Was immer bei ihr dazugehören mochte, Atmen jedenfalls gehörte nicht zu den lebenserhaltenden Funktionen.
Im zweiten oder dritten Jahr ihrer Bettlägerigkeit stellte Varian seiner Mutter eine Klingel ans Bett, die er in der Stadt gekauft hatte. Sie würde klingeln können, wenn sie etwas brauchte und Elena musste nicht mehr alle naselang zu ihr ins Zimmer. Seine Mutter würdigte das Ding, das ihr Sohn auf den Nachttisch stellte, keines Blickes. Die Klingel stand eine Woche oder zwei unberührt an der Stelle wo Varian sie hingestellt hatte. Dann aber stellte sie fest, dass sie sie lediglich leicht hin- und her bewegen musste und schon erschien Elena an ihrem Bett. Bald klingelte sie, wenn sie Hunger hatte, wenn abgeräumt werden sollte, wenn sie ein Medikament nehmen musste oder sie ein Glas Wasser wollte. Sie klingelte auch dann, wenn noch genügend Wasser da war und die Medikamente griffbereit auf dem Nachttisch lagen, direkt neben der Klingel. Sie fand immer noch einen Körperteil oder eine Funktion, die sie reduzieren konnte und umso häufiger klingelte sie. Als wolle sie zeigen, dass sie noch immer ganz gut beieinander war und mit ihrem Ableben so bald nicht zu rechnen sei.
Das Klingeln ertönte häufiger und die Gründe dafür wurden nichtiger. Hatte die Mutter Varians die Klingel zu Anfang ein oder zwei Mal am Tag benutzt, so rüttelte sie in späteren Jahren nahezu ununterbrochen an ihr. Sie intensivierte ihr Sterben, aber sie starb nicht. Sie stemmte sich vielmehr dagegen. Sie klingelte gegen ihren Tod. Alle ihre Lebensenergien schien sie umgeleitet zu haben in den einen Arm, der hartnäckig die Klingel hin und her bewegte, sie rüttelte und schüttelte, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Elena hatte den Eindruck, dass dieser Köper zwar langsam abstarb, der eine Arm jedoch immer kräftiger und muskulöser wurde vom ununterbrochenen Schütteln der Klingel. Sie saß jetzt oft an ihrem Bett. Nicht, dass sie inzwischen Zuneigung zu der Frau empfand. Vielmehr wurde ihr Gesicht immer fahler und ihr Geruch immer widerlicher. Elena beobachtete lediglich, wie das Leben aus ihr wich. Plötzlich ging ein Zucken durch ihren Leib, die linke Hand schoss nach oben und riss die Klingel an sich. Sie klingelte einfach, obwohl Elena neben ihrem Bett saß. Sie klingelte immer weiter, sie klingelte und klingelte. Bis ihre Hand irgendwann erschöpft auf die Bettdecke niederfiel. Dann sah sie wieder tot aus, aber Elena wusste, dass ihr Köper sich lediglich ausruhte, eine Minute oder zwei. Dann schoss der Arm erneut in die Höhe und mit nicht nachlassender Wut klingelte sie gegen ihr Ende.
Es war ein sehr feines Klingeln, das man, wenn der Wind richtig stand, klar und deutlich unten im Dorf hören konnte. Mit der Zeit hörten die Leute es häufiger, als wenn die Akustik im Talkessel immer besser würde. Sie versuchten zu Beginn, das Klingeln zu überhören. Aber es ging Monat um Monat so und schließlich klingelte es schon Jahre. Später versuchten sie, wegzuhören. Aber je mehr sie dies versuchten, desto besser wurde das eigene Gehör, das sich dem Willen widersetzte, so dass sie selbst bei Gegenwind und Regen und sogar bei Sturm das Klingeln noch heraushörten. Schließlich hörten die Leute unten im Dorf es sogar dann, wenn die Frau die Klingel noch gar nicht berührt hatte. Sie hörten, wie sie sich mitten in der Nacht im Bett herumdrehte und den Arm ausstreckte.
Elena erinnerte sich an ihre eigene Großmutter. Die hatte gelacht und mit dem Zeigefinger gedroht, wenn sie nach deren Sterben fragte. Sie hatte ihre eigene Großmutter kaum gekannt. Sie war nie lange in ihrer Nähe geblieben, schon gar nicht, seit sie ans Bett gefesselt war. Sie war morgens zu ihr hereingestürmt, hatte nach ihrem Sterben gefragt und war wieder gegangen. Aber am Bett dieser Frau, für die sie keinerlei Zuneigung empfand, saß sie bereits seit Jahren. Seit Manuel geboren worden war. Diese Frau hatte ihre Schwiegertochter nur als Pflegerin wahrgenommen. Und da sie zu dem Zeitpunkt der Geburt Manuels bereits alle wichtigen Funktionen reduziert oder ganz eingestellt hatte, nahm sie ihren Enkel überhaupt nicht mehr wahr.
Dann, im zwölften Jahr der Bettlägerigkeit, gingen ihre Kräfte tatsächlich zu Ende. Der Arzt verkündete eines Tages ihr Ende. Da war Manuel bereits zwölf Jahre alt. Jahre, die Elena am Bett ihrer Schwiegermutter gesessen hatte. Diese Frau hatte ihr die wichtigste Zeit des Lebens genommen. Die Zeit, in den ihr eigenes Kind älter geworden war. Eine Zeit, in der sich Manuel verändert und entwickelt hatte. Es schien Elena an dem Tag als der Arzt die Prognose vom nahen Ende verkündete, als wenn sie gar nichts vom Leben ihres Sohnes mitbekommen hätte. Ja, als wenn sie nicht einmal etwas von ihrem eigenen leben erlebt hatte. In diesem Moment wurde die Versuchung beinahe übermächtig, die sie schon oft gespürt hatte: Diese Frau in dem Bett vor ihr einfach umzubringen. Ihr das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken. Sie hatte Elena um einen Teil ihres Lebens betrogen. Dabei war das unsinnig jetzt, da sie sowieso in absehbarer Zeit starb. Aber Elena hatte das Gefühl, dass sie das schon lange hätte tun müssen. Und dass ihr jetzt nicht mehr viel Zeit dafür blieb. Als könnte sie so die vergangenen Jahre wieder zurückholen, die sie mit ihrem Sohn verpasst hatte. Als könne sie damit jene Jahre auslöschen, die sie selbst in einem Dämmer und im Dunst der Bettpfanne verbracht hatte. Die Auf dem Stuhl neben dem Bett lag ein zweites Kopfkissen. Manuel war in der Schule, Varian unterwegs. Das würde niemand entdecken. Kein Mensch würde Fragen stellen, wenn die Frau tot war. Jetzt erst recht nicht mehr, da der Arzt ihr Ende angekündigt hatte.
„Zwölf Jahre“, sagte sie ganz leise, „mein Sohn ist jetzt zwölf Jahre alt. Jahre in denen ich mich um dich gekümmert habe. Obwohl ich mich eigentlich um meinen Sohn hätte kümmern müssen, mein Fleisch und Blut.“
Die Alte reagierte nicht. Elena war plötzlich in einer angespannten Stimmung. Gerade so als wache sie nach langer Zeit auf und müsse erkennen, dass die Welt an ihr vorüber gegangen sei. Dass ihr Sohn, gerade erst geboren, bereits auf dem besten Weg war, sich von den Eltern abzunabeln. Er grüßte seine Mutter morgens und abends, aber seine eigentlichen Wurzeln hatte er bereits nicht mehr in der Familie, sondern außerhalb. Er hatte Freunde, Krisztina und Nicolas. Nicolas war der Sohn Jovans. Der war eines Tages aus der Stadt zurückgekommen und hatte Nicolas im Arm gehabt. Niemand hatte jemals eine Frau an seiner Seite gesehen. Nicolas, sagte Jovan gerne, habe das Gesicht seiner Mutter. Von dem Rest der Frau sagte er jedoch kein Wort.
Ihr eigener Sohn hatte nicht das Gesicht seines Vaters. Er hatte nicht sein Gesicht und auch nicht, wenn man dem Glauben schenken wollte, dessen Hände. Als wenn Manuel gar nicht sein Sohn wäre. Da fiel Elena das Gerücht wieder ein, dass damals über die Zwillinge verbreitet wurde, und das der eigentliche Grund dafür war, dass die beiden keinen guten Ruf hatten. Das Gerücht, dass sie nicht aus dem Schoß ihrer Mutter stammten, sondern ihr Vater, der Tischler, sie aus Holz geschnitzt hatte. Vielleicht vererbte sich Holz nicht? Sie nahm ganz vorsichtig das zweite Kopfkissen vom Stuhl und führte es langsam an das Gesicht der Frau. Die Alte, die seit Jahren schon nichts mehr sah und hörte, schien ihre Gedanken erraten zu haben. Sie schlug die Augen auf und sah Elena hasserfüllt an.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Februar 10th, 2010 unter Das Geräusch des Werdens, ruinös












Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 1. Oktober 2010 um 14:42
ja, ganz schoen hart, aber realitaetsnah, ungeschminckt, pur, schonungslos. da ist man gespannt, wie es weiter geht. die beziehung zum sohn wird sich noch intensiver ausgebaut? wie unterschiedlich man sterben empfindet… und die frage ist wirklich wann geht es eigentlich los damit? kann man das erkennen? viele sterben nicht urploetzlich…