09 Februar 2010
Aléa ist mit ihren Gedanken woanders
Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Das ist ein sehr zentraler Satz in meinem Leben. Er stammt von meinem Rumänischlehrer, Herr Constantin Nicolescu. Er muss ihn mir irgendwann ins Schulheft geschrieben haben. Vielleicht hat er ihn auch meiner Mutter gesagt und die hat ihn dann vor mir wiederholt. Aber das glaube ich nicht. Ich habe diese Worte deutlich vor Augen. Ich sehe sie auf dem Papier. Ich sehe die Ränder der Buchstaben verschwimmen. Ich rieche das Papier, das anders riecht als Papier hier riecht. Papier in Deutschland hat keinen Geruch.
Ich habe diesen Satz abgeschrieben. Ich habe das Schreiben geübt. Meine Handschrift war nicht gut. Obwohl ich immer mit einem Füller geschrieben habe. Den Füller habe ich zur Einschulung bekommen, ein deutsches Markenprodukt von Pelikan, mit dem, wenn ich mich richtig erinnere, schon mein Vater geschrieben hatte. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Füller die Buchstaben aufzumalen. Ich konnte die Hand nicht ruhig halten, um diese abstrakten Figuren so aufzumalen wie sie aussehen sollten. Ich konnte sie auch nicht gut auseinander halten. Sie hatten überhaupt keinen Sinn, keinen unterschiedlichen Sinn. Ein A war nichts anderes als ein B. Es sah nur anders aus.
Eines Tages habe ich entdeckt, dass Herr Nicolescu eine viel schönere Handschrift hatte, lange geschwungene Zeichen, wo meine eigene Handschrift eckig und kantig war und dieses kindliche Element aufwies. Ich wollte auch eine schöne Handschrift haben. Also habe ich versucht die Schrift meines Lehrers nachzuahmen. Stundenlang saß ich zu Hause und schrieb, was er mir ins Schulheft geschrieben hatte, einfach ab: Aléa hat Schwierigkeiten dem Unterricht zu folgen, Aléa lässt sich zu leicht ablenken, Aléa ist mit ihren Gedanken woanders.
Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Wo war ich, wenn ich woanders war? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Wovon habe ich damals geträumt? Ich kann mich an Intensitäten erinnern, ich kann mich an diese Abwesenheiten erinnern, aber wo ich war und wie ich dort war, weiß ich nicht mehr. Bin ich heute auch noch so, wenn ich davon träume, eine gute Schriftstellerin zu werden? Bin ich mit meinen Gedanken woanders? Ist das nicht die notwendige Voraussetzung, um zu schreiben, dass die Gedanken woanders sind, woanders hin wollen?
Das Schreiben – das ein Imitieren war – funktionierte immer dann ganz gut, wenn ich mich voll und ganz auf den Prozess konzentrierte, auf den Schwung des Füllers von oben nach unten. Und auf die Linie, die die Tinte auf dem Papier hinterließ. Ich bin ganz nah mit dem Kopf an den Füller herangegangen und die Linie die er auf dem Papier hinterließ . Ich lag beinahe mit dem Kopf auf dem Tisch, ich wollte das ganz genau wissen, was ich da schrieb. Ich musste mich auf das Schreiben konzentrieren, auf die geschwungenen Linien. Das gefiel mir am Schreiben, die Rundungen der Buchstaben und ihrem Schwung. Dabei gab ich mir die meiste Mühe. Manchmal aber ging mir dieser Schwung verloren, und ich machte wieder die zackigen und eckigen Bewegungen, die meine eigene Handschrift kennzeichnete.
Ich saß da, übte die Handschrift meines Lehrers, und die Jahre vergingen. Meine Handschrift hatte sich längst gefestigt. Sie veränderte sich nicht mehr und ich imitierte auch nicht länger die eines anderen. Meine Schrift hatte nie das Kalligrafische meines Lehrers, aber ich war zufrieden mit ihr. Ich fand sie schön und ausdrucksvoll. Sie hatte immer noch etwas Gemaltes. Und in jedem Wort, in jedem Schwung steckte dieser eine Satz, den ich damals unzähliche Male hingeschrieben habe: Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich saß da und die Jahre vergingen.
Heute schreibe ich nur noch wenig mit der Hand. In Seminaren schreibe ich in meinen Blog, ich mache mir auch unterwegs Notizen, ich schreibe irgendwelche Ideen auf. Immer noch mit einem Füller von Pelikan. Aber den weitaus größten Teil sitze ich am Rechner. Ich schreibe nicht mehr, ich tippe. Ich tippe in die Tastatur meines Laptops. Ich tippe in mein Handy, ich tippe den Überweisungsschein auf der Bank.
Jetzt bemerke ich, dass ich etwas verloren haben, was ich mir damals unter viel Mühe habe aneignen müssen. Etwas, das ein Ausdruck meiner Individualität gewesen ist. Die Worte, die hier stehen, sind lediglich durch das Drücken von Tasten entstanden. Ich schaue da nicht einmal hin, ich schaue auf den Bildschirm. Und doch bin ich, wie damals, wenn ich die Zeichen aufgemalt habe, nicht bei der Sache. Ich bin auf eine seltsame Art abwesend.
Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich habe oft darüber nachgedacht, meinem Lehrer einen Brief zu schreiben. Dieser eine Satz hat mir mehr geholfen im Leben als alles andere, mehr als das Stipendium, das mich drei Jahre ernährt hat. Lieber Herr Nicolescu: Ich bin mit meinen Gedanken noch immer woanders.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Februar 9th, 2010 unter Paralipomena, Schall & Rauch, voluminös












Kommentar von Alice
Datum/Uhrzeit 9. Februar 2010 um 17:57
Liebe Aléa,
ich kenne diesen besonderen Geruch. Ende der fünfziger bis in die sechziger Jahre (des letzten Jahrhunderts) wurden Taschenbücher, auch renommierter Verlage, oft aus minderwertigem Papier hergestellt. Die Seiten dieser “Jahrgänge” sind jetzt schmutzig-grau-gelb und riechen, ja wie kann man das beschreiben, sie riechen muffig, alt, verwest. Zum Beispiel meine Sammlung “Fischer Bücherei, Bücher des Wissens, Sigmund Freud” diese Reihe erschien zwischen 1954 und 1961. Die Psychoanalyse war damals für mich ein neues Universum, ein Seelenuniversum als Gegenpol zum galaktischen Universum, in das die Russen gerade ihre Raumkapel Sputnik geschickt hatten. Ich nehme mal einen Band der Sigmund-Freud-Reihe aus meinem Bücherregal: “Die Psychopathologie des Alltagslebens.” Auf der zweiten Seite oben steht mit Bleistift und ganz klein mein Mädchenname. Ich hatte irgendwo gelesen, dass intelligente Menschen eine kleine Schrift haben. Deshalb habe ich – so wie Sie geübt haben schön und schwungvoll zu schreiben, mir beigebracht, möglichst klein zu schreiben (verrückt, nicht wahr?). Ich glaube, darunter leidet meine Schrift heute noch. Auf Seite sechs das Vorwort (von Alexander Mitcherlich), dessen erste Zeilen ich hier zitiere: “Habent sua fata libelli – Bücher haben ihr Geschick. Die Leser haben das ihre. Der Autor kennt seine Leser nicht. Es ist eine große Welt geworden, in die seine Gedanken eingehen. Eine Welt wilder Verrückungen von Menschen und Werten. Dieses Buch erschien im Jahre 1904 – es ist genau 50 Jahre alt. Es ist in diesem halben Jahrhundert zu einem klassischen Buch geworden und doch ein aktuelles geblieben. Das liegt an der geistigen Kraft des Autors und zugleich an dem Inhalt, von dem es handelt, dem Menschen. (…) Was Freud unter den sensibilisierten Geistern seiner Generation auszeichnete, war die Konsequenz, mit der er beim inneren Schauplatz ausgehalten hat, auf dem die Geschichte vorentschieden wird, ehe sie sich kundgibt, ehe sie geschieht. Es hat sich seither soviel Furchtbares zugetragen…”
Auf Seite 13 geht es dann “richtig” los mit dem Kapitel “Vergessen von Eigennamen”. Ich finde viele Anmerkungen von mir, Unterstreichungen, Zeichen, die ich nicht mehr deuten kann. Aber auf Seite 45 (von 235)hört das auf. Von da an ist es wohl ungelesen geblieben, denn die Seiten sind nicht aufgebogen – Bücherschicksal…
Herzlichst, Ihre Aléa