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  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Februar, 2010

    27 Februar 2010

    Die Verfilmung meiner Dissertation

    Nicht wenige schreiben zu ihren Romanen oder Erzählungen auch gleich noch ein Drehbuch. Filmrechte bringen mehr ein als fiktionale Texte. Gucken ist leichter als Lesen. Ich halte meinen ersten Roman für nicht verfilmbar, oder nach der Verfilmung für nicht mehr anschaubar. Oder für nach dem Anschauen nicht mehr verstehbar. Oder für nach dem Verstehen nicht mehr …

    Wie ich während des Hauptstudiums einen Roman geschrieben habe, so schreibe ich jetzt während der Dissertation ein Drehbuch. Da beim letzen Mal die Sache doch ziemlich anstrengend war, weil ich zwei Wege zur gleichen Zeit gehen musste, gehe ich dieses Mal ökonomischer vor: Ich gehe nur noch einen Weg, den aber zwei Mal. Ich schreibe an meiner Dissertation und gleichzeitig schreibe ich ein Drehbuch dazu. Thema von Promotion und Drehbuch: „Identität, Authentizität und Illusion“. Das wird, wie man sich leicht vorstellen kann, eine recht abstrakte Veranstaltung.

    Eigentlich muss man sich das Ganze von der Anlage her eher handlungsarm vorstellen. Aber auch die größte Armut muss schließlich von irgendetwas leben.

    Ich könnte die Sache natürlich auch anreichern. Ich könnte etwas zu bei Platon sagen, wo es sinnlos scheint, einem „Einzelnen“ Identität zuzusprechen. Daraus wird in der Entwicklungspsychologie ein dynamischer Begriff von Identität. Ich könnte etwas zu der bekannten Unterscheidung von Substanz und Akzidenz bei Aristoteles sagen. Ich könnte etwas sagen zur Unterscheidung von numerischer und generischer Identität. Oder etwas zu Kant, wo Dinge nicht primär als im Raum Gegebenes verstanden werden, sondern als das durch die Apperzeption wahrgenommene. Kant widerspricht Aristoteles insofern, als für ihn „Etwas“ oder „Dinge“ nicht durch ihre Substanz das sind, was sie ausmacht, weil das Substantielle durch die Sinnlichkeit gar nicht zu erkennen ist. Identität ist bei Kant eine Art Ordnungsprinzip, gehört aber nicht in die Ontologie. Identität ist für Kant eine apriorische Evidenz. Ich könnte auch etwas zu Hobbes sagen, wo ein Gegenstand nicht durch seine Substanz mit sich identisch ist, sondern allenfalls durch seine Benennung. Oder zu Locke, der in Reaktion auf Hobbes behauptet, dass bei Personen nur dann von Identität die Rede sein könne, wenn diese Person sich früher Zustände erinnern kann. Dadurch wird die Differenz eingeführt. Durch die Möglichkeit zu einer Differenz wird Identität denkbar. Daraus wird dann die Erkenntnis, dass Bewusstsein eine relationale Angelegenheit ist. Ich könnte etwas zu Hume sagen, der den Gedanken der Relationalität aufnimmt und behauptet, dass Identität in keiner Weise die Einheitlichkeit von Dingen oder Personen beschreibt, sondern ihre Verhältnismäßigkeit zu anderen. Ich könnte etwas zum Deutschen Idealismus sagen, zu Fichte vor allem, aber auch zu Novalis und zu Hegel. Oder dazu wie sich aus einem psychologischen Allerweltsverständnis dieses Begriffes durch William James eine philosophische Theorie entwickelt hat. Ich könnte etwas zu den Begriffen Ich und Selbst sagen, zu Differenz von Identität und Identifikation, zur Kontinuität und Differenz, zur Sprachauffassung von Mead. Wäre aber alles nicht sonderlich hilfreich.

    Ich gebe einen kurzen Überblick über, wenn man so will, die Handlung meines Films. Erste Szene (in der das erste Kapitel meiner Arbeit verfilmt wird: etwas zu Begriffsgeschichte von „Identität“): Ein Mann (sieht ein bisschen wie ein griechischer Philosoph aus) mit Hut (vorzugsweise cowboystyle: Stichwort Differenz des Identischen, da würde sich Hegel freuen, aber Hegel wäre wohl nicht ins Kino gegangen) betritt eine Bar (betont lässige Gangart, aus der Hüfte heraus, nicht zu deutlich mit den Knien schlenkernd), hängt seinen Mantel an die Garderobe, schaut sich kurz um und sagt dann (nicht sehr laut, mehr für sich als an andere gewandt) : „Ich“.

    Dazu schreibe noch ein kurzes Exposé (Mann betritt eine Bar, hängt den Mantel auf und schaut sich um und sagt: Ich) und dann geht das an die Filmförderung!

    Ich glaube nicht, dass sich die späteren Kapitel stark vom ersten unterscheiden. Es kommt wahrscheinlich zu Variationen des Themas: Ein Mann kommt in eine Bar, hängt seinen Mantel an die Garderobe und dreht sich in die Kamera und sagt „Ich“. Damit ist alles Wesentliche gesagt. Durch das Wörtchen “Ich” sind alle drei Aspekte meiner Dissertation abgedeckt.

    Ich bin ausgesprochen zufrieden mit dieser Konstruktion. Das ist immerhin mein erster Film und dafür, dass ich tatsächlich nichts von diesem Metier verstehe, find ich‘s ganz gelungen. Handlungsarmut und Dichte der Darstellung geben sich hier ein hübsches Stelldichein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Februar 2010

    Verehrung und Verachtung

    Verehrung und Verachtung gehören zusammen wie wenig sonst auf der Welt. Wie Pech und Schwefel. Weil sie derselben Wurzel entstammen, derselben Tendenz. Beides hat etwas mit Knien zu tun. Mit Kniefall und in die Knie gehen. Einmal sinkt man selbst in den Staub, das andere Mal will man in den Staub sinken sehen.

    Das eine ist der Staub, den das andere aufwirbelt.

    Ich versuche mit solchen Worten zu fassen, was Frauen mehr oder weniger häufig erleben, mehr oder weniger direkt, was mehr oder weniger bewusst formuliert und vernommen wird und was bei der Mädchenmannschaft „Ihr durchtriebenen, miesen Fotzen!“ heißt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Februar 2010

    Die halluzinogene Katze II

    Heute gibt es einen weiteren Auszug aus “Die halluzinogene Katze“. Das ist ein Sammelband der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, „Die Horen“. Ich habe Anfang Januar bereits einmal etwas daraus zitiert.

    Dieses Mal kommt ein trauriger Umstand zur Sprache. Rumänien hatte einen Dichter, einen großen Dichter, der kleine rumänische Dichter Constantin Virgil Bãnescu, den sie Bobită nannten, und der sich im letzten Jahr mit nur siebenundzwanzig freiwillig vom Leben verabschiedete. Er war 2004 auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, hier finden sich einige biografische Angaben. Hier ein Video und hier ist er im Blog von Miruna Vlada.

    der tag an dem ich sterbe

    mit 23 jahren habe ich
    bis ich sterben werde nichts mehr zu schreiben

    und heute ist leben

    mein mund steht offen vor meinem sterbenden mund

    und sonne ist überm feuer

    es ist alles was ich noch schreiben würde
    wenn ich noch etwas zu schreiben hätte bis ich sterbe

    die ausgedehnteste haut des tages

    es ist der tag an dem ich sterbe

    der tag an dem ich sterbe
    ist noch ein tag im leben

    (Übersetzt von Ernest Wichner, gewidmet Oskar Pastior, der seine Gedichte ins Deutsche übertragen hat.)

    „Bobită ist tot, er, der wie ein Feuerwerk in die Poesie eingezogen war, Bobită, der mit den Odaliskenaugen, er verzauberte das deutsche Publikum mit seiner Flöte, auf der er wie ein spielendes Kind heitere Melodien improvisierte, Bobită, der jedes Wort wie ein Gedicht durchlebte, der ehrlich war und artifiziell.“
    Nora Iuga

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Februar 2010

    Kalbskopf und Schafskopf, einander gegenübersitzend

    Im April werde ich die re:publica besuchen. Das ist eine Veranstaltung bei der sich Blogger treffen. Auf deren Webseite gab‘s eine Diskussion um das Für und Wider von „Twitterwalls“. Das ist eine Leinwand im Hintergrund einer Podiumsdiskussion, wo die aktuellen Beiträge zu dieser Diskussion bei Twitter abgebildet werden. Man kann sich also durch das Formulieren von eigenen Tweeds in die Diskussion einmischen. Vielmehr in die Rezeption des Diskutierten, denn die Diskutanten auf dem Podium sehen diese Beiträge nicht. Ich habe mich auch eingemischt und hatte gleich das Gefühl, mit meiner ablehnenden Haltung eine etwas altbackene Position zu vertreten.

    Bei dieser Veranstaltung werden wohl einige Gegensätze aufeinanderstoßen. Ich spreche jetzt von mir selbst: Die Rumänin, die, wie man mir letztens sagte, „als eine Außenseiterin in einer Hochzivilisation zur intellektuellen Hochform aufläuft“ – mit Außenseiterin war ich gemeint und mit Hochzivilisation dieses Land -; die einer Rumänin, die auf die Deutsche trifft, die ich gleichermaßen bin; die Außenseiterin stößt auf die Hochkultur und die Literaturwissenschaftlerin, die das Lesen propagiert auf die Bloggerin, die im Internet surft. Und möglicherweise trifft auch die Surferin auf einige Hochleistungsschnellboote, mit 1000 PS unter der Motorhaube.

    Ich bin eine Leseratte und kann stunden- und tageweise auf Deck herumlungern, in der Hängematte liegen, im Mastbaum sitzen, irgendwo in der Takelage hängen und Hermann Melville „Moby-Dick oder Der Wal“ lesen. Ich sitze da und habe Zeit. Ich sitze den halben Tag mit einem Buch auf der Stelle und die einzige Handlung, die ich dabei vornehme, ist die des Umblätterns. Das ist ein geradezu dekadenter Umgang mit einem so flüchtigen Gut wie der Zeit. Und ein ähnlich dekadenter Umgang mit dem der Handlung. Ich weiß nicht, wo der Begriff der Handlung sich von dem der Untätigkeit zu scheiden beginnt, aber zehn Kilokalorien würde ich mal als Grenze bestimmen. Umblättern ist also noch keine Handlung.

    Beim Lesen erfahre ich nichts, außer dem, was im Buch steht. Die Buchdeckel sind die Grenzen dieser Welt. Das ist eine Scheibe, an deren Enden man ins Nichts hinunterfällt. Mehrdimensional hingegen ist das Internet, geradezu plastisch, eine Kugel von unendlicher Ausdehnung, hier und hier und hier . Ich schaue mir die Originaltexte an, kann sie herunterladen, ich kann von dort zu anderen Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts weiterklicken oder zum WhaleWatchingWeb. Ich gelange von Insel zu Insel , von der abgelegendsten bewohnten Insel der Welt,  Tristan da Cunha, zu Galapagos und Darwin’s “The Origin of Species”, zu den Osterinseln; es geht in jede Richtung unendlich weiter.

    Büchern fehlt, was heute zum Informationsbegriff dazugehört: die freie Verfügbarkeit von möglichst vielen Informationen. Dabei spielt es offenbar nur eine untergeordnete Rolle, ob ich diese Informationen überhaupt aufnehmen kann. Ob ich sie brauche, ob ich, was sich dort findet, überhaupt wissen will. Informationen müssen „da“ sein, sie müssen abrufbar sein. Aber weiß ich, weil ich tausend andere Orte kenne, wo Informationen vorhanden sind, deswegen mehr? Oder muss ich einfach mehr Zeit fürs Filtern dieser Informationen aufwenden? Sind die Menschen mit all den Links zu Melville und Inseln und Walen belesener, gebildeter oder klüger oder in irgendeiner anderen Weise um eine Dimension reicher als jene, die einfach nur der sturen Linearität des Textes folgen?

    Eduard Kaeser hat dies in einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben und mit dem schönen Begriff des „Cogitus interruptus“ bezeichnet: “Die Erosion der Aufmerksamkeit [...] ist im Grunde eine Erosion des erotischen Rumpfs unserer Kultur” heißt es in seinem Artikel. Die so verstandene Erotik ist vor allem eine der Anwesenheit und der Gegenwart. Kein Mensch hat Zeit all die Informationen zur Kenntnis zu nehmen, die ihm im Netz begegnen. Er schafft es vielleicht so gerade noch, sie alle anzuklicken. Wir können tausend Dinge zur selben Zeit tun. Wir wissen nur nicht mehr, welche es sind. Mit Sinnlichkeit hat das nur noch wenig zu tun. Jedenfalls nicht mit der Sinnlichkeit, an die ich denke. Aber vielleicht haben andere ja auch eine etwas abstraktere Auffassung davon.

    Ich jedenfalls empfinde es als eine Unverschämtheit, wenn mein Gegenüber, mitten im Gespräch mit mir, dieses abbricht, weil sein Telefon klingelt. Er redet immerhin mit mir und mutet mir zu, dass ich sein Gespräch abwarte. Ich warte dann in der Regel nicht länger als zwei Minuten. Wenn ich nicht erkennen kann, dass ich meinem Gesprächspartner wichtiger bin als sein Telefonat, beende ich meinerseits das Gespräch. Das Unverschämte ist für mich, dass das, was nicht da ist, wichtiger scheint, als das was da ist. Aber vielleicht ist diese Auffassung von Präsenz in einer Zeit, in der kaum noch etwas da ist – oder nahezu alles – eine stur konservative und überholte Auffassung. Vielleicht ist das eines der Grundannahmen der modernen Kommunikation, das alles gleichzeitig da ist. Und nicht nacheinander. Das Nacheinander erscheint uns beinahe wie eine Verarmung.

    Wir können es uns heute nicht leisten, nur noch eindimensional zu sein, nur noch ein Gespräch mit einem realen Gegenüber zu führen, nur noch Seiten umzublättern. Weil wie es uns nicht leisten können vom Telefon- und Datennetz abgeschnitten zu sein. Wir müssen unsere Fühler und Tentakel in vielen verschiedenen Dimensionen haben, weil die Informationen nicht mehr nur in einer Dimension zu haben sind. Vielleicht müssen wir auch solche Begriffe wie Konzentration und Aufmerksamkeit anders definieren. Vielleicht ist Konzentration heute Dezentration, weil konzentrierte Information nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Die Wahrheit ist nicht mehr die eine Nadel im Heuhaufen, sondern (die Menge aller) Nadeln in (allen) Heuhaufen.

    Schließlich verändert sich auch der Begriff der Aufmerksamkeit. Wir sind einander gegenüber nicht mehr aufmerksam. Das Gegenüber langweilt uns bereits bevor wir es kennen. Weil die Menge der Informationen (Links und Männer) uns davon abhält uns zu konzentrieren. Die möchte ich sehen, die einem anspruchsvollen Vortrag in einer Fremdsprache folgen kann, die Kommentare auf der Zwitterwall verfolgt, währenddessen einen Beitrag im eigenen Blog konzipiert und dann noch Kontakt mit ihrem Banknachbarn aufnimmt, weil sie den ziemlich nett findet und gerne einen Kaffee mit ihm trinken würde und ihn dann spontan anlächelt. Allein letzteres überfordert viele Geschlechtsgenossinen ja schon.

    Wir sind nur noch auf der Suche nach dem nächstspannenderen, besseren, abwechslungsreicheren und kennen, was wir vor uns haben, gar nicht. Weil wir womöglich, was wir vor uns haben, in gewisser Weise schon hinter uns haben. Wir scheinen manchmal gar nicht mehr zu wissen, was ein Gegenüber eigentlich ist. Wir reden ohne zugehört zu haben. Vielleicht liegt das alles im Kern daran, dass wir einander nichts mehr zu erzählen haben. Information, wie sehr sie sich auch anreichern mag, wird niemals zur Erzählung. Denn die Erzählung hat eine Dimension, die die Information nicht hat und nicht haben will: das Nacheinander.

    Ich freue mich sehr auf die re:publica. Ich freue mich auf die Ecke, in der die Anhänger der Erzählens sitzen. Die können mir da gerne den größten Unsinn erzählen. Vielleicht treffe ich da einen netten Typ, der mir erzählt, wie er im letzten Urlaub durch die Ägäis geschwommen ist und einen ausgewachsenen Leviathan mit bloßen Händen hat erwürgen müssen. Ich werde ihm das abnehmen. Ich werde ihm gebannt lauschen und seinen tolldreisten Lügen eher Glauben schenken als jenen Typen, die mir mit ihren tausend Links zu Schnellbooten imponieren wollen.

    Wie gesagt, da werden wohl unterschiedliche Positionen aufeinander treffen. Ich hoffe, dass es richtig kracht. Ich mag Zusammenstöße. Ich mag eruptive Ereignisse. Nicht, dass das so läuft wie bei Melville, wo Schafskopf und Kalbskopf einander gegenübersitzen:

    „Wie jeder weiß, ernährt sich manch junger Stutzer unter den Epikureern unentwegt von Kalbsbries und verschafft sich dadurch nach und nach selbst ein bisschen Hirn, wodurch er schließlich sogar in der Lage ist, einen Kalbskopf und seinen eigenen Schafskopf auseinanderzuhalten, was in der Tat ungewöhnliches Unterscheidungsvermögen erfordert. Das ist auch der Grund, warum es kaum einen traurigeren Anblick gibt, als einen jungen Stutzer vor einem verständig dreinblickenden Kalbskopf sitzen zu sehen. Der Kopf schaut ihn gleichsam vorwurfsvoll an, als wollte er sagen: „Et tu, Brute“

    (Herman Melville, „Moby-Dick oder Der Wal“, Carl Hanser Verlag, 2001, Seite 477)

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Februar 2010

    Der kleine Unterschied

    Ich will Sport machen. Laufen scheint mir den geringsten Aufwand zu erfordern. Schuhe anziehen und loslaufen. Ich wohne in der Nähe eines Parks. Alle Menschen in Berlin wohnen in der Nähe eines Parks. Park ist bei mir übertrieben, die nächste Graduierung nach unten hieße wohl Grünstreifen, aber Grün ist in dem betreffenden Fall leider total falsch. Das liegt nicht an der Jahreszeit. Dieser Grünstreifen heißt Mauerpark und so sieht er auch aus. Als wenn da Mauern wachsen. Da stand mal eine Mauer. Die Mauer, die alle in Berlin “die Mauer” nennen, und die die Welt in Ost und West geteilt hat. Jetzt ist da nur noch dieser Mauerstreifen der absolut keine Ähnlichkeit mit Park hat.  Allerdings auch keine mit Ost und West.Vielleicht ist das der höhere Sinn dieses Mauerparks: jede Erinnerung auszulöschen. Da laufen jedenfalls massenhaft Menschen. Ich müsste mich lediglich einreihen. Mit den Laufschuhen klingt das bei einem der führenden Hersteller von Laufschuhen (so die Worte des Verkäufers) folgendermaßen:

    „Die Composite Parallel Wave von Mizuno SmoothRide Engineering: Im Fersenbereich bietet VS-1 eine optimale Dämpfung, die Wave Platte aus Pebax® bis in den Mittelfuß sorgt für ein dynamisches und geräuscharmes Abrollverhalten. Die neu entwickelte DynaMotion Fit Technologie garantiert einen optimalen Sitz während des gesamten Abrollvorgangs. Um den biomechanischen Unterschieden weiblicher und männlicher Laufstile besser Rechnung zu tragen, wurden die Außen- und Zwischensohlen den unterschiedlichen Krafteinwirkungen und Achs-Geometrien entsprechend neu konfiguriert. Dank Gender Engineering berücksichtigt der Wave Rider 12 nun auch die kleinen Unterschiede zwischen Mann und Frau.“

    Ich bin nicht ganz sicher, ob Gender Engineering das richtige für mich ist. Und die kleinen Unterschiede zwischen Mann und Frau hatte ich auch nicht gerade in der Biomechanik und im geräuscharmen Abrollverhalten verortet. Vielleicht entscheide ich mich doch noch für Yoga.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Februar 2010

    Glück und Schuld

    Das Glück, das große vor allem, sucht man gerne bei sich selbst, die Schuld aber lieber bei anderen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Februar 2010

    Alle Kreter lügen

    Mit der Wahrheit kann es einem ergehen, wie in der Geschichte mit dem Kreter. Die ist kurz und geht so: „Ein Kreter sagt: alle Kreter lügen.“

    Wenn alle Kreter lügen und dieser Mann aus Kreta ist, sagt er nicht die Wahrheit. Die Aussage – alle Kreter lügen – ist also gelogen. Daraus folgt, dass die Kreter die Wahrheit sagen. Dann sagt auch unser Kreter die Wahrheit, wenn er behauptet, dass alle Kreter lügen. Wenn aber die Aussage – alle Kreter lügen – die Wahrheit ist, dann ist sie gelogen. Und daraus folgt, dass der Kreter die Wahrheit sagt, wenn er sagt, dass sie lügen. Und das bedeutet etc.pp.

    Die Aussage ist unter der Bedingung wahr, dass sie falsch ist. Und umgekehrt. Was sich ausschließen müsste, bedingt sich vielmehr. Das ist die klassische Aporie: ein Widerspruch, aus dem man nicht herauskommt, ohne sich in weitere Widersprüche zu verwickeln. Es gibt eine Möglichkeit aus dieser Aporie herauszukommen. Aber sie trägt nicht. Man könnte nämlich von der strikten Anwendung der Aussage – Kreter lügen alle immer, bzw. sie sagen alle immer die Wahrheit – zu einer variablen Position wechseln: die Kreter lügen bisweilen und sagen bisweilen die Wahrheit. Damit käme man allerdings keinen Schritt weiter, weil man nicht entscheiden könnte, was gerade der Fall ist: Lüge oder Wahrheit. Dann müsste man Lüge und Wahrheit voneinander trennen und streng definieren. Die Aussage lebt von ihrer ausnahmslosen Anwendung. Sie lebt davon, dass uns Lüge und Wahrheit wie zwei Positionen gegenüber stehen, die einander ausschließen. Nicht zwei konträre, sondern zwei kontradiktorische Varianten. Außerdem wäre damit das Spezielle dieser Formulierung dahin, weil die Kreter dann nicht anders wären als die Deutschen und die Rumänen: sie sagen entweder die Wahrheit oder sie lügen.

    Dieses Entweder – Oder, diese strenge Trennung von Wahrheit und Lüge, ist eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Interessant wird’s erst, wenn sie aufeinander treffen, wie in der Geschichte vom Kreter oder aber in einem Begriff. Dieser Begriff lautet: Fiktionalität. Die Fiktionalität steht dazwischen, sie lässt sich weder der einen noch der anderen Seite zuschlagen; sie partizipiert vielmehr an beiden. Fiktionalität ist die Aufgabe des Entweder – Oder zugunsten des Sowohl – Als auch. Der Gleichzeitigkeit von einander Ausschließendem. Kann man das so sagen? Ich muss nachdenken.

    Das ist kein schönes Ende für einen Beitrag. Jedenfalls kein Happy End. Vielleicht lernt der Kreter noch eine Frau kennen. Dann möchte ich mal wissen, was er der erzählt. Bestimmt etwas über Liebe. Ob die weiß, dass alle Kreter lügen? Vielleicht ist das eine Kreterin. Dann gibt es womöglich doch noch ein Happy End. Kommt drauf an, was sie ihm dann erzählt. Ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Vielleicht gehört das elementar zur Liebe dazu, die Spannung zwischen Lüge und Wahrheit.

    Dieser Beitrag hätte alternativ auch folgenden Titel tragen können: Komplexe Beziehungsmuster auf agäischen Inseln.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Februar 2010

    Was ich mir für meinen Roman wünschen würde

    Ich kann mir vorstellen, dass Schriftsteller, wenn Sie dann einen Verlag gefunden haben, ihren Lektor zum Wahnsinn treiben können. Weil sie sehr bestimmte Vorstellungen haben, was die Schrifttype angeht und das Papier und das Layout und weiß der Teufel, was sonst noch alles. Ich glaube, mein zukünftiger Lektor muss ein ziemlich hartgesottener Typ sein, ich habe nämlich eine ganz besondere Vorstellung:
    ich will an der Kasse sitzen, wenn mein Roman verkauft wird. Nicht weil ich mich über das Geld freuen würde, das er einspielt. Geld, das ich als Anerkennung meiner Arbeit umdeuten würde. Obwohl es das nicht ist. Es ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Ich möchte an der Kasse sitzen, um mir die Leute anzuschauen, die meinen Text kaufen.

    Hier eins von 33 Kapiteln: Atmen jedenfalls gehörte nicht zu den lebenserhaltenden Funktionen

    „Eines Tages sterben wir alle“, sagte Rosa.
    Elena starrte sie ungläubig an. Es war ihr erstes oder zweites Jahr in der Schule. Rosa war die Lehrerin und hatte meistens Recht. Am vergangenen Sonntag war jemand gestorben und Rosa hatte die Gelegenheit ergriffen, um etwas zum Kreislauf von Geburt und Tod zu sagen. Sie schloss diesen Exkurs mit der Bemerkung, dass alle Menschen früher oder später stürben.
    „Ich nicht“, sagte Elena.
    Die Älteren in der Klasse lachten. Die Lehrerin drehte sich nach ihr um und sah sie eindringlich an.
    „Du auch!“, sagte Rosa mit Nachdruck.
    Das klang, als habe sie gesagt: Du stirbst als erstes. Sie hatte einen Blick dabei, als geschehe das auf der Stelle. Statt es mit der Angst zu bekommen, lehnte Elena sich auf.
    „Nein, ich nicht!“, antwortete sie trotzig.
    Ganz leise allerdings, dass die Lehrerin den erneuten Widerspruch nicht hören konnte. Elena konnte sich nach dieser Auseinandersetzung nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren. Wie sah das aus, dieses Sterben? Konnte man sich nicht dagegen wehren? Bestimmt gab es eine Möglichkeit, ums Sterben drum herum zu kommen. Sie hatte schlicht keine Lust dazu. Ob sie mit Rosa darüber reden sollte? Lieber nicht. Wenn überhaupt, wollte sie den Schuhmacher fragen. Der schien ihr vertrauenswürdiger als die Lehrerin, die schon alt war, meistens streng schaute und auch so roch. Nach der Schule ging sie bei Jovan vorbei. Er wohnte gleich gegenüber vom Schulgebäude.
    „Muss ich sterben?“, fragte sie ihn direkt heraus, ohne den Zusammenhang zu beachten, in dem Rosa das behauptet hatte.
    Der entgegnete, dass sie sich in ihrem Alter keine Sorgen machen müsse.
    „Was genau geschieht, wenn ein Mensch stirbt?“, wollte sie weiter wissen.
    „Seine Seele geht gen Himmel“, antwortete der.
    „Aber wie?“
    „Zu Fuß natürlich. Glaubst du vielleicht sie fährt mit dem Zug?“
    Das war nicht das, was Elena wissen wollte. Sie wollte wissen, was dabei geschah. Und sie wollte auch wissen, was man dagegen machen konnte. Aber alle Versuche konkrete Beschreibungen für das eine wie für das andere aus ihm herauszubekommen, scheiterten. Enttäuscht ging Elena nach Hause. Was der Schumacher gesagt hatte, klang allerdings so, als habe die Lehrerin nicht ganz Unrecht. Als stürbe man, wenn man schon nicht in ihrem Alter stirbt, in einem anderen Alter. In dem ihrer Großmutter womöglich. Elena ging etwas schneller. Die Großmutter lebte noch als sie zu Hause ankam.
    „Stirbst du heute?“ fragte sie ihre Großmutter am nächsten Morgen. Die lag seit geraumer Zeit morgens noch im Bett, wenn Elena das Haus verließ und zur Schule ging. Die Großmutter schüttelte energisch den Kopf.
    „Aber nein!“
    „Bestimmt nicht?“, versicherte Elena sich noch einmal.
    „Ganz bestimmt nicht. Ich bin ja noch gar nicht so alt“, sagte die Großmutter.
    „Du sieht aber alt aus“, antwortete ihre Enkelin.
    „Sieh dich vor“, sagte die Großmutter und hob lächelnd den Zeigefinger.
    „Stirbst du heute?“, fragte sie ihre Großmutter von da an jeden Morgen.
    Und jeden Morgen schüttelte die Großmutter mit dem Kopf. Von Tag zu Tag allerdings ein wenig verhaltener. Gerade so, als ermüde sie die Frage der Enkelin und das tägliche Kopfschütteln.
    Als Elena eines Tages nach Hause kam, saß ihre Mutter am Küchentisch und weinte. Sie wusste nicht, was sie mehr verwunderte, dass die Mutter, die immer alle Hände voll zu tun hatte, einfach so herumsaß oder dass sie weinte.
    „Kind, ich habe alle Hände voll zu tun“, sagte sie gerne.
    Das klang als habe sie zehn oder zwanzig Hände. Elena konnte nur zwei sehen, aber sie mochte die Vorstellung, dass die Mutter noch viel mehr Hände hatte. Überall am Körper angebracht, waren sie alle beschäftigt, sie kneteten Teig oder schmierten Brote, sie wischten Staub und kochten für den Winter Früchte ein, sie machten Marmelade oder Gelee oder das Mittagsessen für die Familie. Es gab den ganzen Tag für alle Hände etwas zu tun. Vielleicht weinte sie heute, weil nicht einmal genug Arbeit für die zwei Hände da war, die Elena sehen konnte.
    Elenas Vater kam zur Türe herein. Er sah seine Frau an und dann seine Tochter.
    „Großmutter ist gestorben“, sagte er zu Elena.
    „Nein!“, antwortete sie.
    Das konnte nicht sein. Sie hatte die Großmutter an diesem wie an jedem anderen Morgen gefragt, ob sie stürbe und die hatte das wie immer verneint. Ihr Vater musste sich täuschen. Die Tränen der Mutter hatten einen anderen Grund.
    „Mama weint, weil sie nicht weiß was sie mit ihren Händen tun soll“, klärte Elena ihren Vater auf.
    Er sah sie ernst an und schüttelte leicht mit dem Kopf.
    „Nein. Deine Großmutter ist heute Vormittag gestorben. Deswegen weint Mama“, antwortete er.
    Papa schaute immer noch sehr ernst und Mama weinte noch immer, deswegen entschied Elena, dass er möglicherweise die Wahrheit gesagt hatte. Aber sie war wütend. Sie wollte dabei sein, wenn die Großmutter starb, deswegen hatte sie so oft danach gefragt. Ihr Vater legte den Arm um seine Frau. Aber dadurch schien es noch schlimmer zu werden. Die Mutter, die sich gerade beruhigt hatte, weinte wieder heftiger. Elena schlich aus der Küche. Sollte sie noch einmal den Schuhmacher zu Rate ziehen? Besser nicht. Stattdessen marschierte sie ins Zimmer der Großmutters. Sie war immer noch wütend und wollte ihr gehörig die Meinung sagen. Zu ihrer Überraschung traf sie auf den Arzt aus dem Nachbardorf. Der beugte sich gerade über die im Bett liegende Großmutter und fuhr erschreckt hoch als Elena ins Zimmer stürmte. Rosa hatte ihr zwar erklärt, dass es eines Arztes bedürfe, der prüfe, ob ein Mensch tatsächlich tot sei. Aber Elena hatte nicht damit gerechnet, dass diese Prüfung noch andauere. Obwohl sie nur einen kurzen Blick hatte werfen können, bemerkte sie, dass der Großmutter die Zähne fehlten. In diesem Moment allerdings sah sie auch, dass ihr Gesicht sehr ungewöhnlich aussah. Gar nicht wie die Großmutter selbst. Instinktiv trat sie den Rückzug an. In dem Moment, da sie rückwärts ging, stieß sie gegen ihren Vater, der ihr hinterher gegangen war als sie sich aus der Küche geschlichen hatte. Jetzt weinte auch Elena.
    Einige Tage später wurde die Großmutter beerdigt. Man stand um ein Loch in der Erde herum, in der der Sarg lag. Und in dem Sarg lag die Großmutter, was man allerdings von Außen nicht sehen konnte. Elenas Mutter und ihre aus einem der Nachbardörfer angereiste Tante weinten wieder. Ihr Vater legte den Arm um Elenas Schultern und da musste Elena ebenfalls weinen. Sie wollte ihn gerade bitten, den Arm wieder weg zu nehmen, weil sie dachte, dass dann das Weinen auch wieder aufhörte. Aber der Vater weinte selber, deswegen sagte sie nichts.
    Später gingen wir gemeinsam nach Hause. Dort würde es Kaffee und Kuchen geben und wahrscheinlich wieder Tränen. Zu Hause angekommen, setzten sie sich um einen langen Tisch herum, den ihr Vater zuvor im Hof aufgebaut hatte. Als alle saßen, änderte sich mit einem Mal die Stimmung. Elena sah zu ihrer Mutter hinüber, die bis vor wenigen Momenten noch geweint hatte. Zu ihrem Erstaunen lächelte sie nun, als habe sie den Tod der Großmutter bereits vergessen. Auch der Vater war wie verwandelt. Allen am Tisch schien es so zu ergehen. Das Gedrückte und Flüsternde der letzten Tage war verschwunden. Sie sah zu ihrer Tante hinüber, die sie anlächelte.
    Elena erschrak. Die Tante hatte die Zähne der Großmutter im Mund. Sie hatte es genau gesehen! Der Schumacher hatte doch gesagt, die Seele gehe gen Himmel. Als sie vor wenigen Tagen gesehen hatte, dass der Großmutter die Zähne fehlten, hatte sie angenommen, dass die Seele mit den Zähnen zu Fuß gegangen sei. Vielleicht war die Großmutter auch noch gar nicht tot gewesen als der Arzt ihr in den Mund gefasst hatte. Das erklärte wahrscheinlich, warum der sich so erschreckt hatte als er Elena bemerkte, während seine Hand im weit aufgerissenen Rachen der Großmutter steckte. Die hatte wahrscheinlich den Mund einfach wieder zugeklappt, als der Arzt hinein griff, so dass der dann feststeckte, mit einem Gesichtsausdruck, als stecke er selber zwischen Leben und Tod, und nicht die Großmutter, die dem Tod von der Schippe gesprungen war und sich nun kreuzfidel in der Hand des Arztes festgebissen hatte. Wenn die Zähne sich nun aber im Mund der Tante befanden, war die Seele der Großmutter auch gar nicht gen Himmel gegangen. Was hatte die Tante dann mit ihrer eigenen Seele gemacht, wenn sie jetzt die der Großmutter im Mund hatte?
    Einige Zeit lang dachte Elena noch über diese Frage nach, sie dachte an die Zähne der Großmutter, an die Großmutter selbst und an die Frage, ob die nun mit oder ohne ihre Seele im Sarg weiterlebte. Dann nahmen andere Dinge ihre Aufmerksamkeit in Anspruch und sie vergaß die Angelegenheit.
    Zwanzig Jahre später konnte Elena diese Angelegenheit doch noch aus allernächster Nähe betrachten. Da starb die Mutter ihres Mannes. Vielmehr begann sie damit. Elena hatte einige Jahre zuvor mit dem Kopf genickt, als einer der Zwillinge sie fragte, ob sie ihn heiraten würde. Die beiden hatten nicht den allerbesten Ruf. Es herrschten einige Unsicherheiten, was die Umstände ihrer Geburt anging und die Namensgebung der beiden. Sie mussten frühzeitig die Schule verlassen. Der eine wurde zur Ausbildung fortgeschickt und der andere blieb im Dorf. Im Jahr darauf wurde auch Elena aus der Schule entlassen. Zu dieser Zeit begann Varian ihr den Hof zu machen. Oder ihr nachzustellen, je nachdem wie man das nennen wollte. Er war dabei nicht besonders geschickt, dafür aber umso hartnäckiger. Es war nicht schwer zu erraten, was er wollte. Und obwohl Elena das nicht wollte, oder anders, wollte sie ihn auch nicht abweisen. Sie mochte das, was ihr Vater Nachstellungen nannte. Sie mochte seine Hartnäckigkeit. Und die belohnte sie manchmal. Vielleicht nicht ganz in der Art, wie Varian sich das vorgestellt hatte, aber auch nicht vollkommen anders. Das ging nahezu zwei Jahre so.
    Dann war Varian von einen auf den anderen Tag verschwunden. Am Tag zuvor hatten sie sich noch in einer Scheune getroffen. Spätestens da hätte er den Mund aufmachen müssen. Sie hatten keine Zukunftspläne geschmiedet, aber Elena war davon ausgegangen, dass sie eine gemeinsame Zukunft hatten. Sie liebte ihn nicht, er war ihr zu dreist, manchmal geradezu unverschämt. Er griff ihr im Heu einfach an die Brüste, wie der Bauer dem Vieh an den Euter. Aber sie hatte es immer vermocht, ihn im Zaum zu halten. Und das hatte sie durchaus geliebt. Sie hatten diesen Nachmittag im frischen Heu gelegen und Elena hatte Varian die Stellen ihres Körpers gezeigt, die er jedes Mal sehen wollte. Er musste sie besser kennen als Elena sich selbst kannte. Wie sich beim Hengst die Nüstern weiteten, weiteten sich Varians Augen. Aber er hatte nicht die allerkleinste Andeutung gemacht. Nicht über seinen Bruder, der ein Ausbildung als Tischler absolviert hatte und am kommenden Tag nach Apoptygma zurückkehrte, um die Werkstatt des Vaters zu übernehmen. Und auch nicht darüber, dass er selbst das Dorf an diesem Tag verlassen wollte.
    Elena war wütend. Sie hätte ihm gerne eine heruntergehauen. Aber dazu hätte er noch da sein müssen. Und dann hätte sie keinen Grund dazu gehabt. Dieser etwas verwirrende Umstand machte sie noch wütender. Sie blieb einige Wochen lang gleich bleibend wütend, bis sie von einem auf den anderen Moment feststellte, dass sie eigentlich gar nicht mehr wütend mehr. Zu dieser Zeit nahm der eine Bruder die Stelle des anderen ein. Sie war sich nicht sicher, ob der sich einen Scherz mit ihr erlaubte, indem der eine Varian sie einfach vom anderen Varian übernehmen zu können meinte. Sie konnte jedoch leicht feststellen, dass der eine dem anderen nichts erzählt hatte. Der eine Varian war noch kein halbes Jahr weg und der andere noch kein halbes Jahr da, da fragte er Elena, ob sie seine Frau werden wolle. Elena dachte zwei Tage darüber nach. Dann nickte sie auf die erneut gestellte Frage.
    Elena hatte, als sie dem Heiratsantrag zustimmte, nicht daran gedacht, dass sie nun von zu Hause ausziehen müsse. An Varians Mutter hatte sie ebenfalls nicht gedacht und ans Kinderkriegen schon gar nicht. Worüber hatte sie eigentlich nachgedacht, als er sie fragte, ob sie ihn heiraten würde? Und warum hatte sie zwei volle Tage dafür benötigt? An dem Tag, an dem sie bei ihm einzog, zog sich seine Mutter von der Hausarbeit zurück. Das war lediglich der erste Schritt. Nach und nach reduzierte sie weitere Funktionen. Sie hörte von Heute auf Morgen mit dem Laufen auf, legte sich ins Bett und ließ sich das Essen bringen. Dann reduzierte sie auch das Sprechen. Sprach sie zuerst nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ, sagte sie mit der Zeit immer weniger und dann gar nichts mehr. Sie zeigte mit den Fingern auf Dinge, die sie wollte. Wenn keiner verstand, was sie meinte, verschränkte sie die Hände vor der Brust und schnaubte verächtlich. Bald darauf stellte sie auch das Hören ein. Sie schüttelte lediglich den Kopf, wenn Elena sie ansprach, zum Zeichen, dass sie nicht verstand. Schließlich stellte sie zeitweilig sogar die Atmung ein. Für den Arzt war es ein Wunder, dass sie diese Aussetzer überlebte. Halbstundenweise war kein Leben mehr in ihr. Plötzlich schlug sie unversehens die Augen auf und sah den Arzt an, der, über sie gebeugt, einen kleinen Spiegel vor ihrem Mund hielt. Was immer bei ihr dazugehören mochte, Atmen jedenfalls gehörte nicht zu den lebenserhaltenden Funktionen.
    Im zweiten oder dritten Jahr ihrer Bettlägerigkeit stellte Varian seiner Mutter eine Klingel ans Bett, die er in der Stadt gekauft hatte. Sie würde klingeln können, wenn sie etwas brauchte und Elena musste nicht mehr alle naselang zu ihr ins Zimmer. Seine Mutter würdigte das Ding, das ihr Sohn auf den Nachttisch stellte, keines Blickes. Die Klingel stand eine Woche oder zwei unberührt an der Stelle wo Varian sie hingestellt hatte. Dann aber stellte sie fest, dass sie sie lediglich leicht hin- und her bewegen musste und schon erschien Elena an ihrem Bett. Bald klingelte sie, wenn sie Hunger hatte, wenn abgeräumt werden sollte, wenn sie ein Medikament nehmen musste oder sie ein Glas Wasser wollte. Sie klingelte auch dann, wenn noch genügend Wasser da war und die Medikamente griffbereit auf dem Nachttisch lagen, direkt neben der Klingel. Sie fand immer noch einen Körperteil oder eine Funktion, die sie reduzieren konnte und umso häufiger klingelte sie. Als wolle sie zeigen, dass sie noch immer ganz gut beieinander war und mit ihrem Ableben so bald nicht zu rechnen sei.
    Das Klingeln ertönte häufiger und die Gründe dafür wurden nichtiger. Hatte die Mutter Varians die Klingel zu Anfang ein oder zwei Mal am Tag benutzt, so rüttelte sie in späteren Jahren nahezu ununterbrochen an ihr. Sie intensivierte ihr Sterben, aber sie starb nicht. Sie stemmte sich vielmehr dagegen. Sie klingelte gegen ihren Tod. Alle ihre Lebensenergien schien sie umgeleitet zu haben in den einen Arm, der hartnäckig die Klingel hin und her bewegte, sie rüttelte und schüttelte, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Elena hatte den Eindruck, dass dieser Köper zwar langsam abstarb, der eine Arm jedoch immer kräftiger und muskulöser wurde vom ununterbrochenen Schütteln der Klingel. Sie saß jetzt oft an ihrem Bett. Nicht, dass sie inzwischen Zuneigung zu der Frau empfand. Vielmehr wurde ihr Gesicht immer fahler und ihr Geruch immer widerlicher. Elena beobachtete lediglich, wie das Leben aus ihr wich. Plötzlich ging ein Zucken durch ihren Leib, die linke Hand schoss nach oben und riss die Klingel an sich. Sie klingelte einfach, obwohl Elena neben ihrem Bett saß. Sie klingelte immer weiter, sie klingelte und klingelte. Bis ihre Hand irgendwann erschöpft auf die Bettdecke niederfiel. Dann sah sie wieder tot aus, aber Elena wusste, dass ihr Köper sich lediglich ausruhte, eine Minute oder zwei. Dann schoss der Arm erneut in die Höhe und mit nicht nachlassender Wut klingelte sie gegen ihr Ende.
    Es war ein sehr feines Klingeln, das man, wenn der Wind richtig stand, klar und deutlich unten im Dorf hören konnte. Mit der Zeit hörten die Leute es häufiger, als wenn die Akustik im Talkessel immer besser würde. Sie versuchten zu Beginn, das Klingeln zu überhören. Aber es ging Monat um Monat so und schließlich klingelte es schon Jahre. Später versuchten sie, wegzuhören. Aber je mehr sie dies versuchten, desto besser wurde das eigene Gehör, das sich dem Willen widersetzte, so dass sie selbst bei Gegenwind und Regen und sogar bei Sturm das Klingeln noch heraushörten. Schließlich hörten die Leute unten im Dorf es sogar dann, wenn die Frau die Klingel noch gar nicht berührt hatte. Sie hörten, wie sie sich mitten in der Nacht im Bett herumdrehte und den Arm ausstreckte.
    Elena erinnerte sich an ihre eigene Großmutter. Die hatte gelacht und mit dem Zeigefinger gedroht, wenn sie nach deren Sterben fragte. Sie hatte ihre eigene Großmutter kaum gekannt. Sie war nie lange in ihrer Nähe geblieben, schon gar nicht, seit sie ans Bett gefesselt war. Sie war morgens zu ihr hereingestürmt, hatte nach ihrem Sterben gefragt und war wieder gegangen. Aber am Bett dieser Frau, für die sie keinerlei Zuneigung empfand, saß sie bereits seit Jahren. Seit Manuel geboren worden war. Diese Frau hatte ihre Schwiegertochter nur als Pflegerin wahrgenommen. Und da sie zu dem Zeitpunkt der Geburt Manuels bereits alle wichtigen Funktionen reduziert oder ganz eingestellt hatte, nahm sie ihren Enkel überhaupt nicht mehr wahr.
    Dann, im zwölften Jahr der Bettlägerigkeit, gingen ihre Kräfte tatsächlich zu Ende. Der Arzt verkündete eines Tages ihr Ende. Da war Manuel bereits zwölf Jahre alt. Jahre, die Elena am Bett ihrer Schwiegermutter gesessen hatte. Diese Frau hatte ihr die wichtigste Zeit des Lebens genommen. Die Zeit, in den ihr eigenes Kind älter geworden war. Eine Zeit, in der sich Manuel verändert und entwickelt hatte. Es schien Elena an dem Tag als der Arzt die Prognose vom nahen Ende verkündete, als wenn sie gar nichts vom Leben ihres Sohnes mitbekommen hätte. Ja, als wenn sie nicht einmal etwas von ihrem eigenen leben erlebt hatte. In diesem Moment wurde die Versuchung beinahe übermächtig, die sie schon oft gespürt hatte: Diese Frau in dem Bett vor ihr einfach umzubringen. Ihr das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken. Sie hatte Elena um einen Teil ihres Lebens betrogen. Dabei war das unsinnig jetzt, da sie sowieso in absehbarer Zeit starb. Aber Elena hatte das Gefühl, dass sie das schon lange hätte tun müssen. Und dass ihr jetzt nicht mehr viel Zeit dafür blieb. Als könnte sie so die vergangenen Jahre wieder zurückholen, die sie mit ihrem Sohn verpasst hatte. Als könne sie damit jene Jahre auslöschen, die sie selbst in einem Dämmer und im Dunst der Bettpfanne verbracht hatte. Die Auf dem Stuhl neben dem Bett lag ein zweites Kopfkissen. Manuel war in der Schule, Varian unterwegs. Das würde niemand entdecken. Kein Mensch würde Fragen stellen, wenn die Frau tot war. Jetzt erst recht nicht mehr, da der Arzt ihr Ende angekündigt hatte.
    „Zwölf Jahre“, sagte sie ganz leise, „mein Sohn ist jetzt zwölf Jahre alt. Jahre in denen ich mich um dich gekümmert habe. Obwohl ich mich eigentlich um meinen Sohn hätte kümmern müssen, mein Fleisch und Blut.“
    Die Alte reagierte nicht. Elena war plötzlich in einer angespannten Stimmung. Gerade so als wache sie nach langer Zeit auf und müsse erkennen, dass die Welt an ihr vorüber gegangen sei. Dass ihr Sohn, gerade erst geboren, bereits auf dem besten Weg war, sich von den Eltern abzunabeln. Er grüßte seine Mutter morgens und abends, aber seine eigentlichen Wurzeln hatte er bereits nicht mehr in der Familie, sondern außerhalb. Er hatte Freunde, Krisztina und Nicolas. Nicolas war der Sohn Jovans. Der war eines Tages aus der Stadt zurückgekommen und hatte Nicolas im Arm gehabt. Niemand hatte jemals eine Frau an seiner Seite gesehen. Nicolas, sagte Jovan gerne, habe das Gesicht seiner Mutter. Von dem Rest der Frau sagte er jedoch kein Wort.
    Ihr eigener Sohn hatte nicht das Gesicht seines Vaters. Er hatte nicht sein Gesicht und auch nicht, wenn man dem Glauben schenken wollte, dessen Hände. Als wenn Manuel gar nicht sein Sohn wäre. Da fiel Elena das Gerücht wieder ein, dass damals über die Zwillinge verbreitet wurde, und das der eigentliche Grund dafür war, dass die beiden keinen guten Ruf hatten. Das Gerücht, dass sie nicht aus dem Schoß ihrer Mutter stammten, sondern ihr Vater, der Tischler, sie aus Holz geschnitzt hatte. Vielleicht vererbte sich Holz nicht? Sie nahm ganz vorsichtig das zweite Kopfkissen vom Stuhl und führte es langsam an das Gesicht der Frau. Die Alte, die seit Jahren schon nichts mehr sah und hörte, schien ihre Gedanken erraten zu haben. Sie schlug die Augen auf und sah Elena hasserfüllt an.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Februar 2010

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Das ist ein sehr zentraler Satz in meinem Leben. Er stammt von meinem Rumänischlehrer, Herr Constantin Nicolescu. Er muss ihn mir irgendwann ins Schulheft geschrieben haben. Vielleicht hat er ihn auch meiner Mutter gesagt und die hat ihn dann vor mir wiederholt. Aber das glaube ich nicht. Ich habe diese Worte deutlich vor Augen. Ich sehe sie auf dem Papier. Ich sehe die Ränder der Buchstaben verschwimmen. Ich rieche das Papier, das anders riecht als Papier hier riecht. Papier in Deutschland hat keinen Geruch.

    Ich habe diesen Satz abgeschrieben. Ich habe das Schreiben geübt. Meine Handschrift war nicht gut. Obwohl ich immer mit einem Füller geschrieben habe. Den Füller habe ich zur Einschulung bekommen, ein deutsches Markenprodukt von Pelikan, mit dem, wenn ich mich richtig erinnere, schon mein Vater geschrieben hatte. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Füller die Buchstaben aufzumalen. Ich konnte die Hand nicht ruhig halten, um diese abstrakten Figuren so aufzumalen wie sie aussehen sollten. Ich konnte sie auch nicht gut auseinander halten. Sie hatten überhaupt keinen Sinn, keinen unterschiedlichen Sinn. Ein A war nichts anderes als ein B. Es sah nur anders aus.

    Eines Tages habe ich entdeckt, dass Herr Nicolescu eine viel schönere Handschrift hatte, lange geschwungene Zeichen, wo meine eigene Handschrift eckig und kantig war und dieses kindliche Element aufwies. Ich wollte auch eine schöne Handschrift haben. Also habe ich versucht die Schrift meines Lehrers nachzuahmen. Stundenlang saß ich zu Hause und schrieb, was er mir ins Schulheft geschrieben hatte, einfach ab: Aléa hat Schwierigkeiten dem Unterricht zu folgen, Aléa lässt sich zu leicht ablenken, Aléa ist mit ihren Gedanken woanders.

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Wo war ich, wenn ich woanders war? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Wovon habe ich damals geträumt? Ich kann mich an Intensitäten erinnern, ich kann mich an diese Abwesenheiten erinnern, aber wo ich war und wie ich dort war, weiß ich nicht mehr. Bin ich heute auch noch so, wenn ich davon träume, eine gute Schriftstellerin zu werden? Bin ich mit meinen Gedanken woanders? Ist das nicht die notwendige Voraussetzung, um zu schreiben, dass die Gedanken woanders sind, woanders hin wollen?

    Das Schreiben – das ein Imitieren war – funktionierte immer dann ganz gut, wenn ich mich voll und ganz auf den Prozess konzentrierte, auf den Schwung des Füllers von oben nach unten. Und auf die Linie, die die Tinte auf dem Papier hinterließ. Ich bin ganz nah mit dem Kopf an den Füller herangegangen und die Linie die er auf dem Papier hinterließ . Ich lag beinahe mit dem Kopf auf dem Tisch, ich wollte das ganz genau wissen, was ich da schrieb. Ich musste mich auf das Schreiben konzentrieren, auf die geschwungenen Linien. Das gefiel mir am Schreiben, die Rundungen der Buchstaben und ihrem Schwung. Dabei gab ich mir die meiste Mühe. Manchmal aber ging mir dieser Schwung verloren, und ich machte wieder die zackigen und eckigen Bewegungen, die meine eigene Handschrift kennzeichnete.

    Ich saß da, übte die Handschrift meines Lehrers, und die Jahre vergingen. Meine Handschrift hatte sich längst gefestigt. Sie veränderte sich nicht mehr und ich imitierte auch nicht länger die eines anderen. Meine Schrift hatte nie das Kalligrafische meines Lehrers, aber ich war zufrieden mit ihr. Ich fand sie schön und ausdrucksvoll. Sie hatte immer noch etwas Gemaltes. Und in jedem Wort, in jedem Schwung steckte dieser eine Satz, den ich damals unzähliche Male hingeschrieben habe: Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich saß da und die Jahre vergingen.

    Heute schreibe ich nur noch wenig mit der Hand. In Seminaren schreibe ich in meinen Blog, ich mache mir auch unterwegs Notizen, ich schreibe irgendwelche Ideen auf. Immer noch mit einem Füller von Pelikan. Aber den weitaus größten Teil sitze ich am Rechner. Ich schreibe nicht mehr, ich tippe. Ich tippe in die Tastatur meines Laptops. Ich tippe in mein Handy, ich tippe den Überweisungsschein auf der Bank.

    Jetzt bemerke ich, dass ich etwas verloren haben, was ich mir damals unter viel Mühe habe aneignen müssen. Etwas, das ein Ausdruck meiner Individualität gewesen ist. Die Worte, die hier stehen, sind lediglich durch das Drücken von Tasten entstanden. Ich schaue da nicht einmal hin, ich schaue auf den Bildschirm. Und doch bin ich, wie damals, wenn ich die Zeichen aufgemalt habe, nicht bei der Sache. Ich bin auf eine seltsame Art abwesend.

    Aléa ist mit ihren Gedanken woanders. Ich habe oft darüber nachgedacht, meinem Lehrer einen Brief zu schreiben. Dieser eine Satz hat mir mehr geholfen im Leben als alles andere, mehr als das Stipendium, das mich drei Jahre ernährt hat. Lieber Herr Nicolescu: Ich bin mit meinen Gedanken noch immer woanders.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Februar 2010

    Pathétique III

    Last and least. Das erinnert mich ein bisschen an zuhause. Wo immer das eigentlich ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierhergestellt,
    und zwar soeben.





    07 Februar 2010

    Pathétique II

    Und gleich noch einmal dieselbe Band hinterher, Folkmusic. Ich kann ja nicht nur arbeiten. Und Musik ist gut für die Seele. Oder was immer man an dieser Stelle heute hat.

    Mumford & Sons – Winter Winds

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Februar 2010

    Pathétique

    Seit wann ist denn das Pathetische wieder in der Musik zurück? Oder war es nie weg? Jedenfalls finde ich die Musiker ausgesprochen attraktiv. Vielleicht ist die ganze Literatur einfach ein Irrweg. Ich gehe ab sofort einen musikalischen Weg. Oder die Krise von gestern dauert noch an. Wenn sie mit so attraktiven Männern aufwarten kann, dann ist die Krise ein gern gesehener Gast.

    Mumford & Sons, Little Lion Man.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Februar 2010

    Die Aufgabe der Literatur

    Ich habe gestern Abend an meinem Schreibtisch gesessen und hatte Angst. Angst um meine wirtschaftliche und um meine ideelle Existenz.

    Ich war in den vergangenen Wochen viel mit anderen als meinen eigentlichen Interessen beschäftigt. Webseite, Bewerbung für ein Stipendium; solche Sachen. Jetzt ist der Moment da, auf den ich gewartet hatte, die Seite ist wieder funktionsfähig. Aber ich nicht. Mir fällt nichts ein! Das wäre nun nicht weiter schlimm. Solange ich nicht darüber schreibe. Solange ich nicht darüber rede, das ich nicht weiß was ich reden soll. Es gibt Leute, die können das. Denen macht das nichts aus, dass die kein Thema haben. Das stört die nicht. Die fühlen sich vielleicht sogar beflügelt. Die geraten richtig in Redefluss, wenn sie nichts zu sagen haben. Dann gibt es kein Thema, das sie stören könnte. Dann gibt es nichts, was sie mühsam sortieren und anordnen müssten, während sie reden.

    Begonnen hat diese Überlegung damit, dass mein Blog seit einiger Zeit archiviert wird. Und zwar von Stellen, deren Aufgabe die Archivierung von Literatur ist. Ich aber schreibe nicht allein literarische Betrachtungen, sondern auch persönliche Dinge. Dann hatte ich den Gedanken, dass das, was ich hier tue, meine Privatsache ist und eigentlich keiner Veröffentlichung bedarf. Das war der Punkt, an dem die Krise angefangen hatte. Oder vielmehr den Ansatz der Krise. Das Versprechen einer Krise.

    Man weiß das von Günther Grass und auch von Kenzaburo Oe, das sie Krisen haben und sich mit Gedanken tragen, alles hinzuwerfen und aufzugeben. Das gehört zur künstlerischen Existenz dazu. Eine Existenz, die nicht auf Sicherheiten aufgebaut ist. Ja, die nicht auf Sicherheiten aufgebaut werden darf. Kunst fußt auf Unsicherheiten. Das ist der große Unterschied zur Wissenschaft. Auch wenn die beiden manchmal, wie ich finde, ähnliche Wege gehen. Wenn die Kunst die Unsicherheit und den Zweifel aufgibt, wenn sie das Suchen aufgibt, dann gibt sie auch die Freunde über das Finden auf. Und merkt womöglich gar nicht, wenn sie etwas gefunden hat.

    Das ist manchmal so, dass einem nichts einfällt und ich würde das hier auch nicht breitreten wollen, wenn da nicht noch etwas anderes wäre. Nämlich der Gedanke, dass mir vielleicht nie wieder etwas einfällt. Das es mir womöglich niemals mehr gelingt und ich mich nicht mehr werde zu meiner Zufriedenheit ausdrücken können. Weil ich das Suchen aufgegeben habe. Und das Finden auch. Vielleicht, weil ich finden wollte, ohne mühsam suchen zu müssen. Weil ich das Glück wollte, aber das Unglück dafür nicht mehr in Kauf nehmen wollte. Das hat für Künstler/innen eine andere Dimension, als für die meisten anderen. Sehr viel bedrohlicher, weil dann sofort nicht nur die wirtschaftliche Existenz, sondern das eigene Selbstverständnis in Frage steht. Was, wenn aus irgendeinem Grund, es mir nicht mehr gelingen will, für Dinge und Umstände die angemessene Beschreibung zu finden? Weil meine Kritikfähigkeit zunimmt oder meine Textfähigkeit abnimmt. Weil ich nicht mehr daran glaube, dass die Welt gute Texte braucht, oder weil ich nicht daran glaube, dass ich eines Tages solche Texte werde liefern können. Oder weil ich die Angst nicht mehr ertrage, solche Texte womöglich niemals schreiben zu können.

    Ich habe gestern Abend an meinem Schreibtisch gesessen und hatte richtig große Angst. Und dann habe ich getan, was meine Generation in solchen Fällen – leider – manchmal tut. Statt mit jemandem zu reden, bin ich ins Internet gegangen – und das klingt für meine Generation tatsächlich manchmal, als hätten wir etwas getan, als hätten wir uns von der Stelle bewegt. Ich habe prokrastinierend auf der Stelle gehockt, bin währenddessen ins Internet gegangen und habe herum gesurft und bin dabei im Titel-Magazin auf die Rezension dieses Buches gestoßen: Ulrich Horstmann: Die Aufgabe der Literatur. Und sofort habe ich mich, lebensrettend, an diesen Artikel gemacht. Das Buch von Herrn Horstmann kann ich in zwanzig Jahren auch noch lesen. Oder in dreißig. Aber jetzt muss ich meine Angst bewältigen.

    Ulrich Horstmann: Die Aufgabe der Literatur oder Wie Schriftsteller lernten, das Verstummen zu überleben.
    Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2009. 271 Seiten. 12,95 Euro

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    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    03 Februar 2010

    Nicht mehr als eine Eventualität

    Ich musste zum Friseur. An Büchern würde ich nie sparen, am Essen auch nicht. An Klamotten und am Friseur kann ich hingegen leichten Herzens sparen. Ich lasse sowieso meist nur die Spitzen schneiden. Ich möchte gerne eine Kurzhaarfrisur haben, aber ich traue mich nicht richtig. Mein Friseur ist ein ziemlich cooler Typ und alles andere als dumm. Davon gibt er mir bei jedem Besuch eine Kostprobe. Heute ging‘s um das Leben im Moment. Das Leben in der Gegenwart, sagte er, sei das einzig wahre Leben. Viele Menschen leben in der Vergangenheit. Sie denken an das, was gestern war, was passiert ist oder nicht passiert ist. Sie leben ein Leben, das nicht ist, sagte er. Sie leben nicht in der Gegenwart. Oder sie leben in der Zukunft. Dann leben sie ebenfalls ein Leben, das nicht ist. Das hat er alles genauso gesagt. Und dann sagte er, zum Abschluß, zur Krönung seiner Rede noch diesen beeindruckenden Satz: „Zukunft ist ja nicht mehr als eine Eventualität.“

    Das klang so, als hätte jeder Mensch drei Leben. Und jeder muss sich entscheiden, welches dieser Leben er führen möchte. Aber nicht ein Mal grundsätzlich, sondern jeden Moment aufs Neue. Und genauso ist es ja auch!

    Das ist so ein zehn Euro Friseur. Die vielleicht teuersten Friseure Berlins, Udo Walz, Shan Rahmikhan oder Dzwikowski hätten eine solche Formulierung wohl nicht machen können. Vielleicht erwarten deren Kundinnen auch etwas anderes, etwas über Haare und Haut. Wenn Herr Walz etwas über Zeit und Zukunft gesagt hätte, dann hätten seine Kundinnen  ihn wohl irritiert angeschaut und sich gedacht, dass er mit den Jahren immer wunderlich wird. Ich habe meinem Friseur, obwohl ich gerade klamm bin, ein dickes Trinkgeld gegeben. Mache ich eigentlich nie.  Normalerweise muss meine Gegenwart reichen. Vielleicht sagen Walz & Co solche tiefsinnigen Sachen nicht, weil sie Angst ums Trinkgeld haben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.