26 Januar 2010
Ein grauenhaftes Geräusch
Wo ich gerade schon wieder dabei bin, möchte ich ein kleines Beispiel der Fähigkeiten von David Foster Wallace aus „Unendlicher Spaß” bringen. Dieser Autor hat ein erhebliches Gespür für Situationen, aus denen sich etwas machen lässt. Und er macht dann auch etwas aus ihnen.
Ortho Stice sitzt eines Morgens im Flur auf einem Stuhl und lehnt mit der Stirne am Fenster. Dort trifft ihn sein Freund und Kollege Hal Incandenza. Das dauert ein bisschen bis man begreift, was da vor sich geht. Ortho lehnt mit dem Kopf am Fenster und erzählt den Witz über die drei Statistiker, den ich gestern hier nacherzählt habe. Erst nachdem Hal ihn darauf anspricht, berichtet Stice, dass er, im November bei Eiseskälte gegen Mitternacht, offenbar von Alpträumen gequält, verschwitzt aus seinem Zimmer gegangen ist, sich auf diesen Stuhl gesetzt und den Kopf an die Scheibe gelehnt hat. Und dass er da immer noch sitzt, weil er mit seiner Stirne an der Scheibe festgefroren ist. Er gehört zu jenen Menschen, bei denen das Gesicht und der Rest ihrer Erscheinung nicht zusammen passen. Auf seinem durchtrainierten und muskulösen Körper sitzt ein fettes, schwabbeliges Gesicht. Hal schlägt vor, Ortho von der Fensterscheibe loszureißen. Und das hört sich in Wallace‘ Worten so an:
„Sein Holzstuhl knarrte, als ich ihn mit dem Knie fixierte. Er atmete schnell und tief. Seine parotitischen Wangen flappten ein bisschen beim Atmen. Unsere Wangen hatten wir fast aneinandergelegt. Ich sagte, bei drei würde ich ziehen. Ich zog dann aber bei zwei, damit er sich nicht dagegen wehrte. Ich riss ihn mit aller Kraft zurück, und nach kurzem Widerstand riss Stice mit.
Man hörte ein grauenhaftes Geräusch. Seine Stirnhaut dehnte sich als wir seinen Kopf zurückrissen. Sie weitete und dehnte sich, bis sich zwischen seinem Kopf und dem Fenster eine Art Bord aus gedehntem Stirnfleisch von einem halben Meter Länge erstreckte. Das klang wie ein Gummiband aus der Hölle. Die Dermis von Stice‘ Stirn klebte immer noch, aber das überreichlich vorhandene Fleisch seines Bulldoggen-Gesichts wurde hochgezogen, dehnte sich und verband seinen Kopf mit der Fensterscheibe. Sekundenbruchteile lang sah ich gewissermaßen Stice‘ richtiges Gesicht; wie seine Gesichtszüge ausgesehen hätten, wenn sie nicht von schlabberigem Wangenfleisch aus der Prärie umhüllt gewesen wären; als jeder mm verfügbaren Fleischs zur Stirn hochgezogen und gedehnt wurde, erhaschte ich einen Blick darauf, wie Stice nach einer radikalen Gesichtsstraffung ausgesehen hätte: ein schmales und feingeschnittenes, wenn auch irgendwie nagerhaftes Gesicht, in Flammen dank einer Art Offenbarung, sah unter dem rosaroten Schirm gedehnten Restfleischs aus dem Fenster.” (David Foster Wallace, “Unendlicher Spaß, S. 1252)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Januar 26th, 2010 unter Hier wird gemangelt, lang











